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"Sei weniger schwul": BBC entschuldigt sich für systematische Homophobie gegen Radiomoderator

Die britische Rundfunkanstalt BBC hat sich offiziell bei einem ehemaligen Radiomoderator entschuldigt, der jahrelang homophoben Missbrauch am Arbeitsplatz erdulden musste. Der Fall von Jack Murley, der fünf Jahre als Moderator bei BBC Radio Cornwall arbeitete, wirft ein Schlaglicht auf strukturelle Probleme im Umgang mit queeren Mitarbeitenden – ein Thema, das auch in Deutschland höchst relevant ist.

Jahre des Schweigens und der Diskriminierung

Jack Murley berichtete, dass er von anderen Mitarbeitenden mit homophoben Bezeichnungen wie "fairy boy" angesprochen und von einem Vorgesetzten aufgefordert wurde, "weniger schwul" am Mikrofon zu klingen. Ein Kollege soll vor Zeugen einen homophoben Witz gemacht und ein anderer Mitarbeiter äußerte, dass "Schwule statistisch gesehen viel eher an AIDS sterben".

Murley war zudem homophoben Belästigungen durch Hörer ausgesetzt – in E-Mails, SMS und Anrufen. In einem Fall erhielt er sogar einen Umschlag mit Bibelzitaten und homophoben Bemerkungen. Als er sich an einen leitenden Manager wandte, wurde ihm gesagt, es sei nicht dessen Aufgabe, sich mit dem Missbrauch zu befassen – die einzige Lösung sei, "weniger schwul" auf Sendung zu sein.

Interne Untersuchung bestätigt Versagen

Eine separate interne Untersuchung der BBC stellte mehrere Fälle von homophobem Missbrauch durch BBC-Mitarbeitende fest sowie "Versagen auf Führungsebene" im Umgang damit. Die Untersuchung bestätigte teilweise den Vorwurf, dass "Versagen auf Führungs- und institutioneller Ebene bei BBC Radio Cornwall eine Umgebung schufen und aufrechterhielten, in der homophober Missbrauch implizit oder explizit toleriert wurde".

In einem anschließenden Brief entschuldigte sich Jason Horton, der leitende Betriebsleiter der BBC für die Nationen, im Namen der Organisation für "die Verhaltensweisen und Kommentare", denen Murley ausgesetzt war. Horton betonte, man habe "hart daran gearbeitet, die Kultur zum Besseren zu verändern".

Kündigung und Gerichtsverfahren

Der 37-Jährige wurde 2024 von BBC Radio Cornwall entlassen, weil er die redaktionellen und Social-Media-Richtlinien der Organisation verletzt hatte, nachdem er online über geplante Änderungen bei BBC Local gepostet hatte. Murley verklagte die BBC vor einem Arbeitsgericht und behauptete, er sei als schwuler Mann sowie als Gewerkschaftsvertreter der National Union of Journalists (NUJ) diskriminiert worden. Im Februar entschied Richter Alastair Smail jedoch, dass Murley nicht diskriminiert worden sei, und urteilte in einer anschließenden Verhandlung im Oktober, die Kündigung der BBC sei "angemessen" gewesen.

"Zu einer Zeit, als ich eine preisgekrönte LGBTQ+-Sendung für die BBC produzierte, wurde ich homophoben und bigotten Verhaltensweisen von BBC-Mitarbeitenden ausgesetzt, die vor Jahrzehnten inakzeptabel gewesen wären – geschweige denn an einem modernen Arbeitsplatz", erklärte Murley.

Ein deutsches Problem?

Der Fall Murley ist kein isoliertes britisches Problem. Auch in Deutschland erleben queere Menschen am Arbeitsplatz erschreckend häufig Diskriminierung. Laut einer YouGov-Umfrage von 2023 hat über die Hälfte der befragten LGBTIQ-Personen am Arbeitsplatz bereits Diskriminierungen erlebt, gleichzeitig ziehen Arbeitgeber*innen in solchen Situationen nur selten Konsequenzen.

Eine Befragung aus dem Jahr 2020 ergab, dass rund 30 Prozent der befragten LGBTQI*-Menschen in den letzten zwei Jahren Diskriminierungen am Arbeitsplatz aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erlebt hatten. Knapp 30 Prozent derjenigen, die sich der Gruppe der LGBTQI*-Menschen zuordnen, berichten von Benachteiligungen im Arbeitsleben.

Besonders besorgniserregend: 44 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, Homosexuelle sollten aufhören, "so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen". Diese Haltung schafft ein Klima, in dem Diskriminierung gedeihen kann – auch in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten.

Strukturelle Probleme im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Wie bei der BBC gibt es auch in deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Herausforderungen bei der Repräsentation und dem Schutz queerer Menschen. Es besteht weiterhin ein großes Gefälle zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (knapp 540 Filme mit queeren Themen) und den Privatsendern (etwas über 200 Filme mit queeren Themen). Doch Sichtbarkeit allein reicht nicht – die Arbeitskultur hinter den Kulissen ist ebenso entscheidend.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist staatsvertraglich verpflichtet, allumfassend und unter Darstellung der gesellschaftlichen Realitäten zu berichten. Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und intergeschlechtliche Menschen gehören in ihrer Vielfalt zu diesen gesellschaftlichen Realitäten. Sie müssen in den fiktionalen und nicht-fiktionalen Beiträgen endlich mehr Sichtbarkeit erhalten.

Was muss sich ändern?

Der Fall Jack Murley zeigt: Selbst in Organisationen, die sich öffentlich für Vielfalt aussprechen, kann eine Kultur der Toleranz gegenüber Homophobie existieren. Studien zeigen, dass Unternehmenskultur im Hinblick auf LSBTIQ*-Identitäten einen maßgeblichen Einfluss darauf hat, wie offen oder verschlossen Beschäftigte mit ihrer sexuellen beziehungsweise geschlechtlichen Identität am Arbeitsplatz umgehen.

In Deutschland gibt es seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), doch die Umsetzung bleibt oft hinter den Erwartungen zurück. Notwendig sind:

  • Klare Antidiskriminierungsrichtlinien mit konsequenter Durchsetzung
  • Sensibilisierungstrainings für Führungskräfte und Mitarbeitende
  • Unabhängige Beschwerdestellen und Schutz für Whistleblower
  • Mehr queere Vertretung in Aufsichtsgremien und Führungspositionen
  • Eine Kultur, in der Diskriminierung nicht toleriert wird – mit echten Konsequenzen für Täter*innen

Ein langer Weg zur Wahrheit

"Heute hat die BBC zugegeben, dass diese Vorfälle stattgefunden haben – und sich bedingungslos dafür entschuldigt. Ich habe nicht gelogen. Es ist passiert. Ich habe die Wahrheit gesagt. Und heute hat die BBC akzeptiert, dass ich die Wahrheit gesagt habe", erklärte Murley auf Social Media.

Seine Geschichte ist eine Erinnerung daran, dass der Kampf für echte Gleichstellung am Arbeitsplatz noch lange nicht vorbei ist – weder in Großbritannien noch in Deutschland. Queere Menschen sollten nicht "weniger schwul" sein müssen, um ihren Job ausüben zu können. Sie haben das Recht, authentisch und sicher am Arbeitsplatz zu sein.

Die Entschuldigung der BBC ist ein wichtiger Schritt. Doch echte Veränderung erfordert mehr als Worte – sie erfordert strukturelle Reformen, Verantwortlichkeit und die Bereitschaft, systemische Probleme anzuerkennen und anzugehen.


"Ohne Uns kein Wir!" – Stuttgart Pride verkündet Motto für 2026

Die Stuttgart Pride hat beim Neujahrsempfang im Wizemann ihr Motto für 2026 verkündet: "Ohne Uns kein Wir! Füreinander laut, miteinander stark." Der Empfang am 23. Januar 2026 stand zudem im Zeichen des 25-jährigen Vereinsjubiläums der IG CSD Stuttgart e.V. – ein Vierteljahrhundert Engagement für queere Sichtbarkeit und Gleichberechtigung in der baden-württembergischen Landeshauptstadt (Quelle: queer.de).

Ein Motto, das Solidarität einfordert

Das neue Motto ist mehr als eine Parole – es ist ein Aufruf zur Gemeinschaft in herausfordernden Zeiten. Der Verein erklärt in seiner Pressemitteilung: "Queere Menschen sind ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft. Ihre Vielfalt, ihre Lebensrealitäten und ihre Anliegen gehören in die Mitte – sichtbar, hörbar, geschützt und unterstützt." Die Botschaft richtet sich dabei sowohl nach innen als auch nach außen: Solidarität innerhalb der Community ist ebenso wichtig wie der gemeinsame Widerstand gegen gesellschaftliche Rückschritte.

Beim Neujahrsempfang im Wizemann betonten die Veranstalter, dass politischer Druck weiterhin nötig bleibt – eine Aussage, die angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen an Gewicht gewinnt. 2025 wurden in Deutschland 111 Störungen von CSD-Veranstaltungen registriert – ein landesweites Phänomen, das die Dringlichkeit des Stuttgarter Mottos unterstreicht.

Kulturwochen mit starkem Programm

Die Stuttgart Pride Kulturwochen finden vom 10. bis 26. Juli 2026 statt. Den Auftakt bildet am 10. Juli der traditionelle CSD-Empfang im Stuttgarter Rathaus. Die CSD-Demonstration zieht am 25. Juli durch die Innenstadt und endet mit einer Kundgebung am Schlossplatz. Ein besonderes Highlight in diesem Jahr: Die CSD-Hocketse auf Markt- und Schillerplatz dauert drei Tage lang – vom 24. bis 26. Juli.

Als Schirmfrau übernimmt 2026 Ulrike Groos, die Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, ein Zeichen der Solidarität zwischen Kultur und queerer Community. Die Wahl nimmt Bezug auf die angespannte Haushaltslage Stuttgarts, die insbesondere den Kultur- und Sozialbereich betrifft und zahlreiche Vereine der queeren Community unter Druck setzt.

Eine Verbindung von Kunst und Aktivismus

Ulrike Groos leitet seit Januar 2010 das Kunstmuseum Stuttgart und ist bekannt für ihre gesellschaftlich engagierte Kulturarbeit. Sie selbst betont: "Kunst ist mehr als ästhetischer Ausdruck. Sie ist Resonanzraum für gesellschaftliche Fragen, macht Widersprüche sichtbar und bringt unterschiedliche Perspektiven in einen offenen Austausch." Mit ihrer Übernahme der Schirmherrschaft wolle sie die Initiativen der IG CSD Stuttgart begleiten und deren Beitrag zu einer inklusiven Stadtgesellschaft unterstützen.

"Ulrike Groos steht für eine Kunst- und Kulturarbeit, die gesellschaftliche Debatten aufgreift, Vielfalt sichtbar macht und den öffentlichen Raum als Ort des Austauschs versteht", so CSD-Vorstandsmitglied Lars Lindauer.

Deutschland im Jahr der Herausforderungen

Das Stuttgarter Motto kommt zu einem Zeitpunkt, an dem queere Communities in ganz Deutschland vor wachsenden Herausforderungen stehen. Laut Bundeskriminalamt sind Straftaten gegen queere Menschen 2022 auf insgesamt 1.422 gestiegen, bei einer besonders hohen Dunkelziffer. Auch Hamburg hat sein CSD-Motto 2026 unter den Titel "Solidarisch queer. Haltung zeigen – für eine Zukunft ohne Angst!" gestellt und ruft zu mehr Zusammenhalt auf.

Die Stuttgarter Botschaft "Ohne Uns kein Wir!" macht deutlich: Queere Menschen sind keine Randgruppe, sondern ein integraler Bestandteil der Gesellschaft. Ihre Rechte zu schützen und ihre Sichtbarkeit zu fördern ist keine Sonderbehandlung, sondern eine demokratische Notwendigkeit. Die Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ist in Deutschland seit den 2000er Jahren vorangekommen, doch in der Geschichtsschreibung kommen queere Aspekte nach wie vor nur am Rande vor – ein Problem, weil deutsche Geschichte nur in ihrer vollen Komplexität zu begreifen ist, wenn man sie auch aus queerer Perspektive betrachtet.

25 Jahre Engagement für Vielfalt

Die Stuttgart Pride, die Kulturwochen zum Christopher Street Day, setzt sich seit 1979 für die Gemeinschaft von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgender, intersexuellen und queeren Menschen in Stuttgart und der Region ein. Die Kulturwochen werden auf ehrenamtlicher Basis von der IG CSD Stuttgart e.V. organisiert., die nun ihr 25-jähriges Bestehen feiert.

Der Verein ist ganzjährig aktiv – durch Veranstaltungen, politische Stellungnahmen und die Mitarbeit in zahlreichen Netzwerken. Das diesjährige Motto unterstreicht, dass der Kampf für Gleichberechtigung kontinuierliche Anstrengung erfordert. In einer Zeit, in der demokratische Werte unter Druck geraten, ist die klare Botschaft aus Stuttgart wichtiger denn je: Ohne die Anerkennung und den Schutz queerer Menschen gibt es keine wirkliche Gemeinschaft.

Weitere Informationen zur Stuttgart Pride 2026 und zum Kulturprogramm finden sich auf der offiziellen Website des CSD Stuttgart. Alle bundesweiten CSD-Termine 2026 werden fortlaufend aktualisiert.


Deutschland verschärft Jugendschutz: Lachgas- und K.o.-Tropfen-Verbot tritt im April in Kraft

Ab dem 12. April 2026 gilt in Deutschland ein bundesweites Verbot von Lachgas als Partydroge, wie aus der Verkündung im Bundesgesetzblatt hervorgeht. Das Gesetz von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) war im Dezember vom Bundesrat gebilligt worden. Die Neuregelung soll vor allem junge Menschen vor den erheblichen Gesundheitsrisiken der Substanz schützen – und bringt zugleich auch strengere Regeln für sogenannte K.o.-Tropfen mit sich.

Was sich ab April konkret ändert

Untersagt werden Erwerb und Besitz für Minderjährige. Generell verboten werden der Online-Handel und der Kauf an Automaten. Für Volljährige gilt künftig, dass pro Einkauf maximal zehn Kartuschen mit jeweils 8,4 Gramm erworben werden dürfen. Das Gesetz sieht eine Übergangsfrist von 3 Monaten nach Verkündung bis zum Inkrafttreten vor, um dem Handel Zeit für Umstellungen zu geben.

Von den Verboten ausgenommen bleiben Lachgaskartuschen mit bis zu 8,4 Gramm Füllmenge, die etwa zum Aufschäumen von Schlagsahne dienen, sowie Fertigsprühsahne. Die gewerbliche, industrielle oder wissenschaftliche Verwendung bleibt ebenfalls erlaubt.

Warum Lachgas gefährlicher ist als viele denken

Lachgas ist kein Spiel und keine harmlose Partydroge, sondern ein hohes Risiko für die Gesundheit: Gefrierverletzungen oder Bewusstlosigkeit – bis hin zu bleibenden neurologischen Schäden – können die Folge sein, betonte Gesundheitsministerin Warken. Häufig atmen Konsumenten Lachgas, also Distickstoffmonoxid (N2O), als euphorisierenden Stoff über Luftballons ein.

Die Substanz ist besonders tückisch: Der regelmäßige Konsum von Lachgas kann schwere Nervenschäden verursachen, die durch einen durch den Konsum begünstigten Mangel an Vitamin B12 verursacht werden. Taubheitsgefühle, Gangstörungen und andere neurologische Symptome können die Folge sein. Wer die Droge häufig und über einen längeren Zeitraum zu sich nimmt, riskiert Nervenschäden und eine psychische Abhängigkeit, warnen Mediziner von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Besonders dramatisch: Die Zahl der Anfragen wegen Lachgas-Vergiftungen habe sich von 2023 auf 2024 fast verdoppelt, berichtete der Leiter des Giftnotrufs der Charité Berlin. Im Jahr 2022 gab es bereits 7 Fälle und für 2023 wurden 20 Fälle berichtet beim Giftnotruf Berlin – eine besorgniserregende Entwicklung.

Verbot von K.o.-Tropfen: Schutz vor sexualisierter Gewalt

Parallel zum Lachgas-Verbot werden auch chemische K.o.-Tropfen, die als „Vergewaltigungsdroge" eingesetzt werden, stärker reguliert. Die Stoffe Gamma-Butyrolacton (GBL) und 1,4-Butandiol (BDO) werden etwa zur Begehung von Vergewaltigungs- und Raubdelikten verwendet. Diese Chemikalien können Menschen binnen Minuten willenlos, bewusstlos und erinnerungslos machen.

Die Problematik ist besonders für die queere Community relevant: In der Berliner Partyszene, wo 30 Prozent von 877 Befragten in den letzten 12 Monaten GHB oder GBL konsumiert haben, besteht ein erhöhtes Risiko. Jede:r Zehnte in der Feierszene hat es probiert, besonders beliebt ist es bei Schwulen und Technofans, zeigt eine Studie im Auftrag des Berliner Senats. Die Substanzen werden jedoch nicht nur freiwillig konsumiert: Täter machen sich die betäubende Wirkung von GHB zunutze, um ihre Opfer handlungsunfähig zu machen und sie anschließend auszurauben oder zu vergewaltigen. Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass GHB nur für etwa 6-8 Stunden im Blut und 10-18 Stunden im Urin nachweisbar ist.

Deutschland zieht nach – europäischer Trend zu strengeren Regeln

Mit dem neuen Gesetz folgt Deutschland einem europäischen Trend: Unter anderem in Großbritannien, den Niederlanden, in Belgien, Frankreich und Dänemark wurde der Verkauf von Lachgaskapseln an Jugendliche und teilweise auch an Erwachsene verboten oder stark eingeschränkt. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen hatte zuvor einen besorgniserregenden Anstieg des Konsums festgestellt.

Lachgas ist derzeit im Prinzip zu jeder Tages‐ und Nachtzeit legal verfügbar – dies wird von jungen Nutzerinnen und Nutzern oft fälschlicherweise mit Gefahrlosigkeit gleichgesetzt. Dabei ist insbesondere der regelmäßige Konsum mit Risiken verbunden. Die neue Regelung soll vor allem junge queere Menschen schützen, die in der Partyszene besonders exponiert sind. Prävention und Aufklärung in Clubs und bei Community-Events bleiben dabei unverzichtbare Begleitmaßnahmen zum gesetzlichen Verbot.

Was die Community jetzt wissen sollte

Das Verbot ist ein wichtiger Schritt für den Jugendschutz, doch Aufklärung bleibt zentral. Wer Symptome nach möglichem Konsum bei sich oder anderen bemerkt – von Schwindel über Koordinationsstörungen bis hin zu Bewusstlosigkeit – sollte umgehend medizinische Hilfe suchen. Bei Verdacht auf K.o.-Tropfen ist schnelles Handeln wichtig, da die Substanzen nur kurz nachweisbar sind.

Queere Beratungsstellen und Präventionsprojekte wie die ICH WEISS WAS ICH TU-Kampagne der Deutschen Aidshilfe bieten Informationen zu Safer Use und Unterstützung. In Notfällen helfen die Giftnotrufe der Bundesländer weiter.


Wenn Bürokratie Familien zerreißt: Schwer behindertes Adoptivkind droht Abschiebung nach Russland

Eine Entscheidung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) sorgt derzeit für Empörung in der queeren Community: Ein schwer behindertes Adoptivkind einer russischen Regenbogenfamilie soll Deutschland verlassen – obwohl seine beiden Pflegeväter Asyl erhalten haben. Wie queer.de berichtet, kollidieren in diesem Fall Asylrecht, Behindertenrechte und der Schutz queerer Familien auf dramatische Weise.

Eine Familie flieht vor Putins Anti-LGBTQ+-Gesetzen

Artur und Rudolf flohen 2022 mit ihrem 26-jährigen Adoptivsohn aus Russland. Der Grund: Die Verfolgung von LGBTQ+-Menschen in Russland hat sich seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs massiv verschärft. 2023 erklärte der Oberste Gerichtshof Russlands die "Internationale LGBT-Bewegung" zur "extremistischen Organisation" – eine Entscheidung, die LGBTQ+-Menschen in Russland einem erheblichen Risiko von Verfolgung aussetzt.

Im Frühjahr 2025 erhielten die beiden Ehemänner in Bayern Asyl. Ihr Adoptivsohn jedoch, den Artur seit 14 Jahren pflegt, wurde von dieser Entscheidung ausgeschlossen. Der junge Mann leidet an infantiler Zerebralparese, einer schweren Störung des Bewegungsapparates. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen, benötigt tägliche Pflege und kann sich nicht eigenständig versorgen. "Er kommuniziert gut, aber manchmal verhält er sich wie ein Siebenjähriger, manchmal wie ein Zwölfjähriger", erklärte Artur gegenüber der Deutschen Welle.

Die zynische Logik der Behörde

Die Begründung des Bamf wirkt aus menschenrechtlicher Perspektive absurd: Der Adoptivsohn sei nicht selbst schwul, daher drohe ihm in Russland keine Verfolgung. Diese Argumentation ignoriert die Tatsache, dass eine Trennung von seinen Pflegevätern – seinen einzigen Bezugspersonen – für den vollständig pflegebedürftigen Mann faktisch unmöglich ist. Trotz bestehender Vormundschaft und vollständiger Abhängigkeit wird der Schutzstatus verweigert.

Der Verein Quarteera, der queere Geflüchtete berät und den Fall juristisch begleitet, zeigt sich entsetzt: "Es ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar, wie eine Familie rechtlich anerkannt werden kann, während einem vollständig pflegebedürftigen Familienmitglied der Schutz verweigert wird."

Deutschland und Regenbogenfamilien: Ein kompliziertes Verhältnis

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Situation von Regenbogenfamilien in Deutschland. Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts gab es 2024 in Deutschland etwa 31.000 gleichgeschlechtliche Paare mit minderjährigen Kindern, in denen insgesamt 50.000 Kinder leben. Seit Oktober 2017 können gleichgeschlechtliche Ehepaare gemeinsam fremde Kinder adoptieren, doch Adoptivkinder finden in schwulen Väterfamilien nur vereinzelt ein neues Zuhause – meist werden sie entweder im Ausland adoptiert oder lebten bereits in einem Pflegeverhältnis.

Während Deutschland bei der rechtlichen Gleichstellung von Regenbogenfamilien Fortschritte gemacht hat, zeigt dieser Fall die Grenzen des Schutzes im Asylrecht. Bei Asylberechtigten und anerkannten Flüchtlingen besteht grundsätzlich ein Anspruch auf Familiennachzug, wobei Voraussetzungen wie ausreichender Wohnraum und Lebensunterhaltssicherung innerhalb von drei Monaten nach Anerkennung nicht gelten. In diesem Fall jedoch scheitert der Familienschutz an der engen Interpretation des Asylrechts durch die Behörde.

Menschen mit Behinderung und Abschiebung

Die drohende Abschiebung wirft auch die Frage nach dem Schutz behinderter Menschen im Asylverfahren auf. Menschen, die in Deutschland Schutz suchen, dürfen nicht abgeschoben werden, wenn sich ihr Gesundheitszustand durch die Abschiebung gravierend verschlechtern wird oder gar ihr Leben gefährdet ist – dies verbieten die Grund- und Menschenrechte. Eine Abschiebung kann vermieden werden, wenn einer Person erhebliche Gesundheitsgefahren drohen – allerdings nur bei lebensbedrohlichen oder schwerwiegenden Krankheiten, die sich durch die Abschiebung akut zu verschlechtern drohen.

Die Eltern befürchten, dass ihr Pflegesohn in Russland in eine geschlossene Anstalt gesteckt würde und ein "elendes Dasein" führen müsste. Diese Sorge ist vor dem Hintergrund der bekanntermaßen katastrophalen Zustände in russischen Behinderteneinrichtungen nicht unbegründet.

Letzte Hoffnung: Das Verwaltungsgericht und die Härtefallkommission

Am 29. Januar 2025 verhandelt das Verwaltungsgericht Bayreuth über den Fall. Allerdings hat das Gericht laut Quarteera bereits signalisiert, dass es aufgrund der aktuellen Rechtslage wahrscheinlich negativ entscheiden werde. Die Hoffnungen ruhen nun auf der Härtefallkommission Bayern.

Härtefallkommissionen ermöglichen es, ausnahmsweise eine Aufenthaltserlaubnis an Menschen zu erteilen, die eigentlich zur Ausreise verpflichtet sind – erforderlich sind dringende persönliche oder humanitäre Gründe, die den weiteren Aufenthalt in Deutschland rechtfertigen. Voraussetzung sind in der Regel ein langjähriger Aufenthalt, gute Integration und eigenständige Sicherung des Lebensunterhalts – häufig geht es um Familien mit Kindern.

67 Personen erhielten 2023 über die bayerische Härtefallkommission einen Aufenthalt – es ist also eine reale Möglichkeit in dringenden Ausnahmefällen. Ob die Kommission sich des Falls annimmt, ist allerdings offen, da das Härtefallverfahren kein Antragsverfahren ist und ausreisepflichtige Menschen nicht verlangen können, dass sich die Kommission mit ihrem Fall befasst.

Ein Systemversagen mit Ansage

Dieser Fall zeigt exemplarisch, wie verschiedene Rechtsbereiche miteinander kollidieren können – zum Nachteil der Betroffenen. Während Deutschland sich international als Vorreiter für LGBTQ+-Rechte präsentiert, scheitert der Schutz einer queeren Familie an bürokratischer Logik. Die Tatsache, dass ein schwer behinderter junger Mann, der sein gesamtes Leben in Abhängigkeit von seinen Pflegevätern verbracht hat, von diesen getrennt werden könnte, steht in krassem Widerspruch zu den Grundsätzen des Kindeswohls und des Familienschutzes.

Es bleibt zu hoffen, dass die Härtefallkommission oder das Gericht doch noch eine menschenrechtskonforme Lösung findet. Denn eines ist klar: Wenn Gesetze und Verwaltungshandeln dazu führen, dass Familien auseinandergerissen werden und vulnerable Menschen in existenzielle Gefahr gebracht werden, dann ist es höchste Zeit, diese Praxis grundlegend zu überdenken.


Irland tilgt historische Verurteilungen wegen homosexueller Handlungen – ein längst überfälliger Schritt

In Irland sollen künftig historische Verurteilungen wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen offiziell getilgt werden. Justizminister Jim O'Callaghan kündigte am 22. Januar 2026 an, eine entsprechende Gesetzesänderung einzubringen, die einen Prozess zur Streichung dieser Verurteilungen etablieren wird. Die Entkriminalisierung von Homosexualität erfolgte in Irland erst 1993 – doch die Last der Vergangenheit liegt bis heute auf den Schultern der Betroffenen.

Hunderte Männer tragen noch immer den Makel der Verurteilung

Die Dimensionen dieser historischen Ungerechtigkeit sind erschütternd: Laut dem Irish Council for Civil Liberties wurden mindestens 941 Männer wegen „homosexueller Handlungen" verurteilt, die tatsächliche Zahl könnte jedoch über 2.000 liegen. Diese Männer leben noch heute mit einem Strafregister – nur weil sie liebten und lieben, wen sie lieben. Ged Nash von der Labour Party, der die Gesetzesinitiative entwickelte, brachte es auf den Punkt: Es gebe "alte Männer in diesem Land, die Vorstrafen haben, nur wegen dem, wer sie sind, wen sie lieben und liebten, und wann. Das ist schlicht und ergreifend falsch."

Die geplante Gesetzesänderung ist das Ergebnis einer jahrelangen Kampagne, die bereits 2017 begann. Die Debatte über die Gesetzesänderung beginnt im Parlament und wird Änderungen „in Bezug auf die Tilgungsgesetzgebung" beinhalten. Ein erster wichtiger Schritt war die offizielle Entschuldigung des irischen Staates im Jahr 2018 gegenüber LGBTQ+-Bürger*innen.

Deutschland als mahnendes Beispiel und Vorbild zugleich

Die Entwicklungen in Irland erinnern stark an die deutsche Geschichte des Paragraphen 175. In Deutschland waren sexuelle Handlungen zwischen Männern bis 1994 nach § 175 StGB strafbar – insgesamt 123 Jahre lang. Zwischen 1945 und 1969 gab es in der Bundesrepublik Deutschland etwa 50.000 bis 60.000 Verurteilungen nach dem von den Nationalsozialisten verschärften Paragraphen, der auch nach dem Krieg unverändert weiter galt.

Erst am 22. Juli 2017 wurden alle Urteile nach 1945 aufgehoben. Betroffene können seither in einem niedrigschwelligen Verfahren Entschädigungsansprüche beim Bundesamt für Justiz geltend machen. Dieser Prozess verlief jedoch nicht ohne Kritik: Viele bemängelten, dass die Rehabilitation zu spät kam und zu bürokratisch gestaltet war.

Eine Frage der Menschenwürde

Adam Long vom NXF bezeichnete die historischen Gesetze als "grobe Verletzung fundamentaler Menschenrechte, die hauptsächlich schwule und bisexuelle Männer staatlich sanktionierter Homophobie aussetzte, nur weil sie ihre inhärente Identität ausdrückten." Er warnte eindringlich, dass der nun beginnende Tilgungsprozess "sowohl sensibel als auch umfassend sein muss und die Opfer nicht retraumatisieren darf."

Seine Sorge ist berechtigt: Die Zeit läuft davon für einige dieser Männer. Die Regierung muss dringend handeln, um diese historischen Verurteilungen zu tilgen. Die Aktivist*innen der LGBT Restorative Justice Campaign – Kieran Rose, Brian Sheehan und Karl Hayden – kämpfen seit Jahren für diese Gerechtigkeit. Sie begrüßten die Ankündigung und hoffen, dass die umfassenden Vorschläge bis Mitte des Jahres im Gesetzbuch verankert werden.

Ein Signal für die Zukunft

Dies ist nicht nur eine Frage der Wiedergutmachung eines historischen Unrechts; es geht darum, ein Signal zu senden zu einer Zeit, in der LGBTQ-Rechte in diesem Land und weltweit angegriffen werden, dass Liebe Liebe ist und Homosexualität niemals ein Verbrechen ist, wie der Abgeordnete Paul Murphy betonte.

Die irische Entwicklung zeigt, dass der Weg zur vollen Gleichberechtigung lang ist – und dass symbolische Entschuldigungen nicht ausreichen. Über 30 Jahre nach der Entkriminalisierung ist es höchste Zeit, dass die Betroffenen nicht nur Worte, sondern echte Gerechtigkeit erfahren. Deutschland brauchte 23 Jahre von der Abschaffung des § 175 bis zur Rehabilitation der Verurteilten. Irland sollte aus diesen Erfahrungen lernen und den Prozess so gestalten, dass er den Betroffenen wirklich gerecht wird – bevor es zu spät ist.


Homophober Angriff in Kasseler Straßenbahn: Wenn öffentliche Verkehrsmittel zur Bedrohung werden

Am helllichten Montagnachmittag wird ein schwules Pärchen in einer Straßenbahn der Linie 7 in Kassel zum Ziel eines homophoben Angriffs. Was als Fahrt von Königsplatz zur Weserspitze beginnt, endet für die beiden Männer mit Beleidigungen, Bedrohungen und Spuckattacken. Laut offiziellen Zahlen gibt es jeden Tag mindestens drei Angriffe auf queere Menschen in Deutschland – der Vorfall in Kassel ist nur einer davon, wie die Zeitschrift Mannschaft berichtet.

Der Angriff: Von Gesten zur Gewalt

Drei jugendliche Täter, etwa 16 Jahre alt und alle mit schwarzen Hosen mit weißem „Under Armour"-Aufdruck bekleidet, sollen das Paar zunächst mit homophoben Beleidigungen und anstößigen Gesten attackiert haben. Das 20-jährige Opfer und sein Begleiter reagierten ruhig und forderten die Jugendlichen auf, sie in Ruhe zu lassen. Doch die Situation eskalierte: Beim Ausstieg an der Haltestelle „Weserspitze" spuckten die Täter die beiden Männer an, drohten mit geballten Fäusten und schlugen von außen gegen die Scheibe der Straßenbahn. Die Polizei Kassel sucht nun nach Zeugen und Fahrgästen, die Hinweise auf das Täter-Trio geben können.

Ein erschreckendes Muster: Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln

Wenn vor jedem verliebten Blick, vor einer Umarmung, vor einem Kuss im öffentlichen Raum zuerst die Umgebung gecheckt werden muss, dann ist das kein freies Leben. Laut einer Studie des Landeskriminalamts Niedersachsen erklärten 35 Prozent der Betroffenen von Hasskriminalität, in bestimmten Situationen nicht offen über ihre Identität zu sprechen – vor allem im Nahverkehr oder auf der Straße.

Der Vorfall in Kassel reiht sich ein in eine besorgniserregende Serie ähnlicher Vorfälle. Im Dezember 2025 wurden in Berlin zwei Frauen an einer Tram-Haltestelle homophob beleidigt und körperlich angegriffen – eine wurde getreten, geschlagen, an den Haaren gezogen und bespuckt. Öffentliche Verkehrsmittel, die eigentlich Orte der Mobilität und Freiheit sein sollten, werden für queere Menschen zunehmend zu Räumen der Angst.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Zu den häufigsten gegen LSBTIQ* gerichteten Straftaten gehören Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Im Jahr 2023 wurden bundesweit rund 1.500 Delikte gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst – damit stieg ihre Zahl das sechste Jahr in Folge auf einen deutlichen Höchststand.

Doch die offiziellen Zahlen erzählen nur einen Bruchteil der Geschichte. Laut einer Dunkelfeld-Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte zeigten 96 Prozent der LSBTIQ*-Menschen Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an. 23 Prozent der Betroffenen gaben an, aus Angst vor Homo- und Transfeindlichkeit bei der Polizei keine Anzeige gestellt zu haben.

Kassel: Eine Stadt im Spannungsfeld

Kassel hat in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht: Vor einem Jahr wurde das Queere Zentrum offiziell eröffnet, der Verein hat mittlerweile rund 280 Mitglieder. Über 1.000 Menschen kamen in den vergangenen Monaten ins Zentrum, für viele aus dem ländlichen Raum ist es eine Oase. Es gibt ein queeres Jugendzentrum und seit 2010 einen Runden Tisch gegen Homo- und Transphobie.

Doch der aktuelle Vorfall zeigt: Trotz aller Fortschritte ist die Sicherheit queerer Menschen auch in Kassel nicht selbstverständlich. Homo- und transfeindliche Straf- und Gewalttaten sind in Deutschland stark angestiegen, und es kann gefährlich sein, als LGBTIQ*-Person im öffentlichen Raum erkannt zu werden.

Was jetzt passieren muss

Der Angriff in der Kasseler Straßenbahn ist mehr als ein Einzelfall – er ist symptomatisch für ein gesellschaftliches Problem, das dringend angegangen werden muss. Es braucht nicht nur eine konsequente Strafverfolgung, sondern auch mehr Präventionsarbeit, Sensibilisierung und Zivilcourage. Die ausdrückliche Aufnahme geschlechtsspezifischer sowie gegen die sexuelle Orientierung gerichteter Motive in den Gesetzestext erhöht bei den Ermittlungsbehörden die Sensibilität – denn was schwarz auf weiß im Gesetzestext steht, findet in der Rechtspraxis mehr Beachtung.

Wer Hinweise zu dem Vorfall hat, wird gebeten, sich bei der Polizei Kassel zu melden. Denn nur wenn Taten gemeldet und verfolgt werden, können Täter zur Verantwortung gezogen werden. Und nur wenn wir als Gesellschaft Homophobie und Queerfeindlichkeit klar benennen und verurteilen, können wir eine Zukunft schaffen, in der queere Menschen ohne Angst Straßenbahn fahren können.

Für Betroffene von queerfeindlicher Gewalt gibt es in Kassel Unterstützung: Das Queere Zentrum Kassel in der Mauerstraße 11 bietet Beratung und Community, die AIDS-Hilfe Kassel ist Teil des LSBTIQ-Netzwerks Nordhessen und steht ebenfalls mit Rat und Tat zur Seite.


Neue Website hilft trans Menschen in Großbritannien, unterstützende Hausärzt*innen zu finden – Ein Vorbild für Deutschland?

Eine neue Community-basierte Website namens MyTransGP ermöglicht es trans Menschen im Vereinigten Königreich, ihre Hausärzt*innen auf Grundlage der angebotenen geschlechtsangleichenden Behandlungen zu bewerten. Die Anfang Januar gestartete Plattform reagiert auf einen besorgniserregenden Trend: Immer mehr Allgemeinmediziner*innen verweigern plötzlich die Verschreibung von Hormonen für trans Patient*innen – oft ohne Vorwarnung.

Eine dringend benötigte Orientierungshilfe

Die beiden Entwicklerinnen Luna (33) und Jolyne (25) haben mit MyTransGP eine Plattform geschaffen, die trans Menschen dabei helfen soll, medizinische Versorgung zu finden, die ihnen zusteht. Nutzer*innen können Praxen anhand verschiedener Kriterien bewerten: Werden Shared-Care-Vereinbarungen akzeptiert? Verschreibt die Praxis Hormonersatztherapie (HRT)? Bietet sie Hormon-Monitoring an? Werden nicht-binäre Patient*innen respektiert? Arbeitet die Praxis mit privaten Gesundheitsdienstleistern zusammen?

In weniger als einer Woche nach der Ankündigung von MyTransGP haben mindestens 450 Nutzer*innen über 740 Bewertungen beigetragen, wie die Entwicklerinnen gegenüber PinkNews berichteten. Die Resonanz zeigt den enormen Bedarf: Viele trans Menschen in Großbritannien erleben, dass ihre Hausärzt*innen plötzlich lebensnotwendige Behandlungen einstellen.

Wenn Ärzt*innen die Versorgung verweigern

Jolyne kennt das Problem aus eigener Erfahrung: 2022 stellte ihre Hausarztpraxis die Blutuntersuchungen ein, die für ihre private Hormontherapie notwendig waren. Ohne diese Kontrollen konnte sie kein Rezept mehr erhalten. Keine andere Praxis war bereit, ihr Hormon-Monitoring zu übernehmen, und für private Blutuntersuchungen fehlte ihr das Geld. Die Konsequenz: „Ich wurde gegen meinen Willen detransitioniert", so Jolyne. Wie viele andere trans Menschen in Großbritannien sah sie sich gezwungen, zu Selbstmedikation zu greifen – der Einnahme von Hormonen ohne medizinische Aufsicht.

Im britischen System sind Hausärzt*innen für die Verschreibung von HRT unter sogenannten Shared-Care-Vereinbarungen mit spezialisierten Gender Identity Clinics (GICs) verantwortlich. Verweigert eine Praxis diese Vereinbarung, bleibt trans Menschen oft nur die Wahl zwischen teurer Privatversorgung oder gesundheitsgefährdender Selbstmedikation. Besonders kritisch ist dies für Menschen nach geschlechtsangleichenden Operationen, die ohne Hormonzugang gesundheitliche Probleme wie Osteoporose entwickeln können.

Parallelen zur Situation in Deutschland

Auch wenn Deutschland seit November 2024 mit dem Selbstbestimmungsgesetz einen wichtigen Schritt in Richtung rechtlicher Anerkennung gemacht hat, kämpfen trans Menschen auch hierzulande mit erheblichen Hürden im Gesundheitssystem. Das deutsche Gesundheitssystem leidet unter einem Mangel an ausreichend ausgebildetem und klinisch erfahrenem medizinischem Personal, das spezialisierte Gesundheitsversorgung für trans Menschen anbieten kann, wie eine Studie aus dem Jahr 2021 feststellte.

Stigmatisierung und Pathologisierung in der Behandlung sind weit verbreitet, ebenso wie lange Wartezeiten für spezialisierte Gesundheitsdienstleister, die oft nur für trans Menschen erreichbar sind, die bereit sind, weite Strecken zurückzulegen. Im Gegensatz zum britischen System benötigen trans Menschen in Deutschland in der Regel ein Indikationsschreiben von Psychotherapeut*innen, bevor Hausärzt*innen oder Endokrinolog*innen mit einer Hormonbehandlung beginnen.

Während das Selbstbestimmungsgesetz die rechtliche Änderung von Name und Geschlechtseintrag erleichtert hat, bleiben die Regelungen für medizinische Transitionsmaßnahmen unverändert – und es ist aufgrund eines Urteils des Bundessozialgerichts von 2023 unklar, inwieweit die Kosten für die medizinische Transition binärer trans Personen derzeit noch von den Krankenkassen übernommen werden. Für nicht-binäre Menschen ist die Situation noch prekärer.

Selbsthilfe als Notwendigkeit

In Deutschland gibt es bereits Initiativen wie Queermed Deutschland, eine Plattform, auf der queersensible Ärzt*innen und Therapeut*innen gelistet werden. Doch eine spezifische, Community-gesteuerte Bewertungsplattform wie MyTransGP, die sich ausschließlich auf trans-spezifische Gesundheitsversorgung konzentriert, fehlt bislang.

Die Entwicklerinnen von MyTransGP haben bei ihrem Projekt besonderen Wert auf den Schutz vor Missbrauch gelegt: Nutzer*innen müssen sich registrieren, bevor sie eine Bewertung abgeben können. Luna erklärte gegenüber PinkNews, dass sie viel Überlegung in die Verhinderung von „böswilligen Aktivitäten" investiert hätten. Die positive Resonanz zeigt, wie dringend solche Ressourcen benötigt werden.

Die Bedeutung des Zugangs zu geschlechtsangleichender Versorgung

Die Wichtigkeit des Zugangs zu geschlechtsangleichender Versorgung ist wissenschaftlich belegt: Eine 2022 veröffentlichte Studie zeigte, dass der Zugang zu geschlechtsangleichender Versorgung Suizidgedanken signifikant reduziert und die Lebensqualität verbessert. Eine 2024 in JAMA Pediatrics publizierte Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass der Zugang zu Unterstützung die psychische Gesundheit von trans Menschen nahezu universell verbessert.

Luna betont, dass es nicht nur um medizinische Versorgung geht, sondern auch um Gerechtigkeit: „Trans-Gesundheitsversorgung wird routinemäßig als ‚Ausnahme' behandelt und an einen höheren Standard als jeden anderen Bereich der Medizin gehalten." Während cis-geschlechtliche Menschen problemlos Hormonuntersuchungen bei Fruchtbarkeitsproblemen erhalten, würden Blutuntersuchungen für trans Menschen als „riskant" eingestuft – eine Doppelmoral, die Luna scharf kritisiert.

Ein Aufruf zur Solidarität

Die Geschichte von MyTransGP zeigt, wie wichtig Community-gesteuerte Initiativen sind, wenn staatliche Systeme versagen. Luna und Jolyne ermutigen trans Menschen, die Probleme mit ihrer medizinischen Versorgung haben, zur gegenseitigen Unterstützung: „Es gibt viele Gruppen im gesamten Vereinigten Königreich, die Unterstützung und Beratung anbieten", so Luna. Dieser Appell gilt auch für Deutschland, wo trans Menschen sich in Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen organisieren, um sich gegenseitig zu helfen.

Ob eine ähnliche Plattform wie MyTransGP auch in Deutschland entstehen wird, bleibt abzuwarten. Der Bedarf ist jedenfalls da – und die Resonanz aus Großbritannien zeigt, dass trans Communities bereit sind, sich selbst die Werkzeuge zu schaffen, die ihnen ein würdevolles und gesundes Leben ermöglichen.


Kassel: Drei Jugendliche bespucken schwules Paar in Straßenbahn – Ein weiterer Fall alltäglicher queerfeindlicher Gewalt

Am Sonntagabend wurden zwei junge Männer in einer Kasseler Straßenbahn Opfer eines homophoben Übergriffs. Drei männliche Jugendliche beleidigten das schwule Paar verbal und mit Gesten, bespuckten es und bedrohten es mit geballten Fäusten. Wie queer.de berichtet, hat das 20-jährige Opfer am Montag Anzeige beim Polizeirevier Ost erstattet. Die Ermittlungen wegen Beleidigung und Bedrohung werden vom Staatsschutz des Polizeipräsidiums Nordhessen geführt – ein deutliches Zeichen, dass das homophobe Motiv erkannt wurde.

Der Tathergang: Von Beleidigungen bis zur Bedrohung

Der Vorfall ereignete sich zwischen 19:40 und 20:00 Uhr in der Straßenbahn der Linie 7 zwischen Königsplatz und Weserspitze. Die beiden Männer reagierten nach eigenen Angaben ruhig auf die homofeindlichen Beleidigungen und forderten die Jugendlichen auf, sie in Ruhe zu lassen. Als das Trio an der Haltestelle Weserspitze ausstieg, eskalierte die Situation weiter: Sie bespuckten die Männer, trafen sie an der Hose, drohten mit geballten Fäusten und schlugen von außen gegen die Scheibe der Straßenbahn, bevor diese weiterfuhr.

Die Täter werden als etwa 16 Jahre alt und zwischen 1,70 und 1,80 Meter groß beschrieben. Alle drei trugen schwarze Hosen mit weißem "Under Armour"-Aufdruck. Zwei sollen schwarze Jacken getragen und schmal gewesen sein, während der dritte Täter mit einer grauen Jacke etwas kräftiger beschrieben wird. Die Polizei wertet nun Videoaufzeichnungen der Bahn aus und bittet Fahrgäste und Zeugen unter Tel. (0561) 9100 um Hinweise.

Teil einer alarmierenden Entwicklung

Der Kasseler Vorfall ist kein Einzelfall, sondern reiht sich in eine besorgniserregende bundesweite Entwicklung ein. Die Zahl queerfeindlicher Straftaten stieg 2023 auf 1.765 Delikte aufgrund sexueller Orientierung und 1.152 aufgrund geschlechtsbezogener Diversität – ein Anstieg von 17,75 bzw. 34,89 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zu den häufigsten gegen LSBTIQ* gerichteten Straftaten gehörten Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Die Zahl der Straftaten im Bereich "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht.

Besonders brisant: Die Hälfte der erfassten queerfeindlichen Straftaten spielten sich 2023 im öffentlichen Raum (44,6 %) und ÖPNV (11,2 %) ab. Genau dort, wo Menschen alltäglich unterwegs sind – wie das schwule Paar in der Kasseler Straßenbahn. Die Zeitpunkte LSBTIQ*-feindlicher Straftaten überschneiden sich mit dem Ausgehleben im öffentlichen Raum – im Frühling und Sommer, am Wochenende und in den Abendstunden.

Öffentliche Verkehrsmittel als Gefahrenzone

165 Vorfälle ereigneten sich allein in Berlin auf öffentlichen Straßen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Sichtbarkeit queerer Menschen im öffentlichen Raum "birgt ein hohes Risiko, allein deshalb beleidigt, gedemütigt oder körperlich angegriffen zu werden", wie die Berliner Beratungsstelle Maneo in ihrem aktuellen Report betont. Die Dunkelziffer ist dabei enorm: 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe zeigten Betroffene nicht an. Die Gründe: Sie hielten das Vergehen für "zu gering/nicht ernst genug" (33 Prozent) oder hatten Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen der Polizei (23 Prozent).

Polizeiliche Ansprechpersonen als Brücke zur Community

Einen wichtigen Schritt zur Bekämpfung dieser Hemmschwelle stellen spezialisierte Ansprechpersonen dar. Das Polizeipräsidium Nordhessen verfügt über eine LSBTIQ-Ansprechperson, die als Bindeglied zwischen der queeren Community und der Polizei fungiert. Diese Ansprechpersonen gibt es mittlerweile in vielen Bundesländern, sie unterstützen bei Netzwerkarbeiten, Projekten und Behörden und stehen bei polizeilichen Fragen mit LSBTIQ*-Bezug für die Bürger:innen zur Verfügung. Zusätzlich bieten einige Polizeidienststellen queersensible Anzeigenaufnahme in geschützten Räumen an.

Das Profil der Täter

Die ermittelten Tatverdächtigen LSBTIQ*-feindlicher Straftaten sind nahezu ausnahmslos männlich, häufig jung und auffällig oft bereits polizeilich bekannt – sie agieren ebenso allein wie aus Gruppen heraus. Der Kasseler Fall folgt diesem Muster: Drei junge männliche Täter, die gemeinsam agieren. Die polizeilich ermittelten Tatverdächtigen sind fast ausnahmslos männlich, insbesondere bei Gewaltdelikten. Queerfeindliche Straftaten sind dabei keineswegs ein Phänomen der Jugenddelinquenz. Das Alter der Tatverdächtigen verteilt sich auf die gesamte Altersspanne.

Die Folgen für queere Menschen

Wenn vor jedem verliebten Blick, vor einer Umarmung, vor einem Kuss im öffentlichen Raum zuerst die Umgebung gecheckt werden muss, wenn Menschen sich nicht sicher im öffentlichen Raum bewegen können, wenn sie bestimmte Orte aus Angst vor Gewalt meiden oder eher das Fahrrad als öffentliche Verkehrsmittel nehmen – dann ist das eine erhebliche Einschränkung von Freiheit. Diese alltägliche Realität zeigt der Kasseler Fall exemplarisch: Zwei Männer, die einfach nur zusammen Straßenbahn fahren wollten, werden zu Opfern von Hass.

Die Polizei bittet alle Fahrgäste und Zeugen, die Hinweise auf die unbekannten Täter geben können, sich unter Tel. (0561) 9100 beim Polizeipräsidium Nordhessen zu melden. Schweigen hilft nur den Tätern – jeder Hinweis zählt im Kampf gegen queerfeindliche Gewalt.


Die juristische Dunkelkammer: Warum das Amtsgericht Bremen Tausende Urteile vor der Öffentlichkeit versteckt

Im Jahr 2024 fällte das Amtsgericht Bremen 3.500 Urteile. Entscheidungen über Mietstreitigkeiten, Verkehrsunfälle, Straftaten – Urteile, die das Leben von Menschen verändern und das Recht fortbilden. Doch wie viele davon wurden der Öffentlichkeit kostenlos zugänglich gemacht? Null. Nicht ein einziges Urteil erschien auf der Website des Gerichts.

Stattdessen wanderten zehn Entscheidungen an die kommerzielle Datenbank Juris, eine weitere an Beck Online. Der Rest – 3.489 Urteile – verschwand in den Aktenarchiven, unsichtbar für Bürger*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen.

Ein Verfassungsverstoß mit System

Diese Praxis ist kein Kavaliersdelikt. Das Bundesverwaltungsgericht stellte bereits 1997 klar, dass allen Gerichten kraft Bundesverfassungsrechts die Aufgabe obliegt, die Entscheidungen ihrer Spruchkörper der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – es handelt sich bei der Veröffentlichung von Gerichtsentscheidungen um eine öffentliche Aufgabe.

Diese Pflicht folgt aus dem Rechtsstaatsgebot, dem Demokratiegebot und aus dem Grundsatz der Gewaltenteilung: Gerichtliche Entscheidungen konkretisieren die Regelungen der Gesetze und bilden das Recht fort, weshalb der Veröffentlichung eine der Verkündung von Rechtsnormen vergleichbare Bedeutung zukommt. Das Bundesverfassungsgericht präzisierte 2015: Es besteht eine Pflicht zur Publikation veröffentlichungswürdiger Gerichtsentscheidungen, die sich nicht ausschließlich auf rechtskräftige Entscheidungen bezieht.

Die Begründung liest sich wie eine Anklage gegen die Bremer Praxis: Der Bürger müsse zuverlässig in Erfahrung bringen können, welche Rechte er hat. Rechtsprechung im demokratischen Rechtsstaat müsse sich der öffentlichen Kritik stellen. Und – besonders brisant – die Entscheidungen müssten zugänglich sein, damit Bürger*innen auf bedenkliche Rechtsentwicklungen reagieren und parlamentarische Korrekturen anstoßen können.

Bremen ignoriert diese Rechtsprechung seit Jahren.

Die Zahlen: Eine Chronik des Versagens

Anfragen nach dem Bremer Informationsfreiheitsgesetz förderten Daten zutage, die das Ausmaß der Intransparenz dokumentieren:

  • 2020: Von 3.627 Urteilen wurden nur 37 veröffentlicht – Quote: 0,03%
  • 2021: Von 3.169 Urteilen wurden nur 33 veröffentlicht – Quote: 0,13%
  • 2022: Von 3.423 Urteilen wurden nur 71 veröffentlicht – Quote: 0,35%
  • 2023: Von 3.122 Urteilen wurden nur 29 veröffentlicht – Quote: 0,29%
  • 2024: Von 3.500 Urteilen wurde kein einziges kostenlos online gestellt – Quote: 0,00%

Die Tendenz ist eindeutig: Während Nordrhein-Westfalen mehr als 200.000 Entscheidungen in seiner kostenlosen Datenbank NRWE bereitstellt und damit bundesweiter Spitzenreiter ist, sinkt in Bremen die ohnehin marginale Veröffentlichungsquote auf null.

Bürokratische Mauern statt transparenter Justiz

Das Amtsgericht argumentiert mit fehlenden Ressourcen und dezentraler Entscheidungsfindung. Die Einstufung als "publikationswürdig" obliege den einzelnen Richter*innen. Einen zentralen Leitfaden für die Auswahl gebe es nicht – nur Vorgaben zur Anonymisierung.

Diese Argumentation ist rechtlich unhaltbar. Untersuchungen zeigen, dass in Deutschland der Anteil veröffentlichter Urteile an allen erledigten Verfahren bei rund 0,5 Prozent liegt, wobei Amtsgerichte besonders selten Entscheidungen veröffentlichen. Die Verfassungsrechtsprechung verlangt keine perfekte Lösung, aber sie verlangt eine systematische Anstrengung. Wenn 99,97 Prozent aller Urteile im Dunkeln bleiben, kann von einer Erfüllung der Publikationspflicht keine Rede sein.

Die unbequeme Frage: Geht es um Kontrolle?

Warum veröffentlichen Gerichte so wenig? Die offiziellen Gründe – Ressourcenmangel, Datenschutz, fehlende Strukturen – erklären nicht, warum selbst die wenigen als publikationswürdig eingestuften Entscheidungen bevorzugt an kommerzielle Anbieter gehen statt an die Öffentlichkeit.

Ein besonders aufschlussreiches Detail betrifft die Namen der Richter*innen und Staatsanwält*innen. Anders als bei Prozessparteien, deren Persönlichkeitsrechte eine Anonymisierung erfordern, gibt es für Amtsträger*innen keine rechtliche Pflicht zur Anonymisierung. Die flächendeckende Schwärzung von Richternamen ist eine Praxis, keine Rechtspflicht.

Die Konsequenz liegt auf der Hand: Wer im Namen des Volkes urteilt, kann sich nicht hinter Anonymität verstecken. Dass Gerichte dennoch systematisch alle Namen entfernen, nährt den Verdacht, dass es weniger um Datenschutz geht als um die Vermeidung von Kontrolle.

Eine Justiz, deren Entscheidungen niemand liest und deren Richter*innen niemand kennt, muss sich niemandem erklären. Fehlerhafte Urteile bleiben unentdeckt, fragwürdige Begründungen undiskutiert, problematische Tendenzen unsichtbar. Das mag für überlastete Gerichte bequem sein – mit dem Rechtsstaatsprinzip ist es unvereinbar.

Was sich ändern muss

Bei der Herausgabe von Gerichtsentscheidungen obliegt den Gerichten eine Neutralitätspflicht, die einem Anspruch der Verleger auf Gleichbehandlung im publizistischen Wettbewerb entspricht. Das Bundesverwaltungsgericht formulierte 1997 unmissverständlich: Bei der Belieferung mit veröffentlichungswürdigen Entscheidungen verbietet sich eine Auswahl, durch die Dritte von der Information ganz oder zu einem erheblichen Teil ausgeschlossen werden.

Die Konsequenzen liegen auf der Hand:

  • Erstens: Bremen braucht – wie andere Bundesländer – ein zentrales, kostenloses Portal für Gerichtsentscheidungen. Die technischen Hürden sind gering; Nordrhein-Westfalen macht es vor und erweitert seine Datenbank jährlich um 8.000 bis 9.000 neue Entscheidungen.
  • Zweitens: Es müssen klare Kriterien definiert werden, welche Entscheidungen zu veröffentlichen sind. Die aktuelle Praxis, dies dem Gutdünken einzelner Richter*innen zu überlassen, genügt der verfassungsrechtlichen Pflicht nicht.
  • Drittens: Die Belieferung kommerzieller Datenbanken darf nicht länger Priorität vor der öffentlichen Zugänglichkeit haben. Jede Entscheidung, die an Juris oder Beck geht, muss zeitgleich kostenlos verfügbar sein.

Fazit: Demokratie braucht Licht

Der Fall des Amtsgerichts Bremen ist symptomatisch für eine Justiz, die Transparenz als Belastung begreift statt als Verfassungsauftrag. Das Bundesverfassungsgericht hat den Gerichten ins Stammbuch geschrieben: Ohne ausreichende Publizität der Rechtsprechung kann der Bürger seine Rechte nicht kennen, kann er Fehlentwicklungen nicht kritisieren, kann er auf Änderungen nicht hinwirken.

Bremen verstößt gegen diesen Auftrag. Systematisch, seit Jahren, mit fallender Tendenz.

Es wird Zeit, die Dunkelkammer zu öffnen – denn Gerechtigkeit, die im Verborgenen stattfindet, ist keine Gerechtigkeit.

Quellen: Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 26. Februar 1997 – 6 C 3.96; Rechtsprechungsdatenbank NRW (NRWE); Antworten des Amtsgerichts Bremen auf IFG-Anfragen


Angriff auf queeren Fetischclub in Berlin-Schöneberg: Wenn Safe Spaces nicht mehr sicher sind

In der Nacht zum Sonntag wurde das schwule Szenelokal „Böse Buben" in Schöneberg von einer Person mit einem Stein attackiert, wie die Originalquelle queer.de berichtet. Der Angriff ereignete sich gegen 23:30 Uhr am Sachsendamm – zu einem Zeitpunkt, als der Club gut besucht war. Auf Kameras ist zu sehen wie eine vermummte Person einen Stein durch die Scheibe des Notausgangs schleudert, erklärte Martin Schenk-von Waldow, erster Vorstand des Böse Buben e.V.

Glück im Unglück: Vorhang verhindert Verletzungen

Dass niemand verletzt wurde, grenzt an ein Wunder. Direkt hinter der Scheibe befindet sich ein Aufenthaltsraum der zu diesem Zeitpunkt gut besucht war. Zum Glück saß niemand der Gäste direkt hinter der Scheibe, denn der Stein wurde in den Raum auf den Boden geschleudert. Ein blickdichter Vorhang auf der Innenseite der Tür fing den Stein und das zersplitterte Glas auf. Der Staatsschutz des Landeskriminalamts hat bereits die Ermittlungen wegen Sachbeschädigung aufgenommen, die Beamten gehen von einer homophob motivierten Tat aus.

Ein etablierter Teil der queeren Szene

Das Szenelokal wird von dem Verein „Böse Buben e.V." betrieben und ist ein gut etablierter und vernetzter schwuler Fetischclub. Seit über 10 Jahren befindet sich das Lokal am Sachsendamm in Schöneberg zwischen dem Bahnhof Südkreuz und dem S-Bahnhof Schöneberg. Der Club ist ein wichtiger Safe Space für schwule Männer, die sich für SM und Fetisch interessieren – ein Ort, an dem sie sich ohne Angst ausleben können sollten.

Berlin: Brennpunkt queerfeindlicher Gewalt

Der Angriff reiht sich in eine besorgniserregende Entwicklung ein. Bis zum 30. Dezember registrierte die Polizei 544 queerfeindliche Straftaten im Jahr 2025 in Berlin. Besonders häufig kommt es in den Bezirken Berlin-Mitte und Tempelhof-Schöneberg zu queerfeindlichen Angriffen – genau dort, wo auch der Club „Böse Buben" seinen Sitz hat.

Die Zahlen sind alarmierend, doch sie zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Rund 90 Prozent der Angriffe werden gar nicht erst zur Anzeige gebracht. Die LGBTIQ+-Ansprechpartnerin bei der Berliner Polizei, Anne von Knoblauch, hat erklärt, dass die Gewalttaten immer brutaler werden. Bundesweit richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* im Jahr 2023, ein Anstieg gegenüber 1.188 Fällen im Jahr 2022.

Deutschland im Fokus: Eine wachsende Bedrohung

Die Situation in Berlin spiegelt einen bundesweiten Trend wider. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Doch trotz dieser erschreckenden Entwicklung bleiben viele Taten im Verborgenen. Der Dunkelfeld-Studie zufolge, zeigten 96 Prozent der LSBTIQ* Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Sie hielten das Vergehen für „zu gering/nicht ernst genug" (33 Prozent) oder hatten Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen der Polizei (23 Prozent). Genau hier setzt die Berliner Polizei mit ihren spezialisierten Ansprechpersonen für LSBTIQ* an, um Vertrauen aufzubauen und die Anzeigebereitschaft zu erhöhen.

Berlins Vorreiterrolle in der Strafverfolgung

Seit 2012 verfügt die Staatsanwaltschaft Berlin als europaweit einzige Strafverfolgungsbehörde über eine Sonderzuständigkeit für die spezialisierte, konzentrierte und opferorientierte Verfolgung homophober und transphober Hasskriminalität. Diese Spezialisierung ist wichtig, denn sie signalisiert der Community: Eure Sicherheit wird ernst genommen.

Um Betroffene besser zu unterstützen und Straftaten konsequenter zu verfolgen, setzen Polizei und Staatsanwaltschaft vermehrt auf öffentliche Sensibilisierung sowie spezielle Ansprechpersonen. Die Berliner Polizei ist außerdem Gründungsmitglied des Berliner Queer-Bündnisses und setzt sich aktiv gegen Queerfeindlichkeit ein.

Solidarität und die Forderung nach Schutz

Der Angriff auf die „Bösen Buben" löste Bestürzung in der Community und bei politischen Vertreter*innen aus. Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, und Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano zeigten sich erschüttert. „Wir sind erschrocken und wütend über diesen Angriff", so der Vorstand des Vereins.

Der Vorfall macht deutlich: Selbst in einer als progressiv geltenden Stadt wie Berlin sind queere Räume nicht sicher. Safe Spaces – Orte, die der Community Schutz und Freiheit bieten sollten – werden zu Zielen von Hass und Gewalt. Dies betrifft nicht nur Berlin: Ähnliche Angriffe gab es in ganz Deutschland, von Hamburg bis München.

Was jetzt getan werden muss

Die Community fordert mehr als nur Solidaritätsbekundungen. Viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an. Wir müssen mehr Bewusstsein, mehr Sensibilität und somit auch mehr Unterstützung für die Betroffenen schaffen, betonte Bundesinnenministerin Nancy Faeser bei der Vorstellung des Lageberichts zur Sicherheit von LSBTIQ* im Dezember 2024.

Der Angriff auf die „Bösen Buben" ist mehr als ein Stein, der durch eine Scheibe fliegt. Er ist ein Angriff auf die Freiheit, auf die Vielfalt und auf das Recht, ohne Angst zu leben. Queere Menschen in Deutschland brauchen nicht nur symbolische Gesten, sondern konkrete Maßnahmen zum Schutz ihrer Sicherheit – in jeder Stadt, in jedem Kiez, vor jeder Clubtür.


Hartnäckiger Widerstand gegen queere Sichtbarkeit: Klage gegen Hildesheimer Ampelpärchen geht weiter

In Hildesheim wird ein bemerkenswerter juristischer Feldzug gegen die Sichtbarkeit queerer Lebensrealitäten geführt. Der parteilose Ratsherr Enver Sopjani klagt weiterhin gegen gleichgeschlechtliche Ampelfiguren in der niedersächsischen Stadt, obwohl das Verwaltungsgericht Hannover seine Klage bereits im September 2025 als unzulässig abgewiesen hat. Sopjani gibt sich jedoch unbeeindruckt von der juristischen Niederlage und kann nun einen Antrag auf Zulassung der Berufung beim niedersächsischen Oberverwaltungsgericht in Lüneburg stellen.

„Gesellschaftliche Realität" statt verletzte Grundrechte

Der Rat der Stadt Hildesheim hatte die Umrüstung der grünen Streuscheiben der Ampeln im Juni 2023 beschlossen; seit Mitte Juni 2025 zeigen insgesamt 14 Ampelanlagen an drei Stellen im Stadtgebiet bei Grün gleichgeschlechtliche Ampelpärchen. Bemerkenswert: Auf den sogenannten „Vielfaltsampeln" sind nicht nur gleichgeschlechtliche Paare abgebildet, sondern auch heterosexuelle Paare – insgesamt acht heterosexuelle und sechs gleichgeschlechtliche Paarkombinationen.

Sopjani, ein ehemaliges CDU-Mitglied, der nun für die „Interkulturelle Liga" im Stadtrat sitzt, sieht sich dennoch in seinen Grundrechten verletzt. Die Darstellung gleichgeschlechtlicher Pärchen als Ampelsymbol schränke ihn nach eigener Einschätzung in seinem Erziehungsstil ein. Doch das Gericht ließ diese Argumentation nicht gelten.

Der Vorsitzende Richter Arne Gonschior erklärte, das Gericht könne bereits die Möglichkeit einer Verletzung der Rechte des Klägers „nicht nachvollziehen" – es sei „überhaupt nicht erkennbar", dass dieser durch die Ampelmännchen in seinen Rechten verletzt sei, etwa in Fragen der sexuellen Selbstbestimmung. Seine klare Botschaft: „Die Ampelpärchen bildeten die gesellschaftliche Realität ab, mit der alle Bürgerinnen und Bürger umzugehen hätten".

Ein Symbol für Toleranz – oder Anlass zum Streit?

Die Debatte um queere Ampelpärchen ist keineswegs neu. Die Inspiration stammt ursprünglich aus Wien, wo im Jahr 2015, begleitend zum Eurovision Song Contest, erstmals Ampellichter mit Symbolen von lesbischen und schwulen Paaren eingeführt wurden. Das Projekt stieß auf große internationale Beachtung und entwickelte sich schnell vom befristeten Pilotprojekt zum dauerhaften Element des Wiener Stadtbilds.

In Deutschland haben mittlerweile zahlreiche Städte nachgezogen. In Hannover etwa wurden vor fünf Jahren Fußgängerampeln mit grün leuchtenden Pärchen in Betrieb genommen, seit 2022 setzen gleichgeschlechtliche Ampelpaare in Braunschweig ein Zeichen für mehr Toleranz. Auch München, Frankfurt am Main, Köln, Marburg und viele weitere Städte haben ähnliche Symbole installiert.

Zwischen Symbolpolitik und notwendiger Sichtbarkeit

Die Diskussion um queere Ampeln offenbart eine tiefere gesellschaftliche Auseinandersetzung. Während Kritiker von „Symbolpolitik" sprechen, argumentieren andere, es gehe lediglich um Symbolpolitik, die konkrete Verbesserungen im Alltag queerer Menschen nicht ersetzen könne. Doch Befürworter sehen die Aktion als wichtigen Schritt, um Solidarität konkret sichtbar zu machen, und der Deutsche Städtetag hat darauf hingewiesen, dass lokale LGBTIQ+-Symbolik das Bewusstsein für Vielfalt stärkt.

Der Kontext ist alarmierend: Laut einer aktuellen Erhebung des Bundesministeriums des Innern ist das Anzeigeverhalten zu queerfeindlichen Straftaten in Deutschland weiterhin steigend – 2023 wurden im gesamten Bundesgebiet über 1.400 Fälle gemeldet, ein besorgniserregender Höchststand seit Beginn der Aufzeichnungen. In diesem Licht gewinnen öffentlich sichtbare Zeichen der Solidarität an Bedeutung, nicht zuletzt, weil sie die gesellschaftliche Haltung zu Vielfalt stärken können.

Parallelen zur deutschen LGBTIQ+-Debatte

Die Vehemenz, mit der Sopjani gegen die Ampeln vorgeht, erinnert an eine breitere Entwicklung in Deutschland. In der Öffentlichkeit stehen aktuell Zeichen, die queere Menschen sichtbarer machen sollen, unter Beschuss. Die Argumentation ähnelt sich dabei häufig: Das Argument, Kinder vor einer vermeintlichen „Frühsexualisierung" schützen zu wollen, wird immer wieder gegen die öffentliche Sichtbarkeit von queeren Menschen genutzt.

Dabei zeigt gerade das Hildesheimer Urteil, wie unbegründet solche Ängste sind. Eine mögliche Verletzung des Erziehungsrechts sei nicht ersichtlich, weil Kinder auch ohne die neuen Piktogramme der Ampeln mit der alltäglichen Realität gleichgeschlechtlicher Paare konfrontiert werden, so die Argumentation des Gerichts.

Der lange Weg zur Akzeptanz

Richter Gonschior sagte, er hoffe nun auf Rechtsfrieden. Doch dieser scheint in weiter Ferne. Sopjani führt noch ein weiteres Verfahren: In seiner Funktion als Ratsherr hat er gegen den Ratsbeschluss der Stadt Hildesheim geklagt – mit offenem Ausgang. Seine Hartnäckigkeit illustriert, wie schwer sich Teile der Gesellschaft mit der bloßen Sichtbarkeit queerer Lebensweisen tun.

Die queeren Ampelpärchen in Hildesheim werden bleiben – zumindest vorerst. Sie leuchten als kleine, aber bedeutsame Zeichen dafür, dass die Stadt zu ihrer diversen Realität steht. Und sie erinnern daran, dass der Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung im öffentlichen Raum noch lange nicht gewonnen ist – selbst nicht bei so scheinbar banalen Dingen wie Ampelfiguren.


Hildesheimer Ratsherr scheitert vor Gericht: Wenn Regenbogen-Ampeln die "gesellschaftliche Realität" zeigen

Ein Kommunalpolitiker aus Hildesheim macht mobil gegen Regenbogen-Ampeln – und zieht nun sogar vor das Bundesverfassungsgericht. Doch sein Kreuzzug gegen gleichgeschlechtliche Ampelpärchen blieb bisher ohne Erfolg. Die Geschichte eines gescheiterten Kampfes gegen die Sichtbarkeit queerer Liebe im öffentlichen Raum wirft Fragen auf: Was bedeutet es, wenn bereits ein Ampelsignal zum Streitpunkt wird? Und was sagt das über den Zustand unserer Gesellschaft aus?

Laut einem Bericht von queer.de hat der Hildesheimer Ratsherr Enver Sopjani Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingelegt. Seit Mitte Juni 2025 zeigen insgesamt 14 Ampelanlagen in Hildesheim bei Grün gleich- und verschiedengeschlechtliche Ampelpärchen. Für den aus der CDU ausgetretenen Politiker, der sich selbst als "wertkonservativ" beschreibt, ist das ein unerträglicher Zustand.

Gerichte sehen keine Rechtsverletzung

Das Verwaltungsgericht Hannover wies im September 2025 die Klage des Bürgers gegen die Umrüstung ab. Die Begründung des Gerichts war eindeutig: Die Vielfaltsampeln bilden auch Männer und heterosexuelle Paare ab. Vielmehr stellten die Vielfaltsampeln die gesellschaftliche Realität dar, mit der auch Kinder außerhalb des Straßenverkehrs konfrontiert seien.

Der vorsitzende Richter fand klare Worte: Es sei "überhaupt nicht erkennbar", dass der Kläger durch die Ampelpärchen in seinen Rechten verletzt sei. Von einer Verletzung des Erziehungsrechts könne keine Rede sein, urteilten die Richter. Die Darstellung verschiedener Paar-Konstellationen auf den Ampeln spiegele gesellschaftliche Realität wider.

Auch beim Oberverwaltungsgericht in Lüneburg beantragte Sopjani Berufung gegen das negative Urteil – diese wurde abgelehnt. Nun versucht er es in Karlsruhe, allerdings mit formalen Argumenten statt inhaltlichen: Er beruft sich auf eine angebliche Verletzung seines "Rechts auf rechtliches Gehör".

Minimale Erfolgsaussichten beim Bundesverfassungsgericht

Doch die Chancen auf Erfolg stehen denkbar schlecht. Im Jahr 2021 hat das Bundesverfassungsgericht 5.059 eingegangene Verfassungsbeschwerden verzeichnet, von denen 4.944 Verfassungsbeschwerden durch die Kammern nicht angenommen wurden. Die Erfolgsquote von Verfassungsbeschwerden liegt bei unter 2% und ist damit sehr gering.

Sopjani selbst scheint wenig Vertrauen in seine Klage zu haben. So erklärte er laut der "Hildesheimer Allgemeinen": "Es zählt der Kampf und nicht das Ergebnis." Eine bemerkenswerte Aussage, die zeigt, dass es ihm offenbar weniger um juristische Erfolgsaussichten als um ein politisches Statement geht.

Eklat im Stadtparlament: "Offenkundig schwulenfeindlich"

2023 fiel Sopjani während der Ratssitzung mit einem Redebeitrag auf, der vom Plenum als homophob kritisiert wurde. So fragte er, ob die Stadt "unsere Kinder negativ beeinflussen" wolle, indem sie schwule und lesbische Symbole auf Ampeln zeige. Mehrere Ratsmitglieder verließen daraufhin den Saal. Der damalige Hildesheimer Linken-Fraktionschef Maik Brückner, heute queerpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, bezeichnete Sopjanis Auslassungen als "offenkundig schwulenfeindlich".

Der Politiker selbst sieht sich als Opfer. Er erklärte, er fühle "sich durch die sogenannten Vielfaltsampeln, mit denen offenkundig homosexuelle Identitäten propagiert werden sollen, in seinem Grundrecht auf Gleichbehandlung diskriminiert." Ein Argument, das angesichts der Tatsache, dass die Ampeln verschiedene Paar-Konstellationen zeigen, kaum nachvollziehbar ist.

Von Wien nach Deutschland: Eine Erfolgsgeschichte der Sichtbarkeit

In der österreichischen Bundeshauptstadt Wien wurden am 11. Mai 2015, anlässlich des Life Balls, des Eurovision Song Contests und der Regenbogenparade drei verschiedene Arten von "Ampel-Pärchen" (hetero, lesbisch, schwul) installiert. Nach weltweit beachtlichem positivem Medienecho entschied Verkehrsstadträtin Vassilakou (Grüne) schon am 18. Mai, dass die Pärchen hängen bleiben werden: "Die Pärchen sind zum beliebten Fotomotiv geworden und haben jetzt schon Kultstatus."

Die Aktion erlangte auch international großes Aufsehen und in Folge wurden in zahlreichen andere Städten im In- und Ausland Ampelpärchen realisiert, unter anderem in München, Utrecht, London, Madrid und Canberra. In Deutschland haben unter anderem Köln, Hannover, Hamburg, Saarbrücken und Mainz solche Ampeln längst.

Die Kosten für die Hildesheimer Aktion wurden auf rund 2.000 Euro beziffert – ein vergleichsweise geringer Betrag für eine Maßnahme, die laut Befürworter*innen Sichtbarkeit und Akzeptanz für unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten schaffen soll.

Sichtbarkeit im öffentlichen Raum: Warum sie wichtig ist

Die Debatte um Regenbogen-Ampeln in Hildesheim ist kein Einzelfall, sondern Teil einer größeren Diskussion über queere Sichtbarkeit im öffentlichen Raum in Deutschland. Das Ziel ist, queere Identitäten im öffentlichen Raum zu normalisieren, Akzeptanz zu stärken und ein klares Signal für Vielfalt und Demokratie zu senden.

"Ob queere Menschen im Alltag gleichberechtigt und angstfrei leben können, entscheidest sich direkt vor Ort", betont Heike Kivelitz vom Vorstand des Queeren Netzwerks NRW. In den Kommunen zeige sich, ob Politik den Mut habe, für Akzeptanz einzutreten und queeres Leben sichtbar zu machen.

In Bremen fordern die Grünen 26 queere Ampeln – als sichtbares Zeichen gegen Diskriminierung und als Mahnung an die 26 queer-feindlichen Straftaten im Jahr 2024. Jede Ampel soll an diese Taten erinnern und gleichzeitig ein Zeichen für Vielfalt setzen. Eine Initiative, die zeigt, dass solche Symbole mehr sind als bloße Dekoration.

Deutschland auf dem Weg zu mehr Akzeptanz – trotz Gegenwind

Deutschland hat sich im ILGA Europe Regenbogen-Ranking deutlich verbessert und gehört nun zu den Top 10 in Europa. Innerhalb der Europäischen Union liegt Deutschland nun auf Platz 8. Ein Erfolg, der zeigt, dass die queerpolitischen Bemühungen Früchte tragen.

Doch trotz dieser Fortschritte bleibt Widerstand. In der Öffentlichkeit stehen aktuell auch Zeichen, die queere Menschen sichtbarer machen sollen, unter Beschuss. Ein Zebrastreifen in Regenbogenfarben zu Ehren des Pride Month in Wiesbaden wurde nach wenigen Tagen mehrmals mit schwarzer Farbe bemalt. Diese Vorfälle zeigen, dass der Kampf um Sichtbarkeit und Akzeptanz noch lange nicht vorbei ist.

Der Fall in Hildesheim macht deutlich: Selbst kleine Symbole der Vielfalt können zu Konfliktfeldern werden. Doch die klare Haltung der Gerichte – dass Ampelpärchen die "gesellschaftliche Realität" abbilden – ist ein wichtiges Signal. Eine Realität, die nicht ausgeblendet werden kann, wie der Richter in Hannover treffend formulierte. Und eine Realität, die es verdient, im öffentlichen Raum sichtbar zu sein – ob auf Ampeln, Flaggen oder Zebrastreifen.


Irischer Lehrer erneut inhaftiert: Der Fall Enoch Burke und die Debatte um Trans*-Rechte

Der Fall des irischen Lehrers Enoch Burke hat international für Schlagzeilen gesorgt – und wirft Fragen über den Umgang mit Trans*-Rechten im Bildungsbereich auf. Burke kehrte weniger als 24 Stunden nach seiner Haftentlassung erneut zur Wilson's Hospital School in Co Westmeath zurück, obwohl ihm dies gerichtlich untersagt war. Am 19. Januar 2026 wurde er von der Gardaí verhaftet und vor den High Court gebracht, der seine sofortige Rückkehr ins Gefängnis anordnete. Der ursprüngliche Bericht von PinkNews dokumentiert die erneute Eskalation eines Konflikts, der seit 2022 andauert.

Die Chronologie eines Dauerkonflikts

Der Konflikt begann im Mai 2022, als die damalige Schulleitung die Lehrkräfte bat, einen neuen Namen und die Pronomen they/them für eine*n Schüler*in zu verwenden. Burke widersetzte sich dem aus religiösen Gründen. Nach Einwänden in einer Lehrerkonferenz und öffentlicher Konfrontation der Schulleitung während eines Gottesdienstes leitete die Schule ein Disziplinarverfahren ein und suspendierte Burke.

Burke hat mittlerweile mehr als 560 Tage im Gefängnis verbracht und Geldstrafen von insgesamt 225.000 Euro angehäuft. Der evangelikale Christ behauptet hartnäckig, wegen seiner religiösen Überzeugungen verfolgt zu werden – eine Darstellung, die irische Gerichte wiederholt zurückgewiesen haben.

Worum geht es wirklich? Richter widersprechen Burke

Ein entscheidender Aspekt, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Burke wurde nicht wegen seiner Ansichten zu Trans*-Themen inhaftiert oder mit Geldstrafen belegt, sondern wegen Missachtung des Gerichts, da er gerichtliche Anordnungen zum Hausfriedensbruch wiederholt missachtete. Das Gericht stellte mit aller Deutlichkeit klar: "Er muss eine Zusicherung geben, dass er das Schulgelände nicht mehr ohne Zustimmung der Schule betritt. Das ist alles. Er muss keine Zusicherung geben, dass er der Anweisung folgt, ein Kind 'they' oder 'them' zu nennen. Er muss nicht aufhören, gegen Transgenderismus zu protestieren. Er muss seine religiösen Überzeugungen nicht im Geringsten ändern".

Die Vorstellung, dass Burke wegen seiner religiösen Überzeugungen inhaftiert wird, sei "Unsinn". Das Gericht verurteile niemanden wegen religiöser Überzeugungen. Burke werde inhaftiert, weil er fremdes Eigentum betrete.

Trans*-Schüler*innen in Deutschland: Ein Vergleich

Der Fall Burke wirft die Frage auf: Wie gehen deutsche Schulen mit Trans*-Schüler*innen um? Die Situation unterscheidet sich grundlegend. In Deutschland wird empfohlen, Trans*-Kinder mit dem selbstgewählten Namen anzusprechen und das Personalpronomen ihrer Wahl zu verwenden – auch die Berliner Senatsverwaltung empfiehlt dies. Der gewünschte Name darf etwa im Klassenbuch und in Schulausweisen eingetragen werden; hierfür ist keine rechtlich verbindliche Vornamensänderung erforderlich.

Allerdings zeigen Studien, dass auch in Deutschland noch erheblicher Handlungsbedarf besteht. Knapp die Hälfte der in einer DJI-Studie befragten jungen Trans*-Personen gab an, an Bildungs- und Arbeitsorten beschimpft, beleidigt oder lächerlich gemacht worden zu sein. Etwa 10 Prozent wurden körperlich angegriffen oder verprügelt. Lehrkräfte bekommen Homo- und Transphobie mit, gehen aber selten davon aus, dass LSBTI*-Jugendliche in ihre Klasse gehen. Die wenigsten fühlen sich kompetent genug.

Religiöse Schulen und LGBTQ+-Rechte in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es Konflikte zwischen religiösen Überzeugungen und LGBTQ+-Rechten im Schulkontext. Christliche Privatschulen in Lippe begründen ihr Einstellungsverbot für homosexuelle Lehrkräfte mit den Glaubensgrundsätzen der Evangelischen Allianz und verweisen auf die eheliche Gemeinschaft als eine "zwischen einem Mann und einer Frau". Diskriminierungen wegen der Sexualität sind auch in Deutschland noch ein Thema – zumindest in Teilen der katholischen Kirche. Selbst wenn solche Handlungsweisen "rechtlich" begründet werden können, sind sie für die meisten Christ*innen eine Diskriminierung von Menschen allein auf Grundlage ihrer geschlechtlichen Prägung.

Der wichtige Unterschied: In Deutschland gibt es umfassende Programme wie "Schule der Vielfalt", die sich aktiv gegen Homo- und Transphobie einsetzen. Das bundesweite Antidiskriminierungsprogramm setzt sich dafür ein, dass an Schulen mehr gegen Homo- und Transphobie und mehr für die Akzeptanz von unterschiedlichen Lebensweisen getan wird. Im Schulprojekt können sich Schüler*innen und Lehrkräfte für ihre Schule der Vielfalt einsetzen.

Was können wir aus dem Fall Burke lernen?

Der Fall Enoch Burke ist kein Kampf um Religionsfreiheit, sondern ein Beispiel für die Weigerung, grundlegende rechtliche Grenzen anzuerkennen. Ein auf Zivilrecht spezialisierter Anwalt beschrieb die Situation als einzigartig: Er habe noch nie jemanden unter diesen Umständen erlebt, der nicht in der Lage war zu begreifen, warum er sich in dieser Position befindet.

Für Trans*-Jugendliche in Irland und anderswo sendet der Fall jedoch eine beunruhigende Botschaft: Ihre Identität und ihre Rechte werden weiterhin zur Debatte gestellt. In Deutschland zeigen Projekte wie "Schule der Vielfalt" und die klaren Empfehlungen der Bildungsverwaltungen einen anderen Weg: Schule sollte ein Ort sein, an dem Kinder erfahren, dass transidente Menschen zur Normalität gehören.

Der Fall Burke erinnert uns daran, dass der Schutz von Trans*-Rechten – insbesondere von vulnerablen Trans*-Jugendlichen – keine Verhandlungssache ist, sondern eine Frage der Menschenwürde und des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.


Elke Winter präsentiert "Rosa Wölkchen 2026" – Glamouröse Fastnachtsshow feiert queere Vielfalt

Am Montag, 9. Februar 2026, um 21.45 Uhr strahlt der Hessische Rundfunk (hr) zum zweiten Mal die schillernde Fastnachtsshow „Rosa Wölkchen" aus, moderiert von der charmanten und scharfzüngigen Travestiekünstlerin Elke Winter. Die Show, die am 19. Januar 2026 im Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt aufgezeichnet wurde, verspricht eine moderne und diverse Interpretation der traditionellen Fastnacht.

Wenn Tradition auf queere Lebensfreude trifft

Wenn Elke Winter die Bühne betritt, bleibt kein Auge trocken – die Travestiekünstlerin präsentiert „Rosa Wölkchen" bunt, frech und garantiert divers. Die Show steht unter dem inoffiziellen Motto "traditionell - originell - homosexuell" und verbindet Comedy, Bühnenunterhaltung und Musik zu einer zeitgemäßen Fastnachtsrevue, die zeigt, dass queere Kultur und rheinische Tradition keineswegs im Widerspruch stehen müssen.

In Deutschland hat die Verbindung von Fastnacht und LGBTQ+-Kultur eine wachsende Bedeutung. Während Berlin mit seiner Christmas Avenue am Nollendorfplatz queere Winterkultur zelebriert und München mit dem Pink Christmas im Glockenbachviertel Akzente setzt, bietet „Rosa Wölkchen" eine wichtige Plattform für queere Sichtbarkeit zur Fastnachtszeit.

Ein buntes Ensemble voller Talent

An Elke Winters Seite sorgen Till Frömmel, ein junges Comedy-Talent aus Mecklenburg-Vorpommern mit spontanen Improvisationen für Lacher, der Ausnahme-Akrobat Philipp Tigris begeistert mit einer spektakulären Körperkunst-Performance, während Wanda Kay musikalische Power und Glamour in den Saal bringt, und DJ Maximus sowie Stas Neufeld der Show mit ihrem modernen Stil das gewisse Etwas verleihen.

Die Mischung aus etablierten Künstler:innen und Newcomern spiegelt wider, wie eine farbenfrohe Kombination aus talentierten Travestie-Künstlerinnen – von aufregenden Newcomer-Queens bis hin zu erfahrenen Drag-Ikonen – für unvergessliche Unterhaltung sorgt.

Die Bedeutung queerer Fastnacht

Elke Winter, bekannt als „Queen of Comedy", bringt ihre unnachahmliche Mischung aus scharfem Humor und mitreißendem Entertainment in die Sendung ein. Ihre Moderation steht symbolisch für einen Wandel in der deutschen Unterhaltungslandschaft, in der Drag-Künstler:innen Make-up und fabelhafte Outfits nutzen, um mit Geschlechter-Klischees, Vorurteilen und Stereotypen zu spielen, während Drag-Shows den Diskurs über Geschlechterrollen, Identität und Vielfalt fördern.

Die Show ist Teil einer größeren Bewegung in Deutschland, die queere Kultur in traditionelle Formate integriert. Der hr präsentiert in der Fastnachtssaison neben „Rosa Wölkchen" auch „Hessen lacht zur Fassenacht" mit Axel Heilmann und „Die Hessische Weiberfastnacht" mit Michaela Hartnagel-Keil, wodurch verschiedene Zielgruppen angesprochen werden.

Vielfalt als Programm

„Rosa Wölkchen" verbindet Comedy, Akrobatik und Musik zu einem Gesamtkunstwerk, das deutlich macht: Fastnacht kann modern, inklusiv und gleichzeitig traditionsbewusst sein. Die Show ist mehr als nur Unterhaltung – sie ist ein Statement für Sichtbarkeit, Akzeptanz und die Freude an Vielfalt.

In einer Zeit, in der Drag- und Boylesque-Festivals in deutschen Großstädten wie Berlin und Köln zunehmend populär werden und queere Unterhaltungsformate von Drag Voyage bis zu den Night Queens begeisterte Anhänger:innen finden, zeigt „Rosa Wölkchen", dass diese Kunstform auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ihren festen Platz hat.

Sendetermin und Ausblick

„Rosa Wölkchen" wird am Montag, 9. Februar 2026, um 21.45 Uhr im hr-Fernsehen ausgestrahlt. Die Show verspricht einen Abend voller Glamour, Witz und überraschender Momente – eine freche, bunte und zeitgemäße Fastnachtsrevue, die zeigt, dass Tradition und Moderne, Fastnacht und queere Kultur wunderbar zusammenpassen.

Mit Elke Winter als Gastgeberin setzt der Hessische Rundfunk ein wichtiges Zeichen für Diversität in der deutschen Unterhaltungslandschaft und beweist, dass „Rosa Wölkchen" für eine moderne, queere und mitreißende Interpretation der Fastnacht steht.


Wenn Staatsfernsehen zur Hassmaschine wird: Türkeis "Regenbogenfaschismus"-Propaganda

Am 18. Januar 2026 startete auf tabii, der Streamingplattform des türkischen Staatssenders TRT, eine mehrteilige "Dokumentation" mit einem Titel, der einem Fassungslosigkeit abringt: "Gökkusagi Fasizmi" – "Regenbogenfaschismus". TRT steht unter der Kritik der Gleichschaltung und wird vorgeworfen, ein parteiischer Propagandaapparat der Regierungspartei AKP von Präsident Erdoğan zu sein. Nun nutzt dieser Sender öffentliche Gelder, um gegen die LGBTQ+-Community zu hetzen.

Die Produktion richtet sich laut TRT gegen "ideologischen Einfluss von LGBTQ+-Aktivismus" und angebliche "Angriffe auf traditionelle Familienwerte". Im Trailer zeigt ein Elefant mit regenbogenfarbenem Rüssel, der ein gläsernes Kinderzimmer zerstört – eine Metapher, die bewusst queere Menschen mit Gewalt gegen Kinder assoziiert. "Hört ihr das? Das sind die Schritte des Faschismus", kommentiert eine Voice-Over-Stimme. Diese Bildsprache bedient klassische Vorurteile rechtspopulistischer Milieus: Queere Menschen werden als Bedrohung für Kinder dargestellt, der hysterische Vorwurf latenter Pädosexualität schwingt unüberhörbar mit.

Systematische Hetze mit Steuergeldern

In bei X veröffentlichten Ausschnitten werden zu bedrohlicher Musik "Männer" im Frauensport als Gefahr inszeniert, die "Transgender-Bewegung" als "institutionalisierter Kindesmissbrauch" bezeichnet und behauptet, Geschlechtsanpassungen lägen im Trend. TRT-Generaldirektor Mehmet Zahid Sobaci kommentierte: "Wir entlarven einen ideologischen Komplex, der einen Kreuzzug gegen die Institution der Familie führt, der unsere Kinder und Werte ins Visier nimmt".

Erdoğan bezeichnet die LGBTQ-Bewegung als "perverse Ideologie", die Teil einer ausländischen Verschwörung mit dem Ziel sei, die Gesellschaft zu untergraben. Bei einem Auftritt in Ankara zum "Jahr der Familie" betonte er, es sei die Verantwortung aller, "unsere Kinder und Jugendlichen vor schädlichen Trends und perversen Ideologien" zu schützen. Die TRT-Dokumentation erscheint als mediale Begleitung dieser Politik – finanziert mit öffentlichen Mitteln.

Deutsche Parallelen: Die Verantwortung öffentlich-rechtlicher Medien

Was in der Türkei geschieht, mag aus deutscher Perspektive unvorstellbar erscheinen. Doch Viktor Orbán, Vorbild der autoritären Rechten in Europa, hat kurz nach seinem Wahlsieg 2010 die Kontrolle über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erlangt und ihn in einen Propagandasender seiner Partei Fidesz umgebaut. Rechtspopulistische Parteien sehen öffentlich-rechtliche Medien als Teil einer "korrupten Elite" an, die gegen die Interessen des "eigentlichen Volkes" arbeitet – dabei stören sie sich daran, dass öffentlich-rechtliche Medien ihrem Auftrag entsprechend pluralistisch berichten.

Mediale Repräsentationen von LSBTIQ* haben maßgeblichen Einfluss auf gesellschaftliche Einstellungen – bei der Vermittlung von Anliegen und Alltag der Community haben Medienschaffende und Journalist*innen eine große Verantwortung. In Deutschland zeigen Studien, dass Straftaten gegen queere Menschen 2022 auf insgesamt 1.422 gestiegen sind, wobei von einer besonders hohen Dunkelziffer ausgegangen wird. Umso wichtiger ist eine sachliche, respektvolle Berichterstattung.

Aufschrei der türkischen LGBTQ+-Community

Die Ankündigung der Dokumentation löste in der türkischen LGBTQI+-Community einen Aufschrei aus. KaosGL (Kaos Gay and Lesbian Cultural Research and Solidarity Association) verurteilte die "hasserfüllte" Dokumentation scharf. Chefredakteur Yildiz Tar kritisierte, dass öffentliche Mittel verschwendet werden, um Sündenböcke zu erzeugen und Hass zu schüren: "Wenn sie irgendwo öffentliche Mittel verschleudern wollen, sollten sie sich mal umdrehen und auf die echten Probleme der Menschen schauen. Aber was tut TRT, während das Land inmitten einer Wirtschaftskrise steckt?"

Die LGBT+-Kommission der Menschenrechtsorganisation IHD (Insan Haklari Dernegi) forderte TRT auf, die Veröffentlichung zu unterlassen. Sie wertete den Inhalt als "Hasspropaganda", die eine Minderheit als "dunkle Gefahr" dämonisiere und die Koexistenz von Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten weiter vergifte.

Systematische Verschärfung unter Erdoğan

Mit Blick auf Erdoğans dritte Amtszeit erwarten LGBT-Aktivistinnen und -Aktivisten eine weitere Einschränkung ihrer Rechte und Freiheiten – die öffentliche Dämonisierung von Menschen aus der LGBT-Community lässt nicht nach und schürt nicht nur Besorgnis um ihre Rechte, sondern auch um ihre persönliche Sicherheit.

Im Vorfeld der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2023 wurde das Thema LGBT vom Regierungslager aktiv zur Mobilisierung konservativer Wählerschichten genutzt – Erdoğan und sein Innenminister Süleyman Soylu bezeichneten queere Menschen immer wieder als "pervers", ja selbst als "Terroristen", und der Präsident griff das Thema auf seinen Kundgebungen regelmäßig auf. Homosexualität ist in der Türkei zwar nicht strafbar, LGBT-Kundgebungen werden aber seit 2015 nicht mehr zugelassen – finden dennoch Versammlungen statt, werden sie von der Polizei gewaltsam aufgelöst.

Ein geplanter Gesetzesentwurf würde jedes Verhalten unter Strafe stellen, das als "dem biologischen Geschlecht und der allgemeinen Moral widersprechend" gilt – das würde faktisch bedeuten, dass queere Identität kriminalisiert wird, auch jede "Förderung" solcher Lebensweisen soll verboten werden. Im Dezember wurde ein solches Gesetzespaket, das "Homo-Propaganda" oder gleichgeschlechtliche Verlobungs- oder Hochzeitszeremonien mit Geld- und Haftstrafen sanktioniert hätte, vorerst auf Eis gelegt.

Wenn Medien zur Waffe werden

Die TRT-Dokumentation "Regenbogenfaschismus" ist mehr als nur schlechter Journalismus – sie ist ein alarmierendes Beispiel dafür, wie Staatsmedien zur Waffe gegen Minderheiten werden können. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sichert die pluralistische, staatsferne und unabhängige Berichterstattung und kann ein Punkt der Orientierung auch im Angesicht von Desinformationskampagnen sein – es ist wichtig, dass er diese bewährte Funktion ausfüllen kann.

In Deutschland und Europa sollten wir genau hinsehen, was in der Türkei geschieht. Die Verwandlung öffentlich-rechtlicher Medien in Propagandainstrumente beginnt schleichend – mit politischem Druck, der Umbesetzung von Gremien, der systematischen Diskreditierung als "Mainstream-Medien". Was folgt, zeigt die Türkei eindrücklich: Hassdokumentationen gegen Minderheiten, finanziert von Steuerzahlern, die selbst zur Zielscheibe werden.

Die Wehrhaftigkeit der Demokratie beginnt beim Schutz ihrer Institutionen – und öffentlich-rechtliche Medien gehören zu den wichtigsten davon.


Sicherheitsbedenken: Englischer LGBTQ+-Fanclub boykottiert Fußball-WM in den USA

Der offizielle LGBTQ+-Fanclub der englischen Nationalmannschaft, "Three Lions Pride", hat bekanntgegeben, dass er die FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den Vereinigten Staaten boykottieren wird. Die Gruppe nennt ernsthafte Bedenken bezüglich Sicherheit, Menschenrechten und "erschreckende Entscheidungen" der FIFA als Grund für ihre Entscheidung, wie queer.de berichtet. Die Entscheidung wirft ein Schlaglicht auf die zunehmend prekäre Situation für queere Menschen in Teilen der USA – und erinnert deutsche LGBTQ+-Fußballfans an die eigene Arbeit für Akzeptanz in den Stadien.

Von Hoffnung zu Ernüchterung

In einer deutlichen Stellungnahme erklärte die Gruppe, ihre Hoffnungen auf ein sicheres und inklusives Umfeld für LGBTQ+-Fans bei der WM 2026 seien "vollständig und nachhaltig vernichtet" worden. Die WM findet vom 11. Juni bis 19. Juli 2026 in den USA, Kanada und Mexiko statt, wobei drei Viertel der Spiele – einschließlich des Finales – in den Vereinigten Staaten ausgetragen werden. England wird alle drei Gruppenspiele auf US-amerikanischem Boden bestreiten.

Three Lions Pride argumentiert, dass ein "gefährlicher Rückschritt bei den Menschenrechten" in Teilen der USA ihre Mitglieder – insbesondere trans- und nichtbinäre Personen – einem erhöhten Risiko von Diskriminierung und Gewalt aussetzt. Transgender-Personen sind besonders gefährdet: Seit 2013 wurden 372 transgender und gender-diverse Menschen in den USA getötet. Die Rechte von Transgender-Personen haben seit Beginn von Donald Trumps zweiter Präsidentschaft erhebliche Einbußen erlitten.

Dramatischer Vorfall in Minneapolis

Die Gruppe verwies auf einen besonders erschütternden Vorfall: Am 7. Januar 2026 wurde Renee Good, eine 37-jährige US-Bürgerin, von einem Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis erschossen. Good war laut Augenzeugen unterwegs, um Nachbarn während einer Immigrationsrazzia zu unterstützen, als es zur tödlichen Konfrontation kam. Three Lions Pride zitierte die Tötung einer amerikanischen Bürgerin durch ICE-Beamte in Minneapolis als Beweis für die Risiken durch aggressive Polizeiarbeit und Strafverfolgung. Der Fall löste landesweite Proteste aus und vertiefte die Spannungen zwischen der Trump-Regierung und zahlreichen US-Städten.

Nicht der erste Boykott

Three Lions Pride wurde vor der WM 2018 in Russland gegründet und zählt inzwischen rund 350 Mitglieder. Die Gruppe entschied sich bereits 2022, nicht zur WM nach Katar zu reisen – ebenfalls aus Sicherheitsbedenken. Damals wurden Fans mit Regenbogenfahnen wiederholt schikaniert.

Die Entscheidung der Gruppe trägt zur wachsenden Kritik von LGBTQ+-Gemeinschaften weltweit bei, die argumentieren, dass die FIFA wiederholt kommerzielle und politische Interessen über die Sicherheit und Inklusion marginalisierter Fans gestellt hat. Eine Koalition von Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften und Fangruppen warnt, dass die eskalierenden Angriffe auf Immigranten in den USA, die Streichung von Anti-Diskriminierungsbotschaften durch die FIFA und Bedrohungen der Pressefreiheit ein Turnier signalisieren, das in die falsche Richtung geht.

Kritik an FIFA und Ticketpreisen

Three Lions Pride kritisierte in ihrer Stellungnahme auch Fragen der Barrierefreiheit für Fans mit Behinderungen und das dynamische Preissystem für Tickets als "FIFAs Entscheidung, Fans finanziell auszubeuten". Die Gruppe erklärte, sie könne die "erschreckenden Entscheidungen" der FIFA nicht durch "stillschweigende Akzeptanz durch unsere sichtbare Teilnahme als Gruppe" billigen.

Allerdings betonte Three Lions Pride, dass sie LGBTQ+-England-Fans, die unabhängig zum Turnier reisen, weiterhin unterstützen und ihnen Fernberatung, wichtige Kontakte und Orientierung anbieten werden.

Die Situation in Deutschland: Fortschritte und Herausforderungen

Für deutsche LGBTQ+-Fußballfans ist die Situation differenzierter. Queer Football Fanclubs (QFF), ein Netzwerk europäischer schwul-lesbischer Fußball-Fanclubs, wurde 2007 gegründet und setzt sich derzeit aus 24 deutschen, drei Schweizer und je einem niederländischen und englischen Fanclub zusammen. QFF spricht mittlerweile für ca. 1.200 Mitglieder.

Mittlerweile haben mehrere Fußballvereine in Deutschland schwul-lesbische Fanklubs – als erster offizieller Klub dieser Art gilt der Fanklub "Hertha-Junxx" von Hertha BSC, der im August 2001 entstand, weitere Gründungen in anderen Bundesligastädten folgten. Ein Großteil der Bundesliga-Clubs beherbergt inzwischen queere Fan-Clubs, die auch sichtbar in die Choreographien auf den Rängen eingebunden sind, und zahlreiche Fangruppierungen unterstützen Coming-Out-Pläne von Profi-Fußballern in einem offenen Brief.

Seit Januar 2022 unterhält der DFB eine Anlaufstelle für LGBTIQ+, deren Projektträger der Lesben- und Schwulenverband Deutschland ist. Seit der Saison 2022/2023 hat der DFB seine Spielordnung so angepasst, dass trans-, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen entsprechend ihrer Identität entscheiden können, ob sie in der Frauen- oder Männersektion spielen möchten – die Regelung gilt für den gesamten Amateurfußball.

Kontroversen rund um die WM 2026

Die WM 2026 ist bereits jetzt von zahlreichen Kontroversen überschattet. Seattles Pläne, am 26. Juni ein offizielles Pride-Match auszurichten – passend zum Pride-Wochenende und dem Jahrestag der Obergefell v. Hodges-Entscheidung, die die gleichgeschlechtliche Ehe in den USA legalisierte – eskalierten zu einem diplomatischen Konflikt, nachdem die Auslosung ergab, dass ausgerechnet Ägypten gegen Iran spielen würde. Der ägyptische Fußballverband erklärte, er "lehne kategorisch solche Aktivitäten ab, die den kulturellen, religiösen und sozialen Werten in der Region direkt widersprechen", und forderte die FIFA auf, die Feierlichkeiten zu stoppen, um "kulturelle und religiöse Sensibilitäten zu vermeiden".

Die WM 2026 ist die erste, die mit in den Bewerbungsprozess eingebetteten Menschenrechtskriterien begann, aber die sich verschlechternde Menschenrechtssituation in den USA hat diese Verpflichtungen gefährdet. Die Sport & Rights Alliance hat mehrere kritische Bereiche identifiziert, in denen Regierungspolitiken in den Gastgeberländern von 2026 – insbesondere in den USA unter Präsident Donald Trump – erhebliche und unmittelbare Risiken für Menschenrechte darstellen.

Ein Signal an die FIFA

Der Boykott von Three Lions Pride ist mehr als eine symbolische Geste. Die Gruppe warnte, das Turnier riskiere leere Sitze, den Ausschluss loyaler Fans und "zahlreiche Menschenrechtsverletzungen aufgrund von Behinderung, Rasse, Geschlecht und Sexualität", und richtete einen direkten Vorwurf an FIFA-Präsident Gianni Infantino, er "sollte sich schämen".

Für deutsche LGBTQ+-Fans ist die Entscheidung ein Weckruf: Während hierzulande Fortschritte erzielt wurden, zeigt die Situation in den USA, wie fragil queere Rechte bleiben – selbst in vermeintlich progressiven westlichen Demokratien. Die Frage, ob Fußball wirklich für alle da ist, wird die WM 2026 auf eine harte Probe stellen.


Gewalt in der U-Bahn: Wenn ein Kuss zur Gefahr wird

Ein Kuss in der Öffentlichkeit – für viele queere Menschen eine Selbstverständlichkeit, die längst sein sollte. Doch die Realität sieht anders aus. In New York wurde ein 28-jähriger Mann von seinem Freund in der U-Bahn geküsst, als ein Unbekannter homophobe Beleidigungen rief und ihn dann mit einem scharfen Gegenstand ins Gesicht schnitt. Der Vorfall ereignete sich am 10. Januar auf der Linie 6 und zeigt einmal mehr: Queere Sichtbarkeit wird bestraft – auch in vermeintlich liberalen Metropolen.

Die New Yorker Polizei behandelt den Angriff als vorurteilsmotivierte Straftat, der Täter ist weiterhin flüchtig. Das Opfer wurde mit einer Gesichtsverletzung ins Krankenhaus gebracht, die körperlichen Wunden werden heilen. Die psychischen Narben aber bleiben – nicht nur bei ihm, sondern bei der gesamten queeren Community, die sich fragt: Wo sind wir noch sicher?

Deutschland: Ein ähnliches Bild der Gewalt

Wer nun denkt, solche Attacken seien ein US-amerikanisches Phänomen, irrt gewaltig. In Deutschland zeigt sich ein besorgniserregender Anstieg queerfeindlicher Straftaten: 2023 wurden 1.785 solcher Taten erfasst – ein Anstieg von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht.

Besonders alarmierend: Die Hälfte der erfassten queerfeindlichen Straftaten spielten sich 2023 im öffentlichen Raum und in öffentlichen Verkehrsmitteln ab. Eine Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte zeigt, dass 15 Prozent der Hassverbrechen gegen LGBTIQ*-Personen in Deutschland in öffentlichen Verkehrsmitteln stattfinden – Orte, an denen man sich eigentlich sicher fühlen sollte.

In Berlin, das sich gerne als queere Hauptstadt Europas versteht, erreichte die Zahl queerfeindlicher Straftaten 2023 mit 588 Vorfällen einen neuen Höchststand. Eine Untersuchung der Anti-Gewalt-Organisation Maneo ergab, dass 2023 insgesamt 1.014 Fälle homophober Gewalt gemeldet wurden – ein Anstieg von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das Dunkelfeld ist erschreckend groß

Doch diese Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs. 96 Prozent der Betroffenen von Hate Speech und 87 Prozent der Opfer körperlicher oder sexueller Übergriffe erstatten keine Anzeige – aus Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen der Polizei oder weil sie das Vergehen für „zu gering" halten.

Die Realität vieler queerer Menschen in Deutschland beschreibt der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) treffend: "Queere Menschen müssen in Deutschland jedes Mal darüber nachdenken, ob sie beispielsweise in der Öffentlichkeit Händchen halten oder anders als queer sichtbar sind. Das ist ein deutlicher Einschnitt in die persönliche Freiheit."

Öffentliche Verkehrsmittel als Gefahrenzone

Trans*-Personen erleben öffentliche Verkehrsmittel als besonders bedrohlich – die räumliche Nähe zu anderen, die Flüchtigkeit der Begegnungen und fehlende Fluchtmöglichkeiten schaffen ein Gefühl permanenter Gefahr. 66 Prozent der befragten trans* Personen in Berlin haben in den letzten fünf Jahren Gewalt erlebt, fast die Hälfte im vergangenen Jahr.

Der New Yorker Fall erinnert schmerzlich daran, dass ein simpler Kuss – ein Ausdruck von Liebe und Zuneigung – zur Zielscheibe von Hass werden kann. Und er zeigt: Ob New York oder Berlin, ob U-Bahn oder S-Bahn – queere Menschen sind nirgendwo automatisch sicher.

Was muss sich ändern?

Bundesinnenministerin Nancy Faeser betont: „Queerfeindliche Gewalt muss als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden. Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend". Doch Worte allein reichen nicht.

Es braucht mehr als Statistiken und Lageberichte. Einige deutsche Städte und Bundesländer haben bereits Ansprechpersonen bei der Polizei ernannt, darunter Hamburg, Berlin, Köln und Bayern – ein wichtiger Schritt, um Vertrauen aufzubauen und die Anzeigenbereitschaft zu erhöhen.

Doch solange queere Menschen vor jedem Kuss, vor jeder zärtlichen Geste erst ihre Umgebung scannen müssen, solange sie nachts die U-Bahn meiden oder bestimmte Viertel umgehen – solange ist unsere Gesellschaft nicht wirklich frei. Der Angriff in New York ist kein Einzelfall. Er ist ein Weckruf – für uns alle.

Wenn du von queerfeindlicher Gewalt betroffen bist, findest du Unterstützung bei LSVD e.V., beim Anti-Gewalt-Projekt Maneo (Berlin) oder bei der Polizei unter 110. In vielen Städten gibt es spezialisierte Ansprechpersonen für LGBTIQ*-Angelegenheiten.


Das Ende einer Ära: Letzter Brunos-Laden in Berlin geschlossen – wenn queere Räume verschwinden

Es ist das bittere Ende einer jahrzehntelangen Geschichte: Am 6. Januar 2025 schloss der letzte Brunos-Laden in Berlin seine Türen – abrupt, chaotisch und ohne Vorwarnung für die Mitarbeiter. Was einst als größtes schwules Unternehmen Deutschlands galt, ist nun endgültig Geschichte. Die Schließung wirft Fragen auf, die weit über ein einzelnes Geschäft hinausgehen: Was bedeutet es, wenn queere Orte aus dem Stadtbild verschwinden?

Fristlose Kündigung ohne Vorwarnung

Die Geschichte der Bruno Gmünder GmbH reicht zurück bis 1981, als Bruno Gmünder und Christian von Maltzahn den Verlag unter dem Motto gründeten: „Wir sind homo, wir machen homo und wir wollen dem Homo zum Buch verhelfen." In Berlin eröffnete 1988 der erste Laden Bruno's, der sich zu einem wichtigen Treffpunkt für die schwule Community entwickelte.

Doch die Schließung am 6. Januar kam für die Mitarbeiter völlig überraschend. Ein langjähriger Angestellter beschreibt gegenüber MANNSCHAFT den Schock: „Morgens um 10 Uhr wurde uns eröffnet, dass das Unternehmen pleite wäre und wir ab 11 Uhr den Laden schließen würden und wir alle dann fristlos entlassen sind. Ohne Vorwarnung, ohne Zeugnisse." Auch das letzte Gehalt wurde nicht gezahlt. Die offizielle Website befindet sich im „Wartungsmodus", auf Social Media schweigt das Unternehmen – Geschäftsführer Franz Landgraf-Happach reagiert nicht auf Anfragen.

Eine bewegte Geschichte zwischen Erfolg und Insolvenz

Nach einer ersten Insolvenz 2014 wurde das Unternehmen 2014 von Frank Zahn gekauft, doch als Zahn im Februar 2017 unerwartet starb, meldete das Unternehmen erneut Insolvenz an. Seit November 2017 hatten die Bruno's-Läden neue Betreiber, doch auch dieser Neustart scheiterte. Im Sommer 2024 wurden bereits die Standorte in München, Köln und Hamburg aufgegeben – nur der Berliner Laden im Regenbogenkiez sollte bleiben.

Ein Mitarbeiter beschreibt die letzten Monate als chaotisch: Es landete immer weniger Qualitätsware in den Regalen, dafür aber zu hohen Preisen. Zuletzt wurden noch Unmengen an Dekomaterial aus den bereits geschlossenen Shops nach Berlin gebracht. Sogar der Bezahldienst PayPal verweigerte die Zusammenarbeit.

Ein Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen

Die Schließung von Brunos ist symptomatisch für einen größeren Trend: Queere physische Räume verschwinden zunehmend aus deutschen Städten. Die queere Buchhandlung Eisenherz existiert seit 1978 im Regenbogenkiez und gehört zu den wenigen verbliebenen Orten ihrer Art. Viele schwule Buchhändler können ihren Laden nur noch weiterführen, weil sie ihn privat mitfinanzieren – der Stuttgarter Erlkönig veröffentlichte 2018 einen Hilferuf.

Der Stadtteil Schöneberg, heute international als Regenbogenkiez bekannt, konzentrierte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Berliner Homosexuellenszene. Orte wie Brunos waren mehr als Geschäfte – sie waren sichere Anlaufpunkte, kulturelle Zentren und Identifikationsorte für mehrere Generationen queerer Menschen.

Digitalisierung als zweischneidiges Schwert

Landgraf-Happach erklärte im vergangenen Jahr, dass sich die Kundschaft stark verändert habe. Während man erstaunlicherweise noch immer Umsatz mit Porno-DVDs und Gleitgel mache, sei der Absatz von Büchern, Magazinen und Reiseführern zurückgegangen. Die Digitalisierung und veränderte Konsumgewohnheiten setzen spezialisierte Einzelhändler massiv unter Druck.

Doch der Verlust geht über wirtschaftliche Aspekte hinaus. Brunos etablierte sich seit 1988 als wichtige Shopping- und Erlebniswelt für die queere Community – die Geschäfte waren sichere Treffpunkte für queere Menschen aller Altersgruppen und dienten als kulturelle Zentren. Diese Funktion kann ein Onlineshop nicht ersetzen.

Parallelen in Deutschland: Queere Räume unter Druck

Die Situation in Deutschland ähnelt der internationalen Entwicklung besorgniserregend. Während einige neue queere Buchhandlungen entstehen – wie She said in Berlin-Neukölln oder spezialisierte Angebote wie Querverlag, der 1995 als „Deutschlands erster lesbisch-schwuler Buchverlag" gegründet wurde und diese Kontinuität seit 30 Jahren schafft – bleibt die Lage fragil.

In den meisten Buchhandlungen ist queere Literatur nur spärlich vertreten, außer in queeren Buchhandlungen, deren Fokus meist auf schwul-lesbischer Literatur liegt. Die wenigen verbliebenen spezialisierten Läden kämpfen ums Überleben, während gleichzeitig der Bedarf an sicheren, inklusiven Räumen gerade in Zeiten erstarkender rechtspopulistischer Tendenzen steigt.

Was bleibt?

Der Bruno Gmünder Verlag selbst wurde von Salzgeber Medien übernommen und wird dort als Marke Bruno Books fortgeführt. Doch die physischen Orte, an denen sich Community bilden konnte, sind nun verschwunden. Mit ihnen geht ein Stück queerer Infrastruktur verloren – Orte des Austauschs, der Begegnung und des Sich-Zuhause-Fühlens.

Die chaotische Schließung ohne Rücksicht auf Mitarbeiter und Kunden wirft zudem Fragen nach Verantwortung und Wertschätzung auf. Die Community verliert nicht nur einen Laden, sondern auch das Vertrauen in Institutionen, die sich jahrzehntelang als Teil ihrer Identität verstanden haben.

Das Ende von Brunos mahnt: Queere Räume sind keine Selbstverständlichkeit. Sie brauchen Unterstützung, Solidarität und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Wer sie verliert, verliert mehr als ein Geschäft – er verliert ein Stück Zugehörigkeit und Geschichte.


„Darauf ausgelegt, zu einem negativen Ergebnis zu kommen": Trans-Rechtsgruppe übt scharfe Kritik an NHS-Pubertätsblocker-Studie

Die umstrittene britische PATHWAYS-Studie zu Pubertätsblockern steht im Kreuzfeuer internationaler Kritik. Die europäischen, weltweiten und US-amerikanischen Berufsverbände für Transgender-Gesundheit (EPATH, WPATH und USPATH) äußerten, dass die von der britischen Regierung in Auftrag gegebene NHS-Studie, die das körperliche, soziale und emotionale Wohlbefinden von 220 Jugendlichen untersuchen soll, mit „international anerkannten ethischen Standards" in Konflikt steht. Auch die führende britische Trans-Rechtsorganisation TransActual schlägt Alarm.

„Inhärent zwingend und unangemessen"

Chay Brown, Gesundheitsdirektor von TransActual, äußert sich in einem Interview mit dem British Medical Journal deutlich: Die Methodik der Studie sei „inhärent zwingend und unangemessen in dem, was sie misst – als wäre sie darauf ausgelegt, zu einem negativen Ergebnis zu kommen". Brown kritisiert, dass die geschlechtsbezogene Gesundheitsversorgung für junge Menschen zu einem „Durcheinander" geworden sei, „das Patienten mit Misstrauen behandelt und Behandlungen verzögert und verbietet, basierend darauf, dass Trans-Sein als Risiko und nicht als natürliche menschliche Variation behandelt wird".

Die Studie verlangt von Minderjährigen unter 16 Jahren, sich über 13 Stunden medizinischen Untersuchungen zu unterziehen, bevor sie Zugang zu der Behandlung erhalten können – ein Vorgehen, das Kritiker als „invasiv und belastend" bezeichnen. Diese Hürden werfen grundsätzliche Fragen zur Freiwilligkeit der Studienteilnahme auf, da die PATHWAYS-Studie derzeit der einzige Weg ist, über den britische Jugendliche überhaupt noch Zugang zu Pubertätsblockern erhalten können.

Der Kontext: Streeting verlängert umstrittenes Verbot

Gesundheitsminister Wes Streeting von der Labour-Regierung kündigte im Dezember 2024 ein unbefristetes Verbot von Pubertätsblockern für unter 18-Jährige mit Geschlechtsdysphorie an, da diese ein „inakzeptables Sicherheitsrisiko" darstellen würden. In einer Erklärung betonte Streeting, dass man bei „dieser vulnerablen Gruppe junger Menschen mit Vorsicht handeln" müsse. Die Entscheidung folgte auf die stark umstrittene Cass Review, die von der vorherigen konservativen Regierung in Auftrag gegeben wurde.

Interessanterweise werden Pubertätsblocker weiterhin cis-geschlechtlichen Kindern bei Erkrankungen wie vorzeitiger Pubertät verschrieben – ein Detail, das die Kritik verstärkt, dass es hier weniger um medizinische Evidenz als um politische Ideologie geht. Brown argumentiert, dass Pubertätsblocker als effektive Intervention gelten würden, „wenn sie nicht mit Trans-Sein assoziiert wären".

Parallelen zu Deutschland: Ein anderer Weg?

Während Großbritannien einen restriktiven Kurs einschlägt, verläuft die Debatte in Deutschland differenzierter. Die Bundesregierung empfiehlt nicht die Einnahme von Pubertätsblockern, stellt jedoch klar, dass die Entscheidung über die Verschreibung ausschließlich im Ermessen der behandelnden Fachärztinnen und -ärzte liegt. Der Deutsche Ärztetag forderte 2024, dass Pubertätsblocker und geschlechtsumwandelnde Hormontherapien bei unter 18-Jährigen nur im Rahmen kontrollierter wissenschaftlicher Studien, unter Hinzuziehen eines multidisziplinären Teams sowie einer klinischen Ethikkommission zugelassen werden sollten.

Deutsche Fachgesellschaften arbeiten aktuell an einer neuen S2k-Leitlinie zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz. Im Gegensatz zum britischen Ansatz setzen Experten wie Professor Georg Romer vom Universitätsklinikum Münster auf eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung bei jeder einzelnen Behandlungsentscheidung.

Wissenschaftliche Evidenz vs. politischer Druck

Brown verweist auf Studien, die zeigen, dass Pubertätsblocker sicher, effektiv und potenziell lebensrettend sind. Er zitiert den kanadischen Arzt Dr. Gordon Guyatt, der den Begriff „evidenzbasierte Medizin" prägte: „Es ist zutiefst fehlgeleitet, Gesundheitsversorgung, die auf Evidenz mit geringer Sicherheit basiert, als schlechte Versorgung oder als ideologiegetriebene Versorgung zu bezeichnen. Viele der Interventionen, die wir anbieten, basieren auf Evidenz mit geringer Sicherheit, und aufgeklärte Menschen entscheiden sich oft legitim und weise für solche Interventionen."

Forschungsergebnisse, die 2024 veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass das unbefristete Pubertätsblocker-Verbot „ernsthafte negative Auswirkungen" auf trans Jugendliche hat. Mehrere junge Menschen, die laut ihren Eltern zuvor „gut angepasst" waren, haben psychische Probleme einschließlich Depressionen und Angstzuständen entwickelt.

Zwischen allen Fronten

Ironischerweise kommt Kritik auch von sogenannten „genderkritischen" Aktivisten – allerdings aus der entgegengesetzten Richtung. Sie fordern, die Studie komplett zu streichen, da sie glauben, dass Pubertätsblocker grundsätzlich schädlich seien. Brown kontert: „Es ist ironisch zu sehen, dass die gleichen Leute, die den diskreditierten Cass Review befürwortet haben, sich nun gegen die klaren Empfehlungen dieses Reviews für weitere Forschung wenden – ein weiteres Zeichen dafür, wie tief anti-trans Stimmungen ihre Klauen in die britische Politik geschlagen haben."

TransActual unterstützt zwar „ethische und umfassende" Forschung zu Pubertätsblockern, kritisiert aber, dass der NHS versäumt habe sicherzustellen, dass die Forschung „Gesundheits- und Wohlbefindensergebnisse angemessen misst".

Die PATHWAYS-Studie wird voraussichtlich Anfang 2026 mit maximal 226 Teilnehmenden beginnen und soll über zwei Jahre laufen. Die Ergebnisse dieser umstrittenen Forschung könnten weitreichende Folgen für die Gesundheitsversorgung trans junger Menschen nicht nur in Großbritannien, sondern weltweit haben.


Der schwule König Friedrich II. hatte einen schwulen Bruder: Die verborgene Geschichte von Prinz Heinrich

Prinz Friedrich Heinrich Ludwig von Preußen wurde am 18. Januar 1726 in Berlin geboren und war das 13. Kind des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. und dessen Gattin Sophie Dorothea von Hannover. Unter seinem älteren Bruder, König Friedrich II., wurde Heinrich bereits mit 14 Jahren Chef eines Regiments, blieb jedoch zeit seines Lebens im Schatten seines berühmten Bruders – eine Verbindung, die nicht nur von militärischen Erfolgen, sondern auch von einem gemeinsamen Geheimnis geprägt war: Wissenschaftler nehmen an, dass Friedrich wie sein Bruder Heinrich homosexuell war.

Die Geschichte von Prinz Heinrich ist nicht nur faszinierend, weil sie einen weiteren homosexuellen Hohenzollern ans Licht bringt, sondern auch, weil sie zeigt, wie queere Leben selbst im europäischen Hochadel des 18. Jahrhunderts existierten – in einer Zeit, als gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwar als lasterhaft galten und mit dem Tode bestraft werden konnten, jedoch als allgemein-menschliches Verhalten betrachtet und keiner bestimmten Kategorie von Menschen zugeordnet wurden. Der Originalartikel auf queer.de liefert eine beeindruckend umfassende Aufarbeitung dieser verborgenen Geschichte.

Männerfreundschaften am preußischen Hof

Die freizügigen Feste in Rheinsberg, Friedrichs bösartig eifersüchtiges Verhalten seinem Bruder Heinrich gegenüber und den gemeinsamen Geliebten, sowie berühmte Persönlichkeiten der höchsten Adelskreise lebten ihre Homosexualität mehr oder weniger unverhohlen aus. Schloss Rheinsberg diente zwischen 1737 und 1740 zunächst als Residenz des Kronprinzen Friedrich, des späteren Königs Friedrich II. von Preußen, und zwischen 1752 und 1802 hielt sein jüngerer Bruder Prinz Heinrich hier Hof.

Heinrichs Leben war geprägt von intensiven Beziehungen zu anderen Männern. Besonders bemerkenswert ist seine Verbindung zu Christian Ludwig von Kaphengst. Nach den historischen Aufzeichnungen fand der Prinz "Gefallen an seiner Jugend und Schönheit" und schenkte ihm später sogar das einige Kilometer von Rheinsberg entfernte Rittergut Meseberg und weitere Ländereien, wobei das gute Einvernehmen der beiden nicht entfremdete. Meseberg ist heute übrigens das Gästehaus der Bundesregierung – eine ironische Wendung der Geschichte.

Der Freundschaftstempel: Ein Monument queerer Liebe

Eine der berührendsten Facetten von Heinrichs Leben ist der Freundschaftstempel im Rheinsberger Park, den er errichten ließ. Zur Eröffnung hielt Heinrich eine Rede über eine Göttin, die beide Geschlechter in sich vereint, und über Freunde, die "das Glück des Geliebten" suchen. In diesem Tempel trat Prinz Heinrich als Zeremonienmeister auf und feierte an einem Altar rituelle Freundschaftsbünde. Die Freundschaftspaare bezogen sich dabei auf Jupiter und Ganymed – eine eindeutige Referenz an die antike Tradition der Männerliebe.

Parallelen zur deutschen LGBTQ+-Geschichte

Die Geschichte von Prinz Heinrich erinnert uns daran, dass queere Leben in Deutschland eine lange, wenn auch oft verschwiegene Tradition haben. Die erste homosexuelle Emanzipations-Bewegung begann 1897 mit der Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK), wobei der jüdische Arzt und Sexualwissenschaftler Dr. Magnus Hirschfeld Initiator und maßgeblicher Vertreter dieser Bewegung war. 1919 errichtete Hirschfeld das Institut für Sexualwissenschaft, und sein Wirken nahm weltweit Einfluss auf die Abschaffung des strafrechtlichen Verbots von Homosexualität.

Die frühe Homosexuellenbewegung im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts war fasziniert von historischen Persönlichkeiten wie Prinz Heinrich. Der Homosexuellenaktivist Karl Heinrich Ulrichs hatte bereits 1868 die Idee, eine Liste mit homosexuellen Prominenten zusammenzustellen, um seinen homosexuellen Zeitgenossen positive Identifikationsmöglichkeiten zu bieten – Prinz Heinrich gehörte dazu. Magnus Hirschfeld selbst ging in seinem Hauptwerk ausführlich auf Prinz Heinrich ein und betonte, dass dieser seine "intimen Beziehungen zu seinen Mignons" (Günstlingen) nicht verheimlichte.

Die Bedeutung für heute

Was können wir heute aus der Geschichte von Prinz Heinrich lernen? Sie zeigt uns, dass sexuelle und geschlechtliche Vielfalt schon immer Teil unserer Gesellschaft war – selbst in den höchsten Kreisen. Die gesellschaftliche Unterscheidung der Menschen in hetero- und homosexuell hat ihren Ursprung in den medizinischen Diskursen im Europa des 19. Jahrhunderts. Die Frage nach Heinrichs "Homosexualität" im modernen Sinne ist daher anachronistisch, doch seine Männerfreundschaften und Liebesbeziehungen sind historisch gut dokumentiert.

In Deutschland hat die Anerkennung von LGBTQ+-Menschen einen langen Weg zurückgelegt. Erst in den 1990ern lichtete sich der Nebel und sukzessive werden LGBTQIA+ Menschen in der deutschen Gesellschaft anerkannt. Doch der Kampf ist noch nicht vorbei. Die Geschichte von Prinz Heinrich und seinem Bruder Friedrich II. erinnert uns daran, dass queere Menschen schon immer Teil unserer Geschichte waren – auch wenn diese Geschichten oft verschwiegen wurden.

Der umfassende Artikel auf queer.de bietet eine beeindruckende Fülle an Quellen und Details, von literarischen Darstellungen bei Theodor Fontane bis zu wissenschaftlichen Untersuchungen der Gegenwart. Er ist ein wichtiger Beitrag zur queeren Geschichtsschreibung in Deutschland und zeigt, dass historische Aufarbeitung ein wesentlicher Bestandteil unserer heutigen Emanzipation ist. Weitere spannende Einblicke in die LGBTQ+-Geschichte finden sich auch auf der Website der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, die sich ebenfalls mit der Frage nach Friedrichs II. Sexualität beschäftigt.

Die Geschichten von Prinz Heinrich und König Friedrich II. sind Teil unseres kulturellen Erbes – und sie gehören endlich in die breite Öffentlichkeit. Sie zeigen, dass queere Leben immer existiert haben und dass wir eine reiche Geschichte haben, auf die wir stolz sein können.


Spahn fordert Abschaffung von Paragraf 188: Zwischen Politikerschutz und homophober Realität

Der Unions-Fraktionschef Jens Spahn hat eine bemerkenswerte Kehrtwende vollzogen: Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) spricht sich nun dafür aus, den Paragrafen 188 im Strafgesetzbuch abzuschaffen, der die Beleidigung von Personen des politischen Lebens unter Strafe stellt. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung begründet der offen schwule Politiker seine Position mit einem bemerkenswerten Eingeständnis: Der Sonderschutz für Politiker*innen erwecke den Eindruck, "die Mächtigen haben sich ein Sonderrecht geschaffen".

Wenn persönliche Erfahrung auf politische Realität trifft

Spahns Statement gewinnt besondere Brisanz durch seine eigenen Erfahrungen mit Hasskriminalität. Auf die Frage, ob er den Paragrafen selbst genutzt habe, antwortete er unverblümt: "Ja. Ich erstatte keine Anzeige, wenn mich jemand Blödmann oder Vollidiot nennt, bei der Kategorie 'schwuler Kinderficker' aber schon." Diese homophobe Beleidigung zeigt exemplarisch, womit queere Menschen in der Öffentlichkeit konfrontiert sind – und das Problem ist größer als nur Einzelfälle.

Homophobe, biphobe, interfeindliche und transfeindliche Beleidigungen gelten als sogenannte Hassdelikte und damit als politisch motivierte Kriminalität. In diesen Fällen besteht immer ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung. Doch die Realität sieht anders aus: Entscheidungen zu queerfeindlicher oder sexistischer Volksverhetzung sind trotz weit verbreiteter queerfeindlicher und sexistischer Hassreden äußerst selten. Die von den Gerichten entschiedenen Fälle beziehen sich „fast ausschließlich auf rassistische, antisemitische und rechtsextremistische Äußerungen", wie der LSVD dokumentiert.

Ein Paragraf mit Geschichte – und fragwürdigem Ruf

Den Paragrafen gibt es seit 1951, er wurde aber erst 2021 um Beleidigungen erweitert. Die Erweiterung war Teil eines Gesetzespakets zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Hasskriminalität, das ursprünglich Kommunalpolitiker*innen besser schützen sollte. "Die Idee war, Kommunalpolitiker und Institutionen besser zu schützen", sagte der CDU-Politiker der "Süddeutschen Zeitung".

Doch die Intention und die Wahrnehmung klaffen auseinander. Laut Bundeskriminalamt verzeichnete die Polizei allein 2023 bei Hass-Straftaten gegen Politiker und Amtsträger ein Plus von knapp 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Parallel dazu wächst die Kritik: Der Paragraf erwecke den Eindruck eines Zweiklassensystems im Rechtsstaat.

Die queere Perspektive: Wenn der allgemeine Schutz nicht reicht

Spahns Argument, der "normale Beleidigungs-Paragraf" reiche aus, klingt in der Theorie plausibel. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: 2018 erfasste die BMI-Statistik bundesweit 351 gegen die sexuelle Orientierung gerichtete Straftaten, 2019 waren es bereits 576 Fälle, 2020 wurden insgesamt 782 Straftaten von Hasskriminalität gegen LSBTIQ* registriert. Das ist ein Anstieg von 36 % gegenüber 2019.

Das Problem liegt tiefer: Trotz weit verbreiteter homophober und sexistischer Hassreden gibt es nur wenige Verurteilungen wegen Volksverhetzung. Die von den Gerichten entschiedenen Fälle beziehen sich fast ausschließlich auf rassistische, antisemitische und rechtsextremistische Äußerungen und damit auf die ausdrücklich im Gesetz benannten Gruppen. Es reicht folglich nicht, dass sich LSBTI-feindliche Gewalt unter den Begriff „Teile der Bevölkerung" subsumieren lässt. Für eine effektive Strafverfolgung ist die Sichtbarmachung im Gesetzestext erforderlich. Der LSVD fordert daher, dass § 130 StGB so ausgestaltet wird, dass die empirisch belegten Erscheinungsformen von Hasskriminalität gegen LSBTI angemessen im Wortlaut benannt wird.

Deutschland im europäischen Vergleich

Während Spahn für die Abschaffung des Sonderschutzes plädiert, zeigt ein Blick nach Europa unterschiedliche Ansätze: In zwölf Mitgliedstaaten (Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Frankreich, Irland, Lettland, Niederlande, Portugal, Rumänien, Schweden und Spanien) sowie Nordirland im Vereinigten Königreich gilt das Aufrufen zu Hass, Gewalt oder Diskriminierung aus Gründen der sexuellen Ausrichtung als Straftatbestand. Deutschland gehört damit zwar zu den Ländern mit entsprechenden Regelungen – doch die Umsetzung bleibt problematisch.

Eine gefährliche Debatte zum falschen Zeitpunkt?

Spahns Vorstoß wirft grundsätzliche Fragen auf: Das Bundesverfassungsgericht hebt in dem Katalog explizit den Schutz von Lokalpolitikern hervor: „Einem Bundesminister gegenüber können insoweit härtere Äußerungen zuzumuten sein als etwa einem Lokalpolitiker (…). Denn eine Bereitschaft zur Mitwirkung in Staat und Gesellschaft kann nur erwartet werden, wenn für diejenigen, die sich engagieren und öffentlich einbringen, ein hinreichender Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte gewährleistet ist."

Die Debatte um Paragraf 188 zeigt ein Dilemma: Während Kommunalpolitiker*innen einen besseren Schutz benötigen, entsteht gleichzeitig der Eindruck eines Sonderrechts. Für queere Politiker*innen wie Spahn kommt hinzu, dass sie doppelt exponiert sind – als Amtsträger*innen und als Angehörige einer marginalisierten Gruppe. Seine Forderung nach Abschaffung des Paragrafen mag konsequent erscheinen, doch sie übersieht eine zentrale Tatsache: Die allgemeinen Beleidigungsparagrafen greifen bei queerfeindlicher Hasskriminalität offensichtlich nicht ausreichend.

Die eigentliche Frage lautet daher: Brauchen wir weniger Sonderparagrafen für Politiker*innen – oder endlich einen wirksamen, expliziten Schutz für LSBTIQ*-Personen im Strafgesetzbuch?


Wenn Hundekot zur Waffe wird: LGBTQ+-Zentrum in Los Angeles monatelang attackiert – Polizei sieht kein Hassverbrechen

Seit Juni müssen Mitarbeitende des LGBTQ+-Jugendzentrums Mi SELA in Bell, Los Angeles County, immer wieder Leitern hochklettern, um Dutzende Tüten mit Hundekot vom Vordach des Gebäudes zu entfernen. Ein Mann wurde auf Überwachungsvideos dabei gefilmt, wie er die Exkremente gezielt auf das Gebäude wirft. Doch die örtliche Polizei weigert sich, den monatelangen Vandalismus als Hassverbrechen oder auch nur als strafrechtlich relevante Sachbeschädigung einzustufen. Stattdessen sprechen die Behörden von einem „Littering-Vergehen" – einer bloßen Ordnungswidrigkeit. Der Fall wirft nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland wichtige Fragen auf: Wann wird Vandalismus gegen queere Einrichtungen als das erkannt, was er ist – ein gezielter Angriff auf eine Minderheit?

Die ursprüngliche Geschichte wurde von PinkNews berichtet. Das Mi SELA LGBTQ+-Zentrum wird von der Latino Equality Alliance in Partnerschaft mit dem Los Angeles LGBT Center betrieben und bietet jungen queeren Menschen aus der Latino-Community einen sicheren Raum.

Monatelanger Vandalismus – Polizei spricht von „Littering"

Die Bezirksaufsichtsbeamte Janice Hahn aus Los Angeles County stellte dem Zentrum einen Zuschuss von 2.500 Dollar für die Aufrüstung der Sicherheitskameras zur Verfügung und teilte Videoaufnahmen, die zeigen, wie das Personal Dutzende von Hundekotbeuteln vom Vordach schaufelt. Die neuen Kameras führten dazu, dass der Täter auf frischer Tat gefilmt wurde. Doch die Reaktion der Bell Police Department war ernüchternd: Die Polizei teilte der Einrichtung mit, dass die begangenen Handlungen „nicht die Schwelle für eine strafrechtliche Verfolgung erreichen" und sprach von einer rechtlichen Lücke, die das Zentrum und seine jungen Besucher*innen schutzlos gegen anhaltende Belästigung zurücklasse.

Eddie Martinez, der Geschäftsführer der Latino Equality Alliance, erklärte gegenüber Medien, dass ihm von den Behörden mitgeteilt wurde, es bedürfe „substanzieller Beweise", damit die Taten als Hassverbrechen eingestuft werden könnten. Polizeipräsident Damian Velasco betonte, dass es nichts gebe, was darauf hindeute, dass das Unternehmen gezielt wegen seiner Verbindung zur LGBTQ+-Community angegriffen wurde. Eine Strafanzeige wegen Vermüllung könne nur ausgestellt werden, wenn ein Polizist das Vergehen persönlich beobachte.

Ein Muster, das auch in Deutschland bekannt ist

Der Fall aus Los Angeles ist kein Einzelfall – und er hat auch für Deutschland Relevanz. Im Oktober 2025 wurde in München die Fassade eines Zentrums für queere Personen mit Graffiti besprüht, unter den Schmierereien waren auch Zeichen mit Bezug zum Nationalsozialismus. Im Februar 2025 wurde das Regenbogenkombinat in Cottbus erneut zur Zielscheibe von Vandalismus, als Unbekannte drei Regenbogenbanner an der Haupteingangstreppe der queeren Anlaufstelle mit einem Messer beschädigten und abrissen. In Berlin kam es 2025 zu Angriffen auf den Mann-O-Meter Checkpoint, und regelmäßig gibt es Vandalismus an Regenbogenfahnen, Stickern und Hinweisschildern.

In Deutschland zählen auch Taten, die nicht unmittelbar gegen eine Person, sondern gegen eine Institution oder Sache im Zusammenhang mit der LGBTQ+-Community verübt werden, zur Hasskriminalität – etwa Vandalismus und Sachbeschädigungen am Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Typische Beispiele für queerfeindliche Hasskriminalität sind Beleidigungen, Volksverhetzung, verhetzende Beleidigungen und Sachbeschädigungen, beispielsweise Vandalismus an Denkmälern oder Gebäuden queerer Organisationen.

Steigende Zahlen queerfeindlicher Gewalt

Laut den Zahlen von Bundeskriminalamt und Bundesinnenministerium wurden 2023 in Deutschland 1.499 Fälle im Bereich „sexuelle Orientierung" und 854 Fälle im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität" gemeldet – ein Anstieg von etwa 49% bei Vorfällen gegen lesbische, schwule, bisexuelle und queere Menschen und von etwa 105% gegen trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen. Diese alarmierenden Zahlen zeigen: Queerfeindliche Gewalt ist auch in Deutschland ein wachsendes Problem.

Die Fallzahlen der polizeilich erfassten queerfeindlichen Hasskriminalität steigen seit Jahren kontinuierlich an, dennoch liegt ein Großteil der Straftaten weiterhin im Dunkelfeld. Ein Grund dafür: Viele Hassreden und Hassverbrechen werden nicht bei den Behörden angezeigt, da viele der Opfer Vorbehalte haben, sich gegenüber den Strafverfolgungsbehörden über ihre Sexualität zu äußern.

„Wir lassen Hass nicht unsere Community definieren"

Trotz der rechtlichen Hürden zeigt sich das Team von Mi SELA kämpferisch und versöhnlich zugleich. Die Latino Equality Alliance erklärte, sie bleibe ihren Grundwerten von Mitgefühl und wiederherstellender Gerechtigkeit treu und wolle den Raum zurückerobern – nicht nur durch die Reinigung der Einrichtung, sondern auch durch die Einladung an die verantwortliche Person, sich zu entschuldigen und sich an einem Heilungsdialog zu beteiligen.

Janice Hahn kommentierte: „Die Tatsache, dass diese Person sich die Mühe macht, dies zu tun, sagt alles über sie und nichts über unsere LGBTQ+-Community in Südost-LA aus. Das ist widerlich und feige. Ich hoffe, dass die Menschen, die auf Mi SELA angewiesen sind, wissen, wie sehr sie in dieser Gemeinschaft geliebt und unterstützt werden."

Was wir daraus lernen können

Der Fall aus Los Angeles zeigt, wie wichtig klare rechtliche Definitionen und eine sensible Strafverfolgung sind. Während in Deutschland das Aufrufen zu Hass, Gewalt oder Diskriminierung aus Gründen der sexuellen Ausrichtung als Straftatbestand gilt, fehlt in vielen Ländern – auch in Teilen der USA – eine entsprechende Gesetzgebung oder deren konsequente Anwendung.

Doch genauso wichtig wie rechtliche Rahmenbedingungen ist die Solidarität der Zivilgesellschaft. Die Reaktion auf den Angriff auf Mi SELA zeigt: Hass kann Menschen nicht zum Schweigen bringen, wenn Gemeinschaften zusammenstehen. Das gilt für Los Angeles genauso wie für München, Cottbus oder Berlin. Queere Räume sind und bleiben Orte der Selbstbestimmung, des Empowerments und der Sichtbarkeit – und genau deshalb müssen wir sie schützen.


Wenn eine Serie Leben verändert: Eishockeyspieler outet sich dank "Heated Rivalry"

Eine queere Eishockey-Romanze wird zum kulturellen Phänomen – und inspiriert einen echten Sportler zu einem mutigen Schritt: Der ehemalige US-Eishockeyspieler Jesse Kortuem hat sich öffentlich als schwul bekannt und nennt die Erfolgsserie "Heated Rivalry" als wichtigen Impuls, wie das Magazin PinkNews berichtet. Seine berührende Geschichte zeigt, wie wichtig Repräsentation im Sport ist – auch in Deutschland.

Ein Leben zwischen Leidenschaft und Angst

Kortuem wuchs in Minnesota auf, dem selbsternannten „State of Hockey", als jüngster von vier Brüdern. Sport und Wettbewerb seien dort nicht nur Freizeit, sondern Identität gewesen. Doch als junger Teenager trug er ein Gewicht, das nicht in diese Welt zu passen schien, und lebte in einem ständigen Zustand der Dichotomie.

"Ich liebte das Spiel, aber ich lebte mit einer ständigen Angst", schreibt Kortuem. Die Vorstellung, offen schwul zu sein und gleichzeitig diesen harten, von Männlichkeitsbildern geprägten Sport auszuüben, schien für ihn unmöglich. Als Teenager in den frühen 2000er-Jahren fühlte sich ein Coming-out nicht wie eine Option an. Mit wenig positiver LGBTQ+-Repräsentation im Eishockey oder in den Medien glaubte er, seine Sexualität und sein Platz im Sport könnten nicht koexistieren.

Der Wendepunkt in Las Vegas

2017 traf Kortuem bei einem Turnier eine Gruppe von Spielern aus den USA und Kanada (Las Vegas Boyz), die wie er Eishockeyspieler und auch schwul waren. "Von diesem Moment an war mein Leben nie mehr dasselbe", sagte er. Das queere Eishockeyturnier Sin City Classic in Las Vegas wurde zu seinem persönlichen Wendepunkt.

Heute spielt Kortuem wieder Eishockey – offen, sichtbar, als Teil queerer Teams in Kanada und den USA. Bei einem Turnier in Sun Peaks stand er zuletzt auf dem Eis in einem Trikot, das sowohl seinen Sport als auch seine Community repräsentierte. Für ihn ein Symbol: eine Brücke über eine Lücke, mit der er jahrzehntelang gelebt hatte.

Die Serie, die den Unterschied machte

Die kanadische Serie "Heated Rivalry" startete Ende November 2025 beim Streamingdienst Crave und basiert auf den gleichnamigen Romanen von Rachel Reid aus der „Game Changers"-Reihe. Erzählt wird die über Jahre andauernde, geheime Beziehung zweier rivalisierender Profi-Eishockeyspieler. Schon kurz nach dem Start sorgte die Serie international für Aufmerksamkeit, nicht nur wegen ihres Settings im Männersport, sondern auch wegen ihrer sehr expliziten Darstellung von Sexualität.

"Ich weiß, dass viele schwule und ungeoutete Männer in der Eishockeywelt von 'Heated Rivalrys' Erfolg hart getroffen werden", sagte Kortuem zu Out. "Nie in meinem Leben hätte ich gedacht, dass etwas so Positives und Liebevolles aus einem so maskulinen Sport kommen könnte".

In Deutschland startet "Heated Rivalry" am 6. Februar 2026 bei HBO Max, die Episoden werden wöchentlich veröffentlicht. Die Serie wurde bereits für eine zweite Staffel verlängert.

Ein wichtiges Signal – auch für Deutschland

Kortuems Geschichte berührt nicht nur in Nordamerika. Der Schauspieler Hudson Williams berichtete, er sei von mehreren schwulen Sportlern kontaktiert worden, die sich in der Öffentlichkeit nicht geoutet haben. "Es gibt Leute, die sich anonym melden und sagen: Ich bin immer noch aktiver Profisportler und noch ungeoutet", sagte der 24-Jährige. Er habe Nachrichten von "Eishockeyspielern, Footballspielern und Basketballspielern" bekommen.

Auch in Deutschland ist das Thema Homosexualität im Profisport nach wie vor ein Tabu. Die NHL ist allein unter den sogenannten Big Four männlichen Profisportligen ohne aktive oder ehemalige Spieler, die sich als schwul geoutet haben. Während es im deutschen Eishockey keine bekannten Coming-outs gibt, zeigen Initiativen wie die Queer-Initiative des Deutschen Hockey-Bundes im Feldhockey, dass sich die Sportlandschaft langsam öffnet.

Eine Botschaft der Hoffnung

"Dies ist meine Geschichte. Es ist nicht die Geschichte aller, aber ich dachte, ich würde sie teilen, weil ich zu den Athleten da draußen sprechen möchte, die noch im Versteck sind oder Schwierigkeiten haben, ihren Weg zu finden", schrieb Kortuem in seinem bewegenden Facebook-Post.

Seine Botschaft ist klar: Du bist nicht allein. Es gibt einen Platz für dich. Eine Botschaft, die gerade in Zeiten, in denen konservative Kräfte queere Rechte zurückdrängen wollen, wichtiger ist denn je – in den USA wie in Deutschland.

Kortuem nahm kürzlich am Winter Classic in Sun Peaks, British Columbia, teil, das von The Cutting Edges Hockey Club veranstaltet wurde. Ein Trikot zu tragen, das sowohl seinen Sport als auch seine Community repräsentierte, beschrieb er als einen Moment des Friedens und der Zugehörigkeit. The Cutting Edges ist ein inklusiver 2SLGBTQIA+ Eishockey-Verband, der Inklusivität und Gleichheit im Sport fördert.


Irischer Lehrer erneut festgenommen: Der endlose Kampf um Transrechte und die Grenzen der Meinungsfreiheit

Der Fall des irischen Lehrers Enoch Burke polarisiert seit Jahren die Gemüter und wirft fundamentale Fragen zu Transrechten, Meinungsfreiheit und den Grenzen des zivilen Ungehorsams auf. Weniger als 24 Stunden nach seiner Freilassung aus dem Mountjoy-Gefängnis am 15. Januar 2026 kehrte Burke zur Wilson's Hospital School zurück, trotz richterlicher Anordnung, die ihm das Betreten des Schulgeländes untersagte. Das High Court ordnete daraufhin erneut seine Verhaftung an. Die ursprüngliche Quelle bei PinkNews dokumentiert das jüngste Kapitel dieser außergewöhnlichen Geschichte.

Ein Fall, der Irland spaltet

Burke wurde 2022 suspendiert und später entlassen, nachdem er sich weigerte, einen trans Schüler mit dem korrekten Namen und den Pronomen "they/them" anzusprechen. Seitdem verbrachte er über 500 Tage im Gefängnis und sammelte Geldstrafen von rund 225.000 Euro an – alles, weil er konsequent gegen gerichtliche Anordnungen verstößt, der Schule fernzubleiben.

Während Burke selbst behauptet, er werde wegen seiner religiösen Überzeugungen verfolgt und sehe sich als Verteidiger des christlichen Glaubens gegen "Transgenderismus", stellte Richter Brian Cregan wiederholt klar: Es geht nicht um Burkes Ansichten zum Thema Trans, sondern um seine Weigerung, sich an gerichtliche Anweisungen zu halten. Der Richter beschrieb Burkes Verhalten als "bewussten, anhaltenden und konzertierten Angriff" auf die Autorität der Gerichte.

Parallelen zu Deutschland: Wenn Lehrkräfte sich weigern

Auch in Deutschland erleben trans Schüler*innen immer wieder, dass Lehrkräfte sich weigern, ihre gewählten Namen und Pronomen zu respektieren. Ein Fall aus Bremen zeigt: Ein Klassenlehrer weigerte sich fast zwei Jahre lang, einen trans Jungen mit seinem neuen Namen anzusprechen und benutzte weibliche Pronomen. Die Folgen waren gravierend: Der Schüler erlitt Nervenzusammenbrüche und rutschte in eine depressive Phase.

Anders als in Irland gibt es in Deutschland jedoch klare rechtliche Grundlagen: Trans Schüler*innen haben vor der Personenstandsänderung ein Recht darauf, im Schulalltag mit Namen und Pronomen angesprochen zu werden, die mit ihrer geschlechtlichen Identität korrespondieren, da diese durch das Grundgesetz geschützt ist. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft betont, dass für die Anrede keine Bescheinigung notwendig ist.

Arbeitsrechtliche Konsequenzen in Deutschland

Was würde passieren, wenn ein deutscher Lehrer sich wie Enoch Burke verhielte? Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt trans Menschen unter dem Merkmal "Geschlecht" und "sexuelle Identität", allerdings besteht mangels Präzedenzfällen noch Rechtsunsicherheit. Dennoch ist klar: Eine sehr häufig praktizierte Form von Gewalt ist, wenn die geschlechtliche Anrede und der gewählte Vorname nicht respektiert werden.

Im deutschen Arbeitsrecht könnte eine beharrliche Weigerung, trans Schüler*innen korrekt anzusprechen, durchaus eine verhaltensbedingte Kündigung rechtfertigen – insbesondere nach vorheriger Abmahnung. Eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus 2024 zeigt: In Deutschland berichteten 65% der trans Frauen von Diskriminierung in den letzten 12 Monaten. Die systematische Missachtung der Identität von Schüler*innen durch Lehrkräfte trägt zu diesem erschreckenden Befund bei.

Zwischen Meinungsfreiheit und Fürsorgepflicht

Der Fall Burke wirft grundsätzliche Fragen auf: Wo endet das Recht auf Meinungsfreiheit und religiöse Überzeugungen, und wo beginnt die Fürsorgepflicht gegenüber Schutzbefohlenen? Wenn sich Lehrkräfte versprechen und das falsche Pronomen verwenden, ist das für trans Schüler*innen "ein Schlag ins Gesicht", erklärt eine deutsche Lehrerin, die einen trans Schüler begleitete.

Die deutsche Lehrkraft Marie Bernburg, selbst trans, bringt es auf den Punkt: "Als Lehrperson wäre ich sonst immer mit dem falschen Namen angesprochen worden – das konnte ich mir nicht vorstellen". Sie betont die Wichtigkeit, dass wenn eine Person Namen oder Pronomen wechselt, das Umfeld das anwendet und sich dabei auch anstrengt, selbst wenn es am Anfang etwas Übung erfordert.

Ein endloser Kreislauf?

Burke kündigte bereits bei seiner Freilassung an, zur Schule zurückzukehren, und erklärte: "Wenn ich aus dem Gefängnis entlassen werde, ist es meine Pflicht, an meinem Arbeitsplatz zu sein". Der Richter betonte, dass die gerichtliche Anordnung weiterhin in Kraft bleibt, und stellte klar, dass Burke bei erneutem Verstoß sofort wieder inhaftiert würde.

Dieser Fall demonstriert eindrücklich die Grenzen des Rechtsstaats: Selbst wiederholte Haftstrafen und astronomische Geldstrafen scheinen Burke nicht von seinem Kurs abzubringen. Rechte Gruppen feiern ihn in sozialen Medien als Märtyrer für die Meinungsfreiheit, während LGBTQ+-Organisationen und Bildungsexperten betonen, dass es hier nicht um Meinungsfreiheit, sondern um den Schutz vulnerabler Schüler*innen geht.

Was Deutschland lernen kann

Der Fall Burke zeigt, wie wichtig präventive Maßnahmen sind. Trans Schüler*innen erleben im Schulalltag oft Diskriminierung sowohl von Mitschüler*innen als auch von Lehrkräften – sie sind eine besonders vulnerable Gruppe und darauf angewiesen, von ihren Lehrer*innen Unterstützung zu erfahren. Deutsche Schulen entwickeln zunehmend Leitfäden für Lehrkräfte zum respektvollen Umgang mit trans Schüler*innen.

Es bedarf breiter und nachhaltiger Sensibilisierung und Fortbildung in Bezug auf die soziale, rechtliche und Diskriminierungssituation von trans Personen in allen Ebenen von Organisationen und Ämtern. Nur so können Fälle wie der von Enoch Burke – oder seine deutschen Entsprechungen – zukünftig verhindert werden.

Der Konflikt in Irland ist noch lange nicht beendet. Doch eines ist klar: Die Rechte trans junger Menschen auf Respekt, Würde und Schutz vor Diskriminierung müssen Vorrang haben vor ideologischen Positionen Einzelner – egal, wie sehr diese sich als Märtyrer inszenieren mögen.


Queerfeindlicher Angriff im Nachtbus: Hamburg erneut Schauplatz homophober Gewalt

Es ist eine Szene, die sich in Deutschlands Großstädten immer häufiger wiederholt: In der Nacht zu Dienstag wurde ein 27-jähriger Mann im Hamburger Nachtbus der Linie 607 Opfer eines homophoben Übergriffs. Was als alltägliche Heimfahrt begann, entwickelte sich zu einem bedrohlichen Erlebnis, das symptomatisch für eine besorgniserregende Entwicklung in Deutschland steht.

Der Vorfall: Vom Bus bis zur Haustür verfolgt

Gegen 1:20 Uhr saß der junge Mann im Nachtbus von St. Pauli nach Barmbek-Nord einem unbekannten Täter gegenüber. Ohne Vorwarnung begann dieser, ihn homophob zu beleidigen und zu bedrohen. Als das Opfer an der Haltestelle Flachsland ausstieg, verfolgten ihn der Täter und dessen Begleiter, der vergeblich versuchte zu schlichten. Erst als der 27-Jährige seine Wohnung erreichte, ließ der Angreifer von ihm ab.

Die Polizei Hamburg sucht nun nach einem etwa 24 bis 29 Jahre alten Mann mit "osteuropäischem" Erscheinungsbild, circa 168 bis 175 cm groß, der eine dunkle Jacke mit Kapuze und ein Basecap mit nach hinten gerichtetem Schirm trug. Zeuginnen und Zeugen können sich unter der Telefonnummer (040) 4286-56789 beim Hinweistelefon der Polizei melden.

Hamburg: Brennpunkt queerfeindlicher Gewalt

2023 registrierte die Polizei in Hamburg 98 Straftaten im Bereich "sexuelle Orientierung" und "geschlechtsbezogene Diversität" – ein Anstieg um 75 Prozent. 2024 schnellte die Zahl weiter auf 149 Fälle hoch, darunter 38 Gewalttaten. Besonders im Stadtteil St. Pauli, wo auch dieser aktuelle Vorfall seinen Anfang nahm, häufen sich die Übergriffe.

Queerfeindliche, rassistische und sexualisierte Übergriffe kommen auf der Hamburger Reeperbahn immer wieder vor, weshalb Clubs eine Anlaufstelle für Betroffene geschaffen haben. Mit dem Projekt "WTF – What The Fear" reagiert die Kiez-Community auf die angespannte Sicherheitslage und will Betroffenen niedrigschwellige Hilfe anbieten.

Öffentliche Verkehrsmittel: Unsichere Räume für queere Menschen

Der aktuelle Fall fügt sich in ein beunruhigendes Muster ein. Wenn vor jedem verliebten Blick, vor einer Umarmung, vor einem Kuss im öffentlichen Raum zuerst die Umgebung gecheckt werden muss, wenn Menschen eher das Fahrrad als öffentliche Verkehrsmittel nehmen, um nicht Opfer von queerfeindlichen Vorfällen zu werden – dann ist das eine erhebliche Einschränkung von Freiheit.

Die Zeitpunkte LSBTIQ*-feindlicher Straftaten überschneiden sich mit dem Ausgehleben im öffentlichen Raum – im Frühling und Sommer, am Wochenende und in den Abendstunden. Gerade Nachtbusse und öffentliche Verkehrsmittel werden so zu Angsträumen, in denen queere Menschen besonders vulnerabel sind.

Bundesweiter Alarmzustand

Hamburg steht nicht allein. 2023 richteten sich bundesweit 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ*-Personen – ein deutlicher Anstieg gegenüber 1.188 im Jahr 2022. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht.

Zu den häufigsten gegen LSBTIQ* gerichteten Straftaten gehörten 2023 Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser bezeichnete die Zahlen als "erschreckend" und betonte: "Queerfeindliche Gewalt muss als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden".

Das Dunkelfeld: Die Spitze des Eisbergs

Doch selbst diese alarmierenden Zahlen zeichnen nur ein unvollständiges Bild. Erhebungen legen nahe, dass die Dunkelziffer weiterhin hoch ist. Eine nicht repräsentative Studie des Landeskriminalamts Niedersachsen von 2024 kommt zum Ergebnis, dass vier von fünf Menschen Hassverbrechen nicht anzeigen. Wer Opfer von Hasskriminalität geworden ist, vermeidet es wesentlich häufiger, öffentlich über seine Identität zu sprechen.

Der Grund: Viele queere Menschen haben in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit staatlichen Institutionen gemacht. Grundsätzlich sei die Sorge groß, nicht ernst genommen oder gar beschämt zu werden.

Hamburgs Antwort: Aufklärung und Sensibilisierung

Hamburg hat auf die Entwicklung reagiert. 2023 wurden 98 Straftaten im Bereich der sexuellen Orientierung und geschlechtsbezogener Diversität erfasst. Diese Steigerung dürfte insbesondere auf eine größere Bereitschaft zur Anzeigenerstattung zurückzuführen sein. Dennoch verweist die Studienlage darauf, dass ein Großteil der Straftaten zum Nachteil queerer Personen nicht bei Behörden angezeigt wird.

Die Polizei Hamburg hat gemeinsam mit der Behörde für Wissenschaft, Forschung, Gleichstellung und Bezirke eine Kampagne gegen queerfeindliche Gewalt gestartet, die die Vielfältigkeit der LSBTI*-Community widerspiegelt und alle zum gemeinsamen, konsequenten Vorgehen gegen queerfeindliche Hasskriminalität auffordert.

Was jetzt zu tun ist

Der Fall im Nachtbus macht deutlich: Queere Menschen in Deutschland sind nicht sicher – nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln, nicht auf dem Heimweg, nicht im Alltag. Während rechtliche Fortschritte gemacht wurden, klafft zwischen Gesetz und gelebter Realität eine schmerzhafte Lücke.

Es braucht mehr als Statistiken und Kampagnen. Es braucht eine Kultur, in der queere Menschen nicht mehr abwägen müssen, ob sie sicher nach Hause kommen. In der ein Mann im Nachtbus sitzen kann, ohne Angst haben zu müssen, für das, was er ist, angegriffen zu werden.

Bis dahin bleibt die Aufforderung: Hinschauen, eingreifen, anzeigen. Jeder gemeldete Vorfall hilft, das Dunkelfeld zu erhellen und Täter zur Verantwortung zu ziehen.


Trauer um die angebliche Tochter von Freddie Mercury: Ein umstrittenes Vermächtnis

Die LGBTQ+-Welt blickt mit gemischten Gefühlen auf eine tragische Nachricht: Die Frau, die als angebliche Tochter der queeren Ikone Freddie Mercury bekannt wurde, ist im Alter von nur 48 Jahren gestorben. Wie PinkNews berichtet, verstarb sie friedlich nach einem langen Kampf gegen ein Chordom, eine seltene Form von Wirbelsäulenkrebs. Sie hinterlässt zwei Söhne im Alter von neun und sieben Jahren.

Ein Leben im Schatten der Legende

Die Frau, die öffentlich nur als "B" oder "Bibi" bekannt war – der Sänger soll sie liebevoll "Bibi", aber auch "trésor" (Französisch für Schatz) und "little froggie" genannt haben – wollte zeitlebens anonym bleiben. Sie arbeitete als Ärztin und lebte mit ihrer Familie in Frankreich. Ihre Existenz wurde erst 2025 durch die Autorin Lesley Ann Jones im Buch "Love, Freddie" öffentlich bekannt.

Ihre Geschichte ist so bewegend wie umstritten: Laut Jones soll B 1976 aus einer Affäre Freddie Mercurys mit der Ehefrau eines engen Freundes hervorgegangen sein. Das Buch "Love, Freddie" soll auf 17 Tagebuchbänden basieren, die Mercury seiner Tochter 1991 vor seinem Tod hinterlassen haben soll. Sie soll eine enge Beziehung zu ihrem berühmten Vater gehabt haben.

Mission trotz schwerer Krankheit

Die Autorin Lesley Ann Jones zeigte sich "am Boden zerstört über den Verlust dieser Frau, die meine enge Freundin geworden war". Sie erklärte, Bibi sei während ihrer vierjährigen Zusammenarbeit "sehr krank gewesen", habe aber "eine Mission" gehabt und sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse an letzte Stelle gestellt.

In einem Statement vor der Buchveröffentlichung hatte B gesagt: "Ich wollte meinen Vater nicht mit der ganzen Welt teilen. Nach seinem Tod musste ich lernen, mit den Angriffen gegen ihn, den Falschdarstellungen über ihn und mit dem Gefühl zu leben, dass mein Vater nun allen gehörte. Ich weinte und trauerte um meinen Vater, während Fans auf der ganzen Welt um Freddie trauerten. Wenn man 15 Jahre alt ist, ist das nicht einfach".

Zweifel und Kontroversen

Die Geschichte stößt jedoch auf erhebliche Skepsis. Mary Austin, Mercurys enge Freundin, wies die Behauptungen zurück: "Ich weiß von keinem Kind, das Freddie hatte." Sogar Brian Mays Ehefrau Anita Dobson bezeichnete die Story als Quatsch. Mary Austin behauptete außerdem, Mercury habe keine Tagebücher oder Notizbücher geführt.

Mary Austin war für Freddie Mercury weit mehr als eine Ex-Partnerin. Mary und Freddie lernten sich 1969 kennen, ein Jahr bevor der Musiker gemeinsam mit Brian May, Roger Taylor und schlussendlich auch John Deacon die legendäre Band Queen gründete. 1976 kam es zur Trennung zwischen Freddie und Mary, nachdem er ihr seine Untreue und Bisexualität gestanden hatte. Allerdings verband die zwei weiterhin eine enge Freundschaft. Als Mercury 1987 erfuhr, dass er HIV-positiv ist, war Mary Austin die erste Person, die davon wusste.

Nach Bibis Tod spielt ihre Familie nun mit dem Gedanken, Fotos von ihr und Freddie Mercury zu veröffentlichen, um der Öffentlichkeit Beweise zu liefern. Bibi verwies in einem Beitrag darauf, dass eine DNA-Analyse und juristische Prüfungen erfolgt seien, Details dazu jedoch bewusst privat blieben.

Freddie Mercury: Eine queere Ikone mit Deutschland-Bezug

Die Geschichte erinnert daran, wie komplex das Leben von Freddie Mercury war – einer der bedeutendsten queeren Ikonen der Musikgeschichte, die auch eine besondere Verbindung zu Deutschland hatte. Bekannt ist, dass er in seiner Münchner Zeit oft im Glockenbachviertel in der Schwulenszene unterwegs war. Die bayerische Hauptstadt war von 1979 bis 1985 sein Hauptwohnsitz.

Freddie Mercury hatte fortan eine enge Beziehung zu Deutschland. Er zog nach München, hoffte dort ungestörter leben zu können ohne ständig erkannt und verfolgt zu werden. In München lebte er sich in der dortigen Schwulenszene aus. Während seiner Zeit in München hatte er unter anderem eine Beziehung mit dem Münchener Gastronom Winfried Kirchberger.

Heute wird Freddie Mercury immer noch als ein Symbol der LGBTQIA+ Gemeinschaft gefeiert. Seine Musik und sein Engagement für die Rechte und den Stolz der LGBTQ+ Menschen haben Generationen von Aktivisten und Künstlern inspiriert. In einer Zeit, in der Homosexualität noch tabuisiert war und gesetzlich nicht völlig legalisiert war – die 70er-Jahre waren eine Zeit, in der gerade erst die Proteste von Stonewall in New York stattgefunden hatten und die queere Liberalisierungsbewegung an ihren Anfängen stand – lebte Mercury authentisch und mutig.

Ein umstrittenes Vermächtnis

Unabhängig von der Wahrheit über ihre Abstammung bleibt die Geschichte von "B" ein berührendes Zeugnis über den Wunsch, das Andenken eines geliebten Menschen zu schützen und gleichzeitig die "Wahrheit" ans Licht zu bringen. Die Frage bleibt offen: Wird Bibi als tragische Heldin oder nur als Nebenfigur in Freddie Mercurys endlosem Mythos bleiben? Ihre Söhne wachsen mit dem Geheimnis auf, dass selbst Fans spaltet. Sicher ist: Die Legende Mercury bekommt einen weiteren dramatischen Anstrich.

Freddie Mercurys Vermächtnis als queere Ikone bleibt unbestritten. Freddie Mercury, der 1991 im Alter von nur 45 Jahren gestorben ist, war offiziell nie geoutet. Seine Queerness bleibt eins seiner Rätsel, weil er öffentlich nie über seine sexuelle und geschlechtliche Identität sprach. Doch genau diese Authentizität, sein Mut, anders zu sein, macht ihn bis heute zu einem Vorbild – nicht nur in Deutschland, wo er wichtige Jahre seines Lebens verbrachte, sondern weltweit.

Die Geschichte von "B" zeigt einmal mehr, wie vielschichtig und rätselhaft das Leben dieser außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit war – und wie sehr Freddie Mercury auch mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod noch immer die Gemüter bewegt.


Virgin Active verklagt: Klage gegen transfeindliche Umkleideraum-Richtlinie spaltet Großbritannien

Eine britische Fitness-Kette steht im Zentrum einer juristischen Auseinandersetzung, die weitreichende Fragen über Trans-Rechte und Gleichberechtigung aufwirft – und die auch für Deutschland relevante Parallelen zeigt. Die Rechtsorganisation Good Law Project gab am Donnerstag, den 15. Januar, bekannt, dass sie Virgin Active verklagt, nachdem die Fitness-Kette ihre Inklusions-Richtlinie geändert hatte, um trans Menschen vom Zugang zu Umkleideräumen und Toiletten entsprechend ihrer Geschlechtsidentität auszuschließen. Die Klage wirft ein Schlaglicht auf eine Debatte, die auch hierzulande an Brisanz gewinnt – gerade als Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz einen progressiven Weg eingeschlagen hat.

Von Pride-Unterstützerin zur Ausgrenzung: Der Fall Virgin Active

Die Fitness-Kette aktualisierte ihre Inklusionsrichtlinie im August letzten Jahres und verlangt nun von Kund*innen, Einrichtungen ausschließlich auf Basis ihres „biologischen Geschlechts" zu nutzen. Was folgte, war eine drastische Kehrtwende für ein Unternehmen, das sich zuvor stolz als LGBTQ+-Unterstützer präsentiert hatte. Im selben Sommer noch marschierte Virgin Active beim London Pride unter einem riesigen aufblasbaren Gewicht in leuchtend roten T-Shirts mit dem Slogan „Get active for Pride".

Good Law Project wirft der Kette vor, dem Druck nachgegeben zu haben, nachdem GB News-Moderatorin Michelle Dewberry im Februar 2025 mit rechtlichen Schritten drohte, weil trans Personen das Recht hatten, die richtigen geschlechtsspezifischen Einrichtungen zu nutzen. Die Rechtsorganisation argumentiert, dass Dewberrys rechtliche Drohung auf einer „Fehlinterpretation" des Gleichstellungsrechts basierte. Virgin Active behauptete hingegen in einer E-Mail an Kund*innen, die Änderungen seien vorgenommen worden, um „dem Gesetz zu entsprechen", und berief sich dabei auf das FWS v Scottish Ministers-Urteil des britischen Supreme Court.

Persönliche Schicksale hinter der Klage

Die Klage macht deutlich, welche konkreten Auswirkungen solche Richtlinienänderungen auf das Leben von Menschen haben. Good Law Project reichte die Klage im Namen von zwei Virgin Active-Mitgliedern ein, die argumentieren, dass die neue Richtlinie sie diskriminiert, weil sie trans sind. Eine der Klägerinnen, die unter dem Pseudonym SP auftritt, hatte die Einrichtungen vor der Richtlinienänderung „ohne Probleme" genutzt, wird nun aber aufgefordert, die Männereinrichtungen zu nutzen – ohne vorherige Bewertung ihres Wohlbefindens oder ihrer Umstände.

Besonders beunruhigend: Die Klage behauptet weiter, dass Mitarbeiter*innen SP gegenüber anderen Kolleg*innen „geoutet" hätten, ohne ihre Zustimmung oder ihr Wissen, was sie „extrem beunruhigt" zurückließ. Nach diesen Ereignissen hat SP ihre Zeit in ihrem Virgin Active-Fitnessstudio stark reduziert. Zuvor besuchte sie das Studio dreimal pro Woche, jetzt etwa einmal alle zwei Wochen.

Rechtliche Grauzonen und Missverständnisse

Das britische Höchstgericht entschied im April 2025 im Fall FWS v Scottish Ministers einstimmig, dass die Begriffe Mann, Frau und Geschlecht im Equality Act 2010 immer auf das biologische Geschlecht und nicht auf Gender oder Geschlechtsidentität verweisen sollten. Doch die Richter*innen entschieden nicht umfassend darüber, ob trans Frauen außerhalb des Equality Act als Frauen angesehen werden, und sie stellten fest, dass ihr Urteil weder den Gender Recognition Act noch die Diskriminierungsschutzbestimmungen für trans Personen unter dem Equality Act ungültig machen würde.

Good Law Project argumentiert, dass Dewberrys Drohung auf einer Fehlinterpretation der Supreme Court-Entscheidung über die Definition von Geschlecht unter dem Equality Act beruhte. Das Gericht habe nie gesagt, dass trans Personen keine geeignete Toilette benutzen könnten. Die Organisation argumentiert weiter, dass Virgin Active nicht erklärt habe, was ihre Richtlinienänderung „erreichen soll", und dass das Unternehmen nicht ausreichend beweisen könne, dass sie ein „verhältnismäßiges Mittel zur Erreichung eines legitimen Ziels" darstelle.

Deutschland als Kontrastprogramm

Während Großbritannien einen restriktiven Kurs einschlägt, hat Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz im November 2024 einen entgegengesetzten Weg beschritten. Trans Rechte in Deutschland werden seit 2024 durch das Selbstbestimmungsgesetz geregelt. Die Scholz-Regierung ersetzte das Transsexuellengesetz von 1980 durch das Selbstbestimmungsgesetz, das finanzielle und bürokratische Hürden bei der rechtlichen Änderung von Geschlecht und Namen beseitigt.

Allerdings gibt es auch in Deutschland wichtige Einschränkungen bezüglich des Zugangs zu geschützten Räumen. Nach einer Änderung des Geschlechtseintrags im Personenstandsregister können Personen keinen Zugang zu geschlechtsspezifischen Toiletten auf Grundlage dieses Eintrags fordern. Der Betreiber der Einrichtung behält das Hausrecht, um zu bestimmen, wer die Toiletten nutzen darf. Öffentliche Orte wie Fitnessstudios und Umkleideräume haben weiterhin das Recht zu entscheiden, wen sie hereinlassen. Das neue Gesetz regelt nur rechtliche Verfahren und ändert nichts an den Regeln für geschlechtsangleichende Operationen.

Dieser differenzierte Ansatz zeigt: Rechtliche Anerkennung und Zugang zu Räumen sind zwei verschiedene Fragen, die sorgfältig abgewogen werden müssen – unter Berücksichtigung sowohl der Rechte von trans Personen als auch der Sicherheitsbedürfnisse aller Nutzer*innen.

Öffentlicher Protest und gesellschaftliche Spaltung

Über 8.500 Mitglieder der Öffentlichkeit unterzeichneten eine Petition, die Virgin Active auffordert, „aufzuhören, geschlechtskritische Stimmen zu befolgen" und stattdessen „dem Gesetz zu folgen". „Virgin Actives Entscheidung, trans Personen aufzugeben, ist ein schockierendes Versagen für ein Unternehmen, das behauptet, ein stolzer Unterstützer von LGBTQ+-Rechten zu sein", erklärte die Rechtsgruppe.

Good Law Project verklagt Virgin Active wegen direkter Diskriminierung, indirekter Diskriminierung und Belästigung gegen beide Kläger*innen aufgrund von Geschlechtsangleichung. Die Klage zielt darauf ab, Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen, die unter dem Druck anti-trans Aktivismus ihre Inklusionsrichtlinien aufgeben.

Eine Frage der Menschenwürde

Der Fall Virgin Active ist mehr als nur eine juristische Auseinandersetzung – er ist ein Indikator für die gesellschaftliche Polarisierung rund um Trans-Rechte in Europa. Während Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz internationale Anerkennung erfährt, zeigt die Situation in Großbritannien, wie schnell hart erkämpfte Rechte wieder in Frage gestellt werden können.

Für die betroffenen trans Personen geht es nicht um abstrakte Rechtsprinzipien, sondern um alltägliche Würde und Sicherheit. Nach Virgin Actives neuer Richtlinie können beide Kläger*innen Einrichtungen wie Pool und Sauna nicht mehr nutzen, da diese nur durch die Männer- oder Frauen-Umkleideräume erreichbar sind. Beide Kläger*innen haben aus Angst vor Belästigung ihre Nutzung des Fitnessstudios stark reduziert oder die Nutzung einiger Einrichtungen vollständig eingestellt.

Der Ausgang dieser Klage wird zeigen, ob britische Gerichte bereit sind, trans Personen vor Diskriminierung zu schützen – oder ob die restriktive Auslegung des Supreme Court-Urteils zu einer weiteren Marginalisierung führt. Für die queere Community in Deutschland und Europa bleibt der Fall eine dringliche Mahnung: Rechte müssen kontinuierlich verteidigt werden, und Solidarität endet nicht an nationalen Grenzen.

Quelle: PinkNews


Norwegen: Höchststrafe für Drahtzieher des Oslo-Pride-Anschlags – ein Weckruf für Deutschland

Ein norwegisches Gericht hat am Freitag eine historische Entscheidung getroffen: Arfan Bhatti, ein 48-jähriger norwegischer Staatsbürger, wurde wegen Beihilfe zum tödlichen Terroranschlag auf den Oslo Pride 2022 zur Höchststrafe von 30 Jahren Verwahrung verurteilt. Das Urteil markiert einen wichtigen Moment in der Aufarbeitung eines der schwersten queerfeindlichen Terroranschläge in Europa – und wirft ein grelles Licht auf eine Entwicklung, die auch Deutschland zunehmend betrifft. Die ursprüngliche Meldung stammt von queer.de.

Eine Nacht des Schreckens

In der Nacht zum 25. Juni 2022 eröffnete ein bewaffneter Mann das Feuer auf den London Pub, einen beliebten Treffpunkt der LGBTQ+-Szene in Oslo, sowie eine angrenzende Bar. Zwei Menschen starben, acht weitere wurden durch Schüsse verletzt, Dutzende trugen weitere Verletzungen davon. Die norwegische Polizei stufte den Angriff als islamistischen Terrorakt ein. Die Tat ereignete sich nur wenige Stunden vor der geplanten Pride-Parade – die Parade wurde daraufhin abgesagt, nachdem die Polizei einschätzte, dass die LGBTQ-Community von islamistischen Extremisten als "Feind" angesehen wird.

Trotz der Warnungen versammelten sich dennoch mehrere Tausend Menschen zu einer spontanen Demonstration, angeführt von bewaffneten Polizeibeamten, und legten Regenbogenfahnen sowie Blumen vor dem London Pub nieder. Es war ein Moment des Widerstands und der Solidarität in einer Stadt unter Schock.

Der Mann hinter dem Attentat

Der Schütze Zaniar Matapour, ein iranischstämmiger Norweger, wurde bereits im Juli 2024 wegen Mordes und schweren Terrorismus zu 30 Jahren Haft verurteilt. Doch die Ermittlungen richteten sich auch gegen Arfan Bhatti, einen in Oslo geborenen islamistischen Aktivisten und führende Figur der extremistischen Gruppe Profetens Ummah.

Bhatti befand sich zum Zeitpunkt des Anschlags in Pakistan, wurde dort im September 2022 verhaftet und im Mai 2024 nach Norwegen ausgeliefert, nachdem er sich gegen die Auslieferung gewehrt hatte. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass die Chats mit einem verdeckten Geheimdienstmitarbeiter zweifellos zeigen, dass Bhatti bestätigte, Teil der Planung des Terroranschlags zu sein – er half bei der Waffenbeschaffung und diskutierte Terrorziele und Motive.

Bhatti hatte das Treuebekenntnis des Schützen zum IS an jemanden weitergeleitet, von dem er glaubte, es sei ein IS-Mitglied – tatsächlich war es ein Agent des norwegischen Geheimdienstes. Die umfangreiche Kommunikation mit diesem Agenten bildete die Grundlage der Anklage.

Ein Urteil mit Symbolkraft

Das Gericht stellte fest: "Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass Bhattis und Matapours Ziel bei dem Terroranschlag die queere Community war". Das Gericht konstatierte, dass der Angriff brutal und rücksichtslos war, geplant und kaltherzig, und dass er nicht nur bei den direkt Betroffenen, sondern in der gesamten Gesellschaft Angst erzeugte. Es gebe keine mildernden Umstände.

Bhatti kündigte unmittelbar nach der Urteilsverkündung an, Berufung einzulegen. Nach norwegischem Recht kann ein Gericht nach 20 Jahren entscheiden, ob eine Freilassung möglich ist – vorausgesetzt, die Person gilt nicht mehr als Gefahr für die Öffentlichkeit. Eine Untersuchung kritisierte die Polizei dafür, nicht auf Geheimdienstinformationen reagiert zu haben, die den Anschlag hätten verhindern können.

Deutschland: Eine bedrohliche Parallelentwicklung

Was in Oslo geschah, mag wie ein ferner Albtraum klingen – doch die Bedrohung ist auch in Deutschland zur bitteren Realität geworden. Im Jahr 2023 wurden 1.785 queerfeindliche Straftaten in Deutschland erfasst – die Zahl hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Die Opferberatungsstellen verzeichneten 2024 sogar 343 queerfeindlich motivierte Angriffe, was einem alarmierenden Anstieg von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht.

Die Gesamtzahl queerfeindlicher Straftaten stieg von etwa 1.785 Fällen im Jahr 2023 auf 2.917 Fälle im Jahr 2024. Besonders besorgniserregend: Fast alle Fraktionen im Bundestag verurteilten die gewaltsamen Übergriffe von Rechtsextremisten auf queere Veranstaltungen in den vergangenen Wochen, darunter mehrere CSDs in deutschen Städten.

CSDs unter Beschuss

Im Sommer 2024 gab es in 28 deutschen Städten rechtsextreme Anti-CSD-Demonstrationen. Die vorwiegend jugendlichen Neonazi-Teilnehmer organisierten sich selbstbewusst über Social-Media-Plattformen wie Instagram, TikTok und WhatsApp. In Bautzen standen 1.000 Pride-Teilnehmenden rund 700 Rechtsextreme gegenüber.

In Regensburg wurde die für den 5. Juli 2025 geplante CSD-Parade aufgrund einer "abstrakten Bedrohungslage" abgesagt – nach einem Krisengespräch mit Ordnungsamt und Polizei kam man zu dem Schluss, dass die Sicherheit der Teilnehmenden während der Demonstration nicht gewährleistet werden könne.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet das teilweise hohe Mobilisierungspotenzial bei Störaktionen gegen CSDs als neue Entwicklung aufmerksam. Ein im Oktober 2025 veröffentlichter Sicherheitsreport der Amadeu Antonio Stiftung dokumentiert erstmalig systematisch rechtsextreme Angriffe auf CSDs und kommt zu dem Ergebnis: Von 245 geplanten CSDs in 2025 wurden mindestens 110 gestört oder angegriffen.

Die Dunkelziffer: Ein verborgenes Ausmaß

Die offiziellen Zahlen sind erschreckend – doch sie erfassen nur einen Bruchteil der Realität. Laut einer Studie der EU-Grundrechteagentur zeigten 96 Prozent der LSBTIQ+-Menschen Hassrede nicht an, 87 Prozent meldeten körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht. Die Gründe: 33 Prozent hielten das Vergehen für "zu gering", 23 Prozent hatten Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen der Polizei.

Expert*innen schätzen die Dunkelziffer bei queerfeindlichen Straftaten in Deutschland auf über 80 Prozent. Das bedeutet: Die tatsächliche Zahl der Angriffe könnte fünfmal so hoch sein wie erfasst.

Ein Weckruf

Das Urteil gegen Arfan Bhatti in Norwegen ist mehr als die juristische Aufarbeitung eines Verbrechens – es ist ein Signal, dass queerfeindlicher Terror mit der vollen Härte des Gesetzes bekämpft werden muss. Viele Betroffene des Oslo-Anschlags berichteten von Herausforderungen mit der psychischen Gesundheit, Schwierigkeiten, ausreichend Hilfe zu bekommen, und einem erhöhten Gefühl der Unsicherheit.

In Deutschland, wo die Hassverbrechen gegen queere Menschen allein in einem Jahr um 50 Prozent gestiegen sind – während die LGBTQ+-Bevölkerung in fünf Jahren um etwa 50 Prozent wuchs, seit 2013 sogar fast um das 30-fache, müssen Politik und Gesellschaft endlich handeln. Die Grünen-Fraktion fordert, dass die Bundesregierung in Zusammenarbeit mit den Ländern CSD-Demonstrationen vor Gewalt und Hetze schützt – durch Sensibilisierung von Sicherheitsbehörden und die Entwicklung effizienter Schutzkonzepte.

Die Erinnerung an Oslo sollte uns mahnen: Queerfeindlichkeit ist keine Meinungsäußerung. Sie ist der Nährboden für Terror. Und sie erfordert dieselbe Wachsamkeit und Entschlossenheit, die Norwegen jetzt bewiesen hat.


Britisches Tribunal-Urteil zu Trans-Rechten am Arbeitsplatz: Was bedeutet es für Deutschland?

Ein britisches Arbeitsgericht hat in einem viel beachteten Fall über Trans-Rechte am Arbeitsplatz geurteilt – mit weitreichenden Implikationen für die Debatte über geschlechtsspezifische Räume. Acht Krankenschwestern des Darlington Memorial Hospital hatten gegen den County Durham and Darlington NHS Trust geklagt, weil ihre Trans-Kollegin Rose Henderson geschlechtsspezifische Umkleideräume nutzen durfte. Das Urteil vom 16. Januar 2026 ist differenziert – und zeigt die Komplexität des Themas.

Ein geteiltes Urteil mit klarer Botschaft

Das Gericht stellte fest, dass der NHS Trust die Klägerinnen durch Belästigung diskriminiert hat, indem er Henderson erlaubte, den Umkleideraum zu nutzen, "ohne geeignete alternative Einrichtungen bereitzustellen". Besonders kritisch sah das Gericht, dass der Trust die Bedenken der Krankenschwestern nicht ernst nahm und darauf verwies, dass die Klägerinnen "über Trans-Rechte aufgeklärt werden müssten" und ihre "Denkweise erweitern" sollten.

Gleichzeitig wies das Tribunal jedoch alle Vorwürfe gegen Henderson persönlich zurück. Rose Henderson, die als Mann geboren wurde und sich als Frau identifiziert, habe die Klägerinnen weder belästigt noch viktimisiert und nichts Falsches getan. Die Verantwortung lag beim Arbeitgeber, nicht bei der Trans-Frau selbst.

Der Kontext: Jahre der Stille, plötzlicher Konflikt

Henderson hatte die Umkleideräume seit Beginn ihrer Tätigkeit am Krankenhaus als Studentin im Jahr 2019 genutzt, doch Beschwerden wurden von den Krankenschwestern erst 2023 erhoben. Die Richtlinie des NHS-Trusts, die es Trans-Personen erlaubte, Umkleideräume basierend auf Selbstidentifikation zu nutzen, wurde inzwischen zurückgezogen. Dies folgte einem Urteil des Supreme Court im April 2025 in einem separaten Fall, das festlegte, dass die rechtliche Definition einer Frau auf dem biologischen Geschlecht basieren sollte, gemäß dem Equality Act 2010.

Rechtliche Einordnung und deutsche Perspektive

Für deutsche Leser*innen stellt sich die Frage: Wie würde ein solcher Fall hierzulande behandelt? In Deutschland regelt seit November 2024 das Selbstbestimmungsgesetz die Rechte trans-, intergeschlechtlicher und nicht-binärer Personen. Wichtig ist: In bestimmten Fällen, wie dem Zugang zu geschlechtsspezifischen Toiletten, Umkleideräumen oder Saunen, ist nicht der eingetragene Geschlechtseintrag entscheidend, sondern das Hausrecht und andere Kriterien wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.

Nach einer Änderung des Geschlechtseintrags im Personenstandsregister können Personen nicht automatisch Zugang zu geschlechtsspezifischen Toiletten verlangen. Der Betreiber der Einrichtung behält das Recht, auf Grundlage des Hausrechts zu entscheiden, wer die Toiletten nutzen darf. Grundsätzlich sind Arbeitgeber verpflichtet, Toilettenräume und gegebenenfalls Waschräume und Umkleideräume bereitzustellen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verpflichtet Arbeitgeber, durch präventive Maßnahmen eine diskriminierungsfreie Arbeitsumgebung zu gewährleisten.

Die politische Dimension: Christliche Lobbygruppen im Hintergrund

Problematisch am Darlington-Fall ist die Unterstützung durch das Christian Legal Centre, eine christliche Rechtsorganisation, die eine Schwesterorganisation des evangelikalen Christian Concern ist, welche Homosexualität als "schädliche sexuelle Praxis" bezeichnet und behauptet, dass geschlechtsangleichende Gesundheitsversorgung "bleibende Schäden" verursacht. Die Kanzlei hat zuvor verschiedene Anti-LGBTQ+-Fälle unterstützt, darunter eine Frau, die den Camden Council wegen Trans-Flaggen-farbener Zebrastreifen verklagt, und eine Mutter, die die Grundschule ihres Sohnes wegen einer Pride-Veranstaltung vor Gericht brachte.

Diese ideologische Instrumentalisierung des Falls zeigt, dass es nicht nur um praktische Arbeitsplatzfragen geht, sondern um einen grundsätzlichen Angriff auf Trans-Rechte.

Stimmen der Betroffenen

Henderson erklärte, die Krankenschwestern hätten "direkte Diskriminierung und Belästigung" gegen sie ausgeübt und ein "einschüchterndes, feindseliges, entwürdigendes, demütigendes und beleidigendes Umfeld aufgrund meiner geschützten Merkmale" geschaffen. Sie sagte dem Gremium: "Ich bin nicht die Person, als die mich die Klägerinnen dargestellt haben", und beschrieb, wie "verstörend" es gewesen sei, "Horden von Menschen" zu sehen, die nach Bekanntwerden des Falls beleidigende Kommentare online posteten.

Was können wir daraus lernen?

Das Urteil macht deutlich: Arbeitgeber tragen die Verantwortung, allen Beschäftigten gerecht zu werden. Das Tribunal stellte fest, dass der Trust die Krankenschwestern durch Belästigung diskriminiert hat, indem er eine Trans-Kollegin einen Umkleideraum für Frauen nutzen ließ, ohne eine geeignete Alternative bereitzustellen. Der Fehler lag nicht in Hendersons Existenz oder Rechten, sondern im Versäumnis des Arbeitgebers, praktische Lösungen zu finden.

In Deutschland sind ähnliche Konflikte denkbar. Die Reform der gesetzlichen Geschlechtsanerkennung auf Grundlage der Selbstbestimmung wird Trans-Personen nicht automatisch vor Missbrauch und Diskriminierung schützen. Aber das neue Gesetz zeigt, dass die Regierung die Grundrechte von trans- und nicht-binären Menschen unterstützt, was zu einem breiteren Verständnis und einer größeren Akzeptanz verschiedener Geschlechtsidentitäten beitragen kann.

Der Fall aus Darlington sollte als Warnung verstanden werden: Weder die Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen von Cis-Frauen noch die Ausgrenzung von Trans-Personen sind die Lösung. Gefragt sind durchdachte, inklusive Konzepte – und Arbeitgeber, die ihre Fürsorgepflicht gegenüber allen Beschäftigten ernst nehmen.


Alarmierende Kluft: Junge Männer kehren zu homophoben Ansichten zurück

Eine aktuelle Studie des Pew Research Centers offenbart besorgniserregende Entwicklungen: Männer unter 24 Jahren lehnen die Ehe für alle und Homosexualität im Allgemeinen deutlich häufiger ab als jene, die in den 1980er und 1990er Jahren geboren wurden. Diese Rückentwicklung bei der jüngsten Generation stellt eine dramatische Umkehr jahrzehntelanger Fortschritte dar – und sie ist kein rein amerikanisches Phänomen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Die vom American Institute for Boys and Men (AIBM) im Dezember 2024 veröffentlichte Auswertung der Pew-Daten zeigt: Nur 65 Prozent der in den 2000er Jahren geborenen Männer glauben, dass Homosexualität von der Gesellschaft akzeptiert werden sollte – über sieben Prozent weniger als bei den in den 1990er Jahren Geborenen und drei Prozent weniger als bei den 1980er-Jahrgängen. Bei der Unterstützung für die gleichgeschlechtliche Ehe sieht es ähnlich aus: 71 Prozent der 2000er-Männer befürworten sie, verglichen mit 77 Prozent der 1990er- und 73 Prozent der 1980er-Generation.

Besonders alarmierend ist die Geschlechterkluft: Frauen unter 24 Jahren unterstützen LGBTQ+-Rechte mit deutlich höheren Werten – 83 Prozent befürworten die Ehe für alle und 82 Prozent sprechen sich für die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität aus. Das AIBM stellte fest, dass die Geschlechterkluft bei den in den 2000er Jahren Geborenen in fast jedem Bereich am größten ist im Vergleich zu allen anderen Jahrzehnten.

Trans-Rechte: Das umstrittenste Thema

Trans-Rechte sind mit Abstand das umstrittenste Thema unter jungen Menschen: 60 Prozent der in den 2000ern geborenen Frauen glauben, dass trans Personen von der Gesellschaft akzeptiert werden sollten, während nur 44 Prozent der gleichaltrigen Männer dieser Ansicht sind – eine Geschlechterkluft von 16 Prozent. Bei der Unterstützung für die gleichgeschlechtliche Ehe beträgt die Geschlechterkluft der 2000er-Generation 12 Prozent, bei Homosexualität 17 Prozent und bei Abtreibungsrechten 10 Prozent.

Deutschland: Ein Spiegelbild der globalen Entwicklung

Auch in Deutschland zeigt sich eine bedenkliche Parallele. Vor allem bei jungen Männern nehmen queerfeindliche Ansichten auch in Deutschland eher zu, wie eine Ipsos-Studie aus dem Jahr 2024 belegt. Während zwei von drei jungen Frauen der Generation Z (65 Prozent) queere Zuneigung in der Öffentlichkeit unterstützen, liegt der Wert bei jungen Männern in Deutschland lediglich bei 30 Prozent.

Weltweit sinkt die Akzeptanz für die LGBTQIA+-Community vor allem bei jüngeren Männern. Insbesondere bei der Generation Z (1996-2012) streben die Wertvorstellungen zwischen den Geschlechtern zunehmend auseinander. Während bei jungen Frauen die Toleranz und Offenheit gegenüber queeren Menschen stetig zunimmt, werden LGBTQIA+-Rechte von den männlichen GenZlern deutlich seltener befürwortet – auch im direkten Generationenvergleich mit männlichen Millennials (1980-1995).

Dabei liegt die Gesamtakzeptanz in Deutschland weiterhin auf einem vergleichsweise hohen Niveau: 73 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass lesbische, schwule oder bisexuelle Menschen vor Diskriminierung geschützt werden sollten. Bei trans Personen stimmen sieben von zehn Befragten (70 Prozent) der Aussage zu. Etwa ebenso viele (71 Prozent) befürworten, dass gleichgeschlechtliche Paare legal heiraten dürfen – drei Prozentpunkte mehr im Vergleich zum Jahr 2021. Doch die wachsende Kluft zwischen jungen Männern und Frauen bleibt besorgniserregend.

Religion und rechte Botschaften als Erklärungsansätze

Ryan Burge, Professor an der Washington University, argumentiert, dass junge Männer zunehmend von "Social-Issue-Botschaften" beeinflusst werden, insbesondere von rechtsgerichteten religiösen Gruppen. Er betont, dass mehr Zeit und Daten nötig seien, um die Entwicklung vollständig zu verstehen: "Ich vermute, dass die nächsten fünf Jahre der Umfrageergebnisse die Entwicklungen junger Männer und Frauen in Bezug auf Religion deutlich klären werden", schrieb er. "Wenn sich tatsächlich eine Verschiebung ankündigt, werden diese nächsten Jahre entscheidend sein."

Studien deuten darauf hin, dass Religion ein Faktor ist, der bei der Erklärung des Rückgangs der Gleichstellungsüberzeugungen bei Jungen vielversprechend erscheint. Die Ansichten zur Geschlechtergleichstellung unter Jungen, die angeben, dass Religion in ihrem Leben nicht wichtig ist, sind in den letzten fünf Jahren nicht annähernd so stark gesunken. Die Tatsache, dass die Popularität der Geschlechtergleichstellung bei religiösen Jungen so stark eingebrochen ist, scheint der wichtigste Hinweis in der Umfrage zu sein, welche Faktoren diesen Trend antreiben könnten.

Ein Vakuum, das gefüllt wird

Das American Institute for Boys and Men warnt seit Jahren vor den Folgen, wenn die Probleme junger Männer ignoriert werden. Junge Männer haben in vielen Bereichen Schwierigkeiten, insbesondere in Bezug auf Bildung und psychische Gesundheit. Junge Männer haben das Gefühl, dass diese Anliegen von den Mainstream-Institutionen nicht angegangen oder manchmal nicht einmal anerkannt werden. Und hier ist die Sache: Sie haben nicht unrecht. Das Versäumnis, die Probleme von Jungen und Männern anzugehen, schafft ein gefährliches Vakuum in unserer Kultur und zunehmend auch in unserer Politik.

Beinahe die Hälfte der jungen Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren gab gegenüber Equimundo an, dass sie einem oder mehreren der "Männerrechts"-, antifeministischen oder gewaltbefürwortenden Manosphären-Influencer wie Andrew Tate vertrauen, einem selbsterklärten Frauenfeind, MAGA-Unterstützer und einem der berühmtesten Stars auf TikTok (bis er von der Plattform entfernt wurde).

Ein Weckruf für Politik und Gesellschaft

Die Studienergebnisse sollten als Weckruf dienen. Während sich die Rechte von LGBTQ+-Menschen in vielen Ländern in den letzten Jahrzehnten verbessert haben, droht eine neue Generation junger Männer diese Fortschritte rückgängig zu machen – beeinflusst durch Online-Radikalisierung, religiösen Konservatismus und das Gefühl, von progressiven Bewegungen nicht angesprochen zu werden.

In Deutschland und weltweit müssen wir uns fragen: Wie können wir junge Männer erreichen, ohne die hart erkämpften Rechte von LGBTQ+-Menschen zu gefährden? Wie schaffen wir Räume für kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern, ohne antifeministischen und homophoben Narrativen Raum zu geben? Die Antworten auf diese Fragen werden darüber entscheiden, ob die nächste Generation eine der Akzeptanz oder der Ablehnung wird.


Jeder Fünfte weiß nichts von seiner HIV-Infektion – Warnsignal aus Mecklenburg-Vorpommern

Eine alarmierende Schätzung des Robert Koch-Instituts zeigt: In Mecklenburg-Vorpommern weiß etwa jeder fünfte HIV-Infizierte nichts von seiner Infektion. Bundesweit sind schätzungsweise rund 8.200 HIV-Infektionen noch nicht diagnostiziert – bei insgesamt 97.700 Menschen, die Ende 2024 mit HIV in Deutschland leben. Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) hat kürzlich auf diese kritische Lage hingewiesen und fordert dringend mehr niedrigschwellige Testangebote.

Wenn Beratungsstrukturen wegbrechen

Die Situation in Rostock, der größten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns, verdeutlicht ein strukturelles Problem: Der Bedarf an verstärkten Anstrengungen, insbesondere bei zielgruppenspezifischen Testangeboten sowie dem Zugang zu Therapie und Prophylaxe, ist deutlich. Das städtische Gesundheitsamt konnte seine Beratungs- und Testangebote zeitweise nicht aufrechterhalten. Noch gravierender: Das Landesamt für Gesundheit und Soziales hat seine Sprechstunde zu HIV und sexuell übertragbaren Krankheiten Anfang 2026 komplett eingestellt.

Diese Entwicklung ist umso besorgniserregender, als die Nachfrage bei der Rostocker Aidshilfe 2025 stark zugenommen hat. Ministerin Drese äußerte die klare Erwartung, dass das Rostocker Gesundheitsamt personell wieder so aufgestellt wird, dass diese wichtige Aufgabe wieder übernommen werden kann. Deutschlandweit bieten Aidshilfen, Checkpoints und Gesundheitsämter anonyme HIV-Tests an – doch gerade in Flächenländern gibt es außerhalb der Großstädte nur wenige Praxen, was durch lange Anfahrtswege oder lange Wartezeiten erschwert wird.

2024: Anstieg der Neuinfektionen bundesweit

Während in Mecklenburg-Vorpommern 2024 insgesamt 60 HIV-Neuinfektionen festgestellt wurden und fünf Menschen an den Folgen starben, zeigt sich bundesweit ein besorgniserregender Trend. Die Anzahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland wird für das Jahr 2024 auf 2.300 geschätzt und liegt damit etwa um 200 Neuinfektionen höher als 2023. Etwa die Hälfte des Anstiegs lässt sich zurückführen auf Infektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben, doch Anstiege der HIV-Neuinfektionen wurden auch unter Menschen mit injizierendem Drogengebrauch und durch heterosexuelle Übertragungswege beobachtet.

Frühe Diagnose rettet Leben

"Eine HIV-Infektion ist heute gut behandelbar", betont Ministerin Drese. "Frühzeitig diagnostiziert und therapiert, ist eine normale Lebenserwartung möglich." Die Zahlen geben ihr recht: Der Anteil der Menschen mit diagnostizierter HIV-Infektion, die eine antiretrovirale Therapie erhalten, lag 2024 insgesamt weiterhin hoch bei etwa 98 Prozent. Etwa 96 Prozent dieser Therapien verlaufen erfolgreich, sodass HIV dann sexuell nicht mehr übertragbar ist.

Doch die Kehrseite: Etwa ein Drittel aller neudiagnostizierten HIV-Infektionen wurde 2024 erst mit einem fortgeschrittenen Immundefekt diagnostiziert, fast jede fünfte Infektion sogar erst mit dem Vollbild AIDS. Das unterstreicht die Bedeutung niedrigschwelliger Testangebote. Aidshilfen bieten neben persönlichen Tests auch Pilotprojekte wie S.A.M Mein Heimtest an, bei denen sich Teilnehmer*innen regelmäßig zu Hause auf HIV und andere Geschlechtskrankheiten testen und Testkits per Post ins Labor senden.

PrEP und Prävention: Noch Luft nach oben

Mit der Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) steht ein hochwirksames Instrument zur Verhinderung von Infektionen zur Verfügung, und seit September 2019 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Menschen mit substanziellem HIV-Risiko. Ende 2024 gab es schätzungsweise rund 40.000 PrEP-Nutzende in Deutschland.

Dennoch mahnt das RKI: Der Anstieg der Neudiagnosen bei MSM und bei Menschen mit injizierendem Drogengebrauch zeigt, dass der Zugang zu PrEP für alle Menschen mit einem substanziellen HIV-Infektionsrisiko nicht nur erhalten, sondern weiter in der Fläche ausgebaut werden sollte. Auch sollte darauf hingearbeitet werden, dass mehr Frauen sich durch PrEP schützen können.

Wissen als Schlüssel zur Prävention

Das Beispiel Mecklenburg-Vorpommern zeigt exemplarisch, was bundesweit gilt: Frühe Diagnose und Therapie können Leben retten und Neuinfektionen verhindern. Das Centrum für Sexuelle Gesundheit der Rostocker Aidshilfe leistet wichtige Arbeit in der sexuellen Bildung mit Kindern und Jugendlichen, begleitet HIV-positive Menschen und bietet niedrigschwellige Beratung sowie Tests an.

Doch ohne ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen in den öffentlichen Gesundheitsämtern können solche Einrichtungen die steigenden Bedarfe nicht allein abdecken. Leicht zugängliche Testangebote sind wichtig, Maßnahmen, die die Testbereitschaft fördern und die Kenntnis von Infektionsrisiken – diese Forderung des RKI ist dringlicher denn je. Die Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommern sind ein Warnsignal, das bundesweite Beachtung verdient.


Pentagon stoppt Sexspielzeug-Lieferung an US-Soldaten in Bahrain – Ein skurriler Fall mit ernstem Hintergrund

Es klingt wie eine Anekdote aus einem Satiremagazin, doch die Geschichte ist real: Das Pentagon hat einen kanadischen Online-Shop namens Bonjibon aufgefordert, keine Sexspielzeuge mehr an einen US-Marinestützpunkt in Bahrain zu senden. Die Mitgründerin Grace Bennett erinnerte sich amüsiert daran, wie sie erst Monate später herausfand, dass die Produkte nach Bahrain geschickt worden waren, als die Pakete zu ihr zurückkamen – begleitet von offiziellen Briefen des US-Verteidigungsministeriums.

Die skurrile Entdeckung machte Bennett im September 2025, als ihr Lagerverwalter in einem der zurückgesandten Pakete einen Brief mit dem Siegel des US-Verteidigungsministeriums entdeckte – das Paket war geöffnet worden, die Siegel gebrochen. In der ursprünglichen Meldung von PinkNews wird berichtet, dass die betreffenden Artikel – ein Analplug und ein Bullet-Vibrator – als "unmittelbare Gefahr für Leben oder Gliedmaßen" eingestuft wurden.

Strenge Gesetze in Bahrain treffen auf militärische Realität

Bahrains Militär-Richtlinien von 2024 listen pornografisches Material einschließlich Sexspielzeug, Handschellen und Nacktmagazinen als "verbotene Gegenstände" auf, und der Zoll röntgt 100 Prozent aller Sendungen – konfiszierte Artikel werden zerstört. Das deutschsprachige Nachrichtenportal Watson berichtet, dass der US-Stützpunkt in Bahrain eine strategisch wichtige Rolle spielt: Die Fünfte Flotte der US-Marine ist dort stationiert, wo rund 9.000 Militärangehörige den Stützpunkt betreiben.

Die rechtliche Situation für LGBTQ+ Personen in Bahrain ist komplex: Während gleichgeschlechtliche sexuelle Aktivitäten 1976 entkriminalisiert wurden, bleiben Gesetze gegen "Unanständigkeit" bestehen und werden genutzt, um geschlechtliche und sexuelle Minderheiten zu verfolgen – Verstöße können zu Gefängnis, Geldstrafen und Deportation führen. Laut US-Außenministerium gibt es keine genehmigten LGBTQ+-Organisationen in Bahrain, und es ist unwahrscheinlich, dass solche sich bilden oder öffentlich Veranstaltungen abhalten könnten.

Sexuelle Selbstbestimmung im Militär: Ein globales Thema

Der Fall wirft Fragen über die sexuelle Selbstbestimmung von Soldaten auf, die im Ausland stationiert sind. Bennett kommentierte die Situation mit einer gewissen Ironie: "Es gibt eine Diskrepanz zwischen einem Militärangehörigen, der in einem fremden Land Analplugs bestellt, ohne zu verstehen, dass diese Artikel im Land, in dem er sich befindet, illegal sind." Sie vermutete, dass jemand die Pakete aus dem Ausland an in Bahrain stationierte Navy-Angehörige weitergeleitet hatte.

Für deutsche LGBTQ+-Aktivisten und -Leserinnen ist diese Geschichte mehr als nur eine kuriose Anekdote. Sie erinnert an die weltweite Realität, dass in vielen Ländern – darunter auch beliebte Urlaubsziele wie Thailand, Saudi-Arabien und Indien – Sexspielzeug verboten ist. In Ländern, in denen Sexspielzeug verboten ist, gibt es in der Regel strenge religiöse Vorschriften, um "obszöne" Gegenstände fernzuhalten, und die Strafen reichen von Beschlagnahmung bis zu schweren Gefängnisstrafen.

Mit Humor gegen Stigmatisierung

Bennett reagierte auf die offizielle Aufforderung mit beachtlichem Humor: Sie rahmt die Pentagon-Briefe in glitzernden Rahmen ein und verwandelt damit einen potenziell peinlichen internationalen Vorfall in eine skurrile Anekdote. Auf TikTok warnte sie augenzwinkernd: "Das ist für alle amerikanischen Soldaten, die im Ausland stationiert sind, besonders in Ländern, wo gute Vibes illegal sein könnten – Sie können nicht bei Bonjibon bestellen."

Die Reaktionen in den sozialen Medien zeigten, wie das Thema Sexspielzeug und insbesondere die Verwendung durch Männer im Militär noch immer mit Vorurteilen behaftet ist. Ein Kommentator fragte: "Die Soldaten kaufen Analplugs?" Darauf antwortete jemand: "Ich kann nicht sagen, ob du vergisst, dass Frauen auch Soldaten sein können, oder dass der männliche G-Punkt am einfachsten durch die Hintertür zu erreichen ist." Diese Diskussion unterstreicht, wie wichtig Aufklärung über sexuelle Gesundheit und Selbstbestimmung bleibt – auch und gerade im militärischen Kontext.

Deutschland: Sexuelle Freiheit als Privileg

Für Menschen in Deutschland ist die freie Verfügbarkeit von Sexspielzeug selbstverständlich – ein Privileg, das nicht überall auf der Welt existiert. Während deutsche Online-Shops wie EasyToys, Sinful oder Marielove ihre Produkte diskret und ohne rechtliche Hindernisse versenden können, riskieren Menschen in konservativen Ländern bei Besitz solcher Artikel Gefängnisstrafen.

Der Fall zeigt exemplarisch, wie kulturelle und religiöse Normen die sexuelle Selbstbestimmung einschränken können. Für die LGBTQ+-Community ist dies besonders relevant, da Sexualität und geschlechtliche Identität in vielen Ländern nach wie vor kriminalisiert werden. Bahrain gehört zu den wenigen Ländern in der Region, die kolonialzeitliche Gesetze gegen Homosexualität aufgehoben haben – dies geschah 1976. Dennoch bleiben soziale Stigmatisierung und rechtliche Grauzonen bestehen.

Das Pentagon lehnte eine Stellungnahme zu diesem Thema ab. Die kanadische Geschäftsfrau Bennett nahm es gelassen: Sie sagte, sie hätten "einen riesigen Spaß dabei gehabt" und betonte: "Wir urteilen nicht, wir wollen, dass jeder bestellt, was er möchte, und dass sich jeder selbstbewusst fühlt beim Einkaufen."


Mutter zu transfreundlich: Elon Musk will alleiniges Sorgerecht für sein 14. Kind

Ein bizarrer Sorgerechtsstreit sorgt derzeit für Schlagzeilen: Tech-Milliardär Elon Musk hat am 12. Januar 2026 angekündigt, das alleinige Sorgerecht für seinen einjährigen Sohn Romulus zu beantragen – und das aus einem Grund, der in Deutschland Fragen über Trans-Akzeptanz und Elternrechte aufwirft. Der Sohn wurde von der konservativen Influencerin Ashley St. Clair geboren, die das Kind Romulus St. Clair genannt hat und das im September 2024 zur Welt kam. Was aber hat Musk zu diesem drastischen Schritt bewogen?

Eine Entschuldigung als Auslöser

Der Auslöser für Musks Ankündigung ist so absurd wie erschreckend: St. Clair hatte sich öffentlich für ihre früheren transfeindlichen Äußerungen entschuldigt. In einem Statement schrieb sie: "Ich empfinde enormes Schuldgefühl für meine Rolle. Und noch mehr Schuld, dass Dinge, die ich in der Vergangenheit gesagt habe, der Schwester meines Sohnes möglicherweise mehr Schmerzen zugefügt haben" – womit sie offenbar Musks trans Tochter Vivian Jenna Wilson meinte.

St. Clair war durch ihr 2022 erschienenes Kinderbuch "Elephants Are Not Birds" bekannt geworden, das sich gegen die Rechte von trans Menschen ausspricht. Sie erklärte, sie habe "unglaublich hart im Privaten daran gearbeitet zu lernen und sich für Menschen in der trans Community einzusetzen", die sie verletzt habe.

Musks Reaktion? Er behauptete auf X, ihre Aussagen würden implizieren, "dass sie einen einjährigen Jungen transitionieren könnte" – obwohl St. Clair keinerlei explizite Erwähnung der Geschlechtsidentität von Romulus oder irgendwelcher Transitionspläne gemacht hatte.

Ein zerrüttetes Verhältnis zur trans Tochter als Hintergrund

Um Musks extreme Reaktion zu verstehen, muss man einen Blick auf sein Verhältnis zu seiner trans Tochter Vivian Jenna Wilson werfen. Die heute 21-Jährige änderte 2022 offiziell ihren Namen mit der Erklärung, sie wolle "in keiner Weise, Form oder Art" mit ihrem Vater verbunden sein. Wilson outete sich 2020 als trans Frau.

In einem Interview mit "DailyWire" im Juli 2024 erklärte Musk drastisch: "Mein Sohn Xavier ist tot - getötet vom Woke-Virus". Vivian Wilson beschrieb ihren Vater als abwesenden Vater, der sie als Kind wegen ihrer Weiblichkeit schikaniert habe. Sie ist seit ihrem Coming-out 2020 finanziell unabhängig von ihm.

Ein kompliziertes Vater-Sein

Musk ist Vater von mindestens 14 Kindern aus verschiedenen Beziehungen. Zunächst äußerte er sich unsicher über die Vaterschaft: "Ich weiß nicht, ob das Kind meins ist oder nicht, aber bin nicht dagegen, es herauszufinden", schrieb er auf X und behauptete, er habe Ashley 2,5 Millionen Dollar gegeben und zahle ihr 500.000 Dollar pro Jahr.

St. Clair reichte im Februar 2025 ihrerseits Klage auf alleiniges Sorgerecht ein. Sie erklärte in Interviews, die beiden hätten nie eine romantische Beziehung geführt, aber als sie schwanger wurde, habe er für ihre Wohnung in Manhattan bezahlt, wo sie "isoliert" gewesen sei.

Deutschland: Ein anderer rechtlicher Rahmen für Regenbogenfamilien

Während in den USA solche Sorgerechtsstreite mit trans-feindlichen Begründungen möglich scheinen, bietet Deutschland einen fortschrittlicheren rechtlichen Rahmen. Am 1. November 2024 trat das Selbstbestimmungsgesetz in Kraft, das es trans, inter und nicht-binären Personen ermöglicht, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen durch eine einfache Erklärung beim Standesamt zu ändern – ohne die bisher erforderlichen gerichtlichen Entscheidungen oder Sachverständigengutachten.

Deutsche Gerichte haben betont, dass "das Absprechen der Geschlechtsidentität einer Transperson unter Nennung des Namens im Allgemeinen einen besonders intensiven Eingriff in das Persönlichkeitsrecht darstellen" kann. In Urteilen wurde klargestellt, dass die geschlechtliche Identität Teil der zu achtenden Persönlichkeit eines Menschen sei, auch wenn nicht jede darauf bezogene abwertende Äußerung per se unzulässig sei.

Für Regenbogenfamilien in Deutschland bleiben jedoch rechtliche Herausforderungen bestehen: Bei lesbischen Paaren wird die Frau, die das Kind geboren hat, Mutter und rechtlicher Elternteil. Ihre Partnerin wird aktuell weder automatisch kraft Ehe noch im Wege einer Anerkennung weitere Mutter. Um den rechtlichen Status als Elternteil zu erlangen, muss die Partnerin der Mutter das Kind im Wege der Stiefkindadoption annehmen.

Ein Präzedenzfall für trans-feindliche Sorgerechtsargumente?

Der Vorfall unterstreicht polarisierte Ansichten zu trans Themen in den USA, wo Debatten über geschlechtsangleichende Versorgung für Jugendliche hitzig bleiben. Musks öffentliche Reaktion hat Aufmerksamkeit darauf gelenkt, wie persönliche Familienangelegenheiten kulturelle und politische Diskussionen befeuern können.

Der Fall wirft beunruhigende Fragen auf: Kann eine Mutter ihr Kind verlieren, weil sie ihre Meinung über trans Menschen geändert und sich für frühere Diskriminierung entschuldigt hat? Der Sorgerechtsstreit befindet sich noch in einem frühen Stadium, wobei zum 13. Januar 2026 noch keine bestätigten Details über Gerichtsanträge verfügbar sind.

Für LGBTQ+ Menschen in Deutschland und weltweit ist dieser Fall ein Weckruf: Trans-Feindlichkeit kann nicht nur die Betroffenen selbst treffen, sondern wird zunehmend als Waffe in völlig anderen Konflikten eingesetzt – sogar im Sorgerecht. Die Ironie dabei: Ausgerechnet eine Mutter, die versucht, von ihrer transfeindlichen Vergangenheit Abstand zu nehmen, wird nun dafür bestraft.

Quelle: queer.de


Wenn ein homophober Minister bei einem homophoben Regime Zuflucht findet: Der Fall Ziobro

Der ehemalige polnische Justizminister Zbigniew Ziobro hat in Ungarn politisches Asyl erhalten. Gegen den 55-Jährigen wird in Polen wegen mutmaßlichem Machtmissbrauch strafrechtlich verfolgt. Was auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher Fall von politischem Asyl aussieht, ist in Wahrheit ein erschreckender Einblick in die autoritären Netzwerke Europas – und zeigt, wie queerfeindliche Politiker sich gegenseitig decken. Der Originalbericht erschien auf queer.de.

Ein Justizminister auf der Flucht

Polens Generalstaatsanwaltschaft ermittelt gegen Ziobro wegen 26 Straftatbeständen, darunter der Verdacht auf Gründung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und der Verdacht auf Veruntreuung von umgerechnet 35 Millionen Euro. Nach Angaben der Ermittlungsbehörden drohen ihm im Fall einer Verurteilung bis zu 25 Jahre Haft. Das polnische Parlament hatte im November seine Immunität als Abgeordneter aufgehoben.

Im Zentrum der Vorwürfe steht der dem Justizministerium unterstellte „Gerechtigkeits-Fonds", dessen Mittel eigentlich Verbrechensopfern zugutekommen sollen. Als Justizminister soll Ziobro Untergebene angewiesen haben, Millionenbeträge aus dem Fonds in Projekte zu schleusen, von denen er sich einen Nutzen für seine Partei versprach.

Pegasus: Spionage gegen die Opposition

Besonders brisant: Dem Ex-Justizminister wird außerdem vorgeworfen, dass er Mittel aus dem Fonds für Verbrechensopfer zur Anschaffung der israelischen Spionage-Software Pegasus abgezweigt haben soll. Politische Gegner beschuldigen die damalige PiS-Regierung, Pegasus zum Ausspähen politischer Gegner verwendet zu haben. Polens mittlerweile abgewählte nationalkonservative PiS-Regierung soll mehrere hundert Menschen mit der israelischen Spionage-Software Pegasus ausgespäht haben.

Später berichteten die Medien, dass auch Politiker des damaligen Regierungslagers gehackt worden waren, wobei die Vermutung nahe lag, dass die Spionagesoftware möglicherweise von der Fraktion um den damaligen Justizminister Zbigniew Ziobro eingesetzt wurde. Ein Skandal, den polnische Medien als „polnisches Watergate" bezeichneten.

Ziobros Kreuzzug gegen queere Menschen

Für die queere Community in Polen war Ziobro eine besonders gefährliche Figur. Während seiner Amtszeit als Justizminister zwischen 2019 und 2023 setzte er sich aktiv für ein „LGBT-freies" Polen ein. Er sprach sich wiederholt gegen die angeblich um sich greifende „LGBT-Ideologie" aus und lobte Kommunen, die sich zu „LGBT-freien Zonen" erklärten – symbolische Resolutionen, die darauf abzielten, queere Menschen einzuschüchtern.

Im Jahr 2019 erklärten sich etwa 100 polnische Gemeinden und Landkreise zu "LGBT-freien Zonen". Diese Resolutionen, eingeführt unter der damaligen rechtskonservativen Regierung der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), verpflichteten die lokalen Behörden, "LGBT-Ideologie" zu bekämpfen und Toleranz nicht zu fördern. Ein Klima der Angst für LGBTQ+-Menschen in weiten Teilen des Landes.

Ziobro ging sogar gegen Unternehmen vor, die Diversität unterstützten. Er verfolgte das schwedische Möbelhaus Ikea rechtlich, nachdem das Unternehmen einen Mitarbeiter entlassen hatte, der Homosexuellen den Tod gewünscht hatte. Zudem entschädigte er eine Kommune, die sich als „LGBT-frei" erklärt hatte und deshalb EU-Fördergelder verlor.

Ein deutscher Blick auf polnische „LGBT-freie Zonen"

Die Entwicklungen in Polen haben auch in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Im April 2020 schrieb der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland einen offenen Brief an insgesamt über 300 deutsche Kommunen, die eine Partnerschaft mit polnischen Kommunen haben. Die Stadt Schwerte setzte daraufhin am IDAHOBIT 2020 eine seit 1984 bestehende Partnerschaft mit der polnischen Stadt Nowy Sacz aus.

Die Gemeinde Tarnów, Partnergemeinde des bayerischen Landkreises Pfaffenhofen an der Ilm, erklärte sich 2019 zur „LGBT-freien Zone", woraufhin die Partnerschaft 2020 unterbrochen wurde. Ein wichtiges Zeichen der Solidarität – auch wenn die Abschaffung der letzten "LGBT-freien Zone" erst im April 2025 erfolgte, markiert dies einen wichtigen, wenn auch verspäteten Fortschritt.

Ungarn: Die perfekte Zuflucht für Homophobe

Die Regierung von Viktor Orbán gewährt Polens Ex-Justizminister Zbigniew Ziobro Asyl. Er ist unter anderem wegen Machtmissbrauchs angeklagt. Dass Ziobro ausgerechnet in Ungarn Schutz sucht, ist kein Zufall. Dort hatte Ende 2024 bereits sein ebenfalls von der Staatsanwaltschaft gesuchter Stellvertreter Marcin Romanowski Asyl erhalten.

Ungarn unter Viktor Orbán hat sich zu einem der LGBTQ+-feindlichsten Länder der EU entwickelt. Am 15. Juni 2021 beschloss das ungarische Parlament ein „Kinderschutzgesetz", das die Darstellung von Homosexualität gegenüber Minderjährigen verbietet. Im April 2025 beschloss das ungarische Parlament mit Zweidrittelmehrheit eine Verfassungsänderung, mit der Pride-Paraden verboten werden können. Verstöße können mit bis zu 500 Euro geahndet werden.

Das Gesetz erlaubt den Einsatz von Gesichtserkennungstechnologie zur Identifizierung und Verfolgung der Teilnehmenden. Ein erschreckender Eingriff in die Grundrechte, der zeigt, wie autoritäre Regime moderne Technologie gegen Minderheiten einsetzen.

Die politische Dimension

Dass ein EU-Land dem Bürger eines anderen Mitgliedsstaats Schutz vor angeblicher politischer Verfolgung gewährt, ist ein Eklat. Der Staatenbund definiert sich als Gemeinschaft, in der man die jeweilige nationale Justiz gegenseitig als unabhängig und rechtsstaatlich betrachtet.

Polens Regierungschef Donald Tusk kommentierte trocken, es sei eine „logische Wahl", dass Ziobro als „Drahtzieher des Systems der politischen Korruption" bei Orbáns Regierung Asyl beantragt habe. Die rechtspopulistische PiS regierte Polen von 2015 bis 2023. In dieser Zeit baute sie das Justizsystem maßgeblich um, was unter anderem zur Konfrontation mit der EU-Kommission führte. Die Mitte-Links-Koalition von Regierungschef Donald Tusk bemüht sich seitdem, die umstrittenen Justizreformen der PiS-Regierung rückgängig zu machen.

Ein Weckruf für Europa

Der Fall Ziobro ist mehr als nur eine politische Affäre. Er zeigt, wie rechtspopulistische und autoritäre Kräfte in Europa ein Netzwerk bilden, das sich gegenseitig schützt – auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte. Besonders besorgniserregend ist dabei die systematische Instrumentalisierung von Queerfeindlichkeit als politisches Werkzeug.

Für queere Menschen in Polen und Ungarn bedeutet diese Entwicklung anhaltende Unsicherheit und Diskriminierung. Doch es gibt auch Hoffnung: In den letzten 15 Jahren war die Einsicht in Ungarn vielleicht noch nie so stark wie jetzt: Betroffen ist nicht mehr nur die LGBT-Community; die Versammlungsrechte praktisch jeder anderen Gruppe könnten als Nächstes eingeschränkt werden.

Die Zivilgesellschaft in beiden Ländern leistet Widerstand, und die internationale Aufmerksamkeit wächst. Der Fall Ziobro sollte uns alle daran erinnern: Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sind keine Selbstverständlichkeit – sie müssen jeden Tag aufs Neue verteidigt werden.


Homophobe Gewalt in Augsburg: Wenn Hass tödliche Folgen hat

Es ist ein Fall, der tief in die dunkle Seite unserer Gesellschaft blicken lässt: Ab dem 23. Februar verhandelt das Landgericht Augsburg gegen vier Männer, die im März 2024 zwei Männer auf der Maximilianstraße brutal zusammengeschlagen haben sollen. Die Ermittler gehen von einem queerfeindlichen Motiv aus – homophobe Beleidigungen sollen der Auslöser für die Gewalttat gewesen sein. Die Opfer erlitten durch Schläge und Tritte zahlreiche Prellungen an Kopf und Oberkörper.

Besonders brisant: Unter den Angeklagten befindet sich Halid S., heute 23 Jahre alt. Er sorgte bereits 2019 bundesweit für Schlagzeilen, als er am Nikolausabend am Augsburger Königsplatz einen 49-jährigen Familienvater mit einem einzigen Faustschlag tötete. Damals war er 17, wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu viereinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Nun steht er erneut vor Gericht – diesmal wegen gefährlicher Körperverletzung mit mutmaßlich homophobem Hintergrund.

Bayern im Schatten steigender Hasskriminalität

Der Augsburger Fall reiht sich ein in eine besorgniserregende Entwicklung. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht, meldet das Bundeskriminalamt. Im Jahr 2023 richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* Personen – ein drastischer Anstieg gegenüber 1.188 im Jahr 2022.

In Bayern zeigt sich ein ähnliches Bild: 2024 wurden in Bayern 177 LSBTIQ*-feindliche Straftaten zur Anzeige gebracht, darunter 20 Mal Körperverletzung und gefährliche Körperverletzung. Im Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Nord, zu dem auch Augsburg gehört, wurden 2023 insgesamt 98 Delikte der Hasskriminalität registriert. Die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher liegen: 96 Prozent der LSBTIQ* zeigten Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an, so eine EU-Studie.

Wenn der Staat endlich handelt

Dass die Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München den Fall übernommen hat, ist ein wichtiges Signal. Die bei der Behörde angesiedelte Bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus ist für schwerwiegende Hasskriminalität zuständig. Der Augsburger Prozess mit elf geplanten Verhandlungstagen zeigt: Queerfeindliche Gewalt wird nicht mehr als Bagatelle behandelt.

Homophobe, biphobe, interfeindliche und transfeindliche Beleidigungen gelten als sogenannte Hassdelikte und damit als politisch motivierte Kriminalität. In diesen Fällen besteht immer ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung. Das deutsche Strafrecht erkennt mittlerweile an, dass solche Taten nicht nur Einzelpersonen treffen, sondern ganze Gruppen einschüchtern sollen.

Zwischen Rechtsstaat und Realität

Deutschland feiert sich gerne als Vorreiter der LGBTQ+-Gleichstellung. Die Realität sieht anders aus. Während Deutschlands LGBTQ+-Bevölkerung in fünf Jahren um etwa 50% wuchs, stiegen die Hassverbrechen allein in einem Jahr um 50%. Die queere Community in Augsburg, eine Stadt, die sich als weltoffene Friedensstadt versteht, kennt diese Diskrepanz nur zu gut. Die Hasskriminalität ist in Bayern zuletzt stark angestiegen, bestätigt auch der Verein Queer Augsburg.

Vor jedem Kuss, vor jeder Umarmung im öffentlichen Raum erst die Umgebung checken zu müssen – das ist die bittere Realität für viele queere Menschen in Deutschland. Es kann auch heute noch gefährlich sein, im öffentlichen Raum als LSBTIQ* erkannt oder dafür gehalten zu werden. Allein der Anblick einer Drag Queen, einer trans Person oder eines lesbischen oder schwulen Paares kann Gewalttäter motivieren, brutal zuzuschlagen.

Was nun?

Der Prozess in Augsburg wird zeigen, ob das Rechtssystem seiner Verantwortung gerecht wird. Ein Urteil könnte es am 13. März geben. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung. Doch unabhängig vom Ausgang: Der Fall mahnt uns, dass der Kampf gegen queerfeindliche Gewalt noch lange nicht gewonnen ist.

Bayern hat auf die steigende Hasskriminalität reagiert: mit speziellen Ansprechpersonen bei der Polizei, mit Beratungsstellen wie Strong! in München, mit proaktiver Opferunterstützung. Doch Strukturen allein reichen nicht. Was wir brauchen, ist ein grundlegender Wandel in den Köpfen – und die klare Botschaft, dass queerfeindlicher Hass in diesem Land keinen Platz hat.

Der Augsburger Fall ist mehr als eine Gerichtsverhandlung. Er ist ein Spiegel einer Gesellschaft, die zwischen Fortschritt und Rückschritt schwankt. Die Frage ist nicht, ob wir die richtigen Gesetze haben. Die Frage ist, ob wir sie leben.


Vivian Jenna Wilson: Von Elon Musks Tochter zur Trans-Ikone und aufsteigendem Model-Star

In einer Welt, in der Trans-Personen immer noch um Sichtbarkeit und Anerkennung kämpfen müssen, schreibt eine junge Frau ihre eigene Geschichte: Vivian Jenna Wilson, geboren am 15. April 2004, ist mittlerweile 21 Jahre alt und hat sich als kraftvolle Fürsprecherin für Trans-Rechte und soziale Gerechtigkeit etabliert. Die Originalgeschichte bei PinkNews beleuchtet das außergewöhnliche Leben einer Frau, die entschlossen ist, sich nicht durch ihre berühmte – und problematische – Familienzugehörigkeit definieren zu lassen.

Zwischen Familienbruch und Selbstbestimmung

Elon Musks transgender Tochter Vivian Jenna Wilson hat sich von ihrem Vater distanziert, nachdem sie sich geoutet hatte. Der 53-jährige südafrikanische Milliardär hat keine Beziehung mehr zu seiner 20-jährigen Tochter und hat sie als „Kommunistin, die jeden Reichen für böse hält" beschrieben. Diese Entfremdung überrascht kaum, wenn man bedenkt, dass Musk sich öffentlich und auf X (Twitter) transfeindlich geäußert hat.

Wilson kam 2020 als Transgender-Frau via einem öffentlich geposteten Instagram-Story heraus. Im Juni 2022, im Alter von 18 Jahren, genehmigte ein kalifornischer Richter ihre Petition zur Änderung ihres rechtlichen Namens und ihres Geschlechts in ihrer Geburtsurkunde. In ihrer Petition erklärte sie unmissverständlich, dass sie "in keiner Weise, Form oder Gestalt" mehr mit Musk in Verbindung gebracht werden wolle.

Die deutsch-queere Community kann diese Erfahrung nachvollziehen: Auch hier kämpfen Trans-Personen mit familiärer Ablehnung und gesellschaftlicher Diskriminierung. Am 1. November 2024 ist in Deutschland das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) in Kraft getreten, das eine Änderung des Namens und Geschlechtseintrags vor dem Standesamt auf Basis der Selbstauskunft ermöglicht – ein Meilenstein, für den der Bundesverband Trans* jahrelang gekämpft hat. Doch wie Wilson zeigt, ist rechtliche Anerkennung nur der erste Schritt: "Das Selbstbestimmungsgesetz war ein überfälliger Schritt und ein starkes menschenrechtliches Signal", betont Beate Rudolf vom Deutschen Institut für Menschenrechte. "Aber solange gesellschaftliche Anerkennung fehlt und rechtsextreme Akteure gezielt Hass gegen trans Personen schüren, bleibt Selbstbestimmung für viele Betroffene nur ein Wort auf dem Papier".

Eine Model-Karriere als politisches Statement

2025 wurde zum Durchbruchsjahr für Vivian Wilson. Im Mai postete die TikTok-Star und LGBTQ+-Aktivistin eine Serie von Fotos auf Instagram, auf denen sie mit einem 40 Fuß langen Zopf, der ihren Vornamen buchstabierte, und schwarzer Sonnenbrille posierte. Der Shoot für WILDFANG zeigte sie in übergroßen schwarzen Shorts und einer passenden Weste über einem gemusterten Hemd. Über dieses Shooting sagte sie: "Ich sah mich im Spiegel und dachte: 'Oh Scheiße, ich bin wunderschön'."

Im September folgte ihr ikonischer Moment: Die 21-jährige Trans-Influencerin debütierte bei der New York Fashion Week während Alexis Bittars Spring/Summer 2026-Präsentation am 12. September. In einem kurzärmeligen, schimmernden roten Kleid mit Goldschmuck und einer „Miss South Carolina"-Schärpe verkörperte Wilson das träumerische „Miss USA 1991"-Thema der renommierten Schmuckmarke. Die politische Dimension dieses Auftritts ist bedeutend: Jedes Model auf dem Laufsteg repräsentierte einen US-Bundesstaat, der trans-feindliche Gesetzgebung verabschiedet hat oder vorantreibt.

Anfang 2026 erreichte Wilson einen weiteren Karrierehöhepunkt: Die 21-jährige transgender Model und Social-Media-Star, entfremdete Tochter des Fast-Billionärs Elon Musk, wurde von der barbadischen Milliardärin und Geschäftsfrau Rihanna für die Valentinstags-Kampagne ihrer Dessous-Marke Savage X Fenty engagiert. In den Werbefotos für die Kampagne erscheint Wilson neben der Kollegin Emma Arletta und Model-turned-Schauspielerin Love Simone, trägt einen rosengemusterten schwarzen BH und eine passende Minirock-Kombination, kombiniert mit scharlachroten Strümpfen.

Aktivismus über die Laufstege hinaus

Wilson ist mehr als nur ein Model – sie ist eine lautstarke Aktivistin. Sie feierte ihr Drag-Debüt als „Vivllainous" beim „SAVE HER!"-Event in Los Angeles im Juni 2025, organisiert von der prominenten Drag-Künstlerin Pattie Gonia, bei dem sie auftrat, um Gelder für die rechtliche Verteidigung von Immigrant*innen zu sammeln und ihre Identität mit einer Transgender-Flagge und Kostüm zu feiern.

Ihre politische Stimme ist klar und kompromisslos. Teen Vogue beschrieb Wilson als „extremely online" und „wirklich gut darin"; sie äußert sich offen zu Transgender-Themen, von denen sie sagt, dass sie sich „verpflichtet fühlt, darüber zu sprechen", und hat den Zustand der amerikanischen Politik 2025 als „erschreckend" beschrieben. Diese Einschätzung teilen auch deutsche Trans-Aktivist*innen: „Trans-Rechte in Deutschland erleben gerade einen gefährlichen Rückschritt", erklärt Penelope Alva Frank, Petitionsstarterin und Gründerin von Queermany. „Wir werden immer stärker angefeindet – im Alltag, online und sogar auf CSD-Demonstrationen".

Als sie bei der Out100-Feier dieses Jahres teilnahm, teilte die transgender Model und Aktivistin Worte der Weisheit für alle in der LGBTQ+-Community weltweit, die in diesen herausfordernden Zeiten eine schwierige Zeit haben: „Vertraut euch selbst. Lasst euch von niemandem sagen, wer ihr seid. Ihr wisst besser als irgendjemand sonst, wer ihr seid".

Finanzielle Unabhängigkeit als Akt der Befreiung

Ein wichtiger Aspekt von Wilsons Geschichte ist ihre finanzielle Selbstständigkeit. Wilson hat wiederholt erklärt, dass sie keinen Treuhandfonds, keine Erbschaft oder Zugang zum Vermögen ihres Vaters hat. Sie ist finanziell unabhängig, lebt mit Mitbewohner*innen und verdient ihr eigenes Einkommen durch Modeln und Social Media. Vivian Jenna Wilsons geschätztes Nettovermögen liegt ab 2026 zwischen 100.000 und 300.000 Dollar, alles unabhängig durch ihre eigene Arbeit verdient.

Diese Unabhängigkeit ist besonders bemerkenswert in einem Land, in dem Trans-Personen weiterhin mit hohen Diskriminierungsraten konfrontiert sind. In Deutschland zeigen die Daten des EU-LGBTIQ-Survey im Auftrag der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) eine anhaltend hohe Belastung und Diskriminierung von trans Personen – insbesondere junger Menschen.

Eine Stimme für die Community

Vivian Jenna Wilson ist mehr als die entfremdete Tochter eines Milliardärs. Sie ist eine lautstarke Fürsprecherin, eine Kämpferin für Trans-Rechte und eine junge Frau, die ihren eigenen Weg in einer Welt geht, die allzu oft versucht, Menschen wie sie auszulöschen. Und dabei beweist sie, dass Trans-Stimmen nicht zum Schweigen gebracht werden.

Ihre Botschaft an andere Trans-Personen ist voller Hoffnung und Widerstand. In Anlehnung an die YouTuberin ContraPoints ermutigt sie: „Bleib stark, Schwester. Lass dich von den Bastarden nicht unterkriegen." Sie betonte die Wichtigkeit, die eigene Identität ohne Scham zu umarmen, trotz einer Gesellschaft, die oft versucht, die Trans-Existenz zu verringern.

Vivian Jenna Wilsons Geschichte ist eine Geschichte über Mut, Selbstbestimmung und den unerschütterlichen Willen, authentisch zu leben – Qualitäten, die Trans-Personen weltweit, auch in Deutschland, täglich unter Beweis stellen. Während das deutsche Selbstbestimmungsgesetz bis zum 31. Juli 2026 evaluiert werden soll, mit einem „Fokus auf die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche", zeigt Wilsons Beispiel, wie wichtig gesellschaftliche Unterstützung für junge Trans-Menschen ist – nicht nur rechtliche Anerkennung, sondern echte Akzeptanz und Respekt.

Mit jedem Laufsteg-Auftritt, jedem Instagram-Post und jeder öffentlichen Stellungnahme beweist Vivian Jenna Wilson, dass Trans-Personen nicht nur existieren – sie gedeihen, schaffen, inspirieren und verändern die Welt zum Besseren.


"Es war interne Homophobie, die mich auf die Bank setzte" – Josh Cavallo erhebt schwere Vorwürfe

Der australische Fußballprofi Josh Cavallo, der 2021 als erster aktiver männlicher Spieler im Elite-Fußball sein Coming-out hatte, erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen ehemaligen Verein Adelaide United. In einem emotionalen Instagram-Post berichtet der 26-Jährige von systematischer Diskriminierung, die seine Karriere beeinträchtigte und ihn an seiner mutigen Entscheidung zweifeln ließ.

Homophobie statt Verletzungspause

"Ich war wütend, weil die Leute dachten, ich würde wegen Verletzungen nicht spielen, dabei war es in Wirklichkeit die interne Homophobie, die mich auf die Bank setzte", erklärt Cavallo. Seine Leistungen im Training seien "ständig ignoriert" worden. Während seiner letzten beiden Saisons beim Verein war seine Spielzeit deutlich reduziert worden, in der gesamten Saison 2024/25 kam er kein einziges Mal zum Einsatz.

Besonders schmerzhaft: Cavallo entdeckte in einem Gruppenchat, wie sich Teamkollegen über ein Foto von ihm und seinem Partner lustig machten. Diese Erfahrungen brachten ihn dazu, seine historische Entscheidung von 2021 zu hinterfragen. "Ich fühlte mich unglaublich isoliert und fragte mich, ob es ein Fehler gewesen war, meine Geschichte zu teilen", sagt der Linksverteidiger.

Verein weist Vorwürfe entschieden zurück

Adelaide United reagierte prompt mit einer öffentlichen Stellungnahme und wies die Vorwürfe zurück. "Der Verein ist extrem enttäuscht über die erhobenen Vorwürfe und weist diese, einschließlich jeglicher Andeutung, Adelaide United sei homophob, kategorisch zurück. Alle Entscheidungen bezüglich der Mannschaftsaufstellung werden ausschließlich auf sportlicher Grundlage getroffen", heißt es in der Erklärung.

Neuanfang in England

Sechs Monate nach seinem Wechsel zu Peterborough Sports FC ist Cavallo zum regelmäßigen Spielbetrieb zurückgekehrt. Der 26-Jährige spielt nun in der englischen National League North, der sechsten Liga. "Dieser Neuanfang in Großbritannien hat mir geholfen, wieder aufatmen zu können", schreibt er. Trotz allem weigert er sich, seine Verbindung zu Adelaide zu verleugnen: "Adelaide ist der Ort, wo ich meine Flügel gefunden habe."

Ein Spiegel der deutschen Realität

Cavallos Erfahrungen werfen ein Schlaglicht auf ein Problem, das auch dem deutschen Fußball bekannt ist. In Deutschland hat sich bislang noch kein aktiver Fußballprofi als homosexuell geoutet. Statistisch gesehen wäre von 80 bis 120 schwulen Fußballspielern in den deutschen Profiligen auszugehen, doch null Bundesliga-Profis haben sich während ihrer aktiven Laufbahn bisher als schwul geoutet.

Der Fall zeigt auch, dass selbst mutige Pioniere wie Cavallo mit massiven Konsequenzen konfrontiert werden können. In Zentraleuropa ist Jakub Jankto seit 2023 der erste offen homosexuelle aktive Fußballprofi – ein erschreckend einsames Beispiel für einen Kontinent mit Dutzenden Profiligen.

Die Angst bleibt allgegenwärtig

Cavallos Geschichte verdeutlicht, warum viele Spieler zögern. Josh Cavallo ist in Australien ein Vorbild für LGBTQ+-Sportler, doch selbst er musste einen hohen Preis zahlen. In der schweißgetränkten Kabine des Männerfußballs sind homophobe Sprüche oft Teil des Alltags. Homosexualität passt nicht in dieses Schwarz-Weiß-Denken, erklärte ein deutscher Journalist seine eigenen Erfahrungen.

Die Initiative "Sports Free" des ehemaligen DDR-Jugendnationalspielers Marcus Urban hatte für Mai 2024 ein Gruppen-Coming-out von Profifußballern angekündigt, doch es kam nach aktuellem Stand nicht dazu, wie Initiator Urban einräumte. "Aktive Profifußballer halten sich noch zurück. Die Spieler sind extrem vorsichtig. Keiner traut sich aus der Deckung", so Urban.

Ein toxischer Ort bleibt bestehen

Cavallo hatte bereits zuvor öffentlich erklärt, dass er noch heute "tägliche Morddrohungen" erhalte. Seine aktuelle Erfahrung bestätigt seine frühere Einschätzung, dass die Fußball-Welt immer noch ein sehr "toxischer Platz" sei – auch Jahre nach seinem mutigen Coming-out. Die Angst, die er vor seinem Coming-out hatte – dass Vorurteile seine Karriere beeinträchtigen würden – hat sich in der modernen Zeit bewahrheitet.

Seine Geschichte ist eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass der Kampf gegen Homophobie im Fußball noch lange nicht gewonnen ist – weder in Australien noch in Deutschland oder anderswo auf der Welt.


Trauer am Brandenburger Tor: Berlin gedenkt der getöteten Renee Nicole Good

Am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor versammelten sich Menschen, um Blumen niederzulegen, Kerzen anzuzünden und der 37-jährigen US-Bürgerin Renee Nicole Good zu gedenken, die von einem ICE-Beamten erschossen wurde. Good hinterlässt einen sechsjährigen Sohn und zwei weitere Kinder sowie eine Ehefrau. Die Mahnwache fand in unmittelbarer Nähe zur US-Botschaft statt – einem Ort, der in Berlin bereits mehrfach für solidarisches Gedenken genutzt wurde.

Ein tödlicher Schuss in Minneapolis

Der Vorfall ereignete sich am 7. Januar in einem Wohngebiet von Minneapolis, Minnesota. Good hatte "gestoppt, um unsere Nachbarn zu unterstützen", wie ihre Frau in einer Erklärung mitteilte. Das US-Heimatschutzministerium hatte 2.000 Beamte in den Großraum Minneapolis-Saint Paul geschickt, was ein Stadtratsmitglied als "anders als alles, was wir bisher erlebt haben" beschrieb.

Bundesbeamte und Präsident Donald Trump verteidigten die Schüsse und behaupteten, der Beamte habe in Notwehr gehandelt, nachdem Good versucht habe, ihn zu überfahren. Diese Darstellung wird von Augenzeugen, Journalisten und demokratischen Politikern bestritten. Minneapolis' Bürgermeister Jacob Frey bezeichnete die Behauptungen der Behörden als "Bullshit" und forderte ICE auf, die Stadt zu verlassen. Goods Mutter beschrieb ihre Tochter als "eine der freundlichsten Menschen, die ich je gekannt habe" – "liebevoll, vergebend und zärtlich".

Landesweite Proteste unter dem Motto "ICE Out For Good"

Landesweite Empörung über die Tötung führte am Wochenende zu Protesten in Städten im ganzen Land. Ein Bündnis aus Bürgerrechts- und Migrantenorganisationen hatte zu Demonstrationen als Reaktion auf "die Eskalation der ICE-Gewalt in unseren Gemeinden" und das monatelange Muster unkontrollierter Gewalt aufgerufen. Goods Tod war das neunte Mal seit September 2025, dass ICE-Beamte auf Menschen geschossen haben.

Minnesotas Gouverneur Tim Walz erklärte den 9. Januar 2026 zum "Renee Good Day". Der Vorfall ereignete sich nur etwa eine Meile entfernt von dem Ort, wo George Floyd 2020 von einem Polizeibeamten ermordet wurde – eine Parallele, die viele Demonstrierende bewegte.

Parallelen zu Deutschland: Gewalt und Gedenken

Die Mahnwache in Berlin erinnert an eine lange Tradition des Gedenkens in der deutschen Hauptstadt. Am Brandenburger Tor befindet sich auch das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, das seit 2008 an staatliche Gewalt gegen queere Menschen erinnert. Der Pariser Platz wurde bereits für andere internationale Solidaritätsbekundungen genutzt – etwa nach dem Pulse-Massaker in Orlando 2016.

Auch in Deutschland bleibt die Situation für queere Menschen prekär. Politisch motivierte Straftaten gegen LGBTQ+ Menschen stiegen 2023 erneut drastisch – während die queere Bevölkerung in fünf Jahren um etwa 50% wuchs, stiegen die Hassverbrechen allein in einem Jahr um 50%. In Deutschland berichteten 65% der trans* Frauen von Diskriminierung in den letzten 12 Monaten. Zwischen 2008 und 2023 wurden weltweit 4.690 Morde an trans* Personen dokumentiert, drei davon in Deutschland.

Trumps Deportationskampagne: Eine Eskalation der Gewalt

Seit seiner Rückkehr ins Amt 2025 hat Präsident Trump große Schritte unternommen, um seine Wahlkampfversprechen für "die größte inländische Deportationsoperation" der US-Geschichte umzusetzen. Im Mai 2025 bestätigte Heimatschutzberater Stephen Miller, dass die Regierung eine tägliche Verhaftungsquote von 3.000 undokumentierten Einwanderern festgelegt hat. Bis August 2025 hatte ICE allein fast 200.000 Menschen in sieben Monaten deportiert.

ICE-Beamte sind zunehmend in gewalttätige Konfrontationen mit Migranten und US-Bürgern verwickelt, als Teil einer Verlagerung der Behörde hin zu aggressiveren "auffälligen Razzien". Die Trump-Regierung plant den Bau von sieben großflächigen Haftanstalten, die mehr als 80.000 Einwanderer gleichzeitig aufnehmen können – ein ICE-Beamter verglich das Vorhaben mit "einem Amazon Prime Warehouse, aber für Menschen".

Ein Zeichen der Solidarität

Die Berliner Mahnwache am Brandenburger Tor ist mehr als eine lokale Geste – sie ist ein Zeichen internationaler Solidarität in einer Zeit, in der staatliche Gewalt gegen marginalisierte Gemeinschaften auf beiden Seiten des Atlantiks zunimmt. Während Menschen auf den Straßen Minnesotas Gerechtigkeit für Renee Nicole Good fordern, erinnern die Blumen und Kerzen am Pariser Platz daran, dass Menschenrechte keine Grenzen kennen.

Renee Nicole Good war Dichterin, Mutter und Absolventin der Old Dominion University mit einem Englisch-Abschluss. Eine Online-Spendenkampagne ihrer Familie sammelte über 1,5 Millionen Dollar, die in einen Treuhandfonds für die Familie fließen. Ihr Tod ist eine Mahnung, dass der Kampf für Menschenwürde und gegen staatliche Gewalt niemals endet – weder in Minneapolis noch in Berlin.


Audio-App Quinn entschuldigt sich nach Herausschneiden von trans Frauen aus "Heated Rivalry"-Interview

Die Audio-Erotik-App Quinn hat sich öffentlich entschuldigt und 25.000 Dollar an Trans Lifeline gespendet, nachdem das Unternehmen trans Frauen aus einem Interview mit den "Heated Rivalry"-Stars Connor Storrie und Hudson Williams herausgeschnitten hatte. Der Vorfall löste eine heftige Debatte über Trans-Sichtbarkeit in den Medien aus – ein Thema, das auch in Deutschland hochaktuell ist. Die Audio-Erotik-App Quinn hatte sich entschuldigt, nachdem sie einen Kommentar über trans Frauen aus einem Interview mit den "Heated Rivalry"-Stars herausgeschnitten hatte, wie PinkNews berichtet.

Was geschah bei Quinn?

Quinn geriet in heißes Wasser, nachdem das Social-Media-Team ein Interview mit Storrie und Williams bearbeitet hatte, die auch in einer Original-Romantasy-Serie auf der Online-Plattform, Ember & Ice, zu hören sind. In Ember & Ice spricht Williams Finn, einen Feen-Prinzen, der sich zu Dane (Storrie), dem Prinzen aus einem rivalisierenden Feenreich, hingezogen fühlt. Die beiden Schauspieler waren gefragt worden, warum männlich-männliche Romanzen bei Frauen so gut ankommen. Williams erklärte im vollständigen Video, dass es verschiedene Arten von Frauen gibt, die MLM-Romanzen genießen, von 'straight women, trans women, gay women to queer women,' weshalb es schwierig sei, genau zu bestimmen warum.

Als ein Nutzer fragte "Hey @tryquinn why do you decide not to include trans women in the promo when Hudson says it in the actual interview," antwortete Quinns X-Account am folgenden Tag: "Hey! Because it's not a sexual orientation and he was listening [listing] sexual orientations and we wanted to distinguish the two". Diese Begründung stieß auf massiven Widerspruch.

Die Entschuldigung und Spende

In ihrer Entschuldigung gab das Team von Quinn zu, einen Fehler gemacht zu haben und verstand "why this edit was offensive and exclusionary." "Our intention was to avoid conflating gender identity and sexual orientation, but removing that portion from the short-form interview was a mistake. We should have handled it differently," heißt es in der Erklärung. Das Unternehmen spendete außerdem 25.000 Dollar an Trans Lifeline, eine gemeinnützige Organisation, die Unterstützung und eine 24/7-Krisenhotline für die Transgender-Community bietet.

Trans-Sichtbarkeit in deutschen Medien: Ein Parallelproblem

Der Quinn-Vorfall ist kein Einzelfall und erinnert an ähnliche Probleme in Deutschland. Unsensible oder negative Berichterstattung bis hin zur Falschdarstellung von trans* Menschen nimmt in den Medien zu. Entgegen der Forderungen des LSVD und BVT* nimmt die Zahl unsensibler oder negativer Berichterstattung bis hin zur Falschdarstellung von trans* Menschen durch die Medien zu, wie der LSVD dokumentiert.

In vielen Artikeln in deutschen Medien, von linksliberal bis rechtskonservativ, wurde eines deutlich: Wir haben ein Problem mit der Berichterstattung über trans Personen. So werden längst widerlegte Thesen diskutiert: Etwa der Mythos, Vergewaltiger könnten sich durch das Selbstbestimmungsgesetz Zugang zu Frauentoiletten, Umkleiden, Frauengefängnissen und zu Frauenhäusern verschaffen, kritisiert die Chefredakteur*in Io Görz in einem Gastbeitrag bei Meedia.

Zahlen sprechen eine deutliche Sprache

Interessanterweise widerlegen aktuelle Daten aus England die häufig geäußerten Bedenken. Zwischen 2022 und 2024 fragte die NGO TransLucent bei 382 Kommunen, Krankenhäusern, Gesundheitsdiensten und Frauen-Schutzeinrichtungen in England nach. Die zentrale Frage war schlicht: Gab es formell dokumentierte Beschwerden von Frauen über die Anwesenheit von Trans Frauen in geschlechtergetrennten Räumen? In fast allen Fällen lautete die Antwort: nein. Aus den Hunderten Rückmeldungen ergaben sich insgesamt nur vier Beschwerden, wie männer* berichtet.

Die Bedeutung korrekter Darstellung

Der Quinn-Skandal zeigt, wie wichtig es ist, trans Frauen als das zu sehen, was sie sind: Frauen. Fans bemerkten, dass Williams nicht strikt sexuelle Orientierungen auflistete, sondern verschiedene Gruppen von Frauen benannte, was die Entfernung von "trans women" unnötig und ausschließend wirken ließ. Diese Unterscheidung ist entscheidend: Trans Frauen sind keine separate Kategorie neben Frauen – sie sind Frauen.

Die Netflix-Dokumentation Disclosure: Hollywoods Bild von Transgender hat aufgearbeitet, wie negativ die Darstellung in den Medien sein kann. Sie zeigt die problematischen Aspekte der Filmindustrie, die auf einem ganzen Jahrhundert transphober Film- und Fernsehgeschichte aufbauen und sich nur langsam ändern, wie eine Analyse auf medienradar.de erläutert.

Unterstützung für trans Menschen in Deutschland

Während Trans Lifeline in den USA und Kanada tätig ist, gibt es auch in Deutschland Unterstützungsangebote. Die TelefonSeelsorge (0800 1110 111 oder 0800 1110 222) bietet anonyme Beratung, und spezialisierte Beratungsstellen wie die Schwulenberatung Berlin oder TransInterQueer (TrIQ) stehen trans Menschen zur Seite.

Der Quinn-Vorfall ist eine wichtige Erinnerung daran, dass Sichtbarkeit nicht bedeutet, Menschen unsichtbar zu machen – selbst nicht unabsichtlich. Die schnelle Reaktion des Unternehmens mit Entschuldigung und substantieller Spende zeigt, dass Accountability möglich ist. Doch die eigentliche Arbeit liegt darin, solche Fehler von vornherein zu vermeiden und trans Menschen als selbstverständlichen Teil aller Communitys anzuerkennen.


Historischer Moment: The Only Naomy ist die erste deutsche Queen bei "RuPaul's Drag Race UK vs The World"

Die Kölner Dragqueen The Only Naomy schreibt Geschichte: Als erste deutsche Teilnehmerin überhaupt tritt sie bei "RuPaul's Drag Race UK vs The World" an. Ab dem 27. Januar 2026 kann die dritte Staffel der internationalen Drag-Competition auf WOW Presents Plus und BBC Three gestreamt werden, wie queer.de berichtet. Dieser Meilenstein markiert einen bedeutsamen Moment für die deutsche Drag-Szene und zeigt, dass deutsche Queens auf der internationalen Bühne angekommen sind.

Zweite Chance auf der großen Bühne

Bei der ersten und einzigen Staffel von "Drag Race Germany", die 2023 auf Paramount+ zu sehen war, belegte The Only Naomy den zehnten Platz und schied früh aus dem Wettbewerb aus. Doch die supermodel-inspirierte Queen mit ihrer statuenhaften Schönheit und kantigen Make-up-Kunst hinterließ einen starken visuellen Eindruck – und nun kehrt sie zurück für ihre Revanche. Als erste Drag Race Germany-Teilnehmerin bei UK vs The World ist Naomy bereit zu zeigen, dass ihre Geschichte nie kurz sein sollte.

Im offiziellen "Meet The Queens"-Trailer gibt sich die Kölnerin betont kämpferisch: "Leg dich nicht mit mir an, ich könnte die Bösewichtin der Saison sein", warnt sie ihre Konkurrentinnen. Und in einer kleinen Deutschstunde erklärt sie charmant die drei Wörter "Scheiße", "Busenhalter" und "Dödel" – ein humorvoller Vorgeschmack auf ihre Persönlichkeit.

Internationale Competition um 50.000 Pfund

Insgesamt zehn Queens konkurrieren um den Titel "Queen of the Mothertucking World" und ein Preisgeld von 50.000 Pfund (etwa 57.615 Euro). Das Line-up ist wahrhaft international: Die Staffel vereint Queens aus acht verschiedenen Drag Race-Franchises, darunter Kanada, Mexiko, Deutschland, Schweden, Thailand, die Philippinen, Großbritannien und die USA.

Neben The Only Naomy treten an:

  • Kate Butch, Sminty Drop und Zahirah Zapanta (Großbritannien)
  • Fontana (Schweden)
  • Gawdland (Thailand)
  • Mariah Balenciaga (USA)
  • Melinda Verga (Kanada)
  • Minty Fresh (Philippinen)
  • Serena Morena (Mexiko)

Bedeutung für die deutsche Drag-Szene

Naomys Teilnahme ist mehr als nur ein persönlicher Erfolg – sie ist ein Symbol für die wachsende Anerkennung deutscher Drag-Kunst auf internationaler Ebene. "Drag Race Germany" ist die deutsche Reality-Competition-Serie nach dem amerikanischen Original und wird auf MTV und Paramount+ in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie auf WOW Presents Plus international ausgestrahlt. Die Gewinnerin der ersten Staffel war Pandora Nox aus Wien, Österreich, die damit auch die erste AFAB-Gewinnerin in der Geschichte des Franchise wurde.

"Drag Race Germany" ist Teil einer TV-Formatreihe, die eine unangefochtene Monopolstellung in der medialen Repräsentation von Drag erlangt hat. Wenn Teile der Kultur einer Minderheit, in diesem Fall der LGBTQ*-Community, ihren Weg in den Mainstream finden, stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung begrüßenswert ist. Die Antwort scheint klar: Gerade in Zeiten, in denen bereits eine Lesung von Drag-Queens zum Ziel von Anti-LGBTQ*-Propaganda durch Rechtsextreme werden kann, hat selbst Unterhaltung eine politische Dimension.

Von Köln auf die Weltbühne

In Köln floriert The Only Naomy als Make-up-Artistin für MAC und leidenschaftliche Dragqueen. Ihre Reise begann mit 16 Jahren durch RuPaul's Drag Race, was sie dazu brachte, eine einzigartige Identität in der lokalen Szene durch unerschütterliche Entschlossenheit zu etablieren. Jenseits von Glitzer und Glamour ist Naomys Drag-Persona ein Zeugnis von Resilienz und setzt sich für Selbstliebe ein.

Ihre Teilnahme bei "UK vs The World" beweist, dass deutsche Queens das Zeug haben, auf der internationalen Bühne zu glänzen. Nach Jahren des Wartens auf eine deutsche Version von Drag Race – ursprünglich erwarb die deutsche Firma Phantomfilm bereits 2013 die Produktionsrechte für eine deutsche Adaption von RuPaul's Drag Race, und World of Wonder bestätigte die kommende Adaption mit einem Teaser-Trailer mit RuPaul – ist die deutsche Drag-Community nun fest im globalen Franchise verankert.

Was bedeutet das für deutsche Fans?

Für deutsche Drag-Race-Fans ist Naomys Auftritt bei "UK vs The World" ein Moment des Stolzes. Sie repräsentiert nicht nur sich selbst, sondern die gesamte deutschsprachige Drag-Szene auf einer der prestigeträchtigsten Plattformen der Drag-Welt. Ihre Botschaft ist klar: Deutsche Queens gehören auf die internationale Bühne, und sie sind bereit, um den Titel zu kämpfen.

Die dritte Staffel von "RuPaul's Drag Race UK vs The World" verspricht spannende Unterhaltung, kulturellen Austausch und hochkarätige Drag-Performances. Ob The Only Naomy diesmal weiter kommt als in ihrer ersten Staffel? Das werden wir ab dem 27. Januar 2026 auf WOW Presents Plus erleben können.

Eines ist sicher: Die deutsche Drag-Szene ist auf der internationalen Landkarte angekommen – und The Only Naomy trägt diese Fahne mit Stolz, Entschlossenheit und einer Extraportion Kölner Attitude.


Solidarität in der Trauer: Über 1,5 Millionen Dollar für die Hinterbliebenen von Renee Good

Die Geschichte der 37-jährigen Renee Nicole Good bewegt die Welt: Am 7. Januar 2026 wurde die US-Bürgerin von einem Beamten der Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis, Minnesota, erschossen. Was folgte, war nicht nur eine Welle der Empörung und landesweiter Proteste, sondern auch eine überwältigende Solidaritätswelle. Eine GoFundMe-Spendenkampagne für die Hinterbliebenen sammelte mehr als 1,5 Millionen Dollar an Spenden – ein Zeichen dafür, wie sehr dieser Fall Menschen weltweit berührt. Die ursprüngliche Meldung auf queer.de berichtete als eine der ersten deutschsprachigen Medien über den tragischen Vorfall.

Eine queere Familie auf der Suche nach Sicherheit

Renee Good war Schriftstellerin und Dichterin aus Colorado Springs und lebte in Minneapolis mit ihrer Ehefrau und ihrem sechsjährigen Kind. Nach dem Wahlsieg Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen 2024 war sie mit ihrer Partnerin und ihrer Familie zunächst nach Kanada gezogen, bevor sie sich in Minneapolis niederließ. In einer auf der GoFundMe-Seite veröffentlichten Erklärung schrieb ihre Ehefrau Becca Good, dass sie gemeinsam nach Minneapolis gezogen seien, "um ein besseres Leben für uns zu schaffen". "Was wir hier fanden, war eine lebendige und einladende Gemeinschaft, wir fanden Freunde und verbreiteten Freude".

Good war Mutter von drei Kindern – einem 15-jährigen Mädchen, einem 12-jährigen Jungen und einem 6-jährigen Jungen. Ihr zweiter Ehemann war 2023 im Alter von 36 Jahren verstorben. Die queere Mutter beschrieb sich selbst als "Dichterin, Schriftstellerin, Ehefrau, Mutter und Hobby-Gitarristin".

Der tödliche Vorfall und seine Hintergründe

Ein Beamter feuerte drei Schüsse ab und tötete Good, als sie ihr Fahrzeug nach vorne bewegte. In einem neuen Video, das am 9. Januar vom Beamten selbst aufgenommen und von ABC News veröffentlicht wurde, ist zu sehen, wie Good ihr Lenkrad nach rechts dreht – vom Beamten weg – etwas mehr als eine Sekunde bevor der erste Schuss fällt. Becca Good sagte, dass sie und ihre Frau "angehalten hatten, um unsere Nachbarn zu unterstützen", als die Tragödie geschah.

Das Ministerium für Innere Sicherheit hatte angekündigt, die größte Einwanderungsdurchsetzungsoperation aller Zeiten durchzuführen, und schickte 2.000 Beamte in die Metropolregion Minneapolis-Saint Paul. Dies war das neunte Mal seit September 2025, dass ICE-Beamte auf Menschen geschossen haben. Vier weitere Menschen wurden bei Abschiebungsoperationen getötet.

Eine Welle der Solidarität

Über 38.500 Menschen spendeten für die Kampagne, viele hinterließen einfühlsame Botschaften bei ihren finanziellen Beiträgen. Die GoFundMe-Seite, organisiert von Mattie Weiss und Becka Tilsen, übertraf das ursprüngliche Ziel von 50.000 Dollar bei Weitem, wobei ein anonymer Spender allein diesen Betrag spendete. Die Organisatorin Mattie Weiss schrieb in einem Update am Freitagnachmittag: "Danke für Ihre Großzügigkeit. Wir haben diese GoFundMe-Kampagne geschlossen und werden die Gelder in einen Trust für die Familie legen".

In ihrer Erklärung würdigte Becca Good ihre verstorbene Ehefrau: "Wenn Sie jemals meiner Frau, Renee Nicole Macklin Good, begegnet sind, wissen Sie, dass sie vor allem freundlich war. Tatsächlich strahlte Freundlichkeit aus ihr heraus. Renee war aus Sonnenschein gemacht".

Parallelen zu Deutschland: Gewalt gegen queere Menschen nimmt zu

Der tragische Tod von Renee Good ist kein isolierter Vorfall in einer Welt, in der Gewalt gegen LGBTQ+-Menschen zunimmt. Auch in Deutschland ist die Lage besorgniserregend: Im Jahr 2023 richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ*-Personen (im Jahr 2022: 1.188). Zu den häufigsten gegen LSBTIQ* gerichteten Straftaten gehörten Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen.

Die Zahl der Straftaten im Bereich "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Trotz des Anstiegs der gemeldeten Fälle legen Erhebungen nahe, dass die Dunkelziffer weiterhin hoch ist. Der Dunkelfeld-Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte aus dem Jahr 2020 zufolge zeigten 96 Prozent der LSBTIQ* Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an.

Diese Zahlen zeigen: Der Kampf für Sicherheit und Akzeptanz von LGBTQ+-Menschen ist global. Bundesinnenministerin Nancy Faeser erklärte: "Wir müssen all diejenigen schützen und unterstützen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Hass, Diskriminierung und Gewalt erleben. Queerfeindliche Gewalt muss als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden".

Ein Vermächtnis der Freundlichkeit

Renee Goods Mutter Donna Ganger beschrieb ihre Tochter als "einen der freundlichsten Menschen", die sie je gekannt habe. "Sie war außerordentlich mitfühlend. Ihr ganzes Leben lang hat sie sich um andere gekümmert", sagte sie der Minneapolis Star Tribune. Diese Beschreibung steht im krassen Gegensatz zur Darstellung der Trump-Regierung, die Good als "gewalttätige Randaliererin" und "Terroristin" bezeichnete.

"Hier hatte ich endlich Frieden und einen sicheren Hafen gefunden. Das wurde mir für immer genommen", schrieb Becca Good. "Wir haben unseren Sohn erzogen zu glauben, dass egal, woher man kommt oder wie man aussieht, wir alle Mitgefühl und Freundlichkeit verdienen. Renee lebte diese Überzeugung jeden Tag".

Die beispiellose Solidarität, die sich in der Spendenkampagne manifestiert, zeigt, dass Renee Goods Geschichte Menschen über nationale und kulturelle Grenzen hinweg berührt. In Zeiten zunehmender Gewalt gegen marginalisierte Gruppen – ob in den USA oder in Deutschland – ist diese Solidarität wichtiger denn je. Die 1,5 Millionen Dollar sind mehr als nur finanzielle Unterstützung: Sie sind ein Zeichen dafür, dass Menschlichkeit und Mitgefühl auch in den dunkelsten Momenten überleben.


Mehrheit der US-Amerikaner sieht Transphobie als Problem der Republikanischen Partei

Eine aktuelle YouGov-Umfrage zeigt ein deutliches Bild: 64 Prozent der befragten 1.107 US-Erwachsenen sind der Ansicht, dass Transphobie unter Republikanern ein Problem darstellt, wobei 44 Prozent dies sogar als großes Problem bezeichnen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die anti-trans Rhetorik der republikanischen Partei zunehmend auf Ablehnung in der Bevölkerung stößt – und das trotz massiver legislativer Angriffe auf trans Menschen.

Eine beispiellose Welle anti-trans Gesetzgebung

Die Zahlen sind alarmierend: Im Jahr 2025 werden 1.020 Gesetzesentwürfe in den USA erwogen, die trans und nicht-binäre Menschen negativ betreffen würden. Seit 2023 wurden laut ACLU insgesamt 1.659 Gesetze vorgeschlagen, die die Rechte der LGBTQ+-Community – insbesondere trans Menschen – ins Visier nehmen, wobei 211 davon verabschiedet wurden. 40,1 Prozent oder 120.400 trans Jugendliche im Alter von 13-17 Jahren leben Stand Juli 2025 in den 27 Bundesstaaten, die Verbote geschlechtsangleichender Gesundheitsversorgung verabschiedet haben.

Diese Gesetzgebung umfasst Verbote von geschlechtsangleichender Gesundheitsversorgung für Minderjährige – trotz der Tatsache, dass Experten diese als lebensrettend einstufen. Auch Sportverbote, Einschränkungen beim Zugang zu öffentlichen Toiletten und Versuche, die rechtliche Anerkennung des Geschlechts rückgängig zu machen, gehören zum anti-trans Arsenal der republikanischen Gesetzgeber.

Transphobie als zweithöchstes Problem der GOP

Transphobie war das zweithöchste Thema, bei dem die Befragten glaubten, dass die Republikaner zu weit gegangen sind – direkt nach der Feindseligkeit gegenüber Einwanderern mit 68 Prozent. Auch Umfragen der Human Rights Campaign zeigen, dass 74 Prozent der Wähler der Meinung sind, dass transgender Menschen mit Würde und Respekt behandelt werden sollten.

Besorgniserregend ist allerdings, dass 45 Prozent der Befragten Transphobie auch als Problem innerhalb der Demokratischen Partei sehen, während 55 Prozent dies nicht als Problem betrachten. Dies deutet darauf hin, dass auch in der vermeintlich progressiveren Partei transfeindliche Tendenzen wahrgenommen werden.

Deutschland: Selbstbestimmungsgesetz unter Beschuss

Auch wenn die Situation in Deutschland nicht mit der in den USA vergleichbar ist, gibt es beunruhigende Parallelen. Am 1. November 2024 trat in Deutschland das Selbstbestimmungsgesetz in Kraft, das die Rechte für trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen maßgeblich stärkt. Das neue Gesetz löst das Transsexuellengesetz aus dem Jahr 1980 ab, das vom Bundesverfassungsgericht in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt wurde. Ein Begutachtungs- und Gerichtsverfahren ist somit für die Änderung nicht mehr erforderlich.

Doch genau dieses progressive Gesetz steht unter massivem Druck: Die CDU/CSU schließt bis jetzt zwar offiziell eine Koalition mit der AfD aus, doch gibt es inhaltliche Überschneidungen bei konservativen Themen wie der Abschaffung des Selbstbestimmungsgesetzes oder der Einschränkung genderneutraler Sprache. Die AfD selbst gilt laut Lesben- und Schwulenverband (LSVD) als deutliches Schlusslicht in Sachen LGBTIQ+-Rechten.

Transfeindlichkeit als globale Strategie

Die Transfeindlichkeit der AfD ist eingebettet in globale transfeindliche Strategien. Der Schutz der Leben von trans Menschen sollte dieser Erkenntnis Rechnung tragen. Wie in den USA nutzen auch rechtspopulistische Kräfte in Deutschland den angeblichen "Schutz von Kindern" als Vorwand, um trans Menschen ihre Rechte zu entziehen.

Die Parallelen sind eindeutig: In beiden Ländern werden trans Menschen zum politischen Spielball, während Studien zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung für Würde und Respekt gegenüber trans Menschen eintritt. 85 Prozent der befragten trans Amerikaner gaben an, dass die jüngsten anti-LGBTQ+-Politiken und Rhetorik ihre psychische Gesundheit negativ beeinflusst haben.

Was die Umfrage für die deutsche Debatte bedeutet

Die US-amerikanischen Zahlen sollten Deutschland als Warnung dienen. Mit der bevorstehenden Bundestagswahl und den erstarkenden rechten Kräften steht auch das hart erkämpfte Selbstbestimmungsgesetz auf dem Spiel. Die Grünen und die Linke sind die klaren Vorreiter in Sachen LGBTQ+-Rechte – mit der SPD als verlässlicher Unterstützerin. Die FDP tritt zurückhaltender auf, die Union will von neuen Fortschritten wenig wissen, die AfD LGBTQ+-Rechte zurückdrängen.

Die YouGov-Umfrage zeigt: Transphobie wird zunehmend als das erkannt, was sie ist – ein Problem, das von bestimmten politischen Kräften geschürt wird. Sowohl in den USA als auch in Deutschland gilt es, wachsam zu bleiben und für die Rechte von trans Menschen einzustehen, bevor hart erkämpfte Fortschritte wieder zunichte gemacht werden.


Gerichtsentscheidung in Massachusetts: Wenn die Existenz queerer Menschen zur „Gefahr" erklärt wird

Ein Urteil aus Massachusetts erschüttert die LGBTQ+-Community in den USA – und wirft Fragen auf, die auch für Deutschland hochaktuell sind. Ein Bundesrichter in Boston hat einem Vater das Recht zugesprochen, seinen fünfjährigen Kindergartenschüler von jeglichem Kontakt mit Büchern fernzuhalten, die LGBTQ+-Charaktere zeigen. Der vollständige Bericht auf PinkNews dokumentiert einen Fall, der weit über einen einzelnen Schulbezirk hinausreicht und eine beunruhigende Entwicklung in der amerikanischen Bildungslandschaft markiert.

Ein Kindergartenkind und zwei Hahnenpärchen

Das Urteil von US-Bezirksrichter F. Dennis Saylor IV folgte einem höchstrichterlichen Urteil des Supreme Court in der Sache Mahmoud v. Taylor, das Eltern das Recht einräumte, ihre Kinder aus religiösen Gründen von LGBTQ+-bezogenen Unterrichtsmaterialien abzumelden. Der klagende Vater, ein „überzeugter, praktizierender Christ", vertritt die Auffassung, dass Gott Menschen „entweder männlich oder weiblich" geschaffen habe und Sexualität nur im Kontext einer Mann-Frau-Ehe stattfinden dürfe.

Das beanstandete Buch „Families, Families, Families!" zeigt anthropomorphisierte Tiere in verschiedenen Familienkonstellationen – darunter zwei Hähne mit Krawatten mit der Bildunterschrift „Manche Kinder haben zwei Papas" und zwei Koalas mit der Zeile „Manche Kinder haben zwei Mamas". Ob der Sohn des Klägers überhaupt jemals den beiden beanstandeten Büchern ausgesetzt war, ist unklar – die rechtlichen Folgen sind dennoch weitreichend.

Eine Welle der Zensur rollt durch die USA

Das Urteil aus Lexington steht nicht isoliert. Die Zensur von LGBTQ+-Materialien an Schulen hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen – allein im Jahr 2025 wurden mindestens 52 Gesetze vorgeschlagen, die LGBTQ+-Materialien oder Lehrpläne in Schulen zensieren. Im Schuljahr 2024-2025 dokumentierte die Organisation PEN America 6.870 Fälle von Buchverboten, die fast 4.000 verschiedene Titel betrafen.

Die Analyse ergab, dass 36 Prozent der verbotenen Bücher Charaktere oder Menschen of Color zeigten und 25 Prozent LGBTQ+-Charaktere oder Personen beinhalteten – davon 28 Prozent mit trans- oder genderqueeren Charakteren. Schulbezirksanwälte argumentieren: „Wenn Eltern verlangen, dass ihre Schüler von breiten Teilen des öffentlichen Schullehrplans abgemeldet werden, lastet die Bürde auf den Schulen, zu vermuten, welche Materialien anstößig sein könnten. Das ist nicht wie bei einer Erdnussallergie."

Deutschland: Ein anderer Umgang mit Vielfalt im Klassenzimmer

Während in den USA eine Welle der Zensur rollt, verfolgt Deutschland einen anderen Ansatz – wenngleich nicht ohne Kontroversen. Das Bundesverfassungsgericht hat klargestellt: Der allgemeine Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule ist dem Elternrecht nicht nach-, sondern gleichgeordnet. Weder dem Elternrecht noch dem Erziehungsauftrag des Staates kommt ein absoluter Vorrang zu.

Die jeweiligen Rahmenlehr- und Bildungspläne sowie die bundeslandspezifischen Schulgesetze und die Richtlinien zur Sexualaufklärung geben den Rahmen dafür vor, wann, wie und in welchen Fächern sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Schule und Unterricht Eingang finden soll – daran sollten sich Schulleitungen und Lehrkräfte orientieren. Eine Untersuchung der Antidiskriminierungsstelle ergab, dass etwa 90 Prozent der Bevölkerung der Ansicht sind, es sollte ein Ziel der Schule sein, den Schülerinnen und Schülern Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen zu vermitteln.

Dennoch gibt es auch in Deutschland Widerstände. Programme wie „Schule der Vielfalt", das seit 2008 in Nordrhein-Westfalen Workshops zur Förderung der LGBTQ+-Akzeptanz und Bekämpfung von Homo- und Transphobie durchführt und seit 2012 mit dem Bildungsministerium des Landes zusammenarbeitet, stoßen mancherorts auf Kritik konservativer Elterngruppen.

Die Unsichtbarmachung als Strategie

Richter Saylor schrieb in seinem Urteil, dass der Kläger wahrscheinlich nachweisen könne, dass LGBTQ+-bezogene Unterrichtsmaterialien sein verfassungsmäßiges Recht auf freie Religionsausübung belasten, und dass ohne einstweilige Verfügung ein irreparabler Schaden drohe. Diese Argumentation ist bemerkenswert: Die bloße Darstellung der Existenz von LGBTQ+-Familien wird als religiöse Bedrohung gewertet.

Anwälte des Schulbezirks Lexington betonten, dass die Mahmoud-Entscheidung des Supreme Court „klargestellt habe, dass die bloße Darstellung potenziell anstößiger Werte oder Lebensstile nicht ausreiche, um ein Opt-out zu rechtfertigen, sondern dass es die Botschaft sei, die mit diesen potenziell anstößigen Materialien verbunden ist". Sie kündigten an, das Urteil anzufechten.

Was bedeutet das für junge Menschen?

Die Auswirkungen solcher Urteile gehen weit über Schulbibliotheken hinaus. Noch immer sind Wörter wie „schwul" verbreitete Schimpfwörter auf dem Schulhof, und zwei Drittel der LGBTQ+-Jugendlichen verheimlichen ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität. Kinder erfahren immer noch Mobbing und Gewalt auf Schulhöfen, wenn sie lesbisch, schwul, bisexuell, trans* oder intergeschlechtlich sind oder auch nur dafür gehalten werden.

Für queere Kinder in Lexington bedeutet das Urteil eine klare Botschaft: Ihre Familien, ihre Identitäten gelten als so problematisch, dass andere Kinder vor dem bloßen Wissen um ihre Existenz „geschützt" werden müssen. In einem Land, das sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit versteht, wird ausgerechnet die Darstellung von Vielfalt zum Zensurobjekt.

Ein Blick nach vorn

Deutschland ist nicht immun gegen ähnliche Entwicklungen. Auch hier gibt es Stimmen, die LGBTQ+-Aufklärung in Schulen kritisieren. Doch die rechtliche Grundlage ist eine andere: Der Staat muss Neutralität und Toleranz gegenüber den erzieherischen Vorstellungen der Eltern aufbringen, darf aber keine gezielte Beeinflussung im Dienste einer bestimmten politischen, ideologischen oder weltanschaulichen Richtung betreiben.

Das Urteil aus Massachusetts sollte uns allen eine Warnung sein: Wenn die bloße Existenz von LGBTQ+-Menschen als Bedrohung dargestellt wird, wenn Kinderbücher über Regenbogenfamilien zum Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen werden, dann geht es nicht mehr um Elternrechte – es geht um die systematische Unsichtbarmachung einer ganzen Community. Und das hat Folgen für alle Kinder, egal ob queer oder nicht, denn Bildung bedeutet auch, die Welt zu verstehen, in der wir leben – mit all ihrer Vielfalt.


Japanischer Fußball-Nationalspieler feiert Coming-out als trans Mann – Ein mutiges Zeichen für Sichtbarkeit

Der japanische Fußballer Marumi Yamazaki hat zum Jahreswechsel mit einem emotionalen Instagram-Post sein Coming-out als trans Mann gefeiert. Der 35-Jährige teilte mit seinen Fans, dass er seine rechtliche Geschlechtszugehörigkeit offiziell zu männlich geändert und eine "wirklich wunderbare Frau" geheiratet hat. Die Nachricht, die er am Neujahrstag 2026 veröffentlichte, wird von der Community weltweit mit Freude und Unterstützung aufgenommen – ein seltenes und umso wichtigeres Zeichen der Sichtbarkeit im Profisport (Pink News).

Ein Leben im Schatten der japanischen Trans-Gesetzgebung

Yamazakis Weg zur rechtlichen Anerkennung war alles andere als einfach. In Japan müssen trans Menschen für eine offizielle Geschlechtsänderung mindestens 18 Jahre alt und unverheiratet sein, keine minderjährigen Kinder haben und sich einer Sterilisation unterziehen. Yamazaki bestätigte, dass er diese Behandlung durchlaufen hat, weil er glaubte, dass "jetzt der einzige richtige Zeitpunkt" sei, wobei er sein Alter als entscheidenden Faktor nannte.

Die japanische Gesetzgebung ist seit Jahren international in der Kritik. Im Oktober 2023 entschied das Oberste Gericht Japans, dass die Sterilisationspflicht als Voraussetzung für eine Geschlechtsänderung verfassungswidrig ist, da sie gegen Artikel 13 der Verfassung verstößt, der individuelle Rechte schützt. Dennoch bleiben andere restriktive Anforderungen bestehen, und die meisten trans Menschen in Japan müssen sich immer noch einem langwierigen Verfahren vor einem Familiengericht stellen und dürfen weder verheiratet sein noch minderjährige Kinder haben.

Vom Profifußball zum persönlichen Glück

Yamazaki, der früher für JEF United Chiba spielte, beendete seine Karriere 2023 nach 14 Jahren im Profifußball. Zwischen 2006 und 2020 spielte er für vier verschiedene Vereine und sammelte insgesamt 177 Einsätze. Er vertrat Japan außerdem 2013 beim Algarve Cup und kam auf vier Länderspiele für die Nationalmannschaft.

In seinem bewegenden Post erklärte Yamazaki, dass der Hauptgrund für seinen Rücktritt aus dem Fußball darin bestand, "diesen Traum wahr werden zu lassen" – nämlich seine Transition zu vollziehen und zu heiraten. Ursprünglich hatte er nicht vor, seine Transition öffentlich zu machen, doch nach einem Jahr privater Coming-outs entschied er sich, seine Geschichte zu teilen.

Ein Appell für mehr Akzeptanz

"Ich denke, es wird immer noch nicht gut akzeptiert und es gibt gemischte Meinungen", schrieb Yamazaki in seinem Post. "Aber ich hoffe, dass ich die Werte von jemandem erweitern, für jemanden ein Wegweiser sein oder jemandem Mut und Hoffnung geben kann." Seine Worte spiegeln die schwierige Realität wider, mit der trans Menschen in Japan konfrontiert sind – einem Land, in dem die medizinischen Anforderungen für die rechtliche Anerkennung auf der veralteten und abwertenden Vorstellung beruhen, dass trans Identität eine "psychische Störung" sei.

Deutschland als Vorbild? Progressive Sportpolitik im Vergleich

Während in Japan trans Menschen immer noch gegen diskriminierende Gesetze kämpfen, hat Deutschland im Fußball progressive Schritte unternommen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erlaubt seit 2022 trans, nicht-binären und geschlechtsdivers lebenden Fußballer*innen selbst zu entscheiden, ob sie in Männer- oder Frauenteams spielen möchten. Die Regelung gilt seit der Saison 2022/23 und wurde in die DFB-Spielordnung für den Amateurfußball aufgenommen.

Der DFB erklärte gegenüber The Guardian: "Die Erfahrung hat gezeigt, dass dies die Integrität des Wettbewerbs nicht gefährdet", und betonte, dass alle Menschen unterschiedliche körperliche Stärken und Fähigkeiten haben, die unabhängig vom Geschlecht nur gemeinsam im Team zum Erfolg führen. Diese Haltung steht im starken Kontrast zu den restriktiven Ansätzen anderer internationaler Sportverbände und zeigt, dass Inklusion und Fairness im Sport vereinbar sind.

Auch auf rechtlicher Ebene hat Deutschland Fortschritte gemacht: Seit November 2024 ermöglicht das neue Selbstbestimmungsgesetz trans und nicht-binären Menschen, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen per Selbstauskunft beim Standesamt ändern zu lassen – ohne medizinische Gutachten oder chirurgische Eingriffe (Human Rights Watch).

Sichtbarkeit macht Mut – aber der Weg ist noch weit

Marumi Yamazakis Coming-out ist ein wichtiger Meilenstein für die trans Community im Sport. In einer Welt, in der selbst die Coming-outs von Profisportler*innen wie dem deutschen Nationalspieler Thomas Hitzlsperger nicht zu weiteren öffentlichen Bekenntnissen führten, braucht es mehr mutige Vorbilder wie Yamazaki, die zeigen, dass trans Menschen in allen Lebensbereichen ihren Platz verdienen.

Seine Geschichte erinnert uns daran, dass hinter jedem Coming-out ein langer, oft schmerzhafter Weg liegt – besonders in Ländern mit diskriminierenden Gesetzen. Gleichzeitig zeigt sie, dass Veränderung möglich ist, wenn Menschen ihre Stimme erheben und für ihre Rechte kämpfen. Wie Yamazaki selbst schrieb: Die Hoffnung ist, jemandem Mut zu machen. Und das hat er mit Sicherheit geschafft.


New York ernennt erste offen lesbische Feuerwehrchefin – Ein Meilenstein für LGBTQ+ Repräsentation

In einem historischen Moment für die LGBTQ+ Community hat New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani am 6. Januar 2025 Lillian Bonsignore als Kommissarin der New Yorker Feuerwehr (FDNY) vereidigt. Sie ist damit die zweite Frau und die erste offen lesbische Person in dieser Position. Die Ernennung wurde am 23. Dezember angekündigt und markiert einen bedeutenden Schritt für queere Sichtbarkeit in Führungspositionen des öffentlichen Dienstes.

31 Jahre im Dienst der Stadt

Bonsignores Karriere ist beeindruckend: 31 Jahre widmete sie dem FDNY Emergency Medical Services (EMS), bevor sie 2022 in den Ruhestand ging. Ihre Laufbahn umfasste den Fronteinsatz während der Terroranschläge vom 11. September 2001 sowie die Führung des EMS während der COVID-19-Pandemie. Von 2019 bis 2022 leitete sie die EMS-Abteilung als erste Frau und erreichte als erste Frau den Vier-Sterne-Chef-Status innerhalb der Behörde.

"Die FDNY verdient eine Führungsperson, die sich zutiefst um die Arbeit kümmert, weil sie diese selbst geleistet hat", erklärte Bürgermeister Mamdani bei der Ankündigung. "Sie ist die Art von Führungspersönlichkeit, auf die ich in meiner Verwaltung stolz bin."

Kontroverse und klare Antworten

Die Ernennung blieb nicht ohne Kritik. Elon Musk nutzte seine Social-Media-Plattform X, um die Entscheidung anzugreifen und argumentierte, Bonsignore habe "nie als Feuerwehrfrau gedient". Er behauptete sogar: "Menschen werden deswegen sterben. Nachgewiesene Erfahrung zählt, wenn Leben auf dem Spiel stehen."

Mamdani reagierte umgehend und wies die Unterstellung zurück, dass EMS-Erfahrung unzureichend sei: "Erfahrung zählt tatsächlich, weshalb ich die Person ernannt habe, die mehr als 30 Jahre im EMS verbracht hat. Sie wissen schon, die Arbeitskraft, die mindestens 70 Prozent aller Anrufe bei der FDNY bearbeitet?"

Bonsignore selbst verteidigte ihre Qualifikation mit praktischen Argumenten: "Ich weiß, was die Feuerwehrleute brauchen, und ich kann das dieser Verwaltung vermitteln. Ich war über 30 Jahre im EMS tätig. Und jetzt haben Sie eine Kommissarin, die einen intravenösen Zugang legen kann."

Bedeutung für die LGBTQ+ Community

Bonsignores Ernennung ist mehr als eine persönliche Erfolgsgeschichte – sie ist ein Symbol für die wachsende Sichtbarkeit und Akzeptanz queerer Menschen in Führungspositionen, besonders in traditionell männlich dominierten Bereichen wie der Feuerwehr. Ihre offene lesbische Identität in Kombination mit jahrzehntelanger Berufserfahrung sendet eine kraftvolle Botschaft: Kompetenz und Authentizität schließen sich nicht aus.

Die Debatte um ihre Qualifikation offenbart jedoch auch, wie LGBTQ+ Personen in Führungspositionen oft mit höheren Standards konfrontiert werden. Während ihre umfangreiche Erfahrung und ihre Leistungen während kritischer Momente wie 9/11 und der Pandemie für sich sprechen, sah sie sich dennoch mit öffentlicher Skepsis konfrontiert – ein Muster, das viele queere Führungskräfte nur zu gut kennen.

Ein Vorbild für künftige Generationen

Bürgermeister Mamdani betonte in seiner Stellungnahme Bonsignores "ruhigen, entschlossenen Führungsstil während der COVID-19-Pandemie, als EMS-Fachkräfte wichtiger denn je waren" – genau das, was die Stadt in Zeiten der Unsicherheit brauche. Ihre Ernennung zeigt, dass inklusive und fähige Führung im Zentrum seiner Vision für New York City steht.

Für junge LGBTQ+ Menschen, die eine Karriere im öffentlichen Dienst oder in Rettungsdiensten anstreben, ist Lillian Bonsignore ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Authentizität und beruflicher Erfolg Hand in Hand gehen können. Ihre Geschichte erinnert uns daran, dass wahre Führungsstärke aus Erfahrung, Hingabe und dem Mut entsteht, man selbst zu sein.


Nur vier Beschwerden: Britische Studie entlarvt Anti-Trans-Rhetorik als leere Panikmache

Eine umfassende Untersuchung der LGBTQ+-Organisation TransLucent bringt Licht in eine der am heftigsten diskutierten Fragen der Trans-Debatte: Über einen Zeitraum von drei Jahren wurden in ganz England bei 382 öffentlichen Einrichtungen gerade einmal vier Beschwerden über Transfrauen in geschlechtergetrennten Räumen registriert. Die Ergebnisse, die kürzlich von der irischen Medienplattform GCN veröffentlicht wurden, stehen in krassem Gegensatz zur erhitzten politischen Debatte, die das Thema vor allem in Großbritannien beherrscht.

Sechs Untersuchungen, ein klares Ergebnis

TransLucent reichte zwischen 2022 und 2024 hunderte Informationsfreiheitsanträge bei großen öffentlichen Einrichtungen ein. Die Organisation sammelte 382 substanzielle Antworten von Kommunalbehörden, NHS-Kliniken und Einrichtungen für häusliche Gewalt. Untersucht wurden Toiletten und Umkleiden in kommunalen Schwimmbädern und Freizeiteinrichtungen, Krankenhausstationen und Frauenhäuser.

Bei 40 großen Kommunalbehörden, die Freizeiteinrichtungen verwalten, meldeten 35 null Beschwerden, fünf hatten keine Aufzeichnungen, und der einzige registrierte Vorfall betraf eine cis-geschlechtliche Person, die versehentlich die falsche Einrichtung benutzte. In einer erweiterten Untersuchung bei 157 NHS-Kliniken gab es nur eine einzige Beschwerde, die von der betreffenden Klinik nicht als ernsthafter Vorfall eingestuft wurde.

Frauenhäuser: Risikoabschätzung statt pauschaler Ausschluss

Besonders aufschlussreich sind die Erkenntnisse zu Frauenhäusern. Die Untersuchung zeigt, dass etablierte Risikoabschätzungsverfahren, Mischmodelle aus gemeinschaftlichen Unterkünften und unabhängigen Wohnformen sowie nationale Vermittlungssysteme es ermöglichen, Transfrauen unterzubringen, ohne die Sicherheit anderer Bewohnerinnen zu gefährden. Der Sektor konzentriert sich auf individuelle Risikoabschätzung statt auf pauschale Ausschlüsse.

Ein deutscher Blick auf die Debatte

Die Ergebnisse aus England sind auch für Deutschland hochrelevant. Seit dem 1. November 2024 gilt hierzulande das Selbstbestimmungsgesetz, das trans*, inter* und nicht-binären Menschen ermöglicht, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen durch eine einfache Erklärung beim Standesamt ändern zu lassen. Im Vorfeld der Gesetzesverabschiedung entbrannte auch in Deutschland eine heftige Debatte über den Zugang zu geschlechtergetrennten Räumen.

Das Selbstbestimmungsgesetz vermittelt keinen Anspruch auf Zugang zu geschützten Räumen. Die bestehende Rechtslage in Bezug auf Vertragsfreiheit und das private Hausrecht bleibt durch das Gesetz unberührt. Eine Zurückweisung speziell von transgeschlechtlichen Personen allein aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität ist nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz unzulässig.

Die britischen Daten liefern nun empirische Belege, die auch für die deutsche Debatte von Bedeutung sind: Die Angst vor massenhaften Problemen durch Trans-Inklusion entbehrt jeder faktischen Grundlage.

"Eine fabrizierte Kontroverse, keine dokumentierte Krise"

TransLucent kommt zu dem Schluss, dass das Thema "primär in der politischen Rhetorik existiert" statt in "dokumentierten Problemen bei der Dienstleistungserbringung". Die Organisation empfiehlt, dass Richtlinien auf empirischen Risikodaten basieren sollten, nicht auf hypothetischen Szenarien.

Die vier Beschwerden von 382 öffentlichen Einrichtungen, die Millionen von Menschen versorgen, zeigen, dass dieses Thema primär in der politischen Rhetorik existiert, nicht in dokumentierten Problemen bei der Dienstleistungserbringung. TransLucent bezeichnet den Diskurs über Transpersonen in geschlechtergetrennten Räumen als "eine fabrizierte Kontroverse, keine dokumentierte Krise".

Medienberichterstattung schürt unbegründete Ängste

Die Medienberichterstattung ist laut TransLucent oft verantwortlich für die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität. Anti-Trans-Medien schaffen eine "Wahrnehmung weit verbreiteter Probleme, wo keine existieren", indem sie hypothetische Bedenken mit tatsächlichen Vorfällen vermischen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Mit 382 öffentlichen Einrichtungen, die nur vier relevante Beschwerden melden, ist die Beweislage überwältigend: Der Zugang von Transfrauen zu angemessenen geschlechtergetrennten Räumen erzeugt keine dokumentierten Sicherheits- oder Würdeprobleme in Englands großen öffentlichen Diensten.

Den vollständigen Bericht von TransLucent können Sie hier einsehen.


Britischer Kardinal spekuliert über schwule Päpste – und offenbart die Widersprüche der Kirche

Der 80-jährige Londoner Kardinal Timothy Radcliffe hat mit ungewöhnlich offenen Äußerungen für Aufsehen gesorgt: In einem Interview mit der britischen Zeitung "The Telegraph" zeigte er sich überzeugt, dass es unter den bisher 267 Päpsten mindestens einen schwulen Pontifex gegeben habe. "Ich bin sicher, es hat schon einen gegeben! Ich habe keine Ahnung, wer", erklärte der hochrangige Kirchenmann. Seine Aussage ist bemerkenswert – nicht nur, weil sie aus dem Mund eines Kardinals kommt, sondern weil sie ein Tabu innerhalb der katholischen Kirche berührt.

Liebe wichtiger als sexuelle Identität

Radcliffe betonte im selben Atemzug, dass er die sexuelle Identität von Menschen nicht für "besonders wichtig" halte. Seine Prioritäten liegen woanders: "Ich mache mir keine Sorgen, wenn jemand schwul ist – Sorgen würde ich mir machen, wenn jemand niemanden liebt." Diese humanistische Perspektive steht in deutlichem Kontrast zu den oft starren Positionen des Vatikans in Fragen der Sexualmoral und zeigt einen Kirchenvertreter, der Menschen nach ihrer Fähigkeit zur Liebe beurteilt, nicht nach ihrer sexuellen Orientierung.

Trans Menschen willkommen, aber mit Vorbehalten

Anders als viele seiner konservativen Kollegen zweifelte Radcliffe die Existenz von trans Menschen nicht grundsätzlich an. "Ich glaube, dass es eine sehr kleine Zahl von Menschen gibt, die unter Geschlechtsdysphorie leiden. Man muss sie willkommen heißen", so der Kardinal. Allerdings sprach er sich gleichzeitig gegen ein Selbstbestimmungsgesetz aus und forderte hohe Hürden bei der Änderung des Geschlechtseintrags: "Ich glaube nicht, dass einfach irgendjemand sagen kann: 'Ich habe das Recht zu sagen, dass ich eine Frau bin', weil unsere Biologie grundlegend ist."

Diese Position ist ambivalent: Einerseits erkennt Radcliffe die Realität von Geschlechtsdysphorie an, andererseits pathologisiert er trans Identitäten und stellt biologische Gegebenheiten über die Selbstbestimmung der Betroffenen. Für die deutsche Debatte ist das hochrelevant – schließlich hat Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz seit November 2024 einen progressiven Weg eingeschlagen, der genau das ermöglicht, was Radcliffe ablehnt: die unbürokratische Änderung des Geschlechtseintrags.

Ein Kardinal mit widersprüchlicher Bilanz

Radcliffe, der erst im Dezember 2024 von Papst Franziskus zum Kardinal ernannt wurde, engagiert sich seit Jahrzehnten für HIV-positive und queere Menschen. In London feierte er regelmäßig Gottesdienste, die sich ausdrücklich an schwule Gläubige richteten – ein bemerkenswertes Zeichen der Öffnung in einer Institution, die Homosexualität offiziell als "objektiv ungeordnet" betrachtet.

Doch bei aller Empathie hält Radcliffe an queerfeindlichen katholischen Dogmen fest. So vertrat er 2012 die Position, dass die katholische Kirche die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare nicht einfach ablehne, sondern sie für "unmöglich" halte. Seine Begründung: "Die Ehe gründet auf der grundlegenden Tatsache der geschlechtlichen Verschiedenheit und ihrer potenziellen Fruchtbarkeit." Ein Argument, das bei genauerer Betrachtung logische Brüche aufweist – schließlich wird bei heterosexuellen Paaren die Fruchtbarkeit nicht überprüft, und auch Frauen nach den Wechseljahren können kirchlich heiraten.

Relevanz für Deutschland: Zwischen Synodalem Weg und Rom

Für die deutsche katholische Kirche, die mit dem Synodalen Weg einen Reformprozess angestoßen hat, sind Radcliffes Äußerungen ein Spiegel der inneren Zerrissenheit. Während deutsche Bischöfe und Laien zunehmend für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare und eine offenere Haltung gegenüber queeren Menschen eintreten, hält Rom an traditionellen Positionen fest. Radcliffe steht zwischen diesen Welten: Er zeigt menschliche Nähe, weicht aber nicht von der Lehrmeinung ab.

Seine Spekulation über schwule Päpste erinnert daran, dass die Geschichte der katholischen Kirche weit komplexer ist, als es die offizielle Doktrin vermuten lässt. Sie wirft Fragen auf: Wenn es schwule Päpste gab, warum ist Homosexualität dann ein Problem? Und wenn Liebe wichtiger ist als sexuelle Identität, warum werden dann gleichgeschlechtliche Paare von der Ehe ausgeschlossen?

Ein kleiner Schritt – aber wohin?

Radcliffes Äußerungen sind mutig für einen Kardinal, doch sie bleiben widersprüchlich. Er öffnet Türen einen Spalt breit, um sie im nächsten Moment wieder zu schließen. Für queere Katholik*innen in Deutschland und weltweit ist das ein vertrautes Muster: Die Kirche spricht von Willkommen und Würde, verweigert aber Gleichberechtigung und Anerkennung.

Dennoch: Dass ein hochrangiger Kirchenmann öffentlich über schwule Päpste spricht und trans Menschen nicht per se die Existenz abspricht, ist ein Zeichen, dass sich der Diskurs bewegt – wenn auch schmerzhaft langsam. Es liegt an der nächsten Generation von Gläubigen und Kirchenvertreter*innen, diese Risse im Dogma zu Durchbrüchen zu machen.


Betrugsverfahren gegen trans Kommissarin eingestellt – Ein Zeichen gegen queerfeindliche Ressentiments

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren gegen eine trans Polizistin eingestellt, die wegen der Änderung ihres Geschlechtseintrags unter Betrugsverdacht geraten war. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen, denen trans Menschen am Arbeitsplatz auch nach Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes am 1. November 2024 noch immer ausgesetzt sind.

Der Vorwurf: Geschlechtsänderung aus Karrieregründen?

Die Düsseldorfer Kommissarin hatte im Mai 2025 beim Standesamt ihren Geschlechtseintrag von "männlich" in "weiblich" ändern lassen – ein Recht, das ihr seit dem Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes am 1. November 2024 durch eine einfache Erklärung beim Standesamt zusteht. Daraufhin zeigte die Behördenleitung der Polizei die Beamtin wegen Betrugs an: Sie habe den Geschlechtseintrag lediglich aus Karrieregründen ändern lassen, um bei Beförderungen einen Vorteil gegenüber männlichen Konkurrenten zu ergattern. Hintergrund ist eine Förderrichtlinie, nach der Beamtinnen bei gleicher Qualifikation der Vorzug gegenüber männlichen Bewerbern gegeben werden soll – eine Praxis, die in der Polizei durchaus ihre Berechtigung hat, denn Polizistinnen machen regelmäßig die besseren Studienabschlüsse, bekommen jedoch in mehreren Bundesländern bei praktischen Beurteilungen schlechtere Noten.

Die Polizeiführung verhängte zudem einen Beförderungsstopp und leitete ein Disziplinarverfahren gegen die Kommissarin ein. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren nun jedoch "mangels Strafbarkeit" ein – eine klare Absage an den Versuch, die rechtmäßige Ausübung eines Grundrechts zu kriminalisieren.

Das Selbstbestimmungsgesetz als Schutz vor Diskriminierung

Das Selbstbestimmungsgesetz erlaubt trans, inter und nicht-binären Menschen, Geschlechtseintrag und Namen selbstbestimmt zu ändern, und ersetzt frühere Regelungen. Das Gesetz vereinfacht es für transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen, ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und ihre Vornamen durch eine Erklärung gegenüber dem Standesamt ändern zu lassen. Es löst das über 40 Jahre alte Transsexuellengesetz ab, das vom Bundesverfassungsgericht in mehreren Entscheidungen in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt wurde.

Der Verwaltungsrechtler Christoph Arnold, der die rechtlichen Interessen der Kommissarin vertritt, wirft der Düsseldorfer Polizeipräsidentin eine queerfeindliche Haltung vor. Seine Mandantin sei "damals in einem männlichen Körper geboren worden und identifiziert sich schon seit Jahren als Frau", weshalb sie ihren Personenstand beim Standesamt auf weiblich ändern ließ. Den Vorwurf, dass die Beamtin gegenüber Kolleg*innen die Beförderung als Grund für die Änderung genannt habe, bezeichnete Arnold als missverstandene Ironie. "Das war ein Gag", so der Anwalt.

Trans Menschen im Arbeitsleben: Eine strukturelle Herausforderung

Der Fall ist kein Einzelfall, sondern steht exemplarisch für die Diskriminierung, der trans Menschen am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. 39 Prozent der trans Menschen in Deutschland wurden im letzten Jahr am Arbeitsplatz diskriminiert. Die häufigen Diskriminierungserfahrungen können mit ein Grund dafür sein, dass 47 Prozent der befragten transgeschlechtlichen Menschen am Arbeitsplatz niemals offen mit ihrer Transidentität umgehen würden.

Die Auswertung internationaler Studien zeigt deutlich, dass trans Personen in hohem Maße individuell und strukturell benachteiligt werden: Die Arbeitslosenraten und der Anteil der Erwerbsunfähigkeit unter trans Personen sind überdurchschnittlich hoch. Manche transgeschlechtliche Angestellte werden nach ihrem Coming-out am Arbeitsplatz von den Kolleg*innen gemieden, weshalb viele es überhaupt nicht wagen, sich am Arbeitsplatz zu outen, aus Angst vor den Reaktionen des Teams oder der Vorgesetzten.

Rechtslage und Ausblick

Die Einstellung des Betrugsverfahrens ist ein wichtiger Präzedenzfall. Aus Sicht der Gleichstellungsrechte ist es grundsätzlich legitim, dass eine trans Frau von Frauenfördermaßnahmen profitiert: Die gesetzlichen Quoten unterscheiden nicht nach trans oder cisgeschlechtlich – es zählt allein der rechtliche Status als Frau, und trans Frauen sind Frauen im rechtlichen Sinne.

Ob das Disziplinarverfahren und der Beförderungsstopp nun zurückgenommen werden, konnte ein Polizeisprecher zunächst nicht sagen. Die trans Polizistin klagt vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf gegen die Verfügung ihres Dienstherrn. Ihr Anwalt betont: "Dass nun gerade von der Polizeipräsidentin queerfeindliche Ressentiments kommen, ist besonders enttäuschend."

Der Fall zeigt, dass Kritiker*innen Missbrauch befürchten, wenn Geschlechtseintrag und Vornamen wie nun nach dem Selbstbestimmungsgesetz geändert werden können, ohne dass der Staat die Gründe für die Änderung untersucht. Doch genau diese Selbstbestimmung ist ein Grundrecht – und die Einstellung des Verfahrens ein Signal, dass trans Menschen nicht unter Generalverdacht gestellt werden dürfen, wenn sie von ihren Rechten Gebrauch machen.


Neue Studie belegt erneut: Pubertätsblocker retten Leben von trans* Jugendlichen

Eine neue umfassende Studie aus den USA bestätigt einmal mehr, was die Wissenschaft seit Jahren belegt: Geschlechtsangleichende medizinische Versorgung, insbesondere Pubertätsblocker und Hormonbehandlungen, kann für trans* Jugendliche lebensrettend sein. Die Forschungsergebnisse kommen zu einem kritischen Zeitpunkt, da in vielen Ländern – darunter auch in Deutschland – die Debatte über den Zugang zu dieser medizinischen Versorgung kontrovers geführt wird.

Signifikante Verbesserung der psychischen Gesundheit

Die im Journal of Pediatrics für die Februar-2026-Ausgabe veröffentlichte Studie untersuchte 432 Patient*innen im Alter von 12 bis 20 Jahren über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr nach Beginn der Behandlung mit Pubertätsblockern oder Hormonersatztherapie. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Suizidalität bei den Teilnehmenden sank signifikant – jene, die geschlechtsangleichende Hormone oder Pubertätsblocker erhielten, hatten eine um 60 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für Depressionen und eine um 73 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit für Selbstverletzung oder suizidale Gedanken.

Besonders bemerkenswert: Die Verbesserungen waren konsistent, unabhängig von Geschlechtsidentität, Behandlungsdauer und – interessanterweise – dem Alter bei Behandlungsbeginn. Dies widerlegt ein häufiges Argument von Kritiker*innen, die behaupten, dass Jugendliche "zu jung" für solche Entscheidungen seien.

Deutschland im internationalen Kontext: Ein gespaltenes Bild

Während die wissenschaftliche Evidenz eindeutig ist, bleibt die politische Situation komplex. In Deutschland gilt seit November 2024 das Selbstbestimmungsgesetz, das trans*, inter* und nicht-binären Menschen die selbstbestimmte Änderung ihres Geschlechtseintrags ermöglicht. Geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen werden jedoch weiterhin erst nach ausführlicher Diagnose und Beratung durch Ärzt*innen und Psycholog*innen durchgeführt und sind weder eine Voraussetzung für den Personenstandswechsel noch werden sie dadurch erleichtert.

Doch die Debatte bleibt hitzig: Im Mai 2024 forderte der 128. Deutsche Ärztetag die Bundesregierung auf, Pubertätsblocker, geschlechtsumwandelnde Hormontherapien und Operationen bei unter 18-Jährigen nur im Rahmen kontrollierter wissenschaftlicher Studien zuzulassen. Diese Beschlüsse sind zwar nicht bindend, haben aber Gewicht, und Expert*innen sowie Betroffene zeigten sich alarmiert und warnten, dass die fachliche Diskussion politisch instrumentalisiert werde.

Großbritannien als warnendes Beispiel

Ein Blick nach Großbritannien zeigt, welche dramatischen Folgen restriktive Politik haben kann. Im Dezember 2024 kündigte Gesundheitsminister Wes Streeting ein unbefristetes Verbot von Pubertätsblockern für unter 18-Jährige mit Geschlechtsdysphorie an, das mindestens bis 2027 nicht überprüft werden soll. Die Begründung: ein "unakzeptables Sicherheitsrisiko".

Doch Forscherin Dr. Natacha Kennedy von der University of London fand heraus, dass Streetings Verbot trans* Kinder und Jugendliche "erheblich, umfassend und unerbittlich schädigt". Sie sprach mit Eltern von trans* Jugendlichen, die einst "glücklich und gut angepasst" waren, nun aber aufgrund des fehlenden Zugangs zu medizinischer Versorgung zur Selbstverletzung greifen.

Verschwindend geringe Bereuerungsraten

Ein häufiges Argument gegen geschlechtsangleichende Versorgung für Jugendliche ist die angeblich hohe "Bereuerungsrate". Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Eine im Oktober 2024 veröffentlichte Studie ergab, dass 97 Prozent der US- und kanadischen Patient*innen, die medizinische Versorgung erhielten, "hochzufrieden" waren, während nur neun von über 200 Jugendlichen das Erhalten von Pubertätsblockern und/oder Hormonen bereuten.

Zum Vergleich: Die Bereuerungsrate für Knieoperationen liegt bei etwa 20 Prozent, für Brustvergrößerungen bei 47 Prozent, und etwa sieben Prozent der Menschen bereuen es, Kinder bekommen zu haben. Die Bereuerungsrate für geschlechtsangleichende Versorgung ist damit ausgesprochen niedrig.

USA: Massive Einschränkungen trotz klarer Evidenz

Die Situation in den USA ist besonders dramatisch. Mindestens 27 Bundesstaaten haben geschlechtsangleichende Versorgung in irgendeiner Form verboten, wodurch über 40 Prozent der trans* Jugendlichen im Land der Zugang verwehrt wird. Die LGBTQ+-Suizidpräventionsorganisation Trevor Project warnt, dass diese Verbote "schädliche Auswirkungen" auf die psychische Gesundheit von trans* Jugendlichen haben, die bereits überproportional häufig suizidal sind.

Was bedeutet das für Deutschland?

Deutschland steht an einem Scheideweg. Einerseits hat das Selbstbestimmungsgesetz einen wichtigen Schritt in Richtung Selbstbestimmung und Würde für trans* Menschen gemacht. Das Gesetz erleichtert es besonders jungen Menschen, sich zu ihrer geschlechtlichen Identität zu bekennen, und kann dadurch das psychische Leid deutlich reduzieren.

Andererseits mehren sich die Stimmen, die – entgegen der wissenschaftlichen Evidenz – restriktive Maßnahmen fordern. Dabei ist es für trans* Jugendliche bereits jetzt enorm schwer, Pubertätsblocker zu bekommen, da Ärzt*innen diese erst nach einer Diagnose und ausführlicher Beratung verschreiben, wobei oftmals Monate oder Jahre bis zu einem Erstgespräch vergehen.

Die neue US-Studie sollte ein Weckruf sein: Geschlechtsangleichende Versorgung rettet Leben. Jede Verzögerung, jede unnötige Hürde kann für betroffene Jugendliche lebensbedrohlich sein. Deutschland muss sich entscheiden: Folgt es der Wissenschaft und schützt vulnerable junge Menschen – oder lässt es zu, dass politische Instrumentalisierung die Versorgung gefährdet?

Wenn du selbst von den in diesem Artikel angesprochenen Themen betroffen bist, findest du Hilfe bei der Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 (kostenlos und anonym). Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität bietet ebenfalls Beratung und Unterstützung.


Mpox-Alarm in Berlin: Neue gefährliche Variante breitet sich aus – Was queere Menschen jetzt wissen müssen

Berlin erlebt einen beunruhigenden Wendepunkt in der Mpox-Situation: Seit Mitte Dezember 2025 wurden drei Fälle der Klade 1b in Berlin bestätigt, zwei davon vermutlich durch lokale Ansteckung. Wie queer.de berichtet, warnt das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) nun eindringlich: Die gefährlichere Mpox-Variante ist in der Hauptstadt angekommen – und sie verbreitet sich innerhalb der queeren Community.

Warum diese Entwicklung so brisant ist

Die Klade 1b unterscheidet sich deutlich von der Klade 2, die vor gut drei Jahren eine weltweite Mpox-Welle auslöste. Klade 1b ist eine Untergruppe von Klade 1, die 2024/2025 in verschiedenen afrikanischen Ländern größere Ausbrüche verursacht hat, vor allem der Demokratischen Republik Kongo. Manche Experten gehen davon aus, dass Klade I im Schnitt häufiger zu schwereren Krankheitsverläufen führt als Klade II.

Doch es gibt auch eine beruhigende Nachricht: Aktuell gibt es keine Hinweise darauf, dass Infektionen mit Mpox der Klade 1b, die in Europa aufgetreten sind, mit einem erhöhten Ausbreitungspotential oder einer höheren Krankheitsschwere einhergehen. Die bisher in Europa aufgetreten Fälle der Klade Ib haben nur zu einer begrenzten Anzahl weiterer Übertragungen geführt. Auch das Robert Koch-Institut beobachtet die Situation zwar sehr genau, geht aktuell weiterhin nicht von einer erhöhten Gefährdung durch Klade-I-Viren in Deutschland aus.

Die Berliner Fälle im Detail

Alle drei Betroffenen sind Männer zwischen 30 und 50 Jahren. Der Verlauf der Erkrankungen zeigt deutlich, wie wichtig der Impfschutz ist: Zwei waren den Angaben zufolge ungeimpft und erkrankten mit typischen Symptomen wie Fieber, dem typischen Hautausschlag und Lymphknotenschwellungen. Ein einmal geimpfter Mann hingegen zeigte nur leichtere Beschwerden. Deutschlandweit wurden dem Robert Koch-Institut (RKI) seit Oktober 2024 16 Fälle der Klade Ib gemeldet, davon 9 in diesem Jahr, den Berliner Fall eingeschlossen.

Besonders alarmierend: Lokal übertragene Mpox-Fälle wurden inzwischen in vier europäischen Ländern bestätigt: Spanien meldete seinen ersten Fall am 10. Oktober 2025, die Niederlande am 17. Oktober 2025, gefolgt von Italien (2 Fälle) und Portugal (1 Fall). International wurden auch mindestens zwei weitere Klade-1b-Fälle mit möglichem Infektionsort Berlin gemeldet.

Impfung: Der beste Schutz

Lageso-Präsident Alexander Straßmeir betont unmissverständlich: "Die wichtigste Präventionsmaßnahme gegen eine Erkrankung und schwere Verläufe ist die Impfung." Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass die Impfung gegen Mpox auch gegen die neue Variante 1b schützt.

Eine Impfempfehlung besteht insbesondere für:

  • Männer und trans sowie nichtbinäre Personen, die Sex mit Männern haben und dabei häufig den Partner wechseln
  • Sexarbeiter*innen
  • Laborpersonal mit Kontakt zu infektiösen Proben

Grundsätzlich besteht die Impfung gegen Mpox aus zwei Impfdosen im Abstand von mindestens 28 Tagen. Die Impfung bietet einen hohen Schutz vor einer Infektion und senkt darüber hinaus in hohem Maße das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf, falls es doch zur Ansteckung kommt. Ein großer Vorteil: Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für Versicherte, für die die STIKO-Impfempfehlung gilt (vor allem Männer, die Sex mit Männern haben und häufig die Partner wechseln).

Symptome erkennen – schnell handeln

Die Übertragung findet durch engen Hautkontakt mit den pockenartigen Hautveränderungen statt, als Hauptübertragungsweg gilt enger und längerer Haut-zu-Haut-Kontakt (z.B. beim Kuscheln oder Sex), vor allem Kontakt mit den Hautveränderungen (Ausschlag, Bläschen, Pusteln, Wunden, Schorf).

Typische Symptome sind:

  • Fieber
  • Hautausschlag mit Bläschen, die sich zu Pusteln und Schorf entwickeln
  • Lymphknotenschwellungen
  • Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen

In der Regel heilt die Krankheit binnen zwei bis vier Wochen von alleine aus. Kam es zu einem Kontakt, kann man sich noch innerhalb von vierzehn Tagen nachträglich impfen lassen.

Berliner Community mobilisiert

Die Berliner LGBTQ+-Community reagiert auf die neue Bedrohung. Seit Januar verzeichnen Berliner Gesundheitszentren eine vierfache Zunahme der Nachfrage nach der Mpox-Impfung im Vergleich zum Vorjahr – bisher wurden dieses Jahr rund 100 Menschen geimpft, die meisten in den letzten 2 Monaten.

Besonders wichtig: Checkpoint BLN berechnet keine Gebühren für den Impfstoff, denn "sexuelle Gesundheitsrisiken diskriminieren nicht aufgrund des Versicherungsschutzes, und unsere Antwort sollte das auch nicht tun." Das ist entscheidend, denn etwa ein Drittel der Geimpften hat keinen oder unzureichenden Krankenversicherungsschutz.

Was jetzt zu tun ist

Das Lageso rät dringend, den Impfschutz zu prüfen und fehlende Impfungen nachzuholen. Impfungen sind bei allen Hausärzt*innen möglich und werden von den gesetzlichen Krankenkassen vollständig übernommen. Weitere Informationen zur Impfung bietet die Deutsche Aidshilfe auf ihrer Webseite.

Die aktuelle Situation zeigt: Mpox ist keine abstrakte Bedrohung mehr, sondern eine reale Gefahr in Berlin. Doch mit Impfung, Aufklärung und Achtsamkeit lässt sich die Ausbreitung eindämmen. Die queere Community hat bereits 2022 bewiesen, wie effektiv eine schnelle Mobilisierung sein kann – jetzt ist es wieder Zeit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.


Wenn YouTube-Stars nach Washington streben: Trisha Paytas' überraschender Vorstoß ins US-Repräsentantenhaus

Die Social-Media-Welt trifft auf das politische Establishment: YouTube-Star und Podcast-Host Trisha Paytas, eine amerikanische Medienpersönlichkeit mit Millionen Followern, hat Anfang Januar ihre Pläne verkündet, 2026 für einen Sitz im US-Repräsentantenhaus in Kalifornien zu kandidieren. In einem Video und ihrer Podcast-Folge „Just Trish" vom 6. Januar erklärte die 37-Jährige, die sich als non-binär identifiziert und die Pronomen she/they verwendet, ihre ernsthafte Absicht: „Ich meine es vollkommen ernst damit."

Von Influencerin zur Politikerin – ein globaler Trend

Paytas' Ankündigung mag für manche überraschend klingen, doch sie reiht sich in einen größeren Trend ein: In den USA ist die Anzahl transgender Politiker*innen zwischen 2017 und 2025 um 1800 Prozent gestiegen. 2025 wurden landesweit 107 neue LGBTQ+-Politiker*innen in Ämter gewählt, darunter erstmals trans und non-binäre Abgeordnete in mehreren US-Bundesstaaten. Sarah McBride, die Delawares at-large Distrikt im US-Repräsentantenhaus vertritt, ist aktuell die ranghöchste transgender Amtsträgerin.

Auch in Deutschland hat sich die Situation verändert: Bei der Bundestagswahl 2021 wurden mit Tessa Ganserer und Nyke Slawik erstmals zwei trans Personen ins Parlament gewählt, und mit Ricarda Lang die erste offen bisexuelle Abgeordnete. Im aktuellen Bundestag 2025 sitzen 19 LGBTQ+-Abgeordnete – deutlich weniger als die 30 im vorherigen Bundestag. Victoria Broßart und Nyke Slawik sind derzeit die beiden trans Abgeordneten im deutschen Parlament.

OnlyFans, Jugendschutz und politische Ambitionen

Paytas nennt konkrete politische Ziele für ihre Kandidatur. Besonders am Herzen liegt ihr eine Regulierung der Sexarbeit-Plattform OnlyFans: Sie möchte ein Gesetz durchsetzen, das Personen unter 25 Jahren die Arbeit im Erwachsenen-Entertainment-Bereich verbietet. Als Begründung nennt sie das Beispiel der Influencerin Piper Rockelle, die nach ihrem 18. Geburtstag innerhalb eines Tages Millionen auf OnlyFans verdiente. „Mein erster Gedanke ist: So ekelhaft", kommentierte Paytas, betonte aber, dass ihre Kritik den älteren Konsumenten gelte, nicht der jungen Frau.

Diese Forderung hat auch in Deutschland Resonanz: Deutsche Landesmedienanstalten fordern seit Jahren einen umfangreicheren Jugendschutz und die Durchsetzung von Altersbeschränkungen auf Plattformen wie OnlyFans. Kritisiert wird insbesondere die fehlende wirksame Altersprüfung, während pornografische Inhalte anderswo im Netz mit wenigen Klicks erreichbar sind.

Social Media als politische Bühne

In den letzten Jahren sind politische Influencer*innen zu einem wichtigen Teil des politischen Diskurses geworden und spielen eine bedeutende Rolle in Wahlkämpfen. Diese Content Creator werden definiert als Personen, die eine politische Position, soziale Anliegen oder Kandidat*innen durch selbst produzierte Medien auf Social-Media-Plattformen unterstützen.

Paytas selbst hat eine bewegte politische Historie: Sie unterstützte 2016 zunächst Donald Trump, distanzierte sich aber 2019 von ihm. 2020 gab sie an, für Joe Biden gestimmt zu haben – aus einem bemerkenswerten Grund: Sie glaubte fälschlicherweise, er habe das Musical „Hamilton" zitiert, tatsächlich rezitierte er aber lediglich die Unabhängigkeitserklärung. In einem mittlerweile gelöschten Video von 2019 gab sie zu, „buchstäblich nichts" über Politik zu wissen und nie gewählt zu haben.

Eine realistische Kandidatur?

Paytas betonte in mehreren Videos ihre ernsthafte Motivation: „Ich habe mich nie als politische Person gesehen, bis ich Kinder bekam und realisierte, wie dystopisch die Welt für sie werden könnte, wenn sie erwachsen sind." Die Mutter von drei Kindern, zuletzt geboren im Juli 2025, erklärte: „Ich kann kandidieren. Ich kann mich zur Wahl stellen. Ich will wirklich alles geben."

Doch die Zeit drängt: Bis zum 6. März 2026 muss Paytas ihre Kandidatur offiziell erklären, die erforderlichen Papiere einreichen und eine Gebühr von 1.740 Dollar zahlen – alternativ 1.740 Unterschriften sammeln. Die Wahl findet am 3. November 2026 statt. Sollte sie gewählt werden, wäre sie die erste öffentlich non-binäre Person im kalifornischen Repräsentantenhaus.

Ob die umstrittene YouTube-Persönlichkeit mit über 5 Millionen Abonnent*innen den Sprung von der digitalen Bühne ins politische Amt schafft, bleibt abzuwarten. Ihre Ankündigung zeigt jedoch, wie sehr sich die Grenzen zwischen Social Media, politischer Kommunikation und institutioneller Politik aufgelöst haben – ein Phänomen, das sowohl in den USA als auch in Deutschland die demokratische Landschaft verändert.


Trump instrumentalisiert Imane Khelif erneut in transfeindlicher Kampagne – und verbreitet weiterhin Lügen

US-Präsident Donald Trump hat bei einer Veranstaltung der Republikaner am 6. Januar erneut die algerische Boxerin Imane Khelif zur Zielscheibe seiner transfeindlichen Rhetorik gemacht – obwohl Khelif weder transgender noch intersexuell ist. Trump verbreitete dabei die falsche Behauptung, die algerische Boxerin Imane Khelif sei bei der Geburt als männlich eingetragen worden. Die Äußerungen erfolgten in einem bizarren Auftritt, bei dem er eine übertriebene Parodie von Gewichtheberinnen aufführte und behauptete, trans Frauen hätten unfaire Vorteile im Sport. Die ursprüngliche Berichterstattung von PinkNews dokumentiert diese erneute Falschinformation.

Die Fakten: Khelif ist keine trans Frau

Imane Khelif ist nicht transgender und hat sich niemals selbst als intersexuell bezeichnet. IOC-Sprecher Mark Adams sagte, Khelif und Yu-ting seien als Frauen geboren, als Frauen registriert, lebten als Frauen, boxten als Frauen und hätten weibliche Pässe. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) stellte unmissverständlich klar: "Dies ist keine Transgender-Frage".

Trotz dieser eindeutigen Faktenlage wurde Khelif bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 zur Zielscheibe einer massiven Hetzkampagne. Anti-Trans-Aktivisten führten eine rücksichtslose Desinformationskampagne gegen die Olympiasiegerin Imane Khelif, wobei rechte Politiker und Kommentatoren sie als Mann und biologisch männlich bezeichneten, während sie in ihrer Gewichtsklasse voranschritt.

Trumps Executive Order und die Verbindung zu Deutschland

Trump unterzeichnete am 5. Februar 2025 eine Executive Order mit dem Titel "Keeping Men Out of Women's Sports", die darauf abzielt, transgender Frauen jeden Alters vom Wettkampf in Mädchen- und Frauensportteams auszuschließen. Die Executive Order droht Grund-, weiterführenden und postsekundären Bildungseinrichtungen mit dem Entzug von Bundesförderung, wenn sie trans Mädchen erlauben, in Mädchenteams zu spielen.

Auch in Deutschland wird die Debatte über Geschlechtsidentität im Sport intensiv geführt. In Deutschland wird die Debatte um Geschlechtsidentität im Sport intensiv geführt, wobei sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) für die Gleichberechtigung aller Geschlechter und sexuellen Identitäten im Sport ausgesprochen und verschiedene Initiativen unterstützt hat, die Diskriminierung abbauen sollen. Der Deutsche Hockey-Bund (DHB) hat spezifische Regelungen zur Spielberechtigung von Trans*- und Inter*-Menschen eingeführt, die eine inklusive und faire Teilnahme ermöglichen sollen.

Khelifs rechtliche Schritte gegen Cybermobbing

Als Reaktion auf die massive Hasskampagne hat Khelif rechtliche Schritte eingeleitet. J.K. Rowling und Elon Musk wurden beide in einer Strafanzeige genannt, die bei französischen Behörden wegen angeblicher "Handlungen erschwerter Cyber-Belästigung" gegen die algerische Boxerin und frisch gekürte Olympiasiegerin Imane Khelif eingereicht wurde. Rowling postete ein Bild aus Khelifs Kampf mit der italienischen Boxerin Angela Carini und beschuldigte erstere, ein Mann zu sein, der "die Verzweiflung einer Frau genießt, die er gerade in den Kopf geschlagen hat".

Nach der Cybermobbing-Klage der algerischen Box-Olympiasiegerin Imane Khelif ermittelt Frankreichs Justiz. Die Klage richtet sich gegen die Urheber der Social-Media-Beiträge und zeigt, dass Cybermobbing von Justizbehörden zunehmend ernst genommen wird.

Die Gefahr geschlechtlicher Überwachung

Der Fall Khelif zeigt exemplarisch, wie Sportlerinnen in der Öffentlichkeit angegriffen werden können, wenn ihre Geschlechtsidentität in Frage gestellt wird, wobei die algerische Boxerin während der Olympischen Spiele zur Zielscheibe transfeindlicher Hasskommentare in sozialen Medien wurde, obwohl sie sich selbst nie als transgender identifiziert hat.

Dass diese Menschen, die behaupten, sich für Frauenrechte einzusetzen, eine Frau dafür bestrafen, dass sie zu stark und nicht ausreichend feminin ist, sollte alles über ihre intellektuelle Ehrlichkeit verraten – die Anti-Trans-Bewegung richtet sich nicht nur gegen transgender Menschen, ihre natürliche Schlussfolgerung ist eine Gesellschaft, die für alle repressive Geschlechternormen durchsetzt.

Parallelen zur deutschen Debatte

Die Instrumentalisierung von Khelif zeigt beunruhigende Parallelen zur Situation in Deutschland. Transfeindlichkeit oder Queerfeindlichkeit ist in Deutschland insgesamt stark angestiegen und spiegelt sich natürlich auch in den sozialen Medien wider – wenn Menschen aufgrund ihres Seins angegriffen werden, ob nun körperlich oder verbal, dann gibt es genauso ein großes Problem mit Queerfeindlichkeit wie mit Rassismus und mit Antisemitismus.

Trans Menschen machen 0,6 Prozent der Gesellschaft aus – das sind einfach viel zu wenige Menschen, die für sich selbst kämpfen und für sich selbst stehen können. Dies unterstreicht die Notwendigkeit solidarischer Unterstützung durch die Mehrheitsgesellschaft.

Fazit: Menschenwürde vor politischer Instrumentalisierung

Trumps wiederholte falsche Behauptungen über Imane Khelif sind nicht nur faktisch falsch – sie sind Teil einer gefährlichen Strategie, die echte Menschen für politische Zwecke instrumentalisiert. Die Tatsache, dass eine cis Frau zum Ziel einer internationalen Hasskampagne wurde, zeigt, wohin die obsessive Überwachung von Geschlecht im Sport führt: Jede Frau, die nicht in enge Stereotype passt, wird verdächtig.

Für die LGBTQ+-Community in Deutschland ist dies eine Erinnerung daran, dass der Kampf für Inklusion und gegen Diskriminierung im Sport weitergeht – und dass Solidarität mit allen Menschen notwendig ist, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder ihres Geschlechtsausdrucks angegriffen werden.


Kasachstan verbietet LGBTQ+-"Propaganda": Ein Rückschlag für Menschenrechte in Zentralasien

Am 30. Dezember 2025 unterzeichnete Kasachstans Präsident Kassym-Jomart Tokajew ein umstrittenes Gesetz, das sogenannte LGBTQ+-"Propaganda" im Land verbietet. Das Gesetz trat am 30. Dezember 2025 in Kraft und markiert einen drastischen Rückschritt für die Menschenrechte in Zentralasien. Die internationale Gemeinschaft und Menschenrechtsorganisationen verurteilen die Entscheidung scharf – und rufen zum Widerstand auf. Wie die irische LGBTQ+-Publikation GCN berichtet, betrifft das Gesetz Millionen von Menschen in dem zentralasiatischen Land.

Was bedeutet das neue Gesetz?

Das Anti-LGBTQ+-Gesetz verbietet ausdrücklich die Förderung "nichttraditioneller sexueller Orientierungen" und ist Teil einer Serie von neun Änderungen eines Gesetzes aus dem Jahr 2002 über Kinderrechte. Das Gesetz verbietet "Informationen, die Propaganda für Pädophilie und/oder nichttraditionelle sexuelle Orientierung enthalten" in öffentlichen Räumen sowie in den Medien. Die Strafen sind drakonisch: Wer solche Inhalte teilt, muss mit bis zu 10 Tagen Haft und Geldstrafen von bis zu 144.500 Tenge (etwa 280 US-Dollar/208 Pfund) rechnen.

Im November wurde das Gesetz vom kasachischen Unterhaus einstimmig verabschiedet, bevor es im Dezember vom Senat genehmigt wurde. Die Geschwindigkeit, mit der die Gesetzgebung durchgepeitscht wurde, alarmierte Menschenrechtsorganisationen weltweit. Laut zivilgesellschaftlichen Quellen dauerten die Debatte und Abstimmung über die Änderungen nur 15 Minuten – ohne Einwände, Enthaltungen oder Berücksichtigung der Appelle von Zivilgesellschaft, UN-Mechanismen und anderen, den Vorschlag fallen zu lassen.

Ein gefährlicher Trend nach russischem Vorbild

Das kasachische Gesetz folgt einem besorgniserregenden Muster: Viele Kritiker haben auf die Ähnlichkeit zum russischen Anti-LGBTQ-Gesetz von 2013 hingewiesen. Kasachstan reiht sich damit neben Russland, Ungarn und Georgien ein, die ebenfalls "LGBTQ-Propaganda" gesetzlich verbieten. In Deutschland, wo queere Menschen seit 2017 das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe haben und durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz vor Diskriminierung geschützt sind, scheint eine solche Entwicklung undenkbar – doch sie zeigt, wie fragil hart erkämpfte Rechte sein können.

Das russische Gesetz gegen "homosexuelle Propaganda" leistet der Diskriminierung von LGBTI+ Vorschub, wie Amnesty International in seinen Berichten über Europa und Zentralasien dokumentiert. Seit Einführung des Propaganda-Gesetzes wurde ein Mann dafür bestraft, dass er scherzhaft behauptete, die LGBTQ+-Bewegung gegründet zu haben; queere Barbetreiber und Veranstalter wurden inhaftiert, mehr als 50 Clubbesucher bei einer Veranstaltung festgenommen, die Sprachlern-App Duolingo wurde gezwungen, ihre inklusiven Inhalte zu entfernen, und die AIDS-Stiftung von Elton John wurde verboten.

Deutsche Perspektive: Ein Kontrast zu Kasachstan

Für deutsche Leser*innen mag die Situation in Kasachstan schwer vorstellbar sein. In Deutschland ist Homosexualität heute weitgehend akzeptiert, besonders in größeren Städten. Es existieren keine Gesetze mehr, die homosexuellen Geschlechtsverkehr bestrafen, und seit dem 1. Oktober 2017 steht die Ehe auch gleichgeschlechtlichen Paaren offen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz garantiert gleiche Rechte für alle Bürgerinnen und Bürger, unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer sexuellen Orientierung.

Doch die deutsche Geschichte lehrt uns Demut: Homosexualität war über viele Jahrhunderte lang in Deutschland verboten und LGBTQIA+ wurden strafrechtlich verfolgt. Endgültig abgeschafft wurde dieses Verbot erst 1994, wobei das entsprechende Gesetz (§175 Strafgesetzbuch) auch vorher schon kaum mehr angewandt wurde. Die Situation in Kasachstan erinnert daran, dass Fortschritte nie selbstverständlich sind – und dass internationale Solidarität notwendig ist.

Internationale Kritik und UN-Intervention

UN-Experten warnten, dass der Gesetzesentwurf zur Verbannung sogenannter "LGBT-Propaganda" aus dem kasachischen Parlament Stigmatisierung verfestigen, Meinungsäußerungen verbieten und gegen internationale Menschenrechtsverpflichtungen verstoßen würde. Die Experten erklärten: "Der Gesetzesentwurf basiert auf Desinformation und setzt fälschlicherweise sogenannte 'nichttraditionelle sexuelle Orientierung' mit Pädophilie gleich, was eine Beleidigung der Menschenwürde darstellt".

Amnesty International verurteilte das Gesetz scharf. Marie Struthers, Direktorin für Osteuropa und Zentralasien bei Amnesty International, stellte in einer Erklärung klar: "Das Verbot sogenannter 'LGBTI-Propaganda' dient nicht dem Schutz von Kindern, sondern der Institutionalisierung von Stigma, Angst und Zensur".

Mutige Aktivist*innen leisten Widerstand

Queer KZ, eine von Jugendlichen geführte Menschenrechtsinitiative mit Sitz in Kasachstan, hat auf Social Media eine Kampagne gestartet und die globale Gemeinschaft aufgerufen, gegen das Anti-LGBTQ+-Gesetz Kasachstans zu protestieren. Die Organisation widmet sich der Stärkung und Mobilisierung der LGBTQIA+-Gemeinschaft in Kasachstan durch einen intersektionalen Ansatz. In einer bewegenden Instagram-Erklärung heißt es: "Wir sind Menschen, keine Ideologie. Wir rufen die Menschen der Welt auf, aufzustehen. Wir bitten euch, friedlich vor den Botschaften Kasachstans und auf den öffentlichen Plätzen eurer Städte zu versammeln. Lasst eure Präsenz ein Zeugnis dafür sein, dass Würde keine Grenzen kennt." Zusätzlich zu Protesten vor Botschaften forderte Queer KZ seine Anhänger*innen auf, an Senatoren und Parlamentsabgeordnete zu schreiben und zu fordern, Handel, Investitionen und Partnerschaften mit Kasachstan einzustellen, bis das Gesetz widerrufen wird.

Die Situation für Aktivist*innen vor Ort ist gefährlich. Im November wurde eine Forschungspräsentation über LGBTQI+-Menschen in Kasachstan von homophoben Personen gestört. Die Polizei nahm den Kollegen Ardzh Turynkhan fest, hielt ihn über Nacht fest und verhängte eine Geldstrafe von etwa 170 US-Dollar. Während seiner Haft verspotteten ihn Beamte, drohten ihm mit Vergewaltigung und körperlicher Gewalt und ignorierten seine Hilferufe, obwohl er eine Behinderung hat. Nur einen Tag später wurde die Gruppe erneut in einem Café angegriffen, doch die Polizei nahm stattdessen den Aktivisten fest – offensichtlich als Vergeltung für seinen Aktivismus.

Was kann Deutschland tun?

Die Bundesregierung wendet sich entschieden gegen jede Form von Diskriminierung und Gewalt gegen LSBTIQ und setzt sich für die Realisierung von gleichen Rechten für alle ein. Deutschland setzt sich in bilateralen und multilateralen Foren sowie durch Mittel der stillen Diplomatie für die Achtung, den Schutz und die Förderung der Rechte von LSBTIQ-Personen ein. Deutschland übernahm gemeinsam mit Mexiko im September 2022 den zweijährigen Vorsitz der Equal Rights Coalition (ERC), einer Allianz aus 42 Staaten und mehr als 140 Nichtregierungsorganisationen, die sich für LSBTIQ-Personen einsetzen.

Doch angesichts der dramatischen Entwicklungen in Kasachstan ist mehr erforderlich als diplomatische Erklärungen. Die deutsche Zivilgesellschaft kann konkret helfen:

  • Unterstützt Organisationen wie Queer KZ und Feminita, die trotz massiver Repression vor Ort aktiv sind
  • Kontaktiert die kasachische Botschaft in Berlin und fordert die Rücknahme des Gesetzes
  • Teilt Informationen über die Situation in sozialen Medien und erhöht den internationalen Druck
  • Unterstützt LGBTQ+-Geflüchtete aus Kasachstan und Zentralasien

Ein globaler Kampf für Menschenrechte

Das kasachische Anti-Propaganda-Gesetz ist mehr als ein nationaler Rückschritt – es ist ein Warnsignal für die globale LGBTQ+-Gemeinschaft. In Russland findet durch das sogenannte "Anti-Propaganda-Gesetz" Stück für Stück eine Rekriminalisierung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt statt. Andere Länder folgen diesem Beispiel und kopieren die russischen Anti-LSBTIQ*-Gesetze. Auch in Europa, wo Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche in vielen Ländern weiterhin Opfer von Diskriminierung und Gewalt werden, planten oder verabschiedeten mehrere Staaten wie Polen und Ungarn Gesetze, die LGBTI+ stigmatisieren und diskriminieren.

Die mutigen Worte von Queer KZ sollten uns alle inspirieren: "Wir sind Menschen, keine Ideologie." In einer Zeit, in der autoritäre Regime weltweit versuchen, queere Menschen unsichtbar zu machen, ist internationale Solidarität keine Option – sie ist eine Pflicht. Deutschland, mit seiner eigenen schmerzhaften Geschichte der Verfolgung sexueller Minderheiten, trägt eine besondere Verantwortung, für die universellen Menschenrechte einzustehen – überall auf der Welt.

Wie du helfen kannst: Besuche die Website von Queer KZ für konkrete Aktionsmöglichkeiten und teile ihre Petition. Würde kennt keine Grenzen – und unser Widerstand auch nicht.


Will Smith: Wenn Vorwürfe sexueller Belästigung männliche Musiker treffen – Ein Weckruf für die Musikbranche

Die Schlagzeilen erschüttern Hollywood: Will Smith wurde von dem Geiger Brian King Joseph wegen sexueller Belästigung, unrechtmäßiger Kündigung und Vergeltung verklagt. Der Fall, der am 30. Dezember vor dem Superior Court of California in Los Angeles eingereicht wurde, wirft wichtige Fragen über Machtstrukturen, sexuelle Belästigung und den Schutz von Betroffenen in der Musikindustrie auf. Die ursprüngliche Berichterstattung von PinkNews brachte den Fall ans Licht der Öffentlichkeit.

Die Vorwürfe im Detail

In der Klage wirft Brian King Joseph Smith und Treyball Studios Management „räuberisches Verhalten" vor und beschuldigt Smith, Joseph „bewusst zu präparieren und vorzubereiten für weitere sexuelle Ausbeutung" während seiner „Based on a True Story: 2025 Tour". Der Violinist, ein ehemaliger Star der Sendung „America's Got Talent", wurde von Will Smith engagiert, um mit Smith für sein neues Album auf Tour zu gehen.

Besonders alarmierend sind die Vorfälle, die sich im März 2025 während einer Show in Las Vegas ereignet haben sollen. Joseph fand heraus, dass jemand „unrechtmäßig" sein Hotelzimmer betreten hatte und Gegenstände zurückließ, darunter Tücher, eine Flasche HIV-Medikamente mit einem anderen Namen und einen Zettel, auf dem stand: „Brian, I'll be back no later 5:30, just us (gezeichnetes Herz), Stone F". Joseph interpretierte dies als Warnung, dass „eine unbekannte Person bald in sein Zimmer zurückkehren würde, um sexuelle Handlungen mit ihm zu vollziehen".

Vergeltung statt Schutz

Statt Unterstützung zu erhalten, erfuhr Joseph das Gegenteil: Nur wenige Tage später „beschämte" ihn ein Mitglied des Management-Teams für den Vorfall und teilte ihm mit, dass er entlassen werde, mit der Andeutung, Joseph habe die ganze Sache erfunden. Die Klage zitiert einen Vertreter, der angeblich sagte: „Jeder sagt mir, dass das, was dir passiert ist, eine Lüge ist, nichts ist passiert, und du hast die ganze Sache erfunden. Also, sag mir, warum hast du gelogen und das erfunden?"

Die Klage behauptet, dass Joseph aufgrund der Kündigung an PTBS und wirtschaftlichen Verlusten leidet. Smith's Anwalt Allen B. Grodsky bezeichnete die Vorwürfe in einer Stellungnahme als „falsch, unbegründet und rücksichtslos" und kündigte an, alle rechtlichen Mittel zu nutzen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Ein Thema, das auch Deutschland betrifft

Während dieser Fall in den USA Schlagzeilen macht, ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz auch in Deutschland ein gravierendes Problem. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, dass in Deutschland 9% aller Beschäftigten (Frauen: 13%, Männer: 5%) in den letzten drei Jahren an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt wurden. Die Realität ist noch besorgniserregender: Bereits 2019 gaben rund neun Prozent der Befragten an, in den vergangenen drei Jahren von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen gewesen zu sein. Laut einer IAB-Studie aus Mai 2025 haben sogar rund 20 Prozent der Beschäftigten in Deutschland entsprechende Vorfälle selbst erlebt oder in ihrem Umfeld beobachtet – Frauen ebenso wie Männer.

Für LGBTQ+ Menschen ist die Situation besonders prekär. Drei von vier der LSBT-Beschäftigten berichten von negativen Erfahrungen – von Tratsch, Ignoranz und Mobbing bis hin zu körperlicher Aggression, sexueller Belästigung oder negativen Folgen für die Karriere im Unternehmen. Die Zahlen sind erschreckend: Zwei Drittel erlebten voyeuristisch-gesteigerte Auseinandersetzung, 43% ignorierende Segregation und 39% sexuelle Belästigung.

Die rechtliche Situation in Deutschland

In Deutschland regelt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) den Schutz vor sexueller Belästigung. Eine sexuelle Belästigung ist „ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, das bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird". Das Gesetz bietet im Arbeitsrecht einen umfassenderen Schutz als im öffentlichen Raum, da es sexuelle Belästigung in jeder Form – auch verbal und non-verbal – als eine Diskriminierung einordnet.

Arbeitgeber haben klare Pflichten: Arbeitgeber sind verpflichtet, ihre Arbeitnehmer aktiv vor Belästigung zu schützen. So sieht es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vor. Bei Verstößen können Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer, die andere Mitarbeiter sexuell belästigen, eine Abmahnung und bei wiederholtem Fehlverhalten eine Kündigung erwarten. Weiterhin kann ihnen eine Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren drohen, wenn die Tat strafrechtlich verfolgt wird.

Das Erbe von #MeToo und männliche Betroffene

Der Fall von Brian King Joseph erinnert an die #MeToo-Bewegung, die 2017 eine weltweite Debatte über sexuelle Belästigung auslöste. Im Oktober 2017 begannen mehrere Frauen, den berühmten Filmproduzenten Harvey Weinstein öffentlich der sexuellen Belästigung, Nötigung oder Vergewaltigung zu beschuldigen. Dies hat die aktuelle #MeToo-Bewegung ausgelöst, die von der Schauspielerin Alyssa Milano durch einen Aufruf auf Twitter weiter angefacht wurde. Sie ermutigte Frauen weltweit, ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt unter dem Hashtag #MeToo zu teilen.

Ein oft übersehener Aspekt: Neben vielen prominenten Frauen öffneten sich auch einige männliche Prominente gegenüber der Öffentlichkeit und teilten persönliche Erfahrungen. Somit wurde auch darüber aufmerksam gemacht, dass sexuelle Belästigung und Gewalt nicht nur Frauen widerfahren kann, sondern in weniger Fällen auch Männer betrifft. Die Stigmatisierung männlicher Opfer ist besonders stark – ihnen wird aufgrund ihres Geschlechts meist noch seltener Beachtung geschenkt.

Die Bedeutung für die LGBTQ+ Community

Dieser Fall ist für die LGBTQ+ Community von besonderer Relevanz. Er zeigt, dass sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch Menschen aller Geschlechter und sexuellen Orientierungen treffen können. Die Vorwürfe gegen einen prominenten männlichen Star, einen männlichen Musiker belästigt zu haben, durchbrechen heteronormative Narrative und machen deutlich: Sexuelle Gewalt ist keine Frage der Orientierung, sondern eine Frage von Macht und Kontrolle.

Die #MeToo-Bewegung hat eine Debatte darüber ausgelöst, wie man Überlebende unterstützt und gleichzeitig ein faires Verfahren für die Beschuldigten gewährleistet. Obwohl einige sich Sorgen über falsche Anschuldigungen und vorzeitige Konsequenzen machen, schätzen Studien des US-Justizministeriums und des britischen Innenministeriums, dass falsche Meldungen nur 2–10% der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe ausmachen.

Was können Betroffene tun?

Für Betroffene in Deutschland gibt es verschiedene Anlaufstellen und rechtliche Möglichkeiten. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bietet umfassende Beratung und Informationsmaterialien. Betroffene haben das Recht auf ein Beschwerderecht nach § 13 AGG, können Schadenersatzansprüche geltend machen und haben unter Umständen ein Leistungsverweigerungsrecht.

Der Fall Will Smith zeigt einmal mehr: Sexuelle Belästigung ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Problem, das alle Branchen betrifft. Es ist Zeit, dass wir alle Betroffenen – unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Prominenz – ernst nehmen und Strukturen schaffen, die sie schützen statt zum Schweigen zu bringen.


Trans-Lüge: Zehn Angeklagte wegen Hetze gegen Brigitte Macron verurteilt

Ein Pariser Gericht hat am Montag ein deutliches Zeichen gegen transfeindliches Cybermobbing gesetzt: Zehn Personen – acht Männer und zwei Frauen – wurden zu Haftstrafen von zumeist sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, weil sie Frankreichs First Lady Brigitte Macron im Internet gemobbt hatten. Die Verurteilten müssen zudem auf eigene Kosten ein Praktikum zum Respekt anderer Menschen im Internet absolvieren, und einige erhielten eine befristete Onlinesperre für die Nutzung der sozialen Medien. Gemeinsam müssen sie 10.000 Euro Schadensersatz an die 72-jährige Präsidentengattin zahlen. Die Quelle zu diesem Fall findet sich bei queer.de.

Jahrelange Verschwörungskampagne mit realen Folgen

Hintergrund ist die seit der Wahl Macrons zum Präsidenten 2017 in den sozialen Medien kursierende Verschwörungserzählung, wonach Brigitte Macron eine Transfrau sein und als Mann geboren worden sein soll. Was als Randphänomen begann, entwickelte sich zu einer international beachteten Hasskampagne. Die Staatsanwaltschaft identifizierte die 51-jährige Delphine Jegousse als maßgeblich an der Verbreitung der Verschwörungstheorie beteiligt, nachdem sie 2021 ein vierstündiges YouTube-Video über Brigitte Macrons angeblichen Geschlechtswechsel produziert hatte.

Brigitte Macron hatte den Ermittlern erklärt, dass das Gerücht „sehr starke Auswirkungen" auf ihr Umfeld und auf sie selbst gehabt habe. Sie berichtete, dass ihre Enkelkinder gehört hätten, dass „ihre Großmutter ein Mann" sei. Die psychischen Folgen waren gravierend: Ihre Tochter Tiphaine Auziere sagte vor Gericht, die weltweit verbreiteten Falschbehauptungen hätten Auswirkungen auf die Gesundheit ihrer Mutter, die angesichts der ständigen Infragestellung ihrer „Identität" „ständig auf der Hut" sei.

Candace Owens und die globale Dimension der Hetze

Eine zentrale Rolle bei der weltweiten Verbreitung spielte die rechtskonservative US-Influencerin Candace Owens. Die rechtskonservative Influencerin veröffentlichte Anfang 2025 auf ihrem Youtube-Kanal eine achtteilige „Investigativ-Serie" mit dem Namen „Becoming Brigitte". Ihre Behauptungen betrafen nicht nur das Geschlecht von Brigitte Macron, sie verbreitete auch, Brigitte und Emmanuel seien blutsverwandt. Der Prozess in Frankreich gilt als Vorläufer einer viel größeren Klage, die die Macrons in den Vereinigten Staaten gegen die MAGA-Influencerin Candace Owens wegen der Verbreitung ähnlicher falscher Behauptungen erheben.

Brigitte Macron hatte sich am Vorabend der Urteilsverkündung in den Abendnachrichten des Sender TF1 zu dem Cybermobbing gegen sie geäußert: „Ich bin ständig an der Seite von Jugendlichen, um gegen Mobbing zu kämpfen, aber wenn ich nicht mit gutem Beispiel vorangehe, wird es schwierig werden", begründete sie ihr Vorgehen vor Gericht.

Was Deutschland von Frankreich lernen kann

Das Urteil wirft die Frage auf, wie Deutschland mit transfeindlichem Cybermobbing umgeht. Es brauche ein eigenes Gesetz gegen Cybermobbing, das es in vielen anderen Ländern wie Österreich oder Frankreich bereits gebe, mahnte das Bündnis gegen Cybermobbing. Tatsächlich hat Deutschland kein spezielles Gesetz gegen Cybermobbing. Allerdings gelten alle Gesetze aus dem echten Leben auch im virtuellen Raum.

Die Realität zeigt jedoch: Homophobe und transfeindliche Hasskriminalität gehören in Deutschland traurigerweise zum Alltag. Personen mit sichtbarem Migrationshintergrund und queere Menschen sind vermehrt Gewaltandrohungen und Beleidigungen ausgesetzt. Eine Studie ergab, dass Menschen mit homosexueller (28 %) oder bisexueller (36 %) Orientierung besonders häufig von Hassdelikten betroffen sind.

Rechtliche Handlungsmöglichkeiten in Deutschland

Auch ohne spezielles Cybermobbing-Gesetz haben Betroffene in Deutschland Möglichkeiten: Die Strafverfolgung von Hasskommentaren in sozialen Medien wird durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) unterstützt. Betroffene können sich an die Polizei oder spezialisierte Beratungsstellen wenden, um gegen Hetze im Internet vorzugehen. Weitere Informationen bieten Organisationen wie der LSVD oder Beratungsstellen wie HateAid.

Die Herausgeber*innen einer Studie fordern bessere Unterstützung für Betroffene von Hass im Netz. Es brauche ein bundesweites Netzwerk von spezialisierten Beratungsstellen sowie geschulte Strafverfolgungsbehörden, die Betroffene ernst nehmen und nicht abweisen.

Transfeindlichkeit als Teil einer rechten Agenda

Der Fall Macron ist kein Einzelfall, sondern Teil eines größeren Musters. Queere Themen und geschlechtliche Vielfalt sind zunehmend Angriffen durch rechte und konservative Parteien ausgesetzt. Insbesondere die AfD-Landtags- und Bundestagsfraktionen nutzen bundesweit ihre parlamentarischen Möglichkeiten für Diffamierungen und Hetze gegen die queere Community.

Wie gefährlich diese Hetze gegen geschlechtliche Minderheiten ist, kann man an den steigenden transfeindlichen Hassgewaltdelikten ablesen. Die Verbreitung solcher Verschwörungstheorien hat reale Konsequenzen für das Leben von trans Personen und allen, die fälschlicherweise als trans bezeichnet werden – wie Brigitte Macron.

Ein Signal für ganz Europa

Frankreich reagiert mit härteren Maßnahmen gegen Online-Mobbing – ein Zeichen, das auch international Beachtung findet. In der gesamten EU gibt es eine wachsende Debatte zur strafrechtlichen Verfolgung von Cybermobbing und gezielter Desinformation im Netz. Das Pariser Urteil könnte richtungsweisend sein für den Umgang mit transfeindlicher Hetze in Europa.

Für Deutschland bedeutet dies: Die Debatte um ein eigenes Cybermobbing-Gesetz muss intensiviert werden. Wie das französische Urteil zeigt, braucht es nicht nur strafrechtliche Konsequenzen, sondern auch verpflichtende Schulungen zur Sensibilisierung der Täter*innen. Das Gericht stellte klar, dass gezielte Falschinformationen zum Zweck der persönlichen Herabwürdigung nicht vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sind.

Das Urteil sendet eine klare Botschaft: Transfeindliche Hetze, ob gegen tatsächliche trans Personen oder – wie im Fall Macron – als Mittel der Diskreditierung, wird nicht länger hingenommen. Es ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Desinformation und für den Schutz der Menschenwürde im digitalen Raum.


US-Gericht erlaubt Zwangsouting: Wenn Lehrer trans Schüler*innen an Eltern verraten dürfen

Ein umstrittenes Gerichtsurteil aus Kalifornien schockiert die LGBTQ+-Community: Bundesrichter Roger Benitez entschied am 22. Dezember, dass Eltern ein verfassungsmäßiges Recht haben, informiert zu werden, wenn ihr Kind in der Schule eine „Gender-Inkongruenz" ausdrückt. Das Urteil betrifft alle öffentlichen Schulen in Kalifornien und gibt Lehrkräften das Recht, transgender und nicht-binäre Schüler*innen ohne deren Zustimmung gegenüber den Eltern zu outen. Doch was bedeutet diese Entscheidung – und welche Parallelen gibt es zu Deutschland?

Ein Urteil mit weitreichenden Folgen

Der von George W. Bush ernannte Richter Roger Benitez entschied zugunsten zweier Lehrerinnen aus dem Escondido Union School District, die behaupteten, dass Schulrichtlinien ihre verfassungsmäßigen Rechte auf freie Meinungsäußerung und Religionsfreiheit verletzten. Das Urteil verbietet Schulen, Informationen über die Geschlechtsidentität von Schüler*innen vor den Eltern zu verbergen, und untersagt es Lehrkräften, bei Gesprächen mit Eltern andere Pronomen zu verwenden als im Schulalltag.

Die Entscheidung verpflichtet alle kalifornischen Schulbezirke, ihren Lehrkräften zu erlauben, Eltern über die Geschlechtsidentität ihrer Kinder zu informieren. Dies steht im direkten Widerspruch zum kalifornischen SAFETY Act (Assembly Bill 1955), den Gouverneur Gavin Newsom im Juli 2024 unterzeichnete und der Schulbezirke daran hindert, Lehrkräfte zu verpflichten, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität von Schüler*innen ohne deren Zustimmung offenzulegen.

„Chaos und Verwirrung" – Der Staat wehrt sich

Kaliforniens Generalstaatsanwalt Rob Bonta legte noch am selben Tag Berufung ein und beantragte eine Aussetzung des Urteils. In der Berufungsschrift warnte Bonta, dass das Urteil „Chaos und Verwirrung unter Schüler*innen, Eltern, Lehrer*innen und Schulpersonal" schaffen würde. Die kalifornische LGBTQ-Fraktion kritisierte, dass Benitez' Entscheidung „absichtlich Verwirrung" über den SAFETY Act stifte und eine „alarmierende Bereitschaft signalisiere, verfassungsmäßige Rechte auf Privatsphäre und Nichtdiskriminierung zu untergraben".

Christine Parker, leitende Anwältin der ACLU Foundation of Southern California, betonte: „LGBTQ+-Schüler*innen verdienen es, selbst zu entscheiden, ob, wann und wie sie sich outen, und in der Schule sie selbst sein zu können". Etwa 25% der transgender Jugendlichen unternahmen 2023 einen Suizidversuch, wie eine Studie der Centers for Disease Control zeigt.

Wie ist die Situation in Deutschland?

In Deutschland gibt es keine vergleichbaren „Zwangsouting"-Gesetze – im Gegenteil: Schulen sind laut Schulgesetz zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Eltern verpflichtet, doch dies findet seine Grenze dort, wo das Kindeswohl durch die Mitwirkung der Eltern gefährdet wird, da der Kinder- und Jugendschutz explizit zur Aufgabe von Lehrkräften gehört.

Wenn sich eine trans*, inter* oder nicht-binäre Schüler*in bei einer Lehrkraft outet, ohne zuvor mit den eigenen Eltern gesprochen zu haben, sollte zunächst mit der Schüler*in genau besprochen werden, was die Gründe dafür sind, da ein Outing im familiären Kontext auch heute noch mit erheblichen Gefahren für die körperliche und psychische Gesundheit von trans Kindern und Jugendlichen verbunden ist. Ein erzwungenes Outing kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass Schüler*innen von den eigenen Eltern verstoßen und auf die Straße gesetzt werden.

Das Selbstbestimmungsgesetz: Ein deutscher Meilenstein

Deutschland hat mit dem Selbstbestimmungsgesetz (SBGG), das am 1. November 2024 in Kraft trat, einen anderen Weg eingeschlagen. Das Gesetz macht es für transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen einfacher, ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister sowie ihre Vornamen ändern zu lassen. Die wichtigste Veränderung ist, dass das Selbstbestimmungsgesetz das rechtlich registrierte Geschlecht bei Änderungen im Verlauf des Lebens nicht mehr von der Einschätzung anderer – wie Ärzt*innen oder Gutachter*innen – abhängig macht, sondern jeden Menschen selbst entscheiden lässt.

Jugendliche ab 14 Jahren müssen die Erklärung zur Änderung des Geschlechtseintrags selbst abgeben, benötigen aber die Zustimmung ihrer Eltern. Auch wenn diese Regelung kritisiert wird, steht sie im starken Kontrast zum kalifornischen Urteil: In Deutschland haben Jugendliche ab 14 Jahren ein Mitspracherecht bei ihrer Geschlechtsidentität, während in Kalifornien nun Lehrkräfte ohne Zustimmung der Schüler*innen deren Eltern informieren dürfen.

Ein Kulturkampf mit globalen Dimensionen

Laut dem Movement Advancement Project haben bereits acht US-Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, die Schulbezirke verpflichten, Eltern zu informieren, wenn ihre Kinder darum bitten, Namen oder Pronomen zu verwenden, die mit einem anderen Geschlecht assoziiert sind. Das kalifornische Urteil könnte diese Entwicklung weiter befeuern und bis zum Supreme Court gelangen.

Während in den USA über Zwangsouting debattiert wird, zeigt Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz und seinen schulischen Schutzkonzepten, dass ein anderer Weg möglich ist. Es gibt viele positive Erfahrungsberichte von Schulen, die sich für Vielfalt positionieren – so wurde die Kurt-Schwitters-Gesamtschule in Berlin von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes als „fairste Schule" Deutschlands ausgezeichnet.

Das kalifornische Urteil ist ein Rückschritt für die Rechte von LGBTQ+-Jugendlichen. Es zeigt, wie wichtig es ist, dass Schulen sichere Räume bleiben, in denen junge Menschen ihre Identität erkunden können – ohne Angst vor Zwangsouting und dessen potenziell verheerenden Folgen.


Kasachstan: Ein düsteres Kapitel für queere Rechte – Zwischen russischem Vorbild und westlicher Kritik

In einer besorgniserregenden Entwicklung hat Präsident Qassym-Schomart Toqajew am 30. Dezember 2025 ein Gesetz unterzeichnet, das die Verbreitung sogenannter „LGBT-Propaganda" in Kasachstan verbietet. Die ursprüngliche Nachricht stammt von queer.de, und die Tragweite dieses Gesetzes für die LGBTQIA+-Community in dem zentralasiatischen Land kann kaum überschätzt werden.

Was das Gesetz bedeutet – Vage Formulierungen mit harten Strafen

Das Gesetz verbietet „Informationen, die Propaganda für Pädophilie und/oder nicht-traditionelle sexuelle Orientierung enthalten" im öffentlichen Raum sowie in den Medien, wobei Verstöße mit bis zu 10 Tagen Haft und Geldstrafen bestraft werden. Die Strafe von 144.500 Tenge (etwa 260 Euro) mag zunächst gering erscheinen, doch sie entspricht ungefähr einem Viertel des durchschnittlichen Monatsgehalts in Kasachstan – eine erhebliche finanzielle Belastung.

Besonders problematisch ist die vage Formulierung des Gesetzes. Als „Propaganda" gilt die Verbreitung von Informationen über nicht-traditionelle sexuelle Orientierungen, die „ein positives Image" formen könnten. Diese Unschärfe öffnet Tür und Tor für willkürliche Anwendung und Zensur.

Russisches Vorbild mit verheerenden Folgen

Das kasachische Gesetz ähnelt stark dem russischen Anti-LGBTQ-Gesetz von 2013, womit Kasachstan sich Russland, Ungarn und Georgien bei der Kriminalisierung von „LGBTQ-Propaganda" anschließt. Diese Parallele ist kein Zufall: Die Initiatorin der kasachischen Petition, Bagila Baltabaeva, verwies explizit auf die russischen Gesetze als positiv zu beurteilendes Vorbild.

Die Erfahrungen aus Russland zeigen die verheerenden Auswirkungen solcher Gesetze deutlich: Die Anzahl von Hassverbrechen gegen LGBTQ-Personen in Russland ist nach der Verabschiedung des Propaganda-Gesetzes 2013 auf das Dreifache gestiegen. Zwischen 2010 und 2020 wurden 1.056 Hassverbrechen gegen 853 Personen dokumentiert, von denen 365 tödlich endeten.

Internationale Kritik und Menschenrechtsverletzungen

Sieben internationale Menschenrechtsorganisationen, darunter Human Rights Watch, warnten, dass die Verabschiedung des Gesetzes „einen eklatanten Verstoß gegen die internationalen Menschenrechtsverpflichtungen Kasachstans" darstelle. Die kasachische Verfassung garantiert eigentlich Meinungsfreiheit und verbietet Diskriminierung – Werte, die durch dieses Gesetz untergraben werden.

Das Gesetz ändert Bestimmungen zu Kinderrechten, Massenmedien, Online-Plattformen, Werbung, Kommunikation, Kultur und Bildung und ermöglicht Behörden, den Zugang zu Websites ohne Gerichtsbeschluss zu sperren. Dies bedroht nicht nur LGBTQIA+-Personen, sondern auch Journalist*innen, Künstler*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen.

Ein Blick nach Deutschland – Kontrast zwischen Fortschritt und Repression

Während Kasachstan queere Menschen kriminalisiert, zeigt Deutschland einen anderen Weg. Seit dem 1. Oktober 2017 steht die Ehe auch gleichgeschlechtlichen Paaren offen, und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz garantiert gleiche Rechte für alle Bürger*innen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.

Doch auch in Deutschland gibt es noch Herausforderungen: Die Ergänzung des Gleichheitsartikels in der Verfassung (Artikel 3, Absatz 3) um den Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung steht weiterhin aus. Die deutsche Bundesregierung setzt sich international für LGBTQIA+-Rechte ein: Deutschland wendet sich entschieden gegen jede Form von Diskriminierung und übernahm gemeinsam mit Mexiko 2022 den Vorsitz der Equal Rights Coalition, einer Allianz aus 42 Staaten und mehr als 140 NGOs.

Politischer Kontext – Autoritarismus und „traditionelle Werte"

Die Rhetorik der kasachischen Regierung erinnert stark an russische Narrative: Präsident Toqajew erklärte, „seit Jahrzehnten wurden vielen Ländern sogenannte demokratische moralische Werte, einschließlich LGBT, aufgezwungen". Diese Darstellung von LGBTQ+-Rechten als westlichen Liberalismus gegen „traditionelle Werte" ist Teil einer geopolitischen Konfrontation.

In Kasachstan mit seinen rund 20 Millionen mehrheitlich muslimischen Einwohner*innen unterliegt Homosexualität einem starken Tabu, obwohl homosexuelle Handlungen 1998 legalisiert wurden. Menschenrechtsverbände dokumentieren seit Jahren ein Klima der Angst innerhalb der Community, vor allem schwule Männer seien von Diskriminierung und gewalttätigen Übergriffen betroffen.

Widerstand und internationale Solidarität

Internationale Proteste unter dem Motto „I Am Not Propaganda" wurden von Organisationen wie ILGA-Europe und lokalen LGBTQIA+-Gruppen koordiniert. Aktivist*innen weltweit, auch in Berlin, zeigten in Kundgebungen, dass „es nicht nur um uns, sondern um alle geht, die für eine gerechte Gesellschaft kämpfen".

Die Entwicklung in Kasachstan ist Teil eines besorgniserregenden globalen Trends: Zuletzt wurden ähnliche Gesetze in verschiedenen Ländern verabschiedet, die „Propaganda zur Förderung nichttraditioneller sexueller Werte" unter Strafe stellen. Mehr Informationen zu diesem Trend finden sich in der Analyse des LSVD zu Anti-Propaganda-Gesetzen.

Für die queere Community in Kasachstan bedeutet dieses Gesetz einen massiven Rückschlag. Das Gesetz tritt 60 Tage nach Veröffentlichung in Kraft – ein düsteres Kapitel beginnt für Menschen, die einfach nur das Recht fordern, sie selbst zu sein.


Schwere Vorwürfe gegen Will Smith: Violinist verklagt Hollywood-Star wegen sexueller Belästigung

Ein Gerichtsfall in Kalifornien sorgt derzeit für Aufsehen: Brian King Joseph verklagt Will Smith und Treyball Studios Management wegen „räuberischen Verhaltens" während der „Based on a True Story: 2025 Tour". Der Musiker ist ein in Washington, D.C., geborener Violinist, der 2018 bei der 13. Staffel von „America's Got Talent" als Finalist unter die Top 3 kam.

Die Anschuldigungen im Detail

Smith hatte Joseph im November 2024 für eine Show in San Diego engagiert und anschließend für seine 2025-Tour und die Arbeit an seinem kommenden Album eingeladen. Was als vielversprechende berufliche Zusammenarbeit begann, entwickelte sich jedoch zu einer belastenden Situation.

Im Zentrum der Klage steht ein Vorfall im März 2025 in Las Vegas. Joseph fand in seinem Hotelzimmer eine handschriftliche Notiz, die lautete: „Brian, ich bin spätestens um 17:30 Uhr zurück, nur wir (gezeichnetes Herz), Stone F.", sowie Tücher, eine Flasche HIV-Medikamente mit dem Namen einer anderen Person und weitere persönliche Gegenstände. Josephs Tasche mit seinem Zimmerschlüssel war zuvor stundenlang verschwunden, bevor das Management sie ihm zurückgab.

Joseph informierte die Hotelsicherheit, Smiths Vertreter und meldete den Vorfall bei der Notruf-Hotline der Polizei. Laut Klage stellte die Hotelsicherheit fest, dass es keine Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens gab und dass nur Personen aus dem Management-Team Zugang zu seinem Zimmer gehabt hätten.

Kündigung als Vergeltung?

Nur wenige Tage später beschuldigte ein Mitglied des Management-Teams Joseph, den Vorfall erfunden zu haben, und kündigte ihm. Die Klage besagt, dass ihm mitgeteilt wurde, die Tour gehe „in eine andere Richtung", aber bald darauf ein anderer Violinist eingestellt wurde, um seine Rolle zu übernehmen.

Joseph gibt an, durch die Kündigung unter PTBS und wirtschaftlichen Verlusten zu leiden. Die Klage behauptet, Smith sei in die Entscheidung involviert gewesen und habe Joseph „bewusst" vorbereitet und „für weitere sexuelle Ausbeutung konditioniert".

Will Smiths Anwalt weist Vorwürfe zurück

Will Smiths Anwalt Allen B. Grodsky reagierte umgehend auf die Vorwürfe: „Die Anschuldigungen von Herrn Joseph gegen meinen Mandanten sind falsch, unbegründet und unverantwortlich. Sie werden kategorisch bestritten, und wir werden alle rechtlichen Mittel nutzen, um diese Behauptungen anzugehen und sicherzustellen, dass die Wahrheit ans Licht kommt".

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Ein Problem auch in Deutschland

Der Fall erinnert an die Wichtigkeit von Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz. In Deutschland ist sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verboten. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, dass 9% aller Beschäftigten (Frauen: 13%, Männer: 5%) in den letzten drei Jahren an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt wurden.

Besonders wichtig: Das Gesetz definiert sexuelle Belästigung über die objektive Wahrnehmung des Geschehens und nicht über die Absicht der belästigenden Person. Entscheidend ist, ob ein Verhalten objektiv einen sexuellen Charakter hat und sich die betroffene Person dadurch belästigt gefühlt hat.

Hollywood und die #MeToo-Bewegung

Der Fall reiht sich ein in eine lange Geschichte von Missbrauchsvorwürfen in der Unterhaltungsindustrie. Der Weinstein-Skandal von 2017 löste eine öffentliche Diskussion über die „vorsätzliche Ignoranz und schmähliche Mitschuld bei sexuell aggressivem Verhalten und Belästigungen am Arbeitsplatz" in der Filmindustrie aus. Die Schauspielerin Alyssa Milano rief dazu auf, das Hashtag #MeToo zu nutzen, wenn man als Frau sexuelle Übergriffe erlebt habe – unzählige Frauen folgten dem Aufruf.

Will Smith und die Gerüchte um seine Sexualität

Der aktuelle Fall bringt auch ältere Gerüchte wieder ins Gespräch. Wie bereits auf queer.de berichtet, kursierten in der Vergangenheit Spekulationen über Smiths Privatleben. Bemerkenswert ist seine frühe Karriereentscheidung aus dem Jahr 1993: Smith weigerte sich damals, im Film „Das Leben – ein Sechserpack" einen Mann zu küssen, mit der Begründung, damit seine Fans zu vergraulen. Der offen schwule Schauspieler Ian McKellen kritisierte diese Entscheidung 2004 scharf als Ausdruck von Homophobie.

Die Vorwürfe gegen Will Smith sind gravierend und müssen nun rechtlich aufgearbeitet werden. Der Fall zeigt einmal mehr, wie wichtig funktionierende Beschwerdestrukturen und konsequenter Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sind – in der Unterhaltungsbranche ebenso wie in allen anderen Bereichen des Arbeitslebens.


„Such dir einen Ehemann": Kellyanne Conway beleidigt lesbische Komikerin Rosie O'Donnell

In einer erschreckenden Demonstration von Ignoranz und Homophobie hat die ehemalige Trump-Beraterin Kellyanne Conway der offen lesbischen Komikerin Rosie O'Donnell geraten, sie brauche „einen Ehemann". Conway schien nicht zu wissen oder es war ihr egal, dass O'Donnell eine offen lebende Lesbe ist, die bereits zweimal mit Frauen verheiratet war, wie PinkNews berichtet.

Der Vorfall ereignete sich während einer Sendung von Fox News' „The Five" am 30. Dezember 2025. Conway, Co-Moderatorin bei Fox News' The Five, machte die Kommentare in Bezug auf ein TikTok-Video von O'Donnell über den republikanischen Anführer, in dem sie sagte, Trump sollte durch den 25. Verfassungszusatz aus dem Amt entfernt werden und nannte ihn einen „Blob".

„Hast du niemanden, der dich liebt?"

Conway fragte O'Donnell als Reaktion auf das Video: „Hast du niemanden, der dich liebt?" und fuhr fort: „Du brauchst eine Umarmung oder einen Ehemann oder ein Hobby oder einen Hund". Die Bemerkungen lösten in sozialen Medien und der LGBTQ+-Community sofort Empörung aus.

O'Donnell outete sich 2002 als Lesbe und verkündete während einer Benefizveranstaltung für Eierstockkrebs-Forschung: „Ich bin eine Lesbe!" Sie war zweimal mit Frauen verheiratet und ist eine der bekanntesten offen lesbischen Persönlichkeiten in den USA.

Flucht nach Irland aus Angst vor Trump

Der Hintergrund zu Conways Attacke: O'Donnell ist seit langem eine lautstarke Kritikerin von Trump und teilte im März mit, dass sie nicht mehr in den USA lebt, nachdem sie im Januar, wenige Tage vor Trumps Amtseinführung, nach Irland gezogen ist. Die Komikerin verließ die USA für ihre „Sicherheit und geistige Gesundheit", als Präsident Donald Trump seine zweite Amtszeit begann.

In einem neuen TikTok, das an Silvester geteilt wurde, gab die 63-Jährige zu, dass sie ihre Entscheidung nach Irland zu ziehen „niemals, niemals bereut" habe. Sie vermisse zwar die Feiertags-Traditionen, die sie mit ihrer Familie in New York pflegte, doch die Entscheidung sei für sie und ihr Kind richtig gewesen.

Ein Muster der Frauenfeindlichkeit

Conways Kommentare sind besonders brisant, da ihre eigene Tochter Claudia eine Lesbe ist und ihre Mutter in der Vergangenheit dafür gelobt hat, ihre Sexualität zu akzeptieren und zu unterstützen. Dennoch scheint Conway kein Problem damit zu haben, andere lesbische Frauen öffentlich zu beleidigen.

Die Bemerkungen haben die Aufmerksamkeit erneut auf Conways eigene Vergangenheit gelenkt, insbesondere ihre lange Geschichte antagonistischer Rhetorik gegenüber LGBTQ+-Menschen. Conway hat wiederholt Trump-Regierungspolitiken verteidigt, die sich gegen LGBTQ+-Gleichstellung richteten, und ist auf konservativen Konferenzen aufgetreten, die für ihre Anti-LGBTQ+-Positionen bekannt sind. Bevor sie zu Trumps innerem Kreis stieß, arbeitete sie mit Gruppen zusammen, die gegen die Eheöffnung kämpften.

Was bedeutet das für Deutschland?

Solche homophoben Äußerungen von prominenten Persönlichkeiten sind leider kein rein amerikanisches Phänomen. Auch in Deutschland kämpft die LGBTQ+-Community weiterhin gegen Diskriminierung und für mehr Sichtbarkeit. Auf der Ebene der Einstellungen hat die Akzeptanz homosexueller Personen in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich zugenommen, doch nach wie vor äußert sich noch rund jeder Zehnte offen homophob. Etwa jeder zehnte Befragte verurteilt Homosexualität als unmoralisch.

Die Mehrheit in Deutschland hat keinen persönlichen Kontakt zu offen lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und/oder intergeschlechtlichen Menschen. Ihr Wissen über LGBTQ+ folgt ausschließlich aus anderen Quellen, das heißt, viele kennen LGBTQ+-Menschen nur aus dem Fernsehen oder der Berichterstattung. Mediale Repräsentationen von LGBTQ+-Menschen haben damit einen maßgeblichen Einfluss auf gesellschaftliche Einstellungen.

Besonders problematisch ist die geringe mediale Präsenz lesbischer Frauen, insbesondere der jüngeren im Alter unter 40 Jahren. Gerade junge Menschen identifizieren sich aber vornehmlich mit Personen im gleichen Altersspektrum. Die Unsichtbarkeit lesbischer Frauen in den Medien trägt zu ihrer Marginalisierung bei – ein Problem, das durch Vorfälle wie Conways homophobe Äußerungen noch verstärkt wird.

Ein Symbol des Widerstands

Rosie O'Donnell bleibt trotz der Angriffe standhaft. Ihre Entscheidung, die USA zu verlassen und weiterhin ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit zu erheben, macht sie zu einem Symbol des Widerstands für viele LGBTQ+-Menschen weltweit. In einem TikTok-Video sagte O'Donnell, sie wusste, dass es schwierig sein würde, unter Trumps zweiter Amtszeit zu leben, und sie sei „sehr glücklich" und „dankbar", dass sie sich für den Umzug entschieden habe.

Conway hingegen zeigt mit ihren Äußerungen, wie tief verwurzelt Homophobie und Frauenfeindlichkeit in bestimmten politischen Kreisen noch immer sind. Ihre Worte erinnern daran, dass der Kampf für Gleichberechtigung und Akzeptanz noch lange nicht gewonnen ist – weder in den USA noch in Deutschland.


Kate Winslet offenbart erstmals intime Erfahrungen mit Frauen in ihrer Jugend

Die Oscar-Preisträgerin Kate Winslet hat in einem bemerkenswerten Interview erstmals öffentlich über ihre frühen intimen Erfahrungen mit Mädchen gesprochen. In einem Gespräch im „Team Deakins"-Podcast offenbarte die 50-jährige Schauspielerin: „Einige meiner ersten intimen Erfahrungen als junger Teenager waren tatsächlich mit Mädchen." Die Enthüllung erfolgte im Kontext einer Diskussion über ihren Durchbruchsfilm „Heavenly Creatures" aus dem Jahr 1994, in dem sie ihre erste Filmrolle spielte.

Ein queerer Klassiker als Karrierestart

„Heavenly Creatures" ist ein biografisches Drama von Regisseur Peter Jackson, in dem Melanie Lynskey und Kate Winslet in ihren Filmdebüts zu sehen sind. Der Film basiert auf dem berüchtigten Parker-Hulme-Mordfall und untersucht die Beziehung zwischen zwei jugendlichen Mädchen – Pauline Parker und Juliet Hulme –, die im Mord an Parkers Mutter gipfelte. Der Film wird als queeres Drama anerkannt.

Als sie gefragt wurde, wie viel von sich selbst sie in die Rolle der Juliet einbrachte, teilte Winslet mit, dass ihre „ersten intimen Erfahrungen" als Teenager „mit Mädchen" waren, was ihr half, die „wirklich intensive Verbindung" im Zentrum des Films zu verstehen. „Ich hatte ein paar Mädchen geküsst, und ich hatte ein paar Jungen geküsst, aber ich war in keine Richtung besonders entwickelt", erklärte sie.

Persönliche Verbindung zur Rolle

„In diesem Stadium meines Lebens war ich gewiss neugierig, und ich glaube, es gab etwas an der wirklich intensen Verbindung, die diese beiden Frauen hatten, das ich zutiefst verstand", fügte die Schauspielerin hinzu. Diese persönliche Erfahrung ermöglichte es ihr, eine authentische emotionale Tiefe in ihre allererste Filmrolle einzubringen – Winslet erzählte dem Podcast, dass sie vor dem Vorsprechen für den Film noch „nie ein Drehbuch in der Hand gehalten" hatte.

Die Offenbarung ist besonders bedeutsam, da Winslet diese Details „noch nie zuvor geteilt" hat, wie sie selbst betonte. Während ihrer gesamten Karriere war sie mit Männern liiert und ist seit 2012 mit dem Geschäftsmann Edward Abel Smith verheiratet. Trotz ihrer Offenheit und Verbindung zu queeren Narrativen hat sie sich nicht öffentlich als LGBTQ+ identifiziert.

Eine langjährige Fürsprecherin für LGBTQ+-Geschichten

Winslets Engagement für queere Geschichten zieht sich durch ihre gesamte Karriere. In Francis Lees romantischem Drama „Ammonite" von 2021 spielt Winslet die lesbische Paläontologin Mary Anning. Der Film folgt ihrer geheimen romantischen Beziehung mit der Geologin Charlotte Murchison, gespielt von Saoirse Ronan. In Interviews zum Film betonte sie gegenüber dem Magazin „Attitude": „Für mich liebe und verfechte ich absolut gleichgeschlechtliche Liebesgeschichten und alle LGBTQ-Geschichten, die wir in die Hände bekommen können."

„Und ich hoffe, dass wir in der Lage sind, gleichgeschlechtliche Verbindungen im Film ohne Zögern, Geheimhaltung oder Angst zu normalisieren, indem wir diese Beziehungen normalisieren", erklärte die Schauspielerin. Sie kritisierte auch, dass queere Liebesgeschichten oft mit anderen Worten beschrieben werden als heterosexuelle Beziehungen: „Ich war völlig fassungslos, als Leute die Liebesszenen zwischen zwei Frauen im Film, einschließlich Ammonite, als erotisch oder kontrovers bezeichneten. Warum? Warum können sie nicht kraftvoll, verbunden, geerdet, intim, viszeral, tief sein."

Kampf gegen Homophobie in Hollywood

In einem Interview mit „The Times" aus dem Jahr 2021 sagte Winslet, sie kenne „mindestens vier Schauspieler", die im Schrank bleiben, weil sie befürchten, dass ihr Coming-out ihre Karriere beeinträchtigen würde: „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele junge Schauspieler ich kenne – einige bekannt, andere am Anfang –, die Angst davor haben, dass ihre Sexualität offenbart wird und dass das ihrer Besetzung in heterosexuellen Rollen im Weg stehen wird." Winslet sagte, die Filmindustrie beherberge „Vorurteile, Diskriminierung und Homophobie", und die Geheimhaltung sei „schmerzhaft" für die Schauspieler, die befürchten, dass ihre Karrieren kompromittiert werden, wenn sie sich outen.

Deutsche Parallelen: Die #ActOut-Bewegung

Winslets Offenbarung erinnert an eine ähnliche Bewegung in Deutschland: Im Jahr 2021 outeten sich 185 Schauspielerinnen und Schauspieler in einem Manifest als schwul, lesbisch, bisexuell, queer, nicht-binär und trans. Die Initiative #ActOut kritisierte, dass behauptet wird, wenn sie „gewisse Facetten unserer Identität, nämlich unsere sexuelle sowie Geschlechtsidentität offenlegten, wir mit einem Mal bestimmte Figuren und Beziehungen nicht mehr darstellen könnten. Als wäre deren Sichtbarkeit unvereinbar mit unserer Fähigkeit, Rollen überzeugend und glaubhaft für das Publikum zu verkörpern. Diese Unvereinbarkeit gibt es nicht."

Selbst Agenten und Agentinnen rieten queeren Menschen, sich lieber nicht öffentlich zu outen – aus Angst, keine Hetero-Rollen mehr angeboten zu bekommen, wie die #ActOut-Kampagne offenlegte. Die Bewegung zeigt, dass die von Winslet beschriebenen Probleme in Hollywood auch in der deutschsprachigen Filmindustrie präsent sind.

Warum Sichtbarkeit zählt

Kate Winslets Entscheidung, nach über 30 Jahren im Filmgeschäft erstmals über ihre frühen gleichgeschlechtlichen Erfahrungen zu sprechen, ist mehr als eine persönliche Anekdote. Sie unterstreicht die Bedeutung von Authentizität und die Notwendigkeit, queere Geschichten – sowohl vor als auch hinter der Kamera – sichtbar zu machen. „Ich bin überzeugt, dass LGBTQ+-Filme ihren rechtmäßigen Platz im Mainstream haben, und ich hoffe wirklich, dass wir durch die Produktion von Ammonite einen hilfreichen Beitrag zur Evolution und zum Fortschritt dieses Gesprächs leisten konnten", sagte sie.

In einer Zeit, in der die Repräsentation queerer Menschen in Film und Fernsehen weiterhin umkämpft ist, setzt Winslets Offenheit ein wichtiges Zeichen: Queere Erfahrungen sind Teil der menschlichen Vielfalt – und sie verdienen es, ohne Scham oder Angst erzählt zu werden.


Juristische Klatsche für Ampel-Gegner: Hildesheimer Vielfaltssymbole dürfen bleiben

Ein kleines Leuchtzeichen für queere Sichtbarkeit hat sich in Hildesheim gegen erbitterten Widerstand durchgesetzt: Das Verwaltungsgericht Hannover hat die Klage gegen die Fußgängerampel mit lesbischen und schwulen Paaren als unzulässig abgewiesen. Die ursprüngliche Meldung finden Sie hier bei queer.de.

Wenn Ampeln zur Kampfzone werden

Was in vielen deutschen Städten längst zum normalen Stadtbild gehört, wurde in der niedersächsischen Bischofsstadt zum Politikum: Der Rat der Stadt Hildesheim hatte die Umrüstung der grünen Streuscheiben der Ampeln im Juni 2023 beschlossen, seit Mitte Juni zeigen 14 Ampelanlagen an drei Stellen im Stadtgebiet bei Grün gleichgeschlechtliche Ampelpärchen. Doch der Ratsherr Enver Sopjani (Interkulturelle Liga, früher CDU) sah darin einen massiven Eingriff in seine Rechte.

Er fragte, ob die Stadt „unsere Kinder negativ beeinflussen" wolle, indem sie schwule und lesbische Symbole auf Ampeln zeige. Diese Argumentation, Kinder vor einer vermeintlichen „Frühsexualisierung" durch queere Sichtbarkeit schützen zu wollen, ist aus anderen Debatten bekannt – und wurde bereits mehrfach wissenschaftlich widerlegt.

Klare Worte vom Gericht

Das Verwaltungsgericht Hannover ließ sich von den Argumenten des Klägers nicht überzeugen. „Die Ampelzeichen zeigen die gesellschaftliche Realität, die kann der Kläger nicht ausblenden", sagte der Vorsitzende Richter Arne Gonschior. Die Begründung ist so einfach wie eindeutig: Die Vielfaltsampeln bilden auch Männer und heterosexuelle Paare ab – eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung konnte das Gericht daher nicht erkennen.

Eine mögliche Verletzung seines Erziehungsrechts sei ebenfalls nicht ersichtlich, weil seine Kinder auch ohne die neuen Piktogramme der Ampeln mit der alltäglichen Realität gleichgeschlechtlicher Paare konfrontiert werde. Mit anderen Worten: Queere Menschen existieren, ob auf Ampeln abgebildet oder nicht.

Dies zeigt eben auch die Kleinbürgerlichkeit mancher.

Deutschland im Vielfalt-Check

Hildesheim reiht sich mit seinen Diversity-Ampeln in eine wachsende Liste deutscher Städte ein. Ähnliche Ampeln gibt es längst in Köln, Hannover, Hamburg, Saarbrücken, Mainz, Wien und Canberra. Die Symbolik geht auf eine lange Tradition zurück: In Deutschland wurde die Regenbogenfahne als queeres Symbol erstmals 1996 an öffentlichen Gebäuden gehisst. Die Regenbogenflagge ist das weltweit bekannte Symbol für Solidarität mit allen, die Ausgrenzung erleben müssen, so das Bundesinnenministerium, das seit 2022 das Hissen an Bundesgebäuden zu bestimmten Anlässen erlaubt.

Doch die Akzeptanz queerer Sichtbarkeit im öffentlichen Raum bleibt umkämpft. In der Öffentlichkeit stehen aktuell auch Zeichen, die queere Menschen sichtbarer machen sollen, unter Beschuss. So wurde im Mai 2023 das Straßenschild der neu benannten Lili-Elbe-Straße in Dresden gestohlen, auch ein Zebrastreifen in Regenbogenfarben in Wiesbaden wurde nach wenigen Tagen mehrmals mit schwarzer Farbe bemalt.

Mehr als Symbolpolitik

Während Kritiker*innen oft von „reiner Symbolpolitik" sprechen, zeigen Studien die Bedeutung von Sichtbarkeit. Sichtbare Zeichen stärken Betroffene und führen zu mehr gesellschaftlicher Diskussion, doch Akzeptanz und Sicherheit in deutschen Kommunen sind keine Selbstverständlichkeit, wie jüngste Umfragen unter queeren Menschen zeigen, die weiterhin von Diskriminierungserfahrungen berichten.

Die Zahlen sind alarmierend: In Bremen wurden 2024 insgesamt 26 queerfeindliche Straftaten registriert – wobei die Dunkelziffer vermutlich deutlich höher liegt. Bundesweit steigt die Zahl queerfeindlicher Übergriffe seit Jahren.

Der Kampf geht weiter – vorerst

Für Sopjani ist die Angelegenheit damit nicht erledigt. Der Kläger kann einen Antrag auf Zulassung der Berufung beim niedersächsischen Oberverwaltungsgericht in Lüneburg stellen. Zudem führt er als Ratsmitglied ein weiteres Verfahren direkt gegen den Ratsbeschluss von 2023.

Interessant ist dabei: Lüneburg bekommt mehrere „queere" Fußgängerampeln – so hat es der Stadtrat unlängst beschlossen. Das potenzielle Berufungsgericht sitzt also ausgerechnet in einer Stadt, die selbst auf Vielfaltssymbole setzt. Und während ein einzelner Politiker gegen Ampelpärchen klagt, haben andere deutsche Städte längst erkannt, dass queere Sichtbarkeit zum modernen Stadtbild gehört – nicht trotz, sondern wegen der gesellschaftlichen Realität.

Der Justiziar der Stadt Hildesheim sagte zu dem Urteil, es entspreche „unserer Argumentation vollumfänglich, wir sehen uns bestätigt". Mit Kosten von nur rund 2.000 Euro für die gesamte Umrüstung hat Hildesheim ein deutliches Zeichen gesetzt – rechtlich abgesichert und gesellschaftlich notwendig.


"Ich höre auf, so zu tun, als wäre ich ein Mann" – Methodistenpastorin outet sich als trans

In einem bewegenden Gottesdienst am 23. November hat Pastorin Phillippa Phaneuf sich vor ihrer Gemeinde als trans Frau geoutet. Die 51-jährige methodistische Pastorin der North Chili United Methodist Church in Rochester, New York, sprach offen über ihre Transition und sendete damit ein kraftvolles Signal für Akzeptanz und Authentizität in religiösen Gemeinschaften.

Ein mutiges Coming-out im Regenbogen-Ornat

Von der Kanzel aus, während sie eine Regenbogen-Stola trug, verkündete Phaneuf ihre Botschaft mit Freude und Zuversicht. "Der beste Weg, dies auszudrücken, ist: Ich werde nicht zu einer Frau, ich höre auf, so zu tun, als wäre ich ein Mann", erklärte sie ihrer Gemeinde. Die Pastorin betonte, dass dies ein Prozess sei und für manche schockierend sein könnte, aber es sei der Moment, "mit Freude anzukündigen, dass ich im Übergang bin".

Phaneuf bestätigte, dass sie seit drei Monaten eine Hormonersatztherapie durchführt, und erwartet Veränderungen ihrer Stimme, ihres Haares und ihres Aussehens. Die Pastorin identifiziert sich außerdem als asexuell, eine Orientierung, bei der wenig oder keine sexuelle Anziehung zu anderen empfunden wird.

Überwältigende Unterstützung – mit Ausnahme der Eltern

Die Reaktion der Gemeinde war herzerwärmend. "Seit meinem Coming-out vor meiner Gemeinde waren sie überwältigend bestätigend!", sagte Phaneuf. Der Bischof, die Kirche und die Theologie unterstützen die Transition, wobei der Bischof vor der Ankündigung konsultiert wurde und die pastoralen Pflichten in der Kirche nicht beeinträchtigt werden.

Allerdings gibt es auch schmerzhafte Momente: Phaneufs Eltern unterstützen sie derzeit nicht. "Sie baten mich, euch allen zu sagen, dass sie mich nicht unterstützen", teilte Phaneuf ihrer Gemeinde mit. Trotz dieser familiären Herausforderung bleibt die Pastorin ihrer Berufung treu. Phaneuf betonte, dass ihre Transition ihre Hingabe zum Dienst oder ihre Persönlichkeit nicht verändern würde.

Die Methodist Church auf dem Weg zur Inklusion

Phaneufs Coming-out findet in einem bedeutsamen kirchengeschichtlichen Kontext statt. Im vergangenen Jahr kehrte die United Methodist Church ihre Regeln um, die LGBTQ+-Identitäten verurteilten. Die UMC bekräftigt nun die menschliche Sexualität "als heilige Gabe" und erklärt, dass dies "für alle Personen gilt, unabhängig von sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität".

Im Mai 2024 stimmte die Generalkonferenz dafür, langjährige Verbote bezüglich der Ordination von LGBTQ+-Geistlichen und der Feier gleichgeschlechtlicher Ehen durch Geistliche aufzuheben. Diese Änderungen traten am 1. Januar 2025 vollständig in Kraft. Die Kirche ist damit zu einem Vorreiter für queere Inklusion in religiösen Institutionen geworden.

Trans Geistliche in Deutschland: Vorreiter der evangelischen Kirche

Auch in Deutschland gibt es bewegende Geschichten von trans Geistlichen. Pfarrerin Dorothea Zwölfer outete sich im April 2013 – bis dahin kannten die Menschen sie als Pfarrer Andreas Zwölfer: "Die Kirchenleitung war gut informiert und hat mit Verständnis reagiert". Ein Sprecher der bayerischen Landeskirche erklärte, dass die Kirchenleitung die betroffenen Pfarrerinnen oder Pfarrer bei ihrem Wunsch nach einer Namens- und Geschlechtsänderung sowie einer operativen Geschlechtsangleichung so gut es geht unterstützt. In den vergangenen Jahren hätten alle betroffenen Pfarrerinnen und Pfarrer die Zusicherung erhalten, weiterhin im Pfarrdienst tätig sein zu können.

Ein weiteres inspirierendes Beispiel ist der evangelische Pfarrer aus Veitshöchheim bei Würzburg, der sich im Sonntagsgottesdienst als transident outete – bis zu diesem Sonntag kannten ihn alle nur als Silke Wolfrum. Damit ging für den 46-Jährigen eine lange Leidensgeschichte zu Ende.

Auch Pfarrer Samuel Schelle aus Überlingen fand seinen Weg zur Authentizität. Vor 37 Jahren als Susanne in eine traditionelle katholische Familie hineingeboren, fühlte er sich im Katholizismus nicht willkommen. Er konvertierte, wurde evangelische Pfarrerin, sein Traumberuf – und war trotzdem todunglücklich, bis er begann, sich mit seiner Transidentität auseinanderzusetzen.

Ein sicherer Raum für alle

Eine willkommene Veränderung, so Phaneuf, wäre, dass die Kirche "in der Gemeinde als noch sicherer Raum für Menschen bekannt wird, die sich marginalisiert gefühlt haben". Am Sonntag, den 30. November, trug Phaneuf eine Stola in den Farben der Transgender-Flagge und strahlte, als sie die Gemeinde nach ihrem Coming-out ansprach.

Phaneufs Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie religiöse Gemeinschaften Räume der Akzeptanz und Liebe schaffen können – Räume, in denen Menschen authentisch sein dürfen, ohne ihre Berufung oder ihren Glauben aufgeben zu müssen. Ihre Botschaft hallt weit über die Kirchenmauern von Rochester hinaus und inspiriert trans Personen weltweit, ihren eigenen Weg zu gehen.


Girlguiding UK schließt trans Mädchen aus – Deutschland zeigt, wie es anders geht

Die britische Pfadfinderinnenorganisation Girlguiding hat diese Woche eine Entscheidung getroffen, die tausende Menschen erschüttert: Trans Mädchen dürfen ab sofort nicht mehr den Gruppen Rainbows, Brownies, Guides und Rangers beitreten. Die Organisation, die seit 2017 trans-inklusiv war, begründet den Schritt mit einem Urteil des britischen Supreme Court zum Equality Act 2010, das im April 2025 gefällt wurde.

Welle des Protests: Petition sammelt tausende Unterschriften

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Girlguiding-Freiwillige Jenny Thompson startete eine Petition, in der sie betont, dass trans Kinder „einen sicheren, fürsorglichen Raum verdienen" wie jedes andere Kind auch. Innerhalb von nur 24 Stunden nach der Ankündigung hatten knapp 4.000 Menschen unterzeichnet. Thompson und ihre Unterstützer*innen argumentieren, dass trans Kinder das gleiche Gefühl von Zugehörigkeit und Sicherheit verdienen wie alle anderen, und dass Girlguiding lange als unterstützende Umgebung für diejenigen galt, die anderswo keine Gemeinschaft finden.

Die Entscheidung wirkt besonders hart, da es keine bekannten Fälle von Belästigung durch trans Pfadfinderinnen oder Freiwillige in Girlguiding-Gruppen gibt. Dennoch gab eine Mutter im vergangenen Monat an, die trans-inklusive Politik der Organisation setze Mädchen Belästigung aus und schaffe eine „erniedrigende Umgebung", was zu rechtlichen Drohungen führte.

Das umstrittene Supreme Court-Urteil und seine Folgen

Im April 2025 entschied der britische Supreme Court einstimmig, dass die Begriffe „Mann", „Frau" und „Geschlecht" im Equality Act 2010 sich immer auf das biologische Geschlecht beziehen sollten. Die Equality and Human Rights Commission (EHRC) empfahl daraufhin, trans Personen von geschlechtsexklusiven Räumen und Einrichtungen auszuschließen.

Expert*innen für Gleichstellungsrecht widersprechen jedoch dieser Interpretation. Während die EHRC behauptete, das Urteil mache das Recht von trans Personen mit Gender Recognition Certificate (GRC) auf Zugang zu bestimmten Räumen zunichte, argumentieren Fachleute, dass dies auf einer Fehlinterpretation des Gleichstellungsrechts basiert. UN-Expert*innen stellten klar: „Das Urteil entfernt nicht die rechtlichen Schutzmaßnahmen, die trans Personen derzeit unter dem Equality Act genießen", warnten aber, dass es genutzt werden könnte, um ausgrenzende Politiken zu rechtfertigen.

Deutschland: Ein Gegenmodell der Inklusion

Während Großbritannien einen Schritt zurück macht, zeigen deutsche Pfadfinder*innenverbände, wie inklusive Jugendarbeit funktionieren kann. Die Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) betont: „Unser Verband lebt von seiner Vielfalt: Mädchen, Jungen sowie nicht-binäre, trans* und inter* Personen sind ein wesentlicher Teil unserer Gemeinschaft".

Die DPSG gestaltet Inklusion bereits seit 1955 aktiv und seit 1965 ist sie fester Bestandteil der gesamten Verbandsarbeit. Ab 2005 gilt die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen als einer der drei Schwerpunkte des Verbandes. Ihre Haltung: Für den Verband ist Pfadfinden mit und ohne Behinderung „nix besonderes" – in den Kinder- und Jugendgruppen gehört das alltägliche Miteinander dazu.

Trans Pfadfinder*innen berichten von positiven Erfahrungen. Eine trans Pfadfinderin erzählt: „Bei den Pfadis ist alles ganz easy. Als ich auf dem Kölner CSD eine Gruppe der DPSG gesehen habe, habe ich den Kontakt gesucht, da die da scheinbar sehr offen sind. Ich habe dann schnell einen neuen Stamm in meiner Nähe gefunden, wo ich offen aufgenommen wurde und mich sehr wohl fühle".

Rechtliche Rahmenbedingungen in Deutschland

Deutschland hat in den vergangenen Jahren bedeutende Fortschritte beim Schutz von trans Rechten gemacht. Im April 2024 verabschiedete das Parlament das Selbstbestimmungsgesetz mit 374 zu 251 Stimmen. Das Gesetz trat am 1. November 2024 in Kraft. Gemäß § 9 des Sozialgesetzbuches sind „die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen, Jungen sowie transidenten, nichtbinären und intergeschlechtlichen jungen Menschen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern".

Was deutsche Jugendorganisationen richtig machen

Deutsche Pfadfinder*innenverbände haben erkannt, dass trans-inklusive Arbeit keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung ist. Die DPSG folgt dem pfadfinderischen Prinzip „Look at the child!" ihres Gründers Lord Baden-Powell: Kinder und Jugendliche müssen so angenommen werden, wie sie sind, mit all ihren Stärken und Schwächen.

Diese Haltung zeigt sich konkret: Deutsche Pfadfinder*innenverbände diskutieren aktiv Fragen wie „Wie würdest du damit umgehen, wenn sich in deiner Gruppe ein Kind als trans outet?" und „Wie können wir die Pfadfinderei insgesamt zu einem Ort machen, an dem Platz für geschlechtliche Vielfalt ist?"

Ein Rückschritt mit globalen Folgen

Die Entscheidung von Girlguiding UK ist mehr als eine nationale Angelegenheit. Expert*innen warnen, dass die Auswirkungen des Supreme Court-Urteils nicht auf das Vereinigte Königreich beschränkt bleiben werden: Das Urteil könnte zitiert werden, während der globale Angriff auf die Rechte von trans Personen weitergeht.

Besonders schmerzhaft sind die Reaktionen der betroffenen jungen Menschen: Trans und nicht-binäre Mitglieder fragen in sozialen Medien, ob sie gehen müssen. Sie sind echte Menschen, die bereits von anderen Organisationen ausgegrenzt wurden. Aktuelle Mitglieder werden vorerst nicht ausgeschlossen, doch trans Mitglieder sollen nächste Woche über weitere Entwicklungen informiert werden.

Deutschland zeigt, dass ein anderer Weg möglich ist – ein Weg der Inklusion, der Vielfalt und der Menschlichkeit. Während Großbritannien Mauern errichtet, bauen deutsche Jugendverbände Brücken. Die Frage ist nicht, ob trans Kinder einen Platz in unseren Gemeinschaften verdienen. Die Frage ist, welche Art von Gesellschaft wir sein wollen – eine, die ausgrenzt, oder eine, die alle willkommen heißt.


„Es stört mich eigentlich nicht" – Warum die Antworten konservativer Amerikaner überraschen

Eine Reddit-Diskussion hat in den USA für Aufsehen gesorgt: Ein Nutzer fragte konservative Amerikaner direkt, warum die LGBTQ+-Community sie so sehr zu stören scheine. Die Antworten waren überraschend anders als erwartet – und werfen wichtige Fragen über die Kluft zwischen politischer Rhetorik und persönlichen Einstellungen auf. Die ursprüngliche Diskussion erhielt Tausende von Antworten, die ein differenzierteres Bild zeichnen als die polarisierte öffentliche Debatte vermuten lässt.

Zwischen Rhetorik und Realität: Was konservative Wähler wirklich denken

Die Diskrepanz zwischen anti-LGBTQ+-Gesetzgebung und den Einstellungen konservativer Bürger könnte kaum größer sein. Donald Trump hat mehrere Maßnahmen angekündigt, die direkt die LGBTQ+-Community betreffen, darunter ein landesweites Verbot für trans Athletinnen im Frauensport und ein Bundesgesetz, das nur zwei Geschlechter anerkennt. Doch viele selbsternannte Konservative distanzierten sich in der Reddit-Diskussion von dieser harten Linie.

Ein Kommentar brachte es auf den Punkt: „Es stört die meisten Republikaner eigentlich nicht. Es ist nur eine bequeme Dämonisierung, um arme Menschen vergessen zu lassen, dass man sie ausraubt. Wie Immigranten." Ein anderer Nutzer fügte hinzu: „Ich denke, Sie werden feststellen, dass die meisten Konservativen einfach nur wollen, dass Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen und ihr eigenes Leben leben."

Deutschland am Scheideweg: Parallelen zur amerikanischen Debatte

Die Diskussion wirft interessante Parallelen zur aktuellen Situation in Deutschland auf. Für viele LGBTQ+-Deutsche geht es bei den kommenden Wahlen nicht mehr um neue Rechte, sondern darum, hart erkämpfte Errungenschaften zu bewahren. Umfragen sehen die konservative CDU/CSU mit 29-30% auf dem ersten Platz, gefolgt von der rechtsgerichteten AfD mit etwa 20-21%, die damit erstmals zweitstärkste Kraft im Bundestag werden könnte.

Die AfD lehnt LGBTQ+-Rechte ab und stellt sich gegen die Ehe für alle, obwohl ihre Vorsitzende Alice Weidel selbst in einer eingetragenen Partnerschaft mit einer Frau lebt. Das Wahlprogramm der Partei fordert ein Verbot geschlechtsangleichender Behandlungen für trans Minderjährige und die Rücknahme des 2024 verabschiedeten Selbstbestimmungsgesetzes, außerdem soll es „keine Indoktrination von Kindern und Jugendlichen durch Trans-Kult, frühe Sexualisierung und Gender-Ideologie" geben.

Das Selbstbestimmungsgesetz: Ein historischer Meilenstein unter Druck

Am 12. April 2024 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Selbstbestimmungsgesetz, das wohl wichtigste Gesetzesvorhaben für trans Menschen in Deutschland seit einer Generation. Wenn das Gesetz im November 2024 in Kraft tritt, können Deutsche ab 14 Jahren ihren Geschlechtseintrag und Vornamen durch eine einfache Erklärung beim örtlichen Standesamt ändern.

Doch bereits drei Monate nach Inkrafttreten steht dieses Gesetz auf der Abschussliste. Es besteht die Befürchtung, dass die CDU/CSU mit der AfD zusammenarbeiten könnte, um neue Einschränkungen der LGBTQ+-Rechte durchzusetzen – ähnlich wie dies bereits auf Landesebene geschehen ist. Viele Forderungen der AfD überschneiden sich mit denen der Konservativen, sei es die Rücknahme des Selbstbestimmungsgesetzes oder Einschränkungen bei gendergerechter Sprache und geschlechtsangleichender Versorgung.

Die stille Mehrheit und die laute Minderheit

Zurück zur amerikanischen Reddit-Diskussion: Viele Kommentatoren betonten, dass die lautesten Stimmen nicht repräsentativ seien. „Nach meiner Erfahrung interessiert es nur sehr, sehr wenige Republikaner oder sogar Konservative wirklich", schrieb ein Nutzer. „Diejenigen, die es tun, sind wie die verrückt kreischenden Liberalen eine laute Minderheit. Sie machen den meisten Lärm und die polarisierendsten Schlagzeilen. Deshalb werden sie mehr bemerkt und mehr diskutiert."

Diese Beobachtung wirft eine zentrale Frage auf: Wenn die Mehrheit der Konservativen LGBTQ+-Menschen tatsächlich toleriert oder ihnen gleichgültig gegenübersteht, warum dominiert dann eine aggressiv anti-queere Agenda die konservative Politik? Die Antwort liegt möglicherweise in der Instrumentalisierung von Minderheiten für politische Zwecke – eine Strategie, die sowohl in den USA als auch zunehmend in Deutschland zu beobachten ist.

Gewalt und Diskriminierung: Die realen Konsequenzen der Rhetorik

Unabhängig von individuellen Einstellungen haben politische Rhetorik und Gesetzgebung reale Folgen. In Deutschland stiegen Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung des Opfers 2023 um 49% im Vergleich zum Vorjahr, während Verbrechen gegen trans Menschen um fast 105% zunahmen. In den USA wurden allein in den ersten fünf Monaten 2024 579 anti-trans Gesetzentwürfe in 42 Bundesstaaten eingebracht, während 14 trans Menschen bis Mai gewaltsam ums Leben kamen.

Seit Ende Juli haben in ostdeutschen Städten wie Leipzig und Bautzen Hunderte rechtsextreme Demonstranten versucht, Pride-Märsche zu stören, wobei sie rassistische und neonazistische Parolen skandierten – mindestens ein Protestierender zeigte den Hitlergruß. „Es wird gefährlicher, sichtbar queer zu sein und Aktivismus zu betreiben", warnte eine Organisatorin.

Was können wir aus dieser Diskrepanz lernen?

Die überraschenden Antworten in der Reddit-Diskussion zeigen, dass die Realität komplexer ist als die binäre Darstellung von „progressiv gegen konservativ" suggeriert. Viele Menschen, die sich als konservativ identifizieren, haben kein Problem mit LGBTQ+-Menschen – ihre Prioritäten liegen woanders, oft in wirtschaftlichen Fragen oder bei der Rolle des Staates.

Dennoch bleibt eine beunruhigende Wahrheit: Wenn diese tolerante Mehrheit schweigt, während eine radikale Minderheit die Agenda bestimmt, sind es queere Menschen, die den Preis zahlen. In Deutschland wie in den USA steht die LGBTQ+-Community vor der paradoxen Situation, dass individuelle Akzeptanz zunimmt, während gleichzeitig die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zunehmend unter Druck geraten.

Die kommenden Wahlen in Deutschland werden zeigen, ob die stille Mehrheit der Toleranten ihre Stimme erhebt – oder ob die laute Minderheit weiterhin den Ton angibt. Für die LGBTQ+-Community steht dabei nicht weniger auf dem Spiel als die Bewahrung hart erkämpfter Rechte und die Sicherheit im eigenen Land.


Mutiger Schritt im Tennis: Schweizer Mika Brunold outet sich als schwul

Der 21-jährige Schweizer Tennisprofi Mika Brunold hat sich am Wochenende auf Social Media als schwul geoutet. Mit einem bewegenden Instagram-Post hat er einen Schritt gewagt, der im Männertennis noch immer eine Seltenheit ist: "Es ist Zeit für mich, mich zu öffnen und euch mitzuteilen, dass ich schwul bin", schrieb der in der Nähe von Basel lebende Spieler in einem englischsprachigen Beitrag.

Ein persönliches Statement mit gesellschaftlicher Relevanz

In seinem emotionalen Post beschreibt Brunold die inneren Kämpfe, die mit seiner Identität verbunden waren. "Schwul zu sein bedeutet nicht nur, das gleiche Geschlecht zu lieben – es bedeutet auch, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, über die die meisten Menschen nie nachdenken müssen. Die Angst, nicht akzeptiert zu werden, der Druck, still zu bleiben, das Gefühl, anders zu sein", schreibt der 21-Jährige. Er betont, dass es im professionellen Sport nicht nur um motorische Fähigkeiten gehe, sondern auch darum, "die eigene Persönlichkeit zu entdecken und sich selbst treu zu bleiben".

Der Baselbieter hat sich bewusst für das Coming-Out entschieden, obwohl er der Meinung ist, dass es "in einer idealen Welt keinen Grund gibt, sich überhaupt outen zu müssen". Er tue dies jedoch, um "für mich einen Schritt zu machen" und weil er das Gefühl habe, "dass darüber im Sport noch nicht genug gesprochen wird".

Überwältigende Unterstützung aus der Tennis-Community

Die Reaktionen auf Brunolds Mut sind durchweg positiv. Die ehemalige Weltranglistenerste Kim Clijsters kommentierte ein Herz, auch die Schweizer Profis Leandro Riedi, Viktorija Golubic und Conny Perrin sowie die deutsche Spielerin Eva Lys drückten auf Instagram ihre Solidarität aus. Alt-Star Stan Wawrinka hinterließ ein Like. Die Schweizer Tennisföderation hat ebenfalls einen unterstützenden Kommentar unter Brunolds Post hinterlassen.

Brunold ist als zweiter Spieler auf der ATP Tour während seiner aktiven Karriere als schwul an die Öffentlichkeit gegangen. Er ist derzeit die Nummer 307 der Weltrangliste und sorgte im Oktober beim ATP-Turnier in Basel für Aufsehen, als er den US-amerikanischen Ex-Top-20-Spieler Reilly Opelka in der Qualifikation an den Rand einer Niederlage brachte.

Homosexualität im Tennis: Ein anhaltendes Tabu

Homosexualität im Tennis, vor allem bei den Männern, ist nach wie vor ein Tabu-Thema. Erst im Januar outete sich mit dem Brasilianer Joao Lucas Reis da Silva erstmals ein aktiver Profi als schwul. Andere, etwa der Amerikaner Bobby Blair, outeten sich erst Jahre, nachdem sie ihre aktive Tenniskarriere beendet hatten.

Die Situation im Frauentennis stellt sich anders dar. Im Frauentennis gibt es hingegen mehrere offen lesbische oder bisexuelle Spielerinnen. Die Exil-Russin Darja Kassatkina outete sich etwa im Jahr 2022 und da ihr Heimatland Homosexuelle nicht akzeptiert, spielt sie inzwischen für Australien. Zu den historischen Vorbildern zählen Legenden wie Martina Navratilova, die sich bereits in den 1980er Jahren zu ihrer Homosexualität bekannte und dadurch massive finanzielle Einbußen erlitt.

Die Situation in Deutschland: Noch viel Nachholbedarf

Auch in Deutschland bleibt Homosexualität im Profisport ein schwieriges Thema. In Einzelsportarten homosexuelle Menschen kaum Homophobie erleben und dort auch offen homosexuelle Spitzensportler sehr erfolgreich sind, während dies in Mannschaftssportarten sich teilweise anders darstellt. Im deutschen Profifußball hat sich bislang noch nie ein aktiver Fußballprofi geoutet, obwohl es Initiativen wie "Sports Free" gibt, die Sportler beim Coming-out unterstützen wollen.

In Individualsportarten wie Tennis, Golf, Leichtathletik, Schwimmen wird seltener von Homophobie berichtet – dennoch bleibt auch hier der Weg für queere Athleten steinig. Im deutschen Profisport hat mit Thomas Hitzlsperger bislang nur einer den Mut gefunden, sich öffentlich zu outen. In einem Interview mit der "Zeit" sagte er im Januar 2014: "Ich äußere mich zu meiner Homosexualität. Ich möchte gern eine öffentliche Diskussion voranbringen – die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern".

Ein Signal der Hoffnung

Brunolds Coming-out ist mehr als eine persönliche Entscheidung – es ist ein wichtiges Signal für junge LGBTQ+-Sportler*innen weltweit. Ein Coming-out ist (immer noch) wichtig – gerade im Sport. Es zeigt, dass niemand mit seiner Identität allein ist. Wenn Sportler*innen offen zu sich stehen, durchbrechen sie alte Muster, schaffen Sichtbarkeit und tragen zu einer Kultur bei, in der jeder Mensch akzeptiert wird – unabhängig von seiner sexuellen Orientierung. Ihr Mut kann ein starkes Signal an die gesamte Gemeinschaft sein und dazu beitragen, dass Akzeptanz und Vielfalt weiter wachsen.

Mit den Worten "Aber ich bin gewachsen. Und ich bin stolz darauf, wer ich heute bin" schließt Brunold seine Botschaft – ein Satz, der vielen Mut machen dürfte, die noch vor der Entscheidung stehen, ob sie sich outen sollen oder nicht. Der junge Schweizer zeigt: Authentizität und sportliche Karriere müssen kein Widerspruch sein.


Malaysia: Mehr als 200 Männer bei Razzien in Schwulensaunen festgenommen

In Malaysia wurden am vergangenen Wochenende bei Razzien über 200 Männer in Schwulensaunen festgenommen – 201 Gäste und sieben Mitarbeiter in Kuala Lumpur sowie 13 Männer in Prai im Bundesstaat Penang. Die brutalen Razzien mit Hilfe der islamischen Religionspolizei erinnern an dunkle Kapitel der europäischen Geschichte – und zeigen die dramatische Menschenrechtslage queerer Menschen im islamisch geprägten Malaysia. (Quelle: queer.de)

Systematische Verfolgung mit religiösem Fundament

Nach Section 377 des malaysischen Strafgesetzbuches werden homosexuelle Handlungen mit bis zu 20 Jahren Gefängnis und Stockschlägen bestraft – ein koloniales Relikt aus britischer Zeit, das Malaysia konsequent beibehält, während andere ehemalige Kolonien wie Singapur dieses Gesetz bereits gestrichen haben.

Die aktuelle Razzia wurde mit großem Aufwand durchgeführt. Der Polizei-Vizechef von Kuala Lumpur berief eigens eine Pressekonferenz ein und präsentierte stolz die Festnahme von 24 Ausländern und 177 Einheimischen, darunter 17 Staatsbedienstete im Alter zwischen 19 und 60 Jahren. Die Sauna sei zwei Wochen lang observiert worden – gemeinsam mit JAWI, der islamischen Bundesbehörde, einer Art Religionspolizei.

Was diese offiziellen Verlautbarungen besonders bedrückend macht: Sie erinnern fatal an die Razzien, Denunzierungen und brutalen Verhörmethoden der Nazi-Zeit, als die Polizei in den 1930er Jahren Razzien in Bars und an vermuteten Treffpunkten für Homosexuelle durchführte. Auch in Deutschland wurden queere Menschen systematisch verfolgt. Nach Gestapo-Razzien folgten ab 1934 erste KZ-Einlieferungen, mit der Verschärfung des Homosexuellenstrafrechts 1935 verdreifachten bis 1939 die Verurteilungszahlen.

Das Outing als soziale Todesstrafe

Inzwischen wurden 200 der 201 in Kuala Lumpur festgenommenen Gäste wieder freigelassen – doch die Bedrohung ist damit nicht vorbei. Den Männern drohen Gerichtsverfahren und vor allem: das öffentliche Outing. In Malaysia kann dies zum Verlust des Arbeitsplatzes und zur gesellschaftlichen Ächtung führen – eine Form der sozialen Vernichtung.

„Allgegenwärtige Antipathie gegenüber sexueller und geschlechtsspezifischer Vielfalt beeinflusst Strafverfolgung, Gerichtsurteile, Familienverhalten und den öffentlichen Diskurs in den Medien gegenüber LGBT-Personen", erklärt Kyle Knight, LGBT-Experte von Human Rights Watch. „Malaysische Politiker benutzen Religion als politische Waffe", so die Menschenrechtsaktivistin Nisha Ayub.

Krasser Kontrast zu den Nachbarländern

Malaysias Umgang mit queeren Menschen steht in starkem Widerspruch zu einigen seiner Nachbarländer. Thailand gilt seit 2025 als erstes Land in Südostasien, in dem gleichgeschlechtliche Paare heiraten können. Singapur schaffte 2022 den aus der Kolonialzeit stammenden Paragraf 377A ab, der eine Höchststrafe von zwei Jahren Haft für homosexuelle Praktiken vorsah.

Malaysia dagegen hält nicht nur an der Verfolgung fest – das Land intensiviert sie sogar. Die gesellschaftliche Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen liegt in Malaysia nur bei 17 Prozent, zudem ist Homosexualität gesetzlich verboten.

„Heilung" statt Akzeptanz: Malaysias gefährlicher Sonderweg

Die malaysische Regierung wirbt sogar offen für die „Heilung" von Homosexualität. 2023 wurde ein „islamisches Rehabilitationszentrum" gegründet, um Homosexuelle in Heterosexuelle zu verwandeln (queer.de berichtete).

Sogenannte Konversionstherapien sind wissenschaftlich diskreditiert und werden von Fachorganisationen als gefährlich beschrieben. Der Weltärztebund warnte wiederholt, dass sie Menschen in Depression oder gar Suizid treiben können. Wissenschaftlich nachgewiesen sind schwerwiegende gesundheitliche Schäden wie Depressionen, Angsterkrankungen, Verlust sexueller Gefühle und ein erhöhtes Suizidrisiko.

In Deutschland sind Konversionstherapien seit dem 24. Juni 2020 gesetzlich verboten. Verstöße werden mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einem hohen Bußgeld geahndet. Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn stellte klar: „Homosexualität ist keine Krankheit. Daher ist schon der Begriff Therapie irreführend."

Die aktuellen Razzien in Malaysia sind mehr als eine Polizeiaktion – sie sind Ausdruck einer staatlich sanktionierten Verfolgung, die an die dunkelsten Kapitel der Geschichte erinnert. Während Deutschland und viele europäische Länder ihre Vergangenheit aufarbeiten und queere Menschen schützen, geht Malaysia den entgegengesetzten Weg: systematische Unterdrückung im Namen der Religion, pseudowissenschaftliche „Heilungsversuche" und die Zerstörung von Existenzen durch Zwangsoutings.

Für queere Menschen in Malaysia bedeutet das Leben im ständigen Versteck, in der Angst vor Entdeckung und in der Hoffnung auf eine Zukunft, in der auch sie als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft anerkannt werden.


Britische Medienaufsicht Ofcom nimmt Kehrtwende bei Transfeindlichkeit im Fernsehen

In einem bemerkenswerten Sinneswandel hat die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom ihre ursprüngliche Entscheidung zurückgenommen und wird nun doch über 22.000 Beschwerden wegen Transfeindlichkeit beim Sender TalkTV untersuchen. Die Kehrtwende erfolgte, nachdem die Rechtsschutzorganisation Good Law Project mit rechtlichen Schritten gedroht hatte – ein Sieg für trans Rechte, der auch für Deutschland wichtige Fragen aufwirft.

Von der Abweisung zur Untersuchung

Die Aufsichtsbehörde teilte in einem Schreiben mit, dass sie „ausnahmsweise" ihre elf Entscheidungen zurückziehe und neu prüfen werde, ob die Beschwerden „potenziell substanzielle Verstöße gegen den Rundfunkkodex" darstellen. Ursprünglich hatte Ofcom Anfang November die Beschwerden abgelehnt – mit der Begründung, sie würden keine „substanziellen Probleme" aufwerfen, die eine weitere Untersuchung rechtfertigen.

Die Begründung war brisant: Ofcom argumentierte, die betroffenen Sendungen seien „keine Nachrichten" und daher durch die Meinungsfreiheit nach Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention geschützt. Eine Rechtfertigung, die bei Aktivist*innen auf scharfe Kritik stieß.

Transfeindlichkeit in elf Sendungen

Was war geschehen? In nur vier Wochen zwischen Juni und Juli sendete der dem Medienmogul Rupert Murdoch gehörende Sender TalkTV elf Segmente mit Gästen, die trans-feindliche Positionen vertraten. Die Beispiele sind verstörend: TalkTV-Moderatorin Alex Phillips bezeichnete im Juni die Vergabe lebensrettender Pubertätsblocker an trans Kinder als „böse". Kevin O'Sullivan warf einer trans Frau vor, sie versuche „vorzugeben, dass er eine Frau sei" – eine gezielte Missachtung ihrer Geschlechtsidentität.

In nur vier Wochen präsentierte der rechtsorientierte Sender mindestens elf Gäste mit trans-feindlichen Positionen – während nicht ein einziger trans oder trans-freundlicher Gast eingeladen wurde. Diese einseitige Berichterstattung verstößt nach Ansicht von Good Law Project gegen die Verpflichtung zur „angemessenen Unparteilichkeit" bei Themen der öffentlichen Politik.

Zivilgesellschaftlicher Druck zeigt Wirkung

Das Good Law Project hatte angekündigt, gegen Ofcoms Entscheidung zu klagen – nun lenkte die Aufsichtsbehörde ein. Die Organisation kündigte an, alle Entscheidungen der Untersuchung „genau zu prüfen" und bei Bedarf weitere Maßnahmen zu ergreifen. Bei einem Verstoß gegen den Rundfunkkodex könnte TalkTV mit Geldstrafen von bis zu 150.000 Pfund oder mehr pro Verstoß rechnen.

Was bedeutet das für Deutschland?

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Medienregulierung trans-feindlicher Inhalte – ein Thema, das auch in Deutschland hochaktuell ist. Laut der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 sind 37 Prozent der Befragten in Deutschland transfeindlich – eine alarmierend hohe Zahl. Auch hierzulande gibt es wiederholt Kritik an trans-feindlicher Berichterstattung in etablierten Medien.

Der Deutsche Presserat wies etwa Beschwerden gegen einen „durchweg transfeindlichen Artikel" von Alice Schwarzer zurück, da das Gremium die Berichterstattung für eine „diskussionswürdige Positionierung im Rahmen des gesellschaftlichen Diskurses" hielt. Wie gefährlich diese Hetze gegen geschlechtliche Minderheiten ist, zeigen die steigenden transfeindlichen Hassgewaltdelikte.

Im Gegensatz zu Großbritannien, wo Ofcom nun zumindest nachträglich aktiv wird, fehlt in Deutschland oft eine klare Grenzziehung. Trans-Organisationen kritisieren, dass zunehmend Medienbeiträge veröffentlicht werden, in denen von „Trans als Trend", von angeblich unsicheren Frauenschutzräumen oder von einer sogenannten „Trans-Ideologie" die Rede ist – Berichterstattungen, die soweit gehen, die Existenz von trans Personen zur Debatte zu stellen und sie als „gefährlich" für die Mehrheitsbevölkerung darzustellen.

Die Macht der Medien – und ihre Verantwortung

Medien müssen Meinungsvielfalt und gesellschaftliche Debatten abbilden, aber sie stehen auch in einer ethischen Verantwortung, Diskriminierung nicht zu befördern, sondern Ressentiments und Hetze aktiv entgegenzuwirken. Der Fall TalkTV zeigt, wie wichtig zivilgesellschaftlicher Druck und unabhängige Medienaufsicht sind – und dass Kehrtwenden möglich sind, wenn die Community zusammensteht.

Bleibt zu hoffen, dass die Untersuchung von Ofcom zu klaren Konsequenzen führt und ein Signal sendet: Trans-feindliche Hetze darf keine Plattform bekommen – weder in Großbritannien noch in Deutschland.


Fetisch gehört zur Sichtbarkeit: Warum die Debatte um Puppy-Community und Lederszene die queere Bewegung spaltet

Das Interview mit Claude Kolz-Boehm vom Berliner Fetisch-Projekt Eisensteig wirft eine Frage auf, die seit Jahren die queere Community spaltet: Wie viel Fetisch gehört in die Öffentlichkeit? Während die einen in Puppy-Masken und Lederkleidung auf CSDs ein wichtiges Symbol sexueller Emanzipation sehen, fürchten andere um die gesellschaftliche Akzeptanz der LGBTQ+-Bewegung.

Wenn Polizei und CSD-Organisator*innen Grenzen ziehen

Die Polizei im brandenburgischen Oranienburg drohte 2023 vor dem CSD Oberhavel mit einem Verbot der Pride-Demonstration, sollten anwesende Puppys nicht ihre Masken abnehmen – ein Vorfall, der symptomatisch für eine tiefer liegende Kontroverse ist. Bereits 2018 hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) auf eine Kleine Anfrage der Grünen eingeräumt, dass die Untersagung von Fetischmasken beim Ruhr-CSD rechtswidrig war. Trotzdem wiederholten sich in Nordrhein-Westfalen ähnliche Vorfälle 2018 und 2019 in Essen und Aachen.

Doch nicht nur staatliche Stellen setzen Grenzen. Der CSD Bielefeld hat 2025 zwei Fetischgruppen, Puppy OWL und Leather Social Bielefeld, die Teilnahme an der Demonstration und am Straßenfest verweigert, mit der Begründung eines fehlenden "Konsenskonzepts". Eine Entscheidung, die Die Linke.queer als Verhöhnung der Stonewall-Geschichte bezeichnete: "Kinks und Fetische sind Ausdruck von Sexualität, aber auch von Community, Selbstbestimmung und Befreiung".

Fetischmode: Vom Subkultur-Code zum Mainstream-Trend

Was Claude Kolz-Boehm im Interview beschreibt, lässt sich auch in Deutschland beobachten: Korsetts, Latex und lederne Halsbänder mit Metallring bahnen sich Schritt für Schritt ihren Weg in den Mainstream, wobei Internet und soziale Netzwerke, insbesondere Instagram, dazu beigetragen haben, die Codes einer einstmals verschlossenen Parallelwelt der breiteren Allgemeinheit bekannt zu machen.

In den 1980er bis 1990er Jahren begannen Designer wie Vivienne Westwood und Jean Paul Gaultier, Leder- und Latexbekleidung in ihre Kollektionen aufzunehmen, und Fetisch-Mode wurde immer mehr akzeptiert und in der Mainstream-Modewelt etabliert. Die Berliner Lederdesignerin Melissa Tofton beobachtet: "Ein Halsband mit Sklavenring offen auf der Straße zu tragen, war früher undenkbar. Heute aber begegnet es ihr in Berlin immer häufiger".

Das Argument des Kinderschutzes – und seine Problematik

Ein zentrales Argument gegen Fetisch-Sichtbarkeit auf CSDs lautet: "Aber da sind doch auch Familien und Kinder." Dieses Totschlagargument wird auch von reaktionären Rechten verwendet. Es gibt nicht einen einzigen Fall, in dem ein Kind durch den Anblick eines Menschen in Puppy-Maske in irgendeiner Weise Schaden nahm, betont eine Analyse auf CSD-Deutschland.de.

Das Argument, Kinder vor einer vermeintlichen "Frühsexualisierung" schützen zu wollen, wird immer wieder gegen die öffentliche Sichtbarkeit von queeren Menschen genutzt – ein Diskurs, der gefährliche Parallelen zu queerfeindlichen Gesetzen in Polen, Ungarn und Florida aufweist.

Spaltung statt Solidarität?

Der seit Jahren tobende Streit um den Pride-Grundsatz "Keine Fetischdarstellung" beim CSD Bremen zeigt, wie tief die Gräben innerhalb der Community verlaufen. Puppy Sunny, Mitglied des Bremer CSD-Vereins, mahnte damals: "Wir benötigen einen CSD, der für die gemeinsamen Interessen kämpft und sich die Rechte und die Akzeptanz aller auf die Fahne geschrieben hat".

Die Tatsache, dass auch innerhalb der LGBTQ+-Community ähnlich argumentiert wird, zeigt vor allem, wie tief verwurzelt wir mit den Glaubenssätzen "Wie ein Mensch zu sein und sich zu zeigen hat" aufwachsen – ein Phänomen der internalisierten Homophobie.

Deutschland im internationalen Kontext: Hohe Akzeptanz, neue Brüche

Trotz aller Kontroversen zeigt sich in Deutschland ein differenziertes Bild: Eine klare Mehrheit der Deutschen spricht sich gegen die Diskriminierung der LGBTQ+-Community und für gleiche Rechte aus, wobei jedoch vor allem bei jungen Männern queerfeindliche Ansichten zunehmen. In Deutschland unterstützen zwei von drei jungen Frauen der Gen Z queere Zuneigung in der Öffentlichkeit, bei den jungen Männern liegt der Wert lediglich bei 30 Prozent.

Warum Fetisch politisch ist

Claude Kolz-Boehm von Eisensteig trifft einen wichtigen Punkt, wenn er betont, dass Fetisch bis zu einem bestimmten Grad in die Öffentlichkeit gehört. Die fetischistische Daseinsäußerung erfährt eine zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz, und das Recht auf Sichtbarkeit wird von der Szene eingefordert, etwa bei organisierten Rollenspielen, Fetisch-Partys oder öffentlichen Aktionen wie beim Christopher Street Day.

CSDs zeigen, wofür die LGBTQ+-Community kämpft: Sei wer du bist – angstfrei und selbstbestimmt, in Pumps, im Rock, im Anzug, in Jeans, fast nackt oder eben als Puppy. Die Geschichte der queeren Befreiungsbewegung ist untrennbar mit der Leder- und Fetischszene verbunden. Fetischist*innen und Kinkster haben von Anfang an für schwule Rechte gekämpft, die Lederbewegung ist untrennbar mit den ersten Prides verbunden, und sie haben viel für die sexuelle Emanzipation der Gay Community getan.

Ein Projekt, das Grenzen überwindet

Eisensteig, das Fetisch-Projekt von Claude Kolz-Boehm, entstand aus der Idee, Outdoor-Fetisch-Partys für schwule Männer in Berlin und Brandenburg anzubieten – ein Angebot, das es zuvor in dieser Form nicht gab. Inzwischen organisiert das Projekt auch Indoor-Partys in Zusammenarbeit mit den Bösen Buben und bietet einen Raum, in dem Menschen ihre Identität frei ausleben können.

Die Debatte um Fetisch in der Öffentlichkeit wird weitergehen. Doch sie sollte nicht vergessen lassen, wofür Pride einst stand und immer noch steht: für das Recht, sichtbar zu sein – in all unserer Vielfalt, auch wenn diese manchmal unbequem ist. Wie Kolz-Boehm es formuliert: Es braucht Grenzen, ja – aber diese Grenzen sollten nicht von internalisierter Scham diktiert werden, sondern von gegenseitigem Respekt und dem Bewusstsein, dass Befreiung nicht durch Anpassung, sondern durch Sichtbarkeit erkämpft wird.


Solidarität gestohlen: 300 Regenbogenfahnen in Butjadingen verschwunden

In der niedersächsischen Küstengemeinde Butjadingen haben zwei Frauen Ende November rund 300 kleine Regenbogenfahnen aus Vorgärten gestohlen. Laut einem Bericht der Nordwest-Zeitung handelt es sich bei den mutmaßlichen Täterinnen um zwei Frauen aus dem nahegelegenen Nordenham im Alter von 16 und 49 Jahren. Die Polizei geht von einer politischen Motivation aus, wie aus der ursprünglichen Meldung auf queer.de hervorgeht.

Protest gegen AfD-Veranstaltung

Der Hintergrund des Diebstahls ist politisch brisant: Am vergangenen Wochenende hatte die AfD einen Infostand auf dem Kirchplatz im Ortsteil Burhave aufgebaut. Als Reaktion darauf hatten viele Einwohner*innen die Regenbogenfahnen als Zeichen gegen Ausgrenzung und für Akzeptanz und Vielfalt aufgehängt. Die evangelische Kirche und weitere Organisationen hatten zu der Aktion "Butjadingen bleibt bunt" aufgerufen und mehrere hundert Fähnchen an die Bevölkerung verteilt. Allein in Waddens hatten Anwohner rund 400 Regenbogenfahnen verteilt.

Unmittelbar nach Ende der AfD-Veranstaltung beobachteten Zeug*innen, wie die beiden Frauen mit einem Auto durch den Ort fuhren und die Fahnen aus Vorgärten entfernten. Über das Kennzeichen konnten die Tatverdächtigen ermittelt werden. Ein Großteil des Diebesguts wurde bei ihnen sichergestellt.

Teil eines besorgniserregenden Musters

Der Vorfall in Butjadingen reiht sich in eine wachsende Serie von Angriffen auf Regenbogensymbole in Deutschland ein. Im Sommer häuften sich rechtsextreme Angriffe auf CSDs im ganzen Land; im August entwendeten Rechtsextreme die Regenbogenfahne vor einer Essener Kirche; im Oktober verschwand die Pride-Flagge der Katholischen Hochschulgemeinde in Dortmund. Diese Entwicklung spiegelt wider, dass die extreme Rechte längst queere Menschen als ein neues Feindbild ausgemacht hat.

Besonders beunruhigend ist die Verbindung zur AfD: Trotz ihrer offen lesbischen Kanzlerkandidatin ist die AfD die lauteste Stimme im Bundestag gegen LGBTIQ*-Rechte. Die AfD ist inzwischen die einzige Partei im Bundestag, die die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare wieder abschaffen will. Als einzige Partei will die AfD bestehende Bildungs- und Aktionspläne gegen Homo- und Transphobie beenden und das Antidiskriminierungsgesetz abschaffen.

Ähnliche Vorfälle in ganz Deutschland

Der Fall Butjadingen erinnert an den Skandal in Neubrandenburg, wo im Oktober 2024 eine Stadtvertretung beschloss, dass künftig keine Regenbogenfahne mehr vor dem Bahnhofsgebäude gehisst werden darf. Dem Antrag stimmten die rechtsextreme AfD, die stärkste Partei im Stadtparlament, sowie Mitglieder des BSW und rechter Wählervereinigungen zu. Kurz darauf erklärte der offen schwule Oberbürgermeister Silvio Witt seinen Rücktritt.

Auch in Brandenburg kam es zu ähnlichen Vorfällen: An der Schule im Spreewaldort Burg wurde eine Regenbogenfahne gestohlen und durch eine Deutschlandfahne ersetzt – an einer Einrichtung, die bereits wegen rechter Umtriebe bundesweit bekannt geworden ist.

Politischer Kulturkampf um Symbole

Die Angriffe auf Regenbogensymbole sind Teil eines größeren politischen Kulturkampfes. Das alles ist eng verknüpft mit dem Aufstieg der AfD – eine zutiefst homofeindliche Partei, die in den letzten Jahren Hass gegen queere Menschen in unsere Parlamente getragen hat. Die aktuelle Debatte zeigt sich auch im Bundestag, wo Bundestagspräsidentin Julia Klöckner angeordnet hat, die Regenbogenfahne aus Neutralitätsgründen nur noch zum Internationalen Tag gegen Homophobie am 17. Mai auf dem Reichstagsgebäude hissen zu lassen – und nicht mehr zum Berliner CSD.

Die Butjadinger Gemeinde zeigt jedoch, dass es auch starke zivilgesellschaftliche Gegenkräfte gibt. Die Aktion "Butjadingen bleibt bunt" ist nicht der erste Versuch der Gemeinde, für Vielfalt einzustehen. Bereits 2023 hatten Bürger*innen mit einer Facebook-Challenge reagiert, nachdem ein Gemeinderatsmitglied eine Regenbogenfahne als "kulturelle Schande" bezeichnet hatte.

Solidarität als Antwort

Trotz des Diebstahls signalisiert die breite Beteiligung an der Aktion "Butjadingen bleibt bunt" einen wichtigen Widerstand gegen queerfeindliche Tendenzen. Viele Menschen in Butjadingen haben mit den Regenbogenfähnchen ein Zeichen gegen Ausgrenzung gesetzt, nachdem die evangelische Kirche und andere Organisationen dazu aufgerufen hatten, sich auf diese Weise zu Toleranz, Vielfalt und Gleichberechtigung zu bekennen.

Der Fall zeigt eindrücklich, wie wichtig sichtbare Zeichen der Solidarität in Zeiten zunehmender Queerfeindlichkeit sind – und wie sehr diese Symbole zu Zielscheiben politisch motivierter Angriffe werden. Die Ermittlungen gegen die beiden Tatverdächtigen laufen, doch die eigentliche Frage bleibt: Wie kann eine offene Gesellschaft auf den wachsenden Hass gegen queere Menschen reagieren?


Russland verbietet Human Rights Watch: Ein weiterer Schritt in Putins Krieg gegen die Zivilgesellschaft

Russlands Justizministerium hat am 28. November 2025 Human Rights Watch auf die Liste "unerwünschter" Organisationen gesetzt – ein Schritt, der die ohnehin dramatische Menschenrechtslage im Land weiter verschärft. Die Entscheidung, die am 28. November vom russischen Justizministerium öffentlich gemacht wurde, verbietet die Arbeit der Organisation in Russland. Für deutsche LGBTQ+-Aktivist*innen und Menschenrechtsaktivist*innen ist diese Nachricht ein alarmierendes Signal – und erinnert daran, wie fragil zivilgesellschaftliche Freiräume auch in demokratischen Staaten sein können.

Was bedeutet "unerwünscht" in Putins Russland?

Das russische Gesetz von 2015 erlaubt es der Generalstaatsanwaltschaft, jede ausländische oder internationale Organisation als "unerwünscht" zu bezeichnen, die angeblich Russlands Sicherheit, Verteidigung oder verfassungsmäßige Ordnung untergräbt. Die Konsequenzen sind brutal: Menschen, die weiterhin mit diesen Organisationen zusammenarbeiten – ob in Russland oder im Ausland – können mit Verwaltungs- und Strafmaßnahmen belegt werden, einschließlich einer Höchststrafe von sechs Jahren Gefängnis.

Die russischen Behörden haben mindestens 280 Organisationen als "unerwünscht" eingestuft, darunter prominente Nachrichtenorganisationen wie Radio Free Europe/Radio Liberty, Denkfabriken wie Chatham House, die Antikorruptionsorganisation Transparency International und die Umweltorganisation WWF. Auch die Elton John AIDS Foundation wurde im April 2025 verboten – angeblich, weil sie "traditionelle spirituelle und moralische Werte" untergrabe.

LGBTQ+-Menschen im Fadenkreuz des Kremls

Die Verfolgung von Human Rights Watch ist untrennbar mit der systematischen Repression von LGBTQ+-Personen in Russland verbunden. Die russischen Behörden setzten ihre Kampagne gegen lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Menschen fort. Das Urteil des Obersten Gerichtshofs vom November 2023, das die "internationale LGBT-Bewegung" als "extremistische" Organisation verbietet, ermöglicht die willkürliche Verfolgung von LGBT-Personen und allen, die ihre Rechte verteidigen oder Solidarität mit ihnen zeigen.

Russische Gerichte haben 101 Verurteilungen wegen "Extremismus" ausgesprochen, weil Menschen angeblich an der "Internationalen LGBT-Bewegung" teilgenommen oder deren vermeintliche Symbole gezeigt haben. Zwischen Januar 2024 und Juni 2025 wurden mindestens 20 Menschen aufgrund ihrer angeblichen Teilnahme an der "Internationalen Öffentlichen LGBT-Bewegung" strafrechtlich angeklagt. Eine der angeklagten Personen beging Suizid in Untersuchungshaft.

Human Rights Watch hat diese Menschenrechtsverletzungen jahrzehntelang dokumentiert. Die Organisation führte Untersuchungen durch – von russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine bis zur Unterdrückung der LGBTQ+-Community in Russland. Genau diese Arbeit macht sie für das Regime zur Bedrohung.

Ein Muster der Einschüchterung

"Unsere Arbeit hat sich nicht verändert", sagte Philippe Bolopion, Geschäftsführer von Human Rights Watch, "aber was sich dramatisch verändert hat, ist die vollständige Umarmung diktatorischer Politik durch die Regierung, ihr erschreckendes Anwachsen der Repression und das Ausmaß der Kriegsverbrechen, die ihre Streitkräfte in der Ukraine begehen".

Die Entscheidung des russischen Generalstaatsanwalts ist der jüngste Schritt in einem gnadenlosen Vorgehen gegen Kreml-Kritiker, Journalist*innen und Aktivist*innen, das seit der vollständigen Invasion der Ukraine im Februar 2022 auf beispiellose Ausmaße intensiviert wurde. Am selben Tag kündigte die Generalstaatsanwaltschaft an, ein Verfahren gegen die feministische Punkband Pussy Riot einzuleiten, um die Gruppe als extremistische Organisation einzustufen. Einen Tag zuvor hatte der Oberste Gerichtshof Russlands die von dem verstorbenen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny gegründete Anti-Korruptions-Stiftung als terroristische Vereinigung eingestuft.

Parallelen zu Deutschland: Wenn Zivilgesellschaft unter Druck gerät

Für LGBTQ+-Aktivist*innen in Deutschland mag die Situation in Russland weit entfernt erscheinen. Doch auch hier gibt es besorgniserregende Entwicklungen. Der neue "Atlas der Zivilgesellschaft" stufte Deutschland 2024 aus der höchsten Kategorie "offen" in "beeinträchtigt" herab. Zu den Gründen gehören Demonstrationsverbote, unzureichender Schutz für Journalist*innen vor Gewalt bei Demonstrationen und der "unverhältnismäßige Druck", der auf Klimaaktivist*innen ausgeübt wird.

Während in autoritären und illiberalen politischen Systemen zivilgesellschaftliche Räume durch Repression schrumpfen, schrumpfen sie in Demokratien weniger durch direkte Unterdrückung, sondern durch politische Stagnation und eine politische Vernachlässigung der Zivilgesellschaft. Dies führt zu einer schleichenden Erosion zivilgesellschaftlicher Kapazitäten – ein Phänomen, das auch für LGBTQ+-Organisationen relevant ist.

Die Geschichte lehrt uns: Was in autoritären Staaten mit offener Gewalt geschieht, beginnt in Demokratien oft subtiler – durch Bürokratisierung, Kriminalisierung von Protest oder die Diffamierung von Aktivist*innen als "Extremist*innen". Human Rights Watch' Verbot in Russland sollte uns daran erinnern, wie wichtig es ist, zivilgesellschaftliche Freiräume auch hierzulande aktiv zu verteidigen.

Was wir tun können

Tanja Lokschina, Leiterin der Abteilung für Europa und Zentralasien bei Human Rights Watch, kündigte an, dass die Organisation "noch härter" daran arbeiten werde, "das harte Vorgehen des Kremls gegen die russische Zivilgesellschaft offenzulegen und über russische Verbrechen in der Ukraine zu berichten". Diesen Kampfgeist brauchen wir auch in Deutschland.

Konkret bedeutet das:

  • Solidarität mit verfolgten LGBTQ+-Personen in Russland – etwa durch Unterstützung von Human Rights Watch und anderen Organisationen, die Flucht und Asyl ermöglichen
  • Wachsamkeit gegenüber Einschränkungen der Versammlungsfreiheit und zivilgesellschaftlicher Handlungsspielräume in Deutschland
  • Bewusstsein dafür, dass die Verteidigung von LGBTQ+-Rechten immer auch ein Kampf für demokratische Grundrechte ist

Putins Krieg gegen Human Rights Watch ist ein Krieg gegen die universellen Menschenrechte selbst. Und er betrifft uns alle – egal, ob wir in Moskau, Berlin oder anderswo leben. Die Frage ist nicht, ob wir uns einmischen sollten. Die Frage ist: Können wir es uns leisten, wegzuschauen?


Keine Anklage nach rechtsextremer Attacke in Bad Freienwalde – Ein Rückschlag im Kampf gegen queerfeindliche Gewalt

Fünf Monate nach einem brutalen Angriff auf das Vielfaltsfest "Bad Freienwalde ist bunt" hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) das Ermittlungsverfahren eingestellt. Im Juni dieses Jahres hatte eine Gruppe teils vermummter Männer eine Kundgebung des Bündnisses „Bad Freienwalde ist bunt" in der Kleinstadt im Osten Brandenburgs attackiert. Die Entscheidung wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen bei der Strafverfolgung rechtsextremer und queerfeindlicher Gewalt – ein Problem, das auch in Deutschland zunehmend an Brisanz gewinnt. Wie queer.de berichtet, konnte kein hinreichender Tatverdacht gegen den 21-jährigen Beschuldigten erbracht werden, der mit der neonazistischen Kleinstpartei "Der Dritte Weg" in Verbindung stehen soll.

Ein Angriff, der bundesweit für Entsetzen sorgte

Ein Fest für Toleranz und Zusammenhalt wurde am Samstag in Bad Freienwalde von einem gewalttätigen Angriff überschattet. Vermummte stürmten den Marktplatz und verletzten Teilnehmende. Zehn Minuten vor Beginn der Veranstaltung kamen ungefähr zwölf junge Männer vermummt mit Quarzsandhandschuhen und Schlagstöcken auf die Aufbauhelfer zugerannt, haben um sich geschlagen und drei Leute verletzt. Besonders erschreckend: Es waren Kinder vor Ort gewesen, die alles mitbekommen hätten.

Der Angriff hatte damals bundesweit Entsetzen ausgelöst. Brandenburgs Innenminister René Wilke (parteilos) sprach gegenüber der taz von einer „völlig neuen Qualität" rechtsextremer Gewalt. Am vergangenen Sonntag wurde das Fest der Vielfalt in Bad Freienwalde, das als buntes Zeichen für Toleranz, Demokratie und gegen Rechtsextremismus geplant war, von einem brutalen Angriff überschattet. Vermummte Täter, mutmaßlich aus dem Umfeld der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg", stürmten mit Holzlatten und anderen Schlagwaffen die Veranstaltung, verletzten Teilnehmende und verbreiteten Angst unter den Besucher*innen – darunter viele Familien mit Kindern.

Warum die Ermittlungen scheiterten

Die Begründung der Staatsanwaltschaft offenbart die Schwierigkeiten bei der Aufklärung rechter Gewalttaten: Ein Zeuge wollte den Beschuldigten anhand seiner Augenpartie und Statur als einen der maskierten Täter erkannt haben, obwohl er ihn nicht persönlich kannte. Diese Aussage reichte laut Staatsanwaltschaft nicht für einen Tatnachweis aus. Auch eine Wohnungsdurchsuchung, die Auswertung eines Mobiltelefons und Funkzellendaten brachten keine Erkenntnisse zu den Tätern.

Weitere Beschuldigte konnten nicht ermittelt werden. Die Behörde teilte mit: "Sollten sich nachträglich Anhaltspunkte für die Klärung dieser Straftat ergeben, werden die Ermittlungen von Amts wegen wiederaufgenommen."

Teil eines besorgniserregenden Trends in Deutschland

Der Fall Bad Freienwalde ist kein Einzelfall. Im Rahmen des Pride Month und öffentlicher Veranstaltungen zum Christopher Street Day (CSD) beobachtet das BfV eine spezifisch queerfeindliche Agitation – teilweise mit extrem abwertenden und menschenfeindlichen Positionen und Äußerungen – im Internet sowie dieses Jahr auch vermehrt realweltliche Protestaktionen von Rechtsextremisten. Eine aktuelle Studie zeigt, dass fast jede zweite CSD-Veranstaltung 2025 gestört oder angegriffen wurde.

Im Jahr 2025 fanden in Deutschland so viele Christopher Street Days (CSDs) statt wie noch nie zuvor – insgesamt 245 Veranstaltungen. Gleichzeitig erreichte auch die Zahl rechtsextremer Übergriffe auf diese Events einen traurigen Höchststand. Die „Mobilisierungen gegen die CSD-Veranstaltungen durch Rechtsextreme […] ein koordinierter Versuch [waren], die LGBTQI+-Gemeinschaft einzuschüchtern und zu belästigen, und zwar in einem besorgniserregenden Ausmaß".

Im Jahr 2023 wurden insgesamt 17.007 Fälle von Hasskriminalität im Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen Politisch motivierter Kriminalität (KPMD-PMK) erfasst. Davon richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* Personen (im Jahr 2022: 1.188). Laut offiziellen Zahlen gibt es jeden Tag mindestens drei Angriffe auf queere Menschen in Deutschland – die Dunkelziffer ist deutlich höher.

"Der Dritte Weg" – Eine wachsende Bedrohung

Der Dritte Weg ist eine rechtsextremistische Partei, die sich an der völkisch-nationalistischen Ideologie des Nationalsozialismus orientiert. Er wird vom Landesverfassungsschutz wegen verfassungsfeindlicher Aktivitäten beobachtet. Mit ihren bundesweit rund 700 Mitgliedern zählt der Dritte Weg als Kleinstpartei.

Der Dritte Weg ist regional vor allem im Nordwesten Brandenburg (Prignitz) und in der Uckermark aktiv. Darüber hinaus versucht die Partei, ihren Einfluss weiter auszubauen, insbesondere in Oberhavel, Barnim und Dahme-Spree. Kader von „Deutsche Jugend Voran", einer gewaltbereiten rechtsextremistischen Jugendgruppe, sowie der neonazistischen Partei „III.Weg" und deren Nachwuchsorganisation „Nationalrevolutionäre Jugend" seien in Bad Freienwalde aktiv.

Eine Stadt unter dem Eindruck rechter Gewalt

„Diese gezielte und geplante Gewalttat ist ein erschreckender neuer Höhepunkt der rechtsextremen Organisierung in Bad Freienwalde", sagt Tom Kurz von der Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt Märkisch-Oderland. Dabei handelte es sich nicht um den ersten Angriff auf das Bündnis: Im April 2024 bedrohten Rechte eine Demonstration des Bündnisses und beschmierten die Demonstrationsroute mit neonazistischen Drohungen. Im Februar versuchten Neonazis, eine Tanz-Aktion des Bündnisses zu stören, verteilten rechtsextreme Flyer und bedrohten Teilnehmende.

30 Prozent der Wäh­le­r:in­nen in Bad Freienwalde machten bei den Kommunalwahlen 2024 ihr Kreuz bei der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD. Bei der Bundestagswahl 2021 waren es sogar 44 Prozent. Die eingestellten Ermittlungen sind für viele Betroffene ein weiterer Schlag.

Was muss sich ändern?

Expert*innen fordern seit langem bessere Strukturen zur Bekämpfung queerfeindlicher Gewalt. Polizeibeamt*innen müssen in verpflichtenden Modulen in Aus- und Weiterbildung mit dem Thema (queerfeindlicher) „Hasskriminalität" vertraut gemacht werden und mit der richtigen Erfassung vertraut sein. Klare Ansprechpersonen für Hasskriminalität bei Staatsschutzdienststellen sowie hauptamtliche Ansprechpartner*innen für gleich- und transgeschlechtliche Lebensweisen würden nicht nur in die Community wirken, sondern auch in den Polizeien.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser: "Wir müssen all diejenigen noch besser schützen und unterstützen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Hass, Diskriminierung und Gewalt erleben. Wir sehen immer wieder, wie wichtig der Kampf gegen queerfeindliche Gewalt ist. Queerfeindliche Gewalt muss als solche klar benannt und gezielt von der Polizei und den Staatsanwaltschaften verfolgt werden. Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend."

Der Fall Bad Freienwalde zeigt: Es reicht nicht aus, wenn Ermittlungsbehörden aktiv werden. Die Verurteilung der Täter muss folgen. Nur so können Betroffene Vertrauen in den Rechtsstaat bewahren – und nur so kann ein klares Signal gegen rechtsextreme und queerfeindliche Gewalt gesendet werden. Das Bündnis "Bad Freienwalde ist bunt" hat angekündigt, weiterzumachen. Ihr Mut verdient nicht nur Solidarität, sondern auch wirksamen Schutz.


Ein Zeichen der Hoffnung: EKHN bekräftigt Schuldbekenntnis gegenüber queeren Menschen

Am Buß- und Bettag setzte die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ein deutliches Zeichen der Solidarität mit queeren Menschen. In einem feierlichen Gottesdienst in der Darmstädter Pauluskirche bekräftigte die stellvertretende Kirchenpräsidentin Ulrike Scherf am Mittwochabend (19. November) das im April 2023 von der hessen-nassauischen Kirchensynode verabschiedete Schuldbekenntnis gegenüber queeren Menschen. (Originalquelle: queer.de)

Ein historischer Schritt zur Aufarbeitung

Das Schuldbekenntnis ist ein am 28. April 2023 auf der Frühjahrssynode verabschiedeter historischer Schritt der EKHN. In dem Dokument erkennt die Landeskirche an, dass "Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle auch in Gemeinden und Einrichtungen der EKHN lange Zeit Diskriminierung erfahren hätten". Die Kirche gesteht ein: "Wir haben die Würde von Gottes Geschöpfen verletzt in Erklärungen und Verlautbarungen, welche sich einseitig auf ein nur binäres, heteronormatives und letztlich patriarchales Familienmodell bezogen".

Dieser Schritt ist in Deutschland bemerkenswert. Die Synode der EKHN hat als einzige Landeskirche ein Schuldbekenntnis gegenüber queeren Menschen ausgesprochen. Andere evangelische Landeskirchen wie die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) haben sich ebenfalls für die Diskriminierung und Ausgrenzung sexueller Minderheiten entschuldigt, jedoch verfolgt die EKHN mit ihrem umfassenden Ansatz einen Vorreiterweg.

Theologische Überzeugung statt Zeitgeist

In ihrer Ansprache betonte Ulrike Scherf, dass das Bekenntnis nicht dem Zeitgeist entspringe, sondern biblisch-theologischen Einsichten. "Gott ist vielfältig und nicht festlegbar", erklärte sie. Alle Menschen in ihrer Vielfalt seien Gottes Ebenbilder – unabhängig von Geschlecht, Lebensform oder sexueller Identität. Mit Verweis auf den Galaterbrief des Apostels Paulus im Neuen Testament zitierte sie: "Hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus".

Diese theologische Positionierung ist wichtig für die Debatte in Deutschland, wo manche evangelische Kreise immer noch eine restriktive Haltung vertreten. Während in 15 der 20 Landeskirchen gleichgeschlechtliche Eheschließungen möglich sind, lehnte die Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vor wenigen Tagen einen Gesetzesentwurf für die kirchliche Trauung von gleichgeschlechtlich liebenden Paaren ab.

Von Worten zu Taten: Konkrete Schritte der EKHN

Die EKHN begnügt sich nicht mit einem symbolischen Bekenntnis. Die Kirche hat sich konsequent auf den Weg einer diversitätssensiblen und queersensiblen Weiterentwicklung begeben, wozu die Gründung eines "Netzwerks queersensible EKHN" und die Verankerung von Diversität in den strategischen Zielen der EKHN gehören. Am 13. Juni 2025 fand in der Kirche der Evangelischen Studierendengemeinde Mainz das erste Netzwerktreffen queersensible EKHN statt, zu dem Kirchenpräsidentin Dr. Christiane Tietz die rund 70 Teilnehmenden begrüßte.

Die EKHN hat bereits eine lange Geschichte der schrittweisen Öffnung hinter sich: Bereits vor über 20 Jahren, am 04.12.2002, hatte die Kirchensynode die Segnung eingetragener Lebenspartnerschaften im Gottesdienst ermöglicht. Heute können in der EKHN gleichgeschlechtliche Paare sich trauen lassen und homosexuelle oder transsexuelle Mitarbeitende und Pfarrer:innen arbeiten selbstverständlich in der Kirche.

Internationale Dimension und deutsche Verantwortung

Das Schuldbekenntnis der EKHN reiht sich in eine internationale Bewegung ein. Mitte Oktober 2021 entschuldigte sich die Norwegische Kirche offiziell bei queeren Menschen, nachdem die evangelisch-lutherische Volkskirche in der Vergangenheit gleichgeschlechtlich liebende Menschen für "pervers" und "verachtenswert" gehalten und sie sogar als "globale soziale Gefahr" bezeichnet hatte.

In Deutschland bleibt jedoch noch viel zu tun. Laut einem Bericht des Bundesinnenministeriums und des Bundeskriminalamtes haben sich die Straftaten im Bereich "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene Diversität" seit 2010 nahezu verzehnfacht – von 1.188 Taten im Jahr 2022 auf 1.785 ein Jahr später. Diese alarmierenden Zahlen verdeutlichen, wie essenziell es ist, Solidarität aktiv zu leben und Schutzräume für Betroffene zu schaffen.

Eine Kirche für alle Menschen

Mit 1,3 Millionen Mitgliedern ist die EKHN die siebtgrößte der 20 Landeskirchen innerhalb der EKD. "In unserer Kirche sind alle Menschen willkommen", betonte Scherf – ein Versprechen, das die EKHN durch konkrete Maßnahmen untermauert. Der Gottesdienst am Buß- und Bettag war nicht nur ein Moment des Erinnerns, sondern auch verbunden mit dem klaren Willen zur Veränderung.

Für queere Menschen in Deutschland sendet die EKHN damit ein wichtiges Signal: Die Kirche erkennt ihre historische Schuld an, arbeitet diese aktiv auf und gestaltet eine Zukunft, in der Homosexualität, Bisexualität, Trans- und Intersexualität, non-binäre und queere Lebensformen als Teil der Schöpfung anerkannt werden. Das ist nicht nur ein theologischer, sondern auch ein gesellschaftspolitischer Beitrag zur Akzeptanz und zum Schutz queerer Menschen in Deutschland.


Trans Day of Remembrance 2025: 281 Morde weltweit – ein alarmierendes Signal für Deutschland

Am 20. November 2025 gedachten Menschen weltweit den Opfern transfeindlicher Gewalt. Die neuesten Zahlen der Organisation Transgender Europe (TGEU) sind erschütternd: Zwischen dem 1. Oktober 2024 und dem 30. September 2025 wurden weltweit 281 trans und geschlechtsdiverse Menschen ermordet. Seit 2009 hat das Trans Murder Monitoring nun insgesamt 5.322 Morde dokumentiert.

Der Trans Day of Remembrance (TDoR) ist längst mehr als ein Gedenktag – er ist ein Weckruf. Der internationale Trans-Gedenktag wird seit seiner Entstehung am 20. November 1999 jährlich begangen, um jenen zu gedenken, die durch transfeindliche Hassverbrechen ermordet wurden. Diese feierliche Nacht entstand aus der Wut und Frustration von trans Aktivist*innen nach den Morden an zwei Schwarzen trans Frauen in Massachusetts.

Besorgniserregende Trends: Aktivist*innen im Visier

Die aktuellen Daten offenbaren einen besonders alarmierenden Trend: Waren 2023 noch sechs Prozent aller ermordeten Personen Aktivist*innen, stieg die Zahl 2024 auf neun Prozent und 2025 auf 14 Prozent. Die Gruppe, die nach Sexarbeiter*innen am häufigsten Zielscheibe transfeindlicher Gewalt wird, sind Aktivist*innen und prominente Figuren in der trans Bewegung.

Deekshitha Ganesan, Policy Manager bei TGEU, erklärt: „Dieser Anstieg ist ein bewusster Versuch, diejenigen zum Schweigen zu bringen, die sich für Freiheit und Gleichberechtigung einsetzen. Diese Morde sind die extremste Folge eines politischen Diskurses, der trans Personen entmenschlicht".

Mehrfachdiskriminierung: Wer ist besonders betroffen?

Die Statistiken zeigen deutlich, wer am stärksten gefährdet ist: 88 Prozent der Ermordeten sind nicht weiß. Überwältigende 90 Prozent der gemeldeten Morde waren Feminizide – die Opfer waren trans Frauen oder transfeminine Personen.

Sexarbeiter*innen sind am häufigsten von transfeindlicher Gewalt betroffen und machen im Trans Murder Monitoring 34 Prozent der Getöteten aus. Aufgrund von Marginalisierung und Fetischisierung finden viele trans Personen nur in der Sex-Industrie eine Möglichkeit, Geld zu verdienen.

Die Situation in Deutschland: Gedenken und wachsende Bedrohung

Auch in Deutschland fanden zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt. Dank mutiger trans Aktivist*innen finden trotz erstarkender rechter Kräfte überall im Land Gedenkveranstaltungen und Demos statt – allein in Baden-Württemberg elf. In Karlsruhe nahmen etwa 150 Menschen an der Mahnwache teil, gemeldet waren ursprünglich 50.

Doch die Lage verschlechtert sich: Laut einem Bericht der Amadeu-Antonio-Stiftung kam es 2025 bei fast jedem zweiten der 245 ausgerichteten CSDs zu Angriffen und Störungen. Fast die Hälfte dieser gingen von Rechtsextremen aus. Von den insgesamt 180 CSDs in 2024 wurden 55 von Rechtsextremen angegriffen.

Im Jahr 2023 wurden in Deutschland rund 1.500 Delikte gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst – die Zahl stieg das sechste Jahr in Folge auf einen deutlichen Höchststand. In Deutschland berichteten 65 Prozent der trans Frauen von Diskriminierung in den letzten 12 Monaten.

Dunkelziffer und mediales Versagen

TGEU weist darauf hin, dass trans Opfer oft in Medienberichten oder Polizeiakten mit dem falschen Geschlecht bezeichnet werden, was die Erfassung aller gemeldeten Morde zunehmend erschwert. Die tatsächliche Zahl der durch Gewalt getöteten trans Personen ist „wahrscheinlich weit höher".

Dieses Jahr wurde weder über die Transgender Awareness Week noch über den Trans Day of Remembrance großartig berichtet. Die geringere Zahl an Morden bedeutet laut TGEU nicht, dass sich die Situation für trans Personen global verbessert hat – viel eher hängt die Zahl wohl mit dem sinkenden Medieninteresse über diese Morde zusammen.

Parallel in Deutschland: Sexarbeit und Schutz

Ein besonders wichtiger Aspekt für den Schutz trans Menschen in Deutschland ist die Entkriminalisierung von Sexarbeit. Von 2002 bis 2025 wurden in Deutschland 88 Sexarbeiter*innen getötet und 50-mal wurde versucht, eine zu töten.

Die Forderung nach Entkriminalisierung von Sexarbeit ist nicht neu: TGEU fordert die Entkriminalisierung von Sexarbeit, um „Arbeitsschutz für trans und geschlechtsdiverse Menschen zu gewährleisten". In Deutschland setzen sich Organisationen wie der LSVD für bessere Arbeitsbedingungen und gegen die Stigmatisierung von Sexarbeitenden ein.

Was muss sich ändern?

„Jede ermordete Aktivistin repräsentiert eine zum Schweigen gebrachte Community", sagt Freya Watkins, Senior Research Officer bei TGEU. Die Organisation fordert:

  • Internationalen Schutz für trans Menschenrechtsverteidiger*innen
  • Entkriminalisierung von Sexarbeit zum Schutz vulnerabler Gruppen
  • Stärkere Hassverbrechen-Gesetze und deren konsequente Anwendung
  • Bekämpfung politischer Desinformation gegen trans Menschen
  • Nachhaltige Unterstützung trans-geführter zivilgesellschaftlicher Organisationen

Diese Zahlen sind nur der Beweis für das, was viele in der trans Community bereits wussten: Diese Gesellschaft hat kein Interesse daran, trans Personen zu schützen. Wachsender Rassismus, Streichung von Bildungsprojekten und Schließung von Schutzorten sind eine Frage von Leben und Tod.

Der TDOR ist auch ein Tag, um die Stärke und Widerstandskraft der Lebenden zu würdigen – der trans, nicht-binären und geschlechtsnonkonformen Personen, die in einer Welt bestehen, die sie oft ablehnt. Die sich zeigen, Gemeinschaften schaffen und für ein Leben in Freiheit und Würde kämpfen.

Wenn du Unterstützung brauchst: Der Bundesverband Trans* bietet Beratung und Vernetzung in ganz Deutschland an. Bei akuter Bedrohung wende dich an die Polizei (Notruf 110) oder das schwule Anti-Gewalt-Projekt MANEO.


Durchbruch in der HIV-Forschung: Kölner Virologe Florian Klein erhält hochdotierten Hamburger Wissenschaftspreis

Der Kölner HIV-Forscher Professor Florian Klein wurde mit dem renommierten Hamburger Wissenschaftspreis 2025 ausgezeichnet, der mit 150.000 Euro dotiert ist. Der Experte auf dem Gebiet des Humanen Immundefizienz-Virus (HIV) sei für seine Arbeit auf dem Gebiet der «Immunmodulation» ausgezeichnet worden, wie die Akademie der Wissenschaften mitteilte. Die Auszeichnung würdigt Kleins bahnbrechende Forschung zu Antikörpertherapien, die neue Hoffnung für Menschen mit HIV bringen könnte – und damit auch für die LGBTQ+-Community, die von der HIV-Epidemie nach wie vor überproportional betroffen ist.

Pionierarbeit für eine mögliche HIV-Kontrolle ohne Medikamente

Klein, Direktor des Instituts für Virologie der Uniklinik Köln, erforscht einen faszinierenden Ansatz: Bei einigen Personen, die mit HIV infiziert sind und eine Antikörpertherapie erhalten haben, wird das eigene Immunsystem stimuliert und es kommt teilweise sogar zu einer vollständigen Viruskontrolle. Den hier zu Grunde liegenden Mechanismus zu verstehen und dann diese Form der Immunmodulation nutzbar zu machen, ist eines der wichtigsten Forschungsziele. Das Preisgeld will der Wissenschaftler vollständig in diese vielversprechende Forschung investieren.

Besonders bemerkenswert: Bei manchen Personen mit einer HIV-Infektion wird das Virus nach einer Antikörper-Therapie über viele Jahre ohne Medikamente kontrolliert. „Wir sehen, dass in diesen Fällen das Virus durch das eigene Immunsystem der Patienten in Schach gehalten wird. Diese Kontrolle kann über Jahre andauern", erklärt Klein. Dies könnte einen Paradigmenwechsel in der HIV-Behandlung bedeuten – weg von der lebenslangen täglichen Medikamenteneinnahme hin zu einer funktionellen Heilung.

Warum diese Forschung für die queere Community so bedeutend ist

Die Relevanz von Kleins Arbeit für die LGBTQ+-Community kann kaum überschätzt werden. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), sind von HIV-Infektionen und Aids in Deutschland immer noch am häufigsten betroffen. Im Jahr 2024 haben sich geschätzt 2.300 Personen mit HIV infiziert, wie aktuelle Daten des Robert Koch-Instituts zeigen. Die Zahl der Menschen mit HIV in Deutschland lag Ende 2024 bei 97.700. Von diesen sind etwa 8.200 HIV-Infektionen noch nicht diagnostiziert.

Während moderne antiretrovirale Therapien heute ein weitgehend normales Leben ermöglichen, müssen Menschen mit HIV lebenslang Medikamente einnehmen. In Deutschland können inzwischen die meisten Menschen mit einer HIV-Infektion dank der medizinischen Fortschritte und Versorgung ein selbstbestimmtes Leben führen. Sie sollten auch ein angst- und diskriminierungsfreies Leben führen können. Selbstbewusst, offen und ohne Angst vor Ausgrenzung leben zu können, ist eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Prävention und Therapie, betont der LSVD.

Ein international anerkannter Wissenschaftler aus Deutschland

Klein ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und zählt seit Jahren zu den weltweit meistzitierten Wissenschaftlern in seinem Fach. Seine Karriere führte ihn von Köln über die renommierte Rockefeller University in New York zurück nach Deutschland, wo er seit 2017 das Institut für Virologie an der Universität zu Köln leitet.

Für seine Arbeiten sei er vielfach ausgezeichnet worden – unter anderem mit dem Georges-Köhler-Preis der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, dem Deutschen AIDS-Preis, dem Heinz Ansmann-Preis für HIV-Forschung sowie zuletzt mit dem Galenus-von-Pergamon-Preis. Die aktuelle Auszeichnung mit dem Hamburger Wissenschaftspreis unterstreicht die internationale Bedeutung seiner Forschung.

Von der Grundlagenforschung zum Patienten

Prof. Dr. Florian Klein erforscht die Entwicklung von Antikörpern und deren gezielten Einsatz gegen Virusinfektionen. Einer seiner Schwerpunkte liegt dabei auf HIV, also dem Humanen Immundefizienz-Virus. Sein besonderes Interesse gilt den sogenannten breit-neutralisierenden monoklonalen Antikörpern, die er für die Prävention und Therapie von Infektionskrankheiten entwickelt.

„Ich mache translationale Forschung", erklärt Klein in einem Interview mit der Akademie der Wissenschaften Hamburg. „Bei der geht es darum, wissenschaftliche Erkenntnisse zurück zum Patienten zu bringen." Dieser Ansatz macht seine Arbeit besonders wertvoll: Es geht nicht nur um theoretisches Wissen, sondern um konkrete Therapien, die das Leben von Menschen mit HIV verbessern können.

Hoffnung auf eine neue Ära der HIV-Behandlung

Hamburgs Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) würdigte Kleins Arbeit als „gesellschaftlich hochrelevantes Forschungsfeld". Klein leiste mit seiner herausragenden Forschung insbesondere zur Antikörper-vermittelten Prävention und Therapie von HIV echte Pionierarbeit. Seine Arbeit zeige beispielhaft, wie Forschungsehrgeiz, Neugier und der Mut, neue Wege zu gehen, wissenschaftliche Durchbrüche ermöglichen und weit über die Grenzen des eigenen Fachgebiets hinauswirken können.

Für die queere Community, die seit Beginn der HIV-Epidemie in den 1980er Jahren besonders betroffen war und ist, könnte Kleins Forschung einen Meilenstein darstellen. Während heute oft eine Tablette am Tag reicht, um HIV im Körper zu unterdrücken und ein langes und gutes Leben zu führen, konzentriert sich die HIV-Forschung heute auf die Weiterentwicklung der HIV-Therapien, die Entwicklung von Impfstoffen und Wege zu einer Heilung. Klein arbeitet an genau diesem Ziel – und bringt es mit seiner Forschung ein entscheidendes Stück näher.

Der Hamburger Wissenschaftspreis wird alle zwei Jahre verliehen und ist mit 150.000 Euro dotiert. Das Preisgeld stammt von der Hamburgischen Stiftung für Wissenschaften, Entwicklung und Kultur Helmut und Hannelore Greve. Mit der Auszeichnung von Florian Klein setzt die Akademie der Wissenschaften ein wichtiges Zeichen für die Bedeutung der HIV-Forschung – nicht nur für die medizinische Wissenschaft, sondern für Millionen von Menschen weltweit, die mit HIV leben oder von einer Infektion bedroht sind.


Brutale Attacke im Görlitzer Park: Sechs Männer schlagen schwulen 33-Jährigen zusammen

Ein Freitagnachmittag im Görlitzer Park, Berlin-Kreuzberg, der eigentlich friedlich hätte sein können. Doch für einen 33-jährigen schwulen Mann endete ein Spaziergang mit leichten Verletzungen am Kopf und Rumpf – das Opfer eines brutalen homofeindlichen Übergriffs. Wie die Polizei Berlin mitteilte, wurde ein 33-jähriger Mann von einer Gruppe von sechs Männern attackiert. Der Vorfall ereignete sich am Freitagnachmittag gegen 15:15 Uhr und zeigt einmal mehr die bedrohliche Realität queerfeindlicher Gewalt in Deutschland.

Der Hergang: Von der harmlos gestellten Frage zur Gewalttat

Nach eigenen Aussagen des Opfers begann der Tag harmlos: Der Mann kaufte in einem Spätkauf ein alkoholisches Getränk und begab sich dann zu einem Spaziergang in den Park. Was als entspannter Nachmittagsausflug gedacht war, verwandelte sich schnell in einen Albtraum. Drei unbekannte Männer sprachen ihn an und fragten nach seiner sexuellen Orientierung. Als der 33-Jährige sich als schwul outete, schlugen die Angreifer unvermittelt zu und brachten ihn zu Boden.

Während das Opfer bereits am Boden lag, schlossen sich drei weitere Männer der Attacke an. Zwei von ihnen schlugen mit einer Bierflasche auf den wehrlosen Mann ein. Erst als eine couragierte Passantin lautstark um Hilfe rief, konnte der Betroffene fliehen. Er erlitt leichte Verletzungen im Kopf- und Rumpfbereich. Die Kriminalpolizei der Direktion 5 (City) hat die Ermittlungen zu der gefährlichen Körperverletzung übernommen.

Görlitzer Park: Ein bekannter Brennpunkt

Der Park im Berliner Stadtteil Kreuzberg gilt als Kriminalitäts-Hotspot, und der angrenzende Wrangelkiez wurde von der Berliner Polizei als kriminalitätsbelasteter Ort (kbO) eingestuft. Der "Görli", wie er von Berliner*innen genannt wird, steht seit Jahren im Fokus der Sicherheitsdebatte. Doch die jüngsten Entwicklungen zeigen: Schon jetzt verlagert sich die Gewalt in die angrenzenden Wohngebiete.

Der aktuelle Vorfall reiht sich in eine erschreckende Serie queerfeindlicher Angriffe ein. Queerfeindliche Gewalt und homophobe Anfeindungen sind dort und in ganz Neukölln auffallend gestiegen. Die politischen Debatten rund um den Park – einschließlich der geplanten nächtlichen Einzäunung – zeigen die Komplexität der sozialen Probleme in dieser Gegend.

Berlin als Vorreiter in der Sichtbarmachung queerfeindlicher Gewalt

Es mag paradox erscheinen, doch die hohe Anzahl gemeldeter LGBTIQ-feindlicher Übergriffe in Berlin ist teilweise ein positives Zeichen. Auffällig ist, dass sich viele der berichteten Fälle in Berlin ereignen. Das hat vor allem damit zu tun, dass in Berlin seit einigen Jahren mutmaßliche queerfeindliche Hintergründe von Straftaten ausdrücklich in den Polizeiberichten genannt werden.

Berlin legt den 3. Monitoringbericht Queerfeindliche Gewalt in Berlin vor und verfügt damit als einziges Bundesland über ein solches Instrument zur Bekämpfung von Hassgewalt gegen LSBTIQ+-Personen. Die Zahl queerfeindlicher Straftaten in Berlin erreichte mit 588 Vorfällen im Jahr 2023 einen neuen Höchststand. Diese Zahlen sind alarmierend, doch sie machen ein Problem sichtbar, das in anderen Bundesländern oft im Dunkeln bleibt.

Die nationale Dimension: Queerfeindliche Gewalt nimmt bundesweit zu

Der Angriff im Görlitzer Park ist kein Einzelfall. Laut den Zahlen von Bundeskriminalamt und Bundesinnenministerium wurden 2024 im Unterthemenfeld "sexuelle Orientierung" 1.765 Straftaten erfasst, was einer Steigerung von etwa 18% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Hierbei wurden 253 Gewaltdelikte und 447 Beleidigungen registriert. Im Unterthemenfeld "geschlechtsbezogene Diversität" wurden 1.152 Fälle gemeldet, davon 128 Gewaltdelikte und 237 Beleidigungen.

Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Ein erschreckendes Zeichen dafür, wie queerfeindliche Einstellungen in der Gesellschaft zunehmen – oder zumindest immer häufiger in Gewalt münden.

Das Dunkelfeld: Die Spitze des Eisbergs

Noch besorgniserregender ist die Tatsache, dass die offiziellen Zahlen nur einen Bruchteil der Realität abbilden. Der Dunkelfeld-Studie „A long way to go for LGBTI equality" der Europäischen Agentur für Grundrechte aus dem Jahr 2020 (EU-LGBTI II) zufolge, zeigten 96 Prozent der LSBTIQ* Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an.

Die Gründe: Sie hielten das Vergehen für „zu gering/nicht ernst genug" (33 Prozent) oder hatten Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen der Polizei (23 Prozent). Diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig vertrauensbildende Maßnahmen und spezialisierte Ansprechpartner*innen sind.

Berlins vorbildliche Strukturen: Ansprechpartner*innen und Spezialabteilungen

Die Berliner Polizei gilt bundesweit als Vorbild im Umgang mit queerfeindlicher Hasskriminalität. Die Ansprechpersonen für LSBTI bei der berliner Polizei wurde 1992 geschaffen und ist ans LKA Berlin angedockt. Die Behörde erhalte den Preis "für Verdienste um ihr Engagement gegen LSBTIQ+-feindliche Diskriminierung und Hassgewalt, die wir vorbildlich für ganz Deutschland halten". Die Polizei hat etwa bereits seit Jahren eigene Ansprechpartner*innen für queere Menschen.

Auch die Berliner Staatsanwaltschaft hat eigene Ansprechpersonen für LSBTI eingerichtet. Zugleich fungieren die Abteilungsleiterin, Frau Oberstaatsanwältin Karl, und Herr Staatsanwalt Oswald als Ansprechpersonen für LSBTI, die sich auf die Verfolgung queerfeindlicher Straftaten spezialisiert haben.

Was muss jetzt passieren?

Der brutale Angriff im Görlitzer Park zeigt: Es braucht mehr als symbolische Gesten. Die polizeilichen Fallzahlen zeigen einen besorgniserregenden Anstieg queerfeindlicher Straftaten über die vergangenen Jahre. Die Bundesregierung hat zwar Maßnahmen angekündigt, doch die Umsetzung muss flächendeckend erfolgen.

Prävention, Erfassung und Bekämpfung queerfeindlicher Hasskriminalität muss flächendeckend ausgebaut werden. Ich freue mich, dass immer mehr Polizeien und Bundesländer ihre Arbeit in dem Bereich verstärken, Personal schulen und Ansprechpersonen für queere Menschen benennen. Dies sagte der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, und brachte damit auf den Punkt, was bundesweit notwendig ist.

Für Betroffene von queerfeindlicher Gewalt gibt es in Berlin verschiedene Anlaufstellen. Die Ansprechpersonen der Berliner Polizei für LSBTIQ sind per E-Mail unter lsbti@polizei.berlin.de erreichbar. Zusätzlich bietet das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo Unterstützung und Beratung für Betroffene.

Der 33-jährige Mann im Görlitzer Park hatte Glück im Unglück – eine aufmerksame Passantin verhinderte möglicherweise Schlimmeres. Doch nicht immer ist Hilfe zur Stelle. Jede*r Einzelne kann durch Zivilcourage und die Bereitschaft, Übergriffe zu melden und anzuzeigen, dazu beitragen, dass queerfeindliche Gewalt nicht zur traurigen Normalität wird.


Umstrittener US-Bericht gegen trans* Versorgung: Wissenschaft oder Ideologie?

Ein kürzlich vom US-Gesundheitsministerium veröffentlichter Bericht gegen geschlechtsbejahende Versorgung für trans* Jugendliche sorgt für heftige Kontroversen – auch in Deutschland. Die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit (dgti) warnt vor den Hintergründen und Netzwerken hinter diesem Dokument, das wissenschaftliche Objektivität beansprucht, aber von einer umstrittenen Organisation stammt.

SEGM: Eine Organisation mit zweifelhaftem Ruf

Das US-Gesundheitsministerium beauftragte die umfassendste Studie zu geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, deren Autor*innen aus verschiedenen Disziplinen stammen – darunter Evgenia Abbruzzese von der Society for Evidence-Based Gender Medicine (SEGM). Doch wer ist SEGM wirklich?

SEGM ist eine Non-Profit-Organisation, die bekannt dafür ist, sich gegen geschlechtsbejahende Versorgung für trans* Jugendliche zu positionieren und in politischem Lobbying aktiv zu sein. Die Organisation ist für die Verbreitung von Fehlinformationen über Trans*-Gesundheitsversorgung bekannt. Forscher*innen der Yale School of Medicine bezeichneten SEGM als kleine Gruppe von Anti-Trans-Aktivist*innen und nicht als "anerkannte wissenschaftliche Organisation".

Besonders besorgniserregend: Das renommierte Southern Poverty Law Center (SPLC) stuft SEGM als Anti-LGBTQIA+-Hassgruppierung ein. Laut SPLC verbreitet SEGM wissenschaftlich nicht haltbare Behauptungen und trägt zur politischen Mobilisierung gegen die Rechte von trans*geschlechtlichen Menschen bei.

Die SEGM-Konferenz in Berlin: Ein Weckruf für Deutschland

Im September 2025 fand in Berlin eine SEGM-Konferenz statt, die in Deutschland für Aufregung sorgte. Die Konferenz "Youth Gender Distress: Etiologies, Ethics, Evidence, and Psychotherapy" klang auf den ersten Blick wie ein medizinischer Fachkongress. Bei genauerem Hinschauen wurde jedoch erkennbar: Hinter dem scheinbar neutralen Titel verbarg sich eine Plattform für trans*feindliche Positionen und pseudowissenschaftliche Argumentationen.

Mari Günther, Fachreferentin des Bundesverbands Trans* (BVT*), warnte: "Diese Konferenz ist keine Plattform für offene Debatte. Sie ist ein Versuch, die öffentliche Meinung zu kippen – auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen, die bereits jetzt mit Diskriminierung, Ausgrenzung und psychischer Belastung kämpfen. Studien belegen: Zugang zu geschlechtsaffirmativer Medizin kann Leben retten".

Besonders problematisch: Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, hielt eine Rede zur Eröffnung des Programms, was der Veranstaltung eine fatale Legitimation verlieh.

Der deutsche Kontext: Zwischen Fortschritt und Rückschritt

In Deutschland ist die Situation ambivalent. Einerseits wurde 2024 das Selbstbestimmungsgesetz verabschiedet, das trans* und nicht-binären Menschen mehr Rechte einräumt. Andererseits warnen Expert*innen vor einer ähnlichen Entwicklung wie in den USA.

Zahlen der Europäischen Grundrechteagentur (FRA) verdeutlichen das Ausmaß der Belastung: Mehr als die Hälfte der befragten trans* Jugendlichen in Deutschland hatte im vorangehenden Jahr Suizidgedanken – bei trans* Männern im Alter zwischen 15 und 17 Jahren sogar mehr als 80 Prozent. Mindestens jede vierte jugendliche trans* Person hat demnach bereits versucht, sich das Leben zu nehmen.

Rechercheprojekte wie Fundiwatch zeigten sich besorgt angesichts der Verbindungen zwischen SEGMs Bestrebungen und anderen Vorstößen gegen die Gesundheitsversorgung junger trans* Menschen in Deutschland, etwa auf dem 128. Deutschen Ärztetag. Diese Ereignisse seien Hinweise darauf, dass sich gezielte Vorhaben ähnlich dem britischen Verschreibungsverbot für Pubertätsblocker in der Vorbereitung befinden.

Was sagt die etablierte Medizin?

Im Gegensatz zu SEGM stehen die etablierten medizinischen Fachgesellschaften klar hinter geschlechtsbejahender Versorgung. Führende medizinische Organisationen, darunter die American Medical Association und die Weltgesundheitsorganisation, erkennen die geschlechtsangleichende Versorgung als medizinisch notwendig an.

Die World Professional Association for Transgender Health (WPATH) ist eine internationale, multidisziplinäre Fachvereinigung, deren Mission es ist, evidenzbasierte Versorgung, Bildung, Forschung und politische Maßnahmen im Bereich trans* Gesundheit zu fördern. Eine der Hauptfunktionen von WPATH ist die Förderung höchster Versorgungsstandards für trans* und geschlechtsdiverse Menschen durch die Standards of Care (SOC).

In Deutschland arbeiten Organisationen wie der Bundesverband Trans* und die dgti an medizinischen Leitlinien und setzen sich für eine respektvolle, evidenzbasierte Gesundheitsversorgung ein.

Die Gefahr für trans* Jugendliche in den USA

Die Entwicklungen in den USA zeigen, wohin eine Politik führen kann, die wissenschaftliche Erkenntnisse zugunsten ideologischer Positionen ignoriert. Die US-Gesundheitsbehörden schlugen vor, geschlechtsangleichende Behandlungen von der Liste der wesentlichen Gesundheitsleistungen zu streichen. Damit wären Versicherungen nicht mehr verpflichtet, sie zu übernehmen, was den Zugang zu medizinisch notwendigen Behandlungen für trans* Personen einschränken könnte.

Ein Bericht von Human Rights Watch dokumentiert die verheerenden Folgen von Verboten geschlechtsbejahender Versorgung für trans* Jugendliche, darunter zunehmende Angstzustände, Depressionen und in sieben gemeldeten Fällen sogar Suizidversuche. Diese Gesetze tragen zu einem zunehmend aggressiven, transfeindlichen Klima bei und zwingen die betroffenen Jugendlichen, ihre Identität zu verbergen und sich sozial zurückzuziehen.

Ein Aufruf zur Wachsamkeit

Die Verquickung von SEGM mit dem US-Gesundheitsministerium und die Berliner Konferenz zeigen: Die Debatte um trans* Gesundheitsversorgung ist hochpolitisiert. Expert*innen warnen: "Das ist keine Wissenschaft – das ist falsch und verantwortungslos. Hier sollen gezielt Zweifel an geschlechtlicher Selbstbestimmung und wissenschaftlich basierter medizinischer Versorgung geschürt werden".

Für Deutschland gilt es, wachsam zu bleiben und die hart erkämpften Fortschritte in der trans* Gesundheitsversorgung zu verteidigen. Die Geschichten von trans* Jugendlichen und ihren Familien – sowohl in den USA als auch hier – erinnern uns daran, dass hinter jeder politischen Entscheidung echte Menschen stehen, deren Gesundheit und Wohlbefinden auf dem Spiel stehen.

Weitere Informationen und Unterstützung bieten die dgti unter dgti.org sowie der Bundesverband Trans* unter bundesverband-trans.de.


Slowakei unter Brüssels Lupe: EU-Kommission leitet Verfahren nach queerfeindlicher Verfassungsänderung ein

Die Europäische Kommission hat ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Slowakei eingeleitet, weil das Land mit seiner queerfeindlichen Verfassungsänderung gegen den Grundsatz verstößt, dass EU-Recht Vorrang vor nationalem Recht hat. Wie die Behörde am 21. November 2024 in Brüssel mitteilte, hat Bratislava nun zwei Monate Zeit, auf die Aufforderung der EU-Kommission zu reagieren. Die seit dem 1. November geltende Verfassungsänderung war Teil einer Maßnahme zur Einschränkung der Rechte von queeren Menschen in dem osteuropäischen Land. Quelle: queer.de

Ein gefährlicher Präzedenzfall für die Europäische Union

Der Fall wiegt schwer: Die Slowakei hat festgeschrieben, dass die „Souveränität" der Slowakei in „kulturellen und ethischen Fragen" Vorrang vor EU-Recht haben soll. Die EU-Kommission stellte klar, dass nationale Zuständigkeiten nicht die Pflicht aufheben, die grundlegenden Prinzipien des EU-Rechts einzuhalten. Nach Angaben der Berliner Zeitung hatte die Kommission die slowakischen Behörden bereits vor der Verfassungsänderung auf die Problematik hingewiesen.

Das Prinzip des Vorrangs des Unionsrechts ist ein Grundpfeiler der europäischen Rechtsordnung. Der Grundsatz garantiert, dass das EU-Recht die Menschen in der gesamten EU einheitlich schützt. Wenn Mitgliedstaaten diesen Grundsatz in Frage stellen, untergraben sie die Funktionsfähigkeit der gesamten Union. Bleibt die Antwort der Slowakei unzureichend oder verweigert Bratislava Änderungen, kann die Kommission den Fall vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH) bringen.

Was die Verfassungsänderung für queere Menschen bedeutet

Die konkreten Auswirkungen der slowakischen Verfassungsreform sind verheerend. Die Slowakei erkennt jetzt nur zwei Geschlechter – männlich und weiblich – an, die „von Geburt an" biologisch gegeben seien. Geschlechtsanpassungen bei trans Menschen werden dadurch erheblich erschwert, während die Anerkennung nichtbinärer Menschen komplett verboten wird.

Zusätzlich wurde festgelegt, dass nur noch verheiratete Paare Kinder adoptieren dürfen, was gleichgeschlechtliche Paare faktisch ausschließt, da es in dem Land keine Ehe für alle gibt. Die Ehe in der Slowakei ist ausschließlich zwischen einem Mann und einer Frau möglich – eine Regelung, die bereits 2014 während Ficos früherer Amtszeit festgelegt wurde.

Fico auf Konfrontationskurs mit Brüssel

Ministerpräsident Robert Fico, ein Unterstützer von US-Präsident Donald Trump, verteidigte die Verfassungsänderung vehement und verkündete: „Ich kann zu hundert Prozent zusagen, dass es keine Änderung geben wird". Bereits im November hatte er die Kritik aus Brüssel mit den Worten zurückgewiesen, die Slowakei freue sich auf den Konflikt. Er könne sich nicht vorstellen, dass irgendeine internationale Organisation befehlen dürfe, wie viele Geschlechter es gebe oder wer heiraten dürfe.

Ficos Kurs ist Teil einer größeren Entwicklung: Nach den Parlamentswahlen im September 2023 bildet seine rechtspopulistische Partei SMER-SD eine Koalition mit der Parteiabspaltung HLAS-SD und der rechtsextremen Slowakischen Nationalpartei (SNS), die sich durch eine beispiellose Geschwindigkeit und Radikalität der Reformen auszeichnet. Die Friedrich-Naumann-Stiftung warnt, dass liberale und progressive Werte zunehmend als Bedrohung für die slowakische Nation dargestellt werden, oft im Zusammenhang mit den Rechten von Minderheiten wie der LGBTQIA+-Gemeinschaft.

Deutschlands Weg als Kontrast zur Slowakei

Während die Slowakei queere Menschen rechtlich unsichtbar macht, geht Deutschland einen anderen Weg. Im April 2024 verabschiedete der Bundestag ein wegweisendes Gesetz, das Transgender und nicht-binären Menschen erlaubt, ihre rechtlichen Dokumente durch ein auf der Selbstbestimmung basierendes Verwaltungsverfahren anzupassen. Das Selbstbestimmungsgesetz trat im August 2024 in Kraft.

Das neue deutsche Gesetz macht deutlich, wie unterschiedlich die Entwicklungen in Europa verlaufen. Das Selbstbestimmungsgesetz ersetzt das veraltete Transsexuellengesetz von 1980, das von Trans*Personen zwei „Experten"-Gutachten verlangte. Das Bundesverfassungsgericht hatte zuvor bereits andere drakonische Aspekte des Gesetzes gekippt, darunter operative Eingriffe, die zur Anerkennung des Geschlechts erforderlich waren. Deutschland folgt damit Ländern wie Argentinien, Belgien, Dänemark, Irland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Portugal, Spanien und Uruguay, die bereits einfache Verwaltungsverfahren zur rechtlichen Anerkennung des Geschlechts eingeführt haben.

Ein Muster, das an Ungarn und Polen erinnert

Die Entwicklung in der Slowakei ist kein Einzelfall in Osteuropa. Die queere Organisation Iniciatíva Inakosť kritisierte, dass es ähnliche Gesetze bislang nur in Russland und Ungarn gebe. Die EU hat in der Vergangenheit Mitgliedsstaaten wie Ungarn oder Polen wegen Einschränkungen der Rechte von LGBTQ+-Personen unter Druck gesetzt – durch Vertragsverletzungsverfahren oder das Einfrieren von Fördergeldern.

In Ungarn hatte die Regierung 2020 ein Verbot von gleichgeschlechtlicher Adoption beschlossen und die Anerkennung von Trans-Personen abgeschafft. 2021 folgte ein Gesetz, das den Zugang von Minderjährigen zu Medien beschränkt, die der „Förderung oder Darstellung der Abweichung von der Geschlechtsidentität" dienen. Im Juli 2021 leitete die EU-Kommission Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn und Polen ein.

Was nun auf die Slowakei zukommt

Das nun eingeleitete Verfahren ist ein mehrstufiger Prozess. Die Kommission richtet ein Mahnschreiben an den jeweiligen Mitgliedstaat und fordert ihn zur Stellungnahme auf. Der Mitgliedstaat muss innerhalb einer festgelegten Frist antworten. Sollte die Slowakei ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, drohen letztlich finanzielle Sanktionen durch den Europäischen Gerichtshof.

Für queere Menschen in der Slowakei bedeutet die Verfassungsänderung eine dramatische Verschlechterung ihrer Lebenssituation. Sie werden nicht nur rechtlich unsichtbar gemacht, sondern auch von grundlegenden Rechten wie der Familiengründung ausgeschlossen. Die EU-Kommission sendet mit ihrem Vorgehen ein klares Signal: Die Grundwerte der Union – Gleichheit, Würde und Menschenrechte – sind nicht verhandelbar, auch nicht unter dem Deckmantel der „nationalen Souveränität".

Der Fall Slowakei wird zum Prüfstein dafür, wie entschlossen die Europäische Union ihre eigenen Werte verteidigt. In einer Zeit, in der rechtspopulistische Bewegungen in mehreren Mitgliedstaaten auf dem Vormarsch sind, ist dies keine Frage mehr nur der LGBTQIA+-Rechte, sondern des Zusammenhalts und der Glaubwürdigkeit der gesamten Europäischen Union.


Überraschende Wende: Linken-Politiker Ramelow verteidigt Klöckners Regenbogenfahnen-Verbot

Die Debatte um die Regenbogenfahne am Reichstagsgebäude hat eine überraschende Wendung genommen: Bodo Ramelow, ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen und seit März 2025 Vizepräsident des Deutschen Bundestags, stellt sich hinter die umstrittenen Entscheidungen von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU). Im Interview mit der Tageszeitung "Freies Wort" erklärte der prominente Linken-Politiker: "Ich stehe hinter den Entscheidungen von Julia Klöckner."

Kontroverse Entscheidung spaltet die Politik

Klöckner hatte entschieden, dass die Regenbogenfahne am Internationalen Tag gegen Homophobie am 17. Mai, nicht aber am Christopher Street Day in Berlin auf dem Reichstagsgebäude gehisst werden soll. Die Regenbogenflagge wurde erstmals 2022 unter Klöckners Vorgängerin Bärbel Bas (SPD) zum Berliner CSD auf dem Reichstagsgebäude gehisst. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge nannte Klöckners Entscheidung "ein fatales Signal".

Klöckner verteidigt ihre Entscheidung mit der "notwendigen politischen Neutralität der Verwaltung". Zusätzlich verbot sie dem queeren Netzwerk der Bundestagsverwaltung die offizielle Teilnahme am CSD – eine Maßnahme, die im Sommer für heftige Kritik sorgte. Aus Protest erschienen Abgeordnete von Grünen und Linken am 27. Juni in Regenbogenkleidung im Plenarsaal und setzten sich so hin, dass die Farben einer Regenbogenflagge glichen.

Ramelows überraschende Rechtfertigung

Der 69-jährige Bundestagsvizepräsident begründet seine Unterstützung mit pragmatischen Überlegungen: "Der Bundestag könne nicht bei jeder Großdemonstration in Berlin Fahnen der demonstrierenden Gruppierungen hissen, schließlich findet hier fast jede Woche eine Großdemonstration statt", zitiert ihn das "Freie Wort". Klöckner habe ihn gefragt, ob man dann künftig bei jeder Pro-Palästina-Demo die palästinensische Fahne hissen sollte – was er nur verneinen konnte.

Ramelow betont, er habe seine Position bereits im Sommer geäußert, sei von den Medien jedoch nur mit der Aussage zitiert worden, dass er in Erfurt alljährlich die Regenbogenfahne hissen ließ. "Doch sie ändert nichts daran, dass ich die Regelung, die Julia Klöckner getroffen hat, akzeptiere", so der Linken-Politiker.

Symboldebatte als Antwort auf Eskalation

Im Interview spricht Ramelow von einem "Überbietungswettbewerb der Provokationen durch Symbole im Parlament". Bei den Regeln gehe es "nicht um Kleinkariertheit, sondern darum, dass im Parlament wieder der Austausch von Argumenten im Vordergrund stehen soll und nicht der Kampf um immer extremere Symbole", erklärt er. Das Präsidium habe sich darauf verständigt, keine sichtbaren Pins oder Symbole zu tragen, "damit die Neutralität gewahrt bleibt".

Als Beispiel nennt Ramelow: "Wenn wir der einen Fraktion das Tragen der Farben der Reichsflagge verbieten, dann müssen wir anderen Abgeordneten auch das Tragen der Palästina-Flagge auf T-Shirts oder als Anstecker verbieten." Ausnahmen habe man für die rote Schleife der Aids-Hilfe und die gelbe Schleife für die Opfer des Hamas-Überfalls vom 7. Oktober gemacht.

Kritik aus der queeren Community bleibt bestehen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte: "In Zeiten rasant steigender Hasskriminalität gegen queere Menschen braucht es mehr Solidarität und öffentliche Sichtbarkeit. Denn wo die Persönlichkeitsrechte Einzelner angegriffen werden, sind die Grundrechte Aller in Gefahr." Politiker*innen von SPD, Grünen und Linken sowie queere Organisationen hatten in ihrer Kritik unter anderem auf die zunehmenden Übergriffe von Rechtsextremen auf Pride-Demonstrationen verwiesen.

Eine Petition gegen das Verbot der Regenbogenfahne sammelte mehr als 237.000 Unterschriften. Eine klare Mehrheit von 73 Prozent der Deutschen spricht sich gegen die Diskriminierung der LGBTQIA+-Community und für gleiche Rechte aus, wobei vor allem bei jungen Männern queerfeindliche Ansichten zunehmen.

Historischer Kontext der Beflaggung

Bärbel Bas hatte mit dem Hissen der Regenbogenflagge 2022 ein Zeichen der Solidarität mit Menschen gesetzt, die aufgrund ihrer sexuellen Identität diskriminiert werden. Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums, erklärte: "Die Regenbogenflagge repräsentiert das Streben nach Vielfalt, Respekt und Toleranz in der deutschen Gesellschaft. Daher ist sie für uns als materielles Gedächtnis deutscher Geschichte ein wichtiges Objekt."

Ramelows Position als prominenter Linken-Politiker macht deutlich, dass die Debatte über Symbole und Neutralität im Bundestag nicht entlang klassischer politischer Lager verläuft. Der seit März 2025 amtierende Bundestagsvizepräsident setzt mit seiner Unterstützung für Klöckner ein Zeichen, das viele in der queeren Community und seiner eigenen Partei überraschen dürfte – gerade in Zeiten, in denen die Anzahl der polizeilich erfassten Straftaten gegen die sexuelle Orientierung in Deutschland 2024 mit 1.765 Fällen einen traurigen Höhepunkt erreichte.


Wenn die Vergangenheit anklopft: Cold-Case-Erfolg nach 43 Jahren

Fast 43 Jahre mussten vergehen, bis die Polizei Hamburg einen Durchbruch in einem Mordfall erzielen konnte, der die queere Community erschüttert: Die Polizei Hamburg hat am Mittwoch in Finkenwerder einen 61-jährigen Mann verhaftet, der im Verdacht steht, im Januar 1983 einen Mord in Hammerbrook begangen zu haben. Das Opfer war ein 41-jähriger Sexarbeiter, der in seinem Wohnwagen erschossen wurde. Der Fall zeigt eindrucksvoll, wie moderne DNA-Technologie selbst Jahrzehnte alte Verbrechen aufklären kann – und wirft gleichzeitig ein Licht auf die anhaltende Vulnerabilität queerer Menschen und Sexarbeitender.

Der älteste Cold Case der Hamburger Polizei

Eine DNA-Spur führte schließlich zur Identifizierung des Tatverdächtigen. Nach Angaben der Polizei handelt es sich um den "mutmaßlich bisher ältesten Fall", bei dem die Cold Case Unit der Polizei Hamburg einen Fahndungserfolg erzielt hat. Der heute 61-Jährige war zur Tatzeit gerade einmal 19 Jahre alt.

Der Durchbruch kam durch die erneute Untersuchung der damals gesicherten Spuren mit moderner Kriminaltechnik. Da Mord oder andere schwere Straftaten in zahlreichen Ländern nicht oder erst nach mehreren Jahrzehnten verjähren und sich die Kriminaltechnik ständig weiterentwickelt, beispielsweise die DNA-Analyse, sowie aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse hinsichtlich Tatort- oder Täterverhaltensanalyse (Operative Fallanalyse), können ungeklärte Mordfälle mitunter auch nach Jahrzehnten noch aufgeklärt und die Täter verurteilt werden.

460 Cold Cases warten auf Aufklärung

Die Dimension ungelöster Verbrechen in Hamburg ist beachtlich: 18 der Altfälle werden zurzeit bearbeitet, wie der Senat auf eine Anfrage der AfD-Bürgerschaftsfraktion mitteilte. Zu den übrigen 443 Fällen liegen aktuell keine Ermittlungsansätze vor. Es handele sich ausschließlich um vollendete oder versuchte Tötungsdelikte sowie Vermisstenfälle, bei denen die Polizei von einem Tötungsdelikt ausgehe.

Die ersten Einheiten wurden in den Jahren 2015 und 2016 gegründet, manchmal auch als „Soko Altfälle" bezeichnet, etwa in Schleswig-Holstein, Thüringen und Hamburg. Diese spezialisierten Teams können sich im Gegensatz zu regulären Mordkommissionen ausschließlich auf alte Fälle konzentrieren, ohne durch aktuelle Taten abgelenkt zu werden.

Ein zweiter Fall mit tragischem Ausgang

Der aktuelle Erfolg erinnert an einen anderen Hamburger Cold Case mit queerer Dimension: Im Oktober 2023 wurde ein Mann in Großbritannien festgenommen – über 32 Jahre nach dem gewaltsamen Tod eines schwulen Blumenhändlers in Hamburg-Horn. Mit Flasche geschlagen, gefesselt und erdrosselt: 1992 starb ein 60-Jähriger Blumenhändler in Hamburg durch enorme Gewaltanwendung.

Der Fall nahm jedoch eine bittere Wendung: Im vergangenen Jahr wurde der angeklagte Rumäne, ein ehemaliger Sexarbeiter, vom Landgericht Hamburg freigesprochen. Zwar war das Gericht überzeugt, dass der Mann den Blumenhändler getötet hatte – allerdings ließen sich die für eine Mordverurteilung nötigen Tatmerkmale nicht mehr nachweisen. Im Gegensatz zu Mord verjährt Totschlag nach 20 oder in besonderen Fällen nach 30 Jahren.

Gewalt gegen queere Menschen und Sexarbeitende

Die beiden Fälle werfen ein grelles Licht auf eine bedrückende Realität: 2024 Insgesamt verzeichnete die Polizei in Hamburg 149 Straftaten in den Bereichen „Geschlechtsbezogene Diversität" und „Sexuelle Orientierung". In 38 Fällen waren diese Straftaten mit Gewalt verbunden. Besonders alarmierend: In Hamburg gibt es einen Anstieg von 75 Prozent, zeigen neuen Zahlen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um 75 Prozent.

Sexarbeitende, besonders wenn sie der LGBTQ+ Community angehören, befinden sich in einer doppelt prekären Situation. Später übersteht sie die Aids-Krise, den Koks-Konsum in der Szene, die wachsende Gewalt, einen Zusammenbruch mit Depressionen. Diese Beschreibung aus einer ZDF-Dokumentation über eine Hamburger Domina illustriert die vielfältigen Gefahren, denen Menschen in diesem Milieu ausgesetzt sind.

Die Bedeutung der DNA-Revolution

Der aktuelle Ermittlungserfolg verdeutlicht die transformative Kraft moderner Forensik. Mit ganz neuen Forschungsmethoden gehen die Ermittler an die Fälle ran – so werden etwa Klebestreifen, an denen winzige Kleidungspartikel des Täters haften könnten, Stück für Stück unter ein Mikroskop gelegt, um die DNA des Täters aufzuspüren. Diese technologischen Fortschritte geben Opfern und ihren Angehörigen neue Hoffnung auf späte Gerechtigkeit.

Für die queere Community hat dieser Fall eine besondere Bedeutung: Er zeigt, dass selbst Jahrzehnte später nicht vergessen wird. Dass das Leben eines Sexarbeiters genauso zählt wie jedes andere. Und dass moderne Ermittlungsmethoden dazu beitragen können, Verbrechen aufzuklären, die in einer Zeit begangen wurden, als queere Menschen und Sexarbeitende noch stärker marginalisiert waren als heute.

Der verhaftete Tatverdächtige sitzt nun in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen dauern an. Nach fast 43 Jahren könnte der Fall endlich eine juristische Klärung finden – ein kleiner Trost für alle, die damals um das Opfer trauerten.


Staatsanwaltschaft ermittelt gegen spanischen Bischof wegen Äußerungen zu "Homo-Heilung"

Die Staatsanwaltschaft Madrid hat Ermittlungen gegen den katholischen Bischof von Orihuela-Alicante, José Ignacio Munilla, aufgenommen. Hintergrund ist eine Anzeige, die dem Geistlichen Hass- und Diskriminierungsdelikte gegenüber der LGBTQ+-Community vorwirft. Der Bischof steht unter Verdacht, in öffentlichen Äußerungen die in Spanien seit 2023 verbotenen Konversionstherapien verteidigt zu haben, wie die katholische Zeitung "Die Tagespost" und queer.de berichten.

Der Vorwurf: Verteidigung verbotener "Therapien"

Die Bürgerplattform "Tu pueblo y el mío" hat Munilla vorgeworfen, in einer Radiosendung im Mai 2025 die Konversionstherapien verteidigt zu haben, indem er von der "Begleitung" homosexueller Menschen zu einem Leben in Keuschheit sprach. Nach Artikel 510 des spanischen Strafgesetzbuches drohen für die öffentliche Förderung von Hass oder Diskriminierung gegen Personen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Haftstrafen von einem bis vier Jahren.

Die Staatsanwaltschaft verweist in ihrer Begründung auch auf die Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs, wonach die Meinungsfreiheit keine Äußerungen schützt, die Verachtung oder Erniedrigung gegenüber historisch diskriminierten Gruppen bedeuten. Internationale Berichte der Vereinten Nationen betrachten Konversionstherapien als Form unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung.

Bischof weist Vorwürfe zurück

Munilla bestreitet die Anschuldigungen vehement und bezeichnet die Anzeige als Versuch, "die Kirche einzuschüchtern", damit sie die christliche Botschaft nicht mehr frei verkünde. Er behauptet, noch keine offizielle Mitteilung von der Staatsanwaltschaft erhalten zu haben, was seiner Meinung nach zeige, dass es mehr um mediales als um juristisches Interesse gehe.

Der Bischof findet es "ironisch", dass die Freiheit zum Geschlechtswechsel verteidigt werde, homosexuellen Menschen aber eine freiwillige "therapeutische Entscheidung" vorenthalten werde. Er betont, die Kirche werde weiterhin Menschen mit homosexuellen Neigungen spirituelle Hilfe anbieten, um in Keuschheit zu leben.

Auch in Deutschland: Konversionstherapien seit 2020 verboten

Der spanische Fall wirft auch ein Schlaglicht auf die deutsche Rechtslage. In Deutschland sind Konversionstherapien bei allen Minderjährigen bis 18 Jahre seit 2020 verboten. Verstöße können mit Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr oder hohen Bußgeldern geahndet werden. Das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen verbietet medizinische und andere Interventionen, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität einer Person zu verändern oder zu unterdrücken – ebenso wie die Werbung dafür.

Die Weltgesundheitsorganisation hat klargestellt, dass Homosexualität keine Krankheit ist. Der Weltärztebund verurteilte 2013 Konversionstherapien als Menschenrechtsverletzung und als mit der ärztlichen Ethik unvereinbar. Wissenschaftlich nachgewiesen sind schwerwiegende gesundheitliche Schäden durch solche "Therapien", darunter Depressionen, Angsterkrankungen, Verlust sexueller Gefühle und ein erhöhtes Suizidrisiko.

Katholische Kirche in Deutschland: Ein anderer Weg

Während der spanische Bischof Konversionstherapien verteidigt, zeigt sich die katholische Kirche in Deutschland offener. Bei der Synodalversammlung des "Synodalen Wegs" forderte der Hamburger Erzbischof Stefan Heße 2020 neue Wege zur Beurteilung von Homosexualität. Im September 2022 wurde der Handlungstext "Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität" mit 92 Prozent der Delegierten und 83 Prozent der Bischöfe angenommen. Die Synodalversammlung beschloss, dass Segensfeiern für homosexuelle Paare ermöglicht werden sollen.

Die ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche begrüßte das deutsche Verbot von Konversionstherapien als wichtiges Signal. Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass die katholische Kirche mit ihrer Lehre, homosexuelles Empfinden sei nicht sündhaft, das Ausleben dieser Gefühle aber schon, Menschen ein schlechtes Gewissen macht und mitverantwortlich dafür ist, dass manche solche "Therapien" in Betracht ziehen.

Ein wichtiges Signal gegen Diskriminierung

Die Ermittlungen in Spanien zeigen, wie wichtig gesetzliche Verbote von Konversionstherapien sind – und dass deren Durchsetzung ständige Wachsamkeit erfordert. Die Plattform "Tu pueblo y el mío" betont, dass sich die Anzeige nicht gegen die Kirche oder den Glauben richte, sondern gegen konkrete Äußerungen, die die Staatsanwaltschaft als ausreichend schwerwiegend erachtet habe, um Ermittlungen zu eröffnen.

Während in Deutschland das rechtliche Fundament für den Schutz von LGBTQ+-Personen vor schädlichen "Umpolungsversuchen" gelegt ist, zeigt der Fall aus Spanien, dass religiöse Akteure weltweit versuchen, diese Praktiken unter dem Deckmantel der "seelsorglichen Begleitung" fortzusetzen. Die Wissenschaft ist eindeutig: Homosexualität ist keine Krankheit und bedarf keiner Therapie – im Gegenteil, solche Versuche verursachen schweres Leid.


Rechtsextreme Anti-CSD-Mobilisierung: Eine wachsende Bedrohung für queere Menschen in Deutschland

Eine neue Studie des gemeinnützigen "Center für Monitoring, Analyse und Strategie" (Cemas) schlägt Alarm: Jede fünfte CSD-Veranstaltung in Deutschland war 2025 von rechten Gegenversammlungen und Störaktionen betroffen. Die am Freitag veröffentlichte Untersuchung mit dem Titel "Keine Entwarnung: Rechtsextreme Anti-CSD-Aufmärsche zwischen Fragmentierung und Kontinuität" zeichnet ein beunruhigendes Bild einer sich professionalisierenden rechtsextremen Bewegung, die gezielt queere Sichtbarkeit angreift.

Mehr Aufmärsche, aber kleinere Teilnehmerzahlen

In diesem Jahr wurden 47 rechtsextreme Anti-CSD-Aufmärsche gezählt, im vergangenen Jahr waren es 33. Gleichzeitig sank die durchschnittliche Zahl der Teilnehmer von 134 im vergangenen Jahr auf 62. Diese Fragmentierung bedeutet jedoch keine Entwarnung: Die meisten Demonstrationen gab es in Sachsen (11), gefolgt von Thüringen (6), mit den meisten Teilnehmenden in Bautzen (450), Magdeburg und Grevesmühlen (jeweils 350).

Von den bundesweit insgesamt 237 CSD- und Pride-Veranstaltungen zwischen 26. April und 25. Oktober wurde damit ein erschreckend hoher Anteil zur Zielscheibe rechtsextremer Mobilisierung. Die Studie basiert auf der Auswertung von Angriffen auf Pride-Veranstaltungen, Medienberichten und Internetaktivitäten.

Junge Neonazis als treibende Kraft

Besonders zentral für die Anti-CSD-Mobilisierung seien die aktionsorientierten, rechtsextremen Jugendgruppen "Junge Nationalisten" und "Deutsche Jugend Voran". Diese Gruppen, die Cemas als Teil einer neu entstehenden Subkultur größtenteils jugendlicher und gewaltorientierter Rechtsextremer einordnet, nutzen systematisch soziale Medien zur Rekrutierung.

Vernetzung und Mobilisierung erfolgte vor allem auf Instagram und TikTok. Laut CeMAS sind die hauptsächlichen Kommunikationsmittel der neuen rechten Jugendbewegungen öffentliche Social-Media-Plattformen wie Instagram, WhatsApp und TikTok. Die Jungen Nationalisten, Jugendorganisation der rechtsextremen Partei "Die Heimat" (vormals NPD), haben deutlich stärker als im Vorjahr versucht, von der Stimmungsmache gegen queere Menschen zu profitieren.

Ostdeutschland im Fokus der Gewalt

Die größten rechtsextremen Mobilisierungen fanden ausnahmslos in Ostdeutschland statt. In Bautzen beispielsweise nahmen nach Polizeiangaben 500 Neonazis an dem Aufmarsch teil – weniger als im Vorjahr, doch nicht weniger gewaltbereit. In Grevesmühlen mobilisierte der bekannte Rechtsextremist Sven Krüger unter dem Motto "Für Familie, Heimat & Tradition – statt CSD, Pädophilie und Perversion!" rund 350 Gleichgesinnte.

In Bautzen demonstrierten 700 Rechtsextreme gegen 1.000 CSD-Teilnehmende, in Görlitz waren es 460 Rechtsextreme gegen 700 CSD-Besucher:innen. Die Rechtsextremen versuchten durch ihre zahlenmäßige Präsenz systematisch, das Ausmaß ihrer Mobilisierung als Mittel zur Einschüchterung der CSD-Teilnehmenden zu nutzen.

Der "Stolzmonat": AfD als Stichwortgeber

Die rechtsextremen Proteste sind keine isolierte Erscheinung. Als strategisches Gegennarrativ etablierte sich der sogenannte "Stolzmonat" als Reaktion auf den Pride Month. Die AfD und ihre Anhänger fluten seit 2023 die sozialen Netzwerke mit Bildern, in denen ein schwarz-rot-goldener "Stolzmonat" propagiert wird, wobei die Deutschlandfahne meist in sieben Farben gezeigt wird, um die Regenbogenflagge zu imitieren.

Hinter der Kampagne steckt ein metapolitischer Social Media-Kaperungsversuch, welcher den Pride Monat gezielt untergraben möchte, um dadurch queere Menschen zu verhöhnen und weiter zu marginalisieren. Die Kampagne wird von der AfD systematisch beworben und zeigt laut Cemas-Bericht, wie Rechtsextreme "stets an bestehende gesellschaftliche Ressentiments anzuknüpfen" versuchen.

Strategische Bedrohung für demokratische Werte

"Hinter der scheinbar spontanen Jugendprotestkultur verbergen sich zunehmend strategische Bestrebungen etablierter rechtsextremer Strukturen", sagte Joe Düker, der sich bei Cemas mit Rechtsextremismus befasst. "Ihr Ziel ist es, queere Sichtbarkeit anzugreifen und demokratische Grundwerte zu untergraben".

Die Studie betont, dass die queerfeindlichen Proteste "als strategischer Versuch verstanden werden können, die breite Gesellschaft empfänglicher für rechtsextremes Gedankengut zu machen". Das selbstbewusste Auftreten der neuen rechtsextremen Jugendbewegungen führen die Forschenden auf die allgemein steigende Zahl an Hassverbrechen gegen LSBTIQ*-Personen zurück, wobei die Gruppen von einer größeren gesellschaftlichen Unterstützung ausgehen.

Was muss jetzt passieren?

Die Autor*innen der Studie empfehlen konkrete Maßnahmen: Der politische Druck auf Social-Media-Plattformen sollte erhöht werden, um rechtsextreme Mobilisierung zu unterbinden. Alle rechtlichen Maßnahmen zur Bekämpfung neonazistischer Gruppen müssen geprüft werden. Zudem sollten präventive Ansätze wie Deradikalisierungsprogramme und die Stärkung demokratischer Bildung priorisiert werden.

Das Fazit der Studie ist eindeutig: "Queerfeindlichkeit sollte durch ein breites Bündnis von Demokrat:innen konsequent entgegengetreten werden." Denn die Zahl queerfeindlicher Straftaten steigt seit Jahren an – von etwa 1.785 Fällen im Jahr 2023 auf 2.917 Fälle im Jahr 2024. Die Bedrohung ist real, koordiniert und verlangt nach einer entschlossenen demokratischen Antwort.

Für 2025 ist bereits jetzt absehbar: Solche Angriffe müssen wir auch im nächsten Jahr wieder erwarten – nicht nur in Ostdeutschland. Die queere Community braucht mehr denn je Solidarität und Schutz – nicht nur während der Pride-Saison, sondern das ganze Jahr über.


Berliner AfD demonstriert gegen Dragqueens: Zwischen Kinderrechten und politischem Kulturkampf

Am kommenden Sonntag will die Berliner AfD vor dem Humboldt-Forum gegen eine Bilderbuchlesung durch die Dragqueens Vivienne Lovecraft und Kaey demonstrieren. Die Veranstaltung findet anlässlich des UN-Kinderrechte-Tags am 20. November statt, dem Tag, an dem vor 35 Jahren die UN-Kinderrechtskonvention verabschiedet wurde. Auch eine Gegendemo unter dem Titel "Berlin steht gegen die AfD – 100 Drag Queens für ein buntes Berlin!" wurde angemeldet.

Zwischen Bilderbüchern und Falschinformationen

Bei der Drag Story Hour stehen die Bilderbücher "Teddy Tilly" der australischen Autorin Jessica Walton sowie "Wählt Wolf!" des Italieners David Cali auf dem Programm. "Teddy Tilly" handelt von einem Stoffbär, der nicht mehr Thomas sondern Tilly heißen möchte. "Wählt Wolf" zeigt die Gefahren von Populismus auf. Drag Story Hour ist eine in San Francisco (USA) gegründete Organisation, die sich für Akzeptanz und Liebe einsetzt. Seit 2018 ist sie auch in Berlin mit Veranstaltungen für Kinder und Familien aktiv.

Doch die AfD verbreitet eine völlig andere Darstellung: Auf ihrem Plakat ist eine Comic-Dragqueen in einem tief ausgeschnittenen Paillettenkleid abgebildet, die aus einem Buch mit dem Titel "SEX" in Regenbogenfarben liest. Der Berliner AfD-Vizefraktionschef Thorsten Weiß behauptet, es gehe um "eine nicht wünschenswerte Frühsexualisierung von Kindern durch die Konfrontation mit sexualisierter Thematik".

Museumsdirektorin widerspricht vehement

Sophie Plagemann, Direktorin des Berliner Stadtmuseums, bezeichnet das AfD-Bild als haltlose Darstellung ohne Bezug zur Veranstaltung. "Bei unserem Programmtag und damit auch bei dieser Veranstaltung geht es jedenfalls um Vielfalt und um die Rechte von Kindern auf Selbstbestimmung", betont sie.

Auf ihrer Website verteidigt das Stadtmuseum die Lesung vehement: Sie fördere "Fantasie, Lesefreude und kulturelle Teilhabe". Drag sei "eine künstlerische Ausdruckform des Verkleidens und Übertreibens – vergleichbar mit Theater, Märchenfiguren oder Kostümfesten, was Kindern sehr vertraut ist".

Nicht nur die AfD: Auch etablierte Parteien hetzten

Der aktuelle Protest ist kein Einzelfall. Bereits vor zwei Jahren gab es öffentlichkeitswirksamen Protest gegen Veranstaltungen, bei denen Dragqueens Kindern vorlasen, losgetreten wurde die Debatte damals von einem CSU-Politiker in München. Dabei kamen die Hassbotschaften nicht nur von der AfD, sondern auch von etablierten Parteien.

Der stellvertretende bayerische Ministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sprach von "Kindswohlgefährdung", die frühere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) brachte den Begriff "Pädophilie" in die Debatte ein. Der Münchner SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter zeigte für "diese Art Programm kein Verständnis".

Der Fall Jurassica Parka und die Sippenhaft

Drag-Gegner fühlen sich nun bestärkt, nachdem im Oktober bekannt wurde, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Vorwurfs des Besitzes und der Verbreitung von kinderpornografischem Material ermittelt wird. Im Zuge der Ermittlungen wurde publik, dass Parka bereits 2023 für die Verbreitung sowie den Erwerb und Besitz kinderpornografischer Schriften zu einer Geldstrafe verurteilt worden war.

Ehemalige Kolleginnen beendeten schnell die Zusammenarbeit mit Parka und betonten, dass der Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt nicht verhandelbar sei. Dennoch versuchen die AfD und konservative Kräfte seither, alle Dragqueens für das mutmaßliche Vergehen in Sippenhaft zu nehmen – eine Strategie, die auch international von rechten Bewegungen eingesetzt wird.

Die Dragqueens stehen zu ihrem Engagement

Die Dragqueen Kaey betont, der Protest der AfD habe sie durchaus verunsichert, über ein Absagen der Veranstaltung habe sie allerdings nicht nachgedacht. "Ich bin selbst in einer Zeit aufgewachsen, in der es keine queere Repräsentation für Kinder und Jugendliche gab. Ich hätte mir gewünscht, solche Bücher zu haben, die wir jetzt vorlesen. Manchmal muss ich meine Tränen unterdrücken, weil es mich so berührt, dass ein Kind jetzt lernen kann, dass es okay ist, anders zu sein", erklärt sie im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Ein Blick über die Grenzen: Deutschland im Kontext

Die Kontroverse um Drag-Vorlesestunden ist kein rein deutsches Phänomen. Die Tradition kommt aus den USA, wo sie 2015 entstand und Nachahmer in vielen Ländern gefunden hat. An den Anlässen, die für Diversität, Inklusion und Toleranz werben, lesen Dragqueens und -kings Geschichten mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Vielfalt, Identität und Geschlecht.

Auch in anderen Ländern sorgen die Veranstaltungen für Kontroversen. Die Debatten folgen dabei oft ähnlichen Mustern: Rechte Gruppen nutzen das Thema für ihre politische Agenda, während eine Drag-Queen per se keine Gefahr für Kinder darstellt, wie mehrere Expertinnen und Experten betonen.

Der politische Kontext: AfD im Fokus

Die Demonstration findet in einem angespannten politischen Klima statt. Im Januar 2024 protestierten mehr als 100.000 Menschen vor dem Bundestag gegen die AfD und den Rechtsruck, nachdem eine Correctiv-Recherche ein Geheimtreffen mit Rechtsextremen und AfD-Vertretern zu "Remigrations"-Plänen enthüllt hatte.

Die sonntägliche Drag-Lesung wird somit zum Symbol eines größeren Kulturkampfs: Auf der einen Seite steht eine rechtsextreme Partei, die queere Menschen und ihre Sichtbarkeit bekämpft. Auf der anderen Seite stehen jene, die für Vielfalt, Kinderrechte und eine offene Gesellschaft eintreten – passend zum Motto des diesjährigen Aktionstags "Kinderrechte leben. Demokratie stärken".


Trans-Frau in Lebensgefahr: Trump-Regierung deportiert Britania Uriostegui Rios trotz Gerichtsverbot nach Mexiko

In einem erschütternden Fall hat die Trump-Administration im November 2025 eine trans Frau „versehentlich" nach Mexiko deportiert – und das trotz einer eindeutigen Gerichtsentscheidung, die genau dies verbieten sollte. Die Trump-Administration gab zu, dass sie Britania Uriostegui Rios „versehentlich" nach Mexiko abgeschoben hat, nachdem ein Richter angeordnet hatte, sie dürfe nicht in das Land abgeschoben werden aus Angst, sie könnte gefoltert oder gewaltsam verfolgt werden, wie der Originalfall auf PinkNews dokumentiert.

Eine Frau kämpft ums Überleben

Ohne ihre Anwältin zu benachrichtigen, wurde Rios letzte Woche vom Winn Correctional Center in Winnfield, Louisiana, nach Harlingen, Texas, nahe der Grenze zwischen den USA und Mexiko geflogen, ohne Geld, ohne ihre Medikamente für psychische Gesundheit und HIV-Prävention, ohne geschlechtsangleichende Hormone und ohne ihr Telefon. Die Situation ist verzweifelt: Ihre Anwältin Pranzatelli erklärte gegenüber CNN: „Britania ist eine trans Frau, die extremes Trauma durchlebt hat, darunter sexuellen Menschenhandel durch Kartelle, als sie erst 12 Jahre alt war".

Seit ihrer Ankunft in Mexiko versteckt sich Rios bei Verwandten. Doch ihre Familie akzeptiert ihre Identität als trans Frau nicht, weshalb sie gezwungen ist, ihren Deadname zu verwenden und ihre Identität zu verbergen – eine Situation, die ihr erhebliche psychische Qualen bereitet. Noch dramatischer: Seit sie nach Mexiko geschickt wurde, schützt Uriostegui Rios ihre Identität, während sie bei ihrer Familie Zuflucht sucht, aus Angst, dass sie entdecken, dass sie trans ist, und sie hinauswerfen.

Mexiko: Ein tödliches Land für trans Frauen

Die Abschiebung nach Mexiko bedeutet für Britania eine akute Lebensgefahr. Mexiko gehört laut dem Trans Murder Monitoring Project zu den tödlichsten Ländern der Welt für transgender Menschen. Die Zahlen sprechen eine erschreckende Sprache: Die Organisation Transrespect dokumentierte 701 Morde an trans Menschen in Mexiko zwischen 2008 und 2023, was Mexiko weltweit an zweiter Stelle nach Brasilien bei Gewalt gegen trans Menschen platziert.

Im Jahr 2024 wurden 50 Femizide an trans Frauen begangen, davon 27 mit Schusswaffen. Besonders alarmierend: Medienberichte deuten darauf hin, dass allein im Januar 36 Morde an trans Frauen gemeldet wurden, wobei allein in den Monaten Juni und Juli mindestens 8 trans Personen in verschiedenen Bundesstaaten Mexikos ermordet wurden.

Parallelen zu Deutschland: Auch hier sind trans Geflüchtete gefährdet

Der Fall wirft auch Fragen zur Situation in Deutschland auf. Während Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung und/oder der Geschlechtsidentität in der europäischen und deutschen Rechtsprechung als Fluchtgrund anerkannt ist, zeigen sich in der Praxis erhebliche Herausforderungen. Laut der EU-Qualifikationsrichtlinie 2011/95/EU ist eine Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ein anerkannter Asylgrund, wie der LSVD informiert.

Doch die Realität sieht oft anders aus. Noch immer gibt es beträchtliche Hürden für verfolgte LSBTIQ*, in Deutschland anerkannt zu werden. Besonders problematisch: Für geflüchtete trans* und intergeschlechtliche Personen im laufenden Asylverfahren ist die Möglichkeit des selbstbestimmten Geschlechtseintrages von enormer Bedeutung, wie das neue Selbstbestimmungsgesetz zeigt.

„Die Regierung kann nicht vertrauen"

Der Fall markiert das jüngste Beispiel dafür, wie die Trump-Administration unrechtmäßig jemanden abschieben lässt, der durch Gerichtsbeschlüsse oder besonderen Status geschützt ist, während sie das Ziel des Präsidenten verfolgt, ein historisches Massenabschiebungsprogramm durchzuführen. Die US-Regierung bietet Rios zwar an, zurückkehren zu dürfen – aber nur, wenn sie es lebend zur Grenze schafft. Ihre Anwälte fordern, dass sie nicht in die Bundesgewahrsam zurückkehren muss, sobald sie wieder in den USA ist – „falls sie es schafft, einen Grenzübergang zu erreichen, ohne zu sterben".

Wenn Uriostegui Rios in der Lage ist, in die USA zurückzukehren, bittet ihr Rechtsteam darum, dass sie aus dem ICE-Gewahrsam entlassen wird und unter einer Überwachungsanordnung nach Hause gehen darf, mit der Begründung: „Der Regierung kann nicht vertraut werden, dass sie das Gesetz befolgt" oder Gerichtsbeschlüsse einhält.

Trans Menschen in ICE-Haft: Systematisches Leid

Der Fall Britania Uriostegui Rios steht nicht allein. Trans Menschen in Gewahrsam – in Abschiebehaftanstalten sowie in Gefängnissen – sind einem erhöhten Risiko verbaler Belästigung, medizinischer Vernachlässigung einschließlich der Verweigerung geschlechtsangleichender Versorgung, sich verschlechternder psychischer Gesundheit, verlängerter Einzelhaft und körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt.

Die Trump-Administration hat systematisch Schutzmaßnahmen abgebaut: In den letzten Monaten hat ICE Verträge für mindestens zwei Haftzentren in Florida und New York geändert, um Anforderungen zur Trans-Versorgung zu entfernen, wie The Intercept berichtete. Noch alarmierender: Seit Februar 2025, kurz nachdem Präsident Donald Trump sein Amt antrat, hat ICE aufgehört, diese Zahlen zu melden, trotz einer Anforderung aus dem Jahr 2021, dass die Behörde diese Zahlen offenlegen muss.

Ein Kampf um Würde und Überleben

Während Britania Uriostegui Rios in Mexiko um ihr Überleben kämpft, verdeutlicht ihr Fall die tödlichen Konsequenzen einer Politik, die trans Menschen systematisch entmenschlicht. Ein Richter blockierte gleichzeitig die Regierung daran, Uriostegui Rios in ihr Heimatland Mexiko abzuschieben, mit der Feststellung, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie dort „Folter" erfahren könnte – doch genau dorthin wurde sie deportiert.

Der Fall wirft fundamentale Fragen über Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und den Schutz besonders vulnerabler Gruppen auf – sowohl in den USA als auch hier in Deutschland, wo trans Geflüchtete ebenfalls mit erheblichen Hürden konfrontiert sind. Britania Uriostegui Rios' Geschichte ist eine dringende Mahnung: Trans Leben sind nicht verhandelbar, und ihr Schutz muss überall gewährleistet werden – auch und gerade im Asylsystem.


Trans-Frau in Lebensgefahr: Trump-Regierung deportiert Britania Uriostegui Rios trotz Gerichtsverbot nach Mexiko

In einem erschütternden Fall hat die Trump-Administration im November 2025 eine trans Frau „versehentlich" nach Mexiko deportiert – und das trotz einer eindeutigen Gerichtsentscheidung, die genau dies verbieten sollte. Die Trump-Administration gab zu, dass sie Britania Uriostegui Rios „versehentlich" nach Mexiko abgeschoben hat, nachdem ein Richter angeordnet hatte, sie dürfe nicht in das Land abgeschoben werden aus Angst, sie könnte gefoltert oder gewaltsam verfolgt werden, wie der Originalfall auf PinkNews dokumentiert.

Eine Frau kämpft ums Überleben

Ohne ihre Anwältin zu benachrichtigen, wurde Rios letzte Woche vom Winn Correctional Center in Winnfield, Louisiana, nach Harlingen, Texas, nahe der Grenze zwischen den USA und Mexiko geflogen, ohne Geld, ohne ihre Medikamente für psychische Gesundheit und HIV-Prävention, ohne geschlechtsangleichende Hormone und ohne ihr Telefon. Die Situation ist verzweifelt: Ihre Anwältin Pranzatelli erklärte gegenüber CNN: „Britania ist eine trans Frau, die extremes Trauma durchlebt hat, darunter sexuellen Menschenhandel durch Kartelle, als sie erst 12 Jahre alt war".

Seit ihrer Ankunft in Mexiko versteckt sich Rios bei Verwandten. Doch ihre Familie akzeptiert ihre Identität als trans Frau nicht, weshalb sie gezwungen ist, ihren Deadname zu verwenden und ihre Identität zu verbergen – eine Situation, die ihr erhebliche psychische Qualen bereitet. Noch dramatischer: Seit sie nach Mexiko geschickt wurde, schützt Uriostegui Rios ihre Identität, während sie bei ihrer Familie Zuflucht sucht, aus Angst, dass sie entdecken, dass sie trans ist, und sie hinauswerfen.

Mexiko: Ein tödliches Land für trans Frauen

Die Abschiebung nach Mexiko bedeutet für Britania eine akute Lebensgefahr. Mexiko gehört laut dem Trans Murder Monitoring Project zu den tödlichsten Ländern der Welt für transgender Menschen. Die Zahlen sprechen eine erschreckende Sprache: Die Organisation Transrespect dokumentierte 701 Morde an trans Menschen in Mexiko zwischen 2008 und 2023, was Mexiko weltweit an zweiter Stelle nach Brasilien bei Gewalt gegen trans Menschen platziert.

Im Jahr 2024 wurden 50 Femizide an trans Frauen begangen, davon 27 mit Schusswaffen. Besonders alarmierend: Medienberichte deuten darauf hin, dass allein im Januar 36 Morde an trans Frauen gemeldet wurden, wobei allein in den Monaten Juni und Juli mindestens 8 trans Personen in verschiedenen Bundesstaaten Mexikos ermordet wurden.

Parallelen zu Deutschland: Auch hier sind trans Geflüchtete gefährdet

Der Fall wirft auch Fragen zur Situation in Deutschland auf. Während Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung und/oder der Geschlechtsidentität in der europäischen und deutschen Rechtsprechung als Fluchtgrund anerkannt ist, zeigen sich in der Praxis erhebliche Herausforderungen. Laut der EU-Qualifikationsrichtlinie 2011/95/EU ist eine Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität ein anerkannter Asylgrund, wie der LSVD informiert.

Doch die Realität sieht oft anders aus. Noch immer gibt es beträchtliche Hürden für verfolgte LSBTIQ*, in Deutschland anerkannt zu werden. Besonders problematisch: Für geflüchtete trans* und intergeschlechtliche Personen im laufenden Asylverfahren ist die Möglichkeit des selbstbestimmten Geschlechtseintrages von enormer Bedeutung, wie das neue Selbstbestimmungsgesetz zeigt.

„Die Regierung kann nicht vertrauen"

Der Fall markiert das jüngste Beispiel dafür, wie die Trump-Administration unrechtmäßig jemanden abschieben lässt, der durch Gerichtsbeschlüsse oder besonderen Status geschützt ist, während sie das Ziel des Präsidenten verfolgt, ein historisches Massenabschiebungsprogramm durchzuführen. Die US-Regierung bietet Rios zwar an, zurückkehren zu dürfen – aber nur, wenn sie es lebend zur Grenze schafft. Ihre Anwälte fordern, dass sie nicht in die Bundesgewahrsam zurückkehren muss, sobald sie wieder in den USA ist – „falls sie es schafft, einen Grenzübergang zu erreichen, ohne zu sterben".

Wenn Uriostegui Rios in der Lage ist, in die USA zurückzukehren, bittet ihr Rechtsteam darum, dass sie aus dem ICE-Gewahrsam entlassen wird und unter einer Überwachungsanordnung nach Hause gehen darf, mit der Begründung: „Der Regierung kann nicht vertraut werden, dass sie das Gesetz befolgt" oder Gerichtsbeschlüsse einhält.

Trans Menschen in ICE-Haft: Systematisches Leid

Der Fall Britania Uriostegui Rios steht nicht allein. Trans Menschen in Gewahrsam – in Abschiebehaftanstalten sowie in Gefängnissen – sind einem erhöhten Risiko verbaler Belästigung, medizinischer Vernachlässigung einschließlich der Verweigerung geschlechtsangleichender Versorgung, sich verschlechternder psychischer Gesundheit, verlängerter Einzelhaft und körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt.

Die Trump-Administration hat systematisch Schutzmaßnahmen abgebaut: In den letzten Monaten hat ICE Verträge für mindestens zwei Haftzentren in Florida und New York geändert, um Anforderungen zur Trans-Versorgung zu entfernen, wie The Intercept berichtete. Noch alarmierender: Seit Februar 2025, kurz nachdem Präsident Donald Trump sein Amt antrat, hat ICE aufgehört, diese Zahlen zu melden, trotz einer Anforderung aus dem Jahr 2021, dass die Behörde diese Zahlen offenlegen muss.

Ein Kampf um Würde und Überleben

Während Britania Uriostegui Rios in Mexiko um ihr Überleben kämpft, verdeutlicht ihr Fall die tödlichen Konsequenzen einer Politik, die trans Menschen systematisch entmenschlicht. Ein Richter blockierte gleichzeitig die Regierung daran, Uriostegui Rios in ihr Heimatland Mexiko abzuschieben, mit der Feststellung, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie dort „Folter" erfahren könnte – doch genau dorthin wurde sie deportiert.

Der Fall wirft fundamentale Fragen über Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und den Schutz besonders vulnerabler Gruppen auf – sowohl in den USA als auch hier in Deutschland, wo trans Geflüchtete ebenfalls mit erheblichen Hürden konfrontiert sind. Britania Uriostegui Rios' Geschichte ist eine dringende Mahnung: Trans Leben sind nicht verhandelbar, und ihr Schutz muss überall gewährleistet werden – auch und gerade im Asylsystem.


HIV-Neuinfektionen in Deutschland steigen: Deutsche Aidshilfe warnt vor Folgen der Präventionskürzungen

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland ist 2024 erstmals seit Jahren wieder in allen Bevölkerungsgruppen gestiegen. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben sich im Jahr 2024 geschätzt 2.300 Personen mit HIV infiziert, etwa 200 mehr als im Jahr 2023, wie aus dem aktuellen Epidemiologischen Bulletin des RKI hervorgeht. Die Deutsche Aidshilfe macht dafür vor allem Kürzungen in der Prävention und Drogenhilfe verantwortlich und fordert ein sofortiges Umsteuern.

Anstieg in allen Risikogruppen

Besonders deutlich wird die Entwicklung bei der Betrachtung der einzelnen Bevölkerungsgruppen: Geschätzt 1.300 Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), infizierten sich 2024 mit HIV – 100 mehr als im Vorjahr. Bei heterosexuellen Übertragungen gab es etwa 590 Neuinfektionen (+45), und 400 weitere Personen steckten sich durch injizierenden Drogengebrauch an. Während bei schwulen und bisexuellen Männern in den Jahren zuvor noch ein Rückgang der Infektionszahlen zu beobachten war, hat sich dieser positive Trend nun offenbar nicht fortgesetzt.

Besonders besorgniserregend ist die kontinuierliche Entwicklung bei drogengebrauchenden Menschen: Seit 2010 zeigt die Modellierung einen deutlichen Anstieg der Neuinfektionen in dieser Gruppe. Dies deutet auf erhebliche Lücken in der Drogenhilfe und Prävention hin.

Tausende wissen nichts von ihrer Infektion

Die Zahl der Menschen mit HIV in Deutschland lag Ende 2024 bei 97.700. Ein großes Problem bleibt die späte Diagnose: Von diesen sind etwa 8.200 HIV-Infektionen noch nicht diagnostiziert. Das bedeutet, dass derzeit nur 92 Prozent der Menschen mit HIV in Deutschland von ihrer Diagnose wissen – das UNAIDS-Ziel für 2025 liegt jedoch bei 95 Prozent.

Etwa ein Drittel aller neudiagnostizierten HIV-Infektionen wurde 2024 erst mit einem fortgeschrittenen Immundefekt diagnostiziert, fast jede fünfte Infektion sogar erst mit dem Vollbild AIDS. Diese späten Diagnosen gefährden nicht nur die Gesundheit der Betroffenen, sondern erhöhen auch das Risiko weiterer Übertragungen.

Kürzungen gefährden Präventionserfolge

Die Deutsche Aidshilfe (DAH) sieht einen direkten Zusammenhang zwischen den steigenden Infektionszahlen und den Kürzungen im Präventionsbereich. „Der Anstieg ist noch moderat, aber sehr ernstzunehmen", erklärte DAH-Vorstandsmitglied Sylvia Urban laut der ursprünglichen Meldung auf queer.de. „Wo in Prävention und Drogenhilfe gekürzt wird, sind steigende Infektionszahlen die logische Folge", so Urban weiter.

Kürzungen öffentlicher Mittel bedrohen an immer mehr Orten die erfolgreiche HIV- und Aids-Prävention in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen und Berlin sind drastische Einschnitte angekündigt. Auch in anderen Bundesländern sowie in vielen Kommunen gehen die Mittel faktisch stark zurück, weil steigende Lohnkosten und Inflation erneut nicht ausgeglichen werden.

Besonders dramatisch ist die Situation in Nordrhein-Westfalen: Nach dem vorliegenden Entwurf des Landeshaushalts 2025 soll die Förderung für HIV/Aids- und STI-Prävention um knapp 1,6 Millionen Euro und damit um rund ein Drittel reduziert werden. Dies würde die erfolgreiche Arbeit von 31 regionalen Aidshilfen sowie landesweite Präventionsprojekte massiv gefährden.

PrEP: Wirksame Prävention noch nicht flächendeckend verfügbar

Ein wichtiges Instrument der HIV-Prävention ist die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) – die vorbeugende Einnahme von HIV-Medikamenten durch HIV-negative Menschen mit erhöhtem Ansteckungsrisiko. Mit der PrEP steht ein hochwirksames Instrument zur Verhinderung von Infektionen zur Verfügung. Seit September 2019 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Menschen mit substanziellem HIV-Risiko.

Doch die Nutzung stagniert: Ende September 2024 gab es etwa 40.000 PrEP-Nutzende in Deutschland, so viele wie Ende 2023. Die Deutsche Aidshilfe kritisiert, dass die Versorgung noch immer nicht flächendeckend gewährleistet sei und das Angebot fast ausschließlich von schwulen Männern angenommen werde. Der Anstieg der Neudiagnosen bei MSM und bei Menschen mit injizierendem Drogengebrauch zeigt, dass der Zugang zu PrEP für alle Menschen mit einem substanziellen HIV-Infektionsrisiko nicht nur erhalten, sondern weiter in der Fläche ausgebaut werden sollte. Es sollte darauf hingearbeitet werden, dass mehr Frauen sich durch PrEP schützen können.

Behandlungserfolge geben Hoffnung

Eine positive Nachricht gibt es dennoch: Der Anteil der Menschen mit diagnostizierter HIV-Infektion, die eine antiretrovirale Therapie erhalten, lag 2024 insgesamt weiterhin hoch bei etwa 98 Prozent. Bei fast allen Behandelten ist die Behandlung erfolgreich, so dass sie HIV nicht mehr auf sexuellem Weg übertragen können. Dies unterstreicht die Bedeutung früher Tests und rechtzeitiger Behandlung.

Wo man sich testen lassen kann

Man kann sich bei einer Aidshilfe, einem Checkpoint oder Gesundheitsamt anonym, kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr auf HIV testen lassen. Anonym heißt: Man muss seinen Namen nicht nennen, und das Ergebnis wird nicht in einer Akte festgehalten. Adressen von Teststellen finden sich auf der Website der Deutschen Aidshilfe.

Die Deutsche Aidshilfe appelliert: „Wer ungeschützten Sex hatte, sollte sich auf HIV und andere Infektionen testen lassen. HIV sollte so früh wie möglich erkannt und behandelt werden. So wird die Gesundheit geschützt, weitere Übertragungen werden verhindert."

Politische Forderungen

Um den Anstieg der Neuinfektionen zu stoppen, fordert die Deutsche Aidshilfe konkrete Maßnahmen: Kürzungen müssen zurückgenommen und Präventions- sowie Testangebote verstärkt werden. Für Menschen mit injizierendem Drogenkonsum sollte der Zugang zu sterilen Konsumutensilien und Opioidagonistentherapie (Substitution) weiter verbessert werden, auch in Haft.

Sylvia Urban von der Deutschen Aidshilfe fasst zusammen: „Die Entwicklung der Neuinfektionen ist kein Zufall. Sie spiegelt direkt wider, ob die Angebote möglicher Schutzmaßnahmen ausreichen. Unser Ziel muss sein, den Trend wieder umzukehren."

Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich: Nach Jahren der Erfolge in der HIV-Bekämpfung steht Deutschland an einem kritischen Punkt. Nur mit ausreichenden Ressourcen für Prävention, niedrigschwelligen Testangeboten und flächendeckendem Zugang zu wirksamen Schutzmethoden wie der PrEP kann das Ziel erreicht werden, die HIV-Epidemie zu beenden. Sparmaßnahmen an der falschen Stelle werden sich langfristig als teurer erweisen – nicht nur finanziell, sondern vor allem in Form vermeidbarer Neuinfektionen und Erkrankungen.


Wenn Transfeindlichkeit zur Eskalation führt: Was der Fall Bad Homburg über unsere Gesellschaft aussagt

Eine trans Frau steht in Bad Homburg vor Gericht, weil sie im Februar 2025 einem Mann nach einer transfeindlichen Beleidigung mit einer Schere in den Hals stach. Der Mann überlebte knapp, die 29-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Doch dieser schockierende Fall wirft eine Frage auf, die weit über den Einzelfall hinausgeht: Was bedeutet es, wenn Diskriminierung so allgegenwärtig wird, dass Menschen nicht mehr anders können, als zu reagieren?

Der Tag, an dem alles zusammenbrach

Es war ein Tag wie viele andere – und doch anders. Die Angeklagte kam gerade von einer Psychotherapeutin, die sich weigerte, ein Indikationsschreiben für die von ihr gewünschte Hormontherapie auszustellen. "Ich fühlte mich entmündigt", sagte sie weinend vor Gericht. Auf dem Weg zum Bahnhof begegnete sie einer Gruppe von Männern. Einer rief: "Ist das eine Transe oder eine Schwuchtel?" Im Vergleich zu dem, was sie normalerweise erlebt, sei das eigentlich harmlos gewesen, gab die 29-Jährige zu. Doch an diesem Tag traf der Satz "hundertprozentig ihren wunden Punkt".

Was folgte, beschreibt sie selbst als etwas, das sie nicht von sich kannte: Sie stach zu. "Ich wollte ihm Angst machen, die gleiche Angst, die ich so oft verspüre", erklärte sie im Prozess. Die Rettungsschere, die sie bei sich trug, drang in den Hals des 52-Jährigen. Nur eine Notoperation rettete ihm das Leben.

Alltag trans Menschen: Beleidigung, Gewalt, Angst

Trans Frauen sind in Deutschland besonders gefährdet: 32 Prozent wurden in den letzten fünf Jahren angegriffen, 16 Prozent allein in den letzten 12 Monaten, zeigen aktuelle Daten der EU-Grundrechteagentur. Fast die Hälfte aller trans Frauen meidet bestimmte Orte aus Angst vor Gewalt oder Belästigung. Die Angeklagte berichtete im Gericht, täglich beleidigt oder angegriffen zu werden, sobald sie in Frauenkleidern unterwegs sei.

Die Zunahme queerfeindlicher Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend, und viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an, warnte Bundesinnenministerin Nancy Faeser im Dezember 2024 bei der Veröffentlichung des Lageberichts zur Sicherheit von LSBTIQ* Menschen. Im Unterthemenfeld „geschlechtsbezogene Diversität" wurden 2024 insgesamt 1.152 Fälle gemeldet – ein Anstieg von etwa 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Beleidigungen, intime Fragen von Fremden, Aufdringlichkeit bis hin zu Morddrohungen und körperliche Angriffe gehören für viele trans Personen zum Alltag, beschreibt eine Analyse die Situation. Die Angeklagte aus Bad Homburg ist keine Ausnahme – sie ist ein Symptom.

Wenn der Körper zum Kampffeld wird

Die Psychotherapeutin hatte sich geweigert, das Indikationsschreiben auszustellen. Für die Angeklagte bedeutete das: Noch länger in einem Körper leben zu müssen, der sich falsch anfühlt. Noch länger warten auf eine Behandlung, die ihr helfen könnte, sie selbst zu sein. Trans und intergeschlechtliche Personen leiden besonders häufig an Depressionen – 58,7 Prozent mindestens einmal im Leben, zeigen Studien zur Gesundheit von LSBTIQ* Menschen.

Mehr als die Hälfte der befragten trans Jugendlichen in Deutschland hatte im vorangehenden Jahr Suizidgedanken – bei trans Männern im Alter zwischen 15 und 17 Jahren sogar mehr als 80 Prozent. Mindestens jede vierte jugendliche trans Person hat bereits versucht, sich das Leben zu nehmen, dokumentiert das Institut für Menschenrechte basierend auf Zahlen der Europäischen Grundrechteagentur.

Die psychische Belastung durch ständige Diskriminierung ist enorm. Diskriminierung und Minderheitenstress können krank machen und haben insbesondere Auswirkungen auf die psychische und mentale Gesundheit, den Selbstwert und damit auch auf gesundheitsschädigendes Risikoverhalten.

Das Selbstbestimmungsgesetz – ein Hoffnungsschimmer?

Seit dem 1. November 2024 gilt in Deutschland das Selbstbestimmungsgesetz. Es erleichtert trans, intergeschlechtlichen und nichtbinären Personen, ihren Geschlechtseintrag und ihre Vornamen zu ändern – durch eine einfache Erklärung gegenüber dem Standesamt. Das diskriminierende Transsexuellengesetz von 1980 ist damit Geschichte.

Doch ein Gesetz allein kann nicht ändern, was in den Köpfen der Menschen verankert ist. Rechtliche Fortschritte dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass gesellschaftliche Anerkennung noch immer vielerorts fehlt, mahnt das Institut für Menschenrechte. Rund zwei von drei trans Jugendlichen berichten über Bedrohungen, Spott und Beleidigungen in Schulen, vielfach auch durch Lehrkräfte.

Strukturelle Gewalt und ihre Folgen

Fast die Hälfte der trans Frauen glaubt nicht, dass eine Anzeige bei der Polizei etwas bringen würde, und 53 Prozent haben kein Vertrauen in die Polizei. Diese Zahlen verdeutlichen ein tieferliegendes Problem: Trans Menschen fühlen sich vom System im Stich gelassen – sowohl beim Zugang zu medizinischer Versorgung als auch beim Schutz vor Gewalt.

Der Fall aus Bad Homburg ist tragisch für alle Beteiligten. Ein Mann wurde lebensgefährlich verletzt, eine Frau sitzt in Untersuchungshaft und wird wegen versuchten Totschlags angeklagt. Doch er ist auch ein Weckruf: Wir müssen all diejenigen schützen und unterstützen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Hass, Diskriminierung und Gewalt erleben. Queerfeindliche Gewalt muss als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden.

Was jetzt getan werden muss

Die Debatte um trans Rechte darf nicht auf juristischem Terrain stehen bleiben. Es braucht:

  • Flächendeckende Schulungen für medizinisches Personal und Polizei im Umgang mit trans Menschen
  • Niedrigschwelligen Zugang zu psychosozialer Unterstützung und geschlechtsangleichenden Behandlungen
  • Aufklärungskampagnen in Schulen, Behörden und der Öffentlichkeit
  • Konsequente Verfolgung transfeindlicher Hassverbrechen
  • Community-Räume und Schutzstrukturen für Betroffene

"So kenne ich mich nicht", sagte die Angeklagte über ihre Tat. Diese Worte sollten uns alle aufhorchen lassen. Wenn Menschen, die täglich Diskriminierung und Gewalt erleben, an einen Punkt kommen, an dem sie selbst zu Gewalt greifen, haben wir als Gesellschaft versagt.

Das Urteil im Prozess wird Mitte Dezember erwartet. Doch unabhängig davon, wie es ausfällt: Die eigentliche Frage lautet nicht, wie wir mit dieser einen Frau umgehen. Die Frage ist, wie wir eine Gesellschaft schaffen, in der solche Verzweiflungstaten gar nicht erst entstehen – weil trans Menschen endlich die Anerkennung, den Schutz und die medizinische Versorgung erhalten, die ihnen zusteht.


Sechs Jahre Rosenkrieg beendet: Ex-Frau von Astronautin Anne McClain gesteht Lüge

Ein spektakulärer Fall, der als das "erste Verbrechen im Weltall" durch die Medien ging, hat nach sechs Jahren ein Ende gefunden. Summer Worden, eine ehemalige Geheimdienstoffizierin der US Air Force, hat sich schuldig bekannt, ihre Ex-Frau, die NASA-Astronautin Anne McClain, fälschlicherweise beschuldigt zu haben. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Realität queerer Menschen in der Raumfahrt und die Gefahren von falschen Anschuldigungen in Sorgerechtsstreitigkeiten – Themen, die auch in Deutschland hochaktuell sind.

Der Fall: Von der ISS zur Gerichtssaal-Saga

Im März 2019 beschuldigte Worden ihre damals getrennt lebende Ehefrau McClain, von der Internationalen Raumstation aus unerlaubt auf ihr Bankkonto zugegriffen und das Passwort erraten zu haben. Der Fall wurde zur ersten strafrechtlichen Anschuldigung gegen eine Person im Weltraum und machte weltweit Schlagzeilen.

Die Wahrheit sah jedoch anders aus: Ermittlungen der NASA ergaben, dass Worden das Bankkonto im April 2018 eröffnet hatte und beide bis Januar 2019 Zugriff darauf hatten. Worden hatte McClain regelmäßig Zugang zu ihren Bankdaten gewährt, einschließlich der Login-Daten, und zwar seit mindestens 2015. McClains Anwältin erklärte, sie habe das Konto lediglich überprüft, um die Familienfinanzen zu überwachen, und Worden habe ihr nie gesagt, dass sie keinen Zugriff mehr haben dürfe.

Die Anschuldigungen kamen zu einem Zeitpunkt, als das Paar mitten in einer erbitterten Scheidung und einem Sorgerechtsstreit um ihren damals sechsjährigen Sohn steckte, der durch In-vitro-Fertilisation und eine Leihmutter geboren wurde.

Folgen für Summer Worden

Am 13. November 2025 bekannte sich Worden schuldig, Bundesbehörden angelogen zu haben. Sie wird am 12. Februar 2026 verurteilt und könnte bis zu fünf Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu 250.000 Dollar erhalten. Die Staatsanwaltschaft erklärte sich bereit, alle anderen Anklagepunkte fallen zu lassen, im Gegenzug für das Schuldbekenntnis. Zu den zusätzlichen Anklagen gehörten Betrugsvorwürfe im Zusammenhang mit einem Immobiliengeschäft von 2017, bei dem Worden angeblich acht Personen, darunter McClain, um über 200.000 Dollar betrogen haben soll.

McClains erfolgreiche Karriere trotz Belastungen

Während die Vorwürfe ihrer Ex-Frau McClains Leben auf den Kopf stellten, hat die Astronautin ihre Karriere fortgesetzt und beeindruckende Erfolge erzielt. McClain wurde als Kommandantin für die SpaceX Crew-10 Mission zur ISS ausgewählt und startete am 14. März 2025. Sie kommandierte kürzlich die SpaceX Crew-10 Mission zur Raumstation von März bis August dieses Jahres.

NASA stellte sich damals hinter McClain und erklärte in einer Stellungnahme: "Lt. Col. Anne McClain hat eine herausragende militärische Karriere, flog Kampfeinsätze im Irak und ist eine der Top-Astronautinnen der NASA. Sie hat einen großartigen Job bei ihrer jüngsten NASA-Mission an Bord der Internationalen Raumstation geleistet".

Unfreiwilliges Outing und LGBTQ+ Pionierinnen im All

Der Fall führte zu einem unfreiwilligen Outing McClains, die als Astronautin beschuldigt wurde, von ihrer getrennt lebenden Ehefrau, Summer Worden, einer ehemaligen Air Force Geheimdienstoffizierin und ebenfalls Astronautin. McClain selbst hat sich nie öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung geäußert, wird aber nun als "erste offen lesbische Astronautin" bezeichnet.

Doch sie ist nicht die erste queere Frau im All: Die erste amerikanische Frau im Weltraum war Sally Ride, die 1983 mit dem Space Shuttle Challenger flog. Rides lesbische Identität wurde erst nach ihrem Tod im Jahr 2012 bekannt. Ride war mit der ehemaligen Tennisspielerin Tam O'Shaughnessy 27 Jahre lang zusammen, hielt ihre Beziehung aber bis zu ihrem Tod geheim. Erst im Nachruf wurde O'Shaughnessy als ihre Partnerin genannt.

Kurz vor ihrem Tod gab Ride ihrer Partnerin die Erlaubnis, ihre Beziehung öffentlich zu machen. "Offen über uns zu sein, könnte für die NASA und das Astronautenkorps sehr schwierig sein. Aber das ist mir egal. Was immer du für richtig hältst, ist für mich in Ordnung", sagte Ride laut O'Shaughnessy.

Parallelen zu Deutschland: Falsche Anschuldigungen im Sorgerechtsstreit

Der Fall McClain-Worden zeigt ein Problem, das auch in Deutschland bestens bekannt ist: Falsche Anschuldigungen in Sorgerechtsstreitigkeiten. Die Gründe für bewusste oder unbewusste Falschbeschuldigungen reichen von gezielt falschen Anschuldigungen aus Rache oder im Streit um das Sorgerecht bis zu diffusen Anschuldigungen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Deutsche Rechtsexperten warnen: Besonders problematisch sind falsche Anschuldigungen im Kontext von Trennungs- und Scheidungskonflikten, besonders im Zusammenhang mit Sorgerechtsstreitigkeiten. In diesen emotional aufgeladenen Situationen werden Strafanzeigen manchmal als Mittel im persönlichen Konflikt instrumentalisiert.

Für LGBTQ+ Paare können solche Situationen besonders belastend sein, da sie häufig bereits mit Vorurteilen und rechtlichen Hürden konfrontiert sind. Der McClain-Fall zeigt, wie destruktiv falsche Beschuldigungen sein können – nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für das öffentliche Bild queerer Menschen in sichtbaren Positionen.

Warum Sally Ride ihre Beziehung geheim hielt

Die NASA wurde 1958 als zivile Behörde gegründet und rekrutierte ihre ersten Astronauten aus dem Militär, was die Testpiloten-Mentalität für immer mit dem Mythos männlicher Überlegenheit verband. In dieser konservativen Macho-Kultur wurden Frauen kategorisch ausgeschlossen und gleichgeschlechtliche Beziehungen waren so willkommen wie eine Invasion von Klingonen.

Bis 1977, als das soziale Bewusstsein in den USA wuchs und die NASA mehr nicht-militärische Wissenschaftler für das neue Space-Shuttle-Programm suchte, darunter auch die ersten Frauen und Minderheiten, war die Möglichkeit einer schwulen oder lesbischen Astronautin laut einem von Rides Klassenkameraden noch unvorstellbar.

Ride und O'Shaughnessy hielten ihre romantische Beziehung während Rides Leben privat und machten sie erst nach Rides Tod durch Bauchspeicheldrüsenkrebs im Jahr 2012 öffentlich bekannt. O'Shaughnessy führt dies auf Rides extrem private Natur und auch auf die Angst zurück, Finanzierung für ihr Bildungsunternehmen Sally Ride Science aufgrund möglicher negativer Reaktionen zu verlieren.

Ein wichtiges Signal für die LGBTQ+ Community

Nach sechs Jahren endet der Fall mit einer klaren Botschaft: Anne McClain wurde vollständig entlastet. Neue Beweise und Wordens Schuldbekenntnis entlasteten McClain nicht nur von der Anschuldigung, sondern beendeten auch einen lang schwelenden, erbitterten Streit zwischen den Ex-Partnerinnen.

Der Fall zeigt, wie wichtig es ist, Beschuldigungen gründlich zu prüfen und nicht vorschnell zu urteilen – besonders wenn es um LGBTQ+ Personen in der Öffentlichkeit geht, die ohnehin oft unter besonderer Beobachtung stehen. Gleichzeitig macht er deutlich, wie weit wir noch von einer Gesellschaft entfernt sind, in der queere Menschen in allen Bereichen – von der Raumfahrt bis zum Alltag – ohne Angst vor Diskriminierung oder Instrumentalisierung ihrer Identität leben können.

Anne McClain setzt ihre beeindruckende Karriere fort und ist ein Vorbild für LGBTQ+ Menschen weltweit. Ihr Durchhaltevermögen angesichts falscher Anschuldigungen und ihr professioneller Erfolg trotz der Belastungen zeigen, dass Talent und Leistung über Vorurteile und persönliche Angriffe siegen können.


Ein neues Zuhause für den Regenbogen: "foll bunt" gibt Fuldas queerer Community eine dauerhafte Struktur

In der osthessischen Bischofsstadt Fulda ist ein wichtiger Meilenstein für die queere Community erreicht: 19 engagierte Menschen haben am Dienstag den Verein "foll bunt" gegründet, der künftig nicht nur den Christopher Street Day organisieren, sondern auch als dauerhafte Anlaufstelle für LGBTQIA+-Personen in der Region dienen soll. Wie queer.de berichtet, fand die Gründungsversammlung in den Räumen der Aidshilfe Fulda statt – ein symbolträchtiger Ort für einen Neuanfang.

Von der Notlösung zur festen Struktur

Nachdem im vergangenen Jahr der CSD Fulda 2025 unter dem Motto "FOLL BUNT – Vielfalt ist unsere Heimat" mit rund 2.000 Menschen stattfand, wurde deutlich: Die queere Community in Osthessen braucht eine verlässliche Organisationsstruktur. Susanne Maul, Geschäftsführerin der Aidshilfe Fulda, erklärt die Ausgangslage: "Nachdem der CSD Fulda im letzten Jahr nach Wegfall des früheren Trägers von der Aidshilfe Fulda aufgefangen wurde, war klar, dass es eine eigene Struktur braucht."

Der neue Verein ist mehr als nur eine organisatorische Notwendigkeit. Das LSBT*IQ-Netzwerk Nordhessen vernetzt und unterstützt zwar bereits Akteur*innen aus den queeren Communitys in Kassel und den Landkreisen Waldeck-Frankenberg, Werra-Meißner, Schwalm-Eder, Hersfeld-Rothenburg und Fulda, doch fehlte es in Fulda selbst an einer sichtbaren, lokalen Vereinsstruktur mit Rechtsform.

Queeres Leben im ländlichen Raum sichtbar machen

Die Herausforderungen für LGBTQIA+-Menschen in ländlichen Regionen sind real und gut dokumentiert. Die Akzeptanz für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt unterscheidet sich in Hessen zwischen größeren Städten und den überwiegend ländlich geprägten Regionen. In den ländlichen Regionen ist die freie Entfaltung der Persönlichkeit und ein offenes und diskriminierungsfreies Leben für LSBT*IQ Personen teilweise noch immer erschwert. Studien zeigen, dass viele queere Menschen in die Großstädte umziehen – trotz rechtlicher Anerkennung queerer Lebensformen verlassen sie ländliche Regionen, sobald es möglich ist, etwa wenn sie ein Studium beginnen.

Niklas Schmitt, Mitglied des neu gewählten Vorstandes, bringt es auf den Punkt: "Der Verein 'foll bunt' soll nicht nur den CSD organisieren. Wir wollen Angebote schaffen, die queeren Menschen im Landkreis das Gefühl geben, willkommen und zu Hause zu sein. Unser Ziel ist es, die Community zu stärken, mit Vorurteilen in der Bevölkerung aufzuräumen und die kulturelle Landschaft in Fulda zu erweitern. In Städten vergleichbarer Größe gibt es längst queere Bars, Zentren oder Beratungsstellen. Hier muss Fulda aufholen."

Ein deutschlandweites Phänomen mit lokalen Lösungen

Die Vereinsgründung in Fulda reiht sich ein in eine bundesweite Bewegung zur Professionalisierung und Verstetigung von CSD-Strukturen. Der CSD Deutschland e.V. versteht sich als Dachverband aller deutschen Christopher Street Day-organisierenden Vereine, Initiativen und Projekte, und immer mehr Städte schaffen dauerhafte Vereinsstrukturen. Die grundsätzlich ehrenamtliche Struktur bestimmt die meisten CSD-Vereine. Lediglich für Kernaufgaben und in Kernbereichen, die für die Aufrechterhaltung des Vereins und die Sicherstellung der CSD Demonstration notwendig sind, werden überhaupt Honorare oder Gehälter bezahlt.

Die vier LSBT*IQ-Netzwerke in Nordhessen, Mittelhessen, Rhein-Main und Südhessen sind die „Hubs" für die queeren Communitys in ihren Regionen und werden aus Mitteln des Hessischen Aktionsplans für Akzeptanz und Vielfalt gefördert. In diesem Netzwerk kann "foll bunt" nun als lokaler Ankerpunkt für Fulda und Region fungieren.

Von der "Queeren Stunde" zum eingetragenen Verein

Besonders bemerkenswert: In Fulda wurde bereits im Jahr 2020 die queere Stunde ins Leben gerufen. An wechselnden Orten kommen Gleichgesinnte zusammen, um Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen. Diese und andere Initiativen wie die "Queere Stunde" liefen bisher ohne Rechtsform – ein Zustand, der nun durch die Vereinsgründung ein Ende findet. Mit "foll bunt" bekommen diese Angebote endlich einen rechtlichen Rahmen und eine dauerhafte Heimat.

Der fünfköpfige Vorstand – bestehend aus Fabian Hülsemann, Johnathan Jiptner, Toni, Niklas Schmitt und Robin Richter – hat bereits mit der Arbeit begonnen. Die Planungen für den CSD Fulda 2026 laufen bereits. Nach den bewegenden Ereignissen beim CSD 2025, bei dem am 12. Juli rund 2.000 Menschen durch die Innenstadt zogen – friedlich, laut und entschlossen, gibt es nun eine klare Perspektive für die Zukunft.

Mehr als nur ein Tag im Jahr

Die Gründungsmitglieder haben ehrgeizige Ziele: Sie wollen dem "queeren Osten" Hessens mehr Sichtbarkeit verleihen und dauerhafte Strukturen aufbauen. Während es in anderen Regionen Hessens bereits mehrere queere Vereine und Strukturen gibt, fehlte in Fulda bislang genau diese sichtbare Organisation. Das wissenschaftliche Forschungsprojekt "Akzeptanz und Vielfalt in Fulda und Region" der Hochschule Fulda hat in den vergangenen Jahren eindrücklich dokumentiert, wie notwendig solche Anlaufstellen sind.

Mit "foll bunt" erhält Fuldas queere Community nun endlich das, was sie verdient: eine dauerhafte Struktur, die über einen einzelnen Tag im Jahr hinausgeht, die Vernetzung fördert und queeres Leben in der Region nicht nur sichtbar, sondern selbstverständlich macht. Ein wichtiger Schritt für eine Stadt, die zeigen will, dass Vielfalt auch auf dem Land Heimat ist.


Neuseeland stoppt Pubertätsblocker: Ein besorgniserregender Rückschritt für trans Jugendliche

Die Regierung Neuseelands hat angekündigt, dass ab Mitte Dezember keine neuen Rezepte für Pubertätsblocker an junge trans Menschen mehr ausgestellt werden dürfen. Der konservative Gesundheitsminister Simeon Brown begründete die Entscheidung mit einer unzureichenden wissenschaftlichen Evidenzlage, wonach es an „hochwertigen Belegen" fehle, die die Vorteile oder Risiken der Medikation eindeutig belegen. Die Neuregelung tritt am 19. Dezember 2025 in Kraft und gilt zunächst bis zum Abschluss einer groß angelegten klinischen Studie in Großbritannien, die voraussichtlich 2031 beendet sein soll.

Was sind Pubertätsblocker und warum sind sie wichtig?

Pubertätsblocker unterdrücken vorübergehend die Ausschüttung von Geschlechtshormonen und können bei trans und nicht-binären Jugendlichen eingesetzt werden, um Zeit für die Klärung der Geschlechtsidentität zu gewinnen. Dieser Prozess gilt als vollständig umkehrbar, sobald die Medikamente abgesetzt werden. Die Behandlung kann queeren Jugendlichen helfen, den psychischen Druck zu reduzieren, der durch unerwünschte körperliche Veränderungen während der Pubertät entsteht.

Für aktuelle Anwender, die bereits Pubertätsblocker bekommen, ändert sich vorerst nichts – die Beschränkungen greifen nur bei Jugendlichen, die bisher keine Medikamente verschrieben bekommen haben. Im Jahr 2023 erhielten laut Gesundheitsministerium 113 Minderjährige in Neuseeland entsprechende Präparate. Für Patient*innen, die Pubertätsblocker aufgrund frühzeitiger Pubertät, Endometriose oder Prostatakrebs benötigen, bleibt der Zugang nach Regierungsangaben bestehen.

Internationaler Trend mit problematischen Folgen

Neuseeland folgt damit Ländern wie England oder Nordirland, die bereits 2024 Pubertätsblocker für Minderjährige verboten hatten. Der NHS in England hatte im vergangenen Monat mitgeteilt, dass Kinder unter 16 Jahren außerhalb von klinischen Studien keine Pubertätsblocker mehr erhalten. Diese Entscheidungen basieren auf dem sogenannten Cass-Report, einem 400-seitigen Abschlussbericht der Kinderärztin Dr. Hilary Cass zur Behandlung von Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie.

Doch aus internationalen Fachkreisen gab es methodische und fachliche Kritik am Cass-Review. Die Entscheidung wird von queeren Verbänden scharf kritisiert, die befürchten, dass sich die psychische Gesundheit der betroffenen Jugendlichen verschlechtern könnte. Elizabeth McElrea, Sprecherin der trans Gesundheitsorganisation „Professional Association for Transgender Health Aotearoa", warnte: „Das Verbot wird zu einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit, einer Zunahme von Suizidgedanken und Dysphorie bei geschlechtsdiversen Kindern und Jugendlichen führen."

Deutschland geht einen anderen Weg

Im Gegensatz zu Neuseeland, Großbritannien und einigen anderen Ländern verfolgt Deutschland einen differenzierteren Ansatz. Im März 2024 veröffentlichten 26 medizinische Fachgesellschaften und zwei Patientenvertretungs-Organisationen eine wissenschaftlich-medizinische Leitlinie zur Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter, die im Mai 2025 finalisiert wurde.

Mari Günther vom Bundesverband Trans* erklärte: „Die Leitlinie beruht auf den Erkenntnissen evidenzbasierter Medizin, den Rahmensetzungen der Weltgesundheitsorganisation und medizinethischen Grundsätzen. Sie ermöglicht soziale Akzeptanz und medizinische Begleitung von gendervarianten und trans Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ihr zentrales Anliegen ist die sorgfältige am Einzelfall orientierte medizinische Begleitung der behandlungssuchenden Jugendlichen und ihrer Eltern unter Berücksichtigung der Selbstbestimmung und der sich entwickelnden Einwilligungsfähigkeit Minderjähriger."

In Deutschland sind Pubertätsblocker grundsätzlich zugelassen. Die Bundesregierung empfiehlt nicht die Einnahme von Pubertätsblockern, aber die Entscheidung über die Verschreibung liegt ausschließlich im Ermessen der behandelnden Fachärztinnen und -ärzte. Diese können nach sorgfältiger medizinischer Indikation und auf Grundlage von wissenschaftlichen Leitlinien verschrieben werden.

Selbstbestimmungsgesetz als Meilenstein

Deutschland hat zudem mit dem Selbstbestimmungsgesetz, das seit November 2024 in Kraft ist, einen wichtigen Schritt zur Anerkennung von trans Menschen gemacht. Ab dem 01.11.2024 ist es Personen möglich, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen per Selbstauskunft gegenüber dem Standesamt zu ändern. Das Gesetz ersetzt das über 40 Jahre alte diskriminierende Transsexuellengesetz.

Zahlen der Europäischen Grundrechteagentur verdeutlichen das Ausmaß der Not: Mehr als die Hälfte der befragten trans Jugendlichen in Deutschland hatte in dem vorangehenden Jahr Suizidgedanken – bei trans Männern im Alter zwischen 15 und 17 Jahren sogar mehr als 80 Prozent. Mindestens jede vierte jugendliche trans Person hat demnach bereits versucht, sich das Leben zu nehmen.

Politische Reaktionen in Neuseeland

Shanan Halbert, der Sprecher der Oppositionspartei Labour für LGBTIQ+-Themen, sagte, dass Entscheidungen über medizinische Behandlungen von Ärzten, Jugendlichen und deren Eltern gemeinsam getroffen werden sollten. Ricardo Menéndez March, Abgeordneter der Grünen Partei, warf der Regierung vor, sich in „importierte Kulturkämpfe" einzumischen: „Die Regierung sollte sich darauf konzentrieren, die eigentlichen Probleme im Gesundheitswesen anzugehen, anstatt Kulturkämpfe gegen transsexuelle Menschen zu führen."

Was bedeutet das für trans Jugendliche?

Das jüngste Verbot von Pubertätsblockern für junge trans Menschen in Neuseeland hat bereits nach kurzer Zeit erneut eine landesweite Debatte ausgelöst. Befürworter des Verbots betonen die Notwendigkeit einer gründlicheren wissenschaftlichen Grundlage für solche Behandlungen, während Kritiker vor den psychischen und sozialen Konsequenzen für die betroffenen Jugendlichen warnen.

Die Entwicklung in Neuseeland zeigt, wie wichtig es ist, dass Deutschland seinen eigenen, wissenschaftlich fundierten und menschenrechtsorientierten Weg fortsetzt. Die medizinische Leitlinie und das Selbstbestimmungsgesetz bieten trans Jugendlichen in Deutschland einen Rahmen, der ihre Würde respektiert und ihnen gleichzeitig den Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung ermöglicht – immer unter sorgfältiger Einzelfallprüfung durch qualifizierte Fachkräfte.

Es bleibt zu hoffen, dass Neuseeland und andere Länder diese restriktiven Maßnahmen überdenken und stattdessen einen Weg einschlagen, der auf wissenschaftlicher Evidenz, medizinischer Sorgfalt und vor allem auf dem Wohl der betroffenen jungen Menschen basiert.


"Lebewohl, lieber Junge": Draven Bennington schreibt berührendes Gedicht zu ihrer Trans-Identität

Zur Trans Awareness Week hat Draven Bennington, die trans Tochter von Chester Bennington, dem verstorbenen Frontmann von Linkin Park, ein herzliches Gedicht an ihr früheres Selbst geteilt. Das bewegende Gedicht auf Instagram, das mit "Dear Boy" beginnt und neben einem alten auch ein aktuelles Foto zeigt, gibt tiefe Einblicke in die Transition einer jungen Frau – und berührt damit nicht nur die LGBTQ+ Community weltweit, sondern auch zahlreiche Fans in Deutschland.

Trans Awareness Week: Eine Zeit der Sichtbarkeit

Die Trans Awareness Week findet vom 13. bis 19. November statt und macht auf die Lebensrealitäten von trans, nicht-binären und genderdiversen Menschen aufmerksam. Die Woche endet am 20. November mit dem Trans Day of Remembrance, an dem wir der trans Menschen gedenken, die durch Hass und Gewalt ihr Leben verloren haben. Auch in Deutschland ist diese Woche von besonderer Bedeutung: Das Deutsche Institut für Menschenrechte erinnert zu Beginn der Awareness Week an die anhaltend hohe psychische Belastung junger trans Menschen in Deutschland.

Zahlen der Europäischen Grundrechteagentur verdeutlichen das Ausmaß: Mehr als die Hälfte der befragten trans Jugendlichen in Deutschland hatte in dem vorangehenden Jahr Suizidgedanken – bei trans Männern im Alter zwischen 15 und 17 Jahren sogar mehr als 80 Prozent. Diese erschreckenden Statistiken unterstreichen, wie wichtig Sichtbarkeit, Unterstützung und Geschichten wie die von Draven sind.

Ein Abschied voller Hoffnung

In ihrem poetischen Brief an ihr früheres Ich schreibt Draven über den bittersüßen Prozess des Abschieds von der Person, die sie einmal war. Sie reflektiert über die Verwirrung und den Schmerz, den sie empfand, als ihr Körper sich nicht mit ihrem Gehirn verbunden anfühlte. Besonders bewegend ist ihre Frage, ob die Schmerzen der Vergangenheit sie auf eine "schöne Weise" geformt haben – und ob sie ohne diese Erfahrungen heute dieselbe Person wäre.

Draven erzählte ihren Followern, dass sie sich im August 2024 als trans outete und mit der geschlechtsangleichenden Behandlung, einschließlich Hormonersatztherapie (HRT), begann. "Ich habe mich für den Weg des Glücks und der Wahrhaftigkeit entschieden", erklärte sie. "Es war die beste Entscheidung, die ich je in meinem Leben getroffen habe".

Ein Echo in Deutschland: Trans Kinder brauchen Unterstützung

Dravens Geschichte findet auch in Deutschland großen Widerhall. Eine Studie zeigt: Aus Angst vor Ablehnung verbergen trans Kinder und Jugendliche oft ihre geschlechtliche Identität, und die Spanne zwischen dem Bewusstwerden des Trans-Seins und einem Coming-out umfasst meist mehrere Jahre. Tatsächlich berichten 70% der befragten 14-27-Jährigen von schlechten Erfahrungen innerhalb der engeren Familie.

Da Kinder und Jugendliche besonders von den Reaktionen ihrer Familie, Freunde und Mitschüler abhängig sind, stellen sie unter den transidenten Personen eine besonders vulnerable Gruppe dar. Erfahren sie in diesen Bereichen größtenteils Anerkennung und Unterstützung, unterscheidet sich das Stresslevel oftmals nicht signifikant von dem der Altersgenossen. Die positive Reaktion, die Draven erfuhr, ist leider nicht die Regel: Viele trans Jugendliche kämpfen mit Ablehnung und Diskriminierung.

Über Grenzen hinweg: Linkin Park und Deutschland

Chester Bennington war mit seiner ersten Frau, Samantha Marie Olit, ab dem 31. Oktober 1996 verheiratet. Gemeinsam hatten sie ein Kind, Draven, geboren 2002, die sich 2024 als transgender outete. Benningtons Beziehung zu seiner ersten Frau verschlechterte sich während seiner frühen Jahre mit Linkin Park, und sie ließen sich 2005 scheiden. Chester Bennington, der 2017 verstarb, hatte während seiner Karriere eine besonders enge Verbindung zu deutschen Fans aufgebaut – Linkin Park füllten hierzulande regelmäßig Stadien.

Die Resonanz auf Dravens Coming-out war überwältigend positiv. Ein Follower schrieb, sie sei "eine der schönsten, erstaunlichsten Seelen", während ein anderer kommentierte: "Ich bin so stolz auf dich, Draven, und dein Vater wird auch stolz auf dich sein. Er hat dich so sehr geliebt."

Ein Aufruf zur Akzeptanz

Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, betont: "Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht für alle. Doch viele trans Menschen erfahren in ihrem Alltag das Gegenteil: fehlende gesellschaftliche Anerkennung, Anfeindungen, Isolation. Diese anhaltende Diskriminierungserfahrung wird dann oft auch gegen die eigene Person gerichtet – in Form von Selbstzweifeln bis hin zu Selbstmordgedanken".

Dravens Gedicht endet mit den Worten: "So ruhe nun diese Augen, ruhe aus... Lebewohl, lieber Junge, in Träumen wirst du bleiben." Es ist ein Abschied, der zugleich ein Neuanfang ist – und eine Botschaft der Hoffnung für alle trans Menschen, die noch auf ihrem Weg sind. Geschichten wie diese erinnern uns daran, dass Trans Rechte Menschenrechte sind und trans Personen Schutz, Respekt und die Möglichkeit verdienen, selbstbestimmt zu leben – ohne Angst vor Ausgrenzung oder Gewalt.

Mehr Informationen zur Situation von trans Jugendlichen in Deutschland und Unterstützungsangebote für Familien finden sich bei verschiedenen deutschen Organisationen.


Mainz setzt historisches Zeichen: Erstmals Trans-Fahne am Transgender Day of Remembrance gehisst

Am 20. November 2025, dem weltweiten Transgender Day of Remembrance, hisste die Stadt Mainz erstmals offiziell die Trans-Fahne vor dem Stadthaus Große Bleiche. Mit dieser symbolträchtigen Geste setzte Oberbürgermeister Nino Haase ein kraftvolles Zeichen der Solidarität mit trans*, inter* und genderdiversen Menschen – in einer Zeit, in der die Zunahme queerfeindlicher Straftaten in Deutschland erschreckend ist und von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden muss.

Ein Zeichen gegen Diskriminierung und Gewalt

"Mit dem heutigen Hissen der Transgender-Fahne möchten wir deutlich machen, dass Mainz eine Stadt ist, in der jede Person gesehen, geschützt und respektiert wird", erklärte der parteilose Oberbürgermeister Nino Haase bei der Zeremonie. Seine Worte verdeutlichen die Dringlichkeit: "Der Transgender Day of Remembrance mahnt uns, Diskriminierung und Gewalt entschieden entgegenzutreten."

Der Transgender Day of Remembrance geht auf das Jahr 1999 zurück und wurde von der Transgender-Aktivistin Gwendolyn Ann Smith ins Leben gerufen, um die Erinnerung an Rita Hester zu ehren, eine trans Frau, die 1998 ermordet wurde. Seitdem wird am 20. November weltweit der Opfer von Übergriffen gegen trans* Menschen gedacht.

Erschreckende Zahlen: Gewalt gegen trans* Menschen weltweit und in Deutschland

Die Notwendigkeit solcher Gedenktage zeigt sich in den erschütternden Statistiken: In den Jahren 2008 bis 2023 wurden weltweit 4.690 Morde an trans* Personen bekannt, 107 in der EU und drei in Deutschland – besonders häufig betroffen sind BPoCs und trans* Frauen. Doch diese Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte.

In Deutschland wurden im Jahr 2023 rund 1.500 Delikte gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst, womit ihre Zahl das sechste Jahr in Folge stieg und einen deutlichen Höchststand erreichte. Dabei handelt es sich jedoch nur um die dokumentierten Fälle. Lediglich 8 Prozent der trans* Frauen, 10 Prozent der trans* Männer und 10 Prozent der nicht-binären Personen haben den letzten physischen Angriff oder sexualisierte Gewalterfahrung bei der Polizei angezeigt.

Die Gründe für die niedrige Anzeigequote sind vielfältig: 45 Prozent der trans* Frauen, 48 Prozent der trans* Männer und 49 Prozent der nicht-binären Personen glaubten nicht, dass eine Anzeige etwas bringen würde; 53 Prozent der trans* Frauen, 40 Prozent der trans* Männer und 48 Prozent der nicht-binären Personen haben kein Vertrauen in die Polizei. Diese Zahlen verdeutlichen die tiefe Verunsicherung in der Community.

Partnerschaft mit der dgti: Mehr als symbolische Gesten

Kooperationspartnerin der Stadt Mainz bei dieser bedeutsamen Aktion war die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit (dgti). Die dgti ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Belange von transidenten, transgeschlechtlichen, intergeschlechtlichen und nicht-binären Personen einsetzt und ihnen Unterstützung auf verschiedenen Ebenen bietet.

Petra Weitzel, Vorsitzende der dgti, betonte die Bedeutung des gemeinsamen Auftretens: "Der Transgender Day of Remembrance ist ein Tag des Gedenkens – aber auch ein Tag der Ermutigung." Die Fahnenhissung zeige, dass die Stadt Mainz an der Seite von trans* und inter* Menschen steht, und die Gemeinschaft brauche verlässliche Unterstützung, gerade in Zeiten, in denen Diskriminierung weiterhin Realität ist.

Die dgti engagiert sich seit Jahren für die Rechte und Unterstützung der trans*-Community in Mainz und in Deutschland und bietet wichtige Beratungsangebote auch in Mainz an – etwa für Menschen, die Begleitung bei ihrer Transition oder bei rechtlichen Fragen suchen.

Ein lebendiges Zeichen der Solidarität

Die Fahnenhissung in Mainz reiht sich ein in eine Vielzahl weltweiter Aktionen zum Transgender Day of Remembrance. Rund um den TDoR finden weltweit Aktionen wie Workshops, Mahnwachen und Kunstprojekte statt, in den sozialen Medien lenken Hashtags wie #TDOR Aufmerksamkeit auf die Anliegen der Trans*-Community, zudem ist es möglich, an virtuellen Gedenkveranstaltungen teilzunehmen.

Während andere deutsche Städte in jüngster Zeit Diskussionen über das Hissen der Deutschlandflagge führten, setzte Mainz bewusst ein anderes Signal. Mit dem erstmaligen Hissen der Transgender-Fahne vor dem Stadthaus Große Bleiche zeigt Mainz unmissverständlich, wofür die Stadt steht: für Vielfalt, für Schutzräume und für den entschlossenen Einsatz gegen jede Form von Diskriminierung – ein sichtbares Bekenntnis, das nicht nur die lokale Community stärkt, sondern auch eine wichtige Botschaft nach außen trägt.

Der Alltag trans* Menschen: Leben in ständiger Alarmbereitschaft

Hinter den Statistiken verbergen sich individuelle Geschichten von Menschen, die täglich mit Diskriminierung konfrontiert sind. 48 Prozent der trans* Frauen, 37 Prozent der trans* Männer und 25 Prozent der nicht-binären Personen vermeiden oft oder immer bestimmte Plätze und Orte aus Angst vor Gewalt oder Belästigung. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es sich nicht um abstrakte Bedrohungen handelt, sondern um reale Ängste, die den Alltag vieler trans* Menschen prägen.

32 Prozent der trans* Frauen, 21 Prozent der trans* Männer und 18 Prozent der nicht-binären Personen wurden in den letzten fünf Jahren angegriffen, weil sie LSBTIQ* sind. Diese Zahlen machen deutlich: Der Kampf für Akzeptanz und Gleichstellung ist noch lange nicht gewonnen.

Ein Vorbild für andere Kommunen

Die Aktion in Mainz könnte Signalwirkung für andere Städte in Deutschland haben. In einer Zeit, in der queerfeindliche Gewalt als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden muss, braucht es mutige politische Zeichen. Die erstmalige Fahnenhissung in Mainz ist mehr als eine symbolische Geste – sie ist ein Bekenntnis zu einer vielfältigen, inklusiven Stadtgesellschaft.

Für die trans*, inter* und genderdiversen Menschen in Mainz bedeutet diese Aktion Sichtbarkeit, Anerkennung und das Gefühl, nicht allein zu sein. In Zeiten, in denen die Rechte von trans* Menschen zunehmend in Frage gestellt werden, sendet Mainz ein klares Signal: Hier seid ihr willkommen, hier werdet ihr geschützt, hier habt ihr einen Platz.


"Eine globale Krise der Menschenrechte" – Trans* Menschen gedenken der Opfer transfeindlicher Gewalt

Am 20. November, dem Transgender Day of Remembrance, kommen trans*, nicht-binäre und genderdiverse Menschen weltweit zusammen, um der Opfer transfeindlicher Gewalt zu gedenken. Das Trans Murder Monitoring Projekt (TMM) der Menschenrechtsorganisation TGEU meldet in den vergangenen 12 Monaten weltweit 350 Morde – eine erschütternde Bilanz, die trans*, nicht-binäre und gender-nonkonforme Menschen, die aufgrund von Gewalt, Diskriminierung und Hass ihr Leben verloren haben, sichtbar machen soll.

Transfeindliche Gewalt ist kein Randphänomen

"Gewalt gegen trans*, nicht-binäre und gender-nonkonforme Personen ist kein gesellschaftliches Randphänomen, sondern Ausdruck einer globalen Krise der Menschenrechte", erklärt Robin Ivy Osterkamp, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Trans*. Die Organisation setzt sich bundesweit für die Menschenrechte, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe von trans* Personen ein.

350 trans und genderdiverse Menschen wurden zwischen dem 1. Oktober 2023 und dem 30. September 2024 weltweit ermordet – die Gesamtzahl dokumentierter Morde hat damit die Marke von 5.000 Fällen seit 2008 überschritten. Die meisten getöteten Personen waren trans* Frauen oder trans*feminine Personen, die Schwarz, indigen, migrantisiert und_oder of Colour waren. 94% der gemeldeten Morde waren Femizide, und Sexarbeiter*innen bleiben die am stärksten gefährdete Gruppe.

Politische Attacken verschärfen die Situation

Die politischen Angriffe auf trans* Menschen haben sich in den letzten Jahren weltweit verschärft. Nach dem Amtsantritt von Donald Trump in den USA im Januar verbot er trans* Menschen etwa, im Militär zu dienen oder sich am Schul- oder Unisport zu beteiligen. In Deutschland übernahm die AfD transfeindliche Rhetorik und bezeichnete die Anerkennung geschlechtlicher Minderheiten als "Dekadenz". In Berlin wählte die AfD einen Mann auf ihre Landesliste, der offen die "Ausrottung" von trans* Menschen fordert. Auch aus der Union kommen zunehmend transfeindliche Töne mit der Forderung, trans* Menschen das Recht auf Selbstbestimmung wieder zu entziehen.

In Deutschland stieg die Zahl erfasster Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung im Jahr 2024 um 17,75% auf 1.765, während Straftaten aufgrund geschlechtsbezogener Diversität um 34,89% auf 1.152 zunahmen. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Besonders gravierend ist der Anstieg queer- und transfeindlicher Gewalttaten um 40% im Vergleich zum Vorjahr, wie Opferberatungsstellen dokumentieren.

Gedenken in vielen deutschen Städten

In ganz Deutschland finden am 20. November Protestaktionen und Gedenkveranstaltungen statt. In Karlsruhe versammeln sich Menschen um 18:30 Uhr am Platz der Grundrechte, in Mannheim um 17 Uhr am Marktplatz und in Stuttgart um 18 Uhr an der Königstraße. In Frankfurt am Main beginnt die Gedenkveranstaltung um 18 Uhr am Römerberg, in Magdeburg um 19 Uhr an der Magnus Hirschfeld Gedenktafel. Hamburg startet bereits um 16 Uhr mit einer Kundgebung auf dem Heidi-Kabel-Platz.

Die Geschichte des Trans Day of Remembrance

Der Transgender Day of Remembrance wurde 1999 von Gwendolyn Ann Smith, Nancy Nangeroni und Jahaira DeAlto gegründet, um der ermordeten Schwarzen trans* Frau Rita Hester zu gedenken, die am 28. November 1998 in Allston, Massachusetts, ermordet wurde. Anders als beim Mord an dem jungen schwulen Mann Matthew Shepard, der sich nur sechs Wochen vorher ereignet hatte, gab es fast keine Berichterstattung über Hester.

Rita Hester wurde in ihrer Wohnung zwanzigmal von einem unbekannten Täter erstochen – ihr Mord ist bis heute ungeklärt. Eine Mahnwache zu ihrem Gedenken am 4. Dezember versammelte etwa 250 Menschen. Trans* Aktivist*innen waren damals außer sich, dass die Öffentlichkeit offenbar wenig Interesse am Tod einer Schwarzen trans* Frau zeigte. Sie begannen mit öffentlichen Aktionen, um auf die Gewalt gegen trans* Menschen aufmerksam zu machen.

Dringender Handlungsbedarf

"Wir erleben weltweit und auch in Deutschland eine politische und gesellschaftliche Entwicklung, die trans* und queeres Leben zunehmend delegitimiert und angreifbar macht", betont Robin Ivy Osterkamp. Hier müsse "durch Schutz, Aufklärung und Solidarität" gegengesteuert werden. Zudem müssen wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an, erklärt auch das Bundesinnenministerium in seinem aktuellen Lagebericht zur Sicherheit von LSBTIQ* Menschen.

Der Transgender Day of Remembrance ist mehr als ein Gedenktag – er ist ein Appell an die Gesellschaft und Politik, entschlossen gegen transfeindliche Gewalt vorzugehen und die Menschenrechte aller Menschen zu schützen.


Wenn Bahnhöfe zu Kampfzonen werden: Der Regenbogen gegen rechte Vereinnahmung

In der mecklenburgischen Kleinstadt Bützow ist ein Bahnhof zum Symbol eines größeren Konflikts geworden, der Deutschland derzeit spaltet. Die Deutsche Bahn brachte laut NDR über dem Ortsschild ein Schild mit der Aufschrift "Bunt sind wir stärker" und einer stilisierten Regenbogenfahne an – als direkte Reaktion auf am Bahnhofsgebäude seit Sommer angebrachte Fahnen der rechtsextremen AfD. Der Vorfall, über den queer.de berichtet, wirft grundlegende Fragen auf: Wem gehört der öffentliche Raum? Und wie weit geht das Recht auf Meinungsäußerung, wenn es um menschenfeindliche Ideologien geht?

Ein Bahnhof als Politikum

Die Ausgangslage ist kompliziert: Das Bützower Bahnhofsgebäude befindet sich seit dem 29. August 2014 in Privatbesitz von Poppe Gerken. Der Landwirt hat in der Zeit, seitdem er sich für die AfD geoutet hat, vier Kündigungen erhalten – seine Bank, die seinen Hof und Bahnhof vermarkten sollte, und sein Steuerbüro kündigten ihm. Da das Gebäude in Privatbesitz ist und eine politische Nutzung im Kaufvertrag nicht verboten ist, kann die Stadt nichts dagegen unternehmen.

Für die AfD ist die Situation ein PR-Coup: Der AfD-Landtagsabgeordnete Martin Schmidt veröffentlichte etwa im Juni in sozialen Medien ein Video, in dem er triumphierend schrieb: "Bützow ist erobert, die Flaggen wehen." Die Station in der knapp 8.000 Einwohner*innen zählenden Stadt, in der bei der diesjährigen Bundestagswahl rund 46 Prozent die rechtsextreme Partei gewählt hatten, bezeichnete Schmidt außerdem als "AfD-Bahnhof". Diese Wortwahl – "erobert" – ist bewusst gewählt und erinnert an militärische Terminologie, die zeigt, wie die extreme Rechte den öffentlichen Raum als Schlachtfeld begreift.

Die Deutsche Bahn setzt ein Zeichen

Die Reaktion der Deutschen Bahn mag symbolisch erscheinen, doch sie ist bedeutsam. Ein Sprecher der Deutschen Bahn erklärte gegenüber dem NDR: "Weil wir ein weltoffenes, internationales und diverses Unternehmen und stolz auf unsere bunte Belegschaft sind, setzen wir bewusst auf Vielfalt. Wir sind Gastgeber für Menschen jedweder Herkunft, sexueller Orientierung und Religion, jedweden Geschlechts und Alters".

Das Engagement der Deutschen Bahn für LGBTIQ*-Rechte hat dabei Tradition. Die Deutsche Bahn engagiert sich bereits seit Jahren für LGBTI-Rechte. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Richard Lutz steht als Schirmherr für die Vielfaltsdimension "LSBTIQ*" ein. Gemeinsam mit dem Vorstand für Personal und Recht, Martin Seiler, hisst er seit 2019 zum Pride Monat die Regenbogenfahne am Berliner Hauptbahnhof. Das Employee Resource Group Railbow setzt sich seit 2011 für Diversity im Konzern ein.

Wenn Pendler*innen sich schämen

Die Auswirkungen der AfD-Flaggen sind real und schmerzhaft. Bürgermeister Christian Grüschow (parteilos) sagte im Juni: "Unser Bahnhof ist seit jeher Ankommens- und Willkommensort – ein Ort der Offenheit und der Begegnung. Eine politische Vereinnahmung lehne ich daher kategorisch ab!" Doch die Stadt ist machtlos.

Die Stadtverwaltung erreichen E-Mails von Reisenden, die sich an den Fahnen stören. Ein Mann nannte die Fahnen "beschämend". Eine Frau schrieb, dass die Fahnen sie "zutiefst schockiert" hätten. Ein Dritter warf die Frage auf: "Bützow ist eine Nazistadt?" Diese Reaktionen zeigen, welchen Imageschaden eine Stadt erleidet, wenn rechtsextreme Symbolik ihr Gesicht prägt.

Widerstand formiert sich

Die Zivilgesellschaft reagierte: Unter dem Motto "Bützow bleibt bunt – keine AfD-Flaggen am Bahnhof Bützow" fand eine Demo statt. Von rund 150 Teilnehmern und einer friedlichen Versammlung, die zum Großteil störungsfrei ablief, berichteten Polizei und Bundespolizei. Zeitgleich versammelten sich rund 50 Personen – mutmaßlich aus dem rechtsextremen Spektrum. Einige Teilnehmende trugen ihre politische Meinung auf T-Shirts und Plakaten – darunter AfD-Logos, Wehrmachtssymbole und Szenemotive.

Die Zukunft: Ein "AfD-Bahnhof"?

Die Situation könnte sich weiter verschärfen: Der augenblickliche Besitzer hat laut einem "Spiegel"-Bericht vom Juli angeboten, das Gebäude an die AfD zu verkaufen – als neue Landeszentrale. Schon jetzt trifft sich der Stadtverband der rechtsextremen Partei im Bahnhof. Der gegenwärtige Besitzer versucht eigenen Angaben zufolge bereits seit 2021, das Bahnhofsgebäude zu verkaufen. Zunächst habe er damals 1,45 Millionen Euro verlangt – inzwischen ist das Objekt für 650.000 Euro bei Immoscout verfügbar.

Der Kontext: AfD-Erfolge in Mecklenburg-Vorpommern

Der Fall Bützow steht nicht isoliert. In Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD bei der Bundestagswahl die stärkste Kraft – mit 35,0 Prozent der Wählerstimmen. Die CDU kommt auf 17,8 Prozent, die SPD auf 12,4 Prozent. Alle sechs Wahlkreise gingen an die AfD. Diese Zahlen erklären, warum rechtsextreme Akteure wie Schmidt so triumphierend auftreten.

Doch Wahlerfolge allein legitimieren nicht die Vereinnahmung öffentlicher Räume durch menschenfeindliche Ideologie. Der Bürgermeister verweist darauf: Die AfD nimmt rund elf Prozent der Sitze in der Stadtvertretung ein – von "erobert" kann also keine Rede sein.

Symbole im Kampf um Deutungshoheit

Die Regenbogenfahne ist in Deutschland zu einem umkämpften Symbol geworden. Während Staatsrechtler Christoph Degenhart feststellt, die Regenbogenfahne werde überparteilich verwendet und könne deshalb "nicht als Stellungnahme für oder gegen eine bestimmte Partei oder politische Richtung unter missbräuchlichem Einsatz der Amtsautorität interpretiert werden", sieht die AfD das anders: AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch bezeichnete die Regenbogenfahne beim "Demo für alle"-Kongress als "politisches extremes Symbol".

Diese Umdeutung ist Teil einer Strategie: Was als Zeichen für Menschenwürde und Gleichberechtigung gedacht ist, wird zum "politischen" Symbol erklärt, um es zu delegitimieren. Das Verwaltungsgericht Dresden hatte 2020 geurteilt, dass mit der Flagge keine Weltanschauung bekundet werde. "Die Regenbogenfahne ist nach derzeitigem gesellschaftlichem Verständnis ein Zeichen der Toleranz und Akzeptanz, der Vielfalt von Lebensformen".

Was bleibt?

Der Bahnhof von Bützow ist zu einem Mikrokosmos größerer gesellschaftlicher Kämpfe geworden. Die Deutsche Bahn hat mit ihrem Regenbogenschild ein wichtiges Zeichen gesetzt – doch es bleibt symbolisch. Die eigentliche Frage ist, wie Demokratie und Zivilgesellschaft auf rechtsextreme Raumnahme reagieren, wenn rechtliche Mittel fehlen.

Was in Bützow passiert, ist mehr als ein lokaler Streit um Flaggen. Es ist ein Kampf darum, welche Werte unsere öffentlichen Räume prägen sollen: Offenheit und Vielfalt – oder Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit. Die Regenbogenfahne über dem Ortsschild mag klein sein, doch sie sendet eine klare Botschaft: Bützow lässt sich nicht kampflos vereinnahmen.


Pride Champion Index 2025: Qualität vor Quantität – Warum weniger Unternehmen mehr Engagement zeigen

Die Zahlen scheinen auf den ersten Blick ernüchternd: Nur noch 46 Unternehmen und Institutionen beteiligten sich am aktuellen Pride Champion Index 2025 der Berliner Uhlala Group – im Vorjahr waren es noch 54, und 2023 sogar mehr als 70 Teilnehmende. Doch hinter diesem Rückgang verbirgt sich eine ermutigende Entwicklung: Die teilnehmenden Organisationen zeigen messbare Fortschritte in ihrem LGBTIQ+ Diversity Management, wobei Großunternehmen mit durchschnittlich 90 Prozent einen "historischen Höchstwert" erreichen.

Ein Signal in polarisierten Zeiten

Der Pride Champion Index, der seit 2019 veröffentlicht wird, ist mehr als ein bloßes Ranking. Das Audit bietet Unternehmen und Öffentlichen Institutionen die Möglichkeit, ihr Diversity Management im Bereich LGBTIQ+ von Diversity-Expert:innen prüfen und auszeichnen zu lassen. Stuart Bruce Cameron, Gründer der Uhlala Group, betont die Bedeutung gerade in der aktuellen Zeit: "2025 ist das Jahr, in dem sichtbar wird, welche Organisationen ihre Werte nicht nur formulieren, sondern sie messbar machen. Die Teilnahme am Pride Champion Audit ist kein Imageprojekt, sondern eine bewusste Entscheidung für Verantwortung. In Zeiten politischer Polarisierung zeigt sich, wer wirklich Haltung zeigt."

Diese Worte bekommen besondere Relevanz vor dem Hintergrund internationaler Entwicklungen. Während auf Druck von Donald Trump etliche Firmen in den USA ihre Diversitätsprogramme beenden, machen Unternehmen in Deutschland nicht mit – im Gegenteil: Die Charta der Vielfalt hat derzeit großen Zulauf.

Versicherungen an der Spitze, Rechtswesen mit Nachholbedarf

Die Ergebnisse zeigen deutliche Branchenunterschiede: Versicherungen gingen mit rund 99 Prozent als Sieger hervor, während die Rechtsbranche mit 72 Prozent das Schlusslicht bildet. Zu den Unternehmen, die die volle Punktzahl erreichten, gehören der Leverkusener Chemieriese Bayer, die Kölner Supermarktkette Rewe und das Berliner Versicherungsunternehmen Allianz.

Das ITZBund ist als einzige Organisation aus dem öffentlichen Dienst im Pride Index vertreten und zählt zu den Arbeitgebern in Deutschland, die Maßstäbe für die LGBTIQ+-Inklusion am Arbeitsplatz setzen. Die Bundesbehörde verbesserte sich gegenüber dem Vorjahr um rund zehn Prozentpunkte und gelangte erstmals vom Gold- in den Platinstatus.

Warum authentisches Engagement zählt

Der Fragebogen zum Pride Index orientiert sich an der Unternehmensgröße und Organisationsform und besteht aus 40 bis 86 Fragen, die in die Themenblöcke Organisationsstruktur, Human Resources, Kommunikation & Sichtbarkeit und rechtlicher Rahmen & Regelungen eingeteilt sind. Diese umfassende Prüfung unterscheidet echtes Engagement von oberflächlichem "Pinkwashing".

Für queere Menschen in Deutschland ist der Index zu einem wichtigen Orientierungswerkzeug geworden. Der Index soll für queere Menschen ein Kompass bei der Suche nach Arbeitgebenden darstellen, die sich für eine diversitysensible und wertschätzende Kultur am Arbeitsplatz einsetzen. Gleichzeitig zeigt er Unternehmen auf, wo noch Handlungsbedarf besteht.

Die wirtschaftliche Dimension von Diversity

Dass queere Inklusion nicht nur eine ethische, sondern auch eine ökonomische Dimension hat, belegen zahlreiche Studien. Firmen mit queerfreundlichen Richtlinien haben mehr Erfolg als Firmen, die keinen Wert auf LGBTI-Vielfalt legen, wie eine aktuelle finnische Studie zeigt. Menschen, die ihre sexuelle Orientierung am Arbeitsplatz verstecken, verlieren schätzungsweise rund 20 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit, erklärt Matthias Weber vom Völklinger Kreis, einem Netzwerk homosexueller Führungskräfte.

Michaela Jaap, Vorständin bei der Charta der Vielfalt, erklärt: "Es gibt natürlich die großen, amerikanisch geprägten Unternehmen, die dem Druck nachgeben. Es gibt aber sehr viel mehr große Unternehmen, die das eben nicht tun." Die Charta der Vielfalt habe aktuell einen "sehr starken Zulauf" von kleinen und mittelständischen Unternehmen: "Wir hatten noch nie so viele neue Unterzeichnende wie aktuell".

Netzwerke als Erfolgsfaktor

Besonders erfolgreich sind Unternehmen, die interne LGBTIQ+-Netzwerke fördern. Das Netzwerk DITO bei der Rewe Group ist ein starkes Zeichen für Vielfalt und Inklusion und schafft deutschlandweit Akzeptanz und Unterstützung für LGBTQIA+ Mitarbeitende, was Zufriedenheit und Innovationskraft steigert. Solche Strukturen schaffen sichere Räume, in denen sich Mitarbeitende authentisch zeigen können.

Ein internes Netzwerk von LGBTQIA+-Mitarbeiter:innen schafft einen sicheren Raum am Arbeitsplatz. Unternehmen, die eine inklusive Kultur leben, zeigen eine erhöhte Mitarbeiterzufriedenheit sowie ein positives und wertschätzendes Arbeitsumfeld. In einem Arbeitsumfeld ohne Vorurteile und Diskriminierung können Mitarbeiter:innen ihr volles Potenzial besser nutzen und entfalten.

Herausforderungen bleiben bestehen

Trotz aller Fortschritte bleibt viel zu tun. Laut DIW Berlin erleben immer noch 30 Prozent der LGBTQI+-Personen Diskriminierung im Arbeitskontext. Die Gründe für den Rückgang der Teilnehmerzahlen am Pride Champion Index sind vielfältig und spiegeln möglicherweise auch die Tatsache wider, dass etwas mehr als ein Drittel der Befragten in Deutschland Programme für queere Mitarbeitende befürworten, während 43 Prozent sich neutral äußern.

Doch die Botschaft des aktuellen Pride Champion Index ist klar: Qualität geht vor Quantität. Die Unternehmen, die sich beteiligen, tun dies mit wachsender Ernsthaftigkeit und messbaren Ergebnissen. In einer Zeit, in der andere Regionen Rückschritte machen, setzen deutsche Unternehmen ein starkes Zeichen für Vielfalt und Wertschätzung – und profitieren nachweislich davon.


Posthume Verurteilung in Russland: Wenn der Tod nicht das Ende der Verfolgung ist

Ein Jahr nach seinem Tod in Haft hat ein Moskauer Gericht den Reisebüro-Betreiber Andrei Kotov posthum wegen "extremistischer Taten" verurteilt. Der 48-Jährige starb im Dezember 2024 in Untersuchungshaft – nach offiziellen Angaben durch Suizid. Das Moskauer Golovinskij-Bezirksgericht fand ihn am 14. November 2025 schuldig der Organisation und Teilnahme an extremistischen Aktivitäten im Zusammenhang mit der verbotenen "internationalen LGBT-Bewegung" (Originalquelle: queer.de). Doch dieser Fall wirft grundlegende Fragen über Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und die zunehmende Verfolgung queerer Menschen in Russland auf – Fragen, die auch für Deutschland relevant sind.

Eine Anklage, die keiner Beweise bedarf

Kotov hatte in der russischen Hauptstadt das Reisebüro "Men Travel" betrieben, das kommerzielle Reisen für schwule Männer organisiert haben soll. Im November 2024 beschrieb Kotov seine Festnahme vor Gericht: "15 Leute sind in der Nacht zu mir gekommen, haben mich verprügelt und mir ins Gesicht geschlagen". Seine Anwältin warf den Behörden vor, ihren Mandanten mit Elektroschocks gefoltert sowie ihm Medikamente und warme Kleidung verweigert zu haben.

Mehrere Zeugen erschienen nicht vor Gericht oder lieferten widersprüchliche Aussagen. Ein von den Ermittlungsbehörden bestellter Zeuge sollte Material für den Fall sammeln, konnte aber keine klaren Beweise vorlegen. Zu Lebzeiten hatte Kotov alle Vorwürfe zurückgewiesen und erklärt, lediglich ein normales Reisebüro betrieben zu haben.

Posthume Verurteilungen: Ein rechtsstaatlicher Widerspruch

Posthume Verurteilungen sind in Russland ungewöhnlich und widersprechen eigentlich der russischen Verfassung. Im Fall Kotov hatte die Mutter des Verstorbenen darauf bestanden, einen Prozess durchzuführen, um die Unschuld ihres Sohnes zu beweisen – mit verheerendem Ausgang. Die Richter verurteilten Kotov posthum in allen Punkten schuldig, verzichteten lediglich auf das Verlesen einer posthumen Haftstrafe.

Die Praxis der posthumen Verurteilung ist in Russlands Rechtssystem nicht neu. Bereits 2013 wurde der Anwalt Sergei Magnitski posthum verurteilt, nachdem er im November 2009 in Untersuchungshaft durch Herzversagen gestorben war. Sein Tod löste international großes Echo aus, der US-Kongress verabschiedete daraufhin die sogenannte Magnitski-Liste. In Deutschland würde eine solche Praxis als klarer Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes – die Würde des Menschen ist unantastbar – gelten.

Die systematische Verfolgung der LGBTQ+ Community

Ende 2023 hatte das Oberste Gericht Russlands die nicht näher definierte "internationale LGBT-Bewegung" als extremistisch eingestuft und im Frühjahr 2024 wurde sie auf die Terrorliste gesetzt. Seitdem drohen für entsprechende Aktivitäten bis zu zehn Jahre Haft. Diese Einstufung ermöglicht willkürliche Verfolgung: Die Richter stellten nicht klar, wer genau unter die "LGBT-Bewegung" fällt, wodurch der Spielraum der Behörden enorm groß ist.

Eine Studie des University College Dublin zeigt, dass homophobe Gewalt nach Verabschiedung des "Anti-Propaganda-Gesetzes" von 2013 zugenommen hat. Von 2010 bis 2020 wurden 1.056 Hassverbrechen gegen 853 Personen festgestellt, von denen 365 tödlich endeten. Die Anzahl der Verbrechen nach Verabschiedung des Gesetzes beträgt das Dreifache im Vergleich zu der Zeit davor.

Deutschland und die Verantwortung gegenüber queeren Geflüchteten

Der Fall Kotov verdeutlicht die dramatische Lage queerer Menschen in Russland. Der LSVD fordert die Bundesregierung, insbesondere Außenministerin Baerbock und Innenministerin Faeser, dringend auf, verfolgte und besonders schutzbedürftige LSBTIQ* aus Russland aufzunehmen. Dies ist gemäß dem Aktionsplan "Queer leben" der Bundesregierung und den Leitlinien für eine feministische Außenpolitik dringend geboten.

Die Organisation Quarteera e.V., ein Verein von LGBTQ+-Personen aus Russland in Deutschland, unterstützt Geflüchtete bei Asylverfahren. Im September 2013 erhielt ein 26-jähriger schwuler Mann aus Nowosibirsk mit Unterstützung von Quarteera politisches Asyl in Deutschland – der erste Fall eines homosexuellen Russen, der in Deutschland Asyl erhielt. Doch die Hürden bleiben hoch.

Nach aktueller deutscher Rechtsprechung droht homosexuellen Personen in der Russischen Föderation mit Ausnahme des Nordkaukasus keine flüchtlingsrelevante Gruppenverfolgung – jedenfalls für Personen, die nicht öffentlich als LGBTI-Aktivisten auftreten oder durch ihr äußeres Erscheinungsbild auffallen. Damit sind die Voraussetzungen einer Gruppenverfolgung nicht erfüllt. Diese restriktive Auslegung wird der Realität nicht gerecht, wie der Fall Kotov zeigt: Er betrieb lediglich ein Reisebüro.

Ein Rechtssystem als Waffe

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schafft den notwendigen Ausgleich für die erheblichen Defizite des russischen Justizsystems. Im Jahr 2016 wurde die Russische Föderation in über 200 Fällen wegen einer Verletzung der Europäischen Menschenrechtskonvention verurteilt. Ungewöhnlich hoch sind die russischen Konventionsverstöße wegen unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung.

Die posthume Verurteilung Kotovs reiht sich ein in eine besorgniserregende Entwicklung: Das Urteil gegen Anwälte macht Verteidiger zu Mittätern bei einem Vergehen, nur weil sie verteidigen. Es öffnet Folter und Fälschungen von Beweisen Tor und Tür. Auch die drei Anwälte des verstorbenen Oppositionellen Alexej Nawalny wurden im Januar 2025 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt – ein Signal an alle Juristen.

Was bleibt

Andrei Kotov ist tot. Sein Prozess fand ohne ihn statt. Er konnte sich nicht verteidigen, keine Zeugen befragen, keine Beweise vorlegen. Trotzdem wurde er verurteilt. Diese kafkaeske Realität zeigt, wie weit sich Russland von rechtsstaatlichen Prinzipien entfernt hat.

Für Deutschland bedeutet dies eine klare Verantwortung: Queere Menschen aus Russland brauchen realistischen Zugang zu Asyl. Die aktuelle Rechtsprechung, die nur bei öffentlich sichtbarem Aktivismus von Verfolgung ausgeht, wird der Realität nicht gerecht. Jeder, der als Teil der "LGBT-Bewegung" wahrgenommen wird – und das kann bereits der Betrieb eines Reisebüros sein – ist gefährdet.

Der Fall Kotov erinnert uns daran, dass Menschenrechte keine Selbstverständlichkeit sind. Sie müssen aktiv verteidigt werden – auch über Grenzen hinweg. Deutschland hat mit seiner Geschichte eine besondere Verpflichtung, Verfolgten Schutz zu bieten. Die posthume Verurteilung eines Mannes, der bereits tot ist, zeigt: In Putins Russland endet die Verfolgung nicht einmal mit dem Tod.


Frankreich vor Gericht: Warum drei Stunden Sexualkunde im Jahr Theorie bleiben – und was Deutschland besser macht

Paris mag die Stadt der Liebe sein – doch in französischen Klassenzimmern kommt die Aufklärung oft zu kurz. Ein Verwaltungsgericht in Paris befasst sich derzeit mit einer wegweisenden Klage: Mehrere Organisationen, darunter die 1994 gegründete Organisation SOS Homophobie mit Sitz in Paris, werfen dem französischen Staat vor, das seit 2001 geltende Gesetz zu ignorieren, das drei Unterrichtseinheiten Sexualkunde pro Schuljahr vorschreibt.

Wenn Gesetze auf dem Papier bleiben

Die Zahlen sind ernüchternd: Eine französische Behörde räumte bereits 2021 ein, dass das Gesetz zur Sexualaufklärung nicht umgesetzt wird. Noch gravierender: Es existieren keine offiziellen Statistiken darüber, wie viele Schulen tatsächlich Sexualkundeunterricht anbieten. Erst seit Februar 2025 gibt es überhaupt einen verpflichtenden Lehrplan – mehr als zwei Jahrzehnte nach Inkrafttreten des Gesetzes. Dieser sieht vor, dass Kinder in Vor- und Grundschulen etwas über Beziehungen und Gefühle lernen, während ab der Mittelstufe auch Sexualität thematisiert werden soll.

Die klagenden Organisationen betonen die gravierenden Folgen mangelnder Aufklärung: ungewollte Schwangerschaften, das Festhalten an überkommenen Rollenbildern, sexuelle Gewalt und die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten. Queere Themen sind dabei explizit Teil des neuen Lehrplans – die Curricula sollen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt einbeziehen, Akzeptanz fördern und Diskriminierung wie Homophobie und Transphobie bekämpfen.

Deutschland: Verpflichtung seit 1977 – Umsetzung mit Lücken

Wie steht es um die Sexualaufklärung in Deutschland? Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Dezember 1977 zur Sexualerziehung in der Schule regelt die sexuelle Bildung in Schulen bis heute. Inzwischen ist Sexualaufklärung in allen 16 Bundesländern ab der Grundschule fächerübergreifend vorgesehen – meist in Biologie, Sachkunde, Sozialkunde, Ethik, Religion oder Deutsch. Anders als in Frankreich gibt es klare rechtliche Grundlagen: Sexualkundeunterricht muss in Deutschland verpflichtend stattfinden und ist ein Aspekt des schulischen Bildungsauftrags.

Doch auch hierzulande gibt es Herausforderungen. In Deutschland wird die Sexualaufklärung nicht flächendeckend überwacht, und die letzte Studie von 2019 zeigt, dass die Zahl der Jugendlichen, die angeben Sexualkundeunterricht zu haben, erstmals leicht rückläufig ist. Jugendliche mit einem niedrigeren Bildungsabschluss geben seltener an, Sexualkundeunterricht erhalten zu haben.

Queere Themen: Deutschland auf unterschiedlichen Wegen

Wie werden LGBTQ+-Themen in deutschen Schulen behandelt? Die Antwort ist kompliziert – und bundeslandabhängig. Die Landesregierung Rheinland-Pfalz spricht sich gegen jede Form der Diskriminierung aus und will die Akzeptanz der Vielfalt sexueller Identitäten durch einen Landesaktionsplan fördern, der auch vom Bildungsministerium mitgetragen wird. In Berlin geht es in Klassenstufe 7 oder 8 neben dem Thema Pubertät auch ausdrücklich um sexuelle Orientierung, sexuelle Praktiken, Empfängnisverhütung, sexuellen Missbrauch und Transsexualität.

Doch die Realität sieht oft anders aus. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland hat die Ergebnisse der zweiten großen LGBTI-Survey der EU-Grundrechtagentur für Deutschland übersetzt: Bei 77 Prozent der Befragten wurden LGBTIQ-Themen in der Schule nicht ausreichend behandelt. Fast alle Lehrkräfte bekommen Homophobie und Transfeindlichkeit mit, die wenigsten fühlen sich aber kompetent genug für das Thema „sexuelle und geschlechtliche Vielfalt".

Widerstand von rechts – in Frankreich und Deutschland

Der französische Lehrplan wurde von konservativen Gruppen massiv kritisiert. Sie warfen ihm vor, „Gender-Ideologie" zu verbreiten – ein Vorwurf, der auch in Deutschland immer wieder laut wird. In Deutschland wächst die Opposition aus rechtskonservativen Kreisen, die Sexualaufklärung aus Schule und KiTa weitgehend fernhalten wollen. Rechtskonservative und religiös-fundamentalistische Kreise attackieren eine Pädagogik der Vielfalt mit ihren Kampfbegriffen wie „Frühsexualisierung" oder „Genderwahn".

Dabei zeigen Umfragen ein anderes Bild: Eine YouGov-Umfrage ergab, dass nur sechs Prozent grundsätzlich dagegen sind, LGBT-Lebensweisen in der Schule zu thematisieren, und nur sieben Prozent wollen den Kindern Transsexualität verschweigen.

Ein Urteil mit Signalwirkung?

Das Pariser Verwaltungsgericht will am 2. Dezember sein Urteil verkünden. Es könnte wegweisend sein – nicht nur für Frankreich. Die Klage macht deutlich, dass gesetzliche Verpflichtungen allein nicht ausreichen. Es braucht verbindliche Lehrpläne, ausreichend ausgebildete Lehrkräfte und eine konsequente Überwachung der Umsetzung.

Deutschland mag auf dem Papier weiter sein als Frankreich, doch auch hier zeigt sich: Zwischen Theorie und Praxis klaffen oft Welten. Die Debatte um Sexualaufklärung und queere Themen ist längst nicht abgeschlossen – weder diesseits noch jenseits des Rheins.


Marjorie Taylor Greene entschuldigt sich für "toxische Politik" – Eine überraschende Wende mit Schattenseiten

In einer bemerkenswerten Kehrtwende hat sich die republikanische Abgeordnete Marjorie Taylor Greene für ihre Rolle in der „toxischen Politik" entschuldigt, die seit Jahren die politische Landschaft der USA prägt. Die Politikerin aus Georgia, bekannt für ihre vehemente Opposition gegen LGBTQ+-Rechte und die Verbreitung von Verschwörungstheorien, äußerte sich in einem Interview mit CNN-Moderatorin Dana Bash zu ihrer Verantwortung für die zunehmend polarisierende politische Rhetorik. Auslöser für diese ungewöhnliche Reflexion war die Ermordung des konservativen Podcasters Charlie Kirk im September 2025, der am 10. September während einer öffentlichen Veranstaltung an der Utah Valley University erschossen wurde.

„Ich möchte demütig sagen: Es tut mir leid, dass ich an der toxischen Politik teilgenommen habe", erklärte Greene. „Ich bin nur für mich selbst und meine eigenen Worte und Taten verantwortlich … und ich habe in letzter Zeit viel daran gearbeitet, die Messer in der Politik niederzulegen", betonte die Kongressabgeordnete. Diese Aussagen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem Greene selbst zur Zielscheibe scharfer Attacken wurde – ausgerechnet von ihrem einstigen politischen Mentor Donald Trump, der sie als „Verräterin" bezeichnete und behauptete, dass solche Worte „Menschen gegen mich radikalisieren und mein Leben in Gefahr bringen können".

Ein Streit im Zentrum der MAGA-Bewegung

Der öffentliche Bruch zwischen Greene und Trump ereignet sich inmitten eines Konflikts, der in die Öffentlichkeit eskalierte, nachdem Trump der Republikanerin vorwarf, die Partei verraten zu haben, insbesondere durch ihre Kritik an der Regierungsführung während des jüngsten Government Shutdowns. Die Auseinandersetzung entzündete sich auch an Greenes Unterstützung für die Veröffentlichung der Epstein-Akten, die Trump zunächst ablehnte. Trump nannte Greene eine „Verräterin", nachdem sie seine Opposition gegen die Freigabe der Jeffrey-Epstein-Dokumente des Justizministeriums infrage gestellt hatte.

Greene, die sich selbst als „Gründungsväter" der „America First"-Bewegung bezeichnete, argumentiert nun, dass Trump seine ursprüngliche Vision verraten habe. „Niemand interessiert sich für die ausländischen Länder. Niemand interessiert sich für die unendliche Anzahl ausländischer Führungskräfte, die jede einzelne Woche ins Weiße Haus kommen", kritisierte Greene. Diese Haltung markiert eine deutliche Distanzierung von einem Präsidenten, den sie jahrelang bedingungslos unterstützte.

Eine Geschichte der LGBTQ+-Feindlichkeit

Greenes Entschuldigung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie eine der prominentesten Gegnerinnen von LGBTQ+-Rechten im US-Kongress ist. Wie der Originalartikel von Pink News dokumentiert, hat Greene wiederholt homophobe und transfeindliche Bundes- und Landesgesetze unterstützt. Besonders besorgniserregend: Sie befürwortete den „Protect Children's Innocence Act", der die medizinische Versorgung von trans Jugendlichen unter 18 Jahren unter Strafe stellen würde – mit Gefängnisstrafen von bis zu 25 Jahren.

Darüber hinaus verwendete Greene den diffamierenden Begriff „Groomer", der LGBTQ+-Menschen mit Pädophilen gleichsetzt – eine gefährliche Rhetorik, die zu Gewalt gegen queere Menschen beitragen kann. Als Bash sie auf ihre früheren Angriffe auf politische Gegner ansprach – etwa als sie 2020 ein Bild einer Waffe neben einer Gruppe progressiver demokratischer Kongressfrauen postete –, entschuldigte sich Greene und räumte ein: „Das ist faire Kritik."

Deutsche Parallelen: Wenn Politiker:innen sich entschuldigen müssen

Die Entwicklung in den USA wirft Fragen über die politische Kultur im Umgang mit LGBTQ+-Rechten auch in Deutschland auf. Während es früher fast nur bei den Grünen offen schwul und lesbisch lebende Politiker gab, hat sich dies in Deutschland vor allem seit Klaus Wowereits „Flucht nach vorne" im Jahr 2001 geändert. Heute gibt es offen schwul und lesbisch lebende Politiker in allen im Bundestag vertretenen Parteien. Doch auch hierzulande gibt es problematische Rhetorik: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn berichtete, dass er oft wegen seiner Homosexualität beschimpft wird. „Wüste Beleidigungen kommen vielfach auch per Post im Ministerium oder Bundestagsbüro an, viel davon zielt auf mein Schwulsein ab".

Besonders die AfD fällt durch ihre systematische Ablehnung von LGBTQ+-Rechten auf. Die rechtsextreme Partei fordert einen „Schutz von Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie vor geschlechtsangleichenden medizinischen Eingriffen" und spricht mit „Demo-für-alle"-artigen wissenschaftlichen Verdrehungen von einem „Trans-Hype". Die CDU/CSU schließt zwar offiziell eine Koalition mit der AfD aus, doch gibt es inhaltliche Überschneidungen bei konservativen Themen wie der Abschaffung des Selbstbestimmungsgesetzes oder der Einschränkung genderneutraler Sprache.

Ein zweifelhafter Sinneswandel

Wie glaubwürdig ist Greenes plötzliche Reue? Als Bash sie darauf ansprach, warum sie sich erst gegen Trumps aggressive Rhetorik äußerte, als diese gegen sie selbst gerichtet war, räumte Greene ein: „Ich denke, das ist faire Kritik". Diese Eingeständnisse kommen jedoch zu einem Zeitpunkt, an dem Greene selbst massive Bedrohungen erfährt. Greene beschuldigte Trump, dass seine Angriffe zu einer Rohrbombendrohung gegen ihr Bauunternehmen führten und warnten, dass die Attacken zu „einem schädlichen oder sogar tödlichen Ergebnis" führen könnten. Stunden später erhielt ihr Sohn eine Morddrohung.

Trotz ihrer Entschuldigung bleibt Greene bei ihrer Position, einen „neuen Weg nach vorne" finden zu wollen und forderte die Menschen auf, „zusammenzukommen". Ob diese Worte mehr sind als eine taktische Reaktion auf ihre aktuelle politische Isolation, wird sich zeigen müssen. Für die LGBTQ+-Community bleibt die Botschaft eindeutig: Politische Rhetorik hat reale Konsequenzen, und Entschuldigungen allein können Jahre der Diskriminierung und Hetze nicht ungeschehen machen.

Die Geschichte von Marjorie Taylor Greene zeigt eindrücklich, wie toxische Politik nicht nur Minderheiten schadet, sondern letztlich auch ihre eigenen Urheber:innen verschlingt – eine Lektion, die auch in Deutschland nicht vergessen werden sollte.


Katholische Bischöfe in Deutschland lehnen queersensibles Schuldokument ab – Spaltung in der Amtskirche vertieft sich

Eine neue Debatte erschüttert die katholische Kirche in Deutschland: Ein Ende Oktober von der Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Dokument mit dem Titel „Geschaffen, erlöst und geliebt" zur Anerkennung queerer Menschen an Schulen stößt auf massiven Widerstand konservativer Bischöfe. Die Kontroverse zeigt, wie tief die Spaltung in der deutschen Amtskirche beim Thema LGBTQ+ bereits ist.

Oster, Voderholzer und Woelki distanzieren sich

Der Passauer Bischof Stefan Oster hat sich von dem Papier der Schulkommission distanziert und erklärt: „Wenn auch auf dem Umschlag der Broschüre steht: ‚Die deutschen Bischöfe', dann spricht der Text trotzdem nicht in meinem Namen". Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer schloss sich dieser Kritik an, indem das Bistum Regensburg Osters Einschätzung auf seiner Internetseite veröffentlichte. Auch das Erzbistum Köln unter Kardinal Rainer Maria Woelki stellte sich hinter die Kritik des Passauer Bischofs.

Voderholzer äußerte am Rand einer Versammlung heftige Kritik: „Es wird hier eine Agenda durchgezogen. Ich möchte nicht in 30 Jahren hören, dass die katholische Kirche auch hier wieder mitgemacht hat." Diese Wortwahl erinnert an dunkle Kapitel der Kirchengeschichte und zeigt die Dramatik, mit der die Gegner des Dokuments agieren.

Was steht im umstrittenen Dokument?

Das 48-seitige Dokument will Orientierung im Umgang mit sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität geben und fordert, dass Schulen Orte sein sollen, an denen Kinder und Jugendliche Schutz vor Diskriminierung finden. Das Papier liefert eine Bestandsaufnahme der Situation queerer Jugendlicher, Lehrkräfte und Eltern und gibt schulpädagogische sowie schulpastorale Leitlinien für einen achtsamen Umgang mit sexueller Vielfalt.

Die Bischöfe heben hervor, dass alle an einer Schule Verantwortung für einen guten Umgang mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten tragen, und Schülerinnen und Schüler sollten Diskriminierungen entgegentreten und sensibel werden gegenüber verletzenden, ausgrenzenden Schmähungen anderer.

Die Kritikpunkte der konservativen Bischöfe

Bischof Oster kritisiert, der Text suggeriere, dass jede Diversität im Blick auf sexuelle Orientierung und sexuelle Identität gottgewollt sei, und zeige „eine Überdosis eines gefühlsbeladenen Superdogmas: ‚Gott hat alle genau so lieb, wie sie sind.' Deshalb darf auch keiner in seiner Diversität kritisch angefragt werden, das wäre ja schon Diskriminierung". Besonders problematisch findet er die Aussagen zur Transidentität, bei denen der Text Risiken und Konflikte wie mögliche negative körperliche oder seelische Folgen ausblende.

Voderholzer beklagte, dass das Dokument trotz Änderungswünschen von Kritikern fast unverändert veröffentlicht worden sei: „Es wird hier eine Agenda durchgezogen. Ich möchte nicht in 30 Jahren hören, dass die katholische Kirche auch hier wieder mitgemacht hat."

Erzbistum Köln und die Rainbow-Kontroversen

Die Positionierung des Erzbistums Köln überrascht kaum, hat doch Kardinal Woelki bereits mehrfach seine queerfeindliche Haltung unter Beweis gestellt. Bei der Eröffnung einer Kölner Schule des Erzbistums waren Regenbogensymbole verboten, Eltern und Kinder wurden gebeten, auf „provokative Kleidung" zu verzichten, und Schülerinnen und Schüler sollen aufgefordert worden sein, Regenbogensymbole an ihrer Kleidung abzunehmen.

Ein Lehrer hatte zur 60-Jahr-Feier eines katholischen Gymnasiums einen Kapuzenpullover mit Regenbogendesign getragen und wurde eine Woche später vom Bereichsleiter für die katholischen Schulen im Erzbistum einbestellt. Bei dem Treffen sei ihm gedroht worden – er sei etwa gefragt worden, ob er den Schuldienst „quittieren" wolle. Der Bereichsleiter drohte, man werde den Lehrer künftig „im Auge behalten". Diese systematische Einschüchterung zeigt ein besorgniserregendes Muster.

Kontext: Queere Pastoral in Deutschland

Dabei steht die Kritik der konservativen Bischöfe in krassem Gegensatz zu einer sich langsam entwickelnden Realität in der deutschen Kirche. In mittlerweile 20 von 27 deutschen Diözesen gibt es Ansprechpersonen und Seelsorgende für queere Menschen. Diese Entwicklung zeigt, dass viele kirchliche Akteure den Bedarf nach einem inklusiveren Umgang mit LGBTQ+-Gläubigen erkannt haben.

Der Rottenburger Weihbischof Thomas Maria Renz bewertete das Dokument „Geschaffen, erlöst und geliebt" grundsätzlich positiv und betonte, das Papier setze ein wichtiges Zeichen gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung Jugendlicher. Er erwähnte eine deutliche Zunahme von Anfeindungen gegenüber betroffenen Jugendlichen, die die pädagogische Leitung katholischer Schulen registriere.

Ein Dokument, zwei Realitäten

Laut dem katholischen Portal Communio war das Schreiben unter den deutschen Bischöfen im Sommer umstritten. Der Ständige Rat der Bischofskonferenz hatte es an die Schulkommission zurückverwiesen. Es kam nur zu kleineren Anpassungen. Trotzdem trägt das Papier den Schriftzug: „Die deutschen Bischöfe". Diese Vorgeschichte erklärt die Vehemenz, mit der sich Oster, Voderholzer und Woelki nun öffentlich distanzieren.

Die Kontroverse macht deutlich: Die deutsche katholische Kirche ist in Fragen queerer Rechte tief gespalten. Während viele Bistümer bereits queere Pastoral etabliert haben und Lehrkräfte sowie Seelsorger für einen inklusiven Umgang kämpfen, halten einflussreiche konservative Bischöfe an einer rigiden Linie fest. Für queere Jugendliche an katholischen Schulen bedeutet dies weiterhin Unsicherheit und die Angst, nicht willkommen zu sein.

Die Frage bleibt: Welchen Weg wird die katholische Kirche in Deutschland einschlagen? Die Distanzierung von Oster, Voderholzer und Woelki zeigt, dass der Kampf um eine queersensible Kirche noch lange nicht gewonnen ist – und dass konservative Kräfte bereit sind, jeden Schritt in Richtung Akzeptanz und Würdigung queerer Menschen mit aller Macht zu bekämpfen.


Niedersachsen: Landtag hebt Immunität von AfD-Abgeordneter nach queerfeindlichen Äußerungen auf

Der niedersächsische Landtag hat am Dienstag die Immunität der AfD-Abgeordneten Vanessa Behrendt aufgehoben. Der niedersächsische Landtag hat die Immunität der AfD-Abgeordneten Vanessa Behrendt aufgehoben. Damit kann die Staatsanwaltschaft Göttingen nun gegen die Politikerin wegen des Verdachts auf Volksverhetzung und gefährdendes Verbreiten personenbezogener Daten ermitteln. Die AfD enthielt sich bei der Aufhebung der Immunität. Für den Antrag stimmten alle demokratischen Fraktionen im Landesparlament (Quelle: queer.de).

Die Vorwürfe: Regenbogenfahne als Symbol für Pädophilie diffamiert

Im Oktober 2024 soll Behrendt auf X (früher Twitter) unter anderem die Regenbogenfahne als Symbol für die "Gefährdung von Kindern durch pädophile Lobbygruppen" bezeichnet haben. In ihrem Post behauptete die 40-jährige Landtagsabgeordnete, die Regenbogenfahne stehe für "Machenschaften pädophiler Lobbygruppen" und "die Gefährdung von Kindern durch LGBTQ-Propaganda". Zudem soll sie später die Anschrift eines Mannes veröffentlicht haben, der gegen sie Anzeige erstattet hatte.

Nach Angaben des SPD-Abgeordneten Wiard Siebels wird Behrendt vorgeworfen, die Regenbogenfahne pauschal als Symbol pädophiler Lobbygruppen bezeichnet zu haben. Das sei erstens unwahr und zweitens in hohem Maße verwerflich. Die Regenbogenfahne gilt weltweit als Symbol der LGBTQ+-Community und steht für Vielfalt, Toleranz und Akzeptanz.

Ungewöhnliche Debatte im Landtag

Die Aufhebung der Immunität wurde durch eine seltene Debatte im niedersächsischen Landtag begleitet. Fraktionschef Klaus Wichmann erklärte, es gebe zunehmend Verfahren mit möglicher politischer Motivation. Seine Fraktion wolle keine Strafverfolgung verhindern, warne aber, dass der Rechtsstaat bei immer mehr Bürgern das Vertrauen zu verlieren drohe.

SPD-Abgeordneter Wiard Siebels warf der AfD daraufhin Doppelmoral vor und verwies auf einen Fall, in dem AfD-Chefin Alice Weidel eine Potsdamerin wegen der Beleidigung "Nazischlampe" angezeigt hatte. Die Frau wurde kürzlich zu einer Geldstrafe von 4.800 Euro verurteilt – nach einem Paragrafen, den die AfD selbst abschaffen möchte.

Systematische Strategie der AfD gegen queere Menschen

Der Fall Behrendt ist kein Einzelfall. Der Hass hat eine parteipolitische Heimat gefunden. Etwa jeder dritte Kommentar hat AfD-Bezug. Die AfD versucht seit Jahren systematisch, die LGBTQ+-Community mit sexuellem Missbrauch von Kindern in Verbindung zu bringen. Diese Taktik zeigt sich in zahlreichen Äußerungen von AfD-Politiker*innen bundesweit.

In Wirklichkeit wird die AfD aber schon seit ihrer Gründung für ihre LGBTI-Feindlichkeit kritisiert. So brachte die Rechtsaußen-Bundestagsfraktion beispielsweise einen Antrag ein, der zum Ziel hatte, Schwulen und Lesben das Recht auf Eheschließung wieder zu entziehen. Bei einem sogenannten "Kinderschutzkongress" im Juni 2025 im niedersächsischen Landtag attackierte die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch erneut die Regenbogenfahne.

Bedeutung für den Rechtsstaat

Zweck der Immunität ist es, die Arbeits- und Funktionsfähigkeit des Bundestages insbesondere auch bei politisch motivierten Klagen gegen Abgeordnete zu schützen. Die Aufhebung der Immunität ist ein wichtiges parlamentarisches Instrument: Die Immunität soll aber nicht den Abgeordneten selbst vor Strafe (im Gegensatz zur Indemnität) schützen, sondern soll die Arbeitsfähigkeit des Parlaments sicherstellen. Sie kann daher vom jeweiligen Parlament aufgehoben werden.

"Ein Abgeordnetenmandat ist kein Freibrief, um Minderheiten zu beleidigen und Menschen zu verleumden.", betonte der Grünen-Abgeordnete Volker Bajus. Die Entscheidung des Landtags sendet ein klares Signal: Auch gewählte Volksvertreter*innen stehen nicht über dem Gesetz, wenn sie Menschengruppen diffamieren und zu Hass aufstacheln.

Kontext: Queerfeindliche Hasskriminalität nimmt zu

In den letzten Jahren zeigt sich ein deutlicher Anstieg der in der Statistik erfassten Fallzahlen. Von 2018 bis 2021 verdreifachten sich die Zahlen. Parallel dazu verschärft sich die politische Rhetorik gegen LGBTQ+-Menschen, insbesondere von rechtsextremen Parteien. Entscheidungen zu homophober oder sexistischer Volksverhetzung sind trotz weitverbreiteter homophober und sexistischer Hassreden äußerst selten.

Für die queere Community in Deutschland bedeutet diese Entwicklung eine zunehmende Bedrohung. Die systematische Verbindung von LGBTQ+-Themen mit Pädophilie ist eine bekannte Strategie rechtsextremer Bewegungen, um Ressentiments zu schüren und Minderheitenrechte zurückzudrängen.

Die Staatsanwaltschaft Göttingen wird nun prüfen, ob die Äußerungen Behrendts den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen. Die Staatsanwaltschaft Göttingen plant, Anklage gegen die Politikerin zu erheben, wie Behrendt der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Die Entscheidung des Landtags zeigt: Demokratische Institutionen wehren sich gegen die Instrumentalisierung des Kinderschutzes für queerfeindliche Hetze.


"Miles war tapfer und authentisch" – Der tragische Tod eines trans Teenagers und was wir daraus lernen müssen

Die Geschichte des 15-jährigen Miles Phipps aus Iowa, der am 4. November sein Leben beendete, erschüttert – und sie ist zugleich ein dringender Weckruf. Wie das LGBTQ+-Nachrichtenportal Pink News berichtet, erlebte der trans Junge jahrelang Mobbing, sowohl in als auch außerhalb der Schule. Einen Tag vor seinem Tod weigerte sich eine Vertretungslehrkraft, seine korrekten Pronomen zu verwenden – ein Vorfall, der die Familie als symbolisch für das ständige Erleben von Respektlosigkeit beschreibt, dem Miles ausgesetzt war.

Eine Familie spricht über den Verlust

Miles' Mutter Ashley Campbell findet klare Worte: "Der Schutz von trans Kindern ist wichtig, aber ebenso wichtig ist es, nicht grausam zu sein, einfach Verständnis zu zeigen." Sie betont, dass das Problem größer sei als nur die Geschlechtsidentität. "Mein Kind konnte es nicht ertragen, weil er am meisten wegen seiner Transidentität gemobbt wurde. Er hätte das niemals ertragen müssen."

Miles wird als "ein freundlicher, talentierter und kreativer Mensch" beschrieben, der sich durch Musik ausdrückte, gerne Skateboard fuhr und Zeit in der Natur verbrachte. Die GoFundMe-Kampagne der Familie würdigt ihn als "stolzen trans Mann, der entschlossen war und der Welt mit Mut, Authentizität und Anmut begegnete, selbst angesichts von Mobbing und Unverständnis."

Auch in Deutschland: Trans Jugendliche besonders gefährdet

Die Tragödie in Iowa ist kein Einzelfall – und das Problem beschränkt sich nicht auf die USA. Laut dem Trevor Project, einer führenden Organisation für Suizidprävention bei LGBTQ+ Jugendlichen, erwogen 2024 39 Prozent der LGBTQ+ jungen Menschen zwischen 13 und 24 Jahren ernsthaft einen Suizidversuch – bei trans und nicht-binären Jugendlichen lag der Anteil bei 46 Prozent.

Auch in Deutschland zeigen die Zahlen ein alarmierendes Bild. Trans Menschen erfahren überdurchschnittlich viel Mobbing in Schule, Ausbildung, Beruf und in der eigenen Familie. Trans Personen leiden häufiger unter Depression und suizidalen Gedanken. Eine aktuelle Studie des Robert Koch-Instituts zur HBSC-Studie 2022 zeigt: Heranwachsende, die sich als gender-divers identifizierten, gaben besonders häufig Mobbingerfahrungen an.

Internationale Metastudien belegen: Trans Jugendliche haben ein fast sechsfach erhöhtes Risiko für Suizidversuche, gefolgt von bisexuellen (4,87 mal erhöht) und homosexuellen Jugendlichen (3,71 mal erhöht). Die erhöhte Zahl an Suizidversuchen hängt nicht direkt mit der sexuellen Orientierung zusammen, sondern kommt über indirekte Faktoren wie Homophobie, Schikanen in der Schule oder fehlende Akzeptanz in der Familie zustande.

Mobbing an deutschen Schulen: Die Dimension des Problems

Nach Daten der OECD im Rahmen der PISA-Studie 2022 sind in Deutschland knapp sieben Prozent aller 15-jährigen Schülerinnen und Schüler sehr häufigem Mobbing ausgesetzt. Zwölf Prozent werden mindestens mehrmals im Monat durch Mitschülerinnen und Mitschüler gemobbt. Eine erschreckende Zahl: Ein Viertel der von Mobbing Betroffenen haben Suizidgedanken und knapp ein Sechstel trinkt Alkohol oder nimmt Tabletten.

Queere Schülerinnen und Schüler leiden häufig unter Ausgrenzung und Mobbing. In einer Studie zu Lebenslagen queerer Menschen in Nordrhein-Westfalen gaben 37,9 Prozent der Befragten an, dass sie in den vergangenen fünf Jahren in NRW selbst Übergriffe erfahren haben.

Was Schulen tun können – und müssen

Nach Miles' Tod gingen mehr als 150 Schülerinnen und Schüler der Urbandale High School auf die Straße, um für mehr Freundlichkeit zu demonstrieren. Sein Vater Rocky Phipps appelliert an alle Jugendlichen: "Wenn ihr seht, dass jemand eine andere Person mobbt, sprecht es an. Mobber mögen es nicht, angesprochen zu werden. Seid immer freundlich, denn ihr wisst nie, was diese Person gerade durchmacht."

In Deutschland haben trans, inter und nicht-binäre Schülerinnen und Schüler laut Grundgesetz das Recht darauf, im Schulalltag mit Namen und Pronomen angesprochen zu werden, die mit ihrer geschlechtlichen Identität korrespondieren – auch vor einer offiziellen Personenstandsänderung. Lehrkräfte müssen fortgebildet und sensibilisiert werden, fordern Expertinnen und Experten.

Das bundesweite Antidiskriminierungsnetzwerk "Schule der Vielfalt" setzt sich dafür ein, dass an Schulen mehr gegen Homo- und Trans*feindlichkeit und für die Akzeptanz von unterschiedlichen Lebensweisen getan wird. Teilnehmende Projektschulen verpflichten sich zu einem nachhaltigen Einsatz gegen Homophobie und Transphobie.

Schulen sollten Orte sein, in denen Kinder erfahren, dass transidente Menschen zur Normalität dazugehören – dass sie in einem Umfeld leben, in dem ein Outing kein Problem ist. Eine Untersuchung der Antidiskriminierungsstelle ergab, dass etwa 90 Prozent der Bevölkerung der Ansicht sind, es sollte ein Ziel der Schule sein, den Schülerinnen und Schülern Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen zu vermitteln.

Ein Denkmal für Miles – und eine Botschaft für alle

Die Familie von Miles sammelt Spenden für die Beerdigung und möchte eine Parkbank vor seiner Lieblingsbibliothek in Urbandale aufstellen lassen – ein Ort, an dem er sich sicher fühlte. Der Text eines Liedes, das seine Mutter Ashley teilte, trägt den Titel "Love Worthy" und enthält eine Botschaft, die heute aktueller ist denn je: "Selbst wenn die Welt sich kalt und hart anfühlt, musst du wissen, dass du genug bist. Egal was sie sagen, du bist es wert. Geliebt in jeder Hinsicht."

Miles war tapfer. Miles war authentisch. Miles hätte geliebt werden sollen, wie er war. Sein Tod mahnt uns alle: Respekt, Akzeptanz und Freundlichkeit sind keine Luxusgüter – sie können Leben retten.

Wenn du selbst von Suizidgedanken betroffen bist oder jemanden kennst, der Hilfe braucht:

Deutschland:
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenlos, rund um die Uhr)
Online-Beratung: www.telefonseelsorge.de

Für Kinder und Jugendliche:
Nummer gegen Kummer: 116 111 (kostenlos, Mo-Sa 14-20 Uhr)

USA:
National Suicide Prevention Lifeline: 1-800-273-8255 oder 988
The Trevor Project (für LGBTQ+ Jugendliche): 1-866-488-7386