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Blowjob-Gate: Wenn absurde Gerüchte die Epstein-Affäre überschatten

Ein bizarres Gerücht sorgt derzeit für Aufsehen: Hatte US-Präsident Donald Trump Oralsex mit seinem Amtsvorgänger Bill Clinton? Eine E-Mail aus dem Jahr 2018, in der Mark Epstein seinen Bruder Jeffrey scherzhaft fragte, ob Putin "Fotos von Trump blowing Bubba" habe, löste eine Welle der Spekulation in den sozialen Medien aus, nachdem über 20.000 Dokumente aus dem Epstein-Nachlass vom US-Kongress am 12. November 2025 veröffentlicht wurden. Die Geschichte klingt absurd – und ist es auch. Die vollständige E-Mail erschien im Originalquellenartikel auf queer.de.

Die Dementi-Maschine läuft an

Mark Epstein stellte gegenüber dem queeren Magazin "The Advocate" klar, dass die E-Mails "einfach Teil eines humorvollen privaten Austauschs zwischen zwei Brüdern" waren und "Bubba" in diesem Zusammenhang "in keiner Weise auf Ex-Präsident Bill Clinton" Bezug nehme. Snopes bestätigte zwar die Authentizität der E-Mail, bezeichnete die "Blowjob"-Interpretation jedoch als unbewiesene Spekulation.

"Bubba" ist tatsächlich ein verbreiteter Spitzname in den US-Südstaaten – ein folkloristischer Kosename für einfach gestrickte Männer. Da Clinton aus Arkansas stammt, wird der Begriff manchmal satirisch auf ihn angewandt. Doch in diesem Fall scheint es sich um nichts weiter als einen geschmacklosen Scherz zwischen Brüdern zu handeln.

Die eigentliche Epstein-Affäre: Trumps toxische Verstrickungen

Während die Blowjob-Story die Schlagzeilen dominiert, geraten die wirklich brisanten Enthüllungen fast in den Hintergrund. In einer E-Mail an Ghislaine Maxwell schrieb Jeffrey Epstein 2011 über Donald Trump: "Ich möchte, dass du erkennst, dass der Hund, der nicht gebellt hat, Trump ist... [Opfer] verbrachte Stunden in meinem Haus mit ihm". In einer weiteren Nachricht erklärte Epstein dem Autor Michael Wolff 2019 explizit, dass Trump "über die Mädchen Bescheid wusste, weil er Ghislaine bat aufzuhören".

Trumps Name erscheint in den Zehntausenden Dokumenten häufiger als jeder andere – über tausend Mal, schätzt die Miami-Herald-Reporterin Julie K. Brown. Trump versprach im Wahlkampf die Veröffentlichung aller Epstein-Akten, machte dann aber als Präsident einen Rückzieher. Stattdessen ordnete Trump dem Justizministerium an, gegen Bill Clinton wegen dessen Verbindungen zu Epstein Bundesermittlungen einzuleiten – ein klassisches Ablenkungsmanöver.

Queere Themen als politische Waffe

Die Reaktionen auf das absurde Gerücht offenbaren ein tieferes Problem: die Instrumentalisierung queerer Sexualität für politische Zwecke. Wie ein Reddit-Kommentator treffend bemerkte: "Die Clinton-Blowjob-Geschichte regt Republikaner mehr auf als der Handel mit Minderjährigen – sie hassen queere Menschen wirklich".

In Deutschland ist dieses Phänomen als "Homonationalismus" bekannt – die eigene Toleranz gegenüber LGBTQ-Personen wird als Rechtfertigung gesehen, sich als überlegen zu betrachten, während die Instrumentalisierung der LGBTQ-Community zur Rechtfertigung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dient. Zwischen Schlagworten wie "feministische Außenpolitik" und "Homopropaganda" werden queere Menschen zum moralischen Grenzwall in der Konfrontation ökonomischer und nationaler Interessen gemacht – so werden mit der Behauptung, dass migrantische Männer besonders queerfeindlich seien, Abschiebungen legitimiert.

Trumps homophobe Agenda wird ĂĽbersehen

Während sich alle über das angebliche Sex-Tape amüsieren, wird Trumps tatsächliche Anti-LGBTQ-Politik kaum thematisiert. An seinem ersten Tag als Präsident im Januar 2025 strich Trump alle bundesweiten Maßnahmen für "Diversity, Equity, and Inclusion (DEI)". In seiner Amtseinführungsrede erklärte Trump, dass künftig nur noch zwei Geschlechter anerkannt werden sollten, und seine Regierung baut systematisch die Rechte von trans Menschen ab.

Queerfeindliche Kräfte in den US-Bundesstaaten fühlen sich nach Trumps Amtsübernahme gestärkt – bereits jetzt werden in mehreren Staaten Gesetzentwürfe diskutiert, die sich hauptsächlich gegen trans Menschen richten, aber auch andere queere Personen betreffen. Eine Woche nach Trumps Amtsübernahme forderte das Parlament von Idaho den Supreme Court mit 46 zu 24 Stimmen auf, die Ehe-Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare von 2015 zurückzunehmen.

Deutsche Perspektive: Ähnliche Muster

Auch in Deutschland beobachten wir besorgniserregende Entwicklungen. Laut offiziellen Zahlen gibt es jeden Tag mindestens drei Angriffe auf LGBTIQ-Personen in Deutschland – die Dunkelziffer ist deutlich höher. Das Berliner Register zeigt, dass sich die Anzahl queerfeindlicher Vorfälle zwischen 2018 und 2022 mehr als verdoppelt hat – allein 2023 wurden in Berlin 239 queerfeindliche Vorfälle registriert.

Der queerpolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Maik BrĂĽckner, kommentierte die absurden Trump-Clinton-GerĂĽchte pragmatisch auf Instagram: "Ob Donald Trump (he/him) nun etwas mit Bill Clinton hatte oder nicht: Er wird trotzdem nicht unser Freund."

Fazit: Nicht vom Wesentlichen ablenken lassen

Das "Blowjob-Gate" ist letztlich nichts weiter als eine bizarre Randnotiz in einer viel dunkleren Geschichte. Die eigentliche Skandal liegt in Trumps nachweislichen Verbindungen zu Jeffrey Epstein, seiner Weigerung, alle Dokumente freizugeben, und seiner systematischen Politik gegen LGBTQ-Rechte. Während Social Media über einen absurden Scherz zwischen zwei Brüdern diskutiert, werden reale Menschenrechte abgebaut – in den USA wie in Deutschland.

Queere Menschen dürfen nicht zur Verhandlungsmasse politischer Machtspiele werden. Ob als Sündenbock autoritärer Regime oder als Feigenblatt für rassistische Politiken – unsere Rechte und unsere Würde sind nicht verhandelbar. Die Epstein-Affäre sollte uns an die Machtverstrickungen der Eliten erinnern, nicht an homophobe Fantasien.


Historisches Strafverfahren: Pride-Organisator in Ungarn droht Gefängnisstrafe – EU muss handeln

Die Nachricht aus Ungarn markiert einen erschreckenden Tiefpunkt für Grundrechte in der Europäischen Union: Géza Buzás-Hábel, der Organisator der Pécs Pride – der einzigen ungarischen Pride-Veranstaltung außerhalb von Budapest – steht unter strafrechtlicher Ermittlung, weil er trotz des Pride-Verbots der Regierung eine friedliche Demonstration organisierte. Erstmals in der Geschichte der EU droht einem Menschen strafrechtliche Verfolgung, allein weil er eine Pride-Parade organisiert hat. Die irische LGBTQ+-Zeitung GCN berichtet, dass im Falle einer Verurteilung bis zu ein Jahr Haft und der Verlust seiner Lehrlizenz drohen.

Ein Lehrer und Aktivist im Fadenkreuz der Orban-Regierung

Buzás-Hábel unterrichtet Roma-Sprache und Roma-Kultur an Europas erster Roma-Nationalitätenschule – eine Pionierarbeit, die er nun verlieren könnte. Die ungarische Polizei befragte den Aktivisten, der auch Direktor des Diverse Youth Network ist, Ende Oktober als Beschuldigten. In einem auf Video dokumentierten Statement erklärte er: "Natürlich habe ich eine Aussage gemacht und zugegeben, dass ich Pride organisiert und Menschen zur Teilnahme eingeladen habe. Ich fühle mich nicht schuldig. Ich habe ein Grundrecht ausgeübt, das in verschiedenen internationalen und europäischen Menschenrechtskonventionen verankert ist".

Die Polizei schloss die Ermittlungen kürzlich ab und empfahl der Staatsanwaltschaft eine Anklageerhebung – nachdem Buzás-Hábel Ende Oktober als Beschuldigter vernommen worden war, weil am 4. Oktober trotz eines Verbots der Behörden eine Demonstration stattfand, die schließlich unter Polizeischutz durchgeführt wurde.

Das Pride-Verbot: Ein Angriff auf europäische Grundwerte

Im März und April 2025 verabschiedete Ungarn Maßnahmen, die Pride-Veranstaltungen verbieten oder kriminalisieren, der Polizei die Anwendung von Gesichtserkennung gegen Teilnehmende ermöglichen und öffentliche Proteste abschrecken. Das ungarische Parlament verabschiedete am 18. März 2025 Gesetzgebung zum Schutz von Kindern vor Versammlungen, die Homosexualität fördern. Obwohl die Änderung allgemeine Beschränkungen der Versammlungsfreiheit auferlegt, wird sie gemeinhin als Verbot des LGBTQ+-Pride-Marsches verstanden, kurz vor dem 30. Jubiläum im Jahr 2025.

Tausende marschierten für Gleichheit, Würde und Freiheit trotz Einschüchterung, Androhung von Geldstrafen und dem Einsatz von Gesichtserkennungsüberwachung durch Strafverfolgungsbehörden. Gegen den Willen des ungarischen Volkes bleibt die Einschränkung bestehen, und jetzt ermittelt die Polizei strafrechtlich gegen den Organisator der Pécs Pride.

Parallelen zu Deutschland: Versammlungsfreiheit als Grundrecht

Die Entwicklung in Ungarn sollte für Deutschland und alle EU-Länder ein Weckruf sein. In Deutschland ist das Recht auf Versammlungsfreiheit im Grundgesetz fest verankert. In Deutschland werden zwischen April und September zahlreiche Christopher Street Days (CSDs) organisiert, wobei die größten Events in Köln und Berlin stattfinden. Diese Veranstaltungen sind Ausdruck eines fundamentalen demokratischen Rechts, das nun in Ungarn systematisch ausgehöhlt wird.

Was in Ungarn geschieht, könnte überall passieren. In einigen EU-Ländern werden LGBTI-Rechte sogar wieder eingeschränkt. Hassreden sowie homo- und transphobisch motivierte Taten kommen nach wie vor viel zu häufig vor, selbst in Ländern, in denen die Fortschritte enorm sind. Deutschland hat als Gründungsmitglied der Equal Rights Coalition und durch das LSBTI-Inklusionskonzept der Bundesregierung eine besondere Verantwortung.

Intersektionale Diskriminierung: Roma und LGBTQ+

Buzás-Hábels Fall zeigt eindrücklich, wie verschiedene Formen der Diskriminierung zusammenwirken. Als Rom und als Organisator einer Pride-Veranstaltung ist er doppelt gefährdet. In Deutschland hat der queere Roma-Aktivist Gianni Jovanovic wichtige Pionierarbeit im Bereich intersektionaler Diskriminierung geleistet und die Initiative "Queer Roma" gegründet. Die Roma-Community, bereits seit Jahrhunderten mit Antiziganismus konfrontiert, steht vor besonderen Herausforderungen, wenn es um LGBTQ+-Rechte geht.

Die EU muss jetzt handeln

Diese Einschränkungen stehen auch im Widerspruch zu den EU-Verträgen, einschließlich der Charta der Grundrechte. Die Europäische Union hat sowohl die Verantwortung als auch die rechtliche Grundlage zu handeln und muss daher unverzüglich Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn eröffnen (oder wieder eröffnen).

ILGA-Europe warnt in ihrer Stellungnahme auf LinkedIn, dass die ungarische Regierung "Gézas Fall als Warnung nutzt, dass diejenigen, die friedliche Proteste organisieren, Gefängnis und den Verlust ihrer Lebensgrundlage riskieren". Die Organisation betont: Das vollständige Verbot von Pride stellt die Gleichwürdigkeit und Würde von Personen infrage, die LGBTQ+-Rechte unterstützen. Indem sie aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen werden, wird ihnen faktisch die volle Mitgliedschaft in der ungarischen – und damit der europäischen – politischen Gemeinschaft verweigert. Präsentiert von Ministerpräsident Orbán als frontaler Angriff auf "Brüssel" und europäische Werte, erfordert diese Maßnahme eine Reaktion, die den Schutz des Wertes der Demokratie aktiviert.

Massive Solidarität trotz Repression

Trotz aller Einschüchterungsversuche gab es beeindruckende Solidarität. Nach der Einschränkung des Versammlungsrechts, die am 17. April 2025 in Kraft trat, gingen zwischen 350.000 und 500.000 Menschen bei der Budapest Pride 2025 auf die Straße, was zum größten politischen Protest des Landes wurde. Die Veranstalter sprachen von 200.000 Teilnehmern der 30. Budapester Pride-Parade. Es war die größte Pride in 30 Jahren und eine der machtvollsten Kundgebungen in der modernen Geschichte Ungarns.

Im Oktober gingen Tausende erneut in Pécs auf die Straße, um zu zeigen, dass diese Einschränkungen in einer Demokratie keinen Platz haben. Dennoch beschloss die Polizei, strafrechtliche Ermittlungen gegen Géza Buzás-Hábel, den Organisator des lokalen Marsches, einzuleiten.

Was kann jeder Einzelne tun?

ILGA-Europe ruft die Öffentlichkeit auf, Mitglieder des Europäischen Parlaments zu kontaktieren und sie zum Handeln aufzufordern sowie Buzás-Hábels Geschichte zu teilen. Die European Pride Organisers Association (EPOA) hat eine klare Botschaft: "Pride ist friedlich, legitim und geschützt. Die Kriminalisierung von Organisator*innen ist inakzeptabel. Wir stehen an der Seite von Géza Buzás-Hábel, an der Seite der Pécs Pride und an der Seite aller, die in Ungarn für Gleichheit marschieren".

Dennoch steht Buzás-Hábel nun als erster Mensch in der Europäischen Union unter Verdacht, ein Pride-Event illegal organisiert zu haben und muss eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr fürchten. Sein Fall ist nicht nur ein ungarisches Problem – er ist ein Test für die Grundwerte der gesamten Europäischen Union. Wenn die EU jetzt nicht entschlossen handelt, sendet sie ein gefährliches Signal an andere autoritäre Regierungen in Europa.

Die Versammlungsfreiheit ist kein Privileg, das von Regierungen gewährt wird – sie ist ein Menschenrecht. Und dieses Recht gilt für alle Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität oder ethnischen Zugehörigkeit. Es ist Zeit zu handeln.


Historischer Moment am Volkstrauertag: Steinmeier gedenkt erstmals queerer NS-Opfer

Ein historischer Schritt in der deutschen Gedenkkultur: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Volkstrauertag 2024 erstmals ausdrücklich Menschen in das traditionelle Totengedenken aufgenommen, die während des Nationalsozialismus aufgrund ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität verfolgt und getötet wurden. Die zentrale Gedenkstunde fand am Sonntag im Deutschen Bundestag statt – mehr als 70 Jahre nach der ersten offiziellen Gedenk zeremonie 1952. Der ursprüngliche Bericht von queer.de dokumentiert diese längst überfällige Anerkennung einer lange marginalisierten Opfergruppe.

Eine späte, aber bedeutsame Anerkennung

Das Totengedenken zum Volkstrauertag wurde 1952 von Bundespräsident Theodor Heuss eingeführt und im Laufe der Jahrzehnte mehrfach angepasst. Doch lange Zeit blieben die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus aus der Gedenkkultur ausgeschlossen – in der Bundesrepublik wie in der DDR. Die neue Formulierung ergänzt nun erstmals explizit Menschen, die wegen ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität Opfer der NS-Verfolgung wurden – eine Gruppe, deren Leid jahrzehntelang unsichtbar gemacht wurde.

Diese Erweiterung ist mehr als eine symbolische Geste. Sie erkennt endlich an, was queere Menschen unter dem NS-Regime erleiden mussten: Die NS-Justiz verurteilte bis 1945 rund 50.000 Personen nach § 175, dem berüchtigten Paragraphen gegen "widernatürliche Unzucht". 10.000 bis 15.000 Männer sperrten die Nationalsozialisten in KZ, wo sie mit dem rosa Winkel gekennzeichnet wurden. Die Sterblichkeitsrate dieser mit dem rosa Winkel gekennzeichneten Häftlinge war extrem hoch, tausende überlebten die von Willkür und Brutalität geprägte Haft nicht oder wurden ermordet.

Die systematische Verfolgung queerer Menschen

Die Nationalsozialisten verstärkten während ihrer Herrschaft in Deutschland zwischen 1933 und 1945 die Verfolgung von homosexuellen Menschen erheblich. Sie hoben 1935 das Strafmaß des § 175 stark an, weiteten den Tatbestand deutlich aus und förderten die polizeiliche Verfolgung von homosexuellen Personen mit besonderem Nachdruck. Die Verschärfung bedeutete, dass bereits ein Blick oder eine Berührung zur Verurteilung führen konnten.

Zentral gelenkt wurde die strafrechtliche Verfolgung durch die im Herbst 1936 eingerichtete „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung", die Homosexuelle in Karteien erfasste. Die Intensität der Verfolgung zeigt sich in den Zahlen: Die Zahl der Verurteilungen Homosexueller stieg von knapp 1100 im Jahr 1934 auf über 9000 im Jahr 1937.

Wichtig zu betonen: Obwohl sich die strafrechtliche Verfolgung per Gesetzestext ausdrücklich auf homosexuelle Männer bezog, wurden auch weitere Personengruppen, wie Lesben, Transpersonen und Sexarbeiter:innen Opfer der homofeindlichen Verfolgung durch den NS-Staat. Die Gestapo verschleppte viele jüdische Lesben oder auch Frauen, die einen unangepassten Lebensstil führten, in die Konzentrationslager.

Verfolgung nach 1945: Das doppelte Trauma

Was diese Anerkennung besonders dringend macht: Die Verfolgung endete 1945 nicht. Während die DDR zu den Bestimmungen aus der Weimarer Republik zurückkehrte, galt Paragraph 175 in der BRD in der im Nationalsozialismus erlassenen Fassung weiter. Teilweise wurden Männer, die eine KZ-Haft überlebt hatten, nach 1945 wieder inhaftiert.

Bis 1969 ermittelten die Behörden aufgrund von § 175 gegen circa 100.000 Personen. Etwa 50.000 wurden verurteilt. Erst 1994 – fast 50 Jahre nach Kriegsende – wurde der Paragraf endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Die strafrechtliche Rehabilitation der NS-Opfer erfolgte erst 2002, die aller nach 1945 Verurteilten sogar erst 2017.

ForschungslĂĽcken und die Zukunft des Gedenkens

Die Verfolgung homo- und bisexueller Männer und Frauen, insbesondere in der NS-Zeit, aber auch ihre Kontinuität in der Bundesrepublik und der DDR, sind nicht ausreichend erforscht. Zur Geschichte von trans- und intergeschlechtlichen Menschen gibt es kaum Forschung. Die explizite Nennung im Totengedenken kann – so die Hoffnung vieler Aktivist*innen – einen Anstoß für weitere Forschungsvorhaben liefern.

Die Gedenkstunde wurde durch eine Rede des italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella bereichert, der den Volkstrauertag der italienisch-deutschen Freundschaft widmete. Seine mahnenden Worte erinnerten daran, dass dem "Nie wieder" als Reaktion auf den Holocaust heute ein "Wieder" gegenüberstehe: "Dies erleben wir gerade: wieder Krieg, wieder Rassismus, wieder große Ungleichheit, wieder Gewalt, wieder Aggression."

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) betonte, dass Gedenken mehr bedeuten müsse als Erinnern: "Es muss heißen, zu verstehen und zu handeln: Frieden und auch Demokratie sind keine Zustände, die einfach gegeben sind, die man verwalten kann. Sie sind Aufgaben, die jeden Tag neu beginnen und die kein anderer für uns erledigt."

Ein Zeichen fĂĽr die Gegenwart

Die Erweiterung des Totengedenkens um queere NS-Opfer ist ein wichtiger Schritt in der deutschen Erinnerungskultur. Sie kommt spät – für die meisten Betroffenen zu spät. Doch sie sendet ein klares Signal: Die Bundesrepublik erkennt das systematische Unrecht an, das queeren Menschen angetan wurde, sowohl unter dem NS-Regime als auch in der Nachkriegszeit. In einer Zeit, in der LGBTQ+-Rechte weltweit wieder unter Druck geraten und queerfeindliche Rhetorik zunimmt, ist diese Anerkennung ein wichtiges Zeichen: Nie wieder darf Liebe als Verbrechen gelten.

Der Volkstrauertag wird jährlich zwei Sonntage vor dem ersten Advent mit zahlreichen Gottesdiensten, Kranzniederlegungen und Gedenkstunden in ganz Deutschland begangen – und wird nun endlich auch den queeren Opfer der NS-Zeit gerecht.


Jahrzehntelanges Unrecht: Neue Studie beleuchtet Sorgerechtsentzug bei lesbischen MĂĽttern in NRW

Eine neue wissenschaftliche Studie wirft Licht auf ein dunkles Kapitel deutscher Rechtsgeschichte: Zwischen 1946 und 2000 wurden in Nordrhein-Westfalen lesbischen Müttern systematisch das Sorgerecht entzogen. Am 24. November 2025 präsentiert die renommierte Historikerin Dr. Kirsten Plötz ihre Forschungsergebnisse im Düsseldorfer Townhouse – eine Veranstaltung, die erstmals umfassend dokumentiert, wie Frauen allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung zu Unrecht ihre Kinder verloren.

Systematische Diskriminierung bis in die 1990er Jahre

Bis in die 90er Jahre mussten Mütter, die eine gleichgeschlechtliche Beziehung führten, damit rechnen, dass ihnen von Gerichten das Sorgerecht entzogen wurde. Was besonders erschüttert: Diese Praxis war zwar nicht gesetzlich festgeschrieben, aber gängiger Usus. „Manche betroffene Mutter wird bis heute befürchten, der Entzug des Sorgerechts sei ihr persönliches Versagen – obwohl es eine Folge von Diskriminierung war", erklärt Dr. Kirsten Plötz.

Die Studie entstand im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen unter Leitung des Queeren Netzwerks NRW. Das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes fördert die Untersuchung über den Zeitraum 1946 bis 2000. Damit wird ein bislang kaum erforschter Aspekt der Diskriminierung von LGBTIQ*-Menschen in Deutschland aufgearbeitet.

Zeitzeug*innen brechen das Schweigen

Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit stehen die Berichte von Zeitzeug*innen: betroffene Mütter, ihre Kinder, Lebenspartnerinnen, Väter und weitere Beteiligte schildern ihre Erfahrungen von Diskriminierung, Gerichtsverfahren und Angst – aber auch von Solidarität und Widerstand. Die Studie soll das Wissen von Zeitzeug*innen einbeziehen und damit Erkenntnislücken schließen sowie die Erfahrungen einzelner Menschen und Familien aussprechbar machen.

Die Ergebnisse belegen, dass lesbische Mütter in Angst, Abhängigkeit und Sorge um den Verlust des Sorgerechts ihrer Kinder und den Unterhalt lebten, wenn sie sich von ihrem Ehemann scheiden ließen, um in einer Liebesbeziehung mit einer Frau zu leben. Diese ständige Bedrohung führte dazu, dass viele Frauen ihre Beziehungen verschwiegen oder sogar Jahre länger in unglücklichen Ehen blieben.

Rechtsgeschichtlicher Kontext und gesellschaftliche Normen

Die Diskriminierung lesbischer Mütter hatte mehrere rechtliche und gesellschaftliche Ursachen. Das Schuldprinzip im Scheidungsrecht, das bis 1977 galt, führte dazu, dass schuldig geschiedene Ehepartnerinnen den Unterhalt verloren. Der gleichgeschlechtliche Verkehr wurde als „schwere Eheverfehlung" angesehen. Dem schuldig geschiedenen Elternteil wurde in der Regel das Sorgerecht nicht zugesprochen, da eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft als moralisch bedenklich galt.

Besonders perfide: Eine Gefährdung des Kindeswohls wurde auch damit begründet, dass eine Diskriminierung der Kinder zu befürchten sei, wenn sie bei ihrer lesbischen Mutter leben. Die Gesellschaft selbst schuf also die diskriminierenden Bedingungen und nutzte sie dann als Argument gegen lesbische Mütter.

Pionierin der Forschung zu lesbischer Geschichte

Dr. Kirsten Plötz forscht seit über 30 Jahren über lesbische Geschichte und ist Expertin für den Entzug des Sorgerechts wegen lesbischen Begehrens. Ihre vorherige Forschung zum Sorgerechtsentzug in Rheinland-Pfalz, die 2021 veröffentlicht wurde, war bundesweit die erste systematische Aufarbeitung dieses Themas. Damals entschuldigte sich die damalige Familienministerin des Bundeslands, Anne Spiegel, ausdrücklich bei den Betroffenen für das erlebte Unrecht.

Unterschiedliche Rechtspraxis in NRW

Die Forschung zeigt: Gerichte und Institutionen in Nordrhein-Westfalen trafen durchaus unterschiedliche Entscheidungen. In NRW gab es Forderungen von Institutionen, die verlangten, offen lesbisch lebende Mütter sollten nicht mit ihren Kindern leben dürfen. Doch es gab auch Fortschritte: Das Amtsgericht Mettmann fällte 1984 das erste bekannte Urteil, das Homosexualität und Kindeswohl nicht als Gegensätze wertete und die gute Beziehung der Kinder zur Mutter und zu deren Lebensgefährtin als entscheidend ansah.

Aktuelle Relevanz: Kampf um Gleichstellung geht weiter

Obwohl die rechtliche Situation sich seit den 1990er Jahren erheblich verbessert hat, kämpfen queere Familien bis heute um ihre rechtliche Gleichstellung – etwa beim Sorgerecht und der damit verbundenen rechtlichen Absicherung der Kinder. Die Aufarbeitung dieser Geschichte ist daher nicht nur eine Frage historischer Gerechtigkeit, sondern auch relevant für aktuelle familienpolitische Debatten.

NRW-Familienministerin Josefine Paul betont: „Mir ist es sehr wichtig, die Aufarbeitung der historischen Verfolgung und Ausgrenzung von LSBTIQ* Menschen weiter fortzusetzen." Mit dem Forschungsprojekt zum Sorgerechtsentzug soll ein bisher wenig bekannter Aspekt der Diskriminierung sichtbar gemacht werden. Dabei ist es wichtig, die Opfer zu Wort kommen zu lassen und das erlittene Unrecht anzuerkennen.

Öffentliche Präsentation und Teilnahme

Die Präsentation der Studienergebnisse findet am 24. November 2025 um 16 Uhr im Düsseldorfer Townhouse (Bilker Straße 36) statt und ist öffentlich zugänglich. Anmeldungen sind online möglich. Die Veranstaltung bietet Betroffenen, Angehörigen und der interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit, mehr über dieses dunkle Kapitel deutscher Rechtsgeschichte zu erfahren und mit der Forscherin ins Gespräch zu kommen.

Diese wichtige Studie ist ein weiterer Schritt zur Aufarbeitung der systematischen Diskriminierung von LGBTIQ*-Menschen in Deutschland. Sie gibt den betroffenen Müttern und ihren Kindern eine Stimme und dokumentiert ein Unrecht, das viel zu lange im Verborgenen blieb. Die Erkenntnis, dass staatliche Institutionen bis in die jüngste Vergangenheit aktiv Familien zerstört haben, sollte uns mahnen, wachsam zu bleiben und für die Rechte aller Familienformen einzutreten.


Menschenverachtende Entgleisung: CDU-Funktionär in Potsdam macht queere Community fassungslos

Ein homophober WhatsApp-Kommentar eines CDU-Funktionärs aus Potsdam erschüttert derzeit die queere Community in Deutschland. Jan Jacobi, Stadtverbandsvorsitzender der CDU Stern-Drewitz-Kirchsteigfeld in Potsdam, kommentierte einen "Bild"-Bericht über die Segnung von vier schwulen Männern durch die evangelische Pfarrerin Lena Müller in Berlin mit den Worten "Es gab Zeiten, da hatten sie so viel Respekt und hätten sich selbst angezündet." Der Vorfall in der parteiinternen WhatsApp-Gruppe wirft erneut die Frage auf, wie ernst es Teile der CDU mit dem Schutz queerer Menschen wirklich meinen.

Parteiausstieg nach Verhöhnung

Öffentlich gemacht wurde die Entgleisung von dem Juristen und langjährigen Christdemokraten Ulrich Magerl in diversen Beiträgen auf Facebook und X. Auf seine Nachfrage, ob diese Äußerung den Werten der CDU entspräche, sei er verhöhnt und aus der WhatsApp-Gruppe geworfen worden. Die Konsequenz: Magerl trat aus der Partei aus. "Diese menschenverachtenden, homophoben Äußerungen meines ehemaligen 'Parteifreundes' trage ich nicht mit", schrieb er auf Facebook.

Die Wortwahl des CDU-Funktionärs ist besonders perfide: Zuletzt hatte sich 2021 eine trans Frau auf dem Berliner Alexanderplatz verbrannt. Queere Menschen sind im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich häufiger von Suizidgedanken und -versuchen betroffen. Der aktuelle Kenntnisstand der Forschung sieht die Ursache dafür vor allem in gesellschaftlicher Diskriminierung, Ablehnung durch das soziale Umfeld sowie in internalisierter Homo- oder Transfeindlichkeit. Jacobis Anspielung auf Selbsttötungen aus "Respekt" verhöhnt das Leid dieser Menschen zynisch.

Keine Entschuldigung, nur Relativierung

Gegenüber dem Tagesspiegel räumte Jacobi seine Wortwahl zwar ein, will sie aber als "sarkastische Bemerkung" verstanden wissen, die er aus großer Verärgerung geschrieben habe. Sein Kommentar habe sich nicht gegen die vier schwulen Männer gerichtet, sondern gegen die Pastorin, die "Polygamie propagiere". Eine Entschuldigung kam ihm allerdings nicht über die Lippen. Stattdessen erklärte er: "Mir Homophobie vorzuwerfen, ist absurd."

Diese Reaktion ist symptomatisch: Statt Verantwortung zu übernehmen, wird relativiert und abgelenkt. Der CDU-Mann löschte den Kommentar, um "Missverständnissen vorzubeugen" – nicht etwa, weil er dessen menschenverachtenden Charakter erkannt hätte.

Ein Muster wird sichtbar

Jacobi ist in der Potsdamer CDU keine unbedeutende Randfigur. Er ist kein unbeschriebenes Blatt in der Potsdamer Union, mit queerfeindlicher Hetze war er bisher aber noch nicht aufgefallen. Neben seiner Funktion als Stadtverbandsvorsitzender ist er auch Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) Potsdam. Auf seinem X-Account teilt er vorwiegend Inhalte rechtspopulistischer Medien wie "Bild" und "Nius".

Besonders brisant: Jacobi ist Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Saskia Ludwig, die dem rechten Rand der CDU zugerechnet wird. Ludwig balanciert seit Jahren auf dem rechten Rand und sorgt immer wieder auch in der eigenen Partei für Kritik. Einen Monat vor der Bundestagswahl wirbt sie dafür, die „Brandmauer" zur AfD aufzubrechen. Ludwig sprach sich beim MCC in Ungarn offen gegen die Brandmauer aus und traf dort AfD-Chefin Alice Weidel.

Suizidprävention statt Verhöhnung

Der Fall wirft Licht auf ein dramatisches Problem: Die EU-Grundrechteagentur (FRA) zeigt, dass 14 % aller befragten LGBTIQ-Personen in Deutschland bereits einen Suizidversuch hinter sich haben. Diese Raten sind innerhalb der Community ungleich verteilt: Trans Personen haben die höchsten Raten an Suizidversuchen: 28 % bei trans Männern und 26 % bei trans Frauen. Diese erschütternden Zahlen sind keine Folge des Queer-Seins, sondern der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen wir leben. Das Minderheitenstress-Modell erklärt, wie ständige Diskriminierung, Ablehnung und Gewalt zu psychischem Leid und Suizidalität führen.

Würde an Vorschulen und Schulen Mobbing besser bekämpft und die Akzeptanz von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten gesteigert, könne die Selbstmordrate unter queeren Kindern und Jugendlichen erheblich gesenkt werden. Stattdessen erleben wir, wie politische Funktionäre mit menschenverachtendem Zynismus über die Selbsttötung queerer Menschen sprechen.

CDU zwischen Bekenntnis und Realität

Der Vorfall steht im krassen Widerspruch zum offiziellen Kurs der Bundes-CDU. In ihrem neuen Grundsatzprogramm erkennt die CDU den Status quo der LGBTI-Gleichstellung an. Im Mai 2024 hat die CDU ihr neues Grundsatzprogramm vorgestellt, darin ein Bekenntnis zur gleichgeschlechtlichen Ehe und fĂĽr Gleichberechtigung. Beim letzten Grundsatzprogramm 2007 hatte die Partei die Ehe fĂĽr alle noch abgelehnt.

Doch die Kluft zwischen programmatischen Aussagen und der Haltung einzelner Funktionäre bleibt bestehen. Die Union will vor allem am Status quo festhalten, bleibt vage und lässt insgesamt 14 Forderungen unbeantwortet, wie der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) in seinen Wahlprüfsteinen zur Bundestagswahl 2021 feststellte.

Was jetzt geschehen muss

Der Fall Jacobi darf nicht folgenlos bleiben. Die CDU Potsdam muss klar Position beziehen: Sind solche menschenverachtenden Äußerungen mit den Werten der Partei vereinbar? Wird Jacobi zur Rechenschaft gezogen? Eine bloße Distanzierung reicht nicht aus – gefordert sind konkrete Konsequenzen.

Darüber hinaus zeigt der Vorfall, wie dringend notwendig eine umfassende Suizidpräventionsstrategie ist, die queere Menschen explizit einbezieht. Ein Suizidpräventionsgesetz mit zweckgebundener Finanzierung für queere Hilfsangebote muss sofort verabschiedet werden. Die systematische Erfassung von SOGI-Daten (sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität) in allen Gesundheitsstatistiken ist unerlässlich. Ohne Daten gibt es keine evidenzbasierte Politik.

Wenn Parteifunktionäre offen über die Selbsttötung queerer Menschen spotten, ist das mehr als eine "Entgleisung" – es ist ein Angriff auf die Würde und das Lebensrecht von LGBTIQ*-Menschen. In Zeiten, in denen queerfeindliche Gewalt zunimmt, tragen solche Äußerungen zu einem gesellschaftlichen Klima bei, das queere Leben gefährdet.

Hilfsangebote bei Suizidgedanken: Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800-1110111 und 0800-1110222 erreichbar. FĂĽr queere Jugendliche gibt es zudem viele spezialisierte Anlaufstellen und Jugendgruppen in Deutschland, die Beratung und UnterstĂĽtzung bieten.


Ein Urteil mit Signalwirkung: Späte Gerechtigkeit für die queere Community

In einer bemerkenswerten Entscheidung hat das Amtsgericht Weinheim den bekannten Abtreibungsgegner Klaus Günter Annen wegen Hetze gegen Homosexuelle verurteilt. Das Original auf queer.de berichtet von einem Urteil, das in seiner Bedeutung weit über den Einzelfall hinausgeht – es markiert einen wichtigen Wendepunkt im strafrechtlichen Umgang mit queerfeindlicher Hetze in Deutschland.

Die Verurteilung: Ein Signal gegen Queerfeindlichkeit

Das Amtsgericht Weinheim hat Klaus Günter Annen wegen eines homofeindlichen Hetzartikels wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe von 3.600 Euro (120 Tagessätze à 30 Euro) verurteilt. Annen ist seit 2016 stellvertretender Vorsitzender der fundamentalistischen Christlichen Mitte und erstattete laut Süddeutscher Zeitung seit 2001 Strafanzeigen gegen über 400 Mediziner wegen Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft.

Der 74-jährige hatte auf seiner indizierten Website "babykaust.de" einen alten Flyer des Vereins erneut veröffentlicht, der Homosexuelle für "mehr als sechs Millionen Aids-Tote" verantwortlich machte und von einer "naturwidrigen Trieb-Verirrung" sprach. Die Äußerungen seien "geistiger Nährboden für Exzesse gegenüber Homosexuellen", begründete der Vorsitzende Richter sein Urteil laut Medienberichten.

Ein Wandel in der Rechtsprechung

Besonders bemerkenswert ist der Kontrast zur Entscheidung von vor zwölf Jahren: Damals hatte die Staatsanwaltschaft Münster eine Anklage gegen den identischen Text abgelehnt. Die Begründung aus dem Jahr 2013 wirkt aus heutiger Sicht erschreckend: Die Äußerungen würden Homosexualität lediglich als "heilbare Erkrankung" ansehen und seien daher wegen des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung "gerechtfertigt".

Diese Wende in der juristischen Bewertung spiegelt einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel wider. Rechtsprechung entwickelt sich immer weiter und nimmt dabei gesellschaftliche Entwicklungen auf, erklärt der Berliner Theologe Georg Essen. In Deutschland scheint es so zu sein, dass die Rechtsprechung tendenziell religionsneutraler wird und damit folgerichtig distanzierter gegenüber religiösen Bekenntnissen.

Historischer Kontext: Deutschlands schwieriges Erbe

Die zögerliche Entwicklung des rechtlichen Schutzes für LGBTQ+ Menschen in Deutschland hat tiefe historische Wurzeln. Bis 1994 waren sexuelle Handlungen zwischen Männern – unter wechselnden Tatbestandsvoraussetzungen – nach Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs (StGB) in Deutschland strafbar. Zwischen 1950 und 1969 kam es zu mehr als 100.000 Ermittlungsverfahren und etwa 50.000 rechtskräftigen Verurteilungen.

Besonders beschämend: Die staatliche Verfolgung Homosexueller unter dem von den Nationalsozialisten verschärften § 175 ging in der Bundesrepublik bis 1969 unverändert weiter und übertraf bei weitem die Zahl der Verurteilungen während der Weimarer Republik. Die Verfolgung endete nicht mit der NS-Zeit, sondern wurde in der Bundesrepublik strafrechtlich bruchlos fortgesetzt. Noch jahrzehntelang wurde mit § 175 StGB NS-Recht gegen Homosexuelle angewandt und damit ein Klima der Homophobie legitimiert und befördert, das bis heute negative Auswirkungen hat.

Die Herausforderung des Paragrafen 130

Trotz des aktuellen Urteils bleibt der rechtliche Schutz vor queerfeindlicher Volksverhetzung unvollständig. In § 130 werden als mögliche Ziele von Volksverhetzung „nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe(n)" ausdrücklich hervorgehoben. Sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität sind dagegen nicht benannt. Das Ergebnis: Entscheidungen zu homophober oder sexistischer Volksverhetzung sind trotz weit verbreiteter homophober und sexistischer Hassreden äußerst selten.

Der LSVD (Lesben- und Schwulenverband) kritisiert diese Lücke seit Jahren. Es ist ein fatal falscher Weg, wenn der Gesetzgeber Homophobie und Transfeindlichkeit in den einschlägigen Strafrechtsnormen weiterhin tabuisiert und unsichtbar hält. § 46 Absatz 2 Satz 2 StGB sowie § 130 StGB sollten so ausgestaltet werden, dass sie die empirisch belegten Erscheinungsformen von Hasskriminalität angemessen im Wortlaut benennen.

Bedeutung fĂĽr die queere Community

Das Weinheimer Urteil ist dennoch ein wichtiges Signal. Es zeigt, dass die deutsche Justiz bei der Verfolgung queerfeindlicher Volksverhetzung sensibler geworden ist – auch wenn der Weg dorthin beschämend lang war. Die Tatsache, dass derselbe Text, der 2013 als durch die Meinungsfreiheit gedeckt galt, nun als strafbare Volksverhetzung bewertet wird, dokumentiert einen fundamentalen Wandel im Rechtsverständnis.

Für queere Menschen in Deutschland bedeutet das Urteil mehr als nur eine juristische Genugtuung. Es erkennt an, dass Hassrede gegen LGBTQ+ Menschen nicht unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit oder Meinungsfreiheit legitimiert werden kann. Dass Homo- und Bisexuelle in Deutschland immer noch diskriminiert beziehungsweise benachteiligt werden, bestätigten 2017 noch 80,6 Prozent der Befragten. Homophobie ist 2018 also weiterhin ein politisch-gesellschaftlich relevantes Thema.

Der Weg nach vorn

Obwohl Annen angekündigt hat, gegen das Urteil Berufung einzulegen, markiert diese Entscheidung einen wichtigen Präzedenzfall. Sie zeigt: Hetze gegen LGBTQ+ Menschen ist keine Meinung, sondern eine Straftat. Sie ist kein legitimer Ausdruck religiöser Überzeugungen, sondern ein Angriff auf die Menschenwürde.

Dennoch bleibt viel zu tun. Solange sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität nicht explizit im Volksverhetzungsparagrafen genannt werden, bleibt der Schutz unvollständig. Das Weinheimer Urteil ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber es darf nicht der letzte sein. Die queere Community verdient den gleichen umfassenden rechtlichen Schutz vor Hassrede wie alle anderen schutzbedürftigen Gruppen in unserer Gesellschaft.

Die Entscheidung des Amtsgerichts Weinheim ist späte Gerechtigkeit – aber sie ist ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass sich Deutschland seiner historischen Verantwortung zunehmend bewusst wird und bereit ist, daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen.


Hessen: 869 Menschen ändern 2024 ihren Geschlechtseintrag – Ein Jahr Selbstbestimmungsgesetz

Ein Jahr nach Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes zeigt sich in Hessen: 869 Menschen haben 2024 ihren Geschlechtseintrag geändert, wie das Hessische Innenministerium auf eine Kleine Anfrage mitteilt. Die Zahlen verdeutlichen, wie groß der Bedarf nach einem unbürokratischen Verfahren war – und räumen mit Befürchtungen vor Missbrauch auf.

Das Ende eines diskriminierenden Verfahrens

Mit dem seit 1. November 2024 geltenden Selbstbestimmungsgesetz können Menschen ihren Geschlechtseintrag und Vornamen per Erklärung im Personenstandsregister ändern lassen – ohne Gutachten, ärztliche Bescheinigungen oder richterliche Beschlüsse. Es löst das jahrzehntelang kritisierte Transsexuellengesetz ab, das für Betroffene lange Wartezeiten, hohe Kosten und belastende intime Fragen der Begutachtenden bedeutete.

Das alte Transsexuellengesetz von 1980 wurde vom Bundesverfassungsgericht in mehreren Entscheidungen in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt. Es basierte auf einem medizinisch veralteten, pathologisierenden Verständnis von Transgeschlechtlichkeit. Der Gesetzgeber schafft damit erstmals auf Eigeninitiative eine rechtliche Verbesserung für trans*, inter* und nicht-binäre Menschen, ohne vorher vom Bundesverfassungsgericht dazu aufgefordert worden zu sein.

Höhere Nachfrage als erwartet – bundesweit über 22.000 Nutzungen

Die hessischen Zahlen fügen sich in ein bundesweites Bild: Im ersten Jahr haben über 22.000 TIN* Menschen das Selbstbestimmungsgesetz genutzt. Bereits in den ersten beiden Monaten nach Inkrafttreten (November und Dezember 2024) gab es bundesweit 10.589 Geschlechtseintragsänderungen. Zum Vergleich: Von Januar bis Oktober 2024 waren es unter dem alten Transsexuellengesetz nur 596 Fälle.

Die Bundesregierung hatte in ihrem Gesetzentwurf mit ungefähr 4.000 Fällen pro Jahr gerechnet – die tatsächliche Nachfrage liegt deutlich höher. Dies zeigt laut Expert*innen nicht etwa einen "Trend", sondern dass sehr viele Menschen sehr lange gewartet haben, ihr Geschlecht in dieser vereinfachten Form ändern lassen zu können.

Keine Hinweise auf Missbrauch

Ein zentrales Ergebnis der hessischen Auswertung: Fälle, in denen das Selbstbestimmungsgesetz gezielt missbräuchlich genutzt wurde, sind der Landesregierung nicht bekannt. Auch eine konkrete Einschränkung oder Gefährdung von Rechten von Frauen und Mädchen durch das neue Gesetz sei nicht zur Kenntnis gelangt, teilt das Innenministerium mit.

Diese Erfahrung deckt sich mit internationalen Erkenntnissen: Ein Bericht aus dem Jahr 2022, der bestehende Selbstbestimmungsmodelle in verschiedenen Ländern wie Dänemark, Portugal und der Schweiz untersucht hat, zeigt, dass kein Fall einer Änderung des Geschlechtseintrags aus betrügerischen oder kriminellen Absichten bekannt geworden ist.

Wie das Verfahren funktioniert

Das Gesetz sieht ein zweistufiges Verfahren vor: Drei Monate vorher muss die Änderung bei dem Standesamt angemeldet werden. Eine Änderung des Geschlechtseintrags und der Vornamen kann durch eine persönliche "Erklärung mit Eigenversicherung" gegenüber dem Standesamt erfolgen. Diese dreimonatige Wartefrist soll Menschen Bedenkzeit geben, wird aber von Aktivist*innen als Einschränkung der geschlechtlichen Selbstbestimmung gesehen.

Für eine erneute Änderung gilt eine Sperrfrist von einem Jahr nach der vorherigen Änderungserklärung. Für Minderjährige gibt es besondere Regelungen: Für Minderjährige bis 14 Jahren können die Sorgeberechtigten die Änderungserklärung abgeben; die Erklärung bedarf des Einverständnisses des Kindes, wenn es das fünfte Lebensjahr vollendet hat.

Deutschland folgt internationalem Trend

Mit dem Selbstbestimmungsgesetz folgt Deutschland 16 weiteren Staaten, die bereits vergleichbare Regelungen zur Verwirklichung der Geschlechtsidentität vorsehen. Dazu gehören Argentinien, Malta, Dänemark, Luxemburg, Belgien, Irland, Portugal, Island, Neuseeland, Norwegen, Uruguay, Spanien, Finnland, die Schweiz, Brasilien, Kolumbien und Ecuador.

Positive Bilanz nach einem Jahr

Menschen, die von der neuen Regelung Gebrauch gemacht haben, berichten von Erleichterung, mehr Sicherheit und einem neuen Gefühl gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Erfahrungsberichte zeigen, dass die Umsetzung in weiten Teilen unbürokratisch, respektvoll und verlässlich verläuft.

Die hessischen Zahlen – 869 Änderungen bei 6,28 Millionen Einwohner*innen – belegen, dass es sich um eine kleine, aber wichtige Gruppe von Menschen handelt, für die das Selbstbestimmungsgesetz einen entscheidenden Schritt zu mehr Würde und Selbstbestimmung bedeutet. Das Selbstbestimmungsgesetz stärkt das Vertrauen in den Staat, weil es verdeutlicht, dass Grundrechte für alle gelten – nicht nur auf dem Papier, sondern im Alltag.


Zeug*innen gesucht nach queerfeindlicher Attacke in Mainz

Am Donnerstagabend wurden eine 33-jährige Frau und ein 37-jähriger Mann in der Mainzer Wallstraße Opfer einer queerfeindlichen Attacke. Laut Polizeimeldung vom Freitag verfolgte ein unbekannter Mann das Paar gegen 21:30 Uhr auf ihrem Heimweg, belauschte ihr Gespräch und griff sie schließlich sowohl verbal als auch körperlich an. Die Polizei sucht nun dringend nach Zeug*innen, die Hinweise zu dem Täter geben können.

Vom Belauschen zur Gewalt

Was als harmloser Heimweg begann, entwickelte sich schnell zu einer bedrohlichen Situation. Die beiden Geschädigten bemerkten zunächst, dass der Unbekannte ihnen folgte und ihr Gespräch über politische Themen belauschte. Plötzlich begann der Mann, lautstark homofeindliche und politisch motivierte Beleidigungen zu äußern und fragte den 37-Jährigen gezielt nach seiner sexuellen Orientierung. Die Situation eskalierte, als der Täter beide Personen mehrfach schubste und stieß. Glücklicherweise blieben die beiden körperlich unverletzt, konnten die Polizei verständigen – woraufhin der Täter in Richtung Hauptbahnhof West flüchtete.

Teil eines alarmierenden Trends

Der Vorfall in Mainz ist kein Einzelfall, sondern reiht sich ein in eine besorgniserregende Entwicklung: Im Jahr 2023 wurden bundesweit 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* registriert – ein dramatischer Anstieg von 1.188 Fällen im Jahr 2022. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht, wie das Bundeskriminalamt berichtet.

Auch in Rheinland-Pfalz ist die Entwicklung besorgniserregend. Die Melde- und Dokumentationsstelle für menschenfeindliche Vorfälle in Rheinland-Pfalz verzeichnet für das Jahr 2024 im Phänomenbereich Queerfeindlichkeit 103 Vorfälle – 66 Vorfälle richteten sich gegen die sexuelle Identität und 44 Vorfälle gegen die geschlechtliche Identität von Menschen. Mainz selbst war in den vergangenen Jahren bereits mehrfach Schauplatz queerfeindlicher Übergriffe.

Die Dunkelziffer bleibt erschreckend hoch

Besonders beunruhigend: Die Dunkelziffer wird auf 80 bis 90 Prozent geschätzt. Nur in 13 Prozent von Vorfällen wird eine Anzeige erstattet, woraus zu folgern ist, dass die Dunkelziffer queerfeindlicher Gewalt weit höher ist als aus den polizeilichen Zahlen hervorgeht. Viele Betroffene trauen sich nicht zur Polizei – aus Scham, aus Angst vor mangelnder Unterstützung oder weil sie die Übergriffe als "normal" empfinden.

Zu den häufigsten gegen LSBTIQ* gerichteten Straftaten gehörten im Jahr 2023 Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Dies wird einerseits mit der LSBTIQ*-feindlichen Gegenreaktion auf die wachsende Sichtbarkeit von LSBTIQ* in Verbindung gebracht, andererseits wird auch davon ausgegangen, dass die Anzeigenbereitschaft unter LSBTIQ* langsam zunimmt.

UnterstĂĽtzungsangebote in Rheinland-Pfalz

Für Betroffene queerfeindlicher Gewalt gibt es in Rheinland-Pfalz wichtige Anlaufstellen. Die Fachberatungsstelle „Quint*" in Mainz bietet queeren Menschen mit Gewalterfahrung und ihren Angehörigen niedrigschwellig professionelle psychosoziale, therapeutische und rechtliche Beratung an und wird vom Familienministerium im Rahmen des Landesaktionsplans „Rheinland-Pfalz unterm Regenbogen" gefördert. Weitere Informationen finden sich unter www.quint-beratung.de.

Zudem steht die Ansprechstelle der Polizei des Landes Rheinland-Pfalz für lesbische, schwule, bisexuelle, transidente und intergeschlechtliche Menschen allen offen – besonders Menschen, die aufgrund ihrer tatsächlichen, unterstellten oder erwarteten Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung Opfer von Straftaten wurden.

Zeug*innen gesucht

Die Polizei beschreibt den Täter als etwa 30 Jahre alt, mit schwarzen Haaren und Hochdeutsch sprechend. Zum Tatzeitpunkt trug er eine schwarze 3/4-Hose, ein T-Shirt und war barfuß unterwegs. Möglicherweise stand er unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln. Die Polizeiinspektion Mainz 2 bittet Personen, die sachdienliche Hinweise geben können, sich unter der Rufnummer (06131) 65-34250 oder per E-Mail unter pimainz2@polizei.rlp.de zu melden.

Dieser Vorfall zeigt einmal mehr: Queerfeindliche Gewalt ist alltäglich und kann jeden treffen – mitten in der Stadt, auf dem Heimweg, beim Gespräch über politische Themen. „Jeden Tag werden in Deutschland Menschen angegriffen, bloß weil sie lieben, wie sie lieben oder sind wie sie sind. Bei allen rechtlichen und gesellschaftlichen Fortschritten: LSBTIQ* bleiben eine verwundbare gesellschaftliche Gruppe", so der Queer-Beauftragte der Bundesregierung Sven Lehmann.


Könnte dieser schwule Netflix-Star der nächste James Bond werden?

Die Debatte um die Besetzung des nächsten James Bond nimmt Fahrt auf – und diesmal sorgt ein unerwarteter Name für Aufmerksamkeit. Max Parker, bekannt aus der britischen Serie Emmerdale und zuletzt aus der Netflix-Militärserie Boots, wird als möglicher Kandidat gehandelt und erhält bereits viel Zuspruch im Internet. Die spannende Frage dabei: Ist die Welt bereit für einen offen schwulen James Bond?

Der britische Schauspieler Max Parker, der kürzlich in der Netflix-Serie Boots zu sehen war, hat eine intensive Online-Diskussion ausgelöst. In Boots spielt Parker Sergeant Sullivan, eine harte Figur, die ihre Homosexualität verbergen muss, da diese in den 1990er Jahren, in denen die Serie spielt, illegal war.

Eine virale Debatte über Authentizität

Am 11. November teilte jemand auf Threads ein Bild von Parker zusammen mit einem Headshot und schrieb: "Ich frage mich, was die Öffentlichkeit davon halten würde, wenn der nächste James Bond von einem schwulen Schauspieler gespielt würde". Die Reaktionen waren überwiegend positiv. Nutzer kommentierten unter anderem: "Ein guter Schauspieler ist ein guter Schauspieler. Sexuelle Präferenzen sind irrelevant".

Parker kam 2020 in einem Interview mit dem Attitude Magazin öffentlich als schwul heraus und bestätigte seine Beziehung mit Emmerdale-Kollege Kris Mochrie. Die beiden verlobten sich im Januar 2022 und heirateten im August desselben Jahres.

Perfektes Timing fĂĽr Denis Villeneuves Suche

Parkers Chancen könnten tatsächlich nicht schlecht stehen. Denis Villeneuve, der Regisseur des nächsten Bond-Films, möchte seinen Bond nach Abschluss der Dreharbeiten zu Dune 3 besetzen, und laut Deadline sucht er nach einem britischen "frischen Gesicht" für die Rolle. Der Regisseur und seine Mitarbeiter suchen nach einem "frischen Gesicht" für die 007-Rolle – idealerweise ein Unbekannter, möglicherweise Ende 20 oder Anfang 30.

Wenn dies die Überlegung ist, wäre jemand wie Parker ideal für Bond, da er bereits etwas Anerkennung hat, aber noch kein A-Lister ist. Der 33-jährige Schauspieler hat neben Boots auch in Serien wie Casualty, Emmerdale und Vampire Academy mitgewirkt. Im März 2025 wurde bekannt gegeben, dass Parker für die fünfzehnte Staffel von Doctor Who gecastet wurde.

Ein deutscher Blickwinkel auf LGBTQ+ Repräsentation im Film

Die Diskussion um Parkers mögliche Besetzung erinnert an wichtige Debatten in Deutschland. Im Februar 2021 outeten sich 185 deutsche Schauspieler*innen in der Initiative #ActOut als lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, queer, intergeschlechtlich oder nichtbinär. Nahezu alle Unterzeichner von #ActOut können eine Geschichte über offene oder zumindest versteckte Homophobie erzählen.

Selbst Agenten rieten queeren Menschen, sich lieber nicht öffentlich zu outen – aus Angst, keine Hetero-Rollen mehr angeboten zu bekommen. Diese Erfahrungen zeigen, wie relevant die Frage nach einem offen schwulen Bond-Darsteller auch für die deutsche Kulturlandschaft ist.

James Bonds queere Geschichte

Die Bond-Franchise hat bereits zaghafte Schritte in Richtung LGBTQ+ Repräsentation unternommen. No Time to Die zeigte eine Szene, die Ben Whishaws Q als schwul bestätigte und ihn zum ersten Verbündeten von James Bond machte, der offen Mitglied der LGBTQ+ Community ist. Die Daniel-Craig-Ära von Bond brachte große Veränderungen in der Darstellung dieser Thematik.

Allerdings hatten LGBT-Charaktere in James-Bond-Filmen traditionell eine komplexe Geschichte, da sich Einstellungen gegenüber LGBTQ+ Menschen grundlegend verändert haben. Frühere Filme zeigten queere Charaktere oft als Bösewichte – ein problematisches Muster, das die moderne Ära hinter sich lassen möchte.

Ist die Zeit reif?

Die Frage bleibt offen: Darf ein Bond-Darsteller inzwischen offen schwul sein? Ist die Welt bereit dafür? Diskussionen darüber, ob der neue Bond schwarz oder eine Frau sein könnte, wurden intern von den Verantwortlichen offenbar dementiert. Der nächste Bond wird erneut ein weißer Mann aus Großbritannien werden.

Max Parker verkörpert genau diese Kriterien – mit einem entscheidenden Unterschied: Er ist offen schwul. In einem Interview für den Red Hot-Kalender sprach Parker über seine Ängste als schwuler Schauspieler: "Ich wollte nicht in eine Schublade gesteckt werden, wollte aber auch keine Chancen verpassen, weil mich Leute vielleicht nicht als heterosexuellen Hauptdarsteller besetzen würden".

Doch Parker hat seine Meinung geändert: "Authentisch man selbst zu sein, öffnet so viele Türen, als man denkt. Als ich mich outete, war es wahrscheinlich die letzte Tür, die geöffnet werden musste, um mit meinem Leben und meiner Karriere weiterzumachen. Authentisch du selbst zu sein, ist das Befreiendste, was du tun kannst. Und je schneller du es tust, desto schneller kannst du leben".

Ob Max Parker tatsächlich der nächste 007 wird, bleibt abzuwarten. Doch allein die Tatsache, dass diese Diskussion stattfindet, zeigt einen bedeutenden Wandel in der Filmindustrie. Die Bond-Franchise hat sich über sechs Jahrzehnte immer wieder neu erfunden – vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den nächsten mutigen Schritt.

Alle Episoden von Boots sind jetzt auf Netflix verfĂĽgbar.


Historischer Schritt: EKD distanziert sich von queerfeindlicher "Homo-Heilungs"-Vergangenheit

Ein bemerkenswerter Moment für die Gleichberechtigung queerer Menschen: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat am Mittwoch bei ihrer Synode in Dresden den Antrag "Gleichberechtigung queerer Menschen" beschlossen. Damit vollzieht die größte protestantische Kirche Deutschlands eine klare Abkehr von ihrer dunklen Vergangenheit – darin distanziert sie sich von ihrer eigenen Orientierungshilfe "Mit Spannungen leben" aus dem Jahr 1996. Ein Text, der jahrzehntelang zur theologischen Rechtfertigung von Diskriminierung diente und wie queer.de berichtet, bis heute von queerfeindlichen Kräften missbraucht wird.

Das dunkle Erbe: Wenn Kirchen "Heilung" predigten

Was heute fast unvorstellbar klingt, war in den 1990er Jahren offizielles Kirchendokument: Die Orientierungshilfe propagierte die angebliche "Heilbarkeit" von Homosexualität durch Therapie und Seelsorge. Das Papier behauptete, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften widersprächen dem Willen Gottes und nur Heterosexuelle verdienten es, eine Ehe zu schließen. Jahrzehntelang beriefen sich evangelikale Kreise auf diesen Text, um ihre diskriminierende Haltung zu rechtfertigen.

Der Schaden, den solche "Konversionstherapien" anrichten, ist heute wissenschaftlich erwiesen: Wissenschaftlich nachgewiesen sind schwerwiegende gesundheitliche Schäden durch solche "Therapien" wie Depressionen, Angsterkrankungen, Verlust sexueller Gefühle und ein erhöhtes Suizidrisiko. Die Weltgesundheitsorganisation hat erklärt, dass Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit keine Krankheit sind und keine Indikation für eine "Therapie" besteht.

Deutschland als Vorreiter: Das Verbot von Konversionstherapien

Die Bundesrepublik hat hier international Zeichen gesetzt: Das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen ist am 24. Juni 2020 in Kraft getreten. Medizinische und andere Interventionen, die darauf gerichtet sind, die sexuelle Orientierung oder die selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person gezielt zu verändern oder zu unterdrücken (sogenannte Konversionstherapien) und das Werben hierfür ist verboten. Verstöße werden mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einem hohen Bußgeld geahndet. Deutschland gehört damit zu den wenigen europäischen Ländern, die solche menschenverachtenden Praktiken konsequent sanktionieren.

Kirche bekennt sich zu Menschenrechten fĂĽr alle

Mit dem Dresdner Beschluss schlägt die EKD ein neues Kapitel auf: Die Kirche erklärt nun unmissverständlich, dass die Orientierungshilfe von 1996 "nicht dieser Grundüberzeugung" entspreche und bittet den Rat, dafür zu sorgen, "dass dieser Text (analog und digital) nicht mehr als Orientierungshilfe zur Verfügung gestellt wird."

Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) begrüßte in einem ersten Statement den Synodenbeschluss zur Gleichberechtigung queerer Menschen. Der Verein bot der Kirche zudem Unterstützung bei der "Erarbeitung eines zeitgemäßen Papiers zur Verbindung unterschiedlicher Lebensentwürfe und Identitäten im gemeinsamen Glauben" an.

Regenbogenfahne offiziell erlaubt: Sichtbare Vielfalt

Ein weiteres starkes Zeichen setzte die EKD mit einem neuen Flaggengesetz: In einem neuen "Kirchengesetz über die Verwendung von Fahnen, Flaggen und ähnlichen Kennzeichen" heißt es: "Die Verwendung von Fahnen, Flaggen und ähnlichen Kennzeichen durch die evangelische Kirche dient der Darstellung der Kirche in der Öffentlichkeit. Sie darf dem Auftrag der Kirche nicht widersprechen." Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs hatte bereits zur Eröffnung der Synode am Sonntag erklärt, dass die Regenbogenfahne als Symbol der Vielfalt dem "kirchlichen Selbstverständnis" entspreche.

EKD im europäischen Vergleich: Eine der queerfreundlichsten Kirchen

Und wie steht die EKD im internationalen Vergleich da? Nach dem Rainbow Index of Churches in Europe 2025 erreicht die Evangelische Kirche in Deutschland 85 Prozent – ein beachtlicher Wert. Nur die Schwedische Kirche schneidet unter den großen protestantischen Kirchen noch besser ab. Innerhalb der EKD ist die Situation allerdings heterogen: Während viele Landeskirchen längst gleichgeschlechtliche Trauungen anbieten, hielt die württembergische Landeskirche erst im Oktober am Verbot gleichgeschlechtlicher Trauungen fest.

Die Gleichstellung in deutschen Landeskirchen

Viele evangelische Landeskirchen haben längst Fakten geschaffen: Die Evangelische Kirche im Rheinland ermöglicht seit 2016 die Trauung und eine Gleichbehandlung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnern und verheirateten Paaren. Die Evangelische Kirche von Westfalen stellt die Trauung seit 2019 mit der Ehe zwischen Mann und Frau gleich. Auch in Hessen-Nassau, Hannover, Baden und vielen anderen Landeskirchen können gleichgeschlechtliche Paare kirchlich heiraten – mit denselben liturgischen Rechten wie heterosexuelle Paare.

Ein Blick ĂĽber den evangelischen Tellerrand: Die katholische Kirche

Zum Vergleich: In der römisch-katholischen Kirche ist die Situation deutlich restriktiver. Homosexuelle Paare können seit Ende 2023 auch in der katholischen Kirche gesegnet werden. Das vatikanische Glaubensdikasterium veröffentlichte eine Grundsatzerklärung, wonach Geistliche unverheiratete und homosexuelle Paare segnen dürfen. Allerdings gibt es dabei erhebliche Einschränkungen: Die Segnung darf nicht in einem gottesdienstlichen Rahmen erfolgen, denn eine solche liturgische Segnung würde voraussetzen, dass die gesegnete Verbindung dem Plan Gottes in seiner Schöpfung entspreche. Von einer echten Gleichstellung kann also keine Rede sein.

Interessant dabei: Nach dem Rainbow Index of Churches in Europe (RICE) vom Oktober 2025 rangiert die katholische Kirche in Deutschland auf Platz 72 Prozent und ist damit die inklusivste katholische Kirche in Europa, gleichauf mit Belgien und nur knapp hinter England und Wales. Der Synodale Weg in Deutschland hatte hier wichtige Impulse gesetzt.

Was bedeutet das fĂĽr queere Menschen in Deutschland?

Die Entscheidung der EKD ist mehr als nur symbolisch: Sie sendet ein klares Signal an die rund 18 Millionen evangelischen Christ*innen in Deutschland – und an queere Menschen überall. Die Kirche übernimmt Verantwortung für ihre Vergangenheit und macht deutlich: Hier seid ihr willkommen, hier habt ihr die gleichen Rechte. Das ist besonders wichtig in Zeiten, in denen rechtspopulistische Kräfte verstärkt gegen LGBTIQ*-Rechte mobilisieren.

Dennoch bleibt Arbeit: Die innere Vielfalt der EKD zeigt, dass nicht alle Landeskirchen gleich weit sind. Und auch international ist die Situation für queere Christ*innen oft prekär. Die EKD kann hier mit gutem Beispiel vorangehen – als eine der größten protestantischen Kirchen Europas hat sie Vorbildfunktion.

Quellen: queer.de, Bundesgesundheitsministerium, Rainbow Index of Churches in Europe


Vier Monate nach dem Hakenkreuzskandal: Daniel Born stimmt wieder ab – Ein Moment der Wiederkehr

Es war ein Moment, der die politische Karriere eines Mannes in Trümmern legte: Im Juli 2025 kritzelte der schwule SPD-Abgeordnete Daniel Born aus Frustration über eine transfeindliche Rede im baden-württembergischen Landtag ein Hakenkreuz auf seinen Stimmzettel – eine Tat, die er später als "Kurzschlussreaktion" und einen "schwerwiegenden Fehler" bezeichnete. Nun, knapp vier Monate später, wie queer.de berichtet, durfte Born erneut an einer Abstimmung teilnehmen – gelöster und gelassener als beim ersten Mal.

Ein Skandal mit weitreichenden Konsequenzen

Die Ereignisse vom Juli hatten massive politische Folgen: Born gab sein Amt als Landtagsvizepräsident auf und trat aus der SPD aus, sein Landtagsmandat behielt er jedoch als fraktionsloser Abgeordneter. Er verzichtete außerdem auf seine Landtagskandidatur und trat von seinen Parteiämtern zurück, sein Mandat will er aber bis zum Ende der Legislaturperiode behalten. Was Born zu seiner Tat trieb, beschrieb er eindringlich: Die Verachtung, mit der eine AfD-Rednerin im Landtag über transsexuelle Kinder gesprochen hatte, habe ihn "intensiv aufgewühlt".

Der Vorfall zeigt exemplarisch die emotionale Belastung, die queere Politiker*innen in Deutschland erleben, wenn sie mit der zunehmenden Normalisierung rechtsextremer Rhetorik konfrontiert werden. Born erklärte, die "zunehmende Gewöhnung an die AfD" lasse ihm "keine ruhige Minute mehr". Seine Verzweiflung führte zu einer Handlung, die er selbst als verheerenden Fehler erkannte.

Die neuerliche Abstimmung: Ein Zeichen der Normalität?

Am Donnerstag stand erneut die Wahl von AfD-Vertreter*innen in den Oberrheinrat an – jenes grenzüberschreitende Gremium, bei dem im Juli der Skandal ausbrach. Diesmal zeigte sich Born gut gelaunt mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) an der Urne. Die AfD scheiterte zum elften Mal mit ihren Wahlvorschlägen, auch Born dürfte gegen die Kandidat*innen gestimmt haben – diesmal höchstwahrscheinlich mit einem ganz normalen Kreuz.

Die wiederholte Ablehnung der AfD-Kandidat*innen ist kein Einzelfall: Am selben Tag scheiterte die Partei bereits zum 15. Mal in der laufenden Legislaturperiode bei der Wahl von Vertreter*innen ins Kuratorium der Landeszentrale fĂĽr politische Bildung. Die AfD hatte bereits vor dem Verfassungsgerichtshof des Landes gegen die wiederholte Ablehnung ihrer Kandidat*innen geklagt, blieb damit jedoch erfolglos.

Queere Sichtbarkeit in der deutschen Politik – Fortschritt und Rückschläge

Der Fall Daniel Born wirft ein Schlaglicht auf die komplexe Situation queerer Politiker*innen in Deutschland. Gab es früher fast nur bei den Grünen offen schwul und lesbisch lebende Politiker, so hat sich dies in Deutschland vor allem seit Klaus Wowereits "Flucht nach vorne" im Jahre 2001 geändert – heute gibt es offen schwul und lesbisch lebende Politiker in allen Parteien, die im Bundestag vertreten sind. Diese Entwicklung hat die politische Landschaft nachhaltig verändert.

Doch der Fortschritt ist fragil. Heute können sich lesbische Politikerinnen und schwule Politiker ohne weiteres outen, ohne dass sie befürchten müssen, dass das ihrer Karriere schadet – der ehemalige Berliner Regierende Bürgermeister Wowereit hat durch sein mutiges Coming-out sicher sehr viel zu dieser Entwicklung beigetragen. Born selbst ist ein Beispiel dafür, wie weit die Akzeptanz gekommen ist – und zugleich, welche emotionalen Kosten der alltägliche Umgang mit rechtsextremer Hetze fordern kann.

Die AfD als Belastungsprobe fĂĽr die Demokratie

Der wiederholte Versuch der AfD, in Gremien wie den Oberrheinrat oder das Kuratorium der Landeszentrale für politische Bildung einzuziehen, und das ebenso konsequente Scheitern dieser Versuche, illustriert die Spannungen im deutschen Parlamentarismus. Born rechtfertigte sich damit, dass die AfD eine "gesichert rechtsextreme, die Demokratie verachtende Partei" sei, und die "zunehmende Gewöhnung an die Partei" lasse ihm keine ruhige Minute mehr.

Besonders für LGBTQ+ Politiker*innen stellt die Präsenz der AfD in Parlamenten eine tägliche Herausforderung dar. Sie müssen mit ansehen und anhören, wie ihre Existenz und Identität zur Zielscheibe von Hass und Hetze werden. Born selbst sagte: "Ich habe mit dem Hakenkreuz dem Kampf gegen die AfD geschadet. Auch das tut mir unendlich leid." Er betonte, dass die parlamentarische Brandmauer zur AfD zwar stehe, diese aber nicht verhindere, dass die Partei "mit ihren menschen- und demokratiefeindlichen Positionen zur Gewohnheit wird und Zulauf hat".

Ein Neuanfang unter schwierigen Bedingungen

Daniel Borns Rückkehr zur Normalität der parlamentarischen Arbeit vier Monate nach dem Skandal ist bemerkenswert. Er kündigte an, sich in den kommenden Monaten ganz auf seine Arbeit als Abgeordneter für den Wahlkreis Schwetzingen konzentrieren zu wollen. Ob ihm dies gelingen wird, bleibt abzuwarten. Die Staatsanwaltschaft prüft noch immer, ob der Anfangsverdacht einer Straftat vorliegt – in Betracht kommt der Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs, der das öffentliche Verwenden und Verbreiten von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen unter Strafe stellt.

Der Fall erinnert uns daran, dass der Kampf für Gleichberechtigung und gegen Rechtsextremismus auch von jenen, die ihn führen, einen hohen Preis fordern kann. Born hat seine politische Karriere faktisch beendet – und doch macht er weiter, Tag für Tag im Landtag, als Mahnung dafür, was passiert, wenn Frustration und Wut die Oberhand gewinnen. Seine Geschichte ist zugleich ein Appell: Der Kampf gegen Rechts muss mit den Mitteln der Demokratie geführt werden, auch wenn es schwerfällt.


US-Regierung droht trans Personen mit Ungültigkeitserklärung ihrer Reisepässe

In einer beunruhigenden Entwicklung hat das US-Außenministerium angekündigt, keine Reisepässe mehr mit dem geschlechtsneutralen „X"-Marker auszugeben und die Bearbeitung aller Anträge von Amerikaner*innen, die ihren Geschlechtseintrag im Pass ändern wollen, ausgesetzt. Noch alarmierender: Der Oberste Gerichtshof erlaubte der Trump-Administration am Donnerstag, die Geschlechtsbezeichnung in US-Pässen an das biologische Geschlecht einer Person anzupassen, ein schwerer Schlag für trans und nicht-binäre Menschen in den USA. Die ursprüngliche Meldung von PinkNews wirft ein Schlaglicht auf eine Politik, die Menschen in ihrer Existenz bedroht.

Was bedeutet die neue Richtlinie?

Nach dem Gerichtsentscheid hat das US-Außenministerium seine FAQ-Seite aktualisiert und dabei eine besorgniserregende Formulierung eingefügt. Pässe mit „X"-Markern seien „gültig für Reisen bis zum Ablaufdatum, bis Sie ihn ersetzen oder bis wir ihn gemäß Bundesvorschriften für ungültig erklären", so die neue Sprachregelung. Diese Formulierung lässt die Möglichkeit offen, dass die Behörde bereits ausgestellte Pässe zukünftig für ungültig erklären oder neu ausstellen könnte, auch wenn die Regierung noch nicht angekündigt hat, Pässe massenhaft zu widerrufen.

Präsident Donald Trump hat eine Exekutivanordnung unterzeichnet, die vorschreibt, dass US-Bundesdokumente wie Pässe nur die binären Geschlechter männlich und weiblich anerkennen. Dies kehrt die Politik von 2022 um, die „X" als Geschlechtsmarker zuließ. Seit 1992 konnten Pass-Antragsteller*innen Dokumente mit Geschlechtsmarkern erhalten, die ihre gewählte Geschlechtsidentität widerspiegeln – wenn diese vom bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht abweicht – durch Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung über eine klinische Behandlung der Geschlechtsangleichung.

Deutsche Perspektive: Ein Kontrastprogramm

Während in den USA trans Rechte massiv zurückgedrängt werden, zeigt Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) einen anderen Weg. Das deutsche Parlament verabschiedete am 12. April 2024 ein wegweisendes Gesetz, das trans und nicht-binären Menschen erlaubt, ihre rechtlichen Dokumente durch ein administratives Verfahren auf Basis von Selbstidentifikation an ihre Geschlechtsidentität anzupassen. Das Gesetz trat im November 2024 in Kraft und ersetzt das veraltete Transsexuellengesetz von 1980.

Nach dem neuen Gesetz können trans und nicht-binäre Personen zu einem Standesamt gehen und ihren Geschlechtseintrag sowie ihre Vornamen durch eine einfache Erklärung ändern lassen. Es werden keine „Gutachten" oder medizinischen Bescheinigungen mehr benötigt. Im deutschen Reisepass muss grundsätzlich das Geschlecht vermerkt werden; für Personen, die laut Melderegister weder weiblich noch männlich sind, ist auf der Passkartendatenseite der Eintrag „X" vorgesehen.

Auswirkungen auf deutsche Reisende

Die US-Politik hat bereits konkrete Auswirkungen auf Menschen in Deutschland. Auf der Website des Auswärtigen Amtes zu US-Reisehinweisen heißt es nun: „Aufgrund einer Executive Order vom 20. Januar 2025 müssen Einreisende in die USA in Zukunft bei ESTA- oder Visumanträgen entweder das Geschlecht ‚männlich' oder ‚weiblich' angeben; relevant ist hierbei der Geschlechtseintrag der antragstellenden Person zum Zeitpunkt der Geburt".

Die deutsche Bundesregierung hat eine Reisewarnung für trans und nicht-binäre Personen herausgegeben, die in die USA reisen wollen. Die Warnung verweist speziell auf Trumps Exekutivanordnung, die dem Außenministerium verbietet, Pässe mit „X"-Geschlechtsmarkern auszustellen. Menschen mit diversem oder ohne Geschlechtseintrag sollten vor der Einreise die zuständige US-Auslandsvertretung kontaktieren.

In Deutschland gibt es eine teilweise Lösung für dieses Problem: Auf Antrag ist es möglich, dass Menschen mit divers- oder ohne Geschlechtseintrag einen binären Geschlechtseintrag im Reisepass bekommen können, also männlich oder weiblich. Doch diese Regelung ist umstritten und setzt eine „Variante der Geschlechtsentwicklung" voraus, was hohe Hürden bedeutet.

Menschenrechtliche Bedenken

Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs fiel mit 6 zu 3 Stimmen. Richterin Ketanji Brown Jackson warf ihren Kolleg*innen in einer scharfen Dissens-Meinung vor, trans Menschen nicht fair zu behandeln. „Indem die Regierung trans Amerikaner*innen daran hindert, geschlechtskongruente Pässe zu erhalten, macht sie mehr als nur eine Aussage über ihre Überzeugung, dass trans Identität ‚falsch' sei", schrieb Jackson.

Die ACLU warnt: „Trans Menschen zu zwingen, Pässe zu tragen, die sie gegen ihren Willen outen, erhöht das Risiko, dass sie Belästigung und Gewalt ausgesetzt sind, und fügt den bereits erheblichen Barrieren hinzu, mit denen sie konfrontiert sind, um Freiheit, Sicherheit und Akzeptanz zu erlangen". Amnesty International fordert die US-Regierung auf: „Nehmen Sie trans, intergeschlechtlichen und nicht-binären Bürger*innen nicht das seit über 30 Jahren bestehende Recht auf einen Reisepass, der ihre Identität widerspiegelt".

Ein Angriff auf MenschenwĂĽrde

Die neue Politik ist Teil eines umfassenderen Musters. Am 20. Januar erließ Präsident Trump die Exekutivanordnung Nr. 14168, die trans Identität als „falsch" und „korrosiv" für die amerikanische Gesellschaft charakterisiert. Diese Maßnahmen sind Teil eines umfassenderen Versuchs, trans und nicht-binäre Menschen unsichtbar zu machen.

Der Kontrast zu Deutschland könnte kaum größer sein. Während die USA Rechte zurückdrängen, schließt sich Deutschland einer wachsenden Liste von Ländern an, die pathologisierende Anforderungen für die Anerkennung des Geschlechts abschaffen, die in diversen und demokratischen Gesellschaften keinen Platz haben.

Für trans Menschen in den USA bedeutet diese Politik konkrete Gefahren im Alltag. Richter*innen stellten fest, dass Kläger*innen „unbestrittene Beweise für die Schäden vorgelegt haben, denen trans und nicht-binäre Menschen ausgesetzt sind, wenn sie verpflichtet werden, Pässe mit Geschlechtsbezeichnungen zu verwenden, die mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen statt mit ihrer Geschlechtsidentität". Die Folgen: erhöhtes Risiko bei Flughafenkontrollen, Belästigung und Gewalt, besonders bei Reisen in Länder, die trans Ausdruck kriminalisieren.

Was in den USA geschieht, ist mehr als Bürokratie – es ist ein Angriff auf die Menschenwürde und das Recht auf Selbstbestimmung. Deutschland zeigt mit seinem Selbstbestimmungsgesetz, dass ein anderer Weg möglich ist: einer, der Menschen in ihrer Identität anerkennt statt sie zu verleugnen.


Studie zeigt: Östrogen-Monotherapie könnte die HRT für trans Frauen revolutionieren

Eine bahnbrechende neue Studie könnte die Art und Weise verändern, wie Hormonersatztherapie (HRT) für trans Frauen verschrieben wird. Alle Studienteilnehmer*innen erreichten einen Testosteronspiegel von weniger als 50 ng/dL während der Studiendauer, obwohl die wöchentliche Östradiol-Dosis sogar gesenkt wurde – ein Ergebnis, das weitreichende Konsequenzen für die trans Gesundheitsversorgung haben könnte.

Die ĂĽberraschenden Forschungsergebnisse

Die durchschnittliche Östradiol-Dosis sank von 4,3 auf 3,7 mg wöchentlich, während gleichzeitig ein finaler Östradiol-Spiegel von 248 pg/mL im Blut erreicht wurde. Die im Journal of the Endocrine Society veröffentlichte Untersuchung analysierte Daten von 29 Patient*innen, die von traditionellen Formen der Östradiol-Behandlung wie Gels oder Tabletten auf wöchentliche Injektionen umstellten und über 15 Monate beobachtet wurden.

Besonders bemerkenswert: Spironolacton war nicht mit einer niedrigeren anfänglichen Testosteronspiegel unter Behandlung assoziiert, obwohl es mit einem niedrigeren Östradiol-Spiegel von 285 pg/dL im Vergleich zu 427 pg/dL bei Östradiol-Monotherapie verbunden war.

Spironolacton: Keine zusätzliche Testosteron-Unterdrückung nachgewiesen

Die Ergebnisse werfen Fragen über den Einsatz von Spironolacton auf – das am häufigsten verschriebene Antiandrogen, das die Testosteronproduktion blockieren soll. Spironolacton war nicht mit zusätzlicher Testosteronunterdrückung verbunden und könnte zu niedrigeren Östradiol-Spiegeln führen, so das Fazit der Forscher*innen.

Eine größere Multi-Center-Studie mit 357 Teilnehmer*innen bestätigte diese Befunde: Injizier bares Östradiol war auch als Monotherapie effektiv bei der Testosteronunterdrückung bei 82,6 % der Patient*innen und vergleichbar mit einer Kombinationstherapie mit Antiandrogen(en) oder Progestogen.

Nebenwirkungen von Spironolacton

Neben den möglicherweise reduzierten Östradiol-Spiegeln ist Spironolacton auch mit verschiedenen Nebenwirkungen verbunden. Häufig berichten Patient*innen von Müdigkeit, Schwindel und erhöhtem Harndrang. Mediziner*innen warnen zudem vor seltenen, aber ernsthaften Nebenwirkungen wie Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel im Blut), Elektrolytstörungen sowie Nieren- und Leberproblemen.

Was bedeutet das fĂĽr trans Frauen in Deutschland?

In Deutschland erfolgt die Behandlung Mann-zu-Frau mit 17β-Estradiol oder 17β-Estradiolvalerat oral oder transdermal. Da auch die Absenkung der Androgene eine wichtige Voraussetzung für die erwünschte Feminisierung des Körpers darstellt, erfolgt ergänzend eine antiandrogene Medikation. Standard ist dabei die Gabe von Cyproteronacetat, während Spironolacton eine mögliche Alternative darstellt.

Das Hormon Estradiol ist in Deutschland in den Verabreichungsformen Gel, Spray oder Pflaster, bei denen der Wirkstoff über die Haut aufgenommen wird, und in Tablettenform erhältlich. Injizierbare Formen von Östradiol, wie sie in der US-amerikanischen Studie verwendet wurden, sind hierzulande weniger verbreitet, obwohl sie potenzielle Vorteile bieten könnten.

Internationale Entwicklungen und deutsche Perspektiven

In Großbritannien wird Spironolacton zunehmend durch Triptorelin (auch bekannt als Decapeptyl) ersetzt – ein injizierbarer Testosteronblocker, der typischerweise alle drei Monate verabreicht wird und als stärker wirksam gilt, mit weniger schwerwiegenden Nebenwirkungen wie Hitzewallungen und gelegentlichen Stimmungsschwankungen.

Die neuen Forschungsergebnisse könnten dazu führen, dass Östradiol-Monotherapie – also die Einnahme nur von Östradiol ohne zusätzliche Testosteronblocker – häufiger wird. Dies würde nicht nur die Behandlung vereinfachen, sondern auch potenzielle Nebenwirkungen und Kosten reduzieren.

Zugang zur Hormontherapie in Deutschland

Voraussetzung zum Therapiebeginn ist die Diagnosesicherung der Geschlechtsinkongruenz und eine klare, schriftliche Indikationsstellung durch einen erfahrenen Psychologen/Psychologin oder Psychiater/Psychiaterin. Die geschlechtsangleichende Hormontherapie wird in Deutschland von den Krankenkassen ĂĽbernommen, wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfĂĽllt sind.

Dies führt zu einer Abnahme psychischer und körperlicher Symptome und einer Zunahme der Lebensqualität der betroffenen Personen, so die medizinische Literatur zur geschlechtsangleichenden Hormontherapie.

Ausblick: Was bedeuten diese Erkenntnisse?

Die Studienergebnisse legen nahe, dass niedrigere Dosen von injizierbar em Östradiol therapeutische Spiegel erreichen können, während gleichzeitig eine exzellente Testosteronunterdrückung erzielt wird. Für viele trans Frauen könnte dies bedeuten, dass sie weniger Medikamente einnehmen müssen, weniger Nebenwirkungen erleben und dennoch ihre Therapieziele erreichen.

Allerdings sind weitere Forschungen notwendig, insbesondere im deutschen Kontext, wo andere Präparate und Verabreichungsformen standardmäßig verwendet werden. Expert*innen empfehlen, dass trans Frauen, die an ihrer aktuellen Hormontherapie interessiert sind, mit ihren behandelnden Ärzt*innen über individuelle Anpassungsmöglichkeiten sprechen sollten.

Die Forschung unterstreicht die Notwendigkeit einer individualisierten, evidenzbasierten Hormontherapie, die sowohl wirksam als auch sicher ist – ein wichtiger Schritt für die Gesundheitsversorgung von trans Menschen weltweit.


Homophobe Gewalt in Worms: Ein Mann wird zum Opfer – und Deutschland hat ein Problem

Am helllichten Tag, auf dem Marktplatz von Worms, wurde ein 31-jähriger Mann Opfer einer brutalen homophoben Attacke. Die beiden Täter beleidigten ihr Opfer erst homophob, stießen es dann zu Boden und drückten seinen Kopf auf den Asphalt. Nur das beherzte Eingreifen eines Passanten verhinderte Schlimmeres. Dieser Vorfall, über den queer.de berichtet, ist kein Einzelfall – er ist Teil einer alarmierenden Entwicklung in Deutschland.

Dramatischer Anstieg queerfeindlicher Gewalt

Die aktuellen Zahlen sind erschreckend: 2024 wurden in Deutschland 1.765 Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung sowie 1.152 Fälle aufgrund geschlechtsbezogener Diversität registriert – ein Anstieg von über 17 bzw. 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Bei den Gewalttaten, zu denen auch der Angriff in Worms zählt, wurden 212 Opfer festgestellt – ein Anstieg gegenüber 197 im Jahr 2022.

Besonders alarmierend: Laut einer Dunkelfeld-Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte zeigten 96 Prozent der LSBTIQ* Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an. Die tatsächliche Zahl der Angriffe liegt also vermutlich um ein Vielfaches höher.

Rheinland-Pfalz: Über 100 queerfeindliche Vorfälle

Auch in Rheinland-Pfalz, wo Worms liegt, ist die Situation besorgniserregend. Die Melde- und Dokumentationsstelle für menschenfeindliche Vorfälle verzeichnete für das Jahr 2024 im Phänomenbereich Queerfeindlichkeit 103 Vorfälle – dabei richteten sich 66 Vorfälle gegen die sexuelle Identität und 44 Vorfälle gegen die geschlechtliche Identität von Menschen. Die Polizei Rheinland-Pfalz hat zwar eine Ansprechstelle für LSBTI* eingerichtet, doch die Hemmschwelle für Betroffene bleibt hoch.

Der Fall in Worms: Täter weiterhin flüchtig

Der Angriff ereignete sich am Montagnachmittag gegen 15:30 Uhr auf dem Marktplatz in Worms. Die beiden etwa 40-jährigen Täter – einer mit dunklen Haaren, der andere mit einer Mütze, beide mit gebräunter Haut und dunkel gekleidet – flohen auf E-Bikes in Richtung Dom. Trotz sofortiger Fahndungsmaßnahmen konnten sie nicht gefasst werden. Das Opfer erlitt Schürfwunden am Kopf. Die Polizei bittet unter der Rufnummer (06241) 852-0 oder per E-Mail an piworms@polizei.rlp.de um Hinweise.

Politik muss endlich handeln

Der LSVD kritisiert scharf, dass das Bundesinnenministerium kein Wort zur verschärften Bedrohungslage für LSBTIQ* verloren hat. Diese Ignoranz sei brandgefährlich und relativiere die Folgen queerfeindlicher Gewalt. Queere Menschen brauchen Schutz, Sichtbarkeit und explizite politische Anerkennung ihrer Bedrohungslage.

Rheinland-Pfalz hat mit dem Landesaktionsplan „Rheinland-Pfalz unterm Regenbogen" zwar wichtige Strukturen geschaffen, doch die steigenden Fallzahlen zeigen: Es braucht mehr als Aktionspläne. Der LSVD erinnert an die Handlungsempfehlungen der Innenministerkonferenz aus dem Jahr 2023 zur Bekämpfung homophober und transfeindlicher Gewalt – Bund und Länder müssen diese Maßnahmen endlich konsequent umsetzen.

Was können wir tun?

Der Fall in Worms zeigt eindrücklich, wie wichtig Zivilcourage ist: Nur durch das Eingreifen eines mutigen Passanten konnte Schlimmeres verhindert werden. Gleichzeitig braucht es Strukturen, die Betroffene unterstützen. In Rheinland-Pfalz bietet etwa die Meldestelle für menschenfeindliche Vorfälle Dokumentation und Unterstützung, die Fachberatungsstelle „Quint*" in Mainz psychosoziale, therapeutische und rechtliche Beratung für queere Menschen mit Gewalterfahrung.

Der Vorfall in Worms ist ein Weckruf: Queerfeindliche Gewalt ist kein Problem von gestern – sie findet hier und heute statt, auf unseren Marktplätzen, in unseren Städten. Es ist Zeit, dass Politik, Gesellschaft und jede*r Einzelne von uns Position bezieht. Denn Hass hat in unserer Gesellschaft keinen Platz.


Kasachstan beschließt drakonisches Verbot von "Homo-Propaganda" – Ein dunkler Tag für Menschenrechte

Das Parlament Kasachstans hat am Mittwoch einstimmig ein Gesetz gegen sogenannte "Propaganda" für queere Lebensweisen verabschiedet – ein Schritt nach russischem Vorbild, der von Menschenrechtsorganisationen im In- und Ausland scharf kritisiert wird. Wie queer.de berichtet, markiert diese Entscheidung einen dramatischen Rückschritt für die LGBTIQ+-Community in dem zentralasiatischen Land.

Was das Gesetz bedeutet: Geldstrafen und Haft

Das Gesetz untersagt die Verbreitung von "nichttraditionellen sexuellen Werten" im öffentlichen Raum, in den Massenmedien und im Internet. Die Strafen sind empfindlich: Erst-"Täter*innen" droht eine Strafe von 121.000 Tenge (rund 200 Euro), was ungefähr einem Viertel des durchschnittlichen Monatsgehalts entspricht. Wer wiederholt "Propaganda" verbreite, kann mit bis zu zehn Tagen Haft bestraft werden.

Die Formulierung ist dabei bewusst vage gehalten – ähnlich wie im russischen Vorbild. Laut Kulturstaatssekretär Evgeny Kochetov würde bereits die öffentliche Befürwortung queerer Lebensweisen als "Propaganda" gelten. Dies erinnert fatal an die russische Gesetzgebung, die unter dem Deckmantel des "Jugendschutzes" systematisch die Rechte von LGBTIQ+-Menschen beschneidet.

Jugendschutz als Vorwand

Der kasachische Bildungsminister Gani Beisembajew rechtfertigte das Verbot als JugendschutzmaĂźnahme: Er argumentierte laut Reuters, dass "Kinder und Heranwachsende jeden Tag Online-Informationen ausgesetzt sind, die negative Auswirkungen auf ihre Ideen ĂĽber Familie, Moral und die Zukunft haben".

Doch diese Argumentation ist gefährlich irreführend. Human Rights Watch hat in einer umfassenden Studie zu Russland nachgewiesen, dass solche "Propaganda-Gesetze" Jugendlichen massiv schaden, indem sie ihnen lebenswichtige Informationen vorenthalten und ihre Isolation verstärken.

Russlands verhängnisvolles Vorbild

Russland verabschiedete 2013 ein Bundesgesetz, das jegliche positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien unter Strafe stellt. Die Folgen waren verheerend: Die Anzahl von Hassverbrechen gegen LGBTQ-Personen verdreifachte sich nach Verabschiedung des Gesetzes im Vergleich zur Zeit davor.

Sowohl die quantitative als auch die qualitative Steigerung bei Straftaten gegen LGBTQ-Personen in Russland lassen sich auf das Gesetz gegen "Propaganda für Homosexualität" zurückführen, wie Forschungen der Universität Dublin belegen. 2022 verschärfte Russland das Gesetz noch weiter und im November 2023 erklärte ein Gericht die "internationale LGBT-Bewegung" sogar für extremistisch.

Kasachstan: Ein Land zwischen Tradition und UnterdrĂĽckung

Kasachstan ist ein zwischen Europa und Asien liegender Binnenstaat, der acht Mal so groß ist wie Deutschland, in dem aber nur 20,6 Millionen Menschen wohnen. Das Land bezeichnet sich selbst zwar als Demokratie, das politische System ist allerdings sehr autoritär geprägt, da der Präsident sehr mächtig ist und es starke Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit gibt.

Homosexualität ist in der Republik Kasachstan nach ihrer Unabhängigkeit vom Verfolgerstaat Sowjetunion im Jahr 1998 zwar legalisiert worden. Allerdings existieren weder Gleichbehandlungsgesetze noch werden gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkannt. Hohe Regierungsvertreter und Minister erklärten in den letzten Jahren mehrfach, dass schwule Männer eine "gestörte sexuelle Begierde" hätten, krank seien oder schlicht Kriminelle wären.

Eine queerfeindliche Gesellschaft

Die Bevölkerung, die zu zwei Dritteln aus sunnitischen Muslim*innen und zu einem Fünftel aus orthodoxen Christ*innen besteht, gilt als äußerst queerfeindlich. Laut einer Umfrage des Pew Research Center aus dem Jahr 2020 stimmten nur rund 10 Prozent der Kasach*innen der Aussage zu, dass "Homosexualität gesellschaftlich akzeptabel" sei. Eine Umfrage der Open Society Foundations kam zu dem Ergebnis, dass 90,5 Prozent der Bevölkerung homosexuelle Beziehungen als "völlig inakzeptabel" ablehnten.

In der Praxis sind LGBTQ+-Personen in Kasachstan nicht nur mit rechtlichen Einschränkungen konfrontiert, sondern auch mit Fällen von Gewalt und Diskriminierung durch Strafverfolgungs- und andere Sicherheitsbehörden. Menschenrechtsverbände dokumentieren seit Jahren ein Klima der Angst innerhalb der Community, vor allem schwule Männer seien von Diskriminierung und gewalttätigen Übergriffen betroffen.

Warnungen von Menschenrechtsorganisationen ignoriert

Vor der Abstimmung hatten Menschenrechtsorganisationen dringend an das Parlament appelliert, den Gesetzentwurf abzulehnen. Die in New York ansässige Organisation Human Rights Watch verwies dabei darauf, dass die kasachische Verfassung Diskriminierung verbietet und das Recht auf freie Meinungsäußerung garantiert. Sieben internationale Menschenrechtsorganisationen, darunter Human Rights Watch und Amnesty International, erklärten, das Gesetz "verletzt eklatant Kasachstans internationale Menschenrechtsverpflichtungen, einschließlich der Kinderrechte auf Bildung, Gesundheit und Information".

Marie Struthers, Direktorin fĂĽr Osteuropa und Zentralasien bei Amnesty International, stellte klar: Das Verbot gehe nicht um Kinderschutz, sondern darum, "Stigmatisierung, Angst und Zensur zu institutionalisieren".

Eine Geschichte gescheiterter Verbote

In Kasachstan gab es bereits mehrere Versuche, LGBTI-"Propaganda" zu verbieten. 2015 hatte das Parlament bereits ein derartiges Gesetz beschlossen, es wurde jedoch später vom Verfassungsrat, einem inzwischen abgeschafften Gremium, untersagt. Mittlerweile gibt es nach einer Verfassungsreform ein Verfassungsgericht, das allerdings nicht unabhängig ist und als regierungstreu gilt – eine düstere Aussicht für die rechtliche Überprüfung des aktuellen Gesetzes.

Der Kontrast zu Deutschland

Während Kasachstan queere Menschen systematisch ausgrenzt, hat sich die Situation in Deutschland grundlegend anders entwickelt. Gleichgeschlechtliche Paare können seit Oktober 2017 heiraten und sind heterosexuellen Ehepaaren rechtlich gleichgestellt. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz garantiert gleiche Rechte für alle Bürgerinnen und Bürger unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer sexuellen Orientierung und verbietet die Diskriminierung von LGBTIQ+-Personen.

Deutschland hat sich im aktuellen Regenbogen-Ranking von ILGA Europe deutlich verbessert und gehört nun zu den Top 10 in Europa. Innerhalb der Europäischen Union liegt Deutschland auf Platz 8. Aktuelle Umfragen zeigen, dass 78 Prozent der Deutschen für den Schutz von LGBTIQ+-Menschen vor Diskriminierung am Arbeitsplatz oder bei der Wohnungssuche sind, und 75 Prozent sprechen sich für den Schutz von transgeschlechtlichen Menschen aus.

Doch auch in Deutschland gibt es besorgniserregende Entwicklungen: Straftaten gegen queere Menschen sind 2022 auf insgesamt 1.422 gestiegen, wobei von einer besonders hohen Dunkelziffer ausgegangen wird. Dies zeigt, dass rechtliche Fortschritte allein nicht ausreichen – gesellschaftliche Akzeptanz muss kontinuierlich gestärkt werden.

Ein globales Muster der Repression

Das kasachische Gesetz reiht sich ein in eine besorgniserregende internationale Entwicklung. Ähnliche Gesetze existieren bereits in Russland und Ungarn und verbieten die Verbreitung von Informationen, die sogenannte Familienwerte verleugnen oder "nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen" fördern. Auch in Georgien wurde im September 2024 ein solches Gesetz verabschiedet, und in der Türkei wird die Rhetorik zunehmend LGBTIQ+-feindlicher.

In 64 Ländern weltweit sind gleichgeschlechtliche Beziehungen nach wie vor strafbar. In einigen Ländern droht LGBTI+ sogar die Todesstrafe, darunter Brunei, Iran, Saudi-Arabien, Jemen, Uganda oder die Nordstaaten Nigerias. Homosexualität ist noch in mindestens 67 Ländern strafbar, in sieben droht für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen sogar die Todesstrafe.

Was jetzt passiert

Das Gesetz muss nun im Senat beraten werden, auch dort wird eine große Mehrheit erwartet. Danach wird es dem Präsidenten Qassym-Schomart Toqajew zur Unterschrift vorgelegt. Seine nationalistisch-autoritäre Regierung betonte in den letzten Jahren "traditionelle Werte" und "moralische Stabilität" – ein Code für eine ablehnende Haltung gegenüber queeren Menschen.

Die lokale Organisation Queer.KZ hat bereits angekündigt, den Kampf fortzusetzen und den Senat sowie den Präsidenten aufzufordern, das Gesetz abzulehnen. Doch die Aussichten sind düster: Das Gesetz wurde verabschiedet, während Kasachstans Präsident Tokajew am Mittwoch mit dem russischen Präsidenten Vladimir Putin in Moskau zusammentraf – ein symbolträchtiges Timing, das die politische Ausrichtung des Landes unterstreicht.

Ein Weckruf fĂĽr Europa

Die Entwicklungen in Kasachstan sind nicht nur eine regionale Tragödie, sondern ein Warnsignal für ganz Europa. Die "globale Zunahme queerfeindlicher, antifeministischer und rechtspopulistischer Bewegungen" ist "sehr besorgniserregend". Dieses Wachstum der international vernetzten Anti-Gender-Bewegung sei nicht zufällig, sondern werde seit Jahren strategisch koordiniert und finanziert.

Weltweit werden Anti-Gender-Bewegungen immer aktiver und versuchen, Fortschritte der Gleichstellung gezielt rückgängig zu machen. Die Bewegungen fokussieren sich dabei unter anderem auf die Einschränkung von Rechten sowie die Ausübung von Gewalt gegen LSBTIQ+. Dies macht deutlich: Menschenrechte sind keine Selbstverständlichkeit, sie müssen aktiv verteidigt werden.

Für die queeren Menschen in Kasachstan bedeutet dieses Gesetz einen dramatischen Rückschritt in ein Leben voller Angst, Diskriminierung und Unsichtbarkeit. Es liegt an der internationalen Gemeinschaft, lautstark zu protestieren und deutlich zu machen: Menschenrechte sind unteilbar – überall auf der Welt.


Studie zeigt: Östrogen-Monotherapie könnte die HRT für trans Frauen revolutionieren

Eine bahnbrechende neue Studie könnte die Art und Weise verändern, wie Hormonersatztherapie (HRT) für trans Frauen verschrieben wird. Alle Studienteilnehmer*innen erreichten einen Testosteronspiegel von weniger als 50 ng/dL während der Studiendauer, obwohl die wöchentliche Östradiol-Dosis sogar gesenkt wurde – ein Ergebnis, das weitreichende Konsequenzen für die trans Gesundheitsversorgung haben könnte.

Die ĂĽberraschenden Forschungsergebnisse

Die durchschnittliche Östradiol-Dosis sank von 4,3 auf 3,7 mg wöchentlich, während gleichzeitig ein finaler Östradiol-Spiegel von 248 pg/mL im Blut erreicht wurde. Die im Journal of the Endocrine Society veröffentlichte Untersuchung analysierte Daten von 29 Patient*innen, die von traditionellen Formen der Östradiol-Behandlung wie Gels oder Tabletten auf wöchentliche Injektionen umstellten und über 15 Monate beobachtet wurden.

Besonders bemerkenswert: Spironolacton war nicht mit einer niedrigeren anfänglichen Testosteronspiegel unter Behandlung assoziiert, obwohl es mit einem niedrigeren Östradiol-Spiegel von 285 pg/dL im Vergleich zu 427 pg/dL bei Östradiol-Monotherapie verbunden war.

Spironolacton: Keine zusätzliche Testosteron-Unterdrückung nachgewiesen

Die Ergebnisse werfen Fragen über den Einsatz von Spironolacton auf – das am häufigsten verschriebene Antiandrogen, das die Testosteronproduktion blockieren soll. Spironolacton war nicht mit zusätzlicher Testosteronunterdrückung verbunden und könnte zu niedrigeren Östradiol-Spiegeln führen, so das Fazit der Forscher*innen.

Eine größere Multi-Center-Studie mit 357 Teilnehmer*innen bestätigte diese Befunde: Injizier bares Östradiol war auch als Monotherapie effektiv bei der Testosteronunterdrückung bei 82,6 % der Patient*innen und vergleichbar mit einer Kombinationstherapie mit Antiandrogen(en) oder Progestogen.

Nebenwirkungen von Spironolacton

Neben den möglicherweise reduzierten Östradiol-Spiegeln ist Spironolacton auch mit verschiedenen Nebenwirkungen verbunden. Häufig berichten Patient*innen von Müdigkeit, Schwindel und erhöhtem Harndrang. Mediziner*innen warnen zudem vor seltenen, aber ernsthaften Nebenwirkungen wie Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel im Blut), Elektrolytstörungen sowie Nieren- und Leberproblemen.

Was bedeutet das fĂĽr trans Frauen in Deutschland?

In Deutschland erfolgt die Behandlung Mann-zu-Frau mit 17β-Estradiol oder 17β-Estradiolvalerat oral oder transdermal. Da auch die Absenkung der Androgene eine wichtige Voraussetzung für die erwünschte Feminisierung des Körpers darstellt, erfolgt ergänzend eine antiandrogene Medikation. Standard ist dabei die Gabe von Cyproteronacetat, während Spironolacton eine mögliche Alternative darstellt.

Das Hormon Estradiol ist in Deutschland in den Verabreichungsformen Gel, Spray oder Pflaster, bei denen der Wirkstoff über die Haut aufgenommen wird, und in Tablettenform erhältlich. Injizierbare Formen von Östradiol, wie sie in der US-amerikanischen Studie verwendet wurden, sind hierzulande weniger verbreitet, obwohl sie potenzielle Vorteile bieten könnten.

Internationale Entwicklungen und deutsche Perspektiven

In Großbritannien wird Spironolacton zunehmend durch Triptorelin (auch bekannt als Decapeptyl) ersetzt – ein injizierbarer Testosteronblocker, der typischerweise alle drei Monate verabreicht wird und als stärker wirksam gilt, mit weniger schwerwiegenden Nebenwirkungen wie Hitzewallungen und gelegentlichen Stimmungsschwankungen.

Die neuen Forschungsergebnisse könnten dazu führen, dass Östradiol-Monotherapie – also die Einnahme nur von Östradiol ohne zusätzliche Testosteronblocker – häufiger wird. Dies würde nicht nur die Behandlung vereinfachen, sondern auch potenzielle Nebenwirkungen und Kosten reduzieren.

Zugang zur Hormontherapie in Deutschland

Voraussetzung zum Therapiebeginn ist die Diagnosesicherung der Geschlechtsinkongruenz und eine klare, schriftliche Indikationsstellung durch einen erfahrenen Psychologen/Psychologin oder Psychiater/Psychiaterin. Die geschlechtsangleichende Hormontherapie wird in Deutschland von den Krankenkassen ĂĽbernommen, wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfĂĽllt sind.

Dies führt zu einer Abnahme psychischer und körperlicher Symptome und einer Zunahme der Lebensqualität der betroffenen Personen, so die medizinische Literatur zur geschlechtsangleichenden Hormontherapie.

Ausblick: Was bedeuten diese Erkenntnisse?

Die Studienergebnisse legen nahe, dass niedrigere Dosen von injizierbar em Östradiol therapeutische Spiegel erreichen können, während gleichzeitig eine exzellente Testosteronunterdrückung erzielt wird. Für viele trans Frauen könnte dies bedeuten, dass sie weniger Medikamente einnehmen müssen, weniger Nebenwirkungen erleben und dennoch ihre Therapieziele erreichen.

Allerdings sind weitere Forschungen notwendig, insbesondere im deutschen Kontext, wo andere Präparate und Verabreichungsformen standardmäßig verwendet werden. Expert*innen empfehlen, dass trans Frauen, die an ihrer aktuellen Hormontherapie interessiert sind, mit ihren behandelnden Ärzt*innen über individuelle Anpassungsmöglichkeiten sprechen sollten.

Die Forschung unterstreicht die Notwendigkeit einer individualisierten, evidenzbasierten Hormontherapie, die sowohl wirksam als auch sicher ist – ein wichtiger Schritt für die Gesundheitsversorgung von trans Menschen weltweit.


Digitaler Kahlschlag: China löscht schwule Dating-Apps – und Apple macht mit

Es ist ein beunruhigendes Signal aus Peking, das queere Communities weltweit aufhorchen lässt: Apple hat bestätigt, dass es die beliebten schwulen Dating-Apps Blued und Finka auf Anordnung der chinesischen Cyberspace Administration aus seinem chinesischen iOS Store entfernt hat. Wie queer.de berichtet, verschwanden die Vollversionen der Apps am vergangenen Wochenende ohne Vorwarnung aus den App-Stores – ein weiterer Schritt in der systematischen Einschränkung queerer Räume in der Volksrepublik.

Millionen Nutzer verlieren ihre digitale Heimat

Die Dimensionen dieses digitalen Kahlschlags sind enorm: Blued hatte 2020 etwa 54 Millionen registrierte Nutzer weltweit, Finka 2,7 Millionen. Für viele schwule Männer in China waren diese Plattformen nicht nur Dating-Apps, sondern oft die einzige Möglichkeit, überhaupt Kontakte zu knüpfen. Ein 30-jähriger Nutzer namens Zhao erklärte gegenüber CNN, dass die Apps es Freunden ermöglichten, sich zu treffen, besonders in weniger kosmopolitischen Teilen des Landes, wo Treffpunkte für schwule Menschen fast nicht existieren: „Der Online-Raum wird nun auch eingeschränkt, ich fühle, dass der Raum der Community immer kleiner wird".

Bereits 2022 wurde Grindr, die beliebte US-amerikanische schwule Dating-App, aus dem chinesischen iOS Store entfernt. Mit der Löschung von Blued und Finka sind nun auch die letzten großen lokalen Alternativen verschwunden – ein weiteres Zeichen für die zunehmende Unterdrückung und Zensur der LGBTQ-Community in China.

Apple zwischen Profit und Prinzipien – ein Déjà-vu

Apples Reaktion fällt erwartbar aus: „Wir befolgen die Gesetze in den Ländern, in denen wir tätig sind", erklärte ein Unternehmenssprecher und fügte hinzu: „Basierend auf einer Anordnung der Cyberspace Administration of China haben wir diese zwei Apps nur aus dem China-Store entfernt". Die Begründung ist nicht neu – und zeigt ein grundsätzliches Dilemma westlicher Tech-Konzerne.

Für deutsche LGBTQ+-Menschen, die stolz darauf sind, dass Unternehmen wie Apple hierzulande als besonders LGBTQ+-freundlich gelten und regelmäßig bei Pride-Events auftreten, ist diese Doppelmoral besonders bitter. Wie ein Analyst von The Asia Group formulierte: „Unter allen ausländischen Tech-Unternehmen, die chinesischen Nutzern Dienste anbieten, ist Apple wahrscheinlich dasjenige, das am bereitwilligsten chinesische Internetregulierungen befolgt" – der chinesische Markt, einschließlich iPhone-Verkäufen, sei „zu wichtig" für das Unternehmen.

Xi Jinpings Kreuzzug gegen „westliche Werte"

Die App-Löschungen sind Teil einer umfassenderen Strategie: Unter Generalsekretär Xi Jinping wurden LGBTQ-Veranstaltungsorte und Events zur Schließung gezwungen, LGBTQ-Rechtsaktivisten stehen unter verstärkter Überwachung durch das staatliche Massenüberwachungssystem, und die Kommunistische Partei betrachtet LGBTQ-Aktivismus zunehmend als Produkt „ausländischer Kräfte".

In den letzten Jahren hat die Regierung auch queere Organisationen wie das Pekinger LGBTQ-Zentrum verboten. Seit den späten 2010er Jahren vermeiden die Behörden die Darstellung homosexueller Beziehungen im öffentlichen Fernsehen sowie die Darstellung femininer Männer im Allgemeinen. Die Botschaft ist klar: Alles, was als „westlich" oder „liberal" wahrgenommen wird, wird mit Misstrauen betrachtet und unterdrückt.

Was bedeutet das fĂĽr Deutschland?

Während in Deutschland Unternehmen im Pride Index für ihre LGBTQ+-Freundlichkeit ausgezeichnet werden und der Bundestag über die weltweite Lage queerer Menschen debattiert, profitieren dieselben Konzerne von Geschäften in Ländern, die LGBTQ+-Rechte systematisch unterdrücken. Diese Doppelmoral sollte die deutsche queere Community alarmieren – und zum Nachdenken anregen, ob Regenbogen-Logos im Juni mehr sind als bloßes „Rainbow-Washing".

Wie Experten im deutschen Bundestag warnten: Die Menschenrechte von queeren Menschen stehen weltweit vermehrt unter Druck, und es braucht ein stärkeres LGBTQ-Engagement in der Außen- und Entwicklungspolitik. Gerade deutsche Technologie-Nutzer sollten sich fragen: Wollen wir Unternehmen unterstützen, die in autoritären Staaten bereitwillig Zensur betreiben, während sie sich bei uns mit Diversity-Kampagnen schmücken?

Ein schrumpfender Raum

Die Realität in China ist düster: Obwohl China Homosexualität 1997 entkriminalisierte, bleibt die gleichgeschlechtliche Ehe verboten. Eine UNDP-Umfrage von 2016 ergab, dass weniger als fünf Prozent der LGBT-Menschen in China vollständig geoutet sind in Schule, Arbeit oder ihrer religiösen Gemeinschaft, während etwa 15 Prozent gegenüber ihren Familien geoutet sind.

Für queere Menschen in China wird der Raum – online wie offline – immer enger. Während wir in Deutschland über Sichtbarkeit und Akzeptanz diskutieren, kämpfen unsere Geschwister in China ums digitale Überleben. Ihre Geschichte sollte uns daran erinnern, dass Freiheit niemals selbstverständlich ist – und dass echter Einsatz für LGBTQ+-Rechte nicht an Ländergrenzen endet.


Wenn Selbstbestimmung unter Betrugsverdacht gerät: Der Fall der Düsseldorfer Polizeibeamtin

Ein Fall aus Düsseldorf sorgt derzeit für heftige Debatten: Eine Polizeikommissarin steht unter Verdacht, ihr Geschlecht nur geändert zu haben, um sich Vorteile bei der Beförderung zu verschaffen. Die Änderung ihres Geschlechtseintrags ließ sie in der Beförderungsrangliste um 43 Plätze nach oben rutschen, wie die ursprüngliche Meldung von queer.de berichtet. Das seit dem 1. November gültige Selbstbestimmungsgesetz ermöglicht es trans-, intergeschlechtlichen und nichtbinären Personen, ihren Geschlechtseintrag und ihre Vornamen vor dem Standesamt zu ändern – ein historischer Schritt für die Rechte von LGBTIQ+ Menschen in Deutschland. Doch dieser Fall wirft die Frage auf: Was passiert, wenn ein emanzipatorisches Gesetz unter Generalverdacht gerät?

Die VorwĂĽrfe und ihre HintergrĂĽnde

Das Düsseldorfer Polizeipräsidium hat gegen die Beamtin Anzeige wegen versuchten Betruges erstattet und ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Die Behörde begründet dies damit, dass die Beamtin "mehrfach an unterschiedlichen Stellen im Kollegenkreis aktiv, explizit und plakativ zum Ausdruck gebracht" habe, den Geschlechtseintrag nur ändern zu lassen, um von der behördlichen Frauenförderung zu profitieren. Bei gleicher Qualifikation zwischen einem Beamten und einer Beamtin wird der Frau der Vorzug gegeben, um der bestehenden Unterrepräsentation von Frauen entgegenzuwirken. Der Unterschied zwischen den Besoldungsgruppen A9 und A10 beträgt monatlich zwischen 247 und 472 Euro – ein durchaus relevanter finanzieller Aspekt.

Die rechtlichen Vertreter der Beamtin widersprechen diesen Vorwürfen vehement. Ihr Anwalt Christoph Arnold betont, seine Mandantin identifiziere sich "schon seit Jahren als Frau" und habe den Schritt nach "reiflicher Überlegung" vollzogen. Die Äußerungen gegenüber Kollegen seien "missverstandene Ironie" gewesen – ein "Gag", um nicht ständig ihr Innerstes offenbaren zu müssen. Er wirft der Polizeipräsidentin eine "queerfeindliche Haltung" vor, was diese als "absurd" zurückweist.

Das Selbstbestimmungsgesetz: Ein Meilenstein fĂĽr trans* Rechte

Mit dem Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag werden die Rechte für trans-, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen maßgeblich gestärkt. Das neue Gesetz löst das Transsexuellengesetz aus dem Jahr 1980 ab, das vom Bundesverfassungsgericht in mehreren Entscheidungen in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt wurde. Ein Begutachtungs- und Gerichtsverfahren ist somit für die Änderung nicht mehr erforderlich.

Das alte System war erniedrigend: Menschen mussten sich vor Gutachtern rechtfertigen, intime Fragen über sich ergehen lassen und teure, langwierige Gerichtsverfahren durchstehen. Trans*, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen werden bei der Änderung ihres Vornamens und Geschlechtseintrags endlich nicht mehr fremdbegutachtet und als krank betrachtet. Mit dem Selbstbestimmungsgesetz folgt Deutschland damit 16 weiteren Staaten, die bereits vergleichbare Regelungen vorsehen.

MissbrauchsvorwĂĽrfe: Eine alte Debatte in neuem Gewand

Die Vorwürfe im Düsseldorfer Fall sind nicht neu – sie waren Teil der gesamten Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz. Im Vorfeld gab es durchaus Befürchtungen um einen möglichen Missbrauch des Gesetzes. Doch Trans-Aktivist:innen versicherten, dass damit nicht zu rechnen sei; das hätten Erfahrungen aus anderen europäischen Staaten wie Belgien, Dänemark und Portugal gezeigt. Die Realität ist komplexer: Im Selbstbestimmungsgesetz sind zahlreiche Sicherungen eingebaut. Der Antrag muss drei Monate vorab gestellt werden. Nach einer Änderung ist ein neuer Antrag frühestens nach einem Jahr möglich.

Die Befürchtung, Menschenrechte könnten missbraucht werden, rechtfertigt nicht ihre Beschränkung, betont das Deutsche Institut für Menschenrechte. Durch die Betonung eines mutmaßlichen Missbrauchspotentials des Selbstbestimmungsgesetzes besteht die Gefahr, dass ausgerechnet trans Frauen unter Verdacht geraten, keine echten Anliegen zu haben. Dies entbehrt jeglicher Faktenlage.

Trans* Diskriminierung: Die alltägliche Realität

Während über theoretische Missbrauchsfälle diskutiert wird, ist die Diskriminierung von trans* Personen bittere Realität. 65 Prozent der trans* Frauen, 64 Prozent der trans* Männer und 55 Prozent der nicht-binären Personen wurden in mindestens einem von mehr als acht Lebensbereichen in den letzten 12 Monaten diskriminiert, weil sie LSBTIQ* sind, zeigt eine EU-Grundrechteagentur-Studie von 2024.

Besonders erschreckend: Lediglich 8 Prozent der trans* Frauen, 10 Prozent der trans* Männer und 10 Prozent der nicht-binären Personen haben den letzten physischen Angriff oder sexualisierte Gewalterfahrung bei der Polizei angezeigt. 44 Prozent der trans* Frauen, 39 Prozent der trans* Männer und 40 Prozent der nicht-binären Personen stellten keine Anzeige aus Angst vor einer queerfeindlichen Reaktion der Polizei. Diese Zahlen zeigen das tiefe Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen – ein Misstrauen, das durch Fälle wie den in Düsseldorf nur verstärkt wird.

Der Kontext in Deutschland: Frauenförderung im Beamtenwesen

Um den Düsseldorfer Fall einzuordnen, lohnt ein Blick auf die Frauenförderung im deutschen Beamtenwesen. Die Auswahlkriterien finden sich im Grundgesetz und in allen Beamtengesetzen: "Eignung, Befähigung und fachliche Leistung". Die Bindung an Leistungsgesichtspunkte soll verhindern, dass Parteizugehörigkeit, familiäre Beziehungen oder andere sachfremde Umstände Geschlecht, Rasse, religiöse Anschauung) Einfluss gewinnen. Gleichzeitig gilt neben dem Leistungsprinzip auch die Chancengleichheit als wichtiges Ziel. Stichworte sind Frauenförderung, § 9 Satz 2 BBG, Bundesgleichstellungsgesetz.

In Nordrhein-Westfalen sorgte bereits eine Frauenförderungsregelung für rechtliche Kontroversen. Bisher waren Frauen "bei im Wesentlichen gleicher Eignung" bevorzugt zu befördern. Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen hatte 2016 in sechs Musterverfahren erklärt, dass Beförderungsentscheidungen nicht auf die Neufassung gestützt werden konnten. Die Regelung verstoße gegen den verfassungsrechtlichen Grundsatz der Bestenauslese. Auch im aktuellen Fall stellt sich die Frage: Wo endet legitime Chancengleichheit, wo beginnt unzulässige Bevorzugung?

Ein Fall mit weitreichenden Folgen?

Der Düsseldorfer Fall ist mehr als eine juristische Auseinandersetzung – er ist ein Brennglas gesellschaftlicher Debatten. Die Beamtin hat beim Verwaltungsgericht Düsseldorf Klage eingereicht. Die Entscheidung wird weitreichende Folgen haben, nicht nur für die Betroffene, sondern für alle trans* Personen in Deutschland.

Denn eines darf nicht passieren: Dass ein einzelner Fall dazu fĂĽhrt, dass trans* Menschen unter Generalverdacht gestellt werden. Queerfeindliche Gewalt muss als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden. Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend. Zudem mĂĽssen wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an, mahnt Bundesinnenministerin Nancy Faeser in einem aktuellen Lagebericht.

Das Selbstbestimmungsgesetz ist ein Meilenstein für die Rechte von LGBTIQ+ Menschen – ein Gesetz, das Würde zurückgibt und Diskriminierung abbaut. Ob die Vorwürfe gegen die Düsseldorfer Beamtin berechtigt sind, müssen nun die Gerichte klären. Aber unabhängig vom Ausgang dieses Falles gilt: Die Selbstbestimmung von trans*, inter* und nicht-binären Menschen ist ein Menschenrecht – kein Privileg, das unter Vorbehalt steht.


IOC plant vollständigen Ausschluss von trans Frauen bei Olympischen Spielen

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) steht offenbar kurz davor, trans Frauen grundsätzlich von der Teilnahme an Frauenwettbewerben auszuschließen. Laut Berichten soll die Änderung, die voraussichtlich im kommenden Jahr offiziell bekannt gegeben wird, nach einer wissenschaftlichen Überprüfung der körperlichen Vorteile von Personen erfolgen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, wie queer.de berichtet.

Coventry verspricht "Schutz" der Frauenkategorie

Die im Juni neu gewählte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry aus Simbabwe hat deutlich gemacht, dass sie ihr Wahlversprechen umsetzen will, die Frauenkategorie zu schützen. Während ihres Wahlkampfs sprach sie sich lautstark für ein pauschales Verbot von trans Frauen aus, die in weiblichen Kategorien bei den Olympischen Spielen antreten. Die Spekulationen über eine neue IOC-Politik verstärkten sich, nachdem berichtet wurde, dass Dr. Jane Thornton, die Direktorin für Gesundheit, Medizin und Wissenschaft des IOC, den Mitgliedern letzte Woche eine wissenschaftlich fundierte Überprüfung der Beweise vorgelegt hatte.

Die ehemalige Weltmeisterin im Rudern, Dr. Thornton, erklärte, dass wissenschaftliche Erkenntnisse darauf hindeuten, dass jede Person, die eine männliche Pubertät durchlaufen hat, dauerhafte körperliche Vorteile gegenüber Frauen behält, die durch eine Hormonbehandlung nicht vollständig ausgeglichen werden können. Ein IOC-Sprecher bestätigte zwar, dass Thornton letzte Woche vor den Mitgliedern gesprochen habe, betonte jedoch, dass die Arbeitsgruppe das Thema noch diskutiere und noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen worden seien. Zwei hochrangige IOC-Quellen erklärten jedoch anonym, dass das Verbot für trans Athletinnen und Athletinnen mit DSD fast sicher verhängt werde.

Wissenschaftliche Debatte bleibt kontrovers

Die wissenschaftliche Diskussion über mögliche Leistungsvorteile von trans Athletinnen ist komplex und keineswegs abgeschlossen. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zur Kraft, Leistung und aeroben Kapazität von trans Athletinnen ergab, dass trans Frauen bei Tests zur Kraft des Unterkörpers, Sprunghöhe und Lungenfunktion schlechter abschnitten als andere Frauen und nur bei der Griffkraft besser waren. Es gibt keine einzige richtige Antwort aus der Wissenschaft in diesem Stadium, da die wissenschaftlichen Beweise spezifisch für jede Sportart sein müssen und wie dort der Wettbewerbsvorteil zu messen ist. Und dafür gibt es einen sehr einfachen Grund: Gute Leistung bedeutet in verschiedenen Sportarten sehr unterschiedliche Dinge.

Das IOC hatte 2021 ein Framework zu Fairness und Inklusion veröffentlicht, das einen anderen Ansatz verfolgte. Das neue Framework wurde hauptsächlich aus einer bestimmten Menschenrechtsperspektive entworfen, mit wenig Berücksichtigung medizinischer/wissenschaftlicher Fragen, und ersetzte den IOC-Konsens von 2015 zu Geschlechtsangleichung und Hyperandrogenismus. Die Position des IOC, dass es "keine Vermutung eines Leistungsvorteils" geben sollte, steht in krassem Gegensatz zum Ergebnis des IOC-Konsenses von 2015, den wissenschaftlichen Erkenntnissen und der nachfolgenden Bewertung zahlreicher sportmedizinischer Verbände, kritisierten damals Sportmediziner.

Politischer Druck aus den USA

Ein wesentlicher Faktor für die geplante Verschärfung dürfte der massive politische Druck aus den USA sein, wo 2028 die Olympischen Spiele in Los Angeles stattfinden werden. US-Präsident Donald Trump unterzeichnete Anfang des Jahres eine Exekutivverordnung, die trans Frauen vom Frauensport ausschließt und das Außenministerium anweist, die Visa ausländischer Athleten zu überprüfen, um sicherzustellen, dass ihnen bei der Geburt nicht das männliche Geschlecht zugewiesen wurde. Das Außenministerium hat seitdem erklärt, dass es permanente Visasperren für trans Personen verhängen wird – nicht nur Athletinnen –, deren Geschlechtsangabe in ihrem Antrag nicht mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.

Trump unterzeichnete im Februar eine Exekutivverordnung, die trans Athletinnen vom Wettkampf in Mädchen- und Frauensportarten ausschließt und dabei ein zentrales Wahlkampfversprechen erfüllte, das jedoch auch die Rolle der Nation als Gastgeber der nächsten Sommerspiele komplizieren könnte. LGBTQ+-Organisationen vermuten daher, dass das IOC-Verbot eher politisch motiviert als wissenschaftlich belegt ist.

Deutschland geht einen anderen Weg

Während das IOC schärfere Regeln erwägt, zeigt Deutschland im Breitensport einen inklusiveren Ansatz. Der Deutsche Fußballverband (DFB) hat sich gegen den Trend plötzlicher Verbote gewandt, indem er trans Athletinnen ermöglicht, in allen Fußballligen anzutreten. Trans Spieler*innen können nun zu einem selbstbestimmten Zeitpunkt wechseln oder zunächst in der Mannschaft bleiben, in der sie zuvor gespielt haben. Solange die sportliche Aktivität die Gesundheit der Person während der Medikamenteneinnahme nicht beeinträchtigt, kann die Person am Spiel teilnehmen, weshalb die neue Regelung die Doping-Relevanz ausschließt.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass dies die Integrität des Wettbewerbs nicht gefährdet. Schließlich haben alle Menschen unterschiedliche körperliche Stärken und Fähigkeiten, die nur zusammen in einem Team zum Erfolg führen, unabhängig vom Geschlecht, erklärte der DFB. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) betonte, dass hier eine von Sportart zu Sportart sehr differenzierte Betrachtungsweise notwendig sei. Der DOSB denkt seit geraumer Zeit unter Einbeziehung der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität sowie des Bundesverbandes Intersexuelle Menschen über Möglichkeiten nach, faire Lösungen zu finden.

Bereits bei Olympia 2024 faktisches Verbot

Schon bei den letzten Olympischen Spielen in Paris herrschte ein weitgehendes Teilnahmeverbot für trans Frauen. Viele Sportarten verlangten, dass trans Frauen nur dann im Frauensport antreten dürfen, wenn sie ihre Geschlechtsanpassung vor ihrem zwölften Lebensjahr vollzogen haben – ein Eingriff, der in vielen Ländern in diesem Alter verboten ist. World Aquatics und World Athletics haben beide trans Frauen in den letzten Jahren von Frauenwettbewerben ausgeschlossen und dabei Fairness- und Sicherheitsbedenken angeführt.

Bislang hat nur eine offen trans Frau an den Olympischen Spielen teilgenommen: die neuseeländische Gewichtheberin Laurel Hubbard bei Tokio 2020. Hubbard, die zuvor in Männerwettbewerben angetreten war, schaffte während der Spiele keinen erfolgreichen Versuch. Es bleibt unklar, ob das Verbot vor den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand und Cortina d'Ampezzo in Kraft treten wird. Das IOC könnte die Politik während seiner 145. Sitzung in Mailand vorstellen, nur wenige Tage bevor die Spiele beginnen.

Menschenrechtsgruppen warnen vor Diskriminierung

Menschenrechtsgruppen haben "extreme" Besorgnis über ein totales Verbot von trans und intersexuellen Athletinnen auf Elite-Niveau geäußert. Kimberly Frost, Co-Sekretärin der LGBTQ+-Föderation ILGA World, sagte: "Wir stimmen zu, dass der Schutz weiblicher Athletinnen wichtig ist, und dies sollte durch die Schaffung ernsthafter Richtlinien zur Bekämpfung von Missbrauch sowie ungleicher Bezahlung und beruflicher Chancen geschehen, anstatt Menschen aus Vorurteilen auszuschließen".

Obwohl noch keine Entscheidungen getroffen wurden, hat die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry den Wunsch geäußert, die Legitimität des Frauensports zu "schützen". Trans Athletinnen sind auch auf Elite-Niveau erheblich unterrepräsentiert. Während bestehende Studien darauf hindeuten, dass zwischen 0,1-1,1% der Weltbevölkerung transgender ist, identifizieren sich weniger als 0,001% der jüngsten Olympioniken offen als trans und/oder nicht-binär. Die geplante IOC-Entscheidung würde diese ohnehin marginalisierte Gruppe vollständig aus dem internationalen Spitzensport ausschließen – ein Schritt, den Aktivist*innen als menschenrechtlich höchst bedenklich kritisieren.


Politischer Angriff auf queere Seelsorge: AfD fordert RĂĽcktritt von Pfarrerin Lena MĂĽller

Die AfD-Bundestagsfraktion hat die Absetzung der Berliner Pfarrerin Lena Müller gefordert, nachdem diese vier Männer in einer polyamoren Beziehung im Rahmen einer Segensfeier begleitete. Die Berliner Pfarrerin Lena Müller hatte im Juni bei einem Pop-up-Hochzeitsfestival eine Polyhochzeit mit vier Männern durchgeführt. Der Vorgang zeigt exemplarisch, wie die rechtsextreme Partei queere Menschen und progressive Geistliche ins Visier nimmt – und wie die evangelische Kirche dagegen Position bezieht.

„Queerextremisten" und „Kindeswohlgefährdung": Die Rhetorik der AfD

In einer Pressemitteilung bezeichnete der familienpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Martin Reichardt, die Segnung als Grund für „Kindeswohlgefährdung" und forderte Müllers Entlassung aus ihrem Amt als Landespfarrerin für Kinder, Jugendliche und Konfirmanden. Reichardt sprach von „Regenbogenpropaganda" und nannte die Pfarrerin eine „hochideologisierte Frau, die ihr geistliches Amt für woke Propaganda missbraucht". Die Kinder- und Jugendarbeit dürfe nicht „Spielwiese für in Talar gehüllte Queer- und Linksextremisten" sein, so Reichardt weiter.

Der Berliner Bischof Christian Stäblein distanzierte sich von der als Trauung dargestellten Segnung und erklärte: „Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz traut nur Paare, die standesamtlich verheiratet wurden. Vorwürfe von Polygamie in diesem Kontext sind gegenstands- und haltlos". Die Kirche stellte klar, dass Trauungen und Hochzeiten nur Formen seien, die „zwei Menschen vor Gott segnen".

Solidarität statt Hetze: Die Kirche nimmt ihre Pfarrerin in Schutz

Nach massiven Anfeindungen aus rechten Kreisen stellte sich die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) schützend vor ihre Pfarrerin. Die Pfarrerin sei in den vergangenen Tagen in sozialen Netzwerken massiv angefeindet worden, teilte die EKBO in sozialen Medien mit: „Wir sind entsetzt über den Hass, der ihr entgegenschlägt. Wir stehen an ihrer Seite und verurteilen diese Angriffe aufs Schärfste".

Bei dem Festival für Pop-up-Segenshochzeiten hätten die vier Männer gerne einen Segen für ihre Beziehung haben wollen. „Man konnte sofort sehen, dass da ganz viel Liebe zwischen ihnen war", wurde die Pfarrerin zitiert. „Deshalb waren wir uns im Team schnell einig: Was sollte Gott dagegen haben, dass es nun eben vier sind und nicht zwei?"

Eine politische Retourkutsche gegen kirchliche Demokratie-Verteidigung

Die AfD-Attacke auf Pfarrerin Müller kommt nicht von ungefähr: Bischof Christian Stäblein und der Synodenvorsitzende Harald Geywitz haben wiederholt eine deutliche Position gegen die AfD bezogen und dazu aufgerufen, Populismus, Rechtsradikalismus und Extremismus eine klare Absage zu erteilen. Stäblein hatte erklärt, es bereite ihm ungeheure Sorgen, „wie viel Zustimmung eine Partei erhält, die offen die Demokratie aushöhlen und unterlaufen will".

In der Pressemitteilung beklagte Reichardt auch, dass Stäblein „meine Parteifreunde und mich in der Vergangenheit als Demokratiefeinde" verleumdet habe. Die Forderung nach Müllers Rücktritt erscheint vor diesem Hintergrund als politische Vergeltung für die klare Haltung der Kirche gegen Rechtsextremismus.

EKD-Synode: Klare Kante gegen die AfD

Die kommissarische EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs hatte bei der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland am Sonntag erklärt: „Völkisch-nationale Gesinnungen und menschenverachtende Haltungen und Äußerungen sind mit den Grundsätzen des christlichen Glaubens in keiner Weise vereinbar". Sie warnte: „Wir sehen uns einer Partei gegenüber, die die Würde bestimmter menschlicher Gruppen längst schon für antastbar erklärt und sich damit außerhalb der Grundlagen unseres Grundgesetzes stellt, insbesondere seines ersten Artikels". Die Kirche werde daher einen klaren Abgrenzungskurs zur AfD beibehalten.

Im April 2024 hatte die Landessynode der EKBO beschlossen, dass AfD-Mitglieder künftig kein Amt als Älteste in einem Gemeindekirchenrat übernehmen dürfen, da die Landessynode „angesichts der erkennbaren weiteren Radikalisierung der AfD, die in ihrer Gesamtheit immer stärker menschenfeindliche Ziele verfolgt, die Mitgliedschaft oder tätige Unterstützung dieser Partei für unvereinbar mit dem Bekenntnis zu Wort und Sakrament" halte.

Polyamorie und Kirche: Eine wachsende Debatte

Der Fall Müller wirft auch ein Schlaglicht auf die Debatte um polyamore Beziehungen in der Kirche. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hatte bereits als erste Landeskirche Deutschlands bekanntgegeben, dass ihre Pfarrer Menschen in sogenannten polyamoren Beziehungen segnen. In der eigenen Pfarrgemeinde akzeptiert zu sein, sei das A und O, damit sich polyamore Menschen von Kirche ernst genommen fühlen könnten. Ein weiterer Schritt sei die Möglichkeit einer Segnung ihrer Beziehungen: „Warum sollten wir Liebe, die mehr als eine:n Partner:in inkludiert, nicht von Gott segnen lassen?", so eine evangelische Theologin im Blog „kreuz & queer".

Während in Deutschland Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare in vielen evangelischen Landeskirchen längst etabliert sind und auch die katholische Kirche nach kontroversen Debatten eine Handreichung für Segensfeiern queerer Paare veröffentlicht hat, bleibt die rechtliche und kirchliche Anerkennung polyamorer Beziehungen umstritten. Während Eheschließungen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren in Deutschland seit 2017 gesetzlich erlaubt sind, bleibt die offizielle Anerkennung von polyamoren Beziehungen bisher unerreichbar.

Ein Signal fĂĽr queere Inklusion

Der Angriff der AfD auf Pfarrerin Müller zeigt deutlich, wie queere Seelsorge und progressive Theologie zur Zielscheibe rechtsextremer Politik werden. Doch die entschiedene Solidarität der Kirche mit ihrer Pfarrerin sendet ein wichtiges Signal: Die evangelische Kirche in Deutschland steht mehrheitlich für Vielfalt, Demokratie und die Würde aller Menschen – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder Beziehungsform.

Die Auseinandersetzung um die Polysegnung in Berlin ist damit mehr als ein kirchlicher Binnenkonflikt. Sie ist Teil einer größeren gesellschaftlichen Debatte darüber, wer in Deutschland mitbestimmen darf, welche Lebensformen Anerkennung verdienen – und ob demokratische Institutionen wie die Kirche sich von rechtsextremen Kräften einschüchtern lassen.


Niedersachsen verdoppelt Förderung für queere Akzeptanzarbeit – Ein wichtiges Signal in schwierigen Zeiten

In Zeiten steigender Hasskriminalität gegenüber queeren Menschen setzt Niedersachsen ein wichtiges politisches Zeichen: Die Regierungsfraktionen von SPD und Grünen haben für den Landeshaushalt 2026 eine deutliche Erhöhung der Mittel für queere Akzeptanzarbeit beschlossen. Die Gesamtzahl der Straftaten gegen LSBTIQ* hat sich in Niedersachsen seit dem Jahr 2020 von 37 auf insgesamt 211 im Jahr 2024 erhöht – eine Entwicklung, die laut queer.de die rot-grüne Landesregierung zum Handeln bewegt hat.

500.000 Euro fĂĽr Akzeptanz und Sicherheit

Die politische Liste der Regierungskoalition sieht für die "Förderung von Maßnahmen zur Akzeptanz von queeren Menschen und gegen Hasskriminalität" insgesamt 500.000 Euro vor – eine Steigerung um 200.000 Euro gegenüber dem Vorjahr. Diese Aufstockung ist Teil eines Gesamtpakets von rund 93,5 Millionen Euro, mit dem die Koalition verschiedene gesellschaftliche Schwerpunkte finanzieren will, darunter auch mehr Geld für öffentliche Busse, die Sanierung von Schwimmbädern und günstigere Mensen-Mahlzeiten.

Lisa Kühn, Vorstandsmitglied beim Queeren Netzwerk Niedersachsen (QNN), begrüßte die Entscheidung ausdrücklich: "Die Erhöhung der Mittel ist das richtige politische Signal in einer Zeit steigender Hasskriminalität gegenüber queeren Menschen und wachsender Verunsicherung in den queeren Communities." Das QNN vertritt über fünfzig Vereine und Gruppen auf Landesebene und koordiniert als Erstempfänger die Verteilung der Landesmittel an Projekte für LSBTIQ*-Menschen.

Dramatischer Anstieg queerer Hasskriminalität in Deutschland

Die Mittelerhöhung kommt nicht von ungefähr. Im Jahr 2024 kam es zu 2.917 Straftaten gegen die LGBTIQ+-Community, ein Plus von 564 Fällen binnen eines Jahres. Bundesweit zeigt sich ein besorgniserregender Trend: 2024 wurden insgesamt im Unterthemenfeld „sexuelle Orientierung" 1.765 Straftaten (davon 253 Gewaltdelikte) und im Unterthemenfeld „geschlechtsbezogene Diversität" 1.152 Straftaten (davon 128 Gewaltdelikte) erfasst.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser erklärte dazu: "Queerfeindliche Gewalt muss als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden. Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend". Expert*innen gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus – die Behörden sowie auch die EU-Grundwerteagentur gehen davon aus, dass 90 Prozent aller Übergriffe nicht erfasst wurden, da die Opfer keine Anzeige erstattet haben.

Forderung nach dauerhafter Finanzierung

Trotz der positiven Entwicklung gibt es auch Kritik: Die Mittel der politischen Liste werden nur für ein Haushaltsjahr bereitgestellt. QNN-Geschäftsführer Nico Kerski forderte daher eine langfristige Perspektive: "Nur so können wichtige Projekte der queeren Akzeptanzarbeit und gegen Hasskriminalität auch nachhaltig und effektiv umgesetzt werden. Wir müssen leider davon ausgehen, dass sich das gesellschaftliche Klima für queere Menschen auch in den Folgejahren nicht unbedingt verbessern wird."

Das aktuelle Budget von 540.000 Euro für alle queeren Angebote des Landes reiche bei weitem nicht aus, müsse mindestens verdoppelt, bedarfsgerecht sogar verdreifacht werden – und selbst dann läge der Betrag im Ländervergleich in Relation zur jeweiligen Bevölkerungszahl noch unterhalb des Bundesdurchschnitts.

Vielfältige Projektarbeit in Niedersachsen

Um die Akzeptanz von LSBTIQ* Menschen in Niedersachsen zu stärken fördert das Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung Maßnahmen und Projekte zur Aufklärung oder Sensibilisierung, aber auch Projekte mit dem Ziel des Strukturaufbaus oder Empowerment der queeren Community. Die Förderung erfolgt auf Grundlage der LSBTI*-Richtlinie über das QNN.

Zu den geförderten Strukturen gehören queere Zentren in Braunschweig, Gifhorn, Göttingen, Hannover, Lüneburg und Oldenburg sowie das Schulaufklärungsprojekt SCHLAU Niedersachsen, das Bildungs- und Antidiskriminierungsworkshops zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt anbietet. Auch spezialisierte Beratungsangebote wie die Landeskoordination Inter* und die Landesfachstelle Trans* werden aus den Mitteln finanziert.

Ein bundesweites Problem

Niedersachsen steht mit der Herausforderung steigender Queerfeindlichkeit nicht allein da. Die Gesamtzahl der erfassten Hasskriminalität, also von Taten, die durch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit motiviert sind, stieg bundesweit um 28 Prozent auf 21.773 Delikte. Mit Aktionsplänen für Akzeptanz von LSBTIQ* versuchen Landesregierungen zwischen Flensburg und Konstanz LSBTIQ*-Feindlichkeit entgegenzuwirken – Zielsetzung sind nicht nur die Förderung von Akzeptanz und Gleichstellung, sondern auch dass die Anliegen von LSBTIQ* als Querschnittsaufgabe in allen Fachpolitiken und gesellschaftlichen Bereichen verankert werden.

Die Erhöhung der Fördermittel in Niedersachsen ist somit ein wichtiger Baustein im bundesweiten Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt. Ob die Gelder künftig in die reguläre Haushaltsplanung überführt werden und damit nachhaltige Strukturen geschaffen werden können, wird sich in den kommenden Haushaltsverhandlungen zeigen müssen.


Trans-Soldat*innen klagen gegen Entzug ihrer PensionsansprĂĽche

In einem beispiellosen Fall von institutioneller Diskriminierung kämpfen 17 ehemalige Angehörige der US Air Force vor Gericht gegen die Trump-Administration, nachdem ihre im Juni zugesagten Pensionsansprüche im August widerrufen wurden. Die am 10. November eingereichte Klage wirft ein Schlaglicht auf die systematische Benachteiligung trans Soldat*innen in den USA – und macht deutlich, wie wichtig der rechtliche Schutz queerer Menschen im Militär ist.

Vom Versprechen zum Verrat

Master Sergeant Logan Ireland, der 15 Jahre in der Air Force diente und unter anderem in Afghanistan im Einsatz war, beschreibt die Situation als "Verrat an den Opfern, die Soldatinnen und ihre Familien gebracht haben". Die Geschichte von Ireland und seinen Mitstreiter*innen ist symptomatisch fĂĽr eine Politik, die trans Menschen systematisch ihrer WĂĽrde beraubt.

Im Mai, als Trumps zweites Trans-Militärverbot in Kraft trat, bot die Air Force trans Angehörigen mit 15 bis 18 Dienstjahren die Möglichkeit, eine vorzeitige Rente zu beantragen – die Anträge der 17 Kläger*innen wurden im Juli genehmigt. Doch im August wurde diese Genehmigung durch ein Memo des neuen Amtsinhabers Brian L. Scarlett widerrufen, was die Betroffenen um proratierte Rentenleistungen, Pensionen, Zugang zur Krankenversicherung TRICARE, militärischem Wohnraum und Invaliditätsleistungen brachte.

Millionenverluste und existenzielle Unsicherheit

Die finanziellen Folgen sind dramatisch: Trans-Soldat*innen, die von diesem Entzug betroffen sind, verlieren im Laufe ihres Lebens zwischen 1 und 2 Millionen Dollar an verdienten Leistungen. Hinzu kommt der Verlust des lebenslangen Zugangs zur TRICARE-Krankenversicherung, die Zugang zu zivilen Gesundheitsdienstleistern über VA-Einrichtungen hinaus geboten hätte.

Die Klage argumentiert, dass der Widerruf der Rentenbescheide gegen die eigenen Richtlinien der Air Force verstößt, die nur unter sehr begrenzten Umständen wie Betrug oder neu entdeckten Beweisen einen Widerruf erlauben – von denen hier keiner vorliegt.

Ein Kontrast zur Bundeswehr

Die Situation in den USA steht in starkem Kontrast zur Entwicklung in Deutschland. Während die Trump-Administration trans Menschen aus dem Militär verbannt, unterliegt die Bundeswehr den gesetzlichen Vorschriften zum Schutz der Rechte von Transgender-Personen, die im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verankert sind, und gewährleistet trans Angehörigen faire Behandlung und Chancengleichheit.

Die deutsche Luftwaffe hat mit Oberstleutnant Anastasia Biefang seit 2017 die erste offen transgeschlechtliche Bataillonskommandeurin der deutschen Streitkräfte. Im Jahr 2000 formulierte der damalige Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat in einer Führungshilfe für Vorgesetzte die Forderung nach "Toleranz gegenüber anderen, nicht strafbewehrten sexuellen Orientierungen".

Dennoch bleibt auch in Deutschland Raum fĂĽr Verbesserungen. Wie Biefang selbst anmerkt: "Wir geben dem Thema sehr wenig Raum. Es wird sehr oft heruntergedrĂĽckt in der Frage 'MĂĽssen wir uns jetzt um dieses Thema mit dem Gender auch noch kĂĽmmern?'".

Rechtliche und menschliche Dimension

Die von GLAD Law und dem National Center for LGBTQ Rights vertretene Klage ist Teil eines größeren juristischen Kampfes gegen Trumps Trans-Verbot. Der Supreme Court hatte im Mai der Trump-Administration erlaubt, mit dem Anti-Trans-Verbot fortzufahren, zumindest vorläufig.

Shannon Minter, Legal Director beim NCLR und selbst transgender, bringt die Empörung auf den Punkt: "Es gab noch nie eine Administration, die eine solch offene Feindseligkeit gegenüber den mutigen Männern und Frauen gezeigt hat, die unserem Land gedient haben".

Was diese Klage bedeutet

Der Fall Ireland et al. v. United States ist mehr als eine juristische Auseinandersetzung um PensionsansprĂĽche. Er steht symbolisch fĂĽr den Kampf um die WĂĽrde und Anerkennung trans Menschen, die ihrem Land gedient haben. Wie Logan Ireland es ausdrĂĽckt: "Mein Geschlecht sollte keinen Einfluss darauf haben, welche Rentenleistungen mir zustehen. Punkt".

Für Deutschland und Europa ist dieser Fall eine Mahnung: Die Rechte von LGBTQ+ Menschen, auch im Militär, sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen aktiv verteidigt und ausgebaut werden. Während die USA einen dramatischen Rückschritt erleben, muss Europa zeigen, dass Vielfalt und militärische Exzellenz keine Gegensätze sind – sondern einander bedingen.

Organisationen wie QueerBw, die Interessenvertretung der LGBTQ+ Angehörigen der Bundeswehr, setzen sich seit 2002 für Gleichberechtigung ein und bieten eine Anlaufstelle für alle queeren Bundeswehrangehörigen. Sie zeigen, dass institutioneller Wandel möglich ist – wenn Menschen sich dafür einsetzen.


Deutschlands größte Diskriminierungs-Umfrage gestartet: "Jeder Fall ist einer zu viel"

Unter dem Motto "Deine Erfahrung zählt" hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zur größten Umfrage über Diskriminierungserfahrungen in Deutschland aufgerufen. Bis zum 28. Februar 2026 können alle Menschen ab 14 Jahren anonym ihre Erfahrungen mit Benachteiligungen teilen – ein bedeutsamer Schritt, um das Ausmaß von Diskriminierung im Land sichtbar zu machen. Die ursprüngliche Meldung unterstreicht die Dringlichkeit dieses Anliegens in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spannungen.

Eine umfassende Bestandsaufnahme der Diskriminierung

An der Betroffenenbefragung können alle Menschen in Deutschland teilnehmen, die Diskriminierung erleben. Die Studie erfasst, wie häufig und welche Diskriminierungserfahrungen Menschen machen – zum Beispiel, wie häufig Menschen bei Ämtern und Behörden herablassend behandelt werden oder aufgrund fehlender Barrierefreiheit bestimmte Geschäfte nicht besuchen können. Die Umfrage ist in neun Sprachen verfügbar, darunter auch Einfache Sprache, um möglichst vielen Menschen Zugang zu ermöglichen.

Die erhobenen Daten sollen umfassende Erkenntnisse liefern: Wo erleben Menschen in Deutschland Diskriminierung? Wie gehen sie damit um? Welche Unterstützungsangebote nutzen oder benötigen sie? Und welche Folgen hat Diskriminierung für ihr Leben – ob beim Zugang zu Arbeit, Bildung, Wohnen, im Gesundheitswesen oder im Alltag? Die Erhebung ist für den Zeitraum Herbst 2025 bis Januar 2026 geplant, wobei die Ergebnisse voraussichtlich im Frühsommer 2027 veröffentlicht werden.

LGBTIQ*-Community besonders betroffen

Für die queere Community ist diese Umfrage von besonderer Bedeutung. 38 Prozent der befragten LSBTIQ* aus Deutschland fühlten sich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und/oder Geschlechtsidentität im Jahr vor einer früheren Umfrage diskriminiert. Noch gravierender sind die Zahlen für trans* Menschen: 65 Prozent der trans* Frauen und 64 Prozent der trans* Männer fühlten sich aufgrund ihrer Geschlechtsidentität in den letzten 12 Monaten diskriminiert.

Die Situation verschärft sich weiter: Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend. Zudem müssen wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an. Im Jahr 2023 wurden in Deutschland rund 1.500 Delikte gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst. Damit stieg ihre Zahl das sechste Jahr in Folge und auf einen deutlichen Höchststand.

"Jeder Fall von Diskriminierung ist einer zu viel"

Ferda Ataman wurde im Juli 2022 vom Deutschen Bundestag zur Unabhängigen Bundesbeauftragten für Antidiskriminierung gewählt. Zum Auftakt der Befragung erklärte sie: "Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Menschen immer unverblümter Rassismus, Antisemitismus, Frauenhass und anderen Abwertungen ausgesetzt sind, ist es wichtig, Betroffene sprechen zu lassen. Jeder Fall von Diskriminierung ist einer zu viel."

Die Dringlichkeit ihrer Worte wird durch aktuelle Zahlen untermauert: Im Jahr 2024 haben 11.405 Anfragen das Beratungsteam der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erreicht. 43 Prozent der Anfragen kamen im vergangenen Jahr zu rassistischer Diskriminierung. Seit 2019 hat sich die Zahl der Beratungsfälle hierzu mehr als verdreifacht. Prominente wie Kabarettistin Maren Kroymann, Ökonom Marcel Fratzscher und Publizistin Marina Weisband unterstützen den Aufruf zur Teilnahme.

Positive Signale trotz Herausforderungen

Trotz der besorgniserregenden Entwicklungen gibt es auch Hoffnungszeichen: 73 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass lesbische, schwule oder bisexuelle Menschen vor Diskriminierung geschützt werden sollten. Bei trans* Personen stimmen sieben von zehn Befragten (70 Prozent) der Aussage zu. Deutschland gehört neben Frankreich und Polen zu den wenigen Ländern, in denen sich die Akzeptanz queerer Lebensweisen in den letzten drei Jahren leicht positiv entwickelt hat.

Allerdings offenbart sich ein beunruhigender Trend: Vor allem bei jungen Männern nehmen queerfeindliche Ansichten aber auch in Deutschland eher zu. Diese Entwicklung zeigt, dass Antidiskriminierungsarbeit kontinuierlich und generationsübergreifend notwendig bleibt.

Warum Teilnahme wichtig ist

Die Studie lebt von ihrer Beteiligung. Nur wenn möglichst viele Menschen mit möglichst vielfältigen Erfahrungen bereit sind, den Fragebogen der Betroffenenumfrage auszufüllen, erhalten wir aussagekräftige Ergebnisse. Hierfür braucht die Antidiskriminierungsstelle des Bundes die verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die die Erhebung in die Communities tragen und für eine Teilnahme an der Umfrage werben.

Die Umfrage ist sowohl online als auch auf Papier verfügbar. Besonderes Augenmerk liegt auf der Barrierefreiheit: Funktionen wie Zoom und Vorlesesoftware werden integriert. Vereine und Verbände können Papierfragebögen anfordern, um diese in ihren Netzwerken zu verteilen.

Die Ergebnisse dieser historisch umfassenden Befragung werden nicht nur das AusmaĂź von Diskriminierung in Deutschland dokumentieren, sondern auch als Grundlage fĂĽr politische MaĂźnahmen und gesellschaftliche Debatten dienen. FĂĽr die LGBTIQ*-Community bietet sie eine wichtige Chance, ihre Erfahrungen sichtbar zu machen und damit den Weg fĂĽr besseren Schutz und mehr Gleichberechtigung zu ebnen.

Hier geht es zur Umfrage: Antidiskriminierungsstelle des Bundes - Betroffenenbefragung 2025


US-Höchstgericht lehnt Angriff auf gleichgeschlechtliche Ehe ab – Was bedeutet das für Deutschland?

Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hat am 10. November 2024 eine weitreichende Entscheidung getroffen: Die Richter*innen lehnten eine rechtliche Petition ab, die das wegweisende Urteil zur gleichgeschlechtlichen Ehe von 2015 hätte kippen können. Die ehemalige Standesbeamtin Kim Davis aus Kentucky hatte das Gericht gebeten, ihre Berufung gegen ein Schadensersatzurteil anzunehmen – und dabei explizit gefordert, das Urteil Obergefell v. Hodges zu revidieren, das gleichgeschlechtlichen Paaren landesweit das Recht auf Eheschließung gewährte. Die ursprüngliche Meldung löste weltweit Aufmerksamkeit aus – und wirft auch für Deutschland wichtige Fragen auf.

Der Fall Kim Davis: Eine Standesbeamtin verweigert die Trauung

Davis, die damals Standesbeamtin im Rowan County in Kentucky war, berief sich auf ihre religiösen Überzeugungen gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, um die Ausstellung von Heiratsurkunden an gleichgeschlechtliche Paare zu verweigern. Nachdem ein Bundesgericht feststellte, dass sie gegen eine gerichtliche Anordnung zur Ausstellung der Lizenzen verstoßen hatte, wurde Davis für mehrere Tage inhaftiert. Eine Jury verurteilte sie später zur Zahlung von 100.000 Dollar Schadensersatz sowie 260.000 Dollar Anwaltskosten.

In einer kurzen Anordnung lehnten die Richter*innen die Annahme von Davis' Berufung ab, ohne Begründung und ohne vermerkte abweichende Meinungen. Das Höchstgericht machte damit deutlich, dass die Weigerung, die verfassungsmäßigen Rechte anderer zu respektieren, nicht ohne Konsequenzen bleibt.

Warum diese Entscheidung so wichtig ist

Die Entscheidung erhielt außerordentliche Aufmerksamkeit – unter anderem, weil das Gericht vor drei Jahren mit seiner konservativen Mehrheit von 6:3 Roe v. Wade kippte und damit das verfassungsmäßige Recht auf Abtreibung aufhob. Seitdem wuchsen die Befürchtungen, dass Obergefell das nächste Präzedenzurteil sein könnte, das fällt. Mehrere konservative Richter*innen, darunter Amy Coney Barrett und Brett Kavanaugh, hatten jedoch öffentlich signalisiert, dass die Rechte auf gleichgeschlechtliche Ehe nicht zurückgenommen werden sollten.

Sollte Obergefell aufgehoben werden, wäre die gleichgeschlechtliche Ehe dennoch auf Bundesebene geschützt: 2022 unterzeichnete Präsident Joe Biden das Respect for Marriage Act, das die Legitimität gleichgeschlechtlicher und interrassischer Ehen anerkennt. Dennoch könnten einzelne Bundesstaaten gleichgeschlechtliche Ehen nicht mehr anerkennen.

Breite Unterstützung in der Bevölkerung – auch bei Konservativen

Eine Gallup-Umfrage von 2024 ergab, dass 69 Prozent der Amerikaner*innen die gleichgeschlechtliche Ehe unterstützen – darunter 83 Prozent der Demokrat*innen, 74 Prozent der Unabhängigen und 46 Prozent der Republikaner*innen. Laut einer aktuellen Studie des Public Religion Research Institute unterstützen zwei Drittel der Amerikaner*innen (67 Prozent) die rechtliche Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare – eine Steigerung um 13 Prozentpunkte seit 2014. Dies zeigt: Die Mehrheit der US-Bevölkerung steht fest hinter der Ehe für alle.

Deutschland im Vergleich: Wie sicher ist die Ehe fĂĽr alle hierzulande?

Die Parallelen zwischen den USA und Deutschland sind bemerkenswert – und zugleich lehrreich. In Deutschland ist die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare seit dem 1. Oktober 2017 möglich, nachdem der Bundestag am 30. Juni 2017 mit großer Mehrheit die „Ehe für alle" beschloss und § 1353 BGB dahingehend änderte, dass „die Ehe von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen" wird.

Doch könnte auch in Deutschland eine Standesbeamtin oder ein Standesbeamter die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare aus religiösen Gründen verweigern? Anders als im Fall Kim Davis ist die Rechtslage in Deutschland eindeutig: Das Bundesverfassungsgericht entschied bereits 2002, dass die Einführung des Rechtsinstituts der eingetragenen Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare Art. 6 Abs. 1 GG nicht verletzt. Der besondere Schutz der Ehe hindert den Gesetzgeber nicht daran, für die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft Rechte und Pflichten vorzusehen, die denen der Ehe gleich oder nahe kommen. Dem Institut der Ehe drohen keine Einbußen durch ein Institut, das sich an Personen wendet, die miteinander keine Ehe eingehen können.

Standesbeamt*innen sind als staatliche Amtsträger*innen verpflichtet, Trauungen durchzuführen – unabhängig von der sexuellen Orientierung der Eheschließenden. Der Standesbeamte prüft im Vorfeld verschiedene Voraussetzungen, damit die Ehe wirksam geschlossen werden kann. Eine Verweigerung aus religiösen Gründen wäre eine Verletzung der Amtspflichten und hätte dienstrechtliche Konsequenzen.

Ein Signal gegen Diskriminierung

Kelley Robinson, Präsidentin der Human Rights Campaign, begrüßte die Entscheidung mit den Worten: „Heute hat die Liebe wieder gewonnen. Wenn Beamt*innen einen Eid ablegen, ihrer Gemeinschaft zu dienen, erstreckt sich dieses Versprechen auf alle – einschließlich LGBTQ+-Menschen. Das Höchstgericht hat heute klargestellt, dass die Weigerung, die verfassungsmäßigen Rechte anderer zu respektieren, nicht ohne Konsequenzen bleibt."

Die Entscheidung sendet ein wichtiges Signal: Religiöse Überzeugungen können nicht als Rechtfertigung dienen, um anderen Menschen grundlegende Rechte zu verweigern. Dies gilt in den USA – und es gilt auch in Deutschland. Die Ehe für alle ist ein Meilenstein auf dem Weg zur vollständigen Gleichberechtigung, und ihre Verteidigung bleibt eine gemeinsame Aufgabe auf beiden Seiten des Atlantiks.


Streaming-Dienste streichen queere Figuren: Fast die Hälfte verschwindet vom Bildschirm

Die Zahlen sind alarmierend: Zum 20. Mal veröffentlichte die US-amerikanische LGBTQ+-Organisation GLAAD ihren Bericht "Where We Are On TV" – und die Ergebnisse zeigen, dass trotz eines leichten Anstiegs auf insgesamt 489 queere Figuren über alle Plattformen 41 Prozent dieser Charaktere nicht zurückkehren werden, wie die Originalquelle queer.de berichtet. Ein dramatischer Befund, der GLAAD-Chefin Sarah Kate Ellis zu einer deutlichen Warnung veranlasste.

Trans-Figuren besonders gefährdet

Besonders dramatisch ist die Situation für trans Charaktere: Von 33 gezählten trans Figuren erscheinen nur vier in Serien, die offiziell verlängert wurden. Serien wie "Clean Slate", "Heartstopper", "The Umbrella Academy" und "9-1-1: Lone Star" mit trans Charakteren, die mit dem Publikum eine Verbindung aufbauten und ein Gegennarrativ zur transphoben Rhetorik boten, wurden alle in dieser Auswertungsperiode beendet. Netflix strahlte nur eine Staffel von "Kaos" aus, einer Serie über griechische Götter in der modernen Welt mit mehreren LGBTQ+ Charakteren, einschließlich Caeneus, einem trans Mann, bevor die Serie abgesetzt wurde.

61 Prozent der trans Charaktere werden aufgrund von Serien-Absetzungen, Beendigungen oder dem Limited-Series-Format nicht zurückkehren. Die Botschaft ist klar: Wenn keine neuen trans-inklusiven Serien in Produktion gehen, droht ein gefährlicher Einbruch der trans Repräsentation.

Deutschland hinkt hinterher

Während in den USA immerhin ein Bewusstsein für queere Sichtbarkeit existiert, zeigt sich die Situation im deutschen Fernsehen noch problematischer. Laut der Queeren Medien-Datenbank QUEERmdb beinhalteten 2024 nur 740 von 15.000 ausgestrahlten Filmen und Serien eine für die Handlung relevante LGBT-Figur – das entspricht einer Quote von 4,9 Prozent. Im Vergleich zu Kino (10,4 Prozent), Netflix (8,9 Prozent) und Amazon Prime (8,2 Prozent) bleibt das deutsche Fernsehen das am wenigsten diverse Langfilm-Medium.

Der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) kritisiert: "Die Lebensrealität von Lesben, Schwulen und Trans kommt so gut wie gar nicht vor" im deutschen Fernsehen. Im Jahr 2022 schaffte es nur eine einzige trans/nonbinäre Hauptfigur ins deutsche Fernsehen – in der ZDF-Serie "Becoming Charlie".

Politischer Gegenwind und wirtschaftlicher Druck

GLAAD mahnt, dass "hasserfüllte Rhetorik unkontrolliert von Politikern und Nachrichtenmedien verbreitet wird und eine falsch verstärkte Plattform erhält, obwohl die Mehrheit dieses Landes die LGBTQ+-Community überwältigend unterstützt". Dieser gesellschaftliche Wandel schlägt sich auch in Programmentscheidungen nieder.

Gleichzeitig verstärkt der wirtschaftliche Druck auf Streaming-Dienste die Absetzungswelle. Netflix hatte mit 177 LGBTQ+ Charakteren die größte Anzahl auf seinem Streaming-Service, doch 68 dieser Charaktere (38 Prozent) befinden sich in Serien, die abgesetzt oder beendet wurden. Nutzer bemerken, dass häufig Fantasy-Serien sowie Serien mit LGBTQIA+-Repräsentation kein langes Leben bei Netflix oder vergleichbaren Anbietern genießen.

Warum Sichtbarkeit zählt

"Fast ein Drittel der nicht-LGBTQ+-Amerikaner sagen, dass LGBTQ+-inklusive Medien ihre Wahrnehmung unserer Community verändert haben", betont GLAAD-Chefin Sarah Kate Ellis. Die Mehrheit in Deutschland hat keinen persönlichen Kontakt zu offen lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und/oder intergeschlechtlichen Menschen – ihr Wissen über LSBTIQ+ stammt folglich ausschließlich aus anderen Quellen. Mediale Repräsentationen haben damit einen maßgeblichen Einfluss auf gesellschaftliche Einstellungen.

Die Absetzungswelle bedroht nicht nur die Sichtbarkeit queerer Lebensrealitäten, sondern auch die Fortschritte im gesellschaftlichen Bewusstsein. Es besteht die Gefahr, dass Zuschauer neue Serien gar nicht erst anfangen – aus Angst, dass sie umsonst Begeisterung zeigen, nur damit die Serie nach einer Staffel mit einem Cliffhanger endet. Für die queere Community bedeutet jede abgesetzte Serie nicht nur den Verlust von Unterhaltung, sondern auch den Verlust von Vorbildern, Identifikationsfiguren und der Bestätigung, dass ihre Geschichten erzählenswert sind.


Deutschlands erstes digitales LGBTI-Jugendzentrum geht online – Ein Meilenstein für queere Jugendliche

Ein historischer Moment für die queere Jugendarbeit in Deutschland: Am Sonntag, den 16. November, geht mit "lambda space" das erste digitale queere Jugendzentrum des Landes online. Die innovative Plattform des bundesweiten Jugendverbands Lambda richtet sich an junge queere Menschen zwischen 14 und 26 Jahren und verspricht einen sicheren digitalen Raum für Austausch, Unterstützung und Gemeinschaft. Fast 900 Nutzer sind bereits in der Beta-Phase dabei – wie queer.de berichtet.

Warum ein digitales Jugendzentrum?

Die Notwendigkeit eines solchen Projekts ist evident: Im ländlichen Raum existieren kaum Angebote für junge LSBTIQ*. 29 Prozent der queeren Jugendlichen nutzen keine Jugendgruppen mit LSBTIQ-Bezug, weil es solche Angebote nicht in ihrer Nähe gibt, 34 Prozent sind sich unsicher, was sie dort erwartet, und 15 Prozent haben sogar Angst, gesehen zu werden. Diese Zahlen verdeutlichen die dramatische Versorgungslücke – besonders fernab der Großstädte.

Nick Hampel vom Jugendnetzwerk Lambda erklärt: "Leider haben noch immer viele queere Jugendliche keinen Zugang zu unterstützenden Angeboten – insbesondere im ländlichen Raum. Für viele ist das nächste queere Jugendzentrum oder die queere Jugendgruppe schlicht zu weit weg. Kein Wunder also, dass queere Jugendliche eine der Personengruppen sind, die am meisten Zeit im digitalen Raum verbringen".

Ein Safe Space im digitalen Raum

Lambda betont, dass der digitale Raum größtenteils von Tech-Konzernen dominiert wird, die sich einerseits nur auf maximale Profite konzentrieren und andererseits immer queerfeindlicher werden. "lambda space" positioniert sich bewusst als gemeinnützige Alternative, die nicht irgendeinem Unternehmen gehört, sondern der jungen Community selbst – die Jugendlichen sind nicht nur Nutzer*innen, sie sind Teilhaber*innen.

Die Plattform bietet vielfältige Funktionen: Jugendliche können sich in Foren gegenseitig unterstützen, eigene Gruppenräume zu verschiedenen Themen erstellen, sich über einen Messenger sicher austauschen und andere queere Jugendliche aus der Nähe kennenlernen. Besonders innovativ ist die Möglichkeit, einen Umkreis festzulegen, sodass sie sich mit der lokalen Community vernetzen und neue Menschen aus der Nähe kennenlernen können.

Sicherheit hat oberste Priorität

In Zeiten zunehmender Queerfeindlichkeit ist der Schutzaspekt zentral: Ein mehrstufiges Zugangssystem schützt die Jugendlichen, alle Inhalte werden durch ein geschultes Moderationsteam und KI-Unterstützung in Echtzeit moderiert, das Projekt wird psychologisch begleitet, und Jugendliche können sich bei Bedarf niedrigschwellig beraten lassen. Diese umfassenden Sicherheitsmaßnahmen sind besonders wichtig, da junge LSBTIQ* in zentralen Lebensbereichen wie Familie, Schule, Freizeit, Medien, Ausbildung und Arbeit immer noch strukturelle und direkte Diskriminierungen erleben, was zur Vermeidung eines Coming-outs während der Schulzeit und zum Erleben von Minderheitenstress führen kann.

Mentale Gesundheit im Fokus

Der gesundheitliche Aspekt ist nicht zu unterschätzen: Queere Jugendliche, die sich in mindestens einem Online-Raum sicher und verstanden fühlen, haben ein um 20 Prozent geringeres Suizidrisiko, verglichen mit queeren Jugendlichen, die keinen solchen Ort haben, wie eine Studie des Trevor Project zeigt. Diese Erkenntnis unterstreicht die lebensrettende Bedeutung solcher digitalen Schutzräume.

Deutschland im internationalen Vergleich

Während in Deutschland verschiedene Bundesländer wie Hessen, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen bereits Initiativen zur Unterstützung queerer Jugendlicher im ländlichen Raum gestartet haben, ist das bundesweite digitale Angebot von lambda space einzigartig. Das Projekt ist bislang einzigartig im deutschsprachigen Raum.

Das 1990 in Berlin gegrĂĽndete Jugendnetzwerk Lambda hat nach der Wiedervereinigung seinen Wirkungskreis auf das gesamte Bundesgebiet ausgedehnt und ist heute der einzige Jugendverband in der lgbtiq* Community in Deutschland, der die Interessen lesbischer, schwuler, bisexueller, trans*, inter* und queerer Jugendlicher vertritt.

Die spannende Beta-Phase beginnt

Die Vorstandsmitglieder Emily Schunk und Oska Jacobs zeigen sich begeistert: "Wir freuen uns unglaublich, dass lambda space endlich seine digitalen Türen öffnet. Nun beginnt die spannende Beta-Phase, in der wir nach und nach allen 865 Jugendlichen auf der Warteliste Zugang zur Plattform geben". In begleitenden Feedbackrunden wird mit den Jugendlichen darüber gesprochen, wie sich die Plattform für sie anfühlt, was gut funktioniert und wo noch Verbesserungsbedarf besteht.

Das klare Ziel: "Wir möchten, dass endlich alle queeren jungen Menschen einen Safer Space haben – egal wo sie wohnen". Mit lambda space wird dieser Wunsch nun digitale Realität – ein Hoffnungszeichen für tausende junger queerer Menschen in Deutschland, die bisher ohne niedrigschwellige Unterstützungsangebote auskommen mussten.

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden interessierte Jugendliche auf lambdaspace.de.


Über 7.000 Briten wenden sich an Abgeordnete: Angst vor Trans-Toilettenverbot wächst

In Großbritannien wächst der Widerstand gegen ein drohendes Verbot, das trans Menschen den Zugang zu öffentlichen Toiletten verwehren könnte. Mindestens 7.100 Menschen äußerten ihre Sorge, dass der Entwurf des Verhaltenskodex der Equality and Human Rights Commission (EHRC) zur Diskriminierung von trans Männern und Frauen führen könnte. Die Kampagne, initiiert von den Organisationen TransActual und Trans+ Solidarity Alliance, zeigt eindrücklich, wie stark die LGBTQ+-Community und ihre Verbündeten mobilisiert sind – und wirft auch für Deutschland wichtige Fragen auf.

Der Hintergrund: Ein Gerichtsurteil mit weitreichenden Folgen

Der Konflikt hat seinen Ursprung in einem Urteil des Obersten Gerichtshofs, das trans Frauen von der rechtlichen Definition einer „Frau" im Sinne des Gleichstellungsgesetzes von 2010 ausschließt. Nur einen Monat nach Abschluss der Konsultation, die über 50.000 öffentliche Antworten erhielt, überreichte die Regulierungsbehörde einen endgültigen Entwurf – der nicht öffentlich zugänglich ist – an Gleichstellungsministerin Bridget Phillipson. Die vorgeschlagenen Änderungen würden trans Menschen effektiv von der Nutzung öffentlicher Einrichtungen wie Toiletten ausschließen, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechen.

Besonders besorgniserregend: Vorgeschlagene Änderungen könnten trans Menschen dazu zwingen, Ausweispapiere mitzuführen, um Zugang zu geschlechtsspezifischen Einrichtungen einschließlich Umkleideräumen und Toiletten zu erhalten. Die Originalquelle bei Pink News dokumentiert den wachsenden Protest gegen diese Entwicklung.

Wirtschaft schlägt Alarm: „Unworkable" und teuer

In einem offenen Brief, verfasst von Trans+ Solidarity Alliance und Safe Space UK, argumentierten über 650 Organisationen, darunter Ben & Jerry's, Mighty Hoopla und Lush Cosmetics, dass ein ausschließendes Gesetz große „operative Herausforderungen" schaffen würde und sogar kleine Unternehmen in den Bankrott treiben könnte. Der Brief, unterzeichnet von 50 Abgeordneten, stellte fest, dass ein Einzelhändler die Kosten für die Installation geschlechtsneutraler Toiletten in allen 200 landesweiten Filialen auf über 1,2 Millionen Pfund schätzt.

Jude Guaitamacchi, Gründerin der Trans+ Solidarity Alliance, kommentierte: „Tausende Menschen haben ihren Abgeordneten in nur wenigen Wochen geschrieben, mit einer sehr klaren Botschaft: Was die EHRC hier versucht, ist nicht richtig, nicht machbar und muss abgelehnt werden."

Deutschland: Ein anderer Weg mit dem Selbstbestimmungsgesetz

Während Großbritannien restriktivere Regelungen erwägt, hat Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz vom 12. April 2024 einen anderen Weg eingeschlagen, der es Deutschen ab 14 Jahren ermöglicht, ihre Geschlechtsbezeichnung und Vornamen in offiziellen Dokumenten durch eine einfache Erklärung beim örtlichen Standesamt zu ändern. Das Gesetz trat am 1. November 2024 in Kraft und ersetzt das drakonische Transsexuellengesetz aus dem Jahr 1980.

Auch in Deutschland gab es Debatten um die Nutzung von Toiletten und Umkleideräumen. Nach der Änderung des Geschlechtseintrags im Personenstandsregister muss trans Personen der Zugang zu den jeweilig geschlechtsspezifischen Einrichtungen gewährt werden, zusätzlich sollten auch Toilettenräume ohne Geschlechtsvorbehalt zur Verfügung stehen. Das deutsche Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz bietet hier rechtlichen Schutz vor Diskriminierung.

Menschenrechtsorganisationen warnen vor Segregation

TransActual-Mitglied Philippa East erklärte: „Dies zeigt die Stärke der Gefühle zu diesem Thema und wie viele Menschen von Richtlinien der Ausgrenzung, Segregation und Geschlechtspolizei negativ betroffen sein werden." Die Kampagne fordert die Regierung auf, Leitlinien zu entwickeln, die aufzeigen, wie trans Menschen in Unternehmen, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft inkludiert werden können – statt sie auszuschließen.

Dutzende Labour-Hinterbänkler haben ihre Opposition gegen jegliche trans-ausschließende Gesetze signalisiert, die aus der EHRC-Leitlinie resultieren könnten. In einem Brief an The Guardian im Oktober teilten sie mit, dass sie von einer Reihe von Unternehmen und Einzelpersonen kontaktiert wurden, die besorgt über die Leitlinie und ihre Auswirkungen waren.

Was wir aus der UK-Debatte lernen können

Die Entwicklungen in Großbritannien zeigen, wie schnell hart erkämpfte Rechte wieder gefährdet werden können. Für Deutschland, das gerade erst mit dem Selbstbestimmungsgesetz einen progressiven Schritt gemacht hat, ist dies eine wichtige Mahnung: Rechte müssen nicht nur erkämpft, sondern auch kontinuierlich verteidigt werden.

Die breite Koalition aus LGBTQ+-Organisationen, Unternehmen und Parlamentariern in Großbritannien demonstriert, dass der Schutz von trans Rechten kein Nischenthema ist, sondern eine Frage grundlegender Menschenrechte und gesellschaftlicher Teilhabe. „Wir hoffen, die Regierung wird zuhören, sie hat die Macht, dies zu stoppen und muss handeln, um die fundamentalen Rechte von trans Menschen und ihre Fähigkeit, ihr alltägliches Leben zu leben, zu schützen."

Mit über 7.000 Briefen an Abgeordnete zeigt sich in Großbritannien ein beeindruckender Zusammenhalt – ein Signal, das auch in Deutschland gehört werden sollte, während die Debatte über Inklusion und Sicherheit in öffentlichen Räumen weitergeht.


Apple entfernt queere Dating-Apps in China: Wenn Profitgier ĂĽber Menschenrechte siegt

Der Tech-Gigant Apple hat auf Anweisung der chinesischen Regierung die beiden größten queeren Dating-Apps Blued und Finka aus dem chinesischen App Store entfernt. Die Entscheidung erfolgte nach einer Anordnung der Cyberspace Administration of China, der wichtigsten Internet-Regulierungs- und Zensurstelle des Landes. Die ursprüngliche Meldung stammt von PinkNews.

Ein schwerer Schlag fĂĽr Chinas LGBTQ+-Community

Blued und Finka waren die beiden größten Dating-Apps für queere Menschen in China. BlueCity, die Muttergesellschaft von Blued, ging 2020 an die Börse und hatte damals über 49 Millionen registrierte Nutzer und mehr als 6 Millionen monatlich aktive Nutzer. Die Apps waren für viele queere Menschen in China eine der wenigen verbliebenen Plattformen, um sich zu vernetzen und Partner zu finden.

Im Juli hatte Blued bereits die Neuregistrierung von Nutzern gestoppt, was dazu fĂĽhrte, dass verzweifelte Nutzer bis zu 20 Dollar fĂĽr gebrauchte Blued-Accounts auf E-Commerce-Websites zahlten. Dies war ein erstes Warnsignal fĂĽr die zunehmende Repression.

Apples Standard-Antwort: "Wir folgen lokalen Gesetzen"

Apple reagierte auf die Kritik mit der üblichen Begründung: "Wir folgen den Gesetzen in den Ländern, in denen wir tätig sind. Basierend auf einer Anordnung der Cyberspace Administration of China haben wir diese beiden Apps nur aus dem chinesischen Storefront entfernt". Diese Rechtfertigung ist nicht neu – sie ist Apples Standard-Argumentation für Zensurmaßnahmen in autoritären Staaten.

Doch diese Entscheidung reiht sich in eine lange Liste fragwĂĽrdiger App-Entfernungen ein. Die internationale LGBTQ+-Dating-App Grindr wurde bereits 2022 aus Apples chinesischem App Store entfernt. Insgesamt werden die meisten internationalen LGBTQ+-Dating-Apps in China blockiert.

Die verschärfte Situation für queere Menschen in China

China hat Homosexualität zwar in den 1990er Jahren entkriminalisiert, erkennt aber keine gleichgeschlechtlichen Ehen an. In den letzten Jahren ist Chinas LGBTQ+-Community zunehmend unter Druck geraten, da die Kommunistische Partei Chinas ihre Kontrolle über die Zivilgesellschaft und freie Meinungsäußerung verschärft. Mehrere prominente Menschenrechtsorganisationen für queere Menschen in China wurden geschlossen, und Social-Media-Unternehmen zensieren nun häufig LGBTQ+-Inhalte und -Konten.

Seit 2015 gelten neue Richtlinien, die ein Verbot vorsehen, LGBTQ+-Beziehungen im Fernsehen zu zeigen. In den Vorschriften heiĂźt es: "Keine Fernsehserie darf abnormale sexuelle Beziehungen und Verhaltensweisen zeigen, wie etwa Inzest, gleichgeschlechtliche Beziehungen, sexuelle Perversion, sexuelle Ăśbergriffe, sexuellen Missbrauch, sexuelle Gewalt und so weiter".

Deutsche Parallelen: Wenn Tech-Konzerne zu Zensoren werden

Für deutsche Leserinnen und Leser mag die Situation in China weit entfernt erscheinen, doch auch hierzulande gibt es besorgniserregende Entwicklungen. Bürgerrechtler kritisieren, dass Apples Bekenntnis zu Menschenrechten nur "leere Worte" seien, da der Konzern seine im Jahr 2020 veröffentlichte Human Rights Policy nicht konsequent umsetze.

Besonders problematisch: Apple präsentiert sich als eines der LGBTQ+-freundlichsten Unternehmen und setzt sich angeblich unbeirrt für LGBTQ+-Gleichstellung ein. Das Unternehmen verfügt über Antidiskriminierungsrichtlinien, beteiligt sich an den jährlichen Feiern zum Pride Month und setzt seine Lobbymacht ein, um gegen diskriminierende Gesetze zu kämpfen. Außerdem unterstützt Apple LGBTQ+-Organisationen regelmäßig mit großzügigen Spenden. Diese Doppelmoral – Pride-Marketing im Westen, Zensur im Osten – wird zunehmend kritisiert.

Der hohe Preis des China-Geschäfts

Apple muss lokalen Gesetzen folgen oder mit Konsequenzen rechnen, was besonders dramatisch sein könnte, da China nach wie vor der wichtigste Produktionsstandort des Unternehmens sowie ein extrem großer Markt für seine Produkte ist. Doch dieser wirtschaftliche Druck entbindet Apple nicht von seiner Verantwortung für Menschenrechte.

Es ist nie ein gutes Bild für das Unternehmen, wenn es gezwungen wird, gegen seine eigenen Werte zu handeln. Der Kontrast ist besonders krass, da CEO Tim Cook die Entscheidung getroffen hat, seine Privatsphäre zu opfern und sich als schwul zu outen, weil er darin einen moralischen Imperativ sah, Menschen zu helfen, auf ihrer Gleichberechtigung zu bestehen.

Was bedeutet das fĂĽr die Zukunft?

In der Vergangenheit konnten einige chinesische Apps nach vom Cyberspace Administration of China geforderten Änderungen in die App-Stores zurückkehren. Es bleibt abzuwarten, ob die Entfernung von Blued und Finka in China dauerhaft sein wird.

Für die LGBTQ+-Community in China bedeutet diese Entwicklung jedoch eine weitere Einschränkung ihrer ohnehin begrenzten Möglichkeiten. Die Apps funktionieren zwar noch für Nutzer, die sie bereits heruntergeladen haben, doch neue Nutzer haben keinen Zugang mehr. Dies trifft besonders junge queere Menschen, die gerade dabei sind, ihre Identität zu entdecken und Anschluss zu suchen.

Die Entscheidung Apples zeigt einmal mehr, dass wirtschaftliche Interessen oft über Menschenrechte und die Unterstützung marginalisierter Communities gestellt werden – trotz aller Pride-Kampagnen und Regenbogen-Logos. Für die queere Community in China ist dies ein weiterer Rückschlag in einem zunehmend repressiven Umfeld.


Wegweiser für Städte: Neuer Leitfaden zeigt, wie Kommunalpolitik queerer werden kann

Das Queere Netzwerk NRW ist ein landesweiter Fachverband für Organisationen der LSBTIAQ+ Communities und hat nun einen praxisnahen Werkzeugkasten für Städte und Gemeinden veröffentlicht. Die neue Broschüre "Queere Kommunalpolitik – Ein Leitfaden für Städte und Gemeinden in NRW" soll Kommunen dabei unterstützen, queere Bürger*innen besser zu fördern und zu schützen.

17 Handlungsfelder fĂĽr mehr Vielfalt vor Ort

Die Broschüre liefert praxisnahe Anregungen in 17 Handlungsbereichen von Schutzräumen über Familie bis hin zu Sport und Kultur für eine queerfreundliche Kommunalpolitik. Städte und Gemeinden können die vorgeschlagenen Maßnahmen entweder einzeln umsetzen oder als Grundlage für einen umfassenden kommunalen Aktionsplan nutzen. Das Ziel ist klar: Vielfalt sichtbar machen und die Sicherheit queerer Menschen im Alltag stärken.

"Ob queere Menschen im Alltag gleichberechtigt und angstfrei leben können, entscheidest sich direkt vor Ort", betont Heike Kivelitz vom Vorstand des Queeren Netzwerks NRW. In den Kommunen zeige sich, ob Politik den Mut habe, für Akzeptanz einzutreten und queeres Leben sichtbar zu machen.

Warum Kommunalpolitik so wichtig ist

Was vor Ort beschlossen wird, hat direkten Einfluss auf das alltägliche Leben von LSBTIQ*. Von der Gestaltung öffentlicher Räume über Angebote in Jugendeinrichtungen bis hin zu Unterstützung für Regenbogenfamilien – kommunale Entscheidungen prägen den Alltag queerer Menschen maßgeblich. Das Queere Netzwerk NRW veranstaltet als Plattform für Akteure auf kommunalpolitischer Ebene die StadtLandQueer, den LSBTIAQ* Städtetag für NRW, bei dem die LSBTIQ* Selbstorganisation mit ihren Ansprechpersonen aus Räten und Verwaltungen sowie Vertreter*innen der Landespolitik und -verwaltung zusammenkommt.

Gerade in Zeiten, in denen antidemokratische Kräfte bei Wahlen erstarken, ist es umso wichtiger, klare Zeichen für Vielfalt, Gleichberechtigung und Menschenrechte zu setzen. Die Broschüre erscheint daher zu einem strategisch wichtigen Zeitpunkt – im September 2025 finden in Nordrhein-Westfalen Kommunalwahlen statt.

Von Schutzräumen bis Sportpolitik

Die 17 Handlungsfelder des Leitfadens decken ein breites Spektrum ab. Sie reichen von Empowerment- und Schutzräumen bis zur besseren Repräsentation von Queers of Color in bestehenden Strukturen. Auch Themen wie Familie, Sport und Kultur werden behandelt – Bereiche, in denen Kommunen konkret aktiv werden können.

Ähnliche Initiativen gibt es auch auf Bundesebene: Die Bundesregierung hat mit dem Aktionsplan „Queer leben" erstmalig eine ressortübergreifende Strategie auf Bundesebene für die Akzeptanz und den Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt beschlossen, der zahlreiche Maßnahmen in sechs Handlungsfeldern enthält. Der NRW-Leitfaden übersetzt solche übergeordneten Ziele nun in konkrete kommunale Handlungsempfehlungen.

Beispiele aus anderen Städten

Dass queerfreundliche Kommunalpolitik wirkt, zeigt sich bereits in verschiedenen deutschen Städten. Köln ist die queere Hochburg in Deutschland, der jährliche Christopher Street Day zieht verlässlich mehr als 950.000 Menschen in die nordrhein-westfälische Domstadt, und laut einer von der Stadt beauftragten Studie aus dem Jahr 2019 identifizieren sich 10,6 Prozent der Kölner*innen als lesbisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich oder intergeschlechtlich. Doch auch Leipzig hat sich über die Jahre zu einer LGBTQ+-freundlichen Stadt entwickelt, vor allem im alternativen Stadtteil Connewitz, und ist zum Sehnsuchtsort für viele queere Personen im Osten Deutschlands geworden.

Kostenlos bestellbar

Die 32-seitige BroschĂĽre kann ab sofort kostenlos ĂĽber den Online-Shop des Queeren Netzwerks NRW bestellt oder als PDF heruntergeladen werden. Damit haben Kommunalpolitiker*innen, Verwaltungsmitarbeitende und engagierte BĂĽrger*innen ein praktisches Instrument zur Hand, um ihre Stadt oder Gemeinde queerfreundlicher zu gestalten.

Passend zur bevorstehenden Kommunalwahl im September 2025 hat das Queere Netzwerk NRW zudem eine digitale Broschüre „Queere Impulse zur Kommunalwahl 2025" entwickelt, die Anregungen und Forderungen für eine queerfreundliche Kommunalpolitik bietet und zeigt, wie man mit lokalen Politiker*innen ins Gespräch kommen kann.


Eine Pionierin kehrt zurück – Efrat Tilmas bewegende Geschichte im Arte-Dokumentarfilm

Am 15. November um 22:35 Uhr strahlt Arte die deutsche Erstausstrahlung von "I Am What I Am – Stolz, eine Frau zu sein" aus (Quelle: queer.de). Der lebensbejahende Dokumentarfilm von Udi Nir und Sagi Bornstein erzählt die Geschichte von Efrat Tilma, eine der ersten offen lebenden trans Personen Israels. 2022 wurde sie von der BBC in die Liste der "100 einflussreichsten Frauen des Jahres" gewählt.

Von Verfolgung zur Flucht – Efrat Tilmas Weg ins Exil

In den 1960er Jahren musste Efrat Tilma Israel verlassen, nachdem sie mehrfach vergewaltigt und von der Polizei verfolgt wurde. „Wir wurden von der Polizei verprügelt, wenn wir Frauenkleider getragen haben", erinnert sich Tilma in einem Interview über ihre frühen Jahre in Israel. Die Situation war so bedrohlich, dass ein Polizist ihr drohte, sie zu töten, falls er sie jemals wieder in Frauenkleidung auf den Straßen Tel Avivs sehen würde, wie die Jerusalem Cinematheque berichtet.

Ihre Flucht führte sie nach Europa: Zunächst fand sie Unterschlupf bei Madame Arthur im legendären Carrousel de Paris. Nach einer geschlechtsangleichenden Operation in Casablanca begann sie ein neues Leben in Berlin, wo sie mehr als 35 Jahre im Exil verbrachte. Tilma unterzog sich der Operation zur Geschlechtsanpassung als 20-Jährige bei einem französischen Arzt in Casablanca (Marokko). „In Israel und in Deutschland war das damals noch illegal", erklärt Tilma die historischen Umstände ihrer Zeit.

Parallelen zur deutschen Geschichte

Efrat Tilmas Geschichte spiegelt auch die Situation trans Menschen in Deutschland der 1960er Jahre wider. Transgeschlechtliche wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren weiterhin als Psychotiker angesehen, zwangshospitalisiert und mit der Aversionstherapie und mit Elektroschocktherapie behandelt. Erst nach der Reform des Sexualstrafrechts unter dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt 1973 sei eine Befreiung zu spüren gewesen, so Tilma über die gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland.

Die rechtliche Situation blieb jedoch lange Zeit prekär. In Deutschland änderte sich die Situation erst nach und nach, zuerst in skandinavischen Ländern wie Schweden, 1981 in Deutschland mit dem sogenannten Transsexuellengesetz. Dieses veraltete Gesetz wurde erst 2024 durch das Selbstbestimmungsgesetz ersetzt, das am 1. November 2024 in Kraft trat.

RĂĽckkehr und erneuter Kampf

Nach mehr als 35 Jahren im Exil kehrte Efrat Tilma nach Israel zurück, entschlossen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Dort fand sie ein verändertes und offenes Land vor und schrieb als erste ehrenamtliche trans Mitarbeiterin bei der israelischen Polizei Geschichte. Tilma hat Vorträge bei der Polizei über die Arbeit mit der trans Community gehalten, wofür sie im Mai 2017 mit einer Bezirksmedaille vom Tel Aviv-Distrikt der israelischen Polizei ausgezeichnet wurde; bei der Zeremonie gab es auch eine offizielle Entschuldigung der Polizei für ihren Umgang mit trans Menschen.

Doch die politische Rechtswende unter der Regierung Netanjahu brachte alte Ängste zurück. Als Israel mit dem Amtsantritt der Regierung Netanjahu nach rechts rückt, kehren die dunklen Schatten der Vergangenheit zurück. Neben politischer Diskriminierung nimmt die Gewalt gegen die LGBTQIA+-Community massiv zu, so wie in vielen anderen Ländern weltweit. Diesmal flieht Efrat Tilma nicht, sondern wird zur mutigen Vorkämpferin gegen den gesellschaftlichen Rückschritt.

Aktuelle Herausforderungen auch in Deutschland

Auch in Deutschland bleibt die Situation für trans Menschen herausfordernd. Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) Aktivist*innen warnen vor einem Anstieg der Anti-LGBT-Gewalt in Deutschland. Der Bundesinnenminister teilte im Juni 2023 mit, dass die Polizei im vergangenen Jahr über 1.400 Hassverbrechen gegen LGBT-Menschen registriert hatte. Laut einer Studie berichteten zwei Drittel der befragten trans* Personen (66 Prozent), innerhalb der letzten fünf Jahre von transfeindlicher Gewalt betroffen gewesen zu sein. Nahezu die Hälfte der Befragten (48 Prozent) erlebte sogar im letzten Jahr vor der Befragung Übergriffe. Und laut Bundeskriminalamt (BKA) hat die Hasskriminalität in Bezug auf „geschlechtsbezogene Diversität" stark zugenommen.

Dennoch gibt es Hoffnung: Der deutsche Bundestag hat am 12. April 2024 ein wegweisendes Gesetz verabschiedet, das Transgender und nicht-binären Menschen erlaubt, ihre rechtlichen Dokumente durch ein auf der Selbstbestimmung basierendes Verwaltungsverfahren an ihre Geschlechtsidentität anzupassen. Das Gesetz trat im August 2024 in Kraft.

Ausgezeichneter Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilm von Udi Nir und Sagi Bornstein wurde mit dem Weil Bloch Award als „Bester Film" ausgezeichnet und ist für den Israeli Documentary Film Award nominiert. Die Regisseure, die bereits mehrfach preisgekrönt wurden, haben mit ihrem Film ein bewegendes Porträt einer außergewöhnlichen Frau geschaffen, deren Leben die Geschichte der trans Bewegung in Israel und darüber hinaus widerspiegelt.

Der Film ist nach der Erstausstrahlung am 15. November um 22:35 Uhr auch in der Arte-Mediathek verfügbar und bietet eine wichtige Gelegenheit, mehr über die Kämpfe und Erfolge einer Pionierin zu erfahren, die nie aufgegeben hat – weder in den dunklen Zeiten der Verfolgung noch angesichts neuer Bedrohungen.


Wenn Liebe zum Politikum wird: Pfarrerin nach polyamorer Segnung massiv bedroht

Eine symbolische Segnung wird zum Sturm der Entrüstung: Die evangelische Pfarrerin Lena Müller aus Berlin wurde in den vergangenen Tagen in sozialen Netzwerken massiv angefeindet, nachdem sie im Sommer bei einem Pop-up-Hochzeitsfestival eine Polyhochzeit mit vier Männern durchgeführt hatte. Die ursprüngliche Meldung bei queer.de zeigt das ganze Ausmaß einer Debatte, die tief in das Spannungsfeld zwischen kirchlicher Tradition, queerer Vielfalt und gesellschaftlicher Akzeptanz hineinreicht.

Eine Segnung wird zur Schlagzeile

Die Berliner Pfarrerin für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen segnete bei einem Hochzeitsfestival im Sommer vor der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche vier Männer, die sich in einer polyamoren Beziehung befanden. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" erklärte die auf Instagram als "Feministin und Pfarrerin" auftretende Theologin, dass man sofort sehen konnte, dass "ganz viel Liebe zwischen ihnen war". Die 33-jährige Geistliche teilte die Zeremonie auf Instagram mit den Worten: "Vier junge Männer haben zueinander ja gesagt, mit uns die Liebe gefeiert und sich unter G*ttes bunten Segen gestellt".

Was zunächst als spontaner Akt der Nächstenliebe gedacht war, entwickelte sich zu einem medialen Skandal. Zwar veröffentlichte die Geistliche der queerfreundlichen Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) bereits im Sommer auf Instagram ein Foto der Hochzeit, allerdings hat das Event erst jetzt die Medien erreicht – und in rechten Kreisen ist man freilich entsetzt.

Zwischen Distanzierung und Solidarität

Die Reaktion der Kirchenleitung fiel zwiegespalten aus. Landesbischof Christian Stäblein distanzierte sich deutlich von dem Vorgang und betonte: "Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz traut nur Paare, die standesamtlich verheiratet wurden". Pröpstin Christina-Maria Bammel unterstreicht: "Evangelische Trauungen segnen die Ehe zweier liebender Menschen".

Gleichzeitig stellte sich die Kirche aber auch schützend vor ihre Mitarbeiterin. In einer Stellungnahme in sozialen Medien hieß es: "Wir sind entsetzt über den Hass, der ihr entgegenschlägt. Wir stehen an ihrer Seite und verurteilen diese Angriffe aufs Schärfste." Eine bemerkenswerte Solidaritätsbekundung in Zeiten, in denen die Gewalt im digitalen Raum stark angestiegen ist und 61,7 Prozent der Befragten trans Personen auf sozialen Medien Angriffe erlebt haben.

Polyamorie und Kirche: Ein Tabu bricht auf

Die Debatte wirft grundsätzliche Fragen auf: Wo endet kirchliche Segnung, wo beginnt politischer Aktivismus? Polyamore Menschen sind Teil unserer Kirche. Manche leben polyamor im Versteck, andere kämpfen offen für Akzeptanz und Gleichbehandlung in Kirche, Theologie und Gesellschaft. Der Verein "NepoMuK – Netzwerk polyamore Menschen und Kirche" setzt sich seit 2019 dafür ein, dass polyamor lebende Christ*innen miteinander verbunden und sichtbar gemacht werden.

Mehrfachehen sind fast überall auf der Welt verboten; Polyleben ist in Deutschland nicht verboten, gefördert wird es aber auch nicht. Und es gibt keinen eigenen Diskriminierungsschutz für Menschen, die poly leben. Diese rechtliche Grauzone macht die Situation für Betroffene besonders schwierig. Der Vorgang bei dem Hochzeitsfestival war so spontan, dass die Pfarrerin heute nach eigenen Angaben nicht einmal die Namen der Menschen kennt, die sie dort gesegnet hat – was die kirchenrechtliche Diskussion zusätzlich verkompliziert.

Der deutsche Kontext: Queere Kirche zwischen Fortschritt und Widerstand

Der Fall reiht sich ein in eine längere deutsche Debatte um queere Akzeptanz in der Kirche. Jede evangelische Landeskirche regelt die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare für sich selbst. In den meisten Landeskirchen sind gleichgeschlechtliche und heterosexuelle Paare komplett gleichgestellt. Die bayerische evangelische Landeskirche hat bei ihrer Frühjahrstagung am 3. April 2025 in Augsburg die "Trauung für alle" beschlossen. Ab sofort wird bei kirchlichen Eheschließungen in der bayerischen Landeskirche nicht mehr bei der sexuellen Orientierung unterschieden.

Ein historischer Meilenstein war das Schuldbekenntnis der Synode der EKHN 2022 gegenüber queeren Menschen, in dem die Kirche Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle um Verzeihung für in der Vergangenheit erlittenes Leid und Zurücksetzung bittet. Doch der Weg zu voller Akzeptanz ist noch lang: Während in Berlin die Polyhochzeit kein Problem war, dürfen im erzkonservativen Württemberg gleichgeschlechtliche Paare wegen ihrer sexuellen Orientierung bis heute nicht getraut werden.

Hasskommentare und die Macht der sozialen Medien

Das AusmaĂź der Anfeindungen gegen Pfarrerin MĂĽller ist erschreckend, aber nicht ĂĽberraschend. Auf Social Media habe es Kommentare gegeben wie "Das hat nichts mit Jesus zu tun" oder "Geisteskrank. Dekadenz im Endstadium". Auch in rechten Medien gab es zuletzt viel Kritik an der Feier. Noch aufgeregter war das rechtsextreme Magazin "Compact". In einen vor Queerfeindlichkeit triefenden Beitrag zeigt der Autor, dass er weniger die Polyamorie als Problem ansieht als die Tatsache, dass sich hier vier gleichgeschlechtliche Personen ein Ja-Wort gegeben haben.

Diese Entwicklung fügt sich ein in einen besorgniserregenden Trend. Durch die gesellschaftlich zunehmende Rhetorik gegen Personen aus dem LGBTQ-Spektrum sehen sich neonazistische Jugendgruppen in ihrem Handeln ermutigt. Laut einer repräsentativen Umfrage verfügt inzwischen jeder Dritte über ein geschlossen transfeindliches Weltbild. Die rechtsextremen Gruppen scheinen diesen politischen Wandel als Erlaubnis zu betrachten, ihren Hass noch offener zu äußern.

Liebe kennt keine Zahlen – oder doch?

Am Ende bleibt die theologische Grundsatzfrage: Kann Liebe falsch sein, wenn sie ehrlich, einvernehmlich und auf gegenseitigem Respekt basiert? Pfarrerin Müller argumentierte gegenüber der NOZ biblisch: "Im Alten Testament begegnen uns immer wieder Männer, die mehrere Frauen haben. Die bürgerliche Kleinfamilie ist dagegen keine biblische Norm, und auch die heterosexuelle Liebesheirat, bei der die Frau genauso viel mitzureden hat wie der Mann, ist eine neuere Entwicklung. Deshalb würde ich sagen: Sich allein auf die biblischen Vorbilder zu berufen, ist nicht zielführend, sondern wir müssen uns heutige Beziehungen ansehen und sie im Sinne der Bibel deuten".

Der Fall zeigt exemplarisch, wie weit Deutschland noch von einer vollständigen Akzeptanz alternativer Beziehungsformen entfernt ist. Während in den letzten Jahren das Interesse an alternativen Beziehungsformen wächst, sind Vorurteile und Stereotype gegenüber nicht-monogamen Beziehungen immer noch verbreitet. Teilweise hängt das auch mit mangelnder Aufklärung und fehlenden Informationen zusammen.

Was bleibt, ist die Erkenntnis: Liebe – in welcher Form auch immer – wird weiterhin ein Politikum bleiben. Und Menschen wie Pfarrerin Lena Müller, die für ihre Überzeugungen einstehen, brauchen nicht nur den Segen der Kirche, sondern auch den Schutz der Gesellschaft vor Hass und Gewalt. Die EKBO hat hier ein wichtiges Zeichen gesetzt – doch der Kampf um Akzeptanz und Sicherheit für alle Formen liebevoller Beziehungen ist noch lange nicht gewonnen.


Ein Zeichen für Vielfalt: Evangelische Kirche will Regenbogenfahne an Gotteshäusern erlauben

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) setzt ein kraftvolles Signal für die queere Community: Auf der seit Sonntag in Dresden tagenden Synode liegt ein Vorschlag vor, die alte Flaggenverordnung zu streichen. Die seit 1947 geltende Beflaggungsverordnung erlaubt vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Nationalsozialismus, als sich auch Kirchengemeinden vom Regime instrumentalisieren ließen, nur die Kirchenflagge – violettes Kreuz auf weißem Grund – an Kirchengebäuden. Doch diese historische Regelung soll nun fallen – ein Schritt, der weitreichende Bedeutung für LGBTQ+-Personen in Deutschland hat.

Regenbogenfahnen gehören längst zum Kirchenbild

Die Präses der EKD-Synode, Anna-Nicole Heinrich, erklärte, die Verordnung werde längst nicht mehr in der Form praktiziert. Als Beispiel nannte sie das Hissen der Regenbogenfahne an Kirchengebäuden. Tatsächlich wehen in den letzten Jahren zunehmend Regenbogenfahnen an evangelischen Kirchen – als Zeichen der Solidarität während des Christopher Street Day oder im Pride-Monat. Sie sind das Zeichen der Solidarität mit Menschen ganz unterschiedlicher sexueller Orientierung und Identität.

Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs bezeichnete die Regenbogenfahne als Symbol der Vielfalt, das dem "kirchlichen Selbstverständnis" entspreche. Die Regenbogenfahne repräsentiert als Zeichen für Vielfalt und Toleranz einen großen Teil der queeren Community. Damit macht die evangelische Kirche deutlich: LGBTQ+-Menschen sind willkommen und gehören zur Gemeinschaft.

Keine Deutschlandfahne – Trennung von Kirche und Staat bleibt

Während die Regenbogenfahne künftig offiziell erlaubt sein könnte, bleibt die Deutschlandfahne an Kirchen tabu. Anna-Nicole Heinrich betonte, eine Vereinnahmung für staatliche Zwecke sei weiter nicht vereinbar mit dem kirchlichen Selbstverständnis, eine Deutschlandflagge an einer Kirche sei damit auch ohne Flaggenverordnung nicht statthaft, weil dies gegen die Trennung von Kirche und Staat verstoßen würde. Diese klare Grenze zeigt: Die Kirche will politische Vereinnahmung vermeiden, setzt aber zugleich ein humanitäres Zeichen für Menschenrechte.

Kritik und Forderung nach neuer Regelung

Nicht alle sehen die vollständige Abschaffung der Verordnung positiv. Der Synodale Michael Germann sprach sich gegen die ersatzlose Streichung der alten Verordnung aus und sagte, in einer Zeit, in der Streit um Symbole eine neue Aktualität habe, bestehe die Gefahr, "dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird". Er beantragte eine bundesweit für die evangelische Kirche geltende neue Regelung für angemessene Beflaggung, um regional unterschiedliche Regeln zu verhindern.

Diese Bedenken sind nicht unbegründet: Es gehört inzwischen zum guten Ton, dass Kirchen zum Pride Month oder Christopher Street Day (CSD) eine Regenbogenfahne hissen, und die Kirche mischt seit einigen Jahren mit. Doch wie eine Analyse zeigt, braucht es Mut: Eine Fahne hissen macht Eindruck, sie ändert nicht die Welt, ist aber ein starkes Zeichen, selbstverständlich muss sich die Gemeinde darüber bewusst sein, dass das auch für Gegenwind sorgen kann und sich möglichen Diskussionen stellen.

Klare Kante gegen Rechtsextremismus

Die Synode in Dresden steht auch im Zeichen des politischen Bekenntnisses. EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs erklärte, man sehe sich mit der AfD einer Partei gegenüber, die die Würde bestimmter menschlicher Gruppen längst schon für antastbar erkläre und sich damit außerhalb der Grundlagen des Grundgesetzes stelle. Die Partei falle im Bundestag "durch Pöbeleien und Abwertungen" auf.

Der AfD dürfe keine Unterstützung gewährt werden, betonte Fehrs bei einer Pressekonferenz: "Im Gegenteil: Dass diese Partei Widerstand braucht, ist, glaube ich, eindeutig", sagte die Hamburger Bischöfin. Diese klaren Worte richten sich nicht nur gegen rechtsextreme Politik, sondern schützen auch queere Menschen, die besonders von der menschenfeindlichen Rhetorik der AfD betroffen sind.

Ein Signal mit Geschichte

Die geplante Aufhebung der Beflaggungsverordnung hat tiefe historische Wurzeln. Am 18. November 1947 erließ der Rat der EKD eine Flaggenverordnung, die festhielt, dass kirchliche Gebäude, wenn überhaupt, ausschließlich mit der Kirchenfahne zu beflaggen seien, diese Verordnung gilt bis heute. Sie sollte verhindern, dass Kirchen jemals wieder für politische Propaganda missbraucht werden – eine Lehre aus der Nazi-Zeit, als viele evangelische Kirchengemeinden mit Hakenkreuzfahnen beflaggt wurden.

Heute, fast 80 Jahre später, zeigt sich: Die Kirche hat aus ihrer Geschichte gelernt. Statt sich politisch vereinnahmen zu lassen, setzt sie ein Zeichen für Menschenwürde und Vielfalt. Die Synode tagt bis Mittwoch in Dresden und stimmt erst dann abschließend über die Beflaggungsregeln ab. Die Entscheidung könnte wegweisend sein – nicht nur für die evangelische Kirche, sondern als Signal, dass religiöse Institutionen an der Seite marginalisierter Gemeinschaften stehen.

Für queere Menschen in Deutschland, die oft noch um Akzeptanz kämpfen müssen, ist diese Entwicklung von enormer Bedeutung. Wenn Regenbogenfahnen offiziell an Kirchtürmen wehen dürfen, sendet das eine kraftvolle Botschaft: Ihr seid gesehen, ihr seid gewollt, ihr gehört dazu – auch in den Räumen des Glaubens.


Mehrheit der Amerikaner*innen unterstützt gleichgeschlechtliche Ehe – doch Supreme Court erwägt Rückschritt

Eine aktuelle Studie zeigt, dass 65,8 Prozent der Amerikaner*innen die gleichgeschlechtliche Ehe unterstützen, während der Oberste Gerichtshof der USA über einen Fall berät, der die Ehe-Gleichstellung grundlegend bedrohen könnte. Der Supreme Court wird am 7. November über den Fall der ehemaligen Kentucky-Standesbeamtin Kim Davis entscheiden, die sich geweigert hatte, einem schwulen Paar eine Heiratslizenz auszustellen, und dafür für sechs Tage inhaftiert wurde. Die besorgniserregende Entwicklung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem neun US-Bundesstaaten 2025 bereits Gesetze eingebracht haben, die neue Ehelizenzen für LGBTQ+-Paare blockieren oder den Supreme Court auffordern, die Obergefell-Entscheidung zurückzunehmen – ein Szenario, das auch in Deutschland zum Nachdenken anregt.

Parallelen zur deutschen „Ehe für alle"

Die Situation in den USA wirft ein Schlaglicht auf die Fragilität hart erkämpfter Rechte. Auch Deutschland kennt diese Diskussion: Seit dem 1. Oktober 2017 können gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland heiraten. Der Weg dorthin war lang – bereits 1990 forderte der damalige Schwulenverband in Deutschland (SVD) die Eheöffnung für gleichgeschlechtliche Paare. Wie in den USA gibt es auch hierzulande politische Kräfte, die diese Errungenschaft wieder rückgängig machen wollen: Die AfD ist die einzige Partei im Bundestag, die die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare wieder abschaffen möchte und hat 2018 einen entsprechenden Gesetzentwurf eingebracht.

Der deutsche Queerbeauftragte Sven Lehmann von den Grünen warnte kürzlich eindringlich: "Die Ehe für alle sei ein Meilenstein in der Geschichte der Menschenrechte. Seit 2017 seien Tausende gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen worden. Mit diesem Vorstoß sollen diese Paare wieder entrechtet werden". Doch die Mehrheit der demokratischen Parteien steht zur Ehe für alle: Die Eheöffnung wurde 2017 mit einer sehr großen Mehrheit und Stimmen aus allen damals im Parlament vertretenen Parteien verabschiedet. Inzwischen hat auch die Union ihren Frieden mit der Entscheidung gemacht.

Der Fall Kim Davis und die Bedrohung von Obergefell

Im bahnbrechenden Urteil Obergefell v. Hodges von 2015 entschied der Oberste Gerichtshof, dass das Grundrecht auf Ehe gleichgeschlechtlichen Paaren durch die Due Process Clause und die Equal Protection Clause des 14. Verfassungszusatzes garantiert wird und alle 50 Bundesstaaten verpflichtet sind, gleichgeschlechtliche Ehen unter denselben Bedingungen wie verschiedengeschlechtliche Ehen anzuerkennen. Doch die derzeitige konservative Mehrheit am Supreme Court gibt Anlass zur Sorge.

In ihrem Antrag berufen sich Davis' Anwälte wiederholt auf die Worte von Richter Clarence Thomas, der als einziger der neun Richter offen dafür plädiert hat, das Urteil zur gleichgeschlechtlichen Ehe aufzuheben. Mehrere konservative Richter, darunter Amy Coney Barrett und Brett Kavanaugh, haben allerdings öffentlich signalisiert, dass die Rechte auf gleichgeschlechtliche Ehe nicht zurückgenommen werden sollten. Dennoch bleibt die Unsicherheit: Mathew Staver, Gründer und Vorsitzender von Liberty Counsel, der Gruppe, die Davis vertritt, erklärte: "Wenn nicht dieser Fall, dann ein anderer Fall. Meiner Ansicht nach ist es nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann, dass Obergefell aufgehoben wird".

Breite Unterstützung in der Bevölkerung – hier und dort

Die von der Human Rights Campaign (HRC) in Auftrag gegebene Studie offenbart interessante Erkenntnisse über die amerikanische Gesellschaft: 36,2 Prozent sagen, sie unterstützen die Aufrechterhaltung der Schutzmaßnahmen nachdrücklich, während nur 34,3 Prozent sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aussprechen. Besonders aufschlussreich: Nicht-LGBTQ+-Erwachsene unterstützen die Ehe-Gleichstellung doppelt so häufig, wenn sie eine LGBTQ+-Person kennen. Persönlicher Kontakt baut Vorurteile ab – eine universelle Wahrheit.

Auch in Deutschland zeigt sich eine ähnliche, wenn auch leicht rückläufige Tendenz: 62 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland legal heiraten dürfen sollten – sechs Prozentpunkte weniger als bei der letzten LGBT+-Studie vor zwei Jahren. Dieser Rückgang ist besorgniserregend und spiegelt einen internationalen Trend wider, bei dem auch in Italien, Großbritannien, Kanada und den USA die Akzeptanz sinkt.

Religiöse Ausnahmen: Ein Streitpunkt beiderseits des Atlantiks

Der Kern des Davis-Falls dreht sich um die Frage, ob religiöse Überzeugungen staatliche Beamte von der Pflicht entbinden können, gleichgeschlechtliche Ehen zu vollziehen. Im Oktober 2025 führte Texas neue Regelungen ein, die es Richtern im gesamten Bundesstaat erlauben, Hochzeitszeremonien für gleichgeschlechtliche Paare abzulehnen, wenn dies eine aufrichtig vertretene religiöse Überzeugung verletzen würde. Diese Entwicklung wirft die Frage auf: Wo endet die Religionsfreiheit und wo beginnt die Diskriminierung?

In Deutschland ist die Rechtslage klarer: Wer als gleichgeschlechtliches Paar neben der standesamtlichen Trauung auch die religiöse Trauung wünscht, sollte sich bei der lokalen Glaubensgemeinde informieren. Je nach Religion und Ausübung in der Glaubensgemeinde wird eine Trauung gleichgeschlechtlichen Paaren ermöglicht oder verwehrt. Doch staatliche Standesbeamte haben keine Wahl – sie müssen alle Ehen gleichbehandeln. Die Trennung von Kirche und Staat schützt beide: die religiöse Freiheit und die Gleichberechtigung.

Was auf dem Spiel steht

Nach Angaben des Williams Institute gibt es in den USA schätzungsweise 823.000 verheiratete gleichgeschlechtliche Paare, davon 591.000, die nach der Supreme Court-Entscheidung im Juni 2015 geheiratet haben. Sollte Obergefell aufgehoben werden, würde das nicht automatisch bestehende Ehen ungültig machen: Der Respect for Marriage Act von 2022 verpflichtet die Bundesregierung und alle Staaten, legal geschlossene gleichgeschlechtliche und interrassische Ehen anzuerkennen – selbst wenn es zu einer zukünftigen Gesetzesänderung kommt. Dennoch könnten Staaten wieder die Macht erhalten, gleichgeschlechtliche Ehen zu verbieten.

Die Parallele zur Abtreibungsdebatte liegt auf der Hand: Wie nach der Aufhebung von Roe v. Wade würde eine Rücknahme von Obergefell zu einem Flickenteppich von Gesetzen führen, bei dem Rechte davon abhängen, in welchem Bundesstaat man lebt. Für Deutschland ist dies eine Mahnung: Bis Ende 2019 hatten bereits etwa 48.000 gleichgeschlechtliche Paare ihre Lebenspartnerschaft in eine Ehe umgewandelt oder geheiratet. Diese Familien, diese Leben, diese Liebe verdienen dauerhaften Schutz.

Ein Weckruf fĂĽr die Zivilgesellschaft

Die Entscheidung des Supreme Court wird voraussichtlich am Montag, dem 10. November, bekannt gegeben. Unabhängig vom Ausgang ist eines klar: Rechte sind nie endgültig gesichert, sie müssen kontinuierlich verteidigt werden. Die amerikanische Bürgerrechtlerin Mary Bonauto, die den Obergefell-Fall vor dem Supreme Court vertrat, sagte: "Ich nehme dieses Thema nicht aus den Augen, und meine Organisation auch nicht. Man kann sich niemals wirklich auf seinen Lorbeeren ausruhen, weil andere Kräfte einfach nicht aufgeben".

Für die deutsche LGBTQ+-Community ist diese Entwicklung ein Weckruf: Die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte – von der Abschaffung des §175 im Jahr 1994 über das Lebenspartnerschaftsgesetz 2001 bis zur Ehe für alle 2017 – sind keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen gegen populistische und fundamentalistische Strömungen verteidigt werden. Die transatlantische Solidarität zwischen LGBTQ+-Communities ist wichtiger denn je. Was heute in Kentucky passiert, könnte morgen Auswirkungen auf München, Berlin oder Köln haben.

Die Botschaft ist klar: Wachsamkeit, Aktivismus und das unermüdliche Eintreten für Gleichberechtigung bleiben unerlässlich – auf beiden Seiten des Atlantiks.


Gericht stoppt Julian Reichelt: Queerbeauftragter Pantisano erwirkt Verfügung wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung

In einem wegweisenden Urteil hat das Landgericht Frankfurt am Main dem rechtspopulistischen Portal "Nius" unter Julian Reichelt mehrfach Niederlagen wegen Persönlichkeitsrechtsverletzungen beschert. Nun trifft es den ehemaligen "Bild"-Chefredakteur erneut: Das Landgericht Frankfurt sprach von einer "schweren Persönlichkeitsrechtsverletzung", nachdem Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano eine einstweilige Verfügung gegen einen diffamierenden X-Beitrag erwirkt hatte. Die Entscheidung (Beschluss vom 2. April 2025, Az. 2-03 O 404/25) zeigt deutlich: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum – auch nicht für reichweitenstarke Journalisten.

Ein manipulatives Posting und seine Folgen

Wie queer.de berichtete, veröffentlichte Reichelt am vergangenen Samstag einen X-Beitrag mit einem Foto von Alfonso Pantisano und einem Text, der suggerierte, der Queerbeauftragte sei wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie verurteilt worden. Erst wer auf "mehr anzeigen" drückte, erfuhr, dass sich die Vorwürfe tatsächlich gegen die Dragqueen Jurassica Parka richteten, die mit Pantisanos Arbeit in Verbindung stand.

Das Gericht sah hierin eine klare Manipulation: "FĂĽr einen durchschnittlichen Nutzer sah es so aus, als sei der auf dem Foto abgebildete Pantisano der Mann, der strafrechtlich verurteilt wurde", argumentierte Pantisanos Anwalt Jasper Prigge erfolgreich. Bei Zuwiderhandlungen droht ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro oder ersatzweise Ordnungshaft.

Alfonso Pantisano: Ein starkes Gesicht fĂĽr queere Rechte

Alfonso Pantisano wurde im Juli 2023 vom Berliner Senat zur Ansprechperson Queeres Berlin für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ernannt. Pantisano ist seit vielen Jahren einer der sichtbarsten und kreativsten Kämpfer Berlins für die Interessen der queeren Communitys. Es gelingt ihm, Brücken zu schlagen und auch bundesweit Aufmerksamkeit und Verständnis für die Belange von queeren Menschen außerhalb der Community zu erreichen.

2013 gründete er die Initiative "Enough is Enough!" mit, die im Laufe der Jahre zur größten deutschsprachigen queeren Graswurzelbewegung wurde. Pantisano erklärte, er wolle die Regenbogenhauptstadt Berlin "als Heimat und Hoffnungsort für zigtausende queere Menschen stärken". Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sei es, queere Menschen vor Gewalt und Ablehnung zu schützen, die sie auch im Jahr 2023 in Berlin täglich im öffentlichen wie auch im privaten Raum erleben.

Die "Methode Reichelt" – ein Muster mit System

Pantisano bezeichnete Reichelts Vorgehen als die "Methode Reichelt": "Die Fakten verdrehen und dann so tun, als sei nichts gewesen. Wer so agiert, betreibt keinen Journalismus, sondern einen Feldzug gegen unsere Demokratie und dagegen wehre ich mich." Auf Instagram schrieb der Queerbeauftragte: "Er wusste, was er tat. Er wusste, welchen Eindruck er damit erweckt, wenn er bewusst Bilder und Worte falsch kombiniert."

Anwalt Prigge stellte klar: "Mit Straftaten in Verbindung gebracht zu werden, mit denen man nichts zu tun hat, muss sich niemand gefallen lassen. Das gilt vor allem, wenn es um Sexualstraftaten geht. Der erweckte Eindruck verletzt das Persönlichkeitsrecht von Herrn Pantisano schwerwiegend."

Eine Serie gerichtlicher Niederlagen fĂĽr Nius

Die Verfügung gegen Reichelt reiht sich ein in eine bemerkenswerte Serie von Gerichtsentscheidungen gegen das Portal "Nius". Im August 2024 musste Nius an eine trans Frau Schadensersatz in Höhe von 6.000 Euro zahlen, nachdem das Portal sie als "Mann" und "Herr in Damenbekleidung" bezeichnet sowie ihren Namen und Fotos veröffentlicht hatte. Das Oberlandesgericht Frankfurt stellte fest: "Denn mit dieser Bezeichnung wird ihr ihre seit Jahrzehnten nach außen gelebte geschlechtliche Identität abgesprochen, was von ihr nicht hinzunehmen ist".

Im Oktober 2024 verbot das Landgericht München I dem Portal Nius die Verbreitung mehrerer Falschbehauptungen über die Kampagnenorganisation Campact. Im Wesentlichen folgte das Landgericht München I der Argumentation von Campact. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg (Mabb) untersucht außerdem, ob und in welchem Umfang Nius gegen die journalistische Sorgfaltspflicht verstößt. Mit dem seit 2020 geltenden Medienstaatsvertrag wurde festgelegt, dass Landesmedienanstalten die journalistischen Inhalte kommerzieller Angebote darauf prüfen dürfen, ob journalistische Mindeststandards eingehalten werden.

Persönlichkeitsrechte im digitalen Zeitalter

Der Fall zeigt exemplarisch, wie wichtig der Schutz von Persönlichkeitsrechten in sozialen Medien ist. Das Persönlichkeitsrecht schützt vor Belästigung durch Paparazzi, falscher Berichterstattung und tiefgreifenden Eingriffen in die Privatsphäre. Unterschiedliche Sphären wie Intim-, Privat- und Sozialsphäre helfen, die Grenzen zu bestimmen, ab wann ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht vorliegt.

Grundsätzlich herrscht auch im Internet Meinungsfreiheit. Diese findet aber ihre Grenze an der Stelle, wo das allgemeine Persönlichkeitsrecht eines anderen Menschen verletzt wird. In Deutschland haben Betroffene verschiedene rechtliche Mittel zur Verfügung, um sich gegen Persönlichkeitsrechtsverletzungen zu wehren – von der Abmahnung über die einstweilige Verfügung bis hin zu Schadensersatzforderungen.

Ein Signal fĂĽr die Community

Für die queere Community in Deutschland ist die gerichtliche Entscheidung ein wichtiges Signal. René_ Rain Hornstein von der TIN-Rechtshilfe sprach von einem "guten Tag für Trans-Rechte in Deutschland": "Trans Frauen haben ein Recht darauf, in ihrer Identität respektiert zu werden und dieses Recht muss auch in der öffentlichen Berichterstattung geachtet werden. Das Gerichtsurteil zeigt deutlich, dass keine trans Person in Deutschland derartig persönlichkeitsverletzende Berichterstattung aushalten muss".

Auch für queere Aktivist*innen und Beauftragte wie Alfonso Pantisano, die sich täglich für die Rechte von LSBTIQ+ Menschen einsetzen, ist die Entscheidung ein Rückhalt. Sie macht deutlich: Wer sich öffentlich für Menschenrechte einsetzt, muss nicht hinnehmen, mit schweren Straftaten in Verbindung gebracht zu werden – auch nicht von reichweitenstarken Portalen wie "Nius".

Inzwischen hat Reichelt eine veränderte Fassung des Postings veröffentlicht, in der zwar weiterhin das Bild Pantisanos zu sehen ist, aber im Text gleich zu Anfang von Mario O. gesprochen wird. Die Entscheidung des Landgerichts ist noch nicht rechtskräftig. Doch sie sendet eine klare Botschaft: Journalismus hat Grenzen – und diese werden von deutschen Gerichten konsequent verteidigt.


Supreme Court ermöglicht Trumps queerfeindliche Reisepass-Politik: Ein Schlag gegen trans und nichtbinäre Menschen

Der Supreme Court der USA hat am Donnerstag entschieden, dass die Trump-Regierung eine Politik durchsetzen darf, die Geschlechtsangaben auf Reisepässen auf "männlich" und "weiblich" basierend auf dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht beschränkt. Die Entscheidung bedeutet einen weiteren herben Rückschlag für die Rechte von transgender, intergeschlechtlichen und nichtbinären Menschen in den Vereinigten Staaten – mit den drei liberalen Richter*innen in der Minderheit. Wie queer.de berichtete, hatte bereits ein Bundesgericht in Boston die Politik als verfassungswidrig eingestuft, doch der Supreme Court kippte diese Entscheidung nun.

Von Biden zu Trump: Der Kampf um den "X"-Marker

US-Reisepässe trugen erstmals 1976 Geschlechtsangaben, doch das Außenministerium erlaubte bereits 1992 Bürger*innen, einen vom Geburtsgeschlecht abweichenden Marker zu wählen, wenn sie bestimmte medizinische Dokumentation vorlegten. 2021 führte die Biden-Administration die Möglichkeit ein, "X" als Geschlechtsangabe in Pässen zu wählen – eine besonders wichtige Option für intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen. Präsident Donald Trump kündigte am ersten Tag seiner Amtszeit, dem 20. Januar, die Rücknahme der Biden-Regelung an und erklärte, dass Pässe das Geschlecht bei der Geburt widerspiegeln müssen. Die neue Politik verlangt, dass Reisepässe das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht zeigen und entfernte die Option, einen "X"-Geschlechtsmarker zu wählen.

"Historische Tatsache" statt Menschenrechte

In seiner nicht unterzeichneten Entscheidung argumentierte das Gericht mit konservativer Mehrheit: "Die Anzeige des Geschlechts bei der Geburt auf Pässen verstößt nicht mehr gegen Gleichschutzprinzipien als die Anzeige des Geburtslandes – in beiden Fällen bezeugt die Regierung lediglich eine historische Tatsache, ohne jemanden einer unterschiedlichen Behandlung auszusetzen".

Richterin Ketanji Brown Jackson schrieb in ihrer scharfen abweichenden Meinung, dass transgender Amerikaner*innen "gezwungen sind, eine schwierige Wahl zu treffen, die kein anderer Amerikaner treffen muss: geschlechtsinkongruente Pässe zu verwenden und Belästigung und körperliche Übergriffe zu riskieren, oder auf alle Aktivitäten (Reisen, Bankkonto eröffnen, Auto mieten, einen neuen Job beginnen) zu verzichten, die einen Pass erfordern könnten. Der Schaden für diese Personen durch diese Wahl – bevor ihre rechtlichen Anfechtungen überhaupt entschieden wurden – ist spürbar".

Konkrete Folgen: Wenn der Pass zur Gefahr wird

Ashton Orr, ein transgender Mann, der als Hauptkläger auftrat, wurde von Flughafensicherheitspersonal fälschlicherweise beschuldigt, einen gefälschten Pass zu benutzen, als er mit einem Pass reiste, der einen weiblichen Geschlechtsmarker aufwies. Jon Davidson, leitender Anwalt des ACLU LGBTQ & HIV Project, warnte: "Trans Menschen zu zwingen, Pässe zu tragen, die sie gegen ihren Willen outen, erhöht das Risiko, dass sie Belästigung und Gewalt ausgesetzt sind".

Die Entscheidung stellt einen weiteren Sieg für Präsident Trump auf dem Notfall-Docket des Gerichts dar und einen weiteren Rückschlag für LGBTQ-Rechte zu einer Zeit, in der die Richter mehrere Fälle bezüglich staatlicher Gesetze gegen trans Amerikaner*innen prüfen.

Deutschland: Ein Blick ĂĽber den Atlantik

In Deutschland sieht die Situation deutlich anders aus. Liegt im deutschen Personenstandsregister der Geschlechtseintrag "divers" oder kein Geschlechtseintrag vor, wird im Pass das Geschlecht mit "X" bezeichnet. Am 1. November 2024 trat das Selbstbestimmungsgesetz in Kraft. Trans, inter und nicht-binäre Personen können jetzt ihren Geschlechtseintrag und Vornamen in einem einfachen Verfahren beim Standesamt ändern lassen.

Doch auch in Deutschland gibt es Herausforderungen: Fischer, eine nicht-binäre Person, hat im Reisepass statt einem "M" oder "F" ein "X" für divers stehen. Bei der Einreise in bestimmte Staaten kann das zu Problemen führen – etwa, wenn dort transfeindliche Gesetze gelten oder trans Personen Diskriminierung droht. Daher hat Fischer nun einen zweiten Reisepass samt "F"-Marker erhalten. Doch wem dieser Weg offensteht, liegt im Ermessen der zuständigen Behörden.

Weltweiter Backlash gegen LGBTQIA+-Rechte

Weltweit hat sich die Lage für LGBTQIA+ Personen in den letzten Jahren signifikant verschlechtert. Die USA gehören zu den Ländern, in denen die Ablehnung besonders stark zugenommen hat. Weltweit unterstützen weniger als die Hälfte der Befragten (47 Prozent) offen zu ihrer Sexualität oder Geschlechtsidentität stehende LGBTQ-Personen – das sind 8 Prozentpunkte weniger als 2021. In den USA ist dieser Wert im gleichen Zeitraum um 13 Prozentpunkte zurückgegangen und liegt aktuell bei 43 Prozent.

In Deutschland herrscht nach wie vor breiter Konsens darüber, dass sexuelle Minderheiten gleiche Rechte haben sollten und vor Benachteiligungen geschützt werden müssen. Im Gegensatz zu den meisten anderen befragten Ländern hat sich in Deutschland die Unterstützung für die Rechte von LGBTQIA+ in den letzten Jahren nicht signifikant verschlechtert. Eine "dritte Option" in offiziellen Dokumenten wie Reisepässen für Personen, die sich weder als weiblich noch als männlich identifizieren, wird von der Hälfte (52 Prozent) der Deutschen befürwortet.

Ein Kampf, der weitergeht

Die Entscheidung ist nicht das letzte Wort in den rechtlichen Fällen, sondern nur eine kurzfristige Bestimmung darüber, was passieren wird, während diese Fälle weiter verhandelt werden. Jon Davidson von der ACLU erklärte: "Dies ist ein herzzerreißender Rückschlag für die Freiheit aller Menschen, sie selbst zu sein, und Öl ins Feuer, das die Trump-Regierung gegen transgender Menschen und ihre verfassungsmäßigen Rechte schürt. Trans Menschen zu zwingen, Pässe zu tragen, die sie gegen ihren Willen outen, erhöht das Risiko von Belästigung und Gewalt und erhöht die bereits erheblichen Barrieren, denen sie bei der Suche nach Freiheit, Sicherheit und Akzeptanz gegenüberstehen. Wir werden diese Politik weiter bekämpfen".

Während die USA unter Trump einen dramatischen Rückschritt erleben, zeigt Deutschland, dass progressive Gesetzgebung möglich ist – auch wenn die Umsetzung im internationalen Kontext Herausforderungen mit sich bringt. Die Frage bleibt: Wie lange kann Deutschland seine Position in einer Welt aufrechterhalten, in der queere Rechte zunehmend unter Beschuss geraten?


Die schockierende Wahrheit: Fast 200 christliche Leiter mit LGBTQ+-feindlicher Haltung im Jahr 2025 wegen Kindesmissbrauch beschuldigt

Eine erschütternde neue Dokumentation zeigt die Heuchelei derjenigen auf, die LGBTQ+-Menschen als Bedrohung für Kinder darstellen, während sie selbst Kinder missbrauchen. Laut einem neuen Bericht wurden seit Jahresbeginn 2025 fast 200 christliche Leiter mit LGBTQ+-feindlicher Haltung wegen Kindesmissbrauch beschuldigt. Die Enthüllung wirft ein grelles Licht auf die Doppelmoral konservativer Kreise.

Eine Liste des Grauens: 188 Fälle dokumentiert

Der Journalist Evan Hurst, Chefredakteur der politischen Website Wonkette, fĂĽhrt eine fortlaufende Liste von christlichen und republikanischen Leitern, die wegen Missbrauchs oder Ausbeutung von Kindern gefasst, beschuldigt, verklagt oder verurteilt wurden. Die Zahlen sind erschreckend: Hurst hat bis Ende Oktober 2025 188 christliche und republikanische Leiter identifiziert.

Besonders brisant: Im Vergleich dazu sind ähnliche Vorwürfe gegen Drag Queens oder trans Personen – die von Republikanern typischerweise mit dem "Groomer"-Schimpfwort belegt werden – praktisch nicht existent. Hurst merkt in seinem jüngsten Update an: "Konservative christliche Leiter sind so produktive Groomer und Missbraucher von Kindern, die Nachrichten sind so voll von diesen Geschichten."

Der Fall Joshua Kemper: Heuchelei in Reinform

Ein besonders verstörender Fall illustriert das Ausmaß dieser Heuchelei: Ein christlicher Jugendpastor, der Beiträge teilte, die behaupteten, Kinder seien in der Nähe von LGBTQ+-Menschen nicht sicher, wurde wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verhaftet. Der kalifornische Pastor Joshua David Kemper wurde Anfang der Woche wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit einem 15-jährigen Mädchen verhaftet.

Ermittler behaupten, dass Kemper zwischen März und Juli dieses Jahres eine sexuelle Beziehung mit der Teenagerin hatte. Die Vorfälle sollen in ihrem Zuhause, in seinem Fahrzeug und in der örtlichen Kirche stattgefunden haben. Während dieser Zeit teilte Kemper auf seinem Facebook-Account einen Beitrag, der suggerierte, dass LGBTQ+-Menschen eine Gefahr für Jugendliche darstellen.

Die "Groomer"-Lüge: Eine gefährliche Verschwörungstheorie

Die LGBTQ-Grooming-Verschwörungstheorie ist eine rechtsextreme Verschwörungstheorie und ein LGBTQ-feindliches Klischee, das behauptet, LGBTQ-Menschen und Unterstützer von LGBTQ-Rechten würden Child Grooming betreiben und sexuellen Kindesmissbrauch ermöglichen. Es gibt keine verlässlichen Beweise dafür, dass sexuelle Minderheiten eher Kinder missbrauchen.

Die Verbreitung dieser Rhetorik hat dramatisch zugenommen: Ein Bericht zeigt, dass die durchschnittliche Anzahl von Tweets pro Tag, die Schimpfwörter wie "Groomer" und "Pädophile" in Bezug auf LGBTQ+-Menschen verwenden, im Monat nach der Verabschiedung des Florida-Gesetzes um 406% anstieg. Vor der Übernahme durch Elon Musk gab es durchschnittlich 3.011 Tweets pro Tag, die die Groomer-Erzählung erwähnen. Diese Zahlen stiegen in den vier Monaten nach Musks Übernahme um 119 Prozent auf 6.596.

Deutschland: Parallelen im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche

Die Problematik ist nicht auf die USA beschränkt. Auch in Deutschland kämpft die katholische Kirche seit Jahren mit Missbrauchsskandalen. Die MHG-Studie stellte 2018 fest, dass 3.677 Kinder und Jugendliche seit dem Zweiten Weltkrieg Missbrauchsopfer katholischer Geistlicher geworden sind. 1.670 Priester und Diakone wurden zwischen 1946 und 2014 des sexuellen Missbrauchs beschuldigt.

Eine Studie des Ulmer Kinderpsychiaters Jörg Fegert geht von einer großen Zahl bislang nicht bekannter Missbrauchsfälle im kirchlichen Raum aus. Das Dunkelfeld liegt sowohl für die katholische als auch für die evangelische Kirche in Deutschland bei geschätzten 114.000 Missbrauchsopfern. Diese Zahlen verdeutlichen das erschreckende Ausmaß eines Problems, das lange Zeit systematisch vertuscht wurde.

Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland wurde zu Beginn des Jahres 2010 ein Thema von breitem öffentlichem Interesse. Ein Zeitungsbericht zu Missbrauchsfällen am Canisius-Kolleg in Berlin löste eine Welle der Berichterstattung aus.

Die wahre Bedrohung fĂĽr Kinder

Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Während rechtskonservative Akteure LGBTQ+-Menschen systematisch als Bedrohung für Kinder brandmarken, zeigen die Daten, dass die wahre Gefahr von ganz anderer Seite kommt. Diese rechten Akteure diskutieren niemals die große Anzahl sexueller Übergriffe auf Kinder, die von christlichen Leitern und Kirchen begangen werden, noch arbeiten sie jemals mit Organisationen zusammen, die sich tatsächlich der Beendigung von Kinderhandel und Missbrauch widmen.

Business Insider bemerkte, dass "der starke Rückgang der Unterstützung unter einigen Amerikanern auf ein besonders aggressives Jahr LGBTQ-feindlicher Rhetorik und Politik folgt", einschließlich falscher Vorwürfe des "Groomings". Diese Rhetorik hat reale, gefährliche Konsequenzen für LGBTQ+-Menschen weltweit.

Die Enthüllungen über fast 200 beschuldigte christliche Leiter im Jahr 2025 allein sollten zu einem Umdenken führen. Es ist höchste Zeit, dass die Gesellschaft die wahren Täter zur Rechenschaft zieht – und aufhört, LGBTQ+-Menschen für Verbrechen zu verteufeln, die sie nicht begehen.


Besorgniserregender Anstieg: Transphobie in Deutschland erreicht Höchststand

Die neueste Ausgabe der „Mitte-Studie" der Friedrich-Ebert-Stiftung, veröffentlicht am 6. November 2025, zeichnet ein alarmierendes Bild der deutschen Gesellschaft: Während 2022/23 noch 8 Prozent der Befragten ein rechtsextremes Weltbild teilten, ist dieser Anteil in der aktuellen Studie auf 3,3 Prozent zurückgegangen. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich eine beunruhigende Entwicklung – besonders für trans Menschen in Deutschland. Wie queer.de berichtet, hat die Transphobie einen neuen Höchststand erreicht, während die Homophobie leicht zurückgeht.

Erschreckende Zahlen: 19 Prozent finden trans Menschen "albern"

Die Studie, die 2.000 Menschen repräsentativ befragte, konfrontierte die Teilnehmenden mit zwei spezifischen Aussagen zur Queerfeindlichkeit. Während die These "Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen" von zwölf Prozent bejaht wurde – ein Rückgang von 16 Prozent im Jahr 2023 – zeigt sich bei trans Menschen ein gegenteiliger Trend. Insgesamt 19 Prozent der Befragten halten es für „albern", wenn trans Menschen offen mit ihrer geschlechtlichen Identität umgehen. Vor zwei Jahren waren es noch 17 Prozent, vor vier Jahren lediglich elf Prozent.

Diese Entwicklung ist mehr als ein statistischer Wert – sie spiegelt eine wachsende Feindseligkeit wider, die trans Menschen im Alltag spüren. In Deutschland berichteten 65 Prozent der trans Frauen von Diskriminierung in den letzten 12 Monaten, wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes dokumentiert.

Transphobie als "BrĂĽckenideologie" zum Rechtsextremismus

Besonders besorgniserregend: Die Studienautoren warnen, dass Queerfeindlichkeit als „Brückenideologie vermutlich Rechtsextremismus leicht aktivieren" könne. Rechtsextreme nutzen den Hass auf queere Menschen gezielt, um neue Anhänger zu gewinnen. Diese Instrumentalisierung zeigt sich in der politischen Landschaft Deutschlands deutlich. Anti-LGBTI-Rhetorik schießt vor wichtigen Abstimmungen oder Gesetzesreformen in die Höhe, wobei transphobische und LGBTI-feindliche Äußerungen unter Politikern in Europa zunehmen, wie ein Bericht von Euronews zeigt.

Genderverbote: Symbolpolitik mit realen Folgen

Die Mitte-Studie äußert sich auch kritisch zu den sogenannten "Genderverboten", die in mehreren Bundesländern eingeführt wurden. Die Autoren sehen darin eine problematische Normalisierung rechtsextremer Themen in der gesellschaftlichen Mitte. Sie weisen auf den Widerspruch hin, dass Rechtsaußen nach Meinungsfreiheit rufe, aber gleichzeitig "nach Gender- und damit Sprachverboten" verlange.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein gelten Genderzeichen in der Schule als Rechtschreibfehler. In Bayern und Hessen gehen die Verbote noch weiter und betreffen auch Hochschulen – im Gegensatz zu den beiden anderen Bundesländern, die keine so klaren Vorschriften für Hochschulen haben. Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus Söder hat das Gendern in Schulen, Hochschulen und Behörden verboten, wie die NZZ berichtet.

Dramatischer Anstieg queerfeindlicher Gewalt

Die ideologische Ablehnung schlägt sich auch in Gewalttaten nieder. Die polizeilichen Fallzahlen zeigen einen besorgniserregenden Anstieg queerfeindlicher Straftaten: Im Jahr 2023 wurden insgesamt 17.007 Fälle von Hasskriminalität im Kriminalpolizeilichen Meldedienst erfasst. Das Bundeskriminalamt dokumentiert diese alarmierende Entwicklung in seinem Lagebericht zur Sicherheit von LSBTIQ*.

Besonders dramatisch ist der Anstieg bei Straftaten gegen trans und intergeschlechtliche Menschen. Im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität" bedeutet dies einen Anstieg von Vorfällen gegen trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen um etwa 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wobei diese Bereiche auch Überschneidungen aufweisen können.

Dunkelziffer weit höher als offizielle Statistik

Experten gehen von einer erheblichen Dunkelziffer aus. Laut der Dunkelfeld-Studie „A long way to go for LGBTI equality" der Europäischen Agentur für Grundrechte aus dem Jahr 2020 zeigten 96 Prozent der LSBTIQ* Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an. Die Gründe: Sie hielten das Vergehen für „zu gering/nicht ernst genug" (33 Prozent) oder hatten Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen der Polizei (23 Prozent).

Was jetzt getan werden muss

Die Studienautoren fordern ein Umdenken: Statt über Gendersternchen zu streiten, sei es notwendig, sich "über den mangelnden Schutz vor verbaler und körperlicher Gewalt gegen Homosexuelle, Trans*-Menschen und Frauen oder über den Gender Pay Gap aufzuregen". Der schwule SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh betont, dass die Demokratie in einer Vertrauenskrise stecke und man diese "aus der Mitte der Gesellschaft heraus überwinden" müsse.

Die Mitte-Studie macht deutlich: Während sich die Mehrheit der Deutschen weiterhin demokratisch positioniert – fast vier von fünf Befragten bezeichnen sich grundsätzlich als überzeugte Demokraten – gibt es gleichzeitig besorgniserregende Tendenzen. Der Anstieg der Transphobie auf einen Höchstwert ist ein Warnsignal, das die Gesellschaft ernst nehmen muss. Trans Menschen brauchen Schutz, Akzeptanz und Sichtbarkeit – nicht Ablehnung und Gewalt.

Die vollständige Studie steht als PDF auf der Website der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Verfügung.


Zwischen Liebe zur Musik und Komplizenschaft mit UnterdrĂĽckung: Der Fall Justus Frantz

Es ist ein Bild, das verstört: Ein 81-jähriger queerer Musiker steht im Moskauer Kreml und nimmt aus den Händen von Wladimir Putin einen Freundschaftsorden entgegen – in einem Land, in dem seit Januar 2024 die "internationale LGBT-Bewegung" als extremistische Organisation eingestuft ist und Beschuldigten bis zu zwölf Jahren Gefängnis drohen. Wie queer.de berichtet, wurde der bekannte deutsche Pianist und Dirigent Justus Frantz am russischen Tag der nationalen Einheit im Kreml ausgezeichnet – eine Entscheidung, die für viele queere Menschen wie ein Schlag ins Gesicht wirkt.

Ein spätes Coming-out – und eine fragwürdige Entscheidung

Justus Frantz bezeichnete sich in der Vergangenheit selbst als "Putin-Versteher" und verteidigte sogar die russische Annexion der Krim als "Wiedergutmachung historischen Unrechts". Erst im vergangenen Jahr, kurz vor seinem 80. Geburtstag, hatte sich Frantz öffentlich geoutet – zunächst in seiner Biografie, später mit der Bekanntgabe seiner Beziehung zu seinem 53 Jahre jüngeren Manager Sebastian Kunzler. Ein mutiger Schritt, sollte man meinen. Doch seine Entscheidung, trotz westlicher Sanktionen nach Russland zu reisen und dort eine Auszeichnung entgegenzunehmen, wirft die Frage auf: Wo endet die Liebe zur Musik, und wo beginnt die Komplizenschaft mit einem unterdrückenden Regime?

"Das ist für mich eine große Ehre, dass ich heute hier sein kann und ich so einen wichtigen Orden habe", sagte Frantz auf Russisch zu Putin und betonte seine lebenslange Liebe zur russischen Musik, insbesondere zu den Werken von Tschaikowsky und Rachmaninow. Diese Worte fallen in einem Land, in dem der Oberste Gerichtshof die internationale LGBTQ+-Community als "extremistische Organisation" einstufte und damit Tür und Tor für die willkürliche Verfolgung und Inhaftierung von LGBTQ+-Personen öffnete.

Die brutale Realität für queere Menschen in Russland

Während Frantz im Kreml gefeiert wurde, leben queere Menschen in Russland in ständiger Angst. Das 2013 verabschiedete "Schwulen-Propaganda-Gesetz" führte Beschränkungen für Rollenmodelle von LGBTQ-Personen unter Minderjährigen ein und bestrafte die Verbreitung von Materialien, die "nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen" darstellen. Das Gesetz wurde 2022 zusätzlich verschärft und gilt nun auch gegenüber Erwachsenen.

Das neue Gesetz verbietet Werbung, Medien- und Online-Inhalte, Bücher, Filme und Theateraufführungen, die "LGBTQ-Propaganda" enthalten – in der Praxis reicht dafür oft die Darstellung eines Regenbogens als LGBTQ-Symbol. Bereits unmittelbar nach Verkündung des Gesetzes kam es zu ersten Razzien an Community-Orten, und es häufen sich Berichte über Erpressungen, Kündigungen, Drohungen und Angriffe, die die Betroffenen nicht anzeigen können.

Menschen könnten aufgrund unbegründeter Extremismusvorwürfe ins Gefängnis kommen, wenn die Behörden sie als Teil der sogenannten "internationalen LGBTI-Bewegung" ansehen. Selbst Symbole wie die Regenbogenflagge könnten als extremistisch verboten werden.

Parallelen in Deutschland: Wenn Exil die einzige Option ist

Die Situation in Russland ist auch für Deutschland relevant. Eine zunehmende Zahl an LGBT-Personen migriert aufgrund der beschriebenen Entwicklungen ins Ausland und auch nach Deutschland, wo sich der Verein Quarteera, ein Zusammenschluss russischsprachiger queerer Menschen, unter anderem für sie einsetzt. Wie queer.de bereits 2022 berichtete, kennt ein Berliner Kunsthistoriker Hunderte Russinnen und Russen, die wie er selbst wegen politischen Drucks oder eines vergifteten Klimas unter Präsident Wladimir Putin nach Deutschland zogen, vor allem nach Berlin.

Ein Fünftel der Russinnen und Russen möchte laut Umfragen im Ausland leben, darunter auch viele Homosexuelle, die es im intoleranten Heimatland nicht mehr aushalten. Diese Menschen fliehen vor genau jenem System, das Justus Frantz nun mit seiner Anwesenheit und seinen lobenden Worten legitimiert.

Ein Signal mit verheerender Wirkung

In Deutschland sorgt Frantz' Auszeichnung für Kopfschütteln. Seine Entscheidung sendet ein verheerendes Signal an queere Menschen in Russland, die täglich um ihre Sicherheit und Freiheit kämpfen. Als stellvertretendes Symbol für den "Westen" und seine Werte wird die LSBTIQ-Community zur Zielscheibe von Politik und Justiz Russlands gemacht. In diesem Kontext wirkt Frantz' Auftritt im Kreml wie ein Verrat an der eigenen Community.

Es stellt sich die Frage: Kann kultureller Austausch jemals unpolitisch sein, wenn er in einem autoritären Regime stattfindet, das systematisch Minderheiten verfolgt? Queere Identitäten in autoritären Systemen sind nie sicher – selbst dann nicht, wenn sie scheinbar akzeptiert werden. Diese historische Lektion scheint Frantz ignoriert zu haben.

Die Verantwortung prominenter queerer Personen

Justus Frantz mag ein großartiger Musiker sein, dessen Liebe zur russischen Kultur tief und authentisch ist. Doch in Zeiten, in denen alle, die sich für die Rechte sexueller Minderheiten einsetzen und bislang eingesetzt hatten, potenzielle "Extremisten" sind, denen jahrelange Haftstrafen drohen, wiegt die Symbolkraft seiner Entscheidung schwer. Seine Anwesenheit im Kreml und seine dankbaren Worte an Putin verleihen einem Regime Legitimität, das queere Menschen systematisch unterdrückt, verfolgt und zum Schweigen bringt.

Verfolgte und besonders schutzbedürftige LSBTIQ-Personen aus Russland benötigen dringend Aufnahme in Deutschland – gemäß dem Aktionsplan "Queer leben" der Bundesregierung und den Leitlinien für eine feministische Außenpolitik. Während deutsche queere Aktivistinnen und Aktivisten für genau diese Solidarität kämpfen, steht ein prominenter queerer Musiker im Kreml und lässt sich feiern.

Der Fall Justus Frantz zeigt schmerzlich, dass Sichtbarkeit und ein spätes Coming-out allein noch keine politische Verantwortung bedeuten. Wahre Solidarität mit der queeren Community erfordert mehr als nur das eigene Outing – sie erfordert den Mut, nicht mit jenen zu paktieren, die andere queere Menschen verfolgen, einsperren und ihrer grundlegendsten Rechte berauben.


Nach 22 Jahren: Mord aus Schwulenhass vor Gericht in Paderborn

Es ist ein Fall, der die Wunden queerfeindlicher Gewalt in Deutschland schmerzhaft aufzeigt: Seit Mittwoch verhandelt das Landgericht Paderborn über den mutmaßlichen Mord an Tino Werner, einem 29-jährigen schwulen Kellner aus Bad Driburg. Die Tat liegt 22 Jahre zurück – doch durch moderne DNA-Analysen konnte der Fall wieder aufgerollt werden. Der ursprüngliche Bericht stammt von queer.de.

DNA-Reihenanalyse fĂĽhrt zum Durchbruch

Im Herbst 2003 wurde Tino Werner in seiner Kellerwohnung in Bad Driburg ermordet. Der Täter soll aus Hass auf Homosexuelle und akuter Geldnot gehandelt haben. Die Ermittlungsgruppe „Cold Case Ostwestfalen" nahm den Fall nach Jahren wieder auf und bewertete ihn mit modernen kriminaltechnischen Methoden neu. Grundlage für den Durchbruch war eine aktuelle DNA-Reihenuntersuchung, an der über 120 Personen aus dem damaligen Umfeld des Opfers teilnahmen. Unter den ersten zehn Proben wurde das gesuchte DNA-Profil gefunden.

Erst durch eine erneute Analyse des Spurenmaterials mit aktuellen forensischen Methoden sei ein klareres DNA-Profil erstellt worden. Die Auswertung übernahm ein privates Institut für forensische Molekulargenetik aus Emsdetten. Im Mai 2025 wurde der heute 57-jährige Tatverdächtige an seinem Arbeitsplatz im Bergischen Land festgenommen.

Gewalt aus Hass: Ein gesellschaftliches Problem

Der Fall ist kein Einzelfall. Im Jahr 2023 richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* Personen. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Die aktuellsten Zahlen für 2024 zeigen eine weitere dramatische Entwicklung: 1.765 Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung (+17,75 %) sowie 1.152 aufgrund geschlechtsbezogener Diversität (+34,89 %) wurden registriert.

Besonders besorgniserregend: Zudem müssen wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an. Trotz des Anstiegs der gemeldeten Fälle legen Erhebungen nahe, dass die Dunkelziffer weiterhin hoch ist. Laut der Umfrage der EU-Grundrechteagentur FRA von 2024 meldeten nur zehn Prozent der Polizei einen queerfeindlichen Vorfall.

Cold Cases: Wenn moderne Technik alte Fälle löst

Der Fall Tino Werner zeigt, wie wichtig spezialisierte Cold-Case-Einheiten sind. Als Cold-Case-Ermittlungen werden neue polizeiliche Ermittlungen in einem bisher ungeklärten Kriminalfall bezeichnet. Da Mord oder andere schwere Straftaten in zahlreichen Ländern nicht oder erst nach mehreren Jahrzehnten verjähren und sich die Kriminaltechnik ständig weiterentwickelt, beispielsweise die DNA-Analyse, können ungeklärte Mordfälle mitunter auch nach Jahrzehnten noch aufgeklärt und die Täter verurteilt werden.

In Deutschland gibt es seit 2015/2016 verstärkt Cold-Case-Einheiten in verschiedenen Bundesländern. Die vier Ermittler der Hamburger Cold Case Unit rollen ungelöste Fälle mit neuen Methoden noch einmal auf: So nutzen sie unter anderem neueste Kriminaltechnik wie die DNA-Analyse oder die 3D-Tatortrekonstruktion. Schätzungsweise 3.000 dieser Altfälle existieren deutschlandweit – etwa 1.000 davon allein in Nordrhein-Westfalen.

Die Angehörigen leiden bis heute

Für die Familie von Tino Werner ist der Schmerz auch nach mehr als zwei Jahrzehnten präsent. Sein Neffe Marcel Rehermann erklärte gegenüber Radio Hochstift: "Die Verstorbenen unserer Familie liegen hier alle in Dringenberg auf dem Friedhof. Und so macht man natürlich regelmäßig seine Rundgänge. Und natürlich kommt dann immer die Tat wieder hoch, wenn man an dem Grab steht, ganz klar."

Der Tatverdächtige soll damals in die Kellerwohnung seines Opfers eingedrungen sein, dieses niedergeschlagen und anschließend ein Verreisen des Getöteten vorgetäuscht haben, um die Entdeckung der Tat zu verzögern. Dabei soll er dem Kellner auch dessen Portemonnaie mit etwa 100 bis 150 Euro Bargeld gestohlen haben.

Eine Gesellschaft muss hinschauen

Der Prozess in Paderborn, für den Verhandlungstage bis Mitte Januar angesetzt sind, ist mehr als die Aufarbeitung eines einzelnen Verbrechens. Er zeigt, wie wichtig es ist, queerfeindliche Gewalt konsequent zu verfolgen – auch Jahrzehnte später. Die polizeilichen Fallzahlen zeigen einen besorgniserregenden Anstieg queerfeindlicher Straftaten über die vergangenen Jahre. Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend, so Bundesinnenministerin Nancy Faeser im Dezember 2024.

Für queere Menschen in Deutschland bleibt die Botschaft zwiespältig: Einerseits zeigt der Fall, dass Mord nicht verjährt und Gerechtigkeit auch nach Jahrzehnten noch möglich ist. Andererseits macht er deutlich, dass queere Menschen in Deutschland jedes Mal darüber nachdenken müssen, ob sie beispielsweise in der Öffentlichkeit Händchen halten oder anders als queer sichtbar sind. Das ist ein deutlicher Einschnitt in die persönliche Freiheit und das Sicherheitsempfinden von Millionen Menschen in diesem Land.

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Tino Werner ist ein wichtiger Schritt – aber er darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass queerfeindliche Gewalt ein aktuelles und wachsendes Problem bleibt, das entschlossenes Handeln erfordert.


„Sie zerstören Kinderleben": Eltern von trans Jugendlichen prangern Pubertätsblocker-Verbot in Großbritannien an

Während in Deutschland das Selbstbestimmungsgesetz seit November 2024 trans Menschen mehr Rechte bei der Änderung ihres Geschlechtseintrags gewährt, kämpfen Familien in Großbritannien gegen ein rigides Verbot, das die Leben ihrer Kinder bedroht. Eltern von Kindern, die geschlechtsangleichende Versorgung bei Hausarztpraxen in East Sussex erhalten, haben das Leben als „grauenhaft" und „unmenschlich" bezeichnet, nachdem Gesundheitsminister Wes Streeting im Dezember 2024 ein unbefristetes Verbot neuer NHS-Verschreibungen von Pubertätsblockern für alle unter 18 Jahren verhängt hatte, wie Pink News berichtet.

Der Fall WellBN: Wenn medizinische Versorgung zur politischen Schachfigur wird

Die WellBN-Hausarztpraxis in Brighton und Hove, wo etwa 26.000 Patient*innen an drei Standorten behandelt werden, wurde vom NHS Sussex Integrated Care Board (ICB) untersucht, weil sie weiterhin Medikamente an trans Jugendliche verschrieb. Die Tragik: Dies geschah, obwohl die Regierungswebsite klarstellt, dass „NHS-Patient*innen, die diese Medikamente bereits wegen Geschlechtsinkongruenz und/oder Geschlechtsdysphorie erhalten, weiterhin Zugang zu ihnen haben können".

Eine Mutter, die nur als „Laura" bekannt ist, beschrieb die Situation ihrer Tochter: Ihre Tochter begann im Alter von 12 Jahren mit Pubertätsblockern und durchlief in den letzten vier Jahren die weibliche Pubertät vollständig, einschließlich Brustwachstum. Sie bezeichnete das Verbot als „erzwungene Detransition" und „unmenschlich". Mit verzweifelten Worten fügte sie hinzu: „Man kann Kinder nicht einfach nach Jahren der Transition von diesen Medikamenten abreißen. Meine Tochter hat nie die männliche Pubertät durchlaufen. Sie wissen, dass dies wahrscheinlich zu Suiziden führen wird. Es ist ihnen egal. Wir haben jahrelang alle Hürden genommen und das getan, was die Regierung von uns verlangte".

Wissenschaftliche Beweise fĂĽr den Schaden

Eine Studie der University of London, durchgeführt von der trans Wissenschaftlerin Dr. Natacha Kennedy, zeigte, dass die Entscheidung der Regierung, die physisch reversible geschlechtsangleichende Behandlung zu verbieten, „erheblich, umfassend und unerbittlich trans Kinder und Jugendliche schädigt". Die im Journal of Gender Studies veröffentlichte Forschung ergab sehr ernsthafte negative Auswirkungen, einschließlich stark rückläufiger mentaler Gesundheit, zunehmender Depression, sozialer Isolation, Angst, Stress, Selbstverletzung, Schulverweigerung und Suizidgedanken.

Ein wiederkehrendes Thema war die „überwältigende Verzweiflung" von transgender Jugendlichen, denen die Behandlung verweigert wurde, was in „starkem Kontrast" zu der Beschreibung ihrer Eltern oder Betreuer vor Inkrafttreten des Verbots stand. Es gab auch einen bemerkenswerten Unterschied zwischen der mentalen Gesundheit von trans Teenagern, denen Pubertätsblocker verweigert wurden, und jenen, die bereits in Behandlung waren.

Deutschland: Ein anderer Weg ist möglich

Während Großbritannien trans Jugendliche und ihre Familien im Stich lässt, geht Deutschland einen progressiveren Weg. Das neue Selbstbestimmungsgesetz erleichtert es trans- und intergeschlechtlichen Menschen, das eingetragene Geschlecht und den Vornamen zu ändern. Die Regelungen, die für medizinische Maßnahmen wie Operationen gelten, ändern sich mit dem Selbstbestimmungsgesetz nicht. Wichtig zu verstehen: Das SBGG trifft keine Regelungen zu geschlechtsangleichenden medizinischen Maßnahmen. Das Gesetz regelt ausschließlich die Frage, unter welchen Voraussetzungen die Änderung des Geschlechtseintrags und der Vornamen im Personenstandsregister möglich ist. Für geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen gelten weiterhin die einschlägigen medizinischen Regelungen und Leitlinien.

Dennoch gibt es auch in Deutschland kontroverse Diskussionen. Der Deutsche Ärztetag forderte die Bundesregierung auf, dass Pubertätsblocker, geschlechtsumwandelnde Hormontherapien oder entsprechende Operationen bei unter 18-jährigen mit Geschlechtsinkongruenz nur im Rahmen kontrollierter wissenschaftlicher Studien zugelassen werden sollten. Diese Position steht jedoch im Widerspruch zu medizinischen Fachgesellschaften, die die Versorgung trans Jugendlicher befürworten.

Ärzt*innen unter Druck: Das Beispiel Dr. Sam Hall

Dr. Sam Hall, der früher an einer der Praxen arbeitete, sagte: „NHS Sussex hat WellBN zweimal mit dem Entzug des GMS-Vertrags gedroht. WellBN kümmert sich seit über fünf Jahren um trans Jugendliche mit vollem Wissen von NHS Sussex und NHS England. Warum ist dies plötzlich ein Problem? Dies ist eine Mobbing-Taktik, die darauf abzielt, sie einzuschüchtern, lebensrettende Versorgung zurückzuziehen, trotz Warnungen von Gerichtsmedizinern über das Lebensrisiko für trans Jugendliche".

Was können wir aus Großbritannien lernen?

Die Situation in Großbritannien sollte als Warnung dienen. Pubertätsblocker für unter-18-Jährige mit Geschlechtsdysphorie wurden unbefristet im Vereinigten Königreich verboten wegen eines angeblichen „unannehmbaren Sicherheitsrisikos", obwohl die NHS beschrieben hat, dass die Effekte reversibel sind, und es keine definitiven Beweise dafür gibt, dass sie schädlich sind. Eine unabhängige Studie fand im September 2024, dass sie im Allgemeinen sicher für die Anwendung bei transgender Jugendlichen sind.

In Deutschland müssen wir wachsam bleiben. Die medizinische Versorgung von trans Jugendlichen darf nicht zum Spielball politischer Ideologien werden. Die Bundesregierung empfiehlt nicht die Einnahme von Pubertätsblockern. Die Entscheidung über die Verschreibung von Pubertätsblockern liegt ausschließlich im Ermessen der behandelnden Fachärztinnen und -ärzte – und genau so sollte es bleiben: als medizinische Entscheidung zwischen Patient*in, Eltern und Ärzt*innen.

Die menschliche Dimension nicht vergessen

Hinter jeder Statistik, jedem Gesetz und jeder politischen Debatte stehen echte Menschen – Kinder, die einfach nur sie selbst sein wollen, und Eltern, die verzweifelt versuchen, ihre Kinder zu schützen. Eine weitere Mutter aus dem Artikel beschrieb, wie sich die Situation ihres Kindes „so viel verschlimmert" habe und klagte an: „Der ICB hat gesagt, dass sie keine Pubertätsblocker mehr an unter-16-Jährige verschreiben dürfen, unabhängig davon, dass diese Kinder vor dem Verbot verschrieben wurden. Sie werden nicht mit uns oder unserem Kind sprechen, ein anonymes medizinisches Team wird ihre Akten überprüfen und einen medizinischen Plan erstellen, ohne jemals ein Gespräch mit uns zu führen".

Die britische Erfahrung zeigt uns eindringlich: Wenn wir die Selbstbestimmung und medizinische Versorgung von trans Menschen einschränken, schützen wir keine Kinder – wir gefährden sie. In Deutschland haben wir mit dem Selbstbestimmungsgesetz einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Jetzt gilt es, diesen Weg konsequent weiterzugehen und sicherzustellen, dass trans Jugendliche auch weiterhin Zugang zu der medizinischen Versorgung haben, die sie brauchen.


SaarbrĂĽcken bekommt "Goldenen Kitt": Stadtrat beschlieĂźt einzigartigen Gedenkort fĂĽr queere Verfolgungsopfer

In der Faßstraße am St. Johanner Markt entsteht etwas Besonderes: Der Saarbrücker Stadtrat hat die Umsetzung des queeren Gedenkorts "Saarbrückens Goldener Kitt" beschlossen. Das Kunstwerk verbindet dabei queere Erinnerungskultur mit einem innovativen Konzept, das Wunden sichtbar macht und zugleich heilt – Erinnerungskultur als Instrument, um das Ende gesellschaftlicher Unterdrückung zu erreichen. Der Beschluss vom Dienstag stellt rund 200.000 Euro für das Projekt zur Verfügung, wie queer.de berichtet.

Kintsugi: Die Kunst, BrĂĽche wertvoll zu machen

Der Entwurf der Münchner Landschaftsarchitektin und Künstlerin Jutta Treichel, der sich im Juni gegen acht andere Vorschläge durchsetzte, greift eine tiefe kulturelle Metapher auf: Kintsugi, was wörtlich "mit Gold zusammenfügen" bedeutet, ist eine Mischung aus traditionsreicher Handwerkskunst und Philosophie, bei der die Klebestellen von zerbrochenen Scherben nicht versteckt, sondern mithilfe von Gold, Silber oder Platin stolz zur Schau gestellt werden.

Diese mit dem Zen-Buddhismus verwobene Philosophie findet Schönheit in Einfachheit, Vergänglichkeit und Unvollkommenheit und lehrt die Wertschätzung des Unvollständigen sowie die Anerkennung der Zeit und Geschichte, die in den Rissen und Reparaturen eines Objekts gespeichert sind. Ein goldener Riss im Pflaster soll als Symbol für die Brüche durch jahrzehntelange Verfolgung queerer Menschen dienen – und zugleich für Heilung, Sichtbarkeit und Zusammenhalt stehen.

Ein Standort mit Geschichte

Der St. Johanner Markt mit seinen Boutiquen, exzellenten Restaurants, angesagten Kneipen und Bistros bildet das Herzstück des Saarbrücker Lebens. Die Faßstraße, unweit früherer queerer Szenelokale, soll eine Brücke zwischen der Geschichte und der Gegenwart der queeren Community in Saarbrücken schlagen. Nur wenige hundert Meter entfernt befand sich das "History", das von 1993 bis 2022 zu den ikonischen queeren Treffpunkten der Stadt gehörte.

Treichel erklärt, dass der Entwurf bewusst den bestehenden städtebaulichen Kontext integriert und auf ortsspezifische Elemente zurückgreift, wie die markante Pflastergestaltung des Künstlers Paul Schneider und die prägnanten Gingko-biloba-Bäume, die sich im Herbst golden färben. An dem Kunstwerk angebrachte QR-Codes sollen später auf weitergehende Info-Seiten zur Verfolgung des queeren Lebens verweisen.

123 Jahre strafrechtliche Verfolgung

123 Jahre war Homosexualität mit § 175 in Deutschland strafbar – das gesetzliche Verbot wurde erst 1994 endgültig abgeschafft. Etwa 53.000 Männer wurden auf Basis von Paragraph 175 von der NS-Justiz verurteilt, und es wird davon ausgegangen, dass etwa 10.000 als homosexuell verfolgte Männer in Konzentrationslagern inhaftiert waren. In der Bundesrepublik kam es zwischen 1949 und 1969 zu etwa 50.000 Verurteilungen.

Nach 1935, nach der Rückgliederung des Saargebietes an Hitler-Deutschland, steht die Geschichte der Homosexuellen in dieser Region im Kontext von systematischer Diskriminierung, Verfolgung, Verhaftung und Ermordung. Die Geschichte der Homosexuellen in der Saar-Region ist bis heute noch nicht vollständig aufgearbeitet.

Teil einer wachsenden Erinnerungskultur

Der Gedenkort in Saarbrücken reiht sich ein in eine wachsende queere Erinnerungskultur in Deutschland. In Berlin wurde das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen am 27. Mai 2008 der Öffentlichkeit übergeben, nachdem sich die Initiative und der LSVD sechzehn Jahre für solch einen Gedenkort eingesetzt hatten. In Mainz wurde am Ernst-Ludwig-Platz eine Gedenkstele für alle errichtet, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung in der Nazi-Zeit und auch danach verfolgt wurden – die erste Stele in Deutschland, mit der allen Opfern mit LSBTIQ-Hintergrund gleichzeitig gedacht wird.

Am 27. Januar 2023, dem "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus", gedachte der Deutsche Bundestag erstmals der queeren Opfer des Nationalsozialismus und verschwieg dabei nicht, dass auch die Bundesrepublik in ihrer Geschichte queere Menschen diskriminiert und verfolgt hat – eine Premiere in der Erinnerungskultur.

"Starkes Zeichen gegen Diskriminierung"

Der Gedenkort geht auf einen Antrag der GrĂĽnen-Fraktion im Stadtrat aus dem Jahr 2019 zurĂĽck. Thomas Brass, kulturpolitischer Sprecher der grĂĽnen Stadtratsfraktion und Mitglied der Jury zur Findung des Siegerentwurfs, betont: "Damit setzen wir ein starkes Zeichen gegen Diskriminierung und fĂĽr gesellschaftliche Vielfalt in SaarbrĂĽcken."

"Die Verfolgung queerer Menschen über mehr als ein Jahrhundert hinweg ist ein tiefes Unrecht, das uns verpflichtet, aktiv daran zu erinnern", so Brass weiter. "Über 123 Jahre lang wurden schwule Männer aufgrund des Paragrafen 175 StGB strafrechtlich verfolgt. Mit diesem Gedenkort schaffen wir nicht nur einen Platz der Würdigung, sondern auch ein Zeichen der Solidarität, das Mut macht, für Akzeptanz und Vielfalt einzustehen."

Mit dem "Goldenen Kitt" setzt Saarbrücken damit ein innovatives Zeichen in der deutschen Erinnerungslandschaft – ein Kunstwerk, das die Narben der Verfolgung nicht verbirgt, sondern in goldenem Licht erstrahlen lässt.


Brutaler Reizgas-Angriff in Kreuzberg: Wenn Homophobie zur nächtlichen Bedrohung wird

Ein Sonntagmorgen, der eigentlich friedlich hätte enden sollen: Ein 20-jähriger Mann verlässt gegen 6 Uhr eine Bar in der Kreuzberger Ritterstraße – und wird zum Opfer eines homophoben Angriffs. Vier Unbekannte sprühten ihm Reizgas ins Gesicht, woraufhin er zu Boden ging und die Angreifer auf ihn eintraten, wie die Berliner Polizei berichtet. Seine Begleiterin musste miterleben, wie die Täter nach homophoben Beleidigungen auf ihren Freund losgingen, bevor sie in unbekannte Richtung flüchteten.

Berlin als Brennpunkt queerfeindlicher Gewalt

Der Vorfall reiht sich ein in eine erschreckende Entwicklung: Die Zahl queerfeindlicher Straftaten in Berlin erreichte mit 588 Vorfällen im Jahr 2023 einen neuen Höchststand. Noch alarmierender: Die Zahl der Gewaltdelikte lag 2022 mit 148 Gewalttaten höher als je zuvor, 2023 mit 127 Fällen weiterhin auf einem deutlich erhöhten Niveau. Der dritte Monitoringbericht zu queerfeindlicher Gewalt, der im Dezember 2024 erschien, zeichnet ein düsteres Bild der Sicherheitslage für LGBTQ+-Menschen in der selbsternannten "Regenbogenhauptstadt".

Die geografische Verteilung der Übergriffe zeigt ein klares Muster: Ein besonders großer Teil der Fälle wird in Mitte (24,8 %), Tempelhof-Schöneberg (17,6 %) und Friedrichshain-Kreuzberg (17,4 %) angezeigt. Ausgerechnet dort, wo queeres Leben am sichtbarsten ist, lauert auch die größte Gefahr.

Deutschland: Dramatischer Anstieg bundesweit

Was in Berlin geschieht, spiegelt einen besorgniserregenden bundesweiten Trend wider. 1.765 Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung (+17,75 %) sowie 1.152 aufgrund geschlechtsbezogener Diversität (+34,89 %) wurden 2023 deutschlandweit registriert. Die Zahl der Straftaten im Bereich "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht, wie das Bundeskriminalamt mitteilt.

Jeden Tag gibt es mindestens drei Angriffe auf Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche und queere Menschen – so die offiziellen Zahlen. Doch Expert*innen warnen: Laut Albrecht Lüter ist davon auszugehen, dass „neun von zehn Fällen in polizeilichen Statistiken gar nicht auftauchen". Die Dunkelziffer ist erschreckend hoch.

Die Täter: Männlich, gewaltbereit, oft vorbestraft

Das Profil der Täter ist eindeutig: Die polizeilich ermittelten Tatverdächtigen sind fast ausnahmslos männlich, insbesondere bei Gewaltdelikten. Das Alter der Tatverdächtigen verteilt sich auf die gesamte Altersspanne von Minderjährigen unter 18 Jahren (12,7 %) bis zu über 60-Jährigen (12,1 %), die Altersgruppe zwischen 30 und 39 Jahren wird am stärksten auffällig (21,7 %).

Besonders beunruhigend: Zur großen Mehrheit (78,0 %) verfügt die Polizei vielmehr über Vorerkenntnisse zu den ermittelten Personen. Es handelt sich also nicht um Einzeltäter, die einmal die Kontrolle verlieren, sondern oft um Menschen mit krimineller Vergangenheit.

Staatsschutz ermittelt – Berlins Vorreiterrolle

Im aktuellen Fall von Kreuzberg hat wie üblich der Polizeiliche Staatsschutz des Landeskriminalamts die Ermittlungen übernommen. Berlin gilt bundesweit als Vorreiter im Umgang mit queerfeindlicher Hasskriminalität. Seit 2012 verfügt die Staatsanwaltschaft Berlin als europaweit einzige Strafverfolgungsbehörde über eine Sonderzuständigkeit für die spezialisierte, konzentrierte und opferorientierte Verfolgung homophober und transphober Hasskriminalität.

Diese konsequente Haltung führt dazu, dass spezielle Ansprechpersonen bei Polizei und Staatsanwaltschaft existieren und queerfeindliche Übergriffe gezielt publik gemacht werden. Das erklärt auch, warum aus Berlin überproportional viele Fälle gemeldet werden – nicht weil es hier gefährlicher ist, sondern weil die Sensibilität höher ist.

Wenn die Nacht zur Gefahrenzone wird

Der Angriff ereignete sich in den frühen Morgenstunden – keine Seltenheit. Mehr als die Hälfte aller Vorfälle fand zudem in den Abend- und Nachtstunden statt. Die Hälfte der erfassten queerfeindlichen Straftaten spielten sich 2023 im öffentlichen Raum (44,6 %) und ÖPNV (11,2 %) ab.

Für viele queere Menschen bedeutet das: Deswegen würden viele Transpersonen es meiden, nachts vor die Tür zu gehen. Die Angst vor Gewalt schränkt die Bewegungsfreiheit ein – ein Grundrecht, das für viele zur Verhandlungssache geworden ist.

Politische Forderungen und gesellschaftliche Verantwortung

Als LSVD+ kritisieren wir, dass das Bundesinnenministerium kein Wort zur verschärften Bedrohungslage für LSBTIQ+ verloren hat, trotz der massiv gestiegenen dokumentierten Straftaten gegen queere Menschen. Diese Ignoranz ist brandgefährlich, insbesondere im Vorfeld der kommenden CSD-Saison, mahnt der Lesben- und Schwulenverband Deutschland.

Doch es geht nicht nur um Polizeiarbeit. „Hasskriminalität gegen die sexuelle Orientierung und/oder sexuelle Identität ist gesellschaftlich breiter verankert und geht nur zu einem kleineren Teil auf ein politisch organisiertes Spektrum zurück", stellen die Autor*innen des Monitoringberichts fest. Homophobie ist kein Randphänomen extremistischer Gruppen – sie ist in der Mitte der Gesellschaft verankert.

Der 20-Jährige aus Kreuzberg wurde ambulant behandelt. Seine körperlichen Verletzungen werden heilen. Doch die Narben solcher Übergriffe bleiben oft unsichtbar – und erinnern daran, dass Gleichberechtigung auf dem Papier noch lange nicht Sicherheit im Alltag bedeutet.


Vandalismus bei EHRC: Trans-Aktivist*innen attackieren Menschenrechts-Watchdog

In den frühen Morgenstunden des 31. Oktober 2025 attackierte die trans-geführte Aktionsgruppe BASH BACK die Zentrale der britischen Equality and Human Rights Commission (EHRC) in London mit Sachbeschädigung: Fensterscheiben wurden zertrümmert und rosafarbene Farbe versprüht. Die Gruppe beschreibt sich selbst als "trans-led direct action project focused on total transgender liberation" und reagiert damit auf die umstrittene Interim-Richtlinie der EHRC zu geschlechtergetrennten Räumen, die im April 2025 nach einem wegweisenden Urteil des britischen Supreme Courts veröffentlicht wurde. Der Vorfall wurde von PinkNews dokumentiert.

Ein Gerichtsurteil mit weitreichenden Folgen

Im April 2025 entschied der UK Supreme Court einstimmig im Fall For Women Scotland vs Scottish Ministers, dass die Begriffe "Mann", "Frau" und "Geschlecht" im Equality Act 2010 ausschlieĂźlich das biologische Geschlecht meinen und nicht das durch ein Gender Recognition Certificate (GRC) bescheinigte Geschlecht. Dieses Urteil hat erhebliche Auswirkungen auf trans Personen in GroĂźbritannien.

Die darauffolgende Interim-Richtlinie der EHRC empfahl Organisationen und Dienstleistern, trans Frauen und trans Männern den Zugang zu geschlechtergetrennten Einrichtungen wie Umkleideräumen und Toiletten zu verwehren, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechen. Noch drastischer: In manchen Fällen könnten trans Personen auch von Räumen ausgeschlossen werden, die ihrem "biologischen Geschlecht" entsprechen, etwa wenn ein trans Mann durch seine geschlechtsangleichende Transition ein "maskulines Erscheinungsbild" entwickelt hat.

Scharfe Kritik aus der Zivilgesellschaft

Die Richtlinien wurden seit ihrer Veröffentlichung von trans, LGBTQ+ und Menschenrechtsorganisationen sowie Abgeordneten heftig kritisiert. Michael O'Flaherty, Kommissar für Menschenrechte des Europarates, warnte in einem Schreiben, dass der "Null-Summen-Ansatz" des Vereinigten Königreichs bei trans Rechten zu einem "weitreichenden Ausschluss von trans Personen aus vielen öffentlichen Räumen" führen würde.

Sechs Organisationen, darunter TransActual, Amnesty International und die Trans+ Solidarity Alliance, haben formelle Verfahren eingeleitet, um der EHRC ihren A-Status als nationale Menschenrechtsinstitution zu entziehen, und bezeichneten die Behörde als "nicht zweckdienlich".

BASH BACK: Eine Geschichte des Widerstands

BASH BACK ist keine neue Erscheinung. Dies ist nicht der erste Vandalismus-Akt der Gruppe: Im September attackierte sie das Brighton Centre vor der FiLiA-Konferenz, im August vandalisierte sie das Büro des Gesundheitsministers Wes Streeting in Ost-London. Streeting hatte die Entscheidung getroffen, Pubertätsblocker für trans Minderjährige zu verbieten.

Ein Sprecher von BASH BACK erklärte: "Trotz intensivem rechtlichem und politischem Druck beabsichtigen sie immer noch, ihre Richtlinie - die trans Personen aus allen geschlechtergetrennten Räumen ausschließt - der Regierung vorzulegen, in einem zynischen Versuch, uns aus dem öffentlichen Leben zu löschen".

Parallelen zur deutschen Debatte

Die Entwicklungen in Großbritannien werfen auch ein Schlaglicht auf die Situation in Deutschland. Während das Vereinigte Königreich mit den restriktiven EHRC-Richtlinien kämpft, hat Deutschland im April 2024 einen anderen Weg eingeschlagen: Der Bundestag verabschiedete das Selbstbestimmungsgesetz, das Transgender und nicht-binären Menschen erlaubt, ihre rechtlichen Dokumente durch ein auf der Selbstbestimmung basierendes Verwaltungsverfahren anzupassen.

Dennoch bleibt auch in Deutschland die Debatte um geschlechtergetrennte Räume kontrovers. Nach dem Selbstbestimmungsgesetz muss trans Personen nach der Änderung des Geschlechtseintrags der Zugang zu geschlechtsspezifischen Einrichtungen wie Umkleideräumen oder Sanitäreinrichtungen gewährt werden. Für Ausnahmen genügt jedoch nicht allein das subjektive Angstempfinden anderer Personen, denn Vorurteile zeigen sich häufig gerade in subjektiven Ängsten. Hinsichtlich trans Personen lassen sich diese in aller Regel nicht statistisch belegen.

Ein eskalierender Kulturkampf

Die Aktion von BASH BACK ist symptomatisch für einen sich verschärfenden Kulturkampf um trans Rechte in Europa. Während trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen noch immer mit weit verbreiteten Vorurteilen zu kämpfen haben, die zu Diskriminierungen und Gewalt in unterschiedlichen Lebensbereichen führen, stehen sie zugleich im Kreuzfeuer einer polarisierten öffentlichen Debatte.

Die aktuelle Debatte stigmatisiert transgeschlechtliche Menschen erneut als vermutliche sexuelle Gewalttäter, dabei erleben gerade sie vielfach und alltäglich Diskriminierung und Gewalt. Die Vandalismusakte werfen wichtige Fragen auf: Wann wird ziviler Ungehorsam zu Vandalismus? Und wie können marginalisierte Communities ihre Rechte effektiv verteidigen, wenn institutionelle Wege versperrt scheinen?

BASH BACK macht deutlich: "Wir werden nicht aufhören, bis wir frei sind". Die EHRC hat bislang keinen Kommentar zu dem Vorfall abgegeben.


NRW macht Geschichte: Erstes Flächenland führt Antidiskriminierungsgesetz für staatliche Stellen ein

Nordrhein-Westfalen setzt ein starkes Zeichen gegen Diskriminierung: Das Bundesland will in der zweiten Jahreshälfte 2026 als erstes deutsches Flächenland ein Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) in Kraft setzen, wie queer.de berichtet. Die grüne Gleichstellungsministerin Josefine Paul stellte den Gesetzentwurf vor, der queeren Menschen und anderen marginalisierten Gruppen mehr Schutz vor Diskriminierung durch Behörden bieten soll.

SchutzlĂĽcke wird geschlossen

Demnach soll es allen Landesstellen verboten sein, jemanden etwa aufgrund von antisemitischen oder rassistischen Zuschreibungen, Nationalität, Herkunft, Religion, Geschlecht, Sexualität oder Alter zu diskriminieren. Mit dem Gesetz soll eine Schutzlücke, die bisher bei Diskriminierung durch öffentliche Stellen besteht, geschlossen werden, erklärte Paul. Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz umfasse nur den privatrechtlichen Bereich, unter anderem Fragen des Wohnungsmarktes oder des Arbeitsplatzes in der Privatwirtschaft.

Für die LGBTQ+-Community in Deutschland ist dies ein bedeutender Schritt. Trotz Fortschritten in Bezug auf die rechtliche Gleichstellung in den vergangenen Jahrzehnten erleben Lesben, Schwule und Bisexuelle nach wie vor Diskriminierung – ob in der Schule, im Beruf oder in anderen Lebensbereichen. Das neue Gesetz könnte künftig auch queeren Menschen helfen, die etwa bei Schulen, Hochschulen oder Finanzämtern diskriminiert werden.

Berliner Vorbild zeigt: Klagewelle blieb aus

NRW ist das erste Flächenland, das eine solche Novelle einführt. Das am 21.06.2020 in Kraft getretene Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) in Berlin ist bislang einmalig in der Bundesrepublik Deutschland. Die Erfahrungen aus der Hauptstadt sind ermutigend: Die ersten Erfahrungen aus Berlin zeigen: die Klageflut bleibt aus. Bei der Ombudsstelle waren nach knapp einem Jahr rund 300 Beschwerden eingegangen.

Als das Berliner Gesetz 2020 eingeführt wurde, warnten konservative Kritiker vor einer Klagewelle. Die CDU äußerte damals sogar die Befürchtung, dass sich "kriminelle Menschen erkennbar afrikanischen Ursprungs" auf das Gesetz berufen könnten, wie queer.de berichtete. Diese rassistisch gefärbten Vorbehalte haben sich als unbegründet erwiesen. Ein Jahr nach Inkrafttreten des Landesantidiskriminierungsgesetzes (LADG) loben Berliner Verbände und Beratungsstellen das Gesetz als „wichtige Errungenschaft".

Erleichterte BeweisfĂĽhrung und UnterstĂĽtzung fĂĽr Betroffene

Das NRW-Gesetz wird nach Aussage von Ministerin Paul eine erleichterte Beweisführung vorsehen, allerdings keine Beweislastumkehr. Betroffene, die Diskriminierung geltend machen wollen, benötigen Indizien, die nahelegen, dass es sich tatsächlich um eine Benachteiligung handelt. Eine Ombudsstelle des Landes kann Betroffene beraten, in Streitfällen vermitteln und Gutachten einholen. Zudem können die 42 Beratungsstellen der Freien Wohlfahrt für Antidiskriminierung in NRW unterstützen.

Wichtig für Behördenmitarbeiter: Der Gesetzentwurf normiere deutlich, dass Abhilfe vor eventuellen Schadensersatzansprüchen stehe, so Paul. Schadenersatzansprüche richten sich stets gegen das Land, nicht gegen einzelne Behördenmitarbeiter. Diese sollen durch Fortbildungen sensibilisiert werden.

Queere Ministerin als Vorreiterin

Josefine Paul ist seit dem 29. Juni 2022 Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. Die grüne Politikerin sorgte im Sommer für Schlagzeilen, als sie die ehemalige sächsische Justizministerin und heutige Landtagsabgeordnete Katja Meier heiratete, die ebenfalls den Grünen angehört, wie queer.de berichtete. Als offen lesbische Ministerin ist Paul selbst ein sichtbares Zeichen für Vielfalt in der Landespolitik.

Bedeutung fĂĽr die LGBTQ+-Community

Für queere Menschen in NRW könnte das neue Gesetz einen echten Unterschied machen. „Über 20 Prozent der Diskriminierungsfälle, die Beratungsstellen erreichen, sind auf das Handeln staatlicher Behörden zurückzuführen, darunter Bezirks-, Bürger-, Standes- und Jugendämter, BVG, Polizei und öffentliche (Hoch-)Schulen", zeigen Berliner Erfahrungen. Ob es um die Anerkennung der Geschlechtsidentität auf Behörden geht, um diskriminierende Behandlung in Schulen oder um Polizeikontakte – das LADG schafft erstmals klare Rechtsansprüche.

Der Entwurf wird nun zunächst von Verbänden beraten. Das im schwarz-grünen Koalitionsvertrag verankerte Gesetzesvorhaben zeigt, dass auch eine CDU-geführte Landesregierung – Ministerpräsident ist Hendrik Wüst (CDU) – bereit ist, beim Diskriminierungsschutz voranzugehen. Ein ermutigendes Signal in Zeiten, in denen LGBTQ+-Rechte zunehmend unter Druck geraten.

Es liege auf der Hand, dass es angesichts zunehmender Diskriminierungserfahrungen bundes- wie landesweit weiteren Handlungsbedarf gebe, betonte Ministerin Paul. Mit dem LADG geht NRW diesen wichtigen Schritt – und könnte damit Vorbild für andere Bundesländer werden.


Evaluation des SBGG: Wenn Vorurteile die Bewertung prägen

Pünktlich zum ersten Geburtstag des Selbstbestimmungsgesetzes (SBGG) flatterte sie ins Haus: die Ausschreibung für dessen Evaluierung. Veröffentlicht aus dem Hause von Familienministerin Karin Prien (CDU), kam die Ausschreibung rechtzeitig zum einjährigen Geburtstag des SBGG, dessen Endbericht im Sommer 2029 vorgelegt werden soll – berichtet queer.de. Doch bereits jetzt zeigt sich: Die Bewertung des historischen Gesetzes ist von Beginn an von konservativen Vorurteilen überschattet.

Von der Abschaffung zur Evaluierung: Ein politisches Täuschungsmanöver

Eines der wichtigsten Punkte im letzten Wahlprogramm der CDU war die vollmundige und rechtspopulistische Forderung nach Abschaffung des SBGG. In den Koalitionsverhandlungen mit der SPD wurde daraus eine vorgezogene Evaluierung. Viel Lärm um nichts, könnte man meinen – eine umfassende Bewertung des SBGG hätte es ohnehin gegeben, denn die hatte bereits die Ampelregierung für spätestens 2029 im Gesetz festgeschrieben.

Dennoch bleibt eine beunruhigende Schieflage. Der politische Diskurs hat sich als gefährliche Realitätsverweigerung der Union in Sachen trans, inter und nichtbinär erwiesen – als gefährliche Verdrehung der Wirklichkeit, gespeist aus Vorurteilen, Misstrauen und Unterstellungen.

Ein Gesetz, das funktioniert – trotz gegenteiliger Behauptungen

Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Im ersten Jahr haben über 22.000 trans, inter und nichtbinäre Menschen das Selbstbestimmungsgesetz genutzt. Deutschlandweit wurden im Jahr 2024 insgesamt 10.589 Änderungen des Geschlechtseintrags im Geburtenregister übermittelt. Von Januar bis Oktober 2024 galt noch das Transsexuellengesetz und es wurden nur 596 Fälle gemeldet. Mit Inkrafttreten des SBGG stieg die Zahl im November 2024 auf 7.057 Fälle an.

Das Gesetz funktioniert – die Erfahrungsberichte von Personen zeigen, dass die Umsetzung in weiten Teilen unbürokratisch, respektvoll und verlässlich verläuft, wie der Deutsche Frauenrat betont.

Die konstruierte Gefahr: Trans Menschen als vermeintliches Risiko

In der Debatte wird ständig vom Schutz der Kinder und Frauen gesprochen, als ob diese vom SBGG bedroht würden. Doch diese Argumentation kehrt die reale Bedrohungslage um: In Deutschland berichteten 65 Prozent der trans Frauen von Diskriminierung in den letzten zwölf Monaten, dokumentiert die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Trans, inter und nichtbinäre Menschen sind Hass und Gewalt ausgeliefert – mit steigender Tendenz.

Die polizeilichen Fallzahlen zeigen einen besorgniserregenden Anstieg queerfeindlicher Straftaten über die vergangenen Jahre, bestätigt das Bundesinnenministerium. Nicht trans Menschen sind eine Gefahr für die Gesellschaft – sondern die Gesellschaft stellt eine reale Bedrohung für trans Menschen dar.

Frauenverbände: Klare Unterstützung statt konstruierter Konflikte

Frauenverbände haben kein Problem mit dem SBGG – ihnen muss man nicht erklären, wo die wahren Probleme in Sachen Frauen- und Kinderschutz liegen. Der Deutsche Frauenrat hat das Selbstbestimmungsgesetz immer unterstützt und öffentlich dafür geworben – es ist ein historischer Schritt hin zu mehr Akzeptanz von geschlechtlicher Vielfalt, erklärt Deutschlands größter Frauenverband.

Frauenverbände wie der Deutsche Frauenrat, die evangelischen Frauen und die Frauenhauskoordinierung haben deutlich gemacht, dass auch trans Frauen Anspruch auf Schutz vor Gewalt haben, betont das Institut für Menschenrechte.

Eine Evaluation mit eingebautem Diskriminierungspotenzial

Die Ausschreibung offenbart problematische Schwerpunkte: Bis zum 31. Juli 2026 soll evaluiert werden, mit Fokus auf die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche sowie den wirksamen Schutz von Frauen. Diese Schwerpunktsetzung orientiert sich stark an der gesellschaftlich polarisierten Debatte, in der das Selbstbestimmungsgesetz fälschlicherweise als Risiko für Frauen oder Kinder dargestellt wurde, kritisiert der Bundesverband Trans*.

Eine Evaluation muss sich jedoch an den Menschenrechten und Grundfreiheiten orientieren, die dem Gesetz zugrunde liegen, wie auch im Gesetz selbst als Ziel festgelegt. Stattdessen wird die Validität der Geschlechtsidentität von trans Menschen weiterhin als verhandelbar angesehen – der geänderte Personenstand ist offenbar nur zweitklassig und kann beispielsweise durch Vertrags- und Hausrecht oder im Verteidigungsfall einfach ignoriert werden.

Geheimes Rechtsgutachten und intransparenter Prozess

Besorgniserregend ist auch, was nebenbei bekannt wurde: Das Familienministerium hat ein „spezifisches Rechtsgutachten" zum SBGG in Auftrag gegeben, und zwar zu den Aspekten Minderjährigenschutz und Frauenschutzräume. Wer damit beauftragt wurde und welche Ergebnisse vorliegen, bleibt im Dunkeln. Die Community fragt zu Recht: Geht es darum, politische Vorurteile bestätigt zu bekommen?

Auch die Beteiligung der Community am Evaluationsprozess bleibt vage. Ersichtlich ist lediglich, dass im dritten Quartal 2026 das Forschungsdesign vorgestellt werden soll – geforscht wird bis dahin hinter verschlossenen Türen.

Internationale Erfahrungen werden ignoriert

In keinem der 16 Länder weltweit, die seit 2012 Selbstbestimmungsgesetze umgesetzt haben, ist es zu entsprechenden systematischen Problemen gekommen, stellt der Deutsche Frauenrat fest. Die Erfahrungen anderer Länder wie Dänemark, Portugal und der Schweiz zeigen: Kein Fall einer Änderung des Geschlechtseintrags aus betrügerischen oder kriminellen Absichten ist bekannt geworden.

Diese empirischen Belege werden im deutschen Diskurs systematisch ausgeblendet – zugunsten konstruierter Bedrohungsszenarien, die jeder faktischen Grundlage entbehren.

Was jetzt nötig wäre

LSVD+ und der Bundesverband Trans* haben es in ihrem gemeinsamen Offenen Brief klar benannt: Das SBGG ist ein wichtiger Fortschritt, aber nicht das Ende der Arbeit für echte Selbstbestimmung. Das Gesetz ist verbesserungsbedürftig – man muss nur den Anteil an Vorurteilen und Misstrauen gegen trans, inter und nichtbinäre Menschen herausstreichen.

Eine seriöse Evaluation müsste untersuchen, wo das Gesetz echte Selbstbestimmung noch einschränkt: Die Ausschlüsse für Menschen ohne deutschen Pass, die Hürden für Minderjährige, die Sonderregelungen im Verteidigungsfall. Sie müsste erforschen, wie der Diskriminierungsschutz für trans Menschen verbessert werden kann. Und sie müsste anerkennen, was die Realität ist: Das Selbstbestimmungsgesetz hat einen diskriminierenden Zustand beendet und erstmals gesetzlich verankert, dass jeder Mensch über den eigenen Geschlechtseintrag nur selbst bestimmen kann. Es stärkt damit nicht nur trans, inter und nichtbinäre Menschen – es stärkt uns alle.

Statt dessen droht eine Evaluation, die von Anfang an mit falschen Fragen operiert und die wahren Probleme – Diskriminierung, Gewalt und mangelnde Akzeptanz gegenüber trans Menschen – ausblendet. Die Community bleibt wachsam. Die Bewerbungsfrist für die Evaluation endet am 24. November 2025. Bis dahin und darüber hinaus gilt es, für eine menschenrechtsbasierte Bewertung dieses historischen Gesetzes zu kämpfen.


"Als ob trans sein eine Beleidigung wäre": Hailey Bieber kontert Trolle mit starker Botschaft

Model und Unternehmerin Hailey Bieber hat mit einer bemerkenswerten Reaktion auf transfeindliche Online-Trolle für Begeisterung in der LGBTQ+-Community gesorgt. Die 28-jährige Frau von Popstar Justin Bieber erklärte in einem Podcast, dass Menschen versuchen würden, "gemein zu sein" und sagen: "Sie sieht trans aus." Darauf antwortete sie: "Warum denkt ihr, dass das eine Beleidigung ist? Als ob trans sein eine Beleidigung wäre?" Der Originallink zur Meldung findet sich bei PinkNews.

Klare Haltung im Podcast mit Owen Thiele

Das Model und die Geschäftsfrau trat Ende letzter Woche im Podcast "In Your Dreams" mit Owen Thiele auf, als ein kleines Kleidungsmissgeschick die beiden Freunde dazu brachte, über die Kritik zu sprechen, der Bieber manchmal wegen ihres Aussehens ausgesetzt ist. Bieber erklärte: "Wenn Leute versuchen, gemein zu sein, sagen sie: 'Sie sieht trans aus', und ich denke mir: 'Warum denkst du, dass das eine Beleidigung ist? Einige der schönsten Frauen und Männer der Welt sind trans, also nehme ich das überhaupt nicht als Beleidigung auf.'"

Ihre Äußerungen wurden online weithin gefeiert, wobei Fans sie dafür lobten, mit Anmut und Empathie auf Hass zu reagieren. Ein YouTube-Kommentator nannte es "Königinnen-Verhalten", während ein anderer sie dafür lobte, "Leute zu durchschauen, die 'trans' als Beleidigung benutzen."

Das gefährliche Phänomen des "Transvestigating"

"Transvestigating" bedeutet zu "untersuchen", ob eine cisgender Berühmtheit heimlich transgender ist, indem man ihre körperlichen Merkmale, Körpersprache und Pseudowissenschaften wie Phrenologie und Physiognomie betrachtet. Es ist in den letzten Jahren zunehmend populär geworden, da trans-ausschließender radikaler Feminismus und Anti-Trans-Hexenjagden zunehmen. Dieses Phänomen betrifft nicht nur Hailey Bieber – auch der französische Präsident Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte Macron reichten im Sommer eine Verleumdungsklage gegen die rechtsgerichtete Kommentatorin Candace Owens ein, nachdem diese angeblich Gerüchte verbreitet hatte, die First Lady sei transgender.

Transfeindlichkeit in Deutschland: Ein alarmierendes Problem

Biebers klare Haltung ist besonders relevant für die Situation in Deutschland, wo Transfeindlichkeit ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem darstellt. Laut der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 sind 37 % der Befragten in Deutschland transfeindlich – eine alarmierend hohe Zahl. In den vergangenen Jahren lässt sich eine deutliche Zunahme von Trans- und Queerfeindlichkeit in Mitteldeutschland und weltweit beobachten. Ob in den Parlamenten, auf der Straße oder im gesellschaftlichen Diskurs – der Wind gegen trans Personen und Queers ist rauer geworden.

2021 registrierte das Bundeskriminalamt in seiner Statistik zu Politisch motivierter Kriminalität 1.210 Fälle von Hassverbrechen aufgrund des Geschlechts, der Geschlechtsidentität oder der sexuellen Orientierung. 2020 waren es noch 782 - ein Anstieg um knapp 54 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig öffentliche Statements wie das von Hailey Bieber sind.

Engagement fĂĽr LGBTQ+-Rechte

Biebers Statement kommt nicht aus dem Nichts. Im Jahr 2023 schloss sie sich anderen Berühmtheiten und LGBTQ+-Verbündeten an, um einen offenen Brief an Meta-CEO Mark Zuckerberg zu unterzeichnen, in dem sie zu stärkeren Maßnahmen gegen Anti-Trans-Rhetorik auf Social-Media-Plattformen aufrief. Ihr aktuelles Statement könnte in der Tradition anderer mutiger Promi-Reaktionen stehen: Bereits 2009 wurde Lady Gaga mit Gerüchten konfrontiert, sie habe einen Penis. Als sie vom Journalisten Anderson Cooper gefragt wurde, ob das wahr sei, antwortete sie: "Vielleicht habe ich einen. Wäre das so schrecklich? Warum zum Teufel sollte ich meine Zeit damit verschwenden, eine Pressemitteilung darüber abzugeben, ob ich einen Penis habe oder nicht?"

Vorbilder in Deutschland und weltweit

Es gibt zahlreiche erfolgreiche trans Personen im deutschsprachigen Raum, die als Vorbilder dienen. Dazu gehören etwa Felicia Ewert, Model, Speakerin und Aktivistin, sowie Kim Petras, die als Sängerin international erfolgreich ist, und Balian Buschbaum, der ehemalige Stabhochspringer.

Trans Personen gehen üblicherweise aus den LSBT-Zielgruppen gewidmeten Studien als die vulnerabelste und am meisten diskriminierte Gruppe hervor. Umso wichtiger sind Statements wie das von Hailey Bieber, die zeigen, dass trans zu sein nichts ist, wofür man sich schämen muss – sondern etwas, das gefeiert werden sollte.

Ein Zeichen der Solidarität

Bieber hat bewiesen, wie einfach es ist, ein Verbündeter zu sein. Ihre Worte senden eine kraftvolle Botschaft an trans Menschen weltweit: Ihr seid schön, ihr seid wertvoll, und eure Identität ist keine Beleidigung. In einer Zeit, in der die feindliche Stimmung von rechten bis rechtsextremen, bürgerlich-konservativen, religiösen und teils sogar von "feministischen" Milieus getragen und befeuert wird, sind solche Statements von Personen des öffentlichen Lebens wichtiger denn je.

Die Reaktionen auf Social Media zeigen, dass Biebers Botschaft angekommen ist. Viele User*innen feiern ihre Antwort als "ikonisch" und fordern mehr dieser Energie in der öffentlichen Diskussion. Denn am Ende geht es darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der alle Menschen – unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität – respektvoll und gleichberechtigt behandelt werden.


Wie HIV-positive Menschen von Sport profitieren können – Bewegung als Schlüssel zu mehr Lebensqualität

Sport ist mehr als nur Muskelaufbau und Fitness – er ist ein kraftvolles Werkzeug für Gesundheit und Wohlbefinden. Dies gilt besonders für Menschen mit HIV. Ein aktueller Beitrag auf queer.de zeigt eindrücklich, wie regelmäßige Bewegung nicht nur das Immunsystem stärkt, sondern auch die Langzeit-Lebensqualität von HIV-positiven Menschen erheblich verbessern kann.

Warum Sport fĂĽr Menschen mit HIV besonders wichtig ist

Menschen mit HIV können durch regelmäßige Bewegung das Immunsystem stärken und ihre Lebensqualität verbessern. Das ist keine bloße Behauptung, sondern wissenschaftlich belegt. Studien zeigen, dass Sport das Immunsystem HIV-positiver Menschen stärken kann und körperliches Training bei HIV-positiven Menschen eine stimulierende Wirkung auf das Immunsystem haben kann.

Doch warum ist das so entscheidend? Eine antiretrovirale Therapie kann etwa in einigen Fällen zu einer Gewichtszunahme führen und auch Veränderungen des Stoffwechsels, wie beispielsweise erhöhte Blutfettwerte, können als Langzeitfolgen einer HIV-Therapie auftreten. Auch Langzeitnebenwirkungen wie Stoffwechselstörungen wie ein Diabetes mellitus oder hohe Blutfettwerte können nach Monaten oder Jahren auftreten, und auch die Nierenleistung und der Knochenaufbau können beeinträchtigt werden.

Sport als natĂĽrlicher Schutz vor Begleiterkrankungen

Hier kommt Bewegung ins Spiel: Mit einer gesunden und aktiven Lebensweise lässt sich präventiv das Risiko für Begleiterkrankungen senken und gleichzeitig auch möglichen körperlichen Veränderungen, die durch die HIV-Therapie auftreten können, entgegenwirken. Besonders Ausdauersportarten wie Joggen, Schwimmen und Radfahren sind ideal, um den Körper fit zu halten und das Herz-Kreislauf-System zu stärken.

Auch in Deutschland kennt man dieses Phänomen: Sport kann HIV nicht heilen, aber er verbessert vieles, denn Sport hat eine allgemein positive Wirkung auf das Immunsystem, und die Anfälligkeit gegenüber Infektionskrankheiten wie Grippe lässt sich durch die Stärkung der körpereigenen Abwehrkräfte steigern. Eine Studie der Universitätsklinik Bonn unter Leitung von Dr. Jan-Christian Wasmuth zeigt, dass sich Sport und HIV nicht ausschließen, sondern im Gegenteil auch Infizierte vom Sport profitieren, wobei die Wissenschaftler eine Gruppe von 21 HIV-positiven Frauen und Männern untersuchten, die sich auf einen Marathon vorbereiteten.

Wie Sport das Immunsystem auf zellulärer Ebene stärkt

Die Mechanismen sind faszinierend: Sportliche Aktivität bei mittlerer Intensität kann das Immunsystem stärken – und das in jedem Alter, wie Forscher*innen herausfanden, denn regelmäßiges Training senkt Entzündungen im Körper, unterstützt den Abbau von Wassereinlagerungen, reduziert die Ausschüttung von Stresshormonen und verbessert den Schlaf, und außerdem führt regelmäßige Bewegung zu einer besseren Zusammensetzung von „älteren" und „jüngeren" Immunzellen und zu einer besseren Immunantwort des Körpers.

Der kontrahierende Muskel produziert hormonartige Botenstoffe, die immunregulatorisch wirken und ein aktiviertes Immunsystem antientzündlich beeinflussen, wodurch die Immunfunktion gegen Bakterien und Viren gestärkt wird. Das ist besonders für Menschen mit chronischen Erkrankungen wie HIV von großer Bedeutung.

Das richtige Maß finden – Übertraining vermeiden

Doch Vorsicht: Zu viel des Guten kann kontraproduktiv sein. Das Immunsystem kann bei einer Überanstrengung des eigenen Körpers durch zu intensives oder übertriebenes Training auch geschwächt werden, und es ist ratsam, zunächst den/die Schwerpunktärzt*in zu konsultieren, bevor es voll an die eigenen körperlichen Grenzen geht.

Moderat-intensive körperliche Aktivität führt zu einer Stärkung des Immunsystems mit konsekutiv verminderter Infektanfälligkeit sowie eher anti-inflammatorischen Effekten, wohingegen langandauernde und höher intensive Belastungen zu einer Schwächung der Abwehrfunktion sowie einem pro-inflammatorischen Effekt führen.

Krafttraining fĂĽr gesunde Knochen und Muskeln

Neben Ausdauersport ist auch Krafttraining wichtig. Manche HIV-Medikamente können den Knochenstoffwechsel negativ beeinflussen, und mit Anfang 30 beginnt der natürliche Muskelabbau im Körper. Kraftsport mit Hanteln, Widerstandsbändern oder dem eigenen Körpergewicht hilft, diesem Prozess entgegenzuwirken und schützt vor altersbedingtem Knochenabbau.

Wichtig dabei: Für Muskelaufbau und -erhalt ist eine ausreichende Proteinzufuhr entscheidend – etwa 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Wer zu Proteinpulvern greift, sollte jedoch vorsichtig sein: Viele dieser Präparate enthalten hoch dosierte Mineralstoffe wie Eisen, Kalzium und Magnesium, die unter Umständen die Wirkung von HIV-Medikamenten beeinflussen können, und deswegen nimmt man sie am besten nur in Absprache mit der/dem Schwerpunktärzt*in ein.

Sport als Teil der Therapiestrategie

Wenn ausreichend Bewegung und eine HIV-Therapie, die möglichst wenig Einfluss auf den Körper hat, Hand in Hand gehen, kann das nicht nur Begleiterkrankungen vorbeugen und die eigene Gesundheit langfristig erhalten, sondern auch eine hohe Langzeit-Lebensqualität sicherstellen. Es lohnt sich daher, gemeinsam mit dem/der HIV-Schwerpunktärzt*in auch einen Blick auf die aktuelle HIV-Therapie zu werfen, um eine Behandlung zu wählen, die möglichst wenig Einfluss auf Stoffwechsel und Organfunktionen hat.

In Deutschland gibt es mittlerweile zahlreiche Sportgruppen speziell für Menschen mit HIV. In der Laufgruppe der Berliner Aids-Hilfe wird für den Marathon trainiert, und in gut vier Stunden schaffte ein HIV-positiver Läufer kürzlich souverän die Strecke von gut 42 Kilometern. Solche Initiativen zeigen eindrücklich: Bewegung tut auch diesen Menschen gut und verbessert eindeutig die Lebensqualität der Infizierten, denn dank moderner antiretroviraler Therapien führen HIV-Patienten ein nahezu normales Leben.

Praktische Empfehlungen fĂĽr den Einstieg

Wer als HIV-positiver Mensch mit Sport beginnen möchte, sollte folgende Punkte beachten:

  • Beginnen Sie mit moderatem Training – etwa 150 Minuten pro Woche bei mittlerer Intensität
  • Kombinieren Sie Ausdauer- und Krafttraining fĂĽr optimale Ergebnisse
  • Sprechen Sie vorab mit Ihrem/r HIV-Schwerpunktärzt*in ĂĽber Ihr Trainingsvorhaben
  • Achten Sie auf ausreichende Regenerationsphasen zwischen den Trainingseinheiten
  • Seien Sie vorsichtig bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und besprechen Sie diese mit Ihrem Arzt
  • Hören Sie auf Ihren Körper und ĂĽberfordern Sie sich nicht

Generell gilt: Alles, was dein Immunsystem stärker macht, unterstützt dich auch in deinem Leben mit HIV und der Therapie, und die Möglichkeiten, sich fit zu halten, basieren vor allem auf drei grundlegenden Bausteinen: ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung – zum Beispiel in Form von Spaziergängen oder Sport – und einer ausgewogenen, gesunden Ernährung.

Sport ist damit weit mehr als ein Hobby – er ist ein wichtiger Baustein für ein gesundes, erfülltes Leben mit HIV. Wer sich regelmäßig bewegt, investiert in seine Gesundheit und kann so aktiv zu einer hohen Lebensqualität über viele Jahre hinweg beitragen.


Das Ende einer Ära: SchwuZ schließt nach 48 Jahren – Ein Verlust für die queere Geschichte Berlins

Die Lichter gehen aus in einem der bedeutendsten queeren Clubs Europas. Unter dem Motto „The Last Cheers, Queers!" fand am Freitagabend im Berliner Kultclub SchwuZ die letzte Party statt – nach 48 Jahren voller Aktivismus, Utopie und unzähliger Nächte verabschiedet sich die Institution in Rosa, nicht in Schwarz. Wie queer.de berichtet, ist damit ein Kapitel queerer Geschichte zu Ende gegangen, das weit über die Grenzen Berlins hinaus Bedeutung hatte.

Von der Schwulenbewegung zur queeren Institution

Das SchwuZ wurde 1977 aus der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) heraus gegründet und wurde zum ersten alternativen Schwulenclub West-Berlins. Im Unterschied zur umfangreichen, teils elitären Schwulenszene Berlins vor 1977 versteckte sich das neugegründete Zentrum nicht und war allen Interessierten frei zugänglich. Motto der Anfangszeit war „Raus aus den Klappen, rein in die Straße" aus Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", der den Anstoß für die Gründung des SchwuZ gab.

Das Schwuz, eine Abkürzung für Schwulenzentrum, wurde 1977 gegründet. Zunächst befand es sich in einer Fabriketage in der Kulmer Straße in Schöneberg, später zog der Club an die Hasenheide in Kreuzberg, dann weiter an den Mehringdamm. Seit 2013 befindet sich das Schwuz in der ehemaligen Kindl-Brauerei im Rollbergkiez in Neukölln. Das Schwuz gilt als einer der ältesten und größten queeren Clubs Europas.

Mehr als nur ein Club: Ein kulturelles Erbe

Viele queere Projekte, wie die Schwulenberatung, der erste Berliner CSD oder das Stadtmagazin Siegessäule fanden im SchwuZ ihren Anfang. Der Club war damit nicht nur ein Ort zum Feiern, sondern ein Kristallisationspunkt queerer Emanzipation und politischen Aktivismus. Das SchwuZ ist damit nicht einfach nur ein Club, sondern ein wesentlicher Bestandteil queerer Geschichte.

In persönlichen Kommentaren auf Instagram wird deutlich, was der Club für Generationen bedeutete: „Es war für mich ein sehr wichtiger Ort, um das erste Mal auf der Tanzfläche ungeniert mit Frauen zu knutschen", „Das SchwuZ war der erste Ort, an dem mein Gewicht keine Rolle gespielt hat", oder „Ich habe meinen Mann bei euch vor 11 Jahren kennengelernt" – solche Geschichten verdeutlichen die immense Bedeutung des Clubs als Schutzraum.

Das „Clubsterben" als gesamtstädtisches Phänomen

Katja Jaeger, SchwuZ's director, attributed the financial woes to a sharp decline in attendance and spending. Rising living costs and shifting nightlife habits have left Berliners partying less and spending more cautiously. Die finanziellen Schwierigkeiten wurden erst im Mai vollständig deutlich, nachdem bekannt wurde, dass der Club monatlich zwischen 30.000 und 60.000 Euro Verlust machte. Dies führte dazu, dass 33 Mitarbeiter entlassen werden mussten, von denen einige jahrelang im SchwuZ gearbeitet hatten.

Das SchwuZ ist Teil eines breiteren Trends. Ikonische Locations wie Griessmuehle, Remise und Watergate haben in den letzten Jahren ebenfalls geschlossen. Ende 2024 warnte die Berliner Clubcommission, dass fast die Hälfte ihrer Mitgliedsclubs eine Schließung innerhalb eines Jahres in Erwägung ziehen. The Berliner berichtet, dass dieses „Clubsterben" die gesamte Berliner Nachtlebensszene erfasst hat.

Politische Kontroverse: GrĂĽne kritisieren den Senat

Die Schließung des SchwuZ hat auch eine politische Debatte entfacht. „Mit dem SchwuZ verliert Berlin mehr als nur einen Club, wir verlieren ein Stück queere Geschichte, einen sicheren Ort, ein Zuhause für Generationen", so der Grünen-Fraktionschef Werner Graf. Der Senat von Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU) habe „auf ganzer Linie versagt" und nur zugesehen, statt zu unterstützen.

Graf kritisierte scharf: „Mit dem Senat von Kai Wegner wird Berlin jeden Tag ein Stück grauer. Diese Politik, die queere Projekte in Schulen kürzt und queere Clubs sterben lässt, ist Gift für unsere Stadt. Lieber Kai Wegner, einmal im Jahr vom CSD-Wagen zu winken ist keine queere Politik, sondern Show." Graf forderte eine dauerhafte Strukturförderung für queere Orte und Clubkultur in Berlin und betonte: „Berlin ist die Stadt der Freiheit und der Vielfalt, es liegt am Senat dafür zu sorgen, dass dies auch so bleibt."

Die Bedeutung von queeren Schutzräumen heute

Mit dem SchwuZ verliert die LGBTQIA+-Community einen wichtigen Safer Space, den sie im aktuellen politischen Klima eigentlich gut gebrauchen könnte. In aktuellen Umfragen zur Bundestagswahl liegt die queerfeindliche AfD bei 25 Prozent auf dem zweiten Platz. Wenn wir queeren Menschen also eines nicht brauchen, dann sind es weniger Safer Spaces.

Die Frage nach der Zukunft solcher Orte stellt sich auch für andere Städte in Deutschland. Große Homo-Szenen mit einer Menge Lokalitäten befinden sich fast nur noch in Köln und Berlin. Das Sterben queerer Clubs ist dabei nicht nur ein Berliner, sondern ein gesamtdeutsches Phänomen, das die Frage aufwirft: Wie sichern wir diese wichtigen Schutzräume für künftige Generationen?

Ein Hoffnungsschimmer?

Ganz aufgeben will der Verein noch nicht. „Unabhängig vom Scheitern der Verhandlungen wollen wir ausloten, ob sich der Grundstein legen lässt, damit „unser Schwuz" eine weitere Zukunft in der Berliner Club- und Kulturlandschaft haben kann", heißt es in einer Mail an die Vereinsmitglieder. Eine Spendenkampagne brachte über 50.000 Euro zusammen. Der Verein kündigte an, „mit dem Geld einen Neuanfang zu versuchen" oder falls dies nicht gelingen sollte, „mit den Spenden verschiedene queere Projekte in Berlin zu unterstützen."

Die letzte Party im SchwuZ war mehr als nur ein Abschied – sie war ein Zeichen dafür, dass die queere Community nicht aufgibt. Das SchwuZ hat die Aidskrise, den Mauerfall, die Corona-Pandemie und vieles mehr überlebt. Nun ist Schluss. Doch die Geschichte, die hier geschrieben wurde, die Kämpfe, die hier ausgefochten wurden, und die Liebe, die hier gefeiert wurde, bleiben unvergessen – als mahnendes Beispiel dafür, wie fragil queere Räume sind und wie wichtig es ist, für ihren Erhalt zu kämpfen.


"Teetasse statt Toleranz": Florida-Mann demoliert Pride-Flagge in Starbucks – Was uns das über den Zustand der LGBTQ+-Rechte verrät

Es ist eine Szene, die symptomatisch für unsere Zeit ist: Ein 31-jähriger Mann betritt am 22. Oktober ein Starbucks in St. Petersburg, Florida, verlangt mit dem Manager zu sprechen und fordert, die dort ausgehängte Pride-Flagge durch eine amerikanische Flagge zu ersetzen. Als Tucker Alden Kemp aus Clearwater am Morgen das Café betrat, nahm er Anstoß an der Pride-Flagge und bestand darauf, dass diese beleidigend sei und durch eine amerikanische Flagge ersetzt werden müsse. Als der Manager Kemp mitteilte, dass es zur Geschäftspolitik gehöre, die Pride-Flagge zu zeigen, überschoss Kemp angeblich Tee über die Flagge, riss sie von der Wand und warf sie in einen Mülleimer. Der Vorfall, über den ursprünglich Pink News berichtete, verursachte Schäden in Höhe von rund 210 US-Dollar.

Wenn Symbole zum Schlachtfeld werden

Die Gewalttat gegen eine Regenbogenflagge mag auf den ersten Blick banal erscheinen – ein beschädigtes Stück Stoff, ein paar hundert Dollar Sachschaden. Doch die symbolische Dimension ist immens. Laut Festnahmeprotokoll beharrte Kemp auf seinem Standpunkt und betonte, dass die Pride-Flagge „beleidigend" sei, und sagte dem Filialleiter, sie solle durch eine amerikanische Flagge ersetzt werden. Hier zeigt sich ein fundamentaler Konflikt: die Vorstellung, dass LGBTQ+-Identitäten und amerikanische Werte einander ausschließen würden – eine Idee, die von rechten Politikern systematisch geschürt wird.

Kemp wurde wegen Sachbeschädigung, eines Vergehens, angeklagt und verursachte etwa 210 Dollar Schaden an der Wand und der Flagge. Er wurde ins Pinellas County Jail gebracht, wo er laut Akten etwa sechs Stunden verbrachte, bevor er gegen eine Kaution von 500 Dollar freigelassen wurde. Laut Nachrichtenquellen ist Kemp registrierter Republikaner, verheiratet, hat eine Tochter und arbeitet als Vertriebsleiter bei Dignity Memorial, einer Bestattungshauskette in Tampa Bay.

Florida: Epizentrum des anti-LGBTQ+-Kulturkampfs

Der Vorfall ereignete sich nicht zufällig in Florida. Unter Gouverneur Ron DeSantis hat sich der Sunshine State zu einem Brennpunkt anti-LGBTQ+-Politik entwickelt. Florida erlässt in diesem Jahr rekordverdächtige sechs ausdrücklich anti-LGBTQ+-Gesetze – mehr als in den letzten sieben Jahren zusammen. Die Gesetzgebung umfasst drastische Einschränkungen: Heute unterzeichnete Gouverneur DeSantis HB 1069, das Lehrkräfte zum Schweigen bringt, indem es jeglichen Unterricht über sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität von der Vorschule bis zur 8. Klasse verbietet, SB 254, ein extremes Verbot geschlechtsangleichender Versorgung, und HB 1521, ein Anti-Trans-Toilettengesetz.

Diese Politik hat reale Konsequenzen für die Sicherheit von LGBTQ+-Menschen. Das Florida Department of Transportation entfernte in den vergangenen Monaten mehrere Regenbogen-Zebrastreifen in Miami Beach, Fort Lauderdale, Boynton Beach und Key West unter dem Vorwand, sie würden "soziale, politische oder ideologische Botschaften" darstellen. Besonders perfide: Selbst ein Zebrastreifen, der den Opfern des Pulse-Massakers 2016 gewidmet war, wurde von staatlichen Behörden entfernt. Mit „Don't Say Gay" inspirierte DeSantis und die Legislative Floridas ähnliche Gesetze im ganzen Land – mehr als ein Dutzend Bundesstaaten führten ihre eigenen Nachahmerversionen ein, noch bevor das Florida-Gesetz überhaupt in Kraft getreten war.

Erschreckende Statistiken: Die Gewalt nimmt zu

Der Fall in St. Petersburg ist kein Einzelfall, sondern Teil eines besorgniserregenden Trends. Zwischen dem 1. Mai 2024 und dem 1. Mai 2025 verzeichnete das ALERT Desk von GLAAD 932 anti-LGBTQ-Vorfälle in 49 US-Bundesstaaten und dem District of Columbia – das entspricht 2,5 Vorfällen pro Tag. Gewalttätige Angriffe, die in die diesjährige Zählung einflossen, führten zu 84 Verletzungen und 10 Todesfällen.

Forschungsergebnisse zeigen, dass LGBTQ-Menschen 106,4 Viktimisierungen pro 1.000 Personen erlebten, verglichen mit 21,1 Viktimisierungen pro 1.000 Personen bei Nicht-LGBTQ-Menschen. Darüber hinaus waren LGBTQ-Menschen neunmal häufiger von gewalttätigen Hassverbrechen betroffen als Nicht-LGBTQ-Menschen. Im Jahr 2024 verfolgte das FBI 2.413 anti-LGBTQ-Hassverbrechen mit Einzelmotiv in den USA, darunter 1.950 Vorfälle, die auf die sexuelle Orientierung der Opfer abzielten, und 463, die auf ihre Geschlechtsidentität abzielten.

Deutschland: Parallelen und eigene Herausforderungen

Die Entwicklungen in Florida mögen weit entfernt erscheinen, doch auch in Deutschland nehmen queerfeindliche Angriffe dramatisch zu. Während Deutschlands LGBTQ+-Bevölkerung in fünf Jahren um etwa 50 Prozent wuchs, stiegen die Hassverbrechen allein in einem Jahr um 50 Prozent. Seit 2013, als nur 50 Angriffe registriert wurden, beträgt der Anstieg fast das 30-fache. Laut aktuellem Bericht des Bundesinnenministeriums und des Bundeskriminalamts ist die Zahl der Straftaten gegen lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie queere Menschen im Jahr 2023 in Deutschland um etwa 30 Prozent gestiegen.

Auch hierzulande werden Regenbogenflaggen zum Ziel von Hass. Das Symbol vieler queerer Menschen – die Regenbogenflagge – wird zudem immer wieder gestohlen, mancherorts verbrannt oder gar als „Wischmopp" missbraucht. In Neubrandenburg führte der Streit um die Fahne zum Rücktritt des Oberbürgermeisters, nachdem sie fünfmal gestohlen wurde. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss im Oktober 2024 trotzdem, die Regenbogenflagge gänzlich abzuhängen – zu oft sei sie gestohlen worden.

Besonders beunruhigend: CSDs und Feste für Vielfalt werden immer öfter Ziel von Drohungen und Gewalt. In Bad Freienwalde in Brandenburg hatte eine Gruppe Vermummter ein Fest für Vielfalt gestürmt und zwei Männer verletzt, einem wurde die Augenhöhle gebrochen. Selbst im Bundestag tobt ein Streit um Regenbogenflaggen in Abgeordnetenbüros.

Was bedeutet das fĂĽr uns?

Der Mann, der in einem Starbucks in Florida eine Pride-Flagge heruntergerissen hat, ist mehr als ein wütender Einzeltäter. Er ist das Produkt eines politischen Klimas, das LGBTQ+-Menschen systematisch entmenschlicht und ihre bloße Existenz als "Ideologie" brandmarkt. „Die Einschränkung des Bürgerrechtsschutzes für LGBTQ-Menschen in den Vereinigten Staaten durch die Trump-Administration und die eskalierenden anti-LGBTQ- und insbesondere anti-trans-Aktionen und Rhetorik setzen LGBTQ-Menschen einem erhöhten Risiko für Viktimisierung und Hassverbrechen aus", sagte Hauptautor Ilan Meyer.

Die Parallelen zwischen den USA und Deutschland sind unübersehbar. In beiden Ländern werden rechtliche Fortschritte von einer Welle der Gewalt begleitet. Deutschland klettert auf der Rainbow Map 2025 auf Platz 8 von 49 Ländern. Deutschland 2025 ist rechtlich weiter als je zuvor, mit neuen Gesetzen, politischen Maßnahmen und wachsender Sichtbarkeit. Gleichzeitig steigen die gemeldeten queerfeindlichen Straftaten, und viele Betroffene berichten von Unsicherheit im Alltag.

Die zentrale Frage bleibt: Wie schaffen wir es, aus rechtlicher Gleichstellung auch reale Sicherheit zu machen? Ein Starbucks-Vorfall in Florida mag klein erscheinen – aber er zeigt, wohin die Normalisierung von Hass führt. Wenn eine Pride-Flagge als "beleidigend" empfunden wird, wenn ihre bloße Existenz als Provokation gilt, dann haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Die Geschichte lehrt uns: Rechte, die nicht verteidigt werden, sind Rechte, die verloren gehen können.

Der Kampf um die Regenbogenflagge ist deshalb mehr als Symbolpolitik. Er ist ein Kampf um Sichtbarkeit, um Anerkennung, um das Recht, einfach zu existieren – 365 Tage im Jahr, nicht nur im Pride Month.


Bisexueller Schiedsrichter wirft DFB Pinkwashing vor: „Es ist komplettes Pinkwashing, was dort betrieben wird"

Der offen bisexuelle Fußballschiedsrichter Pascal Kaiser hat dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) scharfe Kritik an dessen Diversitätspolitik vorgeworfen. Im Interview mit dem „Tagesspiegel" bezeichnete Kaiser das Engagement des Verbands als „komplettes Pinkwashing": „Der DFB marschiert beim CSD in Frankfurt mit, stimmt aber für eine WM in Saudi-Arabien", so der 27-Jährige. In dem vorderasiatischen Land steht auf Homosexualität die Todesstrafe.

Kritik an WM-Vergabe nach Saudi-Arabien

Die FIFA vergab im Dezember 2024 die Weltmeisterschaft 2034 an Saudi-Arabien – mit der Zustimmung des DFB. Kaiser kritisierte, dass der DFB seine Entscheidung damit rechtfertige, dass eine Stimme dagegen ohnehin nicht gezählt hätte, weil die WM auch dann nach Saudi-Arabien vergeben worden wäre. „Das mag sein, aber was sendet man damit für ein Zeichen?", fragte der Kölner Referee.

Die Vergabe an Saudi-Arabien ist besonders brisant: In Saudi-Arabien sind homosexuelle Handlungen strafbar und im Höchstmaß mit der Todesstrafe bedroht. Die Gerichte verhängen auch Peitschenhiebe und Gefängnisstrafen. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International warnten, dass die FIFA mit dieser Entscheidung menschenrechtliche Bedenken ignoriert und damit Einwohner*innen, Wanderarbeiter*innen und Fans in Gefahr bringt.

„Der DFB unterstützt Coming-outs nicht"

Kaiser warf dem DFB vor, Coming-outs von Schiedsrichtern nicht zu unterstützen, „auch wenn er das gerne nach außen hin behauptet". Die Entwicklung im Bereich Vielfalt stagniere derzeit: „Ich habe einen Schiri-Kollegen, der in der Ersten und Zweiten Bundesliga pfeift, mit einem Mann verheiratet ist, sich aber nicht öffentlich outet. Er sagt, dass der DFB darüber Bescheid wisse und alles gut sei, das Thema laut des Verbandes aber nichts auf dem Platz zu suchen habe".

Allerdings herrsche hier eine Doppelmoral: „Wenn ein Spieler seine Freundin am Spielfeldrand küsst, ist das in Ordnung. Wenn ich meinen Freund küsse, ist es noch immer ein Aufreger", so Kaiser.

Coming-out hat Karriere geschadet

Pascal Kaiser outete sich 2022 als bisexuell. Der heute 27-jährige Schiedsrichter pfeift Spiele auf Regional- und Verbandsliga-Ebene. Sein öffentliches Bekenntnis zur Bisexualität habe ihm jedoch in seiner Karriere geschadet, berichtete er im Interview: „Ich kriege Spiele in der Regionalliga, die mir zugesagt werden, doch nicht – obwohl ich ein sehr guter Schiedsrichter bin. Mir werden auch mal Beobachtungen zugesprochen, um in die nächsthöhere Liga aufzusteigen, aber es bleiben alles leere Versprechen".

Dabei sei er etwa einem Sprinttest zufolge der schnellste Schiedsrichter im Landesverband: „Es ist daher offensichtlich, dass ich aufgrund meines Auftretens in der Öffentlichkeit benachteiligt werde."

Reaktionen auf Kritik an Ex-Nationaltorwart

Im Juli 2024 machte Kaiser darauf aufmerksam, dass der ehemalige deutsche Nationaltorwart Bernd Leno ein queerfeindliches Video gelikt habe. Kaiser forderte eine öffentliche Entschuldigung Lenos und ein klares Signal gegen Hass im Fußball. Dies habe Konsequenzen gehabt, berichtete er jetzt: „Die Folge war sehr viel Hass mir gegenüber von seinen Anhängern."

Pinkwashing – Ein weit verbreitetes Problem

Der Begriff Pinkwashing ist in Deutschland zunehmend in der Diskussion. Er bezeichnet Werbe- und Imagekampagnen, die queere Symbolik oder Unterstützung der Community verwenden, ohne ein echtes Engagement für die Rechte queerer Menschen zu zeigen – oder gar Verhalten im Widerspruch dazu. Viele Kritiker*innen bemängeln, dass Organisationen und Unternehmen im Pride-Monat Regenbogensymbole nutzen, während sie gleichzeitig in Ländern mit queerfeindlicher Gesetzgebung geschäftlich aktiv sind oder diese unterstützen.

Der Vorwurf des Pinkwashing geht oft einher mit der Tatsache, dass zwischen 50 und 100 Milliarden Euro Umsatz pro Pride-Saison durch buntes Marketing generiert werden. Der Vorwurf rein monetärer Antriebe ist mit einer erheblichen Gefahr für die Reputation verbunden. Hierunter leiden unter anderem auch Unternehmen, die es mit ihrer Unterstützung tatsächlich ernst meinen.

Die Situation im deutschen FuĂźball

In Deutschland hat sich bislang noch kein aktiver Fußballprofi als homosexuell geoutet. Wenn sich homosexuelle Sportler outen, kommt es von den Seiten der Fans und anderen Mitspielern immer wieder zu Pöbeleien, Beschimpfungen und übler Nachrede. Das Mobbing ist dann an der Tagesordnung, und der Karriere des entsprechenden Sportlers werden große Steine in den Weg gelegt.

Expert*innen berichten, dass Jugendspieler ihre Liebe aus Angst verstecken, Benachteiligung zu erfahren und es beispielsweise nicht in den Leistungskader zu schaffen. Im schlimmsten Fall hören sie mit dem Sport auf. Die Angst vor Diskriminierung und die fehlende Unterstützung durch Verbände bleiben zentrale Hindernisse für queere Menschen im Profisport.

Was kann sich ändern?

Pascal Kaiser und andere Aktivist*innen fordern klare Positionierungen der Verbände und konkrete Maßnahmen statt symbolischer Gesten. „Es reicht nicht, nur während des Pride-Months das Logo in Regenbogenfarben zu schmücken und einen Instagram-Post zu machen. Solche symbolischen Gesten sind bedeutungslos, wenn sie nicht von echten Taten begleitet werden", sagte Kaiser in einem früheren Interview.

Der Fall zeigt exemplarisch, wie groß die Kluft zwischen öffentlichen Diversitätsbekenntnissen und tatsächlichem Handeln im deutschen Fußball weiterhin ist. Für queere Sportler*innen wie Pascal Kaiser bedeutet dies: Der Kampf um Akzeptanz und echte Gleichberechtigung geht weiter – auf und neben dem Platz.


Kulturkampf um die Regenbogenfahne: Dobrindts Ministerium will queeres Symbol von Bundesgebäuden verbannen

Ein besorgniserregender Bericht des Tagesspiegels offenbart: Beamte im Haus von Alexander Dobrindt (CSU) wollen das Hissen des LGBTIQ-Symbols an Bundesgebäuden beenden. Der CSU-Innenminister hatte eine "Unterrichtung" angefordert, in der sich die Beamten über "fortwährend unterschiedliche Erscheinungsbilder" und "bewusste und öffentlich wahrnehmbare Zuwiderhandlungen" beschweren – gemeint sind SPD-Minister wie Lars Klingbeil, die Dobrindts Einschränkungen beim Hissen der Regenbogenfahne schlicht ignorierten.

Von Faesers Ă–ffnung zu Dobrindts Rollback

Die Geschichte der Regenbogenfahne an deutschen Bundesgebäuden ist eine Geschichte von Fortschritt und Rückschritt. Im April 2022 unterzeichnete die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) einen historischen Erlass: "Wir sind ein modernes und vielfältiges Land. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir das auch als staatliche Institutionen deutlicher zeigen." Damit erlaubte sie erstmals offiziell das Hissen der Regenbogenfahne zu besonderen Anlässen wie dem Christopher Street Day oder dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT).

Doch nach dem Regierungswechsel änderte sich der Ton radikal. Bereits im April 2025 verschickte das Innenministerium unter Alexander Dobrindt ein Schreiben, das klarstellte: Die Regenbogenfahne darf nur noch einmal im Jahr gehisst werden. Diese Einschränkung erfolgte noch unter der Amtszeit von Nancy Faeser, doch interessanterweise hatte man es offenbar nicht für nötig befunden, die damals noch amtierende Innenministerin überhaupt zu unterrichten – ein möglicher Fall von "vorauseilendem Gehorsam" gegenüber der kommenden neuen Führung, wie der innenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Marcel Emmerich, kritisierte.

Was die Beamten wirklich fordern

Das nun bekannt gewordene interne Dokument geht noch deutlich weiter. Die Ministerialbeamten fordern darin eine "grundsätzliche Überarbeitung" der geltenden Vorschriften. "Logo-Flaggen" wie die Regenbogenfahne sollen künftig prinzipiell nicht mehr zugelassen werden, mit Ausnahmen nur bei "besonderem bundes-/gesamtstaatlichen Bezug" wie der EU-Ratspräsidentschaft oder der Weltausstellung Expo.

Die Begründung offenbart eine bemerkenswerte Haltung: Die Bundesflagge habe Verfassungsrang und stehe "für Einheitlichkeit und Kontinuität staatlichen Handelns". Die "Wirkmächtigkeit der staatlichen Symbolik" durch Bundes- und EU-Flagge solle "uneingeschränkt erhalten werden", heißt es weiter. Besonders deutlich wird die Stoßrichtung in dieser Passage: "Insoweit wird die Regenbogenflagge privilegiert behandelt." Die Beamten warnen zudem vor "Forderungen anderer gesellschaftlicher Gruppen und Organisationen".

Breiter Widerstand innerhalb der Regierung

Sollte Dobrindt versuchen, die Regenbogenfahne vollständig zu verbannen, dürfte er auf erheblichen Widerstand treffen. Ein solcher Schritt würde einen Kabinettsbeschluss erfordern – und SPD-Finanzminister Lars Klingbeil hatte sich bereits über Dobrindts Anordnung hinweggesetzt und die Regenbogenfahne zum zweiten Mal in diesem Jahr gehisst. Sein Ministerium teilte damals kämpferisch mit: "Wir wollen eine Gesellschaft des Respekts für jeden und jede sein, ganz gleich, wie man lebt und wen man liebt."

Auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas kündigte nach anfänglichem Zögern und Protesten aus der Community an, die Regenbogenfahne zum CSD Berlin zu hissen: "Wir werden auch ganz normal beflaggen." Die Beamten wiesen in ihrem Bericht selbst auf einen "Dissens innerhalb der Bundesregierung" hin.

Auch der Bundestag unter Beschuss

Der Kulturkampf um die Regenbogenfahne tobt nicht nur in den Ministerien. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) verbot das Hissen der Regenbogenfahne zum CSD und erlaubt es nur noch zum IDAHOBIT am 17. Mai. Zudem untersagte sie es den Mitarbeitenden der Bundestagsverwaltung, künftig als solche am CSD teilzunehmen.

Noch drastischer: Die Bundestagspolizei erhielt den Auftrag, alle sichtbar angebrachten Regenbogenfahnen auf dem Gelände des Bundestags zu entfernen – also Regenbogenfahnen, die an Türen und Fenstern der Abgeordnetenbüros gezeigt werden. Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano sprach von einem "beispiellosen Angriff auf Sichtbarkeit, Vielfalt und die Freiheit".

Ein gefährliches Signal in Zeiten steigender Gewalt

Die Debatte um die Regenbogenfahne ist mehr als nur ein Symbolstreit. Der LSVD+ warnte, dass dieser symbolische Akt in Zeiten steigender LGBTI-feindlicher Übergriffe ein "fatales politisches Signal" an queere Menschen sei. Während Alexander Dobrindt als erbitterter Gegner von LGBTI-Rechten gilt und Schwule und Lesben in der Vergangenheit als "schrille Minderheit" diffamierte, verschärft sich die Lage für queere Menschen in Deutschland.

Kanzler Friedrich Merz unterstützte das Vorgehen seiner Parteikollegin Klöckner mit der umstrittenen Bemerkung, der Bundestag sei "nicht ein Zirkuszelt" – eine Aussage, die in der queeren Community für Empörung sorgte. Die Botschaft ist klar: Was als Neutralitätsgebot verkauft wird, empfinden viele als gezielten Ausschluss.

Parallelen in Europa – und ein Hoffnungsschimmer

Deutschland steht mit dieser Debatte nicht allein. Während Spaniens Oberster Gerichtshof 2024 entschied, dass die Regenbogenfahne an Regierungsgebäuden nicht gegen Neutralitätsgebote verstößt und ein Symbol der Inklusivität sei, gibt es auch in anderen europäischen Ländern ähnliche Kontroversen. Doch die deutsche Entwicklung besorgt besonders: Nach Jahren des Fortschritts droht nun ein massiver Rückschritt.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Als Reaktion auf Klöckners Verbot dekorierte Berlins Verkehrsbetrieb die Bundestags-U-Bahn-Station in Regenbogenfarben und schrieb auf Instagram: "So, unser Bundestag ist bereit für Pride." Zivilgesellschaftlicher Widerstand formiert sich, und es bleibt abzuwarten, ob Dobrindt und die Union ihren Kulturkampf gegen die Sichtbarkeit queeren Lebens durchsetzen können.

Die Auseinandersetzung um ein Stück bunten Stoff offenbart am Ende eine grundsätzliche Frage: Welches Deutschland wollen wir sein? Eines, das Vielfalt als Teil seiner Identität sichtbar macht – oder eines, das queeres Leben wieder aus der Öffentlichkeit verdrängen will?


Frankreich führt "Nur Ja heißt Ja" ins Gesetz ein – Ein Meilenstein für sexuelle Selbstbestimmung

In einem historischen Schritt hat Frankreich am Mittwoch ein neues Zustimmungsgesetz verabschiedet, das explizite Einwilligung zu sexuellen Handlungen im Strafrecht verankert. Die Entscheidung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem auch Deutschland seine eigenen Wege zur Stärkung der sexuellen Selbstbestimmung beschreitet – wenn auch in anderen Bereichen.

Das französische Parlament hat damit auf einen der schockierendsten Kriminalfälle der jüngeren Geschichte reagiert: Den Fall von Gisèle Pelicot, die über neun Jahre hinweg von ihrem Ehemann betäubt und etwa 200 Mal von ihm und mehr als 80 weiteren Männern vergewaltigt wurde. Der Prozess um die Massenvergewaltigungen hatte die Debatte um das Sexualstrafrecht in Frankreich neu entfacht, und 51 Männer wurden zu Strafen zwischen 3 und 20 Jahren Haft verurteilt. Die vollständige Meldung findet sich auf queer.de.

Was ändert sich konkret in Frankreich?

Nach dem neuen Gesetz wird jede sexuelle Handlung ohne ausdrĂĽckliche Zustimmung als Vergewaltigung definiert, wobei Schweigen oder das Fehlen einer Reaktion nicht als Zustimmung gelten und es ein ausdrĂĽckliches Ja braucht. Die Zustimmung muss frei, konkret und widerrufbar sein.

Das Prinzip "Nur Ja heißt Ja" (französisch: "Seul oui signifie oui") ist damit strenger als das in Deutschland seit 2016 geltende "Nein heißt Nein"-Prinzip. In Deutschland sind sexuelle Handlungen als Vergewaltigung strafbar, wenn sie gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person vollzogen werden. Der Unterschied ist fein, aber bedeutsam: Während in Deutschland ein erkennbarer Widerstand vorausgesetzt wird, verlangt Frankreich nun eine aktive Zustimmung.

Eine mutige Frau verändert ein Land

Gisèle Pelicot bestand darauf, dass ihr Prozess öffentlich stattfindet, mit den Worten "damit das Schamgefühl die Seite wechselt" – eine Wendung, die zur Parole der MeToo-Bewegung wurde. In nur wenigen Wochen wurde Pelicot zum Vorbild und zur feministischen Ikone, die sagte, sie wolle, dass andere missbrauchte Frauen durch sie Mut bekämen.

Zahlreiche Angeklagte hatten ausgesagt, sie hätten nicht den Eindruck gehabt, das Opfer zu vergewaltigen, weil die Frau sich ihrer Ansicht nach schlafend gestellt habe. Diese Verteidigungsstrategie – die trotz eindeutiger Videobeweise von der Betäubung vorgebracht wurde – zeigt die erschreckende Realität einer Vergewaltigungskultur, in der fehlender Widerstand als Zustimmung interpretiert wird.

Bedeutung fĂĽr die LGBTQ+ Community

Auch wenn das Gesetz alle Menschen schützt, hat es besondere Bedeutung für vulnerable Gruppen – darunter auch LGBTQ+ Personen. Queere Menschen erfahren überproportional häufig sexualisierte Gewalt, und die Hemmschwelle, Übergriffe anzuzeigen, ist oft noch höher als in der Gesamtbevölkerung. Ein klares rechtliches Rahmenwerk, das explizite Zustimmung verlangt, kann helfen, diese Schutzlücke zu schließen.

Das Gesetz sendet zudem ein wichtiges Signal: Konsens ist nicht verhandelbar – unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Identität der beteiligten Personen. In einer Zeit, in der in einigen europäischen Ländern LGBTQ+ Rechte wieder unter Druck geraten, setzt Frankreich ein Zeichen für die körperliche Selbstbestimmung aller Menschen.

Deutschland auf einem anderen, aber wichtigen Weg

Während Frankreich sein Sexualstrafrecht reformiert, hat Deutschland in jüngster Zeit andere Fortschritte gemacht. Transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen haben seit dem 1. November 2024 die Möglichkeit, ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und ihre Vornamen durch eine Erklärung beim Standesamt ändern zu lassen. Das Selbstbestimmungsgesetz ersetzt das jahrzehntelang kritisierte Transsexuellengesetz und stärkt die Autonomie trans*, inter* und nichtbinärer Personen erheblich.

Beide Entwicklungen – in Frankreich wie in Deutschland – zeigen, dass der Kampf für körperliche und geschlechtliche Selbstbestimmung auf unterschiedlichen Ebenen geführt werden muss. Während Frankreich mit dem neuen Zustimmungsgesetz den Schutz vor sexualisierter Gewalt stärkt, erweitert Deutschland die Rechte von trans* und inter* Personen auf geschlechtliche Selbstbestimmung.

Europäischer Kontext und Ausblick

Frankreich reiht sich mit der Reform in eine Gruppe europäischer Länder ein, die das Prinzip der aktiven Zustimmung bereits verankert haben. Frankreich hatte bereits 2011 die Istanbul-Konvention unterzeichnet, die genau das vorsieht, jedoch erfolgte im Gegensatz zu Ländern wie Spanien bisher keine Änderung des Strafrechts.

Für Deutschland stellt sich die Frage, ob das seit 2016 geltende "Nein heißt Nein" ausreichend ist oder ob auch hier eine Weiterentwicklung zum "Nur Ja heißt Ja"-Prinzip notwendig wäre. Feministische Organisationen und Opferschutzverbände fordern dies schon seit Jahren. Eine Debatte, die auch die LGBTQ+ Community betrifft, denn sexuelle Selbstbestimmung ist universell – sie schützt alle Menschen, unabhängig von ihrer Identität.

Der Fall Pelicot und die daraus resultierende Gesetzesänderung zeigen: Wenn mutige Menschen ihre Geschichten öffentlich machen, können sie gesellschaftliche Debatten anstoßen und Rechtssysteme verändern. "Die Scham muss die Seite wechseln" – dieser Satz gilt für alle Formen sexualisierter Gewalt und für alle Betroffenen, auch und gerade in der LGBTQ+ Community.


Nigeria: 25 Festnahmen bei vermeintlicher "Schwulenhochzeit" – Wenn Liebe zum Verbrechen wird

Am Samstag, dem 25. Oktober 2025, stürmte die religiöse Polizei Hisbah ein Veranstaltungszentrum in der nordnigerianischen Stadt Kano und verhaftete 25 Menschen, die einer vermeintlichen gleichgeschlechtlichen Hochzeit beiwohnten. Die Hisbah durchsuchte das Fatima Event Centre, nachdem sie einen Hinweis von einem „besorgten Bürger" erhalten hatte, der die Behörden über die geplante Zeremonie informiert hatte. Wie GCN berichtet, wurden 18 Männer und sieben Frauen festgenommen – darunter auch das Paar, das sich angeblich das Ja-Wort geben wollte.

Ein Muster staatlicher Verfolgung

Diese Razzia ist kein Einzelfall. Die Hisbah hat im Laufe der Jahre Dutzende Menschen bei angeblichen gleichgeschlechtlichen Hochzeiten verhaftet, darunter in den Jahren 2022, 2018, 2015 und 2007 – doch bisher wurde niemand verurteilt. Trotzdem wiederholt sich das brutale Schauspiel immer wieder: Im Jahr 2023 fanden zwei Massenverhaftungen bei privaten Veranstaltungen statt, am 27. August wurden in der südlichen Stadt Ekpan 67 Menschen festgenommen, nur wenige Wochen später wurden weitere 76 Menschen bei einer Geburtstagsfeier verhaftet.

Die aktuellen Berichte von Menschenrechtsorganisationen zeichnen ein erschreckendes Bild: Während der Haft wurde den Festgenommenen der Zugang zu Medikamenten und rechtlicher Vertretung verweigert, willkürliche Verhaftungen, Belästigung, Erpressung und Misshandlungen in Gewahrsam wurden dokumentiert.

Die Hisbah: Religiöse Polizei mit umstrittener Macht

Die Kano State Hisbah Corps ist eine religiöse Polizeitruppe, die für die Durchsetzung der Scharia für Muslime im Bundesstaat Kano und anderen Teilen Nordnigerias zuständig ist. Die Organisation wurde im Jahr 2000 von der Landesregierung gegründet und 2003 durch die Institutionalisierung zuvor lokaler und privat organisierter Hisbah-Einheiten erweitert. Offiziell hat die Hisbah keine Befugnis, Verhaftungen durchzuführen, und ihre Beamten sind nur mit nicht-tödlichen Waffen zur Selbstverteidigung bewaffnet – sie sollen Verstöße gegen die Scharia der nigerianischen Polizei melden.

Doch die Realität sieht oft anders aus. Berichte aus dem Jahr 2022 zeigen potenzielle Menschenrechtsverletzungen durch die Behörde, darunter erzwungene HIV- und Schwangerschaftstests, brutale Schläge von Insassen und verlängerte Haftzeiten für Minderjährige. Laut BBC soll die Hisbah nur für Muslime gelten, „aber in der Realität stehen auch Nicht-Muslime unter Druck, sich den Entscheidungen der Hisbah zu unterwerfen".

Drakonische Gesetze und gesellschaftliche Ablehnung

Die Förderung gleichgeschlechtlicher Verbindungen wurde 2014 in Nigeria zu einer Straftat erklärt, Personen, die gegen das Gesetz verstoßen, drohen bis zu 14 Jahre Gefängnis. In zwölf der 36 nigerianischen Bundesstaaten gilt seit 1999 die Scharia parallel zum staatlichen Rechtssystem – unter dieser Gesetzgebung kann Homosexualität theoretisch mit der Todesstrafe geahndet werden, auch wenn diese Strafe nie vollstreckt wurde. Im Rest Nigerias können Personen, die wegen homosexueller Handlungen verurteilt werden, mit lebenslanger Haft bestraft werden.

Die gesellschaftliche Stimmung ist ebenso bedrückend: Eine Studie des Pew Research Centre aus dem Jahr 2023 zeigt, dass 97% der Nigerianer gegen die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen sind. Diese Zahlen spiegeln nicht nur religiöse Überzeugungen wider, sondern auch die Wirkung jahrzehntelanger staatlicher Propaganda und kolonialer Gesetzgebung, die Homosexualität als "unafrikanisch" stigmatisiert.

Deutschland als Zufluchtsort – mit Hürden

Für queere Menschen aus Nigeria, die vor Verfolgung fliehen, ist Deutschland theoretisch ein sicheres Ziel. LGBTIQ+-Personen, die verfolgt werden, haben Anspruch auf Asyl in Deutschland – Verfolgung bedeutet, dass ihnen im Herkunftsland extreme Gewalt, Tod, Gefängnis oder andere Formen unmenschlicher Behandlung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität drohen.

Doch der Weg ist steinig. Sowohl das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als auch die Verwaltungsgerichte glauben manchmal nicht, dass Antragsteller tatsächlich LGBTIQ+ sind, wenn sie keinen „lückenlosen Bericht über ihre Erfahrungen" liefern können, was zur Ablehnung von Asylanträgen führt. Eine lesbische Asylsuchende aus Uganda berichtete, dass sie in Sammelunterkünften mit Menschen untergebracht wurde, die homophobe Ansichten vertreten könnten, was sie zwang, sich selbst zu isolieren.

Besonders problematisch: Der LSVD nennt konkrete Fälle aus Kamerun, Tansania, Nigeria und Pakistan, in denen deutsche Behörden die sexuelle Identität von schwulen oder bisexuellen Männern versehentlich an ihre Herkunftsländer weitergegeben haben. Trotz dieser Herausforderungen bleibt Deutschland für viele verfolgte LGBTIQ+-Menschen aus Nigeria eine der wenigen Hoffnungen auf ein Leben in Sicherheit und Würde.

Ein globales Problem – auch in Deutschland spürbar

In zwölf afrikanischen Ländern werden Gesetze verstärkt als Unterdrückungsinstrumente gegen LGBTI+ eingesetzt – insgesamt kriminalisieren 31 afrikanische Länder einvernehmliche gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen, wie eine Analyse von Amnesty International zeigt. Diese Entwicklung betrifft auch Deutschland direkt: Immer mehr Menschen fliehen vor dieser Verfolgung und suchen hier Schutz.

Die Ereignisse in Kano erinnern uns daran, dass Menschenrechte nicht verhandelbar sind – weder in Nigeria noch anderswo. Während wir in Deutschland über die weitere Verbesserung von LGBTIQ+-Rechten diskutieren, kämpfen Menschen in Nigeria täglich ums Überleben, nur weil sie lieben, wen sie lieben. Ihre Geschichten verdienen unsere Aufmerksamkeit, unsere Solidarität und unser Handeln.


Texas erlaubt Richtern Verweigerung gleichgeschlechtlicher Trauungen – Ein Rückschlag für LGBTQ+-Rechte

In einem erschütternden Urteil hat der Oberste Gerichtshof von Texas am Freitag, den 25. Oktober 2024, entschieden, dass Richter:innen im Bundesstaat gleichgeschlechtliche Eheschließungen aus "aufrichtig vertretenen religiösen Überzeugungen" ablehnen dürfen. Diese Entscheidung markiert einen dramatischen Rückschritt für die Gleichstellung queerer Menschen und steht im krassen Gegensatz zu den Rechtsstandards in Deutschland. Die vollständige Berichterstattung über diesen Fall findet sich auf Pink News.

Die Entscheidung und ihre Tragweite

Der Oberste Gerichtshof von Texas änderte am Freitag den richterlichen Verhaltenskodex, um klarzustellen, dass "es keine Verletzung dieser Regeln darstellt, wenn ein Richter öffentlich davon absieht, eine Trauungszeremonie aufgrund einer aufrichtig vertretenen religiösen Überzeugung durchzuführen". Die Änderung wurde von allen neun Richtern des vollständig republikanisch besetzten Gerichts unterzeichnet und trat sofort in Kraft.

Diese Entscheidung folgt einem jahrelangen Rechtsstreit um Dianne Hensley, eine Richterin aus McLennan County, die den Bundesstaat verklagte, nachdem sie öffentlich sanktioniert wurde, weil sie sich weigerte, gleichgeschlechtliche Hochzeiten aus dem durchzuführen, was sie als "bibeltreues" Gewissen beschrieb. Die Kommission erklärte in ihrer Warnung, Hensleys ungleiche Art der Amtsführung verstoße gegen den texanischen Verhaltenskodex für Richter, indem sie "Zweifel an ihrer Fähigkeit wecke, unparteiisch gegenüber Personen zu handeln, die wegen ihrer sexuellen Orientierung vor ihr als Richterin erscheinen".

Der Fall Kim Davis und seine Parallelen

Der texanische Fall erinnert stark an die bundesweite rechtliche Auseinandersetzung mit Kim Davis, die von 2015 bis 2019 als Bezirksangestellte von Rowan County in Kentucky tätig war und sich weigerte, kurz nach dem Obergefell-Urteil des Supreme Court im Jahr 2015 Heiratsurkunden an gleichgeschlechtliche Paare auszustellen. Das Gericht wird am 7. November in einer nichtöffentlichen Konferenz darüber beraten, ob es Kim Davis' Anfechtung der gleichgeschlechtlichen Ehe anhören wird, und eine Entscheidung könnte bereits am Montag, dem 10. November, bekannt gegeben werden.

Das Ergebnis könnte erhebliche Auswirkungen auf den landesweiten Schutz der gleichgeschlechtlichen Ehe durch Obergefell haben, der ein verfassungsmäßiges Recht auf Eheschließung umfasst. Jedoch betonen Rechtsanalytiker, dass das Gericht den Fall möglicherweise auf engeren Grundlagen entscheiden könnte, wie etwa qualifizierte Immunität oder dem Unterschied zwischen Davis' persönlicher und beruflicher Eigenschaft.

Ein Blick nach Deutschland: Solide Rechtslage fĂĽr LGBTQ+-Rechte

Im Gegensatz zu Texas steht die Rechtslage in Deutschland auf einem völlig anderen Fundament. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist in Deutschland seit dem 1. Oktober 2017 legal. Der Bundestag beschloss, im Bürgerlichen Gesetzbuch festzuschreiben, dass eine Ehe von "zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit" geschlossen wird.

Besonders wichtig ist: In Deutschland kann eine Ehe nur vor einem Standesbeamten geschlossen werden, religiöse Zeremonien haben keine rechtliche Wirkung. Ein Szenario wie in Texas, in dem Amtsträger aus religiösen Gründen gleichgeschlechtliche Paare diskriminieren dürfen, wäre in Deutschland undenkbar. Der Standesbeamte muss seine Mitwirkung verweigern, wenn gesetzliche Hindernisse vorliegen – religiöse Überzeugungen gehören jedoch nicht dazu.

Eine Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2019 ergab, dass 84% der Deutschen glaubten, die gleichgeschlechtliche Ehe sollte in ganz Europa erlaubt sein. Eine Pew-Umfrage zwischen Februar und Mai 2023 zeigte, dass 80% der Deutschen die gleichgeschlechtliche Ehe unterstĂĽtzen. Diese breite gesellschaftliche UnterstĂĽtzung bildet ein starkes Fundament fĂĽr die Rechtssicherheit queerer Paare in Deutschland.

Kritik an der texanischen Entscheidung

Für Bürgerrechtsanwälte stellt die Entscheidung einen besorgniserregenden Präzedenzfall dar. Sie legt nahe, dass Richter, die schwören, die Verfassung zu wahren und das Gesetz gleich anzuwenden, sich selektiv weigern können, bestimmten Bürgern aufgrund ihres persönlichen Glaubens zu dienen.

Jason Mazzone, ein Rechtsprofessor an der University of Illinois, sagte, dass die Umgehung des Verhaltenskodex durch den Obersten Gerichtshof von Texas die Möglichkeit offenlässt, dass ein schwules Paar mit Klageberechtigung die Entscheidung eines Richters, sie nicht zu trauen, auf verfassungsrechtlichen Grundlagen der Gleichbehandlung anfechten kann. "Das ist natürlich nicht, wie Gleichbehandlung funktioniert, und es ist nicht, wie wir erwarten, dass Regierungsbeamte arbeiten".

Was bedeutet das fĂĽr LGBTQ+-Rechte in den USA?

Die Entscheidung trägt zu wachsenden landesweiten Spannungen über LGBTQ+-Rechte und jüngste Gesetze bei, die die Geschlechtsidentität betreffen. Während die rechtliche Lage in einzelnen US-Bundesstaaten zunehmend unsicherer wird, bietet Deutschland seinen LGBTQ+-Bürger:innen einen robusten Rechtsschutz. Die Entwicklungen in Texas zeigen, wie wichtig es ist, errungene Rechte kontinuierlich zu verteidigen und internationale Solidarität mit queeren Menschen in weniger geschützten Rechtssystemen zu zeigen.

Die kommenden Wochen werden entscheidend sein – insbesondere die Entscheidung des Supreme Court am 7. November über den Fall Kim Davis könnte weitreichende Folgen für die Gleichberechtigung in den USA haben. Für queere Menschen in Deutschland bleibt die Botschaft klar: Die "Ehe für alle" ist nicht nur ein Symbol, sondern ein durch das Grundgesetz geschütztes Recht, das Diskriminierung durch staatliche Amtsträger unmöglich macht.


Tom Daley über Bulimie und Körperdruck in der schwulen Community: "Unrealistische Körpererwartungen"

Der britische Wasserspringer und fünffache Olympiamedaillengewinner Tom Daley hat sich in einem Interview mit der Radio Times erneut über seine jahrelangen Kämpfe mit Körperdysmorphie und Bulimie geäußert. Der 31-Jährige, der kürzlich in der britischen TV-Show "The Celebrity Traitors" zu sehen war, sprach offen über die "unrealistischen Körpererwartungen" in der schwulen Community und die Herausforderungen, die Social Media und Gay-Kultur mit sich bringen. (Quelle: PinkNews)

Der Beginn einer dunklen Zeit

Die Wurzeln von Daleys Essstörung reichen zurück bis Ende 2011, als ihm sein Leistungsdirektor beim britischen Wasserspringen sagte, er sei übergewichtig und müsse schlanker und magerer aussehen wie 2008 – als Daley gerade einmal 14 Jahre alt war. "Es war das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, nach meinem Aussehen beurteilt zu werden und nicht nach meiner Leistung im Sprungbecken", erinnert sich der Sportler.

"Ich hatte absolut keine Ahnung, was ich damals tat, also habe ich einfach das Essen gestrichen", gestand Daley. "Männer sollten keine Essstörungen haben, Männer sollten keine Probleme mit der psychischen Gesundheit haben. Männer sollten macho sein", so die damalige gesellschaftliche Erwartung, die ihn in die Isolation trieb.

UnterstĂĽtzung durch Ehemann Dustin Lance Black

Heute findet Daley Kraft in seiner Familie. Er ist seit 2017 mit dem Oscar-prämierten Drehbuchautor Dustin Lance Black verheiratet, mit dem er zwei Söhne – Robbie (6) und Phoenix (2) – hat. "Mein Ehemann war eine große Unterstützung dabei", erklärt Daley über seinen Umgang mit den Körperbildproblemen. Auch über die 19-jährige Altersdifferenz zwischen ihm und seinem Mann sagte Daley, dass sie sich "zu hundert Prozent" weniger anfühle, je länger sie zusammen seien: "Die Leute, die uns kennen, wissen, dass ich die reifere Person bin, die zu Hause die Show leitet".

Ein Problem der gesamten LGBTQ+-Community

Daleys Offenheit lenkt den Blick auf ein weitverbreitetes Problem: Schwule und bisexuelle Männer haben eine deutlich höhere Prävalenz von Essstörungen als heterosexuelle Männer. Während nur etwa 6 Prozent der männlichen Bevölkerung schwul sind, machen sie bis zu 42 Prozent der Männer mit Essstörungen aus.

Auch in Deutschland ist das Thema hochaktuell. Bei 54 Prozent von amerikanischen Schwulen, Lesben, Bisexuellen und transgeschlechtlichen Personen zwischen 13 und 24 Jahren wurden bereits Essstörungen diagnostiziert. Insgesamt glauben sogar drei Viertel aller jungen LGBT, an Essstörungen zu leiden. Eine österreichische Studie zeigte, dass jeder fünfte LGBTI*-Mensch eine Essstörung hat (19%).

Körperkult und Druck in der schwulen Szene

Die Gründe für diese erschreckenden Zahlen sind vielfältig. Schwule Männer zeigen eine größere Diskrepanz zwischen aktuellem und idealem Körperfett, höheres Schlankheitsstreben, mehr körperbezogenes Vermeidungsverhalten und insgesamt stärkere Körperbildstörungen sowie höhere Essstörungs- und körperdysmorphe Störungssymptome als heterosexuelle Männer.

Bei Schwulen komme hinzu, dass der gesellschaftliche Druck, einen perfekten Körper zu haben, höher sei als bei heterosexuellen Männern. Viele beschreiben diesen idealen Körper als sowohl muskulös als auch dünn – eine Kombination, die einzigartig für die schwule männliche Community ist. Dieser Druck wird durch Dating-Apps und soziale Medien zusätzlich verstärkt, wie deutsche Experten betonen.

Deutsche Perspektive: Forschung und Hilfsangebote

In Deutschland gibt es bislang wenige geoutete schwule Spitzensportler – im Fußball hat sich noch kein aktiver Profi als homosexuell geoutet. Umso wichtiger sind Vorbilder wie Tom Daley, die ihre Geschichten teilen. Homosexuelle Männer zeigen im Selbstbericht eine höhere Ausprägung in Körperunzufriedenheit und Schlankheitsstreben als heterosexuelle Männer, und bei ihnen liegt tendenziell eine schwerere Essstörungs-Symptomatik vor.

Es ist wichtig, der Stigmatisierung von Männern mit Essstörungen entgegenzuwirken und Hürden in Diagnostik und Behandlung abzubauen. Die gängigen Screening- und Diagnoseverfahren sollten angepasst werden, um den Besonderheiten essgestörten Verhaltens bei Männern gerecht zu werden, fordern deutsche Mediziner im Deutschen Ärzteblatt.

Hilfe ist möglich

Tom Daley betont heute: "Jetzt muss ich einfach eine gesunde Beziehung zu meinem Körper haben". Seine Botschaft an Betroffene ist klar: "Sucht euch früher Hilfe, fangt jetzt an, darüber zu sprechen, auf jede erdenkliche Weise, mit jedem, dem ihr vertraut. Ich wünschte, ich hätte das getan".

Für Menschen in Deutschland, die mit Essstörungen kämpfen, bietet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Informationen und Hilfsangebote. Auch die Community selbst kann eine wichtige Rolle spielen: Soziale Kontakte in der Szene können massiv entgegenwirken, auch und gerade in Bereichen wie dem Burn-out oder bei Essstörungen. Stress lässt sich dabei innerhalb der Community auch jenseits von Bars und Clubs abbauen, beispielsweise bei schwulen Sportvereinen, Gay-Workshops oder Kulturverbänden.

Daleys Mut, über seine Kämpfe zu sprechen, ist ein wichtiger Schritt, um das Bewusstsein für diese oft verschwiegene Problematik zu schärfen – sowohl in der LGBTQ+-Community als auch darüber hinaus. In einer Zeit, in der vor allem während der Pandemie ein massiver Anstieg von Essstörungen zu verzeichnen war – bei 10- bis 14-Jährigen um 33 Prozent, bei den 15- bis 17-Jährigen um 54 Prozent, braucht es mehr Vorbilder wie ihn, die zeigen: Man ist nicht allein, und es gibt einen Weg zurück ins Licht.


"Als ob trans sein eine Beleidigung wäre": Hailey Bieber kontert Trolle mit starker Botschaft

Model und Unternehmerin Hailey Bieber hat mit einer bemerkenswerten Reaktion auf transfeindliche Online-Trolle für Begeisterung in der LGBTQ+-Community gesorgt. Die 28-jährige Frau von Popstar Justin Bieber erklärte in einem Podcast, dass Menschen versuchen würden, "gemein zu sein" und sagen: "Sie sieht trans aus." Darauf antwortete sie: "Warum denkt ihr, dass das eine Beleidigung ist? Als ob trans sein eine Beleidigung wäre?" Der Originallink zur Meldung findet sich bei PinkNews.

Klare Haltung im Podcast mit Owen Thiele

Das Model und die Geschäftsfrau trat Ende letzter Woche im Podcast "In Your Dreams" mit Owen Thiele auf, als ein kleines Kleidungsmissgeschick die beiden Freunde dazu brachte, über die Kritik zu sprechen, der Bieber manchmal wegen ihres Aussehens ausgesetzt ist. Bieber erklärte: "Wenn Leute versuchen, gemein zu sein, sagen sie: 'Sie sieht trans aus', und ich denke mir: 'Warum denkst du, dass das eine Beleidigung ist? Einige der schönsten Frauen und Männer der Welt sind trans, also nehme ich das überhaupt nicht als Beleidigung auf.'"

Ihre Äußerungen wurden online weithin gefeiert, wobei Fans sie dafür lobten, mit Anmut und Empathie auf Hass zu reagieren. Ein YouTube-Kommentator nannte es "Königinnen-Verhalten", während ein anderer sie dafür lobte, "Leute zu durchschauen, die 'trans' als Beleidigung benutzen."

Das gefährliche Phänomen des "Transvestigating"

"Transvestigating" bedeutet zu "untersuchen", ob eine cisgender Berühmtheit heimlich transgender ist, indem man ihre körperlichen Merkmale, Körpersprache und Pseudowissenschaften wie Phrenologie und Physiognomie betrachtet. Es ist in den letzten Jahren zunehmend populär geworden, da trans-ausschließender radikaler Feminismus und Anti-Trans-Hexenjagden zunehmen. Dieses Phänomen betrifft nicht nur Hailey Bieber – auch der französische Präsident Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte Macron reichten im Sommer eine Verleumdungsklage gegen die rechtsgerichtete Kommentatorin Candace Owens ein, nachdem diese angeblich Gerüchte verbreitet hatte, die First Lady sei transgender.

Transfeindlichkeit in Deutschland: Ein alarmierendes Problem

Biebers klare Haltung ist besonders relevant für die Situation in Deutschland, wo Transfeindlichkeit ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem darstellt. Laut der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024 sind 37 % der Befragten in Deutschland transfeindlich – eine alarmierend hohe Zahl. In den vergangenen Jahren lässt sich eine deutliche Zunahme von Trans- und Queerfeindlichkeit in Mitteldeutschland und weltweit beobachten. Ob in den Parlamenten, auf der Straße oder im gesellschaftlichen Diskurs – der Wind gegen trans Personen und Queers ist rauer geworden.

2021 registrierte das Bundeskriminalamt in seiner Statistik zu Politisch motivierter Kriminalität 1.210 Fälle von Hassverbrechen aufgrund des Geschlechts, der Geschlechtsidentität oder der sexuellen Orientierung. 2020 waren es noch 782 - ein Anstieg um knapp 54 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig öffentliche Statements wie das von Hailey Bieber sind.

Engagement fĂĽr LGBTQ+-Rechte

Biebers Statement kommt nicht aus dem Nichts. Im Jahr 2023 schloss sie sich anderen Berühmtheiten und LGBTQ+-Verbündeten an, um einen offenen Brief an Meta-CEO Mark Zuckerberg zu unterzeichnen, in dem sie zu stärkeren Maßnahmen gegen Anti-Trans-Rhetorik auf Social-Media-Plattformen aufrief. Ihr aktuelles Statement könnte in der Tradition anderer mutiger Promi-Reaktionen stehen: Bereits 2009 wurde Lady Gaga mit Gerüchten konfrontiert, sie habe einen Penis. Als sie vom Journalisten Anderson Cooper gefragt wurde, ob das wahr sei, antwortete sie: "Vielleicht habe ich einen. Wäre das so schrecklich? Warum zum Teufel sollte ich meine Zeit damit verschwenden, eine Pressemitteilung darüber abzugeben, ob ich einen Penis habe oder nicht?"

Vorbilder in Deutschland und weltweit

Es gibt zahlreiche erfolgreiche trans Personen im deutschsprachigen Raum, die als Vorbilder dienen. Dazu gehören etwa Felicia Ewert, Model, Speakerin und Aktivistin, sowie Kim Petras, die als Sängerin international erfolgreich ist, und Balian Buschbaum, der ehemalige Stabhochspringer.

Trans Personen gehen üblicherweise aus den LSBT-Zielgruppen gewidmeten Studien als die vulnerabelste und am meisten diskriminierte Gruppe hervor. Umso wichtiger sind Statements wie das von Hailey Bieber, die zeigen, dass trans zu sein nichts ist, wofür man sich schämen muss – sondern etwas, das gefeiert werden sollte.

Ein Zeichen der Solidarität

Bieber hat bewiesen, wie einfach es ist, ein Verbündeter zu sein. Ihre Worte senden eine kraftvolle Botschaft an trans Menschen weltweit: Ihr seid schön, ihr seid wertvoll, und eure Identität ist keine Beleidigung. In einer Zeit, in der die feindliche Stimmung von rechten bis rechtsextremen, bürgerlich-konservativen, religiösen und teils sogar von "feministischen" Milieus getragen und befeuert wird, sind solche Statements von Personen des öffentlichen Lebens wichtiger denn je.

Die Reaktionen auf Social Media zeigen, dass Biebers Botschaft angekommen ist. Viele User*innen feiern ihre Antwort als "ikonisch" und fordern mehr dieser Energie in der öffentlichen Diskussion. Denn am Ende geht es darum, eine Gesellschaft zu schaffen, in der alle Menschen – unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität – respektvoll und gleichberechtigt behandelt werden.


Ein Jahr Selbstbestimmungsgesetz: Über 22.000 Menschen in Deutschland haben ihren Geschlechtseintrag geändert

Es ist ein historischer Meilenstein für trans-, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen in Deutschland: Seit Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes vor knapp einem Jahr haben mehr als 22.000 Menschen in Deutschland ihren Geschlechtseintrag im Geburtenregister ändern lassen, wie eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes zeigt. Die Zahlen belegen eindrucksvoll, wie groß der Bedarf nach einem würdevollen Verfahren zur Änderung des Personenstands war – und wie problematisch das vorherige System über Jahrzehnte hinweg gewesen ist. Die ursprüngliche Meldung auf queer.de zeigt die Bedeutung dieser Entwicklung für die LGBTQ+-Community auf.

Ein überwältigender Start: 7.000 Anträge im ersten Monat

Vor allem im ersten Monat des neu geltenden Gesetzes, im November 2024, ergriffen viele Menschen die Möglichkeit: 7.057 Personen änderten in dem Monat ihren bestehenden Eintrag. Diese beeindruckende Zahl im ersten Monat zeigt deutlich, wie viele Menschen jahrelang auf diesen Moment gewartet haben. Der vorübergehende Anstieg der Änderungszahlen lässt sich auch mit einem Nachholeffekt erklären – viele Menschen haben mit der Änderung ihres Geschlechtseintrags teilweise jahrelang gewartet, um nicht das grund- und menschenrechtswidrige Transsexuellengesetz nutzen zu müssen.

In den Folgemonaten gingen die Zahlen leicht, aber kontinuierlich zurück, von 2.936 im Dezember 2024 auf 1.244 im Juli 2025. Diese Normalisierung war zu erwarten und entspricht ähnlichen Entwicklungen in anderen Ländern, die vergleichbare Reformen eingeführt haben.

Der dramatische Unterschied zum alten System

Der Kontrast zum vorherigen Verfahren könnte kaum größer sein: In den zehn Monaten vor Inkrafttreten des Gesetzes – Januar bis Oktober 2024 – nahmen bundesweit insgesamt nur 596 Menschen eine solche Änderung vor. Das bedeutet, dass allein im November 2024 mehr als elfmal so viele Menschen ihren Geschlechtseintrag änderten wie in den gesamten zehn Monaten zuvor zusammen.

Mit Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes zum 1. November 2024 trat das Transsexuellengesetz außer Kraft, das für die Änderung des Geschlechtseintrags und Namens ein aufwendiges Gutachterverfahren und die gerichtliche Anerkennung der Änderungen vorschrieb. Diese Vorgaben empfanden viele Betroffene als entwürdigend. Das Verfahren war außerdem langwierig und kostspielig.

Die dunkle Geschichte des Transsexuellengesetzes

Das nun abgelöste Transsexuellengesetz aus dem Jahr 1981 steht für eines der dunkelsten Kapitel deutscher Rechtsprechung im Bereich der Menschenrechte. In den Fragebögen für die Begutachtung tauchten unter anderem solche Fragen auf: Wie oft masturbieren Sie durchschnittlich innerhalb eines Monats? Diese intimen und entwürdigenden Fragen mussten trans Menschen beantworten, nur um ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrnehmen zu können.

Die Geschichte des TSG ist auch eine Geschichte der Menschenrechtsverletzungen: So mussten transgeschlechtliche Menschen noch bis 2008 die Scheidung einreichen und waren bis 2011 gezwungen, sich sterilisieren und geschlechtsangleichende Operationen vornehmen zu lassen, damit ihr falscher Geschlechtseintrag korrigiert werden konnte. Laut Bundesverband Trans* e.V. betraf das in Deutschland mehr als 10.000 Menschen.

Das neue Verfahren: Einfach und wĂĽrdevoll

Seit Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes können Menschen relativ einfach über eine Erklärung beim Standesamt ihren Geschlechtseintrag und ihren Vornamen ändern lassen. Anmelden müssen sie dies drei Monate im Voraus. Erlaubt sind die Ausprägungen männlich, weiblich, divers und ohne Angabe.

Das neue Verfahren basiert auf dem Prinzip der Selbstbestimmung und verzichtet auf die psychiatrische Begutachtung, die viele Betroffene als pathologisierend und diskriminierend empfanden. Das Bundesfamilienministerium bietet umfassende Informationen zum Verfahren und beantwortet häufig gestellte Fragen.

Wer ändert in welche Richtung?

Interessant sind auch die Daten zur Änderungsrichtung: 33 Prozent der vorliegenden Erklärungen in 2024 betreffen Änderungen des Eintrags von männlich zu weiblich und 45 Prozent von weiblich zu männlich, was mehr als drei Viertel aller Änderungen umfasst. Diese Zahlen widerlegen die in der öffentlichen Debatte oft geäußerte Behauptung, das Gesetz würde primär von trans Frauen genutzt werden.

Deutschland folgt internationalem Trend

Mit dem Selbstbestimmungsgesetz reiht sich Deutschland in eine wachsende Gruppe von Ländern ein, die die Menschenrechte von trans Personen respektieren. Argentinien, Malta, Dänemark, Luxemburg, Belgien, Irland, Portugal, Island, Neuseeland, Norwegen, Uruguay, Spanien, Finnland, Schweiz, Brasilien, Kolumbien und Ecuador respektieren in entsprechenden Gesetzen die Grundrechte und Selbstbestimmung von trans* Personen bei der Änderung des Geschlechtseintrags. Auch Deutschland hat seit 1. November ein Selbstbestimmungsgesetz.

Immer mehr Länder haben die belastenden Anforderungen für eine rechtliche Geschlechtsanerkennung abgeschafft, einschließlich medizinischer oder psychologischer Gutachten. In Ländern wie Argentinien, Belgien, Dänemark, Irland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Portugal, Spanien und Uruguay gibt es einfache Verwaltungsverfahren zur rechtlichen Anerkennung des Geschlechts auf Grundlage der Selbstbestimmung.

Persönliche Geschichten: Wenn endlich die Papiere stimmen

Hinter jeder dieser Zahlen steht eine persönliche Geschichte, ein individueller Weg zur Selbstfindung und oft jahrelanger Leidensdruck. Erfahrungsberichte wie der aus Nürnberg zeigen, welche emotionale Bedeutung die Änderung des Personenstands für die Betroffenen hat. Die amtliche Dokumentierung des selbstgewählten Namens macht Menschen "zu einem richtig glücklichen Menschen", wie eine Betroffene beschreibt.

Aktuelle Herausforderungen und Zukunftsaussichten

Trotz dieses historischen Fortschritts gibt es auch kritische Stimmen und neue Herausforderungen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) plant ein neues Gesetzesvorhaben, das die Übermittlung der personenbezogenen Daten beim Personenstandwechsel an alle maßgeblichen Behörden vorsieht, um so "Missbrauch" vorzubeugen. Queere Vereine wie der LSVD+ kritisieren das Vorgehen scharf, die Linksfraktion spricht von der Wiedereinführung „Rosa Listen".

Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, betonte, dass die Evaluation des Selbstbestimmungsgesetzes „Positives bringen" könne und wünscht sich zudem mehr Sachlichkeit in der Debatte. Es bleibt zu hoffen, dass die Rechte von trans Menschen nicht wieder eingeschränkt werden und dass die gesellschaftliche Debatte sachlicher wird.

Ein Meilenstein fĂĽr Menschenrechte

Die über 22.000 Änderungen des Geschlechtseintrags in den ersten neun Monaten des Selbstbestimmungsgesetzes sind mehr als nur eine Statistik. Sie repräsentieren 22.000 Menschen, die endlich in ihrer wahren Identität rechtlich anerkannt werden. Sie stehen für ein Ende von Jahrzehnten der Diskriminierung und Pathologisierung. Und sie sind ein Zeichen dafür, dass Deutschland – wenn auch spät – einen wichtigen Schritt in Richtung Gleichberechtigung und Menschenwürde für alle gemacht hat.

Das Selbstbestimmungsgesetz zeigt: Wenn man trans Menschen die Möglichkeit gibt, ihr Leben selbstbestimmt und würdevoll zu gestalten, werden sie dieses Recht wahrnehmen. Die hohen Zahlen zu Beginn belegen den jahrelangen Aufstau unter dem diskriminierenden alten System. Die sich normalisierende Entwicklung danach zeigt, dass ein unkompliziertes Verfahren funktioniert – ohne die von Kritikern befürchteten "Missbräuche".


"Menschen zweiter Klasse": WĂĽrttembergs evangelische Kirche verweigert Schwulen und Lesben weiter die Gleichstellung

Die Enttäuschung unter queeren Gläubigen in Württemberg sitzt tief: Am 29. November 2024 sprach sich die Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg mit knapper Mehrheit gegen die Öffnung des Trauungsrechts für gleichgeschlechtliche Paare aus (die ursprüngliche Meldung auf queer.de hier). Für den Beschluss des Gesetzes hätte es mindestens 60 Ja-Stimmen gebraucht, es gab aber lediglich 56 bei 31 Nein-Stimmen und 2 Enthaltungen. Ein Moment, der zeigt: Auch im Jahr 2024 kämpfen LGBTQ+-Menschen in Deutschland noch um volle Anerkennung – selbst in Institutionen, die Nächstenliebe predigen.

LSVD+ kritisiert Kirche scharf: "Signal der Ausgrenzung"

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg schafft es wieder nicht, eine Gleichstellung für ihre lesbischen und schwulen Mitglieder zu schaffen – und deren Diskriminierung in dieser Landeskirche geht weiter, so der LSVD+ Baden-Württemberg. Die Kritik ist deutlich: In Zeiten zunehmender Hasskriminalität gegen queere Menschen fehlt ein starkes Signal der Kirche. Stattdessen sollen sich queere Gläubige "in ihren Gemeinden weiterhin hinten anstellen", wie der Landesverband betont.

Die Zahlen sprechen eine beunruhigende Sprache: Laut Bundeskriminalamt und Bundesinnenministerium wurden 2024 im Unterthemenfeld "sexuelle Orientierung" 1.765 Straftaten erfasst, was einer Steigerung von etwa 18% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die polizeilichen Fallzahlen zeigen einen besorgniserregenden Anstieg queerfeindlicher Straftaten über die vergangenen Jahre, die Zunahme ist erschreckend. In diesem Klima bräuchten queere Menschen Unterstützung – auch von der Kirche.

Der Kompromiss, der keiner ist

Was bedeutet die Entscheidung konkret? Stattdessen soll es bei einem besonderen Gottesdienst zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare bleiben – ohne die rechtliche und liturgische Gleichstellung mit der klassischen Trauung. Seit März 2019 gilt: In bis zu einem Viertel der Gemeinden können Segnungsgottesdienste nach einer zivilen Eheschließung angeboten werden, wobei im Gemeinderat drei Viertel der Mitglieder und unter den Pfarrern einer Gemeinde ebenfalls drei Viertel einwilligen müssen.

Ein bürokratisches Hindernis-Labyrinth, das vielen Paaren den Zugang zur kirchlichen Segnung faktisch verwehrt. Während heterosexuelle Paare einfach beim Pfarramt ihrer Gemeinde vorbeigehen können, müssen homosexuelle Paare hoffen, dass ihre Gemeinde überhaupt zu den wenigen gehört, die Segnungsgottesdienste anbieten dürfen – und dass genügend Kirchenvertreter zustimmen.

Bayern zeigt: Es geht auch anders

Dass es besser geht, beweist das Nachbarland: Die evangelische Landeskirche in Bayern führte im April 2025 die "Trauung für alle" ein – auch homosexuelle Paare können nun den Bund der Ehe schließen, wie die Landessynode beschlossen hat. Ein historischer Schritt, der zeigt, dass theologische Bedenken überwunden werden können, wenn der Wille zur Gleichstellung vorhanden ist.

Bei der Mehrzahl der 20 evangelischen Landeskirchen sind gleichgeschlechtliche und heterosexuelle Paare inzwischen komplett gleichgestellt, auch für gleichgeschlechtliche Paare werden dort Traugottesdienste angeboten. Dazu zählen: die Evangelische Kirche im Rheinland, die Lippische Landeskirche, die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, die Evangelische Kirche der Pfalz, die Evangelische Landeskirche Baden, die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, die Bremische Evangelische Kirche, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, die Evangelisch-reformierte Kirche, die Nordkirche, die Evangelische Kirche von Westfalen und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland.

WĂĽrttemberg: Das Schlusslicht der EKD

Württemberg steht damit zunehmend isoliert da. In fünf Landeskirchen sind Segnungen in Gottesdiensten möglich, sie werden jedoch nicht als Trauungen bezeichnet – dazu gehören die Evangelische Landeskirche Anhalts, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern, die Evangelisch-lutherische Landeskirche in Braunschweig, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens und die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schaumburg-Lippe.

Der Sprecher des theologisch konservativen Gesprächskreises "Lebendige Gemeinde", Pfarrer Matthias Hanßmann, sieht sich mit dem württembergischen Pietismus, einem großen Teil der theologisch konservativen Christen und der weltweiten Christenheit verbunden. Die Synodalen des theologisch konservativen Gesprächskreises "Lebendige Gemeinde" hatten bei der Abstimmung zur ersten Lesung alle gegen das Gesetz gestimmt oder sich enthalten.

Gewissensvorbehalte: Diskriminierung mit Ansage

Doch selbst in Landeskirchen, die Trauungen erlauben, gibt es sogenannte "Gewissensvorbehalte". Das bedeutet: Fast jede Landeskirche sieht vor, dass Gemeinden und Pfarrer nicht dazu gezwungen werden können, gleichgeschlechtlichen Paaren ihren Segen zu geben. Diese Regelungen gibt es in rund zwei Drittel der Landeskirchen – eine Diskriminierung, die institutionell abgesichert ist.

Wie würde es sich anfühlen, wenn Pfarrer*innen aufgrund der Hautfarbe oder der ethnischen Herkunft eines Paares die Trauung verweigern könnten? Der Aufschrei wäre zurecht groß. Doch bei der sexuellen Orientierung wird diese Ungleichbehandlung noch immer toleriert und als "Gewissensfreiheit" verteidigt.

Ein toxisches Klima: Wenn Kirche Hass schĂĽrt

Besonders besorgniserregend: Immer noch erleben queere Menschen Kränkungen, Verletzungen und Diskriminierungen innerhalb und außerhalb der Kirche – mehr noch: Überwunden geglaubte Vorurteile nehmen wieder zu, autoritäre Machtstrukturen und extremistische Parteien mit homophoben Einstellungen sind im Aufwind.

Die Kirche trägt eine Mitverantwortung für dieses Klima. Wenn eine Institution, die moralische Autorität beansprucht, Homosexuelle offen als "Menschen zweiter Klasse" behandelt, sendet das ein Signal: Es ist okay, queere Menschen anders zu behandeln. Es ist okay, sie auszugrenzen.

Was bedeutet das für queere Gläubige in Deutschland?

Für viele queere Christ*innen ist die Entscheidung der württembergischen Landeskirche mehr als eine politische Niederlage – sie ist eine persönliche Kränkung. Die Botschaft ist klar: Eure Liebe ist weniger wert. Eure Beziehungen verdienen nicht dieselbe Anerkennung wie die heterosexueller Paare.

In Zeiten, in denen Kirchen in Deutschland mit sinkenden Mitgliederzahlen kämpfen, ist diese Haltung nicht nur moralisch fragwürdig – sie ist auch strategisch kurzsichtig. Junge Menschen verlassen die Kirche auch deshalb, weil sie eine Institution erleben, die an überholten Vorstellungen festhält und Ausgrenzung praktiziert.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Trotz der Enttäuschung gibt es Lichtblicke. Pfarrer Burkhard Frauer von der Mitte-Gruppierung "Evangelium und Kirche" erklärte, dass für ihn und die anderen Befürworter der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare nur deren Einführung genügen werde, die bisherige Regelung sei ein "fauler Kompromiss". Synodale wie Anja Faisst wiesen darauf hin, dass seit 2017 die Ehe für alle nach staatlichem Recht möglich sei, die aktuelle kirchliche Regelung nehme die Gesetzeslage nicht gut wahr.

Die Abstimmung war knapp – nur vier Stimmen fehlten zur nötigen Zweidrittelmehrheit. Das zeigt: Die Mehrheit der Synodalen steht für Gleichstellung. Am 30. November 2025 wird in Württemberg eine neue Landessynode gewählt. Die nächste Chance kommt also schon bald.

Ein Aufruf zum Handeln

Queere Christ*innen und ihre Verbündeten müssen jetzt aktiv werden. Es braucht Druck von unten – durch Petitionen, öffentliche Stellungnahmen, Präsenz bei Kirchentagen. Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) setzt sich seit Jahren für Gleichstellung ein und bietet eine Plattform für Vernetzung und Aktivismus.

Auch der politische Kontext ist wichtig: Wenn sich Parteien und gesellschaftliche Gruppen klar gegen LGBTQ+-Rechte positionieren, ermutigt das auch kirchliche Hardliner. Umso wichtiger ist es, dass progressive Kräfte in Kirche und Gesellschaft zusammenstehen.

Die Entscheidung der württembergischen Synode ist ein Rückschlag – aber nicht das Ende des Kampfes. Die Geschichte zeigt: Fortschritt ist möglich, wenn Menschen nicht aufgeben. Bayern ist das beste Beispiel dafür. Württemberg wird nachziehen müssen – wenn nicht aus Überzeugung, dann aus Notwendigkeit. Denn eine Kirche, die Menschen aufgrund ihrer Liebe ausgrenzt, hat ihre Zukunft verspielt.


US-Supreme Court erwägt Überprüfung der Ehe für alle: Was auf dem Spiel steht

Am 7. November 2025 wird der US-Supreme Court in einer privaten Sitzung darüber entscheiden, ob er einen Fall annimmt, der die gleichgeschlechtliche Ehe im ganzen Land bedrohen könnte. Die Richter werden beraten, ob sie die rechtliche Herausforderung der ehemaligen County-Beamtin Kim Davis aus Kentucky anhören, die 2015 internationale Schlagzeilen machte, als sie sich weigerte, gleichgeschlechtlichen Paaren Eheurkunden auszustellen.

Für LGBTQ+-Paare in den USA – und für Beobachter weltweit – sind die kommenden Wochen von erheblicher Bedeutung. Die Entscheidung könnte weitreichende Auswirkungen auf den Schutz der gleichgeschlechtlichen Ehe haben, der durch Obergefell v. Hodges garantiert wird, einschließlich des verfassungsmäßigen Rechts auf Ehe. Die vollständige Meldung finden Sie hier.

Der Fall Kim Davis: Von der Verweigerung zur Supreme Court-Petition

Im Jahr 2015, kurz nachdem der Supreme Court das verfassungsmäßige Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe durch sein Urteil Obergefell v. Hodges anerkannt hatte, verweigerte Davis gleichgeschlechtlichen Paaren aus religiösen Gründen die Ausstellung von Eheurkunden. Davis, deren Aufgabe die Ausstellung von Lizenzen an Einwohner des Bezirks umfasste, missachtete einen Bundesgerichtsbeschluss, nachdem sie sich weigerte, dem schwulen Paar David Moore und David Ermold eine Lizenz auszustellen, und berief sich dabei auf ihre religiösen Überzeugungen.

Nach einem Jahrzehnt juristischer Auseinandersetzungen reichte Davis im Juli 2025 eine Petition beim Supreme Court ein. Das Berufungsgericht stellte fest, dass Davis zwar als Privatperson durch den First Amendment geschützt ist, aber nicht, wenn sie im Namen der Regierung handelt – eine Handlung, die nicht vom First Amendment geschützt wird. Davis argumentiert nun, dass sie als Einzelperson und nicht als Regierungsbeamtin mit Immunität vor dem Gericht erschienen sei.

Was bedeutet die Konferenz am 7. November?

In der Regel nimmt das Gericht einen Fall erst nach mindestens zwei aufeinanderfolgenden Konferenzen an; dies ist die erste Konferenz, bei der Davis' Herausforderung betrachtet wird. Um eine Überprüfung zu gewähren, benötigt das Gericht mindestens vier oder mehr Stimmen für die Annahme des Falls. Eine Entscheidung darüber, ob das Gericht den Fall in seinen Terminkalender aufnimmt, könnte bereits am Montag, dem 10. November, bekannt gegeben werden.

Rechtsexperten sind sich weitgehend einig: Die Frage, ob das Gericht eine Überprüfung gewährt, läuft darauf hinaus, ob es vier Stimmen gibt, um die Frage aufzugreifen. Selbst wenn es vier Richter gäbe, die dazu neigen könnten, wollen sie keine Überprüfung gewähren, es sei denn, sie sind zuversichtlich, dass es eine fünfte Stimme gibt, um Obergefell zu kippen.

Die Bedrohung fĂĽr Obergefell v. Hodges

Das am 26. Juni 2015 entschiedene Urteil Obergefell hob Baker auf und verlangt von Staaten, Eheurkunden für gleichgeschlechtliche Paare auszustellen und gleichgeschlechtliche Ehen anzuerkennen, die in anderen Rechtsgebieten rechtmäßig vollzogen wurden. Dies etablierte die gleichgeschlechtliche Ehe in den gesamten Vereinigten Staaten und ihren Territorien.

Angesichts der Tatsache, dass die Richter 2022 das wegweisende Urteil Roe v. Wade kippten, hat dies bei der LGBTQ+-Gemeinschaft und ihren Unterstützern die Sorge geweckt, dass die Richter die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe rückgängig machen könnten. Richter Clarence Thomas forderte in seiner Zustimmung zu diesem Fall ausdrücklich dazu auf, Obergefell zu überdenken, indem er schrieb, dass die Richter "alle Präzedenzfälle dieses Gerichts zum substantiellen ordentlichen Verfahren überdenken sollten, einschließlich Griswold, Lawrence und Obergefell".

Der Respect for Marriage Act: Ein Sicherheitsnetz?

Als Reaktion auf diese Bedrohung verabschiedete der US-Kongress 2022 den Respect for Marriage Act. Das Gesetz ersetzt Bestimmungen, die von Staaten nicht verlangen, gleichgeschlechtliche Ehen aus anderen Staaten anzuerkennen, durch Bestimmungen, die die Verweigerung von Anerkennung oder Ansprüchen im Zusammenhang mit auswärtigen Ehen aufgrund von Geschlecht, Rasse, ethnischer Zugehörigkeit oder nationaler Herkunft verbieten. (Der Supreme Court entschied in Obergefell v. Hodges 2015, dass staatliche Verbote gleichgeschlechtlicher Ehen verfassungswidrig sind; das Gericht entschied in Loving v. Virginia 1967, dass staatliche Verbote interrassischer Ehen verfassungswidrig sind.)

Allerdings: Wenn das Gericht Obergefell kippen würde, würde die Rechtmäßigkeit gleichgeschlechtlicher Ehen auf das Landesrecht zurückfallen – und die Mehrheit der Staaten würde sie verbieten. Der Respect for Marriage Act würde das nicht ändern, aber er verpflichtet alle Staaten, gleichgeschlechtliche Ehen anzuerkennen, die in anderen Staaten geschlossen wurden, und erkennt diese Ehen auf Bundesebene an.

Die Situation in Deutschland: Ein Kontrastbild

Während die USA mit der möglichen Rücknahme der Ehe-Gleichstellung ringen, bietet Deutschland ein anderes Bild. In Deutschland haben gleichgeschlechtliche Paare das Recht auf Eheschließung; am 1. Oktober 2017 ist ein Gesetz in Kraft getreten, das ihnen die Eheschließung ermöglicht. Am 30. Juni 2017 hatte der Bundestag mit großer Mehrheit den Gesetzesentwurf des Bundesrats beschlossen. § 1353 BGB wurde infolgedessen um 7 Wörter ergänzt. Anstelle von: „Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen" heißt es von nun an: „Die Ehe wird von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts auf Lebenszeit geschlossen."

Seitdem wurden in Deutschland bis Ende 2021 ĂĽber 65.500 gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen. Anders als in den USA, wo die Gleichstellung durch ein Gerichtsurteil kam und nun wieder bedroht ist, wurde die deutsche "Ehe fĂĽr alle" durch demokratischen Parlamentsbeschluss etabliert.

Ein wichtiger Unterschied: Der Gesetzgeber könnte die Rechte der schon bestehenden zahlreichen gleichgeschlechtlichen Ehen nicht beschneiden. Er könnte deshalb höchstens - mit verfassungsändernder Mehrheit! - bestimmen, dass gleichgeschlechtliche Ehepaare in Zukunft nicht mehr "Ehen", sondern nur noch "Lebenspartnerschaften" genannt werden dürfen. Die rechtlichen Hürden für eine Rücknahme sind in Deutschland deutlich höher als in den USA.

Was bedeutet das fĂĽr die LGBTQ+-Gemeinschaft?

Für Millionen verheirateter gleichgeschlechtlicher Paare in den USA ist die Unsicherheit belastend. Zum Zeitpunkt der Entscheidung von Obergefell im Jahr 2015 hatten 35 Staaten gesetzliche oder verfassungsmäßige Verbote gleichgeschlechtlicher Ehen. Bisher im Jahr 2025 haben mindestens neun Staaten entweder Gesetze eingeführt, die darauf abzielen, neue Eheurkunden für LGBTQ+-Personen zu blockieren, oder Resolutionen verabschiedet, die den Supreme Court auffordern, Obergefell bei der frühesten Gelegenheit rückgängig zu machen.

Dennoch gibt es Hoffnung: Die öffentliche Meinung zur gleichgeschlechtlichen Ehe bleibt weitgehend positiv, wobei Gallup im Jahr 2025 eine Zustimmung von 70 Prozent zeigt, gegenüber 60 Prozent im Jahr 2015. Viele Rechtsexperten glauben, dass das Gericht die Petition von Davis ablehnen wird – zumindest diesmal.

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die hart erkämpften Rechte von LGBTQ+-Paaren in den USA einer erneuten rechtlichen Prüfung standhalten müssen. Für Beobachter in Deutschland, wo die Ehe für alle fest im Gesetz verankert ist, dient die Situation als Mahnung: Errungenschaften im Bereich der Menschenrechte können fragil sein und erfordern ständige Wachsamkeit und Verteidigung.


Ein Jahr Selbstbestimmungsgesetz: Über 11.000 Anträge, sinkende Tendenz – und kein „Trend" bei Jugendlichen

Ein Jahr nach Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes in Deutschland zeigt sich: Mehr als 11.000 Personen in den größten deutschen Städten haben ihren Geschlechtseintrag ändern lassen, wie eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes unter den 20 größten Städten und Landeshauptstädten zeigt. Doch die oft beschworenen Horrorszenarien sind ausgeblieben – die Zahlen normalisieren sich bereits, und besonders interessant: Es gibt keinen massenhaften „Trend" unter Jugendlichen.

Das Gesetz: Ein längst überfälliger Schritt zur Würde

Das Selbstbestimmungsgesetz vereinfacht es für transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen, ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und ihre Vornamen ändern zu lassen. Das Gesetz löste am 1. November 2024 das Transsexuellengesetz von 1980 ab, das zum Teil als diskriminierend empfunden wurde. Unter dem alten System mussten Betroffene teure, oft als entwürdigend empfundene psychologische Gutachten über sich ergehen lassen. Unter dem alten Transsexuellengesetz gab es im Durchschnitt 2.000 bis 3.000 Geschlechtsänderungen pro Jahr.

Das neue Gesetz ermöglicht die Änderung des Geschlechtseintrags durch eine einfache Erklärung beim Standesamt – nach einer dreimonatigen Bedenkzeit. Das TSG ist über 40 Jahre alt. Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Entscheidungen wesentliche Teile des TSG für verfassungswidrig erklärt. Schon deshalb war eine Ersetzung angezeigt.

Die Zahlen: Anfangshoch normalisiert sich

Die meisten Anträge wurden in Berlin beurkundet, hier ließen rund 2.400 Menschen ihren Geschlechtseintrag ändern. In Hamburg wurden insgesamt rund 900 Änderungen wirksam, in München und Köln je knapp 700. Besonders bemerkenswert: Im Verhältnis zur Einwohnerzahl wurden in Leipzig die meisten Änderungen vollzogen. Hier gab es mit gut 900 wirksamen Anträgen 151 Änderungen pro 100.000 Einwohner, gefolgt von Hannover (98) und Bonn (86).

Doch die Entwicklung zeigt: Mehrere tausend Menschen haben bundesweit vor allem in den größeren Städten ihren Geschlechtseintrag ändern lassen, zuletzt ging die Nachfrage indes stark zurück. Allein in Berlin gab es den größten Andrang direkt nach dem Inkrafttreten des Gesetzes im November letzten Jahres mit 1.476 Anmeldungen. Die Bundesregierung schätzt die Zahl der Anträge auf durchschnittlich 4.000 pro Jahr. Es sei von einem anfänglichen Anmeldungshoch auszugehen, weil viele Menschen auf das Inkrafttreten des Gesetzes gewartet hätten.

Die Statistischen Landesämter erfassten nach Inkrafttreten des Selbstbestimmungsgesetzes am 1. November 2024 allein für den November 2024 über 7.000 Änderungen des Geschlechtseintrags im Geburtenregister. Im Dezember 2024 waren es etwas weniger als 3.000 – die Tendenz ist also bereits deutlich sinkend.

Kein „Trend" bei Jugendlichen: Die Fakten sprechen eine klare Sprache

Besonders die Kritiker*innen des Gesetzes befürchteten einen massenhaften „Trend" unter Kindern und Jugendlichen. Die Realität sieht anders aus: Die meisten Betroffenen waren volljährig, doch auch 162 Jugendliche und 31 Kinder änderten ihren Eintrag – darunter ein Kind unter fünf Jahren in Berlin. Bei insgesamt 2.407 Änderungen in der Hauptstadt entspricht das gerade einmal 8 Prozent Minderjährigen.

Diese Zahlen widerlegen eindeutig die oft wiederholte Behauptung, Kinder und Jugendliche würden vorschnell und in Massen ihr Geschlecht ändern. Im Gegenteil: Die überwiegende Mehrheit der Antragsteller*innen sind Erwachsene, die oft jahrelang auf diese Möglichkeit gewartet haben. Das Bundesfamilienministerium betont zudem: "Vielfältige geschlechtliche Identitäten gab es schon immer. In vielen Gesellschaften - auch in Deutschland - wurde geschlechtliche Vielfalt jedoch über Jahrhunderte ignoriert beziehungsweise als krankhaft angesehen und unterdrückt. Die Tatsache, dass sich transgeschlechtliche Personen vermehrt outen, bedeutet nicht, dass es eine 'Modeerscheinung' sei".

Internationale Perspektive: Deutschland im europäischen Kontext

Deutschland folgt mit dem Selbstbestimmungsgesetz einem internationalen Trend zur Anerkennung geschlechtlicher Selbstbestimmung. Bisher gibt es in 12 Ländern ein Selbstbestimmungsgesetz: Argentinien, Malta, Dänemark, Luxemburg, Belgien, Irland, Portugal, Island, Neuseeland, Norwegen, Uruguay und die Schweiz. Die Erfahrungen aus diesen Ländern zeigen keine der befürchteten negativen Entwicklungen. Die Erfahrungen anderer Länder zeigen keine derartige Entwicklung. Auch machen nur 1% aller Betroffenen die Änderung wieder rückgängig.

Diese internationale Perspektive ist besonders für die deutsche Debatte wichtig: Sie zeigt, dass Selbstbestimmung funktioniert und nicht zu den oft beschworenen „Missbrauchsfällen" führt. Die Ängste waren unbegründet.

Politische Angriffe und die Zukunft des Gesetzes

Trotz der positiven Bilanz steht das Gesetz unter politischem Beschuss. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) plant ein neues Gesetzesvorhaben, das die Übermittlung der personenbezogenen Daten beim Personenstandwechsel an alle maßgeblichen Behörden vorsieht, um so "Missbrauch" vorzubeugen. Kritiker*innen warnen vor einem faktischen „Zwangsouting" durch Sonderregister.

Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) und andere queere Verbände wehren sich vehement gegen diese Pläne. Es steht zu befürchten, dass im Zusammenhang mit dem Selbstbestimmungsgesetz auf Dokumentationspraktiken zurückgegriffen werden soll, die an „Rosa Listen" und damit an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte erinnern. Es geht um hochsensible persönliche Daten - ihre zusätzliche Speicherung in einem eigenen Datenblatt ist weder notwendig noch gerechtfertigt.

Fazit: Ein Gesetz, das Menschenrechte stärkt

Die Bundesregierung will das SBGG generell 2026 evaluieren lassen und möglicherweise weitere Änderungen vornehmen. Die bisherigen Zahlen sprechen jedoch eine deutliche Sprache: Das Selbstbestimmungsgesetz erfüllt seinen Zweck, ohne die gesellschaftliche Ordnung durcheinander zu bringen. Es ermöglicht Menschen endlich ein Leben in Würde und reduziert psychisches Leid.

Die anfangs hohen Zahlen waren erwartbar – viele trans*, inter* und nichtbinäre Menschen haben jahrelang auf diese rechtliche Anerkennung gewartet. Dass die Zahlen nun sinken, zeigt: Es handelt sich nicht um einen „Hype", sondern um Menschen, die endlich ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrnehmen können. Und die Zahlen bei Jugendlichen bleiben verschwindend gering – ein deutliches Zeichen dafür, dass verantwortungsvoll mit dieser neuen Freiheit umgegangen wird.

Das Selbstbestimmungsgesetz ist ein wichtiger Schritt für die Menschenrechte in Deutschland. Es ist an der Zeit, dass Politik und Gesellschaft dies anerkennen – und das Gesetz schützen, statt es zu verwässern.


Queensland setzt Pubertätsblocker-Verbot nur Stunden nach Gerichtsaufhebung erneut in Kraft

Ein rechtliches Wechselbad der Gefühle für trans Jugendliche in Australien: Nur wenige Stunden nachdem der Oberste Gerichtshof von Queensland ein Verbot von Pubertätsblockern für unter 18-Jährige aufgehoben hatte, setzte Gesundheitsminister Tim Nicholls die restriktive Maßnahme am Dienstag (28. Oktober) per Ministerialerlass erneut in Kraft. Das Verbot für Pubertätsblocker für trans Personen unter 18 Jahren im australischen Bundesstaat Queensland wurde nur Stunden nach der Aufhebung durch einen Richter am Obersten Gerichtshof wieder eingesetzt, wie PinkNews berichtet.

Gerichtsentscheidung: Mangelnde Konsultation fĂĽhrte zur Aufhebung

In einer Entscheidung am Dienstag (28. Oktober) erklärte Richter Peter Callaghan, dass Regierungsbeamte von Queensland es versäumt hätten, relevante Beamte vor der Ankündigung der ursprünglichen Direktive im Januar ordnungsgemäß zu konsultieren. Das Gericht hörte, dass die einzige Konsultation, die stattgefunden hatte, ein 22 Minuten langes Meeting über die Online-Anwendung Teams war, das genau zur selben Zeit stattfand, als der Minister vor die Presse trat, um das Verbot anzukündigen. Diese Vorgehensweise wurde vom Gericht als rechtswidrig eingestuft – ein kurzzeitiger Sieg für die klagende Mutter eines trans Teenagers.

Queensland war der erste australische Bundesstaat, der Hormonbehandlungen für Kinder mit Geschlechtsdysphorie verbot, nachdem Behauptungen aufkamen, dass Pubertätsblocker Kindern ab 12 Jahren ohne autorisierte Versorgung verabreicht worden seien. Die Maßnahme wurde als Teil einer Überprüfung der Sicherheit der Hormonblocker eingeführt, wobei die Überprüfung der Hormonbehandlung für Kinder mit Geschlechtsdysphorie bis Ende November einen Abschlussbericht vorlegen sollte.

Sofortige WiedereinfĂĽhrung des Verbots

Doch die Freude über den Gerichtserfolg währte nur kurz. Queenslands Gesundheitsminister Tim Nicholls bestätigte Stunden später, dass er eine Ministerialerklärung erlassen würde, die die Pause bei Pubertätsblockern in Queensland wiederherstellen würde. Der Oberste Gerichtshof befasste sich mit den Umständen der Erstellung der Direktive, nicht damit, ob eine Pause angemessen war, sagte er dem Parlament. Er sei überzeugt, dass es angemessen und im öffentlichen Interesse sei, eine schriftliche Ministerialerklärung an alle Krankenhaus- und Gesundheitsdienste mit sofortiger Wirkung zu erlassen.

Unter dem Verbot können 491 Kinder auf einer Warteliste keine Behandlung mehr erhalten, während fast 600 Kinder, die bereits einen Behandlungsplan haben, weiterhin von Ärzten betreut werden können. Die betroffenen Familien und ihre Unterstützer:innen zeigten sich verzweifelt und kündigten an, ihre rechtlichen Optionen zu prüfen.

Medizinische Kritik an politischem Eingriff

Die Entscheidung stößt auf massive Kritik aus der Medizin. Die Entscheidung wurde von der Australian Medical Association – Queensland kritisiert. Präsident Dr. Nick Yim sagte, Entscheidungen über die Patientenversorgung sollten von Ärzten getroffen werden und auf wissenschaftlicher Forschung basieren. Ärzte hätten darauf hingewiesen, dass das Verbot Stress und Schaden bei dieser bereits vulnerablen Patientengruppe, ihren Familien und behandelnden Klinikern verursacht habe, so Dr. Yim in einer Stellungnahme.

Matilda Alexander, Anwältin beim LGBTI Legal Service, die die Mutter vertrat, kritisierte, dass das Ministerium die Rechte von Unter-18-Jährigen untergrabe, Zugang zu sicherer und wirksamer medizinischer Versorgung zu erhalten, die in jedem anderen Bundesstaat und Territorium zugänglich sei.

Deutschland: Eine andere Debatte um trans Gesundheitsversorgung

Die Entwicklungen in Queensland werfen auch Fragen für Deutschland auf, wo die Debatte um trans Gesundheitsversorgung für Minderjährige einen anderen Verlauf nimmt. Die 128. Deutsche Ärztetagsversammlung, die 250 Delegierte aus 17 deutschen medizinischen Verbänden umfasst, verabschiedete zwei wichtige Resolutionen: Pubertätsblocker, Kreuzgeschlechtshormone und Operationen für geschlechtsdysphorische Jugendliche unter 18 Jahren auf kontrollierte klinische Studien zu beschränken; und Selbstbestimmungsgesetze auf über 18-Jährige zu beschränken.

In Deutschland gilt: Geschlechtsangleichende medizinische Maßnahmen oder die Einnahme von Pubertätsblockern bei Kindern/Jugendlichen sind weder eine Voraussetzung für den Personenstandswechsel noch werden sie dadurch erleichtert oder beschleunigt. Zur Durchführung derartiger Maßnahmen sind weiterhin ärztliche und psychologische Gutachten nötig. Das 2024 in Kraft getretene Selbstbestimmungsgesetz regelt ausschließlich die Änderung des Geschlechtseintrags und der Vornamen – nicht aber medizinische Behandlungen.

In sieben EU-Mitgliedstaaten – Belgien, Tschechien, Estland, Finnland, Deutschland, Luxemburg und Schweden – hängt der Zugang von der Reife des Kindes ab. Anders als in Queensland gibt es in Deutschland kein pauschales Verbot, doch die Hürden sind bewusst hoch: Es ist für trans Jugendliche enorm schwer, Pubertätsblocker zu bekommen. Ärzt:innen verschreiben Pubertätsblocker erst nach einer Diagnose und ausführlicher Beratung. Oftmals vergehen Monate oder Jahre, bis es überhaupt zu einem Termin für ein Erstgespräch kommt.

Wissenschaftliche Evidenz und ethische Fragen

Die Debatte dreht sich um die Frage der Evidenz und des Kindeswohls. Es gibt keine expliziten Beweise dafür, dass die physisch reversible Medikation, die unerwünschte körperliche Veränderungen durch Unterdrückung von Sexualhormonen stoppt, schädlich ist. Einige Studien legen nahe, dass sie für transgender Jugendliche lebensrettend sind.

Gleichzeitig warnen kritische Stimmen vor vorschnellen Entscheidungen. Die kontroverse Cass-Review aus Großbritannien kam 2024 zu dem Schluss, dass die Evidenz zur Unterstützung von Geschlechtsbehandlungen für Kinder bemerkenswert schwach sei. Für die meisten jungen Menschen sei ein medizinischer Weg nicht der beste Weg nach vorne, um geschlechtsbezogene Belastung zu bewältigen.

Ein Kampf um Selbstbestimmung und Gesundheitsversorgung

Der Fall in Queensland zeigt exemplarisch, wie politisch aufgeladen die Debatte um trans Gesundheitsversorgung für Minderjährige weltweit geworden ist. Eine Sprecherin der Gruppe Magandjin People's Pride, Piper Valkyrie, sagte gegenüber dem Star Observer, dass Nicholls mit dem Leben von Kindern spiele, indem er das Verbot verhänge, das sie als einen verheerenden und diskriminierenden Akt staatlicher Übergriffigkeit beschrieb. 491 Kinder, die monatelang oder sogar jahrelang auf eine Behandlung gewartet hatten, verloren plötzlich den Zugang, und für trans Jugendliche könne das so verheerend sein, wenn die Raten von Selbstverletzung und Suizid hoch seien.

Während in Queensland Jugendliche und ihre Familien zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwanken, wird auch in Deutschland intensiv über den richtigen Weg diskutiert – zwischen Selbstbestimmung, medizinischer Sorgfaltspflicht und dem Schutz vulnerabler Jugendlicher. Die Frage, wer über die medizinische Versorgung trans Jugendlicher entscheiden soll – Politiker:innen, Ärzt:innen, Eltern oder die Jugendlichen selbst – bleibt in beiden Ländern hochaktuell und emotional aufgeladen.


Wenn LĂĽgen zur Waffe werden: Brigitte Macrons Kampf gegen transphobe Hetze

Die Worte ihrer Tochter vor Gericht sind eindringlich: "Es vergeht nicht eine Woche, ohne dass jemand sie auf diese Gerüchte anspricht", beschreibt Tiphaine Auzière die Folgen der jahrelangen Cybermobbing-Kampagne gegen ihre Mutter Brigitte Macron. In Paris müssen sich derzeit zehn Personen wegen systematischen Cybermobbings verantworten, weil sie die transphobe Verschwörungstheorie verbreitet haben, Frankreichs First Lady sei als Mann geboren worden. Was zunächst absurd klingt, offenbart bei genauerer Betrachtung ein gefährliches Muster, das Frauen in Machtpositionen weltweit trifft – und das auch in Deutschland nicht unbekannt ist.

Die Pariser Staatsanwaltschaft klagt die Angeklagten an, zahlreiche bösartige Bemerkungen über Macrons Geschlecht und Sexualität gemacht und den Altersunterschied von 24 Jahren zu ihrem Ehemann Emmanuel mit "Pädophilie" gleichgesetzt zu haben. Im Gerichtssaal bezeichnen mehrere Angeklagte ihre Äußerungen als "Satire" oder von der Meinungsfreiheit gedeckt – eine Verteidigungsstrategie, die an die Charlie-Hebdo-Tradition erinnern soll. Doch Auzière beschreibt, wie ihre Mutter systematisch darauf achten müsse, wie sie sich kleide, welche Gesten sie mache, um die Verdrehungen und Verleumdungen nicht anzuheizen.

Die Anatomie einer Verschwörungstheorie

Die ursprüngliche Quelle der Verschwörungserzählung lässt sich zurückverfolgen: Die selbsternannte "Journalistin und Whistleblowerin" Delphine J. verbreitete das Gerücht, dass Brigitte Macron nie existiert habe und ihr Bruder Jean-Michel diese Identität nach seiner "Geschlechtsumwandlung" angenommen habe. Eine groteske Behauptung, die leicht zu widerlegen ist – Auzière kommentierte vor Gericht trocken: "Ich habe meinen Onkel vor ein paar Wochen gesehen, ihm geht es sehr gut" (Quelle: queer.de).

Dennoch gewann die Falschinformation an Fahrt. Die transphoben Gerüchte verbreiteten sich in den USA wie ein Lauffeuer, wo das französische Präsidentenpaar im Sommer ein Gerichtsverfahren gegen die rechtsextreme Influencerin Candace Owens einleitete. Diese transphobe Desinformation hat sich seit der Wahl von Emmanuel Macron 2017 international verbreitet, besonders in den USA.

"Transvestigations": Ein globales Muster frauenfeindlicher Hetze

Brigitte Macron steht nicht allein. Viele andere Frauen des öffentlichen Lebens, wie die ehemalige First Lady der USA Michelle Obama, die ehemalige Premierministerin Neuseelands Jacinda Ardern, und die ehemalige Vizepräsidentin der USA Kamala Harris, sind ebenfalls Opfer ähnlicher transphober Kampagnen in den sozialen Medien geworden, die von Wissenschaftlern als "Transvestigations" bezeichnet werden.

Laut Lexi Webster, außerordentliche Professorin für digitale Kultur an der Universität Southampton, sind Transvestigations in den sozialen Medien entstanden, weil Einzelpersonen versuchen, eine Art versteckte Transgender-Identität bei Prominenten aufzudecken. Die Nutzer posten Bilder, auf denen sie "die Größe und Form der Schultern, des Schädels und des Kiefers, aber auch den Gang und die Genitalien einer Person untersuchen".

Falsche Behauptungen über die Geschlechtsidentität von starken Frauen in Machtpositionen dienen dazu, sie zu diffamieren und zu entmenschlichen. Diese Angriffe basieren auf tief verwurzelten trans- und frauenfeindlichen Vorurteilen. Auch in Deutschland sind solche Mechanismen nicht unbekannt: Sogar Britta Ernst, Ehefrau von Olaf Scholz, wurde bei Telegram transvestigiert, wie eine Analyse der Friedrich-Naumann-Stiftung aufzeigt.

Rechtliche Grauzone in Deutschland

Während in Frankreich nun ein Präzedenzfall geschaffen werden könnte – den Angeklagten drohen bis zu drei Jahre Haft und eine Geldstrafe von 45.000 Euro – stellt sich die Frage: Wie würde Deutschland mit solchen Fällen umgehen?

In Deutschland existiert bis dato kein eigenständiger Straftatbestand für Cybermobbing. Trotzdem können viele zum Cybermobbing gehörige Handlungen nach geltendem Recht strafbar sein, da sie das im Grundgesetz verankerte allgemeine Persönlichkeitsrecht betreffen. Transgender Personen sind in Deutschland durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) geschützt, das Diskriminierung aufgrund von Geschlechtsidentität verbietet. Dies schließt auch diffamierende Aussagen oder Hassreden im Internet ein.

Dennoch besteht eine SchutzlĂĽcke. Fast zwei Drittel finden, dass die aktuellen strafrechtlichen Regelungen nicht ausreichen, um Betroffene effektiv zu schĂĽtzen. Rund 64 Prozent halten die EinfĂĽhrung eines eigenen Straftatbestands fĂĽr Cybermobbing fĂĽr die wirksamste MaĂźnahme. Queere Menschen sind online vermehrt Gewaltandrohungen und Beleidigungen ausgesetzt.

Die tieferen Motive hinter der Hetze

Was treibt Menschen an, solche Verschwörungstheorien zu verbreiten? Die gefälschten Behauptungen haben sich zum Teil deshalb so sehr verbreitet, weil sie auf der Wahrnehmung aufbauen, dass Politiker von Natur aus betrügerisch sind. Weitere Faktoren sind "das verschwörerische Element, das transphobisch ist und von Diskursen untermauert wird, dass es eine Art Trans-Kabale gibt, die versucht, die Macht über bestimmte Branchen zu übernehmen".

Gender- und Sexualitätsforscher sagen, die Verschwörungstheorie über Michelle Obama als trans Frau gedeiht seit mehr als einem Jahrzehnt und wurzelt in Rassismus, Transphobie und Misogynie sowie in den Vorstellungen einiger Amerikaner darüber, wie eine First Lady Rasse-, Klassen- und Geschlechternormen verkörpern sollte.

Ein Signal fĂĽr die Zukunft

Der Prozess in Paris ist mehr als nur eine juristische Auseinandersetzung. Er ist ein Kampf darum, welche Grenzen die Meinungsfreiheit hat, wenn sie zur Waffe gegen Einzelne wird. Die jahrelangen Verleumdungen "verschlechtern die Lebensbedingungen und die Gesundheit" von Brigitte Macron.

Für die LGBTQ+-Community hat dieser Fall eine zusätzliche Dimension: Die transphoben Verschwörungstheorien perpetuieren die gefährliche Vorstellung, dass trans-Identitäten etwas Täuschendes, Betrügerisches seien. Laut Forschenden des RESIST-Projekts ist Transfeindlichkeit "in allen untersuchten Kontexten eine etablierte Form sozialer Gewalt", die durch einen medialen und politischen Fokus in den letzten Jahren verstärkt wurde.

Während das Pariser Gericht noch berät, bleibt eine zentrale Erkenntnis: Die Behauptungen über Brigitte Macron und Michelle Obama sind unbegründete Verschwörungstheorien, die darauf abzielen, Frauen in Machtpositionen zu diskreditieren. Sie basieren auf keinerlei Fakten und wurden mehrfach widerlegt. Und doch zeigen sie, wie wirksam digitale Desinformation sein kann – und wie dringend wir in Deutschland und Europa einheitliche rechtliche Instrumente brauchen, um Betroffene zu schützen.


Influencerin flieht vor Regenbogenfahne: Wenn Toleranz an Grenzen stößt

Eine Geschichte, die nachdenklich macht: Die syrische Influencerin Salma Naddaf mit Millionen Followern verlässt Dänemark, weil sie mit den Regenbogenfahnen an den Schulen ihrer Kinder nicht leben kann. Die 36-Jährige kehrt nach Syrien zurück – in ein Land, in dem nach wie vor instabile Verhältnisse herrschen und Homosexualität illegal ist und mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden kann. Wie die schwedische Boulevardzeitung Expressen zuerst berichtete, begründet Naddaf ihre Entscheidung mit der Sichtbarkeit queerer Symbole im dänischen Bildungssystem (queer.de berichtete).

Ein Paradox der Toleranz

In einem emotionalen Abschiedsvideo erklärt Naddaf, sie halte die Präsenz der Pride-Flagge an Schulen für ein Signal, das nicht zu ihren Wertvorstellungen passt, betont aber gleichzeitig, sie respektiere andere Lebensentwürfe – wolle ihre Kinder jedoch „anders erziehen". Bemerkenswert: Im gleichen Atemzug, in dem sie von ihrer erlernten „Toleranz" in Europa spricht, offenbart sich die Grenze dieser Toleranz. Für queere Menschen reichte ihr neu gewonnenes Verständnis offensichtlich nicht.

Die Ironie der Situation ist bitter: Dänemark gehört laut dem aktuellen LGBTQ+ Rechte-Ranking von ILGA Europe zu den fünf bestplatzierten Ländern in Europa und steht für rechtliche Sicherheit und gesellschaftliche Akzeptanz. Homosexualität ist in Dänemark heute gesetzlich und gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, und das Land war 1989 weltweit das erste, in dem die Eintragung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften möglich war. Genau diese Fortschrittlichkeit, die vielen queeren Menschen Sicherheit bietet, wird nun zum Fluchtgrund – allerdings in die entgegengesetzte Richtung.

Die Realität in Syrien

Was erwartet Naddaf und ihre Kinder in Syrien? Homosexualität wird im Strafgesetzbuch aus dem Jahr 1949, Artikel 520, als „widernatürliche sexuelle Beziehung" mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet. Homosexuelle konnten sich in Damaskus vor dem Krieg nur in privaten Häusern treffen, und selbst dort waren sie in Gefahr: Die Sittenpolizei konnte jederzeit eingreifen. Für queere Syrer*innen bedeutet das Leben in ihrer Heimat Angst, Verstecken und die permanente Gefahr von Verfolgung.

Als der sogenannte Islamische Staat Ende 2013 die Stadt Rakka besetzte, wurden dort Homosexuelle – oder vermeintliche Homosexuelle – hingerichtet, indem sie von den Dächern hoher Häuser in den Tod gestoßen wurden. Auch wenn das Assad-Regime mittlerweile gestürzt ist, bleibt die Situation für LGBTQ+-Personen lebensbedrohlich. Eine Aufhebung des Anti-Homosexualitäts-Gesetzes durch die neuen islamischen Machthaber ist nicht zu erwarten, denn es waren gerade islamistische Gruppierungen, die zuletzt in vielen Ländern des Nahen Ostens die Verfolgung von queeren Menschen verschärft haben.

Deutschland: Ähnliche Debatten, andere Dimensionen

Auch in Deutschland gibt es Diskussionen um Regenbogenfahnen an Schulen – allerdings in einem völlig anderen Kontext. Im Landtag von Sachsen-Anhalt scheiterte die AfD im März 2025 mit einem Antrag, Regenbogenfahnen von Schulen zu verbannen – alle anderen Fraktionen lehnten den Vorstoß ab. Die rechte Fraktion behauptete, die Fahne sei ein „politisches Bekenntnis zur LGBTQ-Bewegung" und für Heranwachsende „in höchstem Maße schädlich", angeblich mit dem Ziel, das „natürliche und traditionelle Familienbild der Mehrheit" zu dekonstruieren.

Die demokratischen Parteien widersprechen dieser Sichtweise entschieden. Landesbildungsministerin Eva Feußner (CDU) erklärte, dass Schulen Kinder und Jugendliche zur „Achtung der Würde des Menschen" erziehen sollten und gehalten seien, „Kenntnisse und Fähigkeiten und Werthaltungen zu vermitteln, welche die Gleichachtung und Gleichberechtigung der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer Identität fördern."

Interessant ist: Niemand verpflichtet Schulen dazu, Regenbogenfahnen aufzuhängen – dem muss also ein Entscheidungsprozess vor Ort vorausgegangen sein, im Idealfall eingebettet in die Wertevermittlung der Schule, während eine verordnete Flagge kein Diskussionsgegenstand ist. Die Sichtbarkeit queerer Symbole ist das Ergebnis bewusster pädagogischer Entscheidungen, keine staatliche Zwangsmaßnahme.

Queere GeflĂĽchtete: Die andere Fluchtrichtung

Während Naddaf vor Regenbogenfahnen aus Dänemark flieht, gibt es zahlreiche Menschen, die genau in die entgegengesetzte Richtung fliehen müssen. In Sammelunterkünften sind queere Geflüchtete häufig Anfeindungen ausgesetzt – nicht selten durch Mitbewohner*innen, deren Sozialisation von Intoleranz gegenüber LGBTQI geprägt ist. Experten zufolge kommen besonders viele LGBT-Geflüchtete nach Berlin, die Schwulenberatung Berlin schätzt ihre Zahl auf 3.500 bis 7.000.

In Deutschland hat sich die Situation für queere Asylsuchende in den letzten Jahren verbessert: Im Asylverfahren ist bei der Prüfung der Gefährdung von queeren Geflüchteten in ihren Herkunftsstaaten seit Oktober 2022 immer davon auszugehen, dass die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität offen gelebt wird, und es werden Schulungen durchgeführt, um Entscheider*innen für die Schicksale queerer Schutzsuchender zu sensibilisieren. Diese Schutzmaßnahmen sind notwendig, weil Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung ein anerkannter Asylgrund ist.

Was sagt uns diese Geschichte?

Der Fall Salma Naddaf wirft grundlegende Fragen auf: Was bedeutet Integration? Wo sind die Grenzen der Toleranz – und wessen Grenzen müssen respektiert werden? Die Influencerin, die in ihrem Video von „Toleranz" spricht, zeigt gleichzeitig, dass diese Toleranz enden kann, sobald es um die Sichtbarkeit queeren Lebens geht. Sie nutzt ihre Freiheit, Dänemark zu verlassen – eine Freiheit, die queere Menschen in Syrien nicht haben.

Die Geschichte macht auch deutlich, wie privilegiert die Position ist, aus der heraus sie handelt. Mit über 10 Millionen Followern auf verschiedenen Social-Media-Plattformen hat Naddaf Ressourcen und Reichweite, die den meisten Menschen nicht zur Verfügung stehen. Ihre Entscheidung ist eine bewusste Ablehnung der Werte, für die Dänemark und andere nordeuropäische Länder jahrzehntelang gekämpft haben: Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und Schutz von Minderheiten.

Während Naddaf zurück nach Syrien geht, sitzen zur gleichen Zeit in Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern queere Geflüchtete aus Syrien in Angst und hoffen auf Schutz – Menschen, die genau vor der Gesellschaft fliehen, in die Naddaf nun „für die Zukunft ihrer Kinder" zurückkehrt. Diese Gleichzeitigkeit zeigt die Absurdität und Tragik der Situation.

Für die queere Community in Dänemark und Europa ist diese Geschichte ein Weckruf: Die Sichtbarkeit, die durch Regenbogenfahnen an Schulen symbolisiert wird, ist nicht selbstverständlich. Sie ist hart erkämpft und muss verteidigt werden – nicht nur gegen politische Angriffe von rechts, sondern auch gegen gesellschaftliche Strömungen, die Vielfalt und Akzeptanz ablehnen, unabhängig von ihrer Herkunft.


Historischer Moment: Queerer Gottesdienst im ZDF erreicht fast 700.000 Zuschauer*innen

Am vergangenen Sonntag schrieb das deutsche Fernsehen Geschichte: Erstmals übertrug das ZDF einen queeren katholischen Gottesdienst – aus der katholischen St.-Anna-Kirche in Münster. Fast 700.000 Menschen verfolgten die Live-Übertragung, eine Zuschauerzahl, die laut ZDF etwas höher ausfiel als üblich. Die Originalquelle zu diesem bemerkenswerten Ereignis findet sich auf queer.de. Für die queere Community in Deutschland bedeutet diese Ausstrahlung weit mehr als nur eine Fernsehsendung – sie ist ein kraftvolles Signal der Sichtbarkeit und Akzeptanz.

Eine Premiere mit historischer Bedeutung

Der Gottesdienst wurde von der Queergemeinde Münster vorbereitet, die zu den ältesten ihrer Art in Deutschland gehört. Die Queergemeinde Münster wurde 1999 von einer Gruppe schwuler Theologen gegründet. Seit über 25 Jahren bietet sie Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer oder inter sind, einen sicheren Raum, ihren Glauben zu leben.

"Für uns als Queergemeinde Münster ist das ein riesiger Moment: Zum ersten Mal wird ein Queergottesdienst im Fernsehen gezeigt! Seit über 25 Jahren schaffen wir Raum für queeren Glauben, Akzeptanz und Gemeinschaft - und jetzt dürfen wir diese Botschaft mit ganz Deutschland teilen", schrieb die Gemeinde auf Instagram. Die Feier fand unter erhöhten Sicherheitsmaßnahmen statt, was die gesellschaftliche Brisanz des Themas unterstreicht.

"Wer bin ich – für dich?" – Eine Botschaft der Annahme

Unter dem Motto "Wer bin ich – für dich?" wurde der Gottesdienst mit Pfarrer Karsten Weidisch gefeiert. Das Motto nahm eine Aussage des verstorbenen Papsts Franziskus auf. Auf die Frage zum Umgang der Kirche mit homosexuellen Menschen hatte er geantwortet: "Wer bin ich, ihn zu verurteilen?" Diese berühmten Worte aus dem Jahr 2013 hatten damals weltweit für Aufsehen gesorgt und vielen queeren Katholik*innen Hoffnung gegeben.

In seiner Predigt bezog sich Pfarrer Weidisch auf das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner aus dem Lukasevangelium, das die klare Botschaft habe: "Sei du selbst, stehe zu Dir!" Er lobte die Queergemeinde Münster als einen Ort, an dem queere Menschen "mit Freude, ohne Anfeindung in aller Öffentlichkeit und ohne Diskriminierung den befreienden Glauben leben können".

Bewegende Glaubenszeugnisse und persönliche Geschichten

Der Gottesdienst beinhaltete Glaubenszeugnisse von queeren Christen*innen, die sehr persönlich und sehr bewegend waren. Ein Gemeinde-Mitglied berichtete, dass ihn der christliche Glauben von Kindesbeinen an begleitet habe. Es sei ein wunderbares Gefühl, "wenn dich dein Glaube trägt im Leben". Eine "einseitige kirchliche Entscheidung" habe dann jedoch dazu geführt, dass er die Ausbildung als Diakon nicht habe fortführen können. In der Queergemeinde habe er Ermutigung erlebt.

Jan Diekmann von der Queergemeinde kam zum Ende des Gottesdienstes zu Wort und erklärte: "Viele, gerade queere Menschen, haben in unserer Kirche ein schweres Kreuz tragen – Anfeindung, Ablehnung, Ausgrenzung." Gott wolle nicht, "dass wir unter der Last des Kreuzes zerbrechen". Das Kreuz zu tragen bedeute Solidarität, gegenseitige Hilfe und Unterstützung.

Deutschland als Vorreiter fĂĽr queere Akzeptanz in der Kirche

Diese TV-Premiere ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer bemerkenswerten Entwicklung. Während Deutschland 2020 laut dem "Rainbow Index of Churches in Europe" noch Rang 10 belegte, liegt es in diesem Jahr auf Platz 1. In keinem anderen europäischen Land ist die katholische Kirche so offen gegenüber queeren Menschen wie in Deutschland. Die katholische Kirche in Deutschland erreicht 25 von 47 möglichen Punkten und kann als eine Kirche betrachtet werden, "die gute Beispiele für eine Bewegung hin zu mehr Inklusion darstellen".

Als Gründe für das verhältnismäßig gute Abschneiden führt das Ranking die besondere Struktur an: "Die duale Struktur der Kirche, in der zur klerikalen Hierarchie auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken als Vertretung der Laien und die Verbände kommen, bewirken eine lebendige Diskussion darüber, wie die Kirche auf Schwule und Lesben einladender und positiver zugehen kann".

Ähnliche Entwicklungen auch in anderen deutschen Städten

Die Queergemeinde Münster steht nicht allein: In Deutschland gibt es mittlerweile zahlreiche queere Gottesdienstangebote. In München feiert eine LGBTI*-queere Gemeinde kontinuierlich seit März 2002 römisch-katholische Gottesdienste. Auch in Stuttgart gibt es seit 1996 katholische Gottesdienste für queere Menschen. Diese Gemeinden bieten sichere Räume, in denen queere Gläubige ihren Glauben ohne Diskriminierung leben können.

Die Entwicklung erinnert an die lange Geschichte queerer Emanzipation in Deutschland, die auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen Fortschritte gemacht hat – von der Einführung der Ehe für alle bis hin zu verbesserten Antidiskriminierungsgesetzen.

Polarisierung und Debatten

Das Ereignis sorgte für Begeisterung und heftige Debatten zugleich – zwischen Regenbogen-Emojis und Bibelzitaten. Der Gottesdienst hat auf jeden Fall erreicht, dass er polarisiert, aufmerksam macht und dazu auffordert, sich mit dem Thema "LGBTQ und katholische Kirche" aktiv auseinanderzusetzen.

Während viele Menschen in sozialen Medien mit Regenbogen-Emojis und positiven Kommentaren reagierten, gab es auch ablehnende Stimmen. Gegenstimmen wiesen jedoch auf Doppelmoral hin, wenn in den Kommentaren so viel Hass statt Nächstenliebe verbreitet wird.

Ein langer Weg mit Hindernissen

Der Weg der Queergemeinde Münster war nicht immer einfach. Im Jahr 2000 hatte die Bistumsleitung ein Eucharistieverbot für die "queeren" Gottesdienste ausgesprochen. Dies habe zur Folge gehabt, dass die Hälfte der Gläubigen weggebrochen sei. Nach fünf Monaten hätten sich jedoch erneut Priester bereit erklärt, mit der Gemeinde die Eucharistie zu feiern. Heute sei die "Queergemeinde" im Bistum Münster voll akzeptiert.

Der emeritierte Münsteraner Weihbischof Dieter Geerlings sagte bei einem ökumenischen Gottesdienst: "Die Herabwürdigung queerer Menschen, auch durch die offizielle Kirche in ihrer Lehre, war menschenverachtend." Inzwischen hätten die Bischöfe Veränderungen, etwa im kirchlichen Arbeitsrecht, in Kraft gesetzt; "aber das heißt nicht, dass alles im Lot ist – es braucht revolutionäre Geduld".

Bedeutung fĂĽr die LGBTQ+-Community

Für viele queere Gläubige bedeutet diese Fernsehübertragung einen Wendepunkt. "Wir wollen niemanden provozieren, sondern zeigen, dass wir als queere Christinnen und Christen ebenso gläubig sind und unseren Glauben ausleben möchten", betont Jan Diekmann. Für ihn und die Gemeinde sei die Live-Übertragung "eine große Chance und ein Zeichen für mehr Akzeptanz innerhalb der Kirche".

Der Gottesdienst ist weiterhin in der ZDF-Mediathek abrufbar und bietet damit auch nachträglich die Möglichkeit, diesen historischen Moment nachzuerleben. Der Queer-Gottesdienst Münster ist Teil der Reihe katholischer Fernsehgottesdienste, die das ZDF seit 1979 sonntags im Wechsel mit evangelischen Feiern überträgt.

Diese TV-Premiere sendet eine klare Botschaft: Queere Menschen sind ein selbstverständlicher Teil der Kirche und der Gesellschaft. Ihr Glaube, ihre Liebe und ihre Identität verdienen Respekt und Anerkennung – nicht trotz, sondern genau so, wie sie sind.


Rechtsextreme Gewalt gegen CSDs erreicht neuen Höchststand in Deutschland

Die Bedrohung gegen queere Sichtbarkeit in Deutschland hat eine neue, alarmierende Dimension erreicht. Im Jahr 2024 dokumentierte die Amadeu Antonio Stiftung insgesamt 55 gezielte Störungen, Bedrohungen und Angriffe auf CSDs – so viele wie nie zuvor. Ein neuer Sicherheitsreport der Amadeu Antonio Stiftung, der kürzlich veröffentlicht wurde, offenbart das erschreckende Ausmaß rechtsextremer Queerfeindlichkeit bei Christopher-Street-Day-Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet.

Systematische Dokumentation der Bedrohungslage

Der umfassende Report beleuchtet erstmals systematisch, wie organisierte rechte Gruppen gezielt Veranstaltungen der queeren Community angreifen. Diese erschreckende Bilanz betrifft Veranstaltungen in Städten wie Berlin, Leipzig, Köln, Dresden, Magdeburg, Görlitz oder Essen – mit einem Schwerpunkt auf Ostdeutschland und ländlichen Regionen im Westen. Die 20-seitige Publikation "Queerfeindlichkeit sichtbar machen – Sicherheitsreport zu rechtsextremen Angriffen auf CSDs" basiert auf Medien- und Social-Media-Monitoring, einer Umfrage unter CSD-Veranstalter*innen sowie Analysen der Forschungsstellen CeMAS und democ.

Die Täter agierten häufig organisiert, traten aggressiv auf, skandierten queerfeindliche und rassistische Parolen und verübten körperliche Gewalt. Die Forschung zeigt ein beunruhigendes Muster: Zwischen Juni und September 2024 verzeichnete CeMAS deutschlandweit in 27 Städten rechtsextreme Mobilisierungen gegen CSD-Veranstaltungen. In Bautzen konnten circa 700 Teilnehmende mobilisiert werden.

Eine neue Generation von Neonazis

Besonders alarmierend ist die Rolle junger Rechtsextremer. „Antifeministische und queerfeindliche Kampagnen bilden zunehmend das ideologische Rückgrat rechtsextremer Mobilisierung. Junge, brutale und extrem gewaltorientierte Jugendliche sozialisieren sich über diese gezielte Ansprache in rechtsextremen Kontexten und sammeln erste Gewalterfahrungen", erklärt Selina Alin, die das Monitoring der Angriffe auf CSDs bei der Amadeu Antonio Stiftung betreut.

Insgesamt steigt die Zahl queerfeindlicher Straftaten seit Jahren an – aktuell von etwa 1.785 Fällen im Jahr 2023 auf 2.917 Fälle im Jahr 2024. Noch drastischer zeigt sich die Entwicklung bei queer- und transfeindlichen Gewalttaten: Besonders gravierend ist auch der Anstieg queer- und transfeindlicher Gewalttaten um 40% im Vergleich zum Vorjahr: (2024: 354 / 2023: 245).

Besonders bedrohlich: Ländliche Regionen im Fokus

Die Amadeu Antonio Stiftung betont, dass CSDs gerade in ländlichen Regionen wichtige Orte der demokratischen Zivilgesellschaft sind. Von den queeren Hochburgen Berlin und Köln bis hin zu kleinen Dörfern wie Ketsch in Baden-Württemberg oder Stollberg in Sachsen verbrannten Rechtsextreme Flaggen, versprühten Buttersäure und organisierten Aufmärsche. Knapp ein Drittel aller CSDs wurde 2024 Ziel rechtsextremer Angriffe.

Die regionale Verteilung der Angriffe zeigt ein klares Muster: Bei rund zwei Dritteln der 62 in Ostdeutschland stattgefundenen CSD-Demonstrationen gab es Störungen wie körperliche Angriffe, Sachbeschädigungen, Einschüchterungen und Anfeindungen vor, nach und während der Veranstaltungen. In Westdeutschland habe die Quote bei 37 Prozent gelegen.

Parallelen zu Deutschland: Internationale Bedrohungslage

Die Entwicklung in Deutschland ist Teil eines besorgniserregenden internationalen Trends. Auch in anderen europäischen Ländern nehmen rechtsextreme und queerfeindliche Mobilisierungen zu. Die Forschungsorganisation CeMAS dokumentiert, dass sich die etablierte rechtsextreme Szene und junge Neonazi-Gruppen nun verbünden: „Dieser Schulterschluss ist jetzt offenkundig vollzogen worden."

Die ideologischen Grundlagen dieser Angriffe sind tief verwurzelt: Antisemitische Verschwörungsmythen wie der sogenannte „Kulturmarxismus" oder der „große Austausch" behaupten, dass eine globale Elite – oft als jüdisch markiert – durch Feminismus und Einwanderungspolitik gezielt unsere Gesellschaft, unsere Kinder und die traditionelle Familie unterwandern wolle.

Solidarität trotz Bedrohung

Trotz der massiven Bedrohungslage zeigt sich eine beeindruckende Gegenbewegung: Über 180 CSDs fanden 2024 bundesweit statt – so viele wie nie zuvor. Vera Ohlendorf, Leiter*in der Projektförderung bei der Amadeu Antonio Stiftung, erklärt: „CSDs sind heute nicht nur Orte queerer Sichtbarkeit, sondern auch zentrale Schauplätze im Kampf um demokratische Räume."

Die Stiftung hat konkrete Unterstützung geschaffen: Seit Jahren unterstützt die Amadeu Antonio Stiftung CSDs in besonders gefährdeten Regionen durch Beratung, Begleitung und gezielte Finanzierung von Sicherheitsmaßnahmen. Schon 2024 wurden CSDs in Städten wie Zwickau, Altenburg, Sonneberg, Itzehoe und Görlitz mit Sicherheitsberatung und finanzieller Hilfe unterstützt. Über den Regenbogenschutzfonds können CSD-Organisator*innen Unterstützung für Sicherheitsmaßnahmen beantragen.

Forderungen an die Politik

Der Sicherheitsreport enthält klare Handlungsempfehlungen für Politik und Zivilgesellschaft. Die Stiftung fordert: Sicherheitskonzepte und Schutzmaßnahmen bei Pride-Veranstaltungen – auch für An- und Abreisende. Ordnungsbehörden und Verwaltungen müssen für queerfeindliche und rechtsextreme Bedrohungslagen geschult werden. Politische Rückendeckung durch Kommunen und Landesregierungen sowie gezielte Förderungen für Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Zudem sei konsequente Strafverfolgung bei queerfeindlichen Angriffen, auch im digitalen Raum, sowie Erhalt und Ausbau von Beratungsstellen für Betroffene rechtsextremer Gewalt notwendig.

Der vollständige Sicherheitsreport ist als kostenloses PDF verfügbar und bietet eine umfassende Chronik der Angriffe sowie konkrete Empfehlungen für CSD-Veranstalter*innen. Die Dokumentation macht deutlich: Queere Sichtbarkeit und demokratische Räume müssen entschlossen verteidigt werden – gegen eine rechtsextreme Bedrohung, die systematischer und gefährlicher geworden ist als je zuvor.


Manchester Pride in der Insolvenz: Wenn einer der größten Prides Europas zusammenbricht

Die Nachricht traf die LGBTQ+ Community wie ein Schock: Manchester Pride Ltd ist mit „enormer Traurigkeit" in die freiwillige Liquidation gegangen, nachdem die Organisation als finanziell nicht mehr tragfähig eingestuft wurde. Künstler*innen und Lieferant*innen schuldet die Organisation noch „Tausende" an unbezahlten Honoraren, während die ursprüngliche Meldung von Pink News die Zukunft eines der größten Pride-Events im Vereinigten Königreich in Frage stellt.

Wenn KĂĽnstler*innen auf ihr Geld warten

Die Probleme zeichneten sich bereits im September ab. Künstler*innen, darunter RuPaul's Drag Race UK Staffel-6-Star Zahirah Zapanta, meldeten sich in den sozialen Medien zu Wort, weil sie für ihre Auftritte im August nicht bezahlt wurden. Das Festival, bei dem Stars wie Nelly Furtado, Olly Alexander und Billy Porter auftraten und das Tausende von Besucher*innen anzog, hatte sein 40-jähriges Jubiläum gefeiert – doch hinter den Kulissen brach die finanzielle Struktur zusammen.

Karen Lockney von der Gewerkschaft Equity North West berichtete, dass einige Performer*innen um Tausende betrogen wurden. „Wir hörten beunruhigende Geschichten von Menschen, die unsicher sind, ob sie ihre Miete, medizinische Rezepte und andere lebensnotwendige Dinge bezahlen können", erklärte sie in einer Stellungnahme. Eine freiberufliche Eventmanagerin, Abbie Ashall, schuldet die Organisation £2.000, nachdem ihr Zahltag im September verpasst wurde.

Die perfekte Sturm: Steigende Kosten, sinkende Einnahmen

Eine Kombination aus steigenden Kosten, rückläufigen Ticketverkäufen und einer erfolglosen Bewerbung um die Ausrichtung der EuroPride führte dazu, dass das gesamte Personal von Manchester Pride entlassen wird. Die öffentlichen Konten zeigen, dass Manchester Pride Ltd im Jahr 2023 einen Verlust von £467.000 verzeichnete. Historisch gesehen sind solche Probleme nicht neu: Als Amsterdam 1994 die EuroPride ausrichtete, wurde es zu einem finanziellen Desaster mit Schulden von etwa 450.000 Euro.

Auch in Deutschland stehen Pride-Veranstaltungen unter zunehmendem finanziellen Druck. Der Berliner CSD berichtete, dass etwa 200.000 Euro an geplanten Einnahmen fehlen, weil viele Sponsoren die Veranstaltung in diesem Jahr nicht unterstützen. US-amerikanische Unternehmen haben ihre Aktivitäten im Bereich Diversity, Equity & Inclusion (DEI) nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland massiv zurückgefahren, erklärte CSD-Vorstand Thomas Hoffmann gegenüber dem Tagesspiegel.

Deutschland spĂĽrt den Gegenwind

Die Parallelen zur deutschen Pride-Landschaft sind besorgniserregend. Den CSDs brechen wichtige Einnahmen weg – aus den Beiträgen, die Firmen bisher zahlten, damit ihre queeren Mitarbeiter*innennetzwerke mit eigenen Wagen beim CSD präsent waren, sowie aus indirektem und direktem Sponsoring. Gleichzeitig sind die Kosten für den CSD stark gestiegen, was unter anderem Kosten für Infrastruktur, sanitäre Einrichtungen, Technik, den Bühnenbau, das Personal und vor allem auch die Sicherheit betrifft.

Der Berliner CSD stand kurz vor der Pride-Saison vor einer existenziellen Herausforderung, nachdem mehrere (internationale) Unternehmen ihre Unterstützung deutlich reduziert hatten. Die Amadeu Antonio Stiftung, die gegen Rechtsextremismus kämpft, startete im Mai einen „Regenbogenschutzfonds" von 100.000 Euro, um Sicherheitsmaßnahmen bei den diesjährigen Pride-Märschen zu finanzieren, die auch mit einem Verlust an Unternehmensunterstützung konfrontiert sind.

Die Zukunft: Hoffnung trotz Unsicherheit

Trotz der düsteren Aussichten gibt es Hoffnung. Die Leiterin des Stadtrats von Manchester, Bev Craig, hat versprochen, lokale Unternehmen und Manchesters queere Community zu unterstützen und versichert, dass die Veranstaltung im nächsten Jahr stattfinden wird: „Pride ist viel mehr als die Organisation, die es betreibt". Andrew Underwood, Miteigentümer mehrerer Lokale im Gay Village, sagte: „Die Village-Unternehmen werden zusammen mit LGBT-Wohltätigkeitsorganisationen dafür sorgen, dass es im nächsten Jahr eine Form von Veranstaltung gibt, um die Community zu feiern und zu unterstützen".

Die Geschichte von Manchester Pride ist eine Warnung für die gesamte europäische Pride-Bewegung. In Zeiten, in denen kriminelle Straftaten gegen LGBTQ+-Personen 2023 mit 1.785 gemeldeten Vorfällen einen neuen Höchststand erreichten und Pride-Märsche zunehmend von Rechtsextremen und Neonazi-Demonstranten in Deutschland ins Visier genommen werden, sind finanzielle Stabilität und Community-Unterstützung wichtiger denn je.

Die Insolvenz von Manchester Pride zeigt deutlich: Pride ist kein selbstverständliches Gut. Es braucht nachhaltige Finanzierung, gesellschaftliche Solidarität und das Engagement aller – von der Politik über die Wirtschaft bis zur Community selbst. Nur so können wir sicherstellen, dass die Regenbogenfahnen auch in Zukunft wehen.


ESC 2026: Österreichs Kanzler steht klar zu Israel – Europas größtes Musikfest vor historischer Zerreißprobe

Der Eurovision Song Contest 2026 in Wien droht zur größten politischen Krise in der fast 70-jährigen Geschichte des Wettbewerbs zu werden. Österreichs Kanzler Christian Stocker (ÖVP) hat sich klar für die Teilnahme Israels am Eurovision Song Contest (ESC) im Mai 2026 in Wien ausgesprochen, wie er in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur erklärte. "Ich würde es für einen fatalen Fehler halten, Israel auszuschließen. Schon aufgrund unserer Geschichte würde ich das niemals befürworten", betonte Stocker mit Blick auf Österreichs historische Mitverantwortung am Holocaust.

Ein Streit, der Europa spaltet

Die Debatte um Israels Teilnahme am ESC 2026 hat eine internationale Dimension erreicht, die an die Grundfeste des Wettbewerbs rührt. Der Streit um die Teilnahme von Israel beim Eurovision Song Contest 2026 in Wien eskaliert weiter – mehrere Länder drohten einen Boykott an, wenn dem Land die Teilnahme nicht verweigert wird. Länder wie Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island betonten die „anhaltenden und entsetzlichen Verluste an Menschenleben in Gaza" und drohten mit einem Boykott des internationalen Musikwettbewerbs.

Für deutsche Leser*innen ist diese Entwicklung besonders relevant: Bundeskanzler Merz machte klare Kante: Israel müsse beim ESC 2026 mitmachen, anderenfalls solle Deutschland den Musikwettbewerb boykottieren. Im jüngsten ARD-Deutschlandtrend spricht sich inzwischen eine Mehrheit von 65 Prozent der Bundesbürger dafür aus, Israel teilnehmen zu lassen, was die öffentliche Meinung in Deutschland widerspiegelt.

Die queere Community in der ZwickmĂĽhle

Besonders schmerzhaft ist diese Debatte für die LGBTQ+-Community, die seit Jahrzehnten eine besondere Verbindung zum ESC pflegt. Der Wettbewerb wurde nach dem Sieg der Transgender-Künstlerin Dana International 1998 für Israel und spätestens nach Conchita Wursts Triumph 2014 zu einem Symbol queerer Sichtbarkeit. Ein Jahr nach dem Sieg von Nemo für die Schweiz und elf Jahre nach dem Triumph von Conchita Wurst hat Österreich mit dem Countertenor Johannes Pietsch alias JJ erneut einen queeren ESC-Sieger.

Doch genau dieser Sieger, JJ, der sich selbst als queer bezeichnet und sich freut, "die Community zu repräsentieren und ihr eine Stimme zu geben", als "die Stimme der queeren Community aus Österreich", sorgte für zusätzliche Kontroversen. Der diesjährige ESC-Gewinner sprach sich gegen die Teilnahme des jüdischen Staates aus, was in Österreich breite Kritik hervorrief, auch vom Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen.

Die EBU vor einer historischen Entscheidung

Die Europäische Rundfunkunion (EBU) steht vor einer Zerreißprobe. Die EBU informierte ihre Mitglieder, "dass eine Abstimmung über die Teilnahme am Eurovision Song Contest 2026 im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung der EBU-Generalversammlung stattfinden wird, die Anfang November online abgehalten wird". Darin wird auf die "beispiellose Meinungsvielfalt" der EBU-Mitglieder bezüglich der Teilnahme Israels Bezug genommen. Weil keine einvernehmliche Position zu erreichen sei, setze man auf eine breitere, demokratische Entscheidungsgrundlage in einer Abstimmung.

Der historische Kontext ist dabei entscheidend: Länder argumentieren meist damit, dass auch Russland 2022 nach dem Überfall auf die Ukraine ausgeschlossen wurde. Damals ging es allerdings vor allem um die Rolle der russischen Partnermedien, die sich der Kreml-Propaganda unterworfen hatten – was dem israelischen Sender Kan nicht vorgeworfen wird.

Ein queeres Dilemma: Zwischen Solidarität und Realität

Die Debatte berührt einen wunden Punkt innerhalb der LGBTQ+-Community. Einerseits gibt es die Bewegung "Queers for Palestine", andererseits ist die Situation für queere Menschen in den palästinensischen Gebieten dramatisch. Israel hingegen gilt als eines der LGBTQ+-freundlichsten Länder im Nahen Osten – Tel Aviv richtet eine der größten Pride-Paraden der Welt aus.

Diese Komplexität spiegelt sich auch in Deutschland wider. Während queere Aktivist*innen unterschiedliche Positionen vertreten, bleibt unstrittig, dass LGBTQ+-Personen in Gaza und im Westjordanland systematischer Verfolgung ausgesetzt sind. In einem offenen Brief rufen unter anderem mehrere Bundestagsabgeordnete und LGBTI-Aktivist*innen die Bundesregierung dazu auf, sich mehr um das Schicksal von queeren Menschen im Westjordanland und im Gaza-Streifen zu kümmern. "In Palästina ist die Situation für Schwule, Lesben und Transgender bedrückend, die Region belegt weltweit einen der letzten Plätze bei den Menschenrechten von Schwulen, Lesben und Transgender", heißt es in dem Papier.

Wien 2026: Mehr als nur ein Musikwettbewerb

Nach dem Sieg des österreichischen Countertenors JJ mit seinem Song „Wasted Love" im vergangenen Jahr beim ESC in Basel findet der 70. ESC in Wien statt. Der öffentlich-rechtliche Österreichische Rundfunk (ORF) organisiert das größte Musikevent der Welt. Kanzler Stocker betont: "Wir werden uns gerne als ein weltoffenes Gastgeberland präsentieren".

Doch die Frage bleibt: Kann ein Wettbewerb, der unter dem Motto "united in music" steht, dieser Vision noch gerecht werden? Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger argumentiert, ein Boykott würde "die Möglichkeiten für einen wichtigen Dialog zwischen Künstlern und der Bevölkerung verunmöglichen - ohne die Lage vor Ort in Israel und Gaza zu verbessern".

Die Entscheidung, die im Dezember fallen soll, wird weitreichende Konsequenzen haben – nicht nur für den ESC 2026, sondern für die Zukunft eines der größten Kulturevents Europas. Für die queere Community in Deutschland und Europa bedeutet sie eine schmerzhafte Gratwanderung zwischen unterschiedlichen Formen der Solidarität, zwischen historischer Verantwortung und aktuellen humanitären Anliegen. Der ESC, einst als verbindendes Element nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, steht vor seiner größten Bewährungsprobe.


MĂĽnchen: Nazi-Parolen und queerfeindliche Schmierereien an Zentren der LGBTIQ*-Community

In München haben Unbekannte zwischen dem 19. und 22. Oktober 2025 queere Einrichtungen mit Nazi-Symbolen und queerfeindlichen Schmierereien attackiert. Bei queerfeindlichen Schmierereien in München entstand in der vergangenen Woche ein Sachschaden von mehreren tausend Euro. Die Polizei München ermittelt nun wegen Sachbeschädigung und bittet die Öffentlichkeit um Mithilfe. (Quelle: queer.de)

Angriff auf das Herz der Community

Betroffen von den Angriffen sind zentrale Anlaufstellen der Münchner LGBTIQ*-Community im Glockenbachviertel, dem historischen Zentrum queeren Lebens in der bayerischen Landeshauptstadt. Die Täter sprühten nicht nur queerfeindliche Parolen, sondern auch "Zeichen mit Bezug zum Nationalsozialismus" an die Außenfassade eines Zentrums für queere Personen in der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt.

Zusätzlich wurden an einem Stromkasten und einer Taxirufsäule vor einem weiteren LGBTIQ*-Treffpunkt ähnliche Schmierereien entdeckt. Die betroffenen Standorte – die Blumen- und Müllerstraße – beherbergen wichtige Community-Einrichtungen wie das Sub (Schwules Kommunikations- und Kulturzentrum) in der Müllerstraße 14 und das Diversity Café in der Blumenstraße, das als Begegnungsort für junge queere Menschen dient.

Teil eines besorgniserregenden Trends

Diese Attacke ist kein Einzelfall. Bereits an mehreren Orten in München sind über einen längeren Zeitraum Schmierereien in gleicher Handschrift aufgetaucht. Erst im Jahr 2024 wurden queere Kulturzentren in München Ziel von Hassangriffen, darunter Mordaufrufe gegen trans Menschen, die an Einrichtungen gesprüht wurden.

Die jüngsten Vorfälle in München fügen sich in einen bundesweiten Trend zunehmender queerfeindlicher Gewalt ein. Im Jahr 2023 wurden insgesamt 17.007 Fälle von Hasskriminalität erfasst. Davon richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ*. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht.

In diesem Jahr wurden vermehrt Angriffe gewaltorientierter Rechtsextremist/-innen auf queere Veranstaltungen verzeichnet, insbesondere in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Kombination von Nazi-Symbolen mit queerfeindlichen Parolen in MĂĽnchen zeigt, dass rechtsextreme Akteure queere Menschen zunehmend ins Visier nehmen.

Zwischen Fortschritt und Gefahr

Die Situation in Deutschland ist paradox: Während rechtliche Gleichstellung voranschreitet, steigt die Gewalt gegen LGBTIQ*-Menschen drastisch an. Queerfeindliche Gewalt muss als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden. Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend. Zudem müssen wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an.

Wenn sich der Trend der vergangenen Jahre fortsetzt, werden die Angriffe auf Pride-Demonstrationen weiter zunehmen. Besonders alarmierend: Zunehmend gibt es auch Ăśbergriffe im Rahmen von CSDs. Angeheizt von gezielten Kampagnen richtet sich Gewalt gegen sichtbares queeres Leben und soll LSBTIQ* einschĂĽchtern.

Polizei sucht Zeugen

Die Münchner Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen und sucht dringend nach Zeugen, die im Zeitraum vom Sonntag, 19. Oktober, gegen 23:55 Uhr bis Mittwoch, 22. Oktober, gegen 22 Uhr im Bereich der Blumen- und Müllerstraße verdächtige Beobachtungen gemacht haben. Hinweise nimmt das Polizeipräsidium München, Kommissariat 45, unter der Telefonnummer (089) 2910-0 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.

Die betroffenen Community-Zentren sind nicht nur Treffpunkte, sondern auch wichtige Beratungsstellen und sichere Räume für LGBTIQ*-Menschen in München. Gerade in Zeiten zunehmender Anfeindungen erfüllen sie eine unverzichtbare Funktion – als Orte der Solidarität, des Empowerments und der gegenseitigen Unterstützung.

Solidarität statt Einschüchterung

Die Schmierereien zielen darauf ab, queere Menschen einzuschüchtern und aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Doch die Münchner Community lässt sich nicht zum Schweigen bringen. Die Stadt, die einst als "eine der wichtigsten Schwulenmetropolen weltweit" galt, verfügt über eine starke und vernetzte LGBTIQ*-Szene, die sich gemeinsam gegen Hass und Hetze stellt.

Der Vorfall unterstreicht die Notwendigkeit, queerfeindliche Gewalt konsequent zu benennen, zu verfolgen und präventiv zu bekämpfen. Nur durch Solidarität, Aufklärung und das entschlossene Handeln von Zivilgesellschaft, Politik und Sicherheitsbehörden kann der besorgniserregenden Entwicklung Einhalt geboten werden.


Rekord-Teilnahme trotz rechtsextremer Gewalt: CSD Cottbus trotzt den Nazis

Über 800 Menschen setzten am Samstag in Cottbus ein kraftvolles Zeichen für queere Sichtbarkeit und Vielfalt – so viele wie noch nie beim Christopher Street Day der südbrandenburgischen Stadt (queer.de berichtete). Doch die bunte, friedliche Demonstration fand unter massivem Polizeischutz statt, nachdem die queere Community in den Tagen zuvor mit Einschüchterungsversuchen und einem mutmaßlichen Brandanschlag auf das Regenbogenkombinat konfrontiert worden war.

Wenn Hass auf Solidarität trifft

Die Bilder aus Cottbus sprechen eine deutliche Sprache: Die Polizei sprach nach einer ersten vorsichtigen Schätzung von rund 90 Teilnehmern bei der rechtsextremen Gegendemonstration – weit übertroffen von den über 800 CSD-Teilnehmenden. Mit Transparenten wie "Kein Bock auf Nazis" und "Sei ein Mensch" zogen die Demonstrierenden unter dem Motto "Vereint in Frieden und Vielfalt" durch die Stadt. Auf der Gegenseite zeigten Rechtsextreme ihre Verachtung mit Fahnen und Bannern, auf denen "Nein zum CSD! Unsere Stadt bleibt hetero!" zu lesen war.

Die verstärkten Polizeikräfte mussten mehrfach eingreifen: Zwei Personen wurden aus der Anti-CSD-Kundgebung ausgeschlossen, weil sie im Verdacht standen, zu Straftaten aufgerufen zu haben. Zudem wurde ein Platzverweis erteilt. Mit Fahnen der rechtsextremen Jugendorganisation „Junge Nationalisten": Die rechte Szene protestiert gegen den Christopher Street Day in Cottbus.

Brandanschlag als Eskalation der Gewalt

Am Montagnachmittag stand plötzlich die Papiertonne im Hinterhof in Flammen und brannte ein beachtliches Loch in die hellblaue Fassade des Gebäudes, berichtet die taz über den Vorfall beim Regenbogenkombinat. Jetzt hat der Polizeiliche Staatsschutz Ermittlungen zu dem Vorfall aufgenommen. Die Behörden halten eine rechtsextrem motivierte Brandstiftung für möglich.

Für Christian Müller, Vorstandsmitglied des CSD Cottbus e.V., ist die Botschaft klar: "Das ist kein Zufall." Bereits seit Monaten stünden Aktivitäten des Cottbuser Pride-Teams unter massiven verbalen Angriffen, auch habe es in der Vergangenheit bereits Vandalismus-Vorfälle am RKB gegeben. Besonders erschreckend: Der Brand am Tag stattfand, während sich Menschen im Gebäude aufhielten.

Brandenburg: Ein Brennpunkt queerfeindlicher Gewalt

Die Ereignisse in Cottbus sind kein Einzelfall. Laut der für Cottbus verantwortlichen Polizeidirektion sei Südbrandenburg ein „Hotspot des Rechtsextremismus". Die Zahlen sind alarmierend: Im Jahr 2024 seien 75 Straftaten gegenüber Personen wegen ihrer sexuellen Orientierung und 43 Straftaten wegen geschlechtlicher Identität festgestellt worden.

In letzter Zeit kam es vermehrt zu rechten Angriffen auf links-alternative Orte und queere Veranstaltungen in Brandenburg. Nachdem bereits 2024 eine neue Generation junger, militanter Neonazis besonders bei CSDs in Ostdeutschland beobachtet werden konnte, spitzen sich die rechten Anfeindungen dieses Jahr weiter zu. Im Frühjahr wurden Jugendklubs in Senftenberg und Spremberg attackiert, im Mai griff eine Neonazi-Gruppe das Hausprojekt Zelle79 in Cottbus mit Steinen und Brandsätzen an.

Ein bundesweites Phänomen erreicht neuen Höhepunkt

Mit dem CSD in Cottbus und dem CSD in Weimar endete die Pride-Saison 2025 – ein Jahr, das als das gewaltsamste in die Geschichte der deutschen LGBTQ+-Bewegung eingehen könnte. Deutschlandweit gab es noch nie so viele Gegendemonstrationen und Störversuche aus der rechtsextremen Szene wie in diesem Jahr.

Im Jahr 2024 registrierte die Amadeu Antonio Stiftung 55 Angriffe von rechtsextremen Gruppen auf CSDs. Eine Studie des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) dokumentiert, dass zwischen Juni und September 2024 deutschlandweit in 27 Städten rechtsextreme Mobilisierungen gegen CSD-Veranstaltungen verzeichnet wurden. Dabei kam es zu Einschüchterungen, Schikanen und Gewalt.

Besonders besorgniserregend: In Bautzen konnten circa 700 Teilnehmende mobilisiert werden. Nachfolgende Proteste konnten teilweise 200 bis 460 Teilnehmende mobilisieren. Diese Zahlen markieren einen Wendepunkt. Noch nie zuvor gab es so viele Pride-Kundgebungen wie in diesem Jahr und nie gab es so viele rechtsextreme Gegenproteste.

Sicherheit als zentrales Thema

Die CSD-Organisator*innen in Cottbus mussten auf die Bedrohungslage reagieren. Um rechte Gewalt gegen die Teil­neh­me­r*in­nen des am Samstag stattfindenden CSD zu vermeiden, habe man in Cottbus die „Sicherheitsvorkehrungen hochgeschraubt", sagt Christian Müller zur taz. Es würden Shuttle-Busse bereitstehen, um den De­mons­tran­t*in­nen eine sichere Abreise zu ermöglichen und Konfrontationen mit den Neonazis zu vermeiden.

Die Amadeu Antonio Stiftung und Expert*innen fordern dringend Maßnahmen zum Schutz der Community: Zudem müsse die Sicherheit von CSD-Veranstaltungen gewährleistet werden. Das könne durch eine stärkere Polizeipräsenz bei der An- und Abreise rechtsextremer Gruppen, Schulungen von Sicherheitsbehörden und Kommunen über Queerfeindlichkeit und mögliche rechtsextreme Mobilisierungen sowie einen weiteren Ausbau von Betroffenenberatungsstellen gewährleistet werden.

Ein Zeichen der Hoffnung

Trotz aller Widrigkeiten bleibt die Botschaft aus Cottbus klar: Die queere Community lässt sich nicht einschüchtern. Die Rekord-Teilnahme beim CSD zeigt, dass Solidarität und Zivilcourage stärker sind als Hass. Ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, Hochschulen und zivilgesellschaftlichen Initiativen stellte sich demonstrativ hinter die queere Community und setzte ein Zeichen gegen Rechtsextremismus in der Lausitz.

Doch die Situation bleibt angespannt. Mit dem Erstarken antidemokratischer Phänomene im gesellschaftlichen und politischen Raum steigt zunehmend das Risiko für queere Menschen, Opfer von Mobbing, Ausgrenzung und Gewalt zu werden. Der CSD Cottbus 2025 wird als Symbol für Widerstandskraft in Erinnerung bleiben – aber auch als Mahnung, dass der Kampf für Akzeptanz und Sicherheit queerer Menschen in Deutschland noch lange nicht gewonnen ist.


Homofeindlicher Angriff in Frankfurt: "Es ist erschreckend, dass Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung Gewalt erfahren"

In der Nacht zu Samstag wurde Frankfurt erneut Schauplatz eines queerfeindlichen Angriffs. Vor einem Kiosk in der Großen Friedberger Straße schlug ein 21-Jähriger gegen 01:55 Uhr zwei Personen mit der Faust ins Gesicht, nachdem er sie zuvor homophob beleidigt hatte. Die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung und Beleidigung – ein weiterer Fall in einer alarmierenden Serie von Angriffen auf queere Menschen in der Mainmetropole.

Frankfurt: Brennpunkt queerfeindlicher Gewalt

Die jüngste Attacke reiht sich ein in eine besorgniserregende Entwicklung. Die Zahl queerfeindlicher Strafverfahren in Frankfurt ist dramatisch gestiegen: Von 26 Verfahren im Jahr 2022 auf 88 im Jahr 2024 – allein im ersten Quartal 2025 kamen 25 neue Fälle hinzu. Bei der Polizei selbst wurden 2023 insgesamt 45 queerfeindliche Straftaten registriert, 2024 waren es bereits 56.

Doch was steckt hinter diesem Anstieg? Carsten Gehrig von der Aidshilfe Frankfurt erklärt: "Die Leute trauen sich mehr, selbst bei verbalen Sachen". Die erhöhte Anzeigebereitschaft zeigt einerseits wachsendes Vertrauen in die Behörden, andererseits aber auch: Die Polizei geht von einem großen Dunkelfeld aus, da viele Betroffene solche Taten noch immer nicht anzeigen.

Hessen und Deutschland: Ein alarmierender Trend

Die Situation in Frankfurt spiegelt einen bundesweiten Trend wider. In ganz Hessen wurde 2023 eine Steigerung um 33 Fälle auf 83 queerfeindliche Straftaten im Vergleich zum Vorjahr festgestellt – ein Anstieg von 66 Prozent innerhalb eines Jahres. Besonders erschreckend: Unter den 83 Fällen waren 25 Körperverletzungen, darunter auch 10 schwere Körperverletzungen.

Bundesweit ist die Lage noch dramatischer. Im Jahr 2023 richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* Personen – gegenüber 1.188 im Jahr 2022. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Zu den häufigsten Straftaten gehören Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen.

Das Dunkelfeld: Viele Fälle bleiben ungemeldet

Die offiziellen Zahlen zeigen nur einen Bruchteil der Realität. Lediglich 13% der Befragten gingen zur Polizei, um einen physischen Angriff oder sexualisierte Gewalt anzuzeigen, so eine EU-weite Erhebung. Die Gründe sind vielfältig: 40% denken nicht, dass eine Anzeige etwas bringen würde, 37% fanden den Vorfall nicht schlimm genug, und 23% hatten Angst vor Homo- und Transphobie bei der Polizei.

Ein weiteres Problem: Selbst wenn Anzeige erstattet wird, wird das queerfeindliche Motiv nicht immer erkannt oder dokumentiert. Die Polizei hat erst ab 2023 begonnen, solche Vorfälle gezielt zu erfassen.

Politische Reaktionen: Zwischen Worten und Taten

Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) spricht von einem "deutlichen Warnsignal" und betont: "Es darf nicht sein, dass Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Ziel von Hass, Hetze und Gewalt werden". Das Land Hessen hat reagiert: Seit Juli verfolgt ein spezieller Beauftragter bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main queerfeindliche Angriffe.

Doch reicht das aus? Projekte wie die Polizeisprechstunde im Switchboard, einem Treffpunkt für queere Menschen in Frankfurt, sorgen dafür, dass sich mehr Betroffene trauen, Anzeige zu erstatten und direkte Hilfe zu bekommen. Dennoch mahnt die Community: Mehr Präventionsarbeit, bessere Schulungen für Polizei und Justiz sowie konsequente Strafverfolgung sind dringend nötig.

Was queere Menschen jetzt wissen mĂĽssen

Wer Opfer oder Zeuge eines queerfeindlichen Angriffs wird, sollte nicht zögern, Anzeige zu erstatten. Seit 2010 gibt es Ansprechpersonen für LSBTIQ in allen hessischen Polizeipräsidien. Zusätzlich bieten Organisationen wie die Aidshilfe Frankfurt und das Switchboard Unterstützung und Beratung.

Der Fall in der Großen Friedberger Straße ist kein Einzelfall – er ist Teil eines gefährlichen Musters. In mehreren Fällen lockten Täter queere Männer über Dating-Apps zu Treffen und überfielen sie anschließend, unter anderem vergangenes Jahr in Darmstadt und Anfang dieses Jahres im Main-Taunus-Kreis. Wachsamkeit und gegenseitige Solidarität in der Community sind wichtiger denn je.

Die Ermittlungen im aktuellen Fall dauern an. Doch eines ist klar: Jeder einzelne Angriff ist einer zu viel. Die Zahlen mögen steigen – das Schweigen darüber darf nicht länger hingenommen werden.


Irland setzt Zeichen fĂĽr Inklusion: Neuer Leitfaden fĂĽr trans und inter Menschen im Sport

Am 23. Oktober präsentierte TENI (Trans Equality Network Ireland) im Outhouse LGBTQ+ Centre in Dublin einen bahnbrechenden Leitfaden zur Inklusion von trans und intergeschlechtlichen Menschen im Sport. Die Veranstaltung, moderiert von James Curry, Sports Inclusion Coordinator bei TENI, brachte Athlet*innen, Trainer*innen und Aktivist*innen zusammen – und inspirierte mit einer klaren Botschaft: Sport ist für alle da.

Ein Werkzeug gegen Desinformation und Ausschluss

Sport Ireland veröffentlichte bereits im März 2024 ein eigenes Guidance-Dokument, doch TENIs neuer Policy Guide geht noch einen Schritt weiter. Der Leitfaden soll der trans Community in Irland den Zugang zu Informationen über die Teilnahme am Sport erleichtern und die Community ermutigen, sich mehr im Sport zu engagieren. Daire Dempsey, Geschäftsführer*in von TENI, erklärt die Notwendigkeit deutlich: „Wir haben in den letzten Jahren eine Zunahme von Desinformation über trans Menschen im Sport erlebt, und dieser Leitfaden, der auf internationaler Evidenz, Forschung und Best Practice basiert, arbeitet daran, dies zu korrigieren."

Der Leitfaden ist Teil eines umfassenden Sports Digital Toolkit, das auch spezifische Anleitungen für Schulen und Sportvereine sowie einen Policy Tracker für die Regelungen irischer Sportverbände enthält. TENI betont, dass Community-Engagement ein wesentlicher Teil ihrer Identität ist.

Die menschliche Seite: Wenn Sport zum Zufluchtsort wird

Die emotionalsten Momente der Veranstaltung kamen von den Betroffenen selbst. Jenny Behan, ehemalige Trainerin bei den Special Olympics und aktuelle Trainerin bei Shamrock Síoga, beschrieb eindrücklich, was Ausschluss bedeutet: „Sie verstehen nicht, welche Auswirkungen es auf uns hat." Bei Shamrock Síoga könne sie endlich „einfach hingehen und ich selbst sein, einfach Jenny sein".

Die Panelist*innen waren sich einig: Sport ist weit mehr als körperliche Betätigung. Es geht um psychische Gesundheit, um Zugehörigkeit, um Gemeinschaft. Fionn Collins von Sporting Pride wies darauf hin, dass trans Jugendliche besonders häufig mit Beginn der Pubertät den Sport aufgeben – ein Zeitpunkt, an dem Sport für das Wohlbefinden besonders wichtig wäre.

Inter* Perspektiven: Ăśber WĂĽrde und echte Wege zur Teilhabe

Sorcha Ní Fhaolín von Intersex Ireland brachte eine oft übersehene Perspektive ein: „Ich weiß aus erster Hand, wie viel Sport gibt – und wie schnell sich Türen schließen können, wenn Richtlinien uns nicht sehen. Dieser Leitfaden ist wichtig, weil er Würde, Evidenz und gelebte Erfahrung in den Mittelpunkt stellt und echte Wege von der Basis bis zum Wettkampf aufbaut, anstatt bei ‚Willkommen' zu stoppen."

Tatsächlich hatte Intersex Ireland bemängelt, dass bei der Konsultation zu Sport Irelands Leitfaden im März 2024 ihre Organisation nicht einbezogen wurde, obwohl LGBTQIA+ NGOs generell konsultiert wurden. TENIs neuer Leitfaden versucht, diese Lücke zu schließen.

Die Wurzeln der Diskriminierung: Misogynie im Sportsystem

Deborah Madden, Equality, Diversity and Inclusion Managerin bei Golf Ireland, brachte eine radikale Perspektive in die Diskussion: Der Ausschluss von trans Menschen im Sport scheine in Misogynie verwurzelt zu sein. Sie hinterfragte die Logik strikter Geschlechterbinarität im Sport und schlug sogar vor, die Geschlechtertrennung gänzlich abzuschaffen.

Die Panelist*innen stimmten überein: Die Vorstellung, dass Frauen mit Männern konkurrieren könnten, bedrohe männliche Identität und Dominanz. Paradoxerweise führten die jüngsten Versuche, trans Menschen vom Sport auszuschließen, auch zur Diskriminierung von cis Frauen. Erzwungene Hormon- und Geschlechtstests zielen darauf ab, alle auszuschließen, die nicht in patriarchale und unwissenschaftliche Geschlechterbinaritäten passen.

Parallelen zu Deutschland: Zwischen Fortschritt und Herausforderungen

Die irische Initiative kommt zu einem Zeitpunkt, an dem auch in Deutschland die Debatte um trans Menschen im Sport intensiv geführt wird. Mit dem Selbstbestimmungsgesetz, das am 1. November 2024 in Kraft trat, wurde ein „Paradigmenwechsel" eingeleitet, der es trans, intergeschlechtlichen und nicht-binären Menschen erleichtert, ihren Geschlechtseintrag zu ändern.

Aktivist*innen betonen, dass es bei der Inklusion von trans Menschen vor allem um die Basis geht, und dass der Jugend- und Breitensport offen für alle sein muss. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes empfiehlt bei Breitensportwettbewerben, dass inter* und trans* Teilnehmende die jeweilige Startklasse selbst wählen sollten.

Auch deutsche Verbände haben Schritte unternommen: Der Deutsche Fußball-Bund führte eine Regelung ein, die es Spieler*innen mit dem Geschlechtsstatus 'divers' oder trans* Spieler*innen ermöglicht, selbst zu entscheiden, ob sie für eine Frauen- oder Männermannschaft spielen möchten. Dennoch bleibt die Situation komplex: Eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln ergab, dass 16% der aktiven LSBT*-Sportler*innen in den letzten 12 Monaten persönlich negative Erfahrungen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität gemacht haben – bei trans* Personen waren es sogar 40%.

Hoffnung fĂĽr die Zukunft

Tara Hewitt, ehemalige Universitätsathletin, fasste die Bedeutung des Leitfadens zusammen: „Es gibt mir Hoffnung, dass mehr Menschen in der Lage sein werden, die Freude zu teilen, die mir Sport über mein ganzes Leben hinweg gebracht hat." Jenny Behan fügte hinzu: „Diese Richtlinie wird einen langen Weg gehen und ein brillanter Start sein [...], um Menschen zu bilden, dass wir einfach normale Menschen sind."

An der Veranstaltung nahmen Vertreter*innen zahlreicher Organisationen teil, darunter Sporting Pride, Intersex Ireland, Sport Ireland, Emerald Warriors und Mammies for Trans Rights. Ihre Präsenz unterstrich: Inklusion im Sport ist keine Randnotiz, sondern eine gemeinsame Verantwortung – besonders auf Amateur- und Community-Ebene, wo Sport für die meisten Menschen stattfindet.

Der vollständige Transgender & Intersex Sports Inclusion Policy Guide ist nun online verfügbar und bietet Verbänden, Vereinen und Schulen praktische Anleitungen für eine inklusivere Sportkultur. Ein Schritt in die richtige Richtung – nicht nur für Irland, sondern als Inspiration für ganz Europa.


Fünf Jahre Sperre: Schwimmerin Hannah Caldas verweigert Geschlechtstest – „Meine Privatsphäre wurde genug verletzt"

Die 48-jährige US-Schwimmerin Hannah Caldas wurde von World Aquatics für fünf Jahre gesperrt, nachdem sie sich weigerte, sich einem chromosomalen Geschlechtstest zu unterziehen. Caldas sagt, wenn die Sperre der Preis sei, den sie zahlen müsse, um ihre "intimsten medizinischen Informationen zu schützen", dann sei sie "glücklich, diesen Preis zu zahlen".

Der Fall wirft grundlegende Fragen über medizinische Privatsphäre, Menschenrechte und die Teilnahme von trans Personen im Sport auf – Themen, die auch in Deutschland intensiv diskutiert werden.

Der Fall Hannah Caldas: Zwischen Hobbysport und politischem Kampf

Caldas, die auch als Ana bekannt ist, nahm 2024 an den World Aquatics Masters Championships in Doha teil, wo sie in ihrer Altersklasse den ersten Platz im 100-Meter-Freistil der Frauen belegte. Sie trat auch bei den Spring Nationals der US Masters Swimming (USMS) in San Antonio, Texas, im April an und gewann mehrere Wettbewerbe.

Die Situation eskalierte, als der republikanische Gouverneur Ken Paxton eine Untersuchung gegen die Organisation startete und in einer Klage behauptete, sie habe gegen das Deceptive Trade Practices Act von Texas verstoĂźen, indem sie trans Teilnahme erlaubte. Paxtons BĂĽro startete die Untersuchung im Mai, nachdem zwei trans Frauen an einem Schwimmwettbewerb in San Antonio im April teilnehmen durften und einige der Wettbewerbe gewannen.

Besonders bemerkenswert: Im August erklärte USMS Caldas für die weibliche Kategorie berechtigt, wobei ein Bericht zu ihrer Berechtigung feststellte, dass "die von der Schwimmerin eingereichten Dokumente alle belegen, dass ihr bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und dass sie sich als weiblich identifiziert, obwohl sie bei USMS-Veranstaltungen 2002-2004 in der männlichen Kategorie schwamm".

„Chromosomale Tests sind invasiv und teuer"

World Aquatics entschied jedoch, die 48-Jährige bis Oktober 2030 für fünf Jahre zu sperren, nachdem sie es ablehnte, einen Geschlechtsverifikationstest durchzuführen, und ihre Schwimmergebnisse der letzten drei Jahre – zwischen Juni 2022 und Oktober 2024 – zu disqualifizieren.

Caldas begründete ihre Weigerung damit, dass "chromosomale Tests invasive und teure Verfahren sind". "Meine Versicherung weigert sich, einen solchen Test zu übernehmen, weil er medizinisch nicht notwendig ist. Kein US-Bundesstaat verlangt Gentests für Freizeitsportveranstaltungen wie diese", erklärte sie.

"Aber wenn eine fünfjährige Sperre der Preis ist, den ich zahlen muss, um meine intimsten medizinischen Informationen zu schützen, dann ist es ein Preis, den ich gerne zahle – für mich selbst und für jede andere Frau, die sich nicht hochinvasiven medizinischen Tests unterziehen möchte, nur um in einem Wettbewerb für ältere Erwachsene zu schwimmen", so Caldas weiter.

"Mein Leben und meine Privatsphäre wurden genug verletzt", erklärte sie. "Es ist Zeit, meine Gesundheit und persönliche Sicherheit zu priorisieren".

Die umstrittene World Aquatics-Politik

2022 stimmte World Aquatics für die Einführung von Regeln, die trans Frauen vom Wettbewerb in Elite-Rennen ausschließen, wenn sie irgendeine männliche Pubertät durchlaufen haben. Der Internationale Schwimmverband World Aquatics beschloss 2023, dass Transfrauen nur dann an Frauenwettbewerben teilnehmen dürfen, wenn sie nachweisen können, dass sie keinen Teil der männlichen Pubertät über das Tanner-Stadium 2 hinaus oder vor dem Alter von 12 Jahren durchlaufen haben, je nachdem, was später eintritt.

Die Entscheidung von World Aquatics betrifft auch den Masters-Bereich – eine Kategorie für Hobbyschwimmer über 25 Jahren, bei der es keine Preisgelder gibt und die Teilnehmer ihre Reisen selbst finanzieren.

Die Debatte in Deutschland: Zwischen Inklusion und Fairness

Die Diskussion um trans Personen im Sport ist auch in Deutschland hochaktuell. Die Vorschriften zu sogenannten "Geschlechtsüberprüfungen" verletzen die Rechte von meist aus dem Globalen Süden kommenden Athletinnen und schaden ihnen, so Human Rights Watch. Die Vorschriften zielen auf Athletinnen bei Laufwettbewerben ab und zwingen die betroffenen Frauen, sich medizinischen Eingriffen zu unterziehen oder andernfalls von Wettkämpfen ausgeschlossen zu werden.

Auf internationaler Ebene (International Olympic Committee und World Athletics) sind "Transgender"-Richtlinien geschaffen worden. Diese Richtlinien knĂĽpfen die Teilnahme von transgeschlechtlichen Menschen in der Geschlechterkategorie der Frauen nicht an geschlechtsangleichende Operationen, sondern maĂźgeblich an ihre Testosteronwerte.

Im deutschen Sport gibt es verschiedene Ansätze: Der Westdeutsche Fußballverband (WDFV) ermöglicht die geregelte Teilhabe von trans und inter Menschen seit Beginn der Saison 2021/2022 durch eine Änderung der WDFV-Spielordnung. Durch diese Regelungen setzt der WDFV ein wichtiges Zeichen für den Fußball und zur Unterstützung der betroffenen Spieler*innen in NRW.

LSBTIQ+ im deutschen Sport: Diskriminierung bleibt ein Problem

Studien zeigen, dass queere Menschen im Sport weiterhin Diskriminierung erfahren. Die Studie Outsport der Sporthochschule Köln von 2019 kam zu dem Ergebnis, dass 16% der aktiven Sportler*innen in den letzten 12 Monaten persönliche negative Erfahrungen im Sport aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität gemacht haben. Trans Personen fühlen sich insgesamt deutlich häufiger ausgeschlossen (56%).

In einem Sportsystem, das geprägt ist von einer binären Geschlechterordnung und Geschlechterstereotypen, fühlen sich LGBTI*-Personen verunsichert und teilweise diskriminiert, sodass sie an der aktiven Teilnahme am Sport oftmals gehindert werden.

Deutsche Sportorganisationen arbeiten an Lösungen: In der sogenannten "Bremer Erklärung" beschließen die Sportminister, dass der Sport in Deutschland inklusiv sein soll und die Teilhabe aller Menschen am aktiven Sport und sportlichen Veranstaltungen gewährleisten soll. Der Beschluss regt an, dass Vereine und Verbände ihre Regelwerke so fassen sollen, dass ein diskriminierungsfreier Umgang mit Sporttreibenden gefördert wird.

Der Fall Lia Thomas und die internationale Dimension

Unter dieser Politik wurde die trans ehemalige University of Pennsylvania-Schwimmerin Lia Thomas, die 2022 als erste trans Frau eine National Collegiate Athletic Association-Schwimmmeisterschaft gewann, vom Schwimmverband verbannt.

Thomas reichte im September 2023 eine rechtliche Auseinandersetzung gegen die World Aquatics-Politik beim International Court of Arbitration for Sport (CAS) in der Schweiz ein. Das Gericht wies jedoch ihre Behauptung zurĂĽck, dass die Politik diskriminierend sei.

Eine Frage der MenschenwĂĽrde

Der Fall Hannah Caldas zeigt die Komplexität der Debatte: Auf der einen Seite stehen Forderungen nach Fairness im Sport, auf der anderen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und Schutz der Privatsphäre. Diese Praktiken verletzen grundlegende Rechte auf Privatsphäre, Gesundheit und Nichtdiskriminierung, so Human Rights Watch.

Caldas' Entscheidung, ihre medizinische Privatsphäre über ihre Karriere im Schwimmsport zu stellen, wirft wichtige Fragen auf: Wie weit dürfen Sportorganisationen gehen, um "Fairness" zu garantieren? Und zu welchem Preis für die betroffenen Personen?

Die Diskussion wird weitergehen – in den USA, in Deutschland und weltweit. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass einfache Lösungen in einem Bereich, der Menschenwürde, medizinische Ethik und sportliche Integrität berührt, nicht zu finden sind.


Britische Gleichstellungsbehörde steht vor Abstufung: Trans-Organisationen fordern internationale Untersuchung wegen "alarmierender" Menschenrechtsverletzungen

Eine Koalition aus Trans- und Menschenrechtsorganisationen hat die oberste britische Gleichstellungsbehörde wegen ihrer Haltung zu Trans-Rechten zur Herabstufung aufgerufen. In Eingaben an die Global Alliance of National Human Rights Institutions (GANHRI) forderten LGBTQ+- und Menschenrechtsorganisationen TransActual, Amnesty International, Trans+ Solidarity Alliance, Equality Network, Scottish Trans und das Trans Advocacy & Complaints Collective (TACC) eine sofortige Untersuchung der Behörde, die sie als "nicht geeignet" bezeichneten. Die ursprüngliche Berichterstattung von PinkNews wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die auch für Deutschland relevant ist.

Was genau wirft man der EHRC vor?

Nach dem Urteil des britischen Supreme Court im April – das entschied, dass die Definition von "Frau" im Gleichstellungsgesetz 2010 auf biologischem Geschlecht basiert – begann die EHRC mit der Überarbeitung ihres Verhaltenskodex. Die Revisionen würden, wenn umgesetzt, Trans-Personen den Zugang zu Einrichtungen wie Toiletten und Umkleideräumen entsprechend ihrer Geschlechtsidentität verbieten. Eine ursprüngliche Version ihrer Interimsleitlinien, die die EHRC inzwischen zurückgezogen hat, verbot Trans-Personen komplett den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen.

Tammy Hymas, Policy-Leiterin von TransActual, erklärte: "Die sogenannte Menschenrechtsaufsicht des Vereinigten Königreichs versagt bei ihren Pflichten, die Rechte aller Menschen in unserem Land zu wahren. Nach Jahren politisierter Ernennungen und einer obsessiven Kampagne, um Trans-Personen unsere Grundrechte zu entziehen, versucht die EHRC nun, eine gewählte Regierung zur Umsetzung eines Toilettenverbots für Trans-Personen zu drängen."

Internationale Kritik nimmt zu

Die Koalition der Menschenrechtsgruppen wies darauf hin, dass mehrere nationale und internationale Menschenrechtsgremien, darunter 18 unabhängige UN-Experten, der Menschenrechtskommissar des Europarats und die Schottische Menschenrechtskommission, die Handlungen der EHRC kritisiert haben. Selbst Gleichstellungsministerin Bridget Phillipson kritisierte das Vorgehen der EHRC, nachdem deren Vorsitzende Kishwer Falkner die Regierung drängte, die Leitlinien "mit Geschwindigkeit" umzusetzen. Die Ministerin sagte, es sei "enttäuschend zu sehen, wie die EHRC öffentlich dazu Stellung nimmt".

GANHRI hat bereits früher die Herabstufung von nationalen Menschenrechtsinstitutionen in Ägypten und im Irak wegen Verstößen gegen die Pariser Prinzipien empfohlen. Der "A-Status" bedeutet vollständige Einhaltung der Pariser Prinzipien – internationale Standards, die die Mindestanforderungen an Unabhängigkeit, Pluralismus und effektives Funktionieren von Menschenrechtsgremien definieren. Institutionen mit A-Status können vollständig an UN-Menschenrechtsmechanismen teilnehmen, einschließlich Rederechten im UN-Menschenrechtsrat.

Was bedeutet das fĂĽr Deutschland?

Die Situation im Vereinigten Königreich steht im krassen Gegensatz zur jüngsten Entwicklung in Deutschland. Während die EHRC Trans-Personen systematisch ausgrenzen will, hat Deutschland 2024 mit dem Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) einen progressiven Weg eingeschlagen.

Das SBGG, das am 1. November 2024 in Kraft trat, erleichtert es trans-, intergeschlechtlichen und nichtbinären Personen, ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und ihre Vornamen ändern zu lassen. Die Änderung erfolgt durch eine Erklärung gegenüber dem Standesamt. Das Gesetz ersetzt das diskriminierende Transsexuellengesetz von 1980.

Auch bei der Frage öffentlicher Toiletten unterscheiden sich die Ansätze fundamental. Während die EHRC Trans-Personen von geschlechtsspezifischen Räumen ausschließen will, betont die Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Anbieter wie Schwimmbäder oder Saunen entscheiden unabhängig vom Geschlechtseintrag weiterhin selbst über den Eintritt, dürfen aber wie bisher nicht diskriminieren. Es kann gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verstoßen, Menschen nur aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität pauschal den Zugang zu verweigern – ob im Schwimmbad, im Fitnessstudio oder in der Sauna.

Deutsche Gleichstellungsbeauftragte setzen auf Inklusion

In Deutschland spielen Gleichstellungsbeauftragte eine wichtige Rolle beim Schutz aller Geschlechter. Eine Gleichstellungsbeauftragte ist eine Funktion innerhalb einer Behörde, einer sozialen Einrichtung, einer Gemeinde oder eines Unternehmens, die sich mit der Förderung und Durchsetzung der Chancengleichheit, Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen, Männern und Diversen befasst.

Expert*innen warnen deutsche Gleichstellungsbeauftragte davor, sich instrumentalisieren zu lassen, wenn Arbeitgeber Frauenrechte und die Rechte von diversen Personen in Opposition stellen, als ob sich nur das eine oder das andere verwirklichen lieĂźe. Es geht nicht darum, einer marginalisierten Gruppe etwas wegzunehmen, um es der anderen zu geben. Vielmehr sollte es gemeinsam darum gehen, die ungleichen Strukturen aufzubrechen.

Was steht auf dem Spiel?

Der Verlust des A-Status würde die Autorität der EHRC sowohl in Großbritannien als auch international massiv untergraben. Vic Valentine, Manager von Scottish Trans, erklärte: "Gerade jetzt stehen wir vor der realen Möglichkeit, dass Trans-Personen täglich von Dienstleistungen und Arbeitsplätzen ausgeschlossen und segregiert werden. Anstatt dass die EHRC versucht, dies zu verhindern, drängt sie aktiv darauf, dass es geschieht."

Chiara Capraro, Direktorin des Programms für Geschlechtergerechtigkeit bei Amnesty International UK, warnte: "Dies ist eindeutig ein Notfall für Trans-Personen, aber die Pflichtverletzung der EHRC könnte sich auf andere marginalisierte Gruppen ausweiten. Zu einer Zeit, in der menschenrechtsfeindliche Kräfte in Großbritannien und weltweit zunehmen, können wir uns keine nationale Menschenrechtsinstitution leisten, die nicht zweckmäßig ist."

Die Entwicklung zeigt: Während Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz internationale Anerkennung für den Schutz von Trans-Rechten erhält, droht Großbritannien genau das Gegenteil – eine Herabstufung seiner wichtigsten Menschenrechtsbehörde wegen systematischer Diskriminierung. Die Entscheidung von GANHRI wird weitreichende Folgen haben, nicht nur für Trans-Personen in Großbritannien, sondern für Menschenrechtsstandards weltweit.


WĂĽrttemberg bleibt hart: Keine Trauung fĂĽr gleichgeschlechtliche Paare

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat sich erneut gegen die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare entschieden. Mit knapper Mehrheit – 56 Ja-Stimmen bei notwendigen 60 – scheiterte am Freitag der Gesetzesentwurf, der Segnungsgottesdienste künftig als "Trauungen" bezeichnen wollte. Es gab 31 Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen, sodass der Kompromiss aus dem Jahr 2019 bestehen bleibt, der lediglich Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare vorsieht – ohne die rechtliche und liturgische Gleichstellung mit der klassischen Trauung.

Eine konservative Ausnahme in Deutschland

Die Entscheidung macht Württemberg zu einer der letzten evangelischen Landeskirchen in Deutschland, die queeren Paaren die volle Gleichstellung verweigert. Bei der Mehrzahl der 20 evangelischen Landeskirchen sind gleichgeschlechtliche und heterosexuelle Paare inzwischen komplett gleichgestellt, darunter die Evangelische Kirche im Rheinland, Baden, Hannover, die Pfalz und Berlin-Brandenburg. Erst im April 2025 beschloss die bayerische Landeskirche nach jahrelangem Ringen die "Trauung für alle" – ein symbolischer Meilenstein für queere Christ*innen in Bayern.

Für viele queere Menschen in Württemberg ist das Abstimmungsergebnis eine schmerzhafte Enttäuschung. Synodale des liberalen Gesprächskreises "Offene Kirche" forderten die begriffliche Gleichstellung, um queere Paare endlich als gleichwertig anzuerkennen. Synodalpräsidentin Sabine Foth appellierte: "Als Christinnen und Christen haben wir ein gemeinsames Fundament. Lassen Sie uns das bei aller Enttäuschung nicht vergessen."

Der Kompromiss von 2019: Segen nur in ausgewählten Gemeinden

Laut dem Kompromiss von 2019 entscheiden Kirchengemeinden selbst, ob sie Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare anbieten wollen. Dafür müssen im Gemeinderat drei Viertel der Mitglieder und unter den Pfarrern einer Gemeinde ebenfalls drei Viertel zustimmen. Maximal ein Viertel aller württembergischen Kirchengemeinden dürfen solche Feiern anbieten. Aktuell bieten lediglich 147 der 1039 Kirchengemeinden in Württemberg Segnungsgottesdienste an – weit unter der erlaubten Quote.

Matthias Hanßmann vom theologisch konservativen Gesprächskreis "Lebendige Gemeinde" verteidigte den Status quo: "Wir haben uns bewegt, wir haben einen Kompromiss", sagte er. Doch für queere Paare bedeutet dieser "Kompromiss" weiterhin Ausgrenzung und die Botschaft, ihre Liebe sei nicht gleichwertig.

Ein Blick nach Deutschland und darĂĽber hinaus

Während Württemberg zögert, zeigen andere Landeskirchen, wie es anders geht. Die Evangelische Landeskirche in Baden war 2016 die erste, die die "Gleichwertigkeit gleichgeschlechtlicher Liebe, Sexualität und Partnerschaft" anerkannte und gleichgeschlechtliche Paare in einem öffentlichen Gottesdienst trauen lässt. In der Evangelischen Kirche im Rheinland ist seit 2016 die kirchliche Trauung für homo- und heterosexuelle Paare gleichermaßen möglich – auch für Menschen mit diversen Geschlechteridentitäten.

Eine aktuelle Studie des European Forum of LGBTI+ Christian Groups zeigt, dass die Evangelische Kirche in Deutschland mit 44 von 52 Punkten auf Platz sechs der queerfreundlichsten Kirchen in Europa liegt – ein deutliches Zeichen, dass die evangelische Kirche nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der gelebten Realität vielfach offen für queere Menschen geworden ist.

Warum diese Entscheidung schmerzt

Für queere Menschen in Württemberg bedeutet die Ablehnung mehr als nur einen bürokratischen Akt. Es geht um Anerkennung, um Würde, um das Gefühl, in der eigenen Kirche willkommen zu sein. Pfarrer Christoph Doll, der 2020 den ersten Segnungsgottesdienst für ein schwules Paar in Stuttgart hielt, sagte damals: "Ich bin sehr froh, dass ich künftig lesbische und schwule Ehepaare nicht mehr wegschicken muss. Für die bisher sehr hartherzige Linie der Landeskirche habe ich mich oft geschämt."

Die theologischen Argumente der Konservativen klingen für viele queere Christ*innen hohl. Aus evangelischer Sicht gibt es keinen theologischen Unterschied zwischen der Trauung eines heterosexuellen Paares und der Segnung eines homosexuellen Paares – bei beiden Feiern empfangen sie den gleichen Segen des einen Gottes, wie die bayerische Landeskirche betont. Warum dann die Unterscheidung?

Ausblick: Der Kampf geht weiter

Die Abstimmung zeigt, dass die württembergische Landeskirche tief gespalten ist. Die Synodalen des konservativen Gesprächskreises "Lebendige Gemeinde" hatten geschlossen gegen das Gesetz gestimmt oder sich enthalten, bei der zweiten Lesung wurde geheim abgestimmt. Mit nur vier fehlenden Stimmen zur notwendigen Zweidrittelmehrheit ist die Hoffnung auf Veränderung jedoch nicht verloren.

Die Kirche steht vor einer grundlegenden Frage: Will sie ein Ort sein, an dem alle Menschen – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung – gleichwertig willkommen sind? Oder bleibt sie eine Institution, die queeren Menschen sagt: "Ihr seid anders, ihr seid weniger"? Für die 147 Gemeinden, die bereits Segnungsgottesdienste anbieten, ist die Antwort klar. Für den Rest Württembergs bleibt der Kampf um Gleichberechtigung weitergehen.

Andere Landeskirchen wie die EKHN haben bereits ein Schuldbekenntnis gegenüber queeren Menschen ausgesprochen: "Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle haben in Gemeinden und Einrichtungen Diskriminierung erfahren", heißt es dort. "Die Kirche habe die Würde von Gottes Geschöpfen verletzt". Wann wird Württemberg diesem Beispiel folgen?


Brandenburg: Homophobie und Rassismus – Zwei Polizeianwärter vor Entlassung

An der Polizeihochschule Brandenburg in Oranienburg droht zwei Kommissaranwärtern wegen homofeindlicher, rassistischer und staatsfeindlicher Äußerungen die Entlassung. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das weit über Brandenburg hinausgeht: Diskriminierung und Extremismus in den Reihen der Polizei, wie die Originalquelle auf queer.de berichtet.

Die Vorwürfe: Volksverhetzung während der Ausbildung

Die beiden 21-jährigen Anwärter im Vorbereitungsdienst für den gehobenen Polizeivollzugsdienst sollen sich in Lehrveranstaltungen abfällig über dunkelhäutige Menschen, homosexuelle Personen und den Verfassungsschutz geäußert haben. Mitschüler*innen protokollierten die Vorfälle. Im Juli 2024 leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts der Volksverhetzung ein, im August wurde das Entlassungsverfahren eingeleitet. Die Anhörungen dauern derzeit noch an.

Zunächst wurden die beiden Auszubildenden suspendiert, doch das Dienstverbot erlosch am 24. Juli wieder, da sich die Ermittlungen als aufwendiger als erwartet herausstellten. Was als Disziplinarverfahren begann, ist mittlerweile zu einem Entlassungsverfahren eskaliert.

Kein Einzelfall: Brandenburg kämpft mit Rechtsextremismus

Der aktuelle Fall reiht sich in eine besorgniserregende Serie ähnlicher Vorfälle ein. 2024 dokumentierte die Opferperspektive Brandenburg insgesamt 273 rechte, rassistische und antisemitische Gewalttaten im Land, wobei Rassismus mit 130 erfassten Angriffen das häufigste Tatmotiv blieb. Auch innerhalb der Polizei gab es in der Vergangenheit bereits Ermittlungen: 2022 wegen Fotos mit SS-Uniformen, 2019 wegen eines Bildes mit rechtsextremem Schriftzug.

Laut Verfassungsschutzbericht 2024 ist das rechtsextremistische Personenpotenzial in Brandenburg auf 3.650 Personen gestiegen, wobei rund 40 Prozent als „gewaltorientiert" gelten. Mehr als die Hälfte aller politisch motivierten Straftaten in Brandenburg stammen aus dem rechten Spektrum.

Homophobie in der Polizei: Ein deutschlandweites Problem

Die homofeindlichen Äußerungen der Brandenburger Anwärter sind symptomatisch für ein tieferliegendes Problem. Eine Studie zu LSBT*-Polizist*innen zeigte, dass fast alle interviewten LGBT*-Polizist*innen von Exklusionserfahrungen am Arbeitsplatz berichteten – von der Verweigerung der Schichtübernahme mit schwulen Kollegen bis zu sexistischen Äußerungen.

Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes kam zum Ergebnis: „Trotz der zunehmenden Akzeptanz von LSBTIQ-Personen in vielen Gesellschaften sind Homophobie und homophobe Einstellungen unter Polizeibeamt*innen international immer noch ein Problem." In nahezu allen Bereichen der polizeilichen Arbeit besteht das Risiko von Diskriminierungen.

Ein Berliner Kriminalhauptkommissar berichtete in seinem Buch, dass Ausdrücke wie „Homo" und „Schwuchtel" in der Polizei „keine Einzelerscheinungen" seien. Die Vereinigung lesbischer und schwuler Polizeibediensteter (VelsPol) kämpft seit Jahren gegen diese Strukturen.

Queerfeindliche Gewalt nimmt zu

Im Jahr 2023 wurden bundesweit 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ*-Personen erfasst – ein Anstieg gegenüber 1.188 Fällen im Jahr 2022. Die Zahl der Straftaten in den Bereichen „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht.

In Brandenburg wurden queerfeindliche Attacken rund um CSDs als Teil rechter Gewaltstrategien dokumentiert, mit denen Täter*innen das Ziel verfolgen, Menschen einzuschüchtern und in ihren Handlungsspielräumen einzuschränken. Laut einer EU-Studie zeigten 96 Prozent der LSBTIQ*-Personen Hate Speech nicht an, 23 Prozent hatten Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen der Polizei.

Was muss sich ändern?

Expert*innen fordern mehr Sensibilisierung der Polizeikräfte für das Thema Diskriminierung, entsprechende Schulungen sowie den Ausbau von Beschwerde- und Ombudsstellen. Zudem sollten Diskriminierungsvorfälle verpflichtend erfasst werden.

Grit Merker, Ansprechperson für LSBTTI bei der Polizei Sachsen-Anhalt, betonte: „Wir müssen empathischer werden und handeln." Sie bietet Aus- und Fortbildungsschulungen an, fordert aber, dass diese regelmäßiger stattfinden sollten, „so wie Erste-Hilfe-Schulungen".

Der Brandenburger Fall zeigt: Die Polizei muss nicht nur gegen Diskriminierung in der Gesellschaft vorgehen, sondern auch in den eigenen Reihen aufräumen. Nur so kann sie das Vertrauen aller Menschen gewinnen – unabhängig von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder Herkunft. Die beiden Kommissaranwärter in Oranienburg hätten niemals die Chance bekommen dürfen, mit solchen Einstellungen Menschen zu schützen, die sie offensichtlich verachten.


Historisches Urteil in Minnesota: Trans-Gewichtheberin JayCee Cooper gewinnt gegen Diskriminierung im Sport

In einem wegweisenden Urteil hat der Oberste Gerichtshof von Minnesota entschieden, dass die Richtlinie von USA Powerlifting, die JayCee Cooper vom Wettbewerb in der Frauenklasse ausschließt, "offensichtlich diskriminierend" ist – eine Entscheidung, die weit über die Grenzen des US-Bundesstaates hinaus Beachtung findet. Das Urteil vom 22. Oktober 2025 könnte auch in Deutschland neue Impulse für die Debatte um Trans-Athletinnen im Sport setzen.

Ein siebenjähriger Kampf für Gleichberechtigung

USA Powerlifting lehnte Coopers Antrag 2018 ab, in der Frauenklasse anzutreten. Was folgte, war ein langwieriger juristischer Kampf: Cooper reichte 2021 Klage ein, und das erstinstanzliche Gericht entschied zu ihren Gunsten. Doch der Weg war damit noch nicht zu Ende – das Berufungsgericht wies den Fall an die untere Instanz zurück, bevor er schließlich vor dem höchsten Gericht des Bundesstaates landete.

Das Gericht stützte seine Entscheidung auf den Minnesota Human Rights Act, der trans Personen vor Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung schützt. Minnesota war 1993 der erste US-Bundesstaat, der ein Antidiskriminierungsgesetz verabschiedete, das ausdrücklich die Diskriminierung von trans Personen verbietet – bereits Minneapolis hatte dies 1975 als erste Stadt getan.

Ein differenziertes Urteil mit Signalwirkung

Trotz des grundsätzlichen Erfolgs für Cooper ist das Urteil nicht eindimensional: Die Richter verwiesen darauf, dass das Gesetz eine Ausnahme für "legitime geschäftliche Zwecke" vorsieht, und sagten, es gebe eine "echte Streitfrage", ob "die Gewährleistung fairer Wettbewerbsbedingungen im Sport" diesem Test entspricht. Ein Teil des Falles wurde daher an das ursprüngliche Gericht zurückverwiesen.

Dennoch bewerten Coopers Anwältinnen das Urteil als vollständigen Sieg. Cooper gewann bei der Klage wegen Diskriminierung gemäß der Bestimmungen über öffentliche Einrichtungen – "wir haben bei der öffentlichen Unterkunft gewonnen", betonte Jess Braverman von Gender Justice. Die Gruppe erklärte auch, dass das Urteil weiter geht und alle trans Personen in Minnesota vor Diskriminierung schützen wird.

Parallelen zur Situation in Deutschland

Die Debatte um trans Athletinnen im Sport ist auch in Deutschland hochaktuell. Im Juni 2022 verabschiedete der Deutsche Fußball-Bund (DFB) eine Neuregelung zum Spielrecht für trans, inter und nicht-binäre Spieler*innen im Amateurfußball, die zur Spielzeit 2022/2023 in Kraft trat. Der LSVD begrüßte, dass der DFB als einer der wichtigsten Sportverbände in Deutschland sein Spielrecht geöffnet hat und die geschlechtliche Selbstbestimmung im deutschen Amateurfußball gestärkt wird.

Rechtlich sind trans Personen in Deutschland durch mehrere Gesetze geschützt: Nach § 1 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) sollen Benachteiligungen aus Gründen des Geschlechts und der sexuellen Identität verhindert oder beseitigt werden. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes empfiehlt, bei Sportwettbewerben zunächst zu prüfen, ob eine Geschlechtertrennung überhaupt notwendig ist – handelt es sich um einen Wettbewerb, bei dem die Leistung im Vordergrund steht, oder um eine Veranstaltung im Breitensport, bei denen das gemeinsame Erlebnis und der Spaß im Vordergrund stehen?

Internationale Aufmerksamkeit und Kontroverse

Das intensive Interesse an dem Fall in Minnesota zeigt sich daran, dass zahlreiche Athletinnen und Organisationen beider Seiten Stellungnahmen als Freunde des Gerichts einreichten, darunter die ehemalige Tennis-Championin Martina Navratilova, die Teil einer Gruppe von 83 weiblichen Athletinnen war, die die Position von USA Powerlifting unterstĂĽtzten.

Die Richter ordneten an, dass das erstinstanzliche Gericht nun prüfen muss, ob USA Powerlifting eine Verteidigung hat, basierend auf der Behauptung, "dass faire Wettkampfmöglichkeiten für ähnlich gestellte Athletinnen ein legitimer geschäftlicher Grund sind, dass ihre Interpretation von Fairplay auf einzigartigen Erwägungen des Gewichthebens basiert", und auf Beweisen, die nach Angaben der Gruppe zeigen, dass trans Gewichtheberinnen Kraftvorteile genießen.

Was bedeutet das Urteil fĂĽr die Zukunft?

Da die rechtlichen Argumente weitgehend darauf basierten, wie die Gerichte das Gesetz von Minnesota interpretieren sollten, schafft die Entscheidung keinen bindenden Präzedenzfall für andere Bundesstaaten – Gerichte anderswo, die mit ähnlichen Fragen konfrontiert sind, könnten sich jedoch dafür entscheiden, sich auf die rechtliche Begründung zu stützen.

Auf die Frage, ob Cooper plane, weiterhin bei USA Powerlifting anzutreten, hielt sich Braverman zurĂĽck und verwies darauf, dass sieben Jahre vergangen seien, seit Cooper zuletzt versucht habe, in der Organisation zu wetteifern: "Wir mĂĽssen das mit ihr besprechen".

Das Urteil aus Minnesota zeigt: Der Kampf um Gleichberechtigung im Sport ist noch lange nicht entschieden. Doch es sendet ein klares Signal, dass Diskriminierung – egal wie sie begründet wird – vor Gericht Bestand haben muss. Für trans Athletinnen weltweit ist das ein wichtiger Schritt in Richtung Anerkennung und Teilhabe.


CDU-Justizministerinnen instrumentalisieren rechtsextremen Fall Liebich: Angriff auf trans Rechte und Selbstbestimmung

Drei CDU-Justizministerinnen nutzen den Fall eines rechtsextremen Straftäters, um gegen das Selbstbestimmungsgesetz Stimmung zu machen. Constanze Geiert (Sachsen), Franziska Weidinger (Sachsen-Anhalt) und Beate Meißner (Thüringen) fordern von der Bundesregierung eine "Prüfung und Überarbeitung" des erst seit November 2024 geltenden Gesetzes. Der Vorwand: Der rechtsextreme Straftäter Marla Svenja Liebich, der seinen Geschlechtseintrag Anfang des Jahres ändern ließ, ist nach wie vor flüchtig.

Ein vorgeschobenes Argument

Die Argumentation der Ministerinnen ist so durchsichtig wie fadenscheinig: Das am 12. April 2024 vom Bundestag verabschiedete Selbstbestimmungsgesetz erlaubt trans, inter und nichtbinären Menschen, ihren Geschlechtseintrag und den Vornamen durch ein auf der Selbstbestimmung basierendes Verwaltungsverfahren beim Standesamt ändern zu lassen. Liebich, der wegen Volksverhetzung, übler Nachrede und Beleidigung zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt wurde, nutzte diese Möglichkeit offenbar, um die deutsche Justiz vorzuführen. Doch unklar bleibt, wie die Ministerinnen erklären wollen, warum eine gesuchte Person mit einem anderen Geschlechtseintrag besser auffindbar sein sollte.

Justizministerin Geiert behauptet, dass Menschen ihren Personenstand ohne Prüfung ändern können, sei in ihrem Bundesland eine "erhebliche Belastung". Sie fordert, dass "Personal mit spezieller Sachkunde in besonderen Fällen" entscheiden solle. Damit würde Deutschland jedoch genau zu jenen entwürdigenden Verfahren zurückkehren, die das Bundesverfassungsgericht in zahlreichen Entscheidungen als verfassungswidrig erklärt hat, weil sie massiv gegen die Grundrechte von trans Personen verstoßen.

Die Realität im Justizvollzug

Was die CDU-Ministerinnen verschweigen: Die Unterbringung in Justizvollzugsanstalten richtet sich nicht automatisch nach dem geänderten Geschlechtseintrag. Wie Legal Tribune Online berichtet, wird vom Grundsatz der getrennten Unterbringung im Einzelfall unter Berücksichtigung der Persönlichkeit und der Bedürfnisse der Gefangenen, der Erreichung des Vollzugsziels und der Sicherheit oder Ordnung der Anstalt abgewichen. Die endgültige Entscheidung liegt bei der jeweiligen Justizvollzugsanstalt, die in einem Aufnahmegespräch prüft, ob eine Gefahr für "Sicherheit und Ordnung" besteht. Eine Verlegung wäre problemlos möglich.

Dass die drei Ministerinnen von einer "einstelligen Zahl" von Fällen in Sachsen-Anhalt sprechen, in denen Menschen nach Änderung des Geschlechtseintrags die Unterbringung in einem Frauengefängnis beantragt haben, zeigt: Es handelt sich um eine verschwindend geringe Zahl. Ein Bericht aus dem Jahr 2022, der bestehende Selbstbestimmungsmodelle in verschiedenen Ländern untersucht hat, zeigt, dass kein Fall einer Änderung des Geschlechtseintrags aus betrügerischen oder kriminellen Absichten bekannt geworden ist.

Ein historischer Fortschritt unter Beschuss

Mehr als 40 Jahre lang wurden Betroffene durch das Transsexuellengesetz diskriminiert. Mit dem Selbstbestimmungsgesetz ist endlich Schluss damit, erklärte Bundesgleichstellungsministerin Lisa Paus bei der Verabschiedung. Kein Mensch sollte langwierige Gerichtsverfahren und psychiatrische Gutachten über sich ergehen lassen müssen, nur um seinen Geschlechtseintrag ändern zu können.

Das alte Transsexuellengesetz von 1980 verlangte zwei Gutachten, eine mindestens dreijährige Lebensphase im gewünschten Geschlecht und setzte für die Änderung des Geschlechtseintrags vorherige Sterilisierung, geschlechtsangleichende Operation und, falls verheiratet, Scheidung voraus. Diese menschenverachtenden Bedingungen wurden vom Bundesverfassungsgericht Stück für Stück als verfassungswidrig kassiert – dennoch blieb das Gesetz jahrzehntelang in Kraft.

Politisches KalkĂĽl statt Sachpolitik

Die SPD machte bereits im Bundestag deutlich, dass sie "dieses Gesetz mit aller Kraft" verteidigen werde. Queere Organisationen wie der LSVD warnen davor, in die Zeit von "Fremdbestimmung oder Misstrauen" zurückzukehren. Der LSVD kritisierte im gesamten Prozess, dass sich sowohl in die Gesetzesbegründung als auch in einzelne Regelungen diskriminierende und misstrauische Haltungen insbesondere gegenüber trans Frauen wiederfinden, die wahrscheinlich auf die massive Desinformations- und Dämonisierungskampagne zurückzuführen sind.

Dass die drei Ministerinnen auch gleich das Cannabisgesetz auf den PrĂĽfstand stellen wollen, entlarvt ihre wahren Motive: Es geht nicht um Sachpolitik oder berechtigte Sicherheitsbedenken, sondern um parteipolitisches KalkĂĽl gegen vermeintlich progressive Gesetze der ehemaligen Ampel-Regierung. Die Union will laut ihrem Wahlprogramm das gerade einmal sechs Wochen alte Selbstbestimmungsgesetz wieder abschaffen, begrĂĽndet mit dem Kinder- und Jugendschutz.

Deutschland im internationalen Vergleich

In Ländern wie Argentinien, Belgien, Dänemark, Irland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Portugal, Spanien und Uruguay gibt es einfache Verwaltungsverfahren zur rechtlichen Anerkennung des Geschlechts auf Grundlage der Selbstbestimmung. Die Tendenz zu solchen unkomplizierten Verwaltungsverfahren spiegelt den internationalen medizinischen Konsens und die Menschenrechtsstandards wider. Deutschland hat mit dem Selbstbestimmungsgesetz lediglich einen längst überfälligen Schritt vollzogen.

Die instrumentalisierung des Falls Liebich durch die drei CDU-Ministerinnen ist nicht nur zynisch, sondern gefährlich. Sie schürt Vorurteile gegen eine vulnerable Minderheit und untergräbt ein Gesetz, das Menschenrechte schützt und Würde wiederherstellt. Trans, inter und nichtbinäre Menschen verdienen Selbstbestimmung – nicht erneute Stigmatisierung durch politische Stimmungsmache.


Klare Kante statt Wahlkampf: CSD Weimar verbietet Parteien

Der CSD Weimar geht einen mutigen Schritt: Beim diesjährigen Christopher Street Day am Samstag dürfen politische Parteien nicht mehr als Aussteller oder mit eigenen Ständen teilnehmen. Das Organisationsteam begründet den Ausschluss damit, dass sich manche Parteien zwar auf CSDs als Unterstützerinnen der queeren Community darstellten, ohne dies später durch konsequentes Handeln zu belegen. "Der CSD ist kein Ort für Symbolpolitik, sondern für echtes Engagement", heißt es in der Erklärung.

Von Regenbogenflaggen zu echten Taten

Die Entscheidung der Weimarer Organisator*innen ist keine Einzelerscheinung mehr in Deutschland. Der Bochumer CSD schließt bereits seit seiner Wiederbelebung 2019 "Werbung von politischen Parteien" aus, und auch der CSD Kassel hat beschlossen, dass klassischen politischen Parteien keine Sonderstellung mehr gewährt werden soll. Die Debatte ist aktueller denn je: Während der CSD Bremen die FDP in diesem Jahr ausschloss, weil der Parteichef vor "Gender-Unsinn" an Schulen gewarnt hatte, durfte die CSU in München 2023 und 2024 nicht mitfahren, unter anderem weil die Partei ein Verbot von Dragqueen-Auftritten gefordert hatte.

Der Weimarer CSD findet unter dem Motto "Nie wieder still – jetzt erst recht!" statt – eine unmissverständliche Ansage in Zeiten, in denen 2024 Rechtsextreme 32 angemeldete Kundgebungen gegen CSDs in Deutschland organisierten und für die kommende Saison sogar mit mehr Gewalt gerechnet werden muss, nicht nur in Ostdeutschland. Die Demo beginnt am Samstag um 13 Uhr vor dem Weimarer Hauptbahnhof, gefolgt von einem Straßenfest und einer Aftershowparty mit Dragshow.

Symbolpolitik versus echte UnterstĂĽtzung

Die Kritik am "Pinkwashing" – also der oberflächlichen Zurschaustellung von LGBTQ+-Freundlichkeit ohne entsprechende Taten – wird in der queeren Community immer lauter. Politische Parteien brüsten sich auf dem CSD gerne mit queerfreundlichen Forderungen und Reformen, um Stimmen zu gewinnen, machen jedoch in der Regierung eine Politik gegen große Teile der Community. Ein Blick nach Deutschland zeigt: Wann immer es um queere Rechte ging, stand die Union bisher auf der Bremse. Eine CDU/CSU-geführte Regierung hat nie proaktiv aus eigenem Antrieb queere Rechte gestärkt. Jeder Fortschritt musste erkämpft, erstritten oder vom Bundesverfassungsgericht erzwungen werden.

Sophie Koch, Queerbeauftragte der Bundesregierung, setzt zwar auf leise Diplomatie statt auf laute Symbolpolitik, wartet aber seit Juli auf ein Gespräch mit Kanzler Merz. Die Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und tatsächlichem politischem Handeln könnte kaum größer sein. Die Versprechen der Koalitionen, Deutschland sicherer für queere, trans, inter und nichtbinäre Personen zu machen, müssen sich in konkreten politischen Entscheidungen widerspiegeln – es reicht nicht, bei Symbolpolitik wie dem Hissen der Regenbogenfahne oder einem Besuch des CSD stehenzubleiben.

Eine Debatte mit zwei Seiten

Nicht alle in der Community teilen die Kritik am Parteienverbot. Einige argumentieren, dass Pride-Demos die Vielfalt des queeren gesellschaftlichen Lebens abbilden sollten – dazu gehörten auch die demokratischen Parteien, und ein Ausschluss verhindere notwendige Diskussionen und schade dem Fortschritt. Die Gegenposition ist jedoch eindeutig: Kritische Stimmen argumentieren, es gehe lediglich um Symbolpolitik, die konkrete Verbesserungen im Alltag queerer Menschen nicht ersetzen könne.

Der CSD Weimar fordert von der Politik klare Taten: "Wir fordern, dass Unterstützung nicht durch Logos und Stände, sondern durch konkrete politische Maßnahmen gezeigt wird." In einer Zeit, in der 2024 in Deutschland 1.765 Straftaten gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst wurden, rund 250 davon Gewalttaten, ist diese Forderung mehr als berechtigt.

ThĂĽringen im Fokus

Gerade in Thüringen, wo politische Spannungen besonders deutlich werden, ist der Ausschluss von Parteien beim CSD ein starkes Statement. Die queere Community in Thüringen kämpft nicht nur um Sichtbarkeit, sondern zunehmend auch um grundlegende Sicherheit. Der Weimarer CSD sendet damit ein klares Signal: Queere Rechte sind nicht verhandelbar, und wer sie auf der Straße unterstützen will, muss sie auch im Parlament verteidigen.

Die Veranstalter*innen appellieren an alle: "Komm vorbei und setze mit uns ein starkes Zeichen für Akzeptanz, Respekt und Solidarität in unserer Stadt. Gemeinsam zeigen wir: Wir sind viele, wir sind stolz und wir sind hier, um gesehen zu werden." Eine Botschaft, die gerade in der klassischen Kulturstadt Weimar – mit ihrer wechselvollen Geschichte von Aufklärung und Dunkelheit – besondere Bedeutung hat.


Japans erste Premierministerin – Ein historisches Amt, doch kein Fortschritt für LGBTQ+-Rechte

Japan hat einen historischen Moment erlebt: Sanae Takaichi wurde vom Parlament in Tokio zur ersten Premierministerin Japans gewählt, wie Pink News berichtet. Doch für die LGBTQ+-Community des Landes bedeutet diese Premiere keinen Grund zum Feiern. In der Vergangenheit sprach Takaichi sich zum Beispiel gegen gleichgeschlechtliche Ehen aus, und ihre ultrakonservativen Positionen deuten auf schwierige Zeiten für queere Menschen in Japan hin.

Konservativ und gegen Gleichberechtigung

Nach mehr als 30 Jahren in der Politik hat sie es geschafft: Sanae Takaichi ist Japans erste Premierministerin, die vor allem für ihre ultrakonservative Haltung bekannt ist. Die 64-Jährige, die sich gerne als Japans "Eiserne Lady" bezeichnet und eine bekennende Bewunderin der britischen „Eisernen Lady" Margaret Thatcher ist – auch unter ihr hatten britische Homosexuelle in den 1980er Jahren nichts zu lachen, macht keinen Hehl aus ihren Ansichten: Die 64-Jährige ist strikte Gegnerin der Ehe für homosexuelle Paare.

Während Takaichi 2023 bei Diskussionen um Japans LGBT-Verständnisgesetz erklärte, es solle keine Vorurteile gegen sexuelle Orientierung geben, beschrieb sie die gleichgeschlechtliche Ehe an anderer Stelle als "sehr schwieriges Problem". Ihre gesellschaftspolitischen Positionen reichen weit: Sie sieht feministische Reformen, Gleichstellungspolitik oder anderweitige Rechte für Frauen kritisch. Außerdem hält sie auch an der männlichen Thronfolge fest.

Japan als letztes G7-Land ohne Eheöffnung

Die Situation für LGBTQ+-Menschen in Japan ist paradox. Japan ist das einzige G7-Land, in dem gleichgeschlechtliche Paare nicht heiraten dürfen – geht es nach Takaichi, bleibt das auch so. Dabei zeigen Umfragen ein anderes Bild: Eine Umfrage von 2023 zeigt, dass 72 Prozent der Befragten für eine Änderung des Gesetzes sind.

Aktuell ist Japan das einzige Land der G7, das die gleichgeschlechtliche Ehe noch nicht anerkannt hat. Mehrere Gerichte haben das Verbot inzwischen als verfassungswidrig eingestuft – ein japanisches Obergericht entschied, dass die fehlende rechtliche Anerkennung gegen die Verfassung verstößt. Das Gericht begründet dies damit, dass das Verbot gegen das in der Verfassung verankerte Recht auf Gleichheit verstößt. Doch die Gerichte können das Gesetz nicht eigenständig ändern. Obwohl die Regierung aufgefordert wird, das Recht auf Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu gewährleisten, kann dies vorerst weiterhin verwehrt bleiben.

Parallelen zu Deutschland – und große Unterschiede

Während Deutschland 2017 die "Ehe für alle" einführte, warten LGBTQ+-Menschen in Japan weiter auf rechtliche Anerkennung. Interessanterweise hat Homosexualität in Japan historisch eine erstaunlich liberale Geschichte: Obwohl Japan das letzte G7-Land ist, das gleichgeschlechtliche Ehen noch nicht anerkennt, zählt die Auffassung von Sexualitäten in Japan zu den liberalsten der Welt. Es gab Zeiten in Japan, in denen Liebe zwischen Männern als "reiner" zählte als die in heterosexuelle Beziehungen. Das liegt daran, dass Sexualität in Japan ohne Moral bewertet wird. Sex ist hier keine "Sünde", da es dieses Prinzip im Shintoismus, der vorherrschenden Religion, nicht gibt. Aus diesem Grund waren nicht-heterosexuelle Beziehungen schon immer anerkannt.

Doch während in Deutschland queere Menschen umfassenden rechtlichen Schutz genießen, sind "Konversionstherapien" in Japan noch immer legal, auch nichtbinäre Menschen sind rechtlich nicht anerkannt. Das im Juni 2023 in Kraft getretene „Gesetz zur Förderung des öffentlichen Verständnisses von Vielfalt in Bezug auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität" verpflichtet die Regierung einen Basisplan zu formulieren, der Maßnahmen enthalten soll, die das öffentliche Verständnis für Homosexualität verbessern. Human Rights Watch kritisiert, dass es sich bei dem Gesetz um eine reine Absichtserklärung handle und keinen Schutz vor Diskriminierung biete. Daher fordert die Menschenrechtsorganisation die Einführung eines tatsächlichen Antidiskriminierungsgesetzes.

Politischer Stillstand befĂĽrchtet

Takaichi regiert jetzt an der Spitze einer Minderheitsregierung und ist auf Partnerschaften mit anderen Parteien angewiesen, darunter auch zwei rechtspopulistische Parteien. Ihre neue Koalition mit der rechtsgerichteten Ishin-Partei lässt wenig Hoffnung auf Fortschritte bei LGBTQ+-Rechten. Mit Ishibas Rücktritt ist der grundsätzliche Beschluss, die Verfassung zu ändern und die Ehe für Homosexuelle zu öffnen, höchstwahrscheinlich in weite Ferne gerückt.

Der LGBTIQ+-Community droht politischer Stillstand, so die Einschätzung vieler Beobachter. Als Schützling des ermordeten ehemaligen Premierministers Shinzo Abe wird erwartet, dass Takaichi dessen Politik nacheifern und Militär und die Wirtschaft stärken sowie die pazifistische Verfassung Japans überarbeiten wird.

Die Community gibt nicht auf

Trotz der düsteren Aussichten kämpft Japans LGBTQ+-Community weiter. Zehntausende feierten das 30. Jubiläum des Tokyo Rainbow Pride unter dem Motto "Nicht aufgeben, Japan verändern". "Wir wollen eine Gesellschaft verwirklichen, in der alle Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität, ihr Leben auf ihre eigene Weise leben können, ohne Diskriminierung oder Vorurteilen ausgesetzt zu sein", erklärten die Organisator*innen.

Sanae Takaichis Ernennung zur Premierministerin ist zwar ein historischer Moment für Japan – doch für die LGBTQ+-Community bedeutet er einen herben Rückschlag. Mit einer Regierungschefin, die fundamental gegen die Ehe für alle ist und konservative Geschlechterrollen vertritt, rückt die rechtliche Gleichstellung in weite Ferne. Während Deutschland und andere europäische Länder längst vorangeschritten sind, bleibt Japan das Schlusslicht unter den großen Industrienationen – und das wird sich unter Takaichi wohl kaum ändern.


Nürnberger Jugendtrainer setzt Homosexuelle mit Rassisten gleich – Ein weiterer Fall von Homophobie im deutschen Fußball

Der deutsche Fußball hat erneut ein Homophobie-Problem: Enrico Valentini, ehemaliger Kapitän und heute U14-Trainer des 1. FC Nürnberg, hat in einem Podcast homosexuelle Menschen mit Rassisten verglichen und seine Ablehnung von Homosexualität öffentlich gemacht. Der 36-jährige evangelikale Christ erklärte im Club-Podcast "Ka Depp", dass er Homosexualität aufgrund seines Glaubens für "falsch" halte – eine Aussage, die in der queeren Community und darüber hinaus für Empörung sorgt.

Der problematische Vergleich und seine Bedeutung

Die Äußerungen von Valentini im Podcast waren problematisch zu Homosexualität, insbesondere sein direkter Vergleich: "Wenn der [Homosexuelle] sich jetzt beleidigt fühlt dafür, dass ich das nicht für gut heiße, was er tut, das ist genauso, wenn ich einem Rassisten sage: 'Hey, das, was du machst, ist falsch.' Das ist genau dieselbe Geschichte." Dieser Vergleich stellt eine sexuelle Orientierung, die ein unveränderlicher Teil der Identität eines Menschen ist, auf eine Stufe mit rassistischem Verhalten – eine Gleichsetzung, die viele Expert*innen als zutiefst diskriminierend bewerten.

Die Haltung wirkt schwierig vereinbar mit dem weltoffenen und toleranten Selbstverständnis des Vereins, zumal Valentini über viele Jahre Kapitän des 1. FC Nürnberg war und heute als U14-Trainer eine prägende Rolle im Nachwuchsbereich spielt. Seine Position als Trainer von bis zu 14-jährigen Nachwuchsspielern macht seine Äußerungen besonders problematisch, da er direkten Einfluss auf die Entwicklung junger Menschen hat.

Halbherzige Entschuldigung und Vereinsposition

Auf Anfrage der Nürnberger Nachrichten bot Valentini eine vage Entschuldigung an: "Wenn ich mit meinen davon geprägten Aussagen, vor allem in der Art und Weise, wie ich sie formuliert habe, jemanden verletzt habe oder sich jemand dadurch angegriffen gefühlt hat, möchte ich hiermit um Entschuldigung bitten." Diese Form der Entschuldigung, die sich auf die Formulierung und nicht auf den Inhalt bezieht, wird oft als unzureichend kritisiert.

Der Verein betonte, dass der FCN ein klares Leitbild und klare Werte hat und in seiner Satzung einen Wertekompass definiert, "der vorsieht, dass alle Menschen gleich behandelt werden". Dennoch stellte sich der Club hinter seinen Trainer und beschrieb ihn als "offenen und toleranten Menschen". Inwiefern die im Podcast getätigten Aussagen von Enrico Valentini mit den Werten des 1. FC Nürnbergs in Einklang gebracht werden können, ließ der Verein unbeantwortet.

Ein systemisches Problem im deutschen FuĂźball

Valentinis Äußerungen reihen sich ein in eine besorgniserregende Serie homophober Vorfälle im deutschen Fußball. In Deutschland hat sich bislang noch kein aktiver Fußballprofi als homosexuell geoutet, obwohl statistische Wahrscheinlichkeit und Insiderberichte nahelegen, dass es homosexuelle Spieler in allen Proficlubs gibt. 46 Prozent der sehr an Fußball interessierten Menschen in Deutschland sehen Homophobie im Profifußball als ernsthaftes Problem an.

Besonders bedenklich: 16 % der aktiven Sportler*innen haben in den letzten 12 Monaten persönliche negative Erfahrungen im Sport aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität gemacht, das gilt insbesondere für trans* Personen (40 %). Überdurchschnittlich viele der queeren Jugendlichen nehmen nicht am Vereinssport teil – aus Angst vor Diskriminierung.

Zwischen Glauben und Diskriminierung

Valentini ist nicht der erste FuĂźballer, der sich auf seinen christlichen Glauben beruft, um homophobe Ansichten zu rechtfertigen. 2023 teilte der BVB-Spieler Felix Nmecha ein transfeindliches Video eines amerikanischen Rechtsextremisten und verwies ebenfalls auf seinen christlichen Glauben. Im Juli 2024 likte der frĂĽhere deutsche Nationaltorwart Bernd Leno ein KI-Video, in dem ein Autoattentat auf CSD-Besucher*innen verĂĽbt wird.

Ironischerweise hatte Valentini selbst 2020 eine ganz andere Position vertreten: In einem Appell zur Unterstützung homosexueller Profis wurde er wie folgt zitiert: "Dass Homosexualität im Fußball oder allgemein im Sport überhaupt thematisiert werden muss, zeigt aber, dass vieles nur leere Worthülsen sind."

Was muss sich ändern?

Expert*innen fordern seit Jahren konkrete Maßnahmen. Laut einer Studie der Sporthochschule Köln halten 96% der Befragten Homosexuellen- und Trans*feindlichkeit für ein großes Problem in Sportvereinen. Wie wichtig es sei, auch auf die Sprache und den Umgang in Vereinen und auf dem Platz zu achten, betonen Fachleute, denn durch die Sprache werden oft auch Werte und eben auch Anfeindungen transportiert.

Besonders problematisch ist Valentinis Rolle als Jugendtrainer: Nur wenige Trainer*innen haben das Thema auf dem Schirm, da es in Aus- und Weiterbildungen oftmals fehlt. Das muss sich dringend ändern. Vereine sollten explizite Ansprechpersonen für LSBTIQ* schaffen und ihre Satzungen klar gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität aussprechen.

Der Fall Valentini zeigt einmal mehr: Der deutsche Fußball hat bei der Akzeptanz sexueller Vielfalt noch einen weiten Weg vor sich. Während im Frauenfußball viele Spielerinnen offen lesbisch leben, bleibt Homosexualität im Männerfußball ein Tabu – mit realen Konsequenzen für betroffene Spieler, Trainer und vor allem für junge Menschen, die in diesem Umfeld aufwachsen und sich an Vorbildern orientieren.


USA verbieten dritten Geschlechtseintrag beim Fliegen – was bedeutet das für Deutschland?

Eine neue Richtlinie aus den USA sorgt für Verunsicherung bei nichtbinären und trans Menschen weltweit: Fluglinien sind in den Vereinigten Staaten laut einem Bericht der "New York Times" ab sofort gezwungen, bei internationalen Flügen nur noch die Geschlechtseinträge "weiblich" und "männlich" zu akzeptieren (queer.de). Die Maßnahme ist Teil der umfassenden Anti-Trans-Politik der Trump-Regierung und hat direkte Auswirkungen auf Reisende aus aller Welt – auch aus Deutschland.

Was genau hat sich geändert?

Fluggesellschaften müssen bei der Meldung ihrer Fluggäste an die US-Grenzschutzbehörde CBP nun den Geschlechtseintrag F (weiblich) oder M (männlich) auswählen. Reisepässe, die Einträge wie "X" für intergeschlechtliche oder nichtbinäre Menschen enthalten, sind zwar weiterhin gültig. Allerdings müssen sich die Reisenden entscheiden, ob sie als männlich oder weiblich registriert werden wollten. Noch problematischer: Wenn im Reisepass kein Geschlechtseintrag steht oder ein X angegeben ist, sollen die Fluggesellschaften selber entscheiden, welches Geschlecht sie eintragen.

Eigentlich gilt diese Regelung schon seit dem 14. Juli, Fluggesellschaften hatten aber 90 Tage Zeit, um die Anordnung umzusetzen. Seit letzter Woche gibt es nun keine Ausnahmen mehr. Die Maßnahme ist eine direkte Folge von Trumps Dekret vom Januar 2025, das die Anerkennung von Geschlechtern in den USA auf „männlich" und „weiblich" beschränkt.

Auswirkungen fĂĽr deutsche Reisende

Deutschland gehört zu den Ländern, die seit 2018 einen dritten Geschlechtseintrag anerkennen. Neben den Geschlechtseintragungen „männlich" und „weiblich" gibt es auch – als so genannte „dritte Option" – den Eintrag „divers". Außerdem kann der Eintrag offen gelassen werden. Im deutschen Reisepass wird für eine Person, die weder männlich ("M") noch weiblich ("F") ist, in der visuell lesbaren Zone ein "X" eingetragen.

Das Auswärtige Amt warnt bereits seit längerem vor Schwierigkeiten. Auf der AA-Webseite zu US-Reisehinweisen heißt es: "Aufgrund einer Executive Order vom 20. Januar 2025 müssen Einreisende in die USA in Zukunft bei ESTA- oder Visumanträgen entweder das Geschlecht 'männlich' oder 'weiblich' angeben; relevant ist hierbei der Geschlechtseintrag der antragstellenden Person zum Zeitpunkt der Geburt". Betroffene Personen sollen einen Auszug aus dem Geburtenregister oder ihre Geburtsurkunde auf ihre USA-Reise mitnehmen, schreibt das Auswärtige Amt.

Das Problem mit der „Lösung"

Die Situation ist für viele Betroffene mehr als nur bürokratisch kompliziert – sie kann gefährlich werden. Ein zweiter Pass ist keine Lösung für Personen, deren äußeres Erscheinungsbild nicht mit dem bei Geburt eingetragenen Geschlecht übereinstimmt. Wenn das für die Grenzschutzbeamten nicht übereinstimmt oder keinen Sinn ergibt, könnten Diskriminierungen folgen.

Zwar können Personen in Deutschland unter besonderen Umständen einen zweiten Reisepass mit einem F oder M Eintrag ausstellen lassen. Um mögliche Formen der Diskriminierung beim Grenzübertritt zu vermeiden, kann eine Person, die eine Variante der Geschlechtsentwicklung aufweist und dies mittels einer ärztlichen Bescheinigung nachweist, beantragen, dass die vormalige männliche oder weibliche Geschlechtsangabe in ihrem Pass eingetragen wird. Doch diese Option steht nicht allen offen und löst das grundsätzliche Problem nicht.

Teil einer größeren Strategie

Die Flugverbotsregelung ist nur ein Element in Trumps umfassender Anti-Trans-Agenda. Unter neuen Politiken wird das US-Außenministerium nur Pässe ausstellen, die männlich oder weiblich sagen und die dem Geschlecht des Antragstellers bei der Geburt entsprechen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht von einem systematischen Versuch, "trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen unsichtbar zu machen".

All dies ist Teil der umfassenden Versuche der Regierung, trans Personen unsichtbar zu machen und ihnen gleiche Rechte vor dem Gesetz zu verweigern. Die Heritage Foundation, deren Politik Trump derzeit umsetzt, fordert sogar die Einstufung von "Transgender-Ideologie" als Terrorismus.

Was bedeutet das fĂĽr Deutschland?

Deutschland hat seit 2018 erhebliche Fortschritte in der rechtlichen Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt gemacht. Mit dem Selbstbestimmungsgesetz, das seit November 2024 in Kraft ist, können transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und ihre Vornamen durch eine Erklärung gegenüber dem Standesamt ändern lassen – ohne Gutachten oder Gerichtsverfahren.

Die US-Regelung zeigt jedoch, dass rechtliche Fortschritte in einem Land durch Maßnahmen anderer Staaten ausgehöhlt werden können. Die neuen Regelungen markieren einen symbolischen Bruch mit der „Wertegemeinschaft" und werfen Fragen zu Gleichstellung und Menschenrechten auf. Für nichtbinäre und trans Menschen aus Deutschland bedeutet das: Selbst mit korrekten Dokumenten müssen sie bei USA-Reisen mit Diskriminierung, Zwangsouting und bürokratischen Hürden rechnen.

Die internationale LGBTQ+-Community beobachtet diese Entwicklung mit großer Sorge. Was in den USA geschieht, hat oft Signalwirkung – auch wenn in Deutschland und Europa weiterhin an der Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt festgehalten wird. Der Kampf für die Rechte von trans, inter und nichtbinären Menschen ist längst nicht gewonnen.


Reform UK ernennt Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe als Berater von Nigel Farage

Die rechtspopulistische britische Partei Reform UK hat einen Anti-Abtreibungs- und Anti-Gleichstellungs-Verfechter als Berater von Nigel Farage ernannt. James Orr, ein ehemaliger Unternehmensanwalt und außerordentlicher Professor für Religionsphilosophie an der Universität Cambridge, wurde am Sonntag (19. Oktober) in einem Post auf X/Twitter vom Leiter der Parteipolitik, Zia Yusuf, als leitender Berater von Farage vorgestellt (Quelle: PinkNews).

Wer ist James Orr?

Orr hat die Trump-Administration beeinflusst und ist ein enger Freund des US-Vizepräsidenten JD Vance. Der US-Vizepräsident JD Vance hat Orr als seinen "britischen Sherpa" bezeichnet. Die Ernennung signalisiert eine strategische Verschiebung für Reform UK, die internationale Verbindungen zur amerikanischen konservativen Bewegung stärkt.

In seinen öffentlichen Äußerungen hat Orr deutlich gemacht, wo er steht: In einem Interview mit der Coalition for Marriage 2023 erklärte er, dass die gleichgeschlechtliche Ehe "sehr wichtige nachgelagerte Auswirkungen" habe. Die Coalition for Marriage ist eine Dachorganisation von Einzelpersonen und Organisationen in Großbritannien, die die traditionelle Ehe unterstützen und sich ihrer Neudefinition widersetzten.

Extreme Positionen zu Migration und LGBTQ+-Themen

Orrs Rhetorik geht weit über die Ablehnung der Ehegleichheit hinaus. In einem Interview mit The European Conservative beschrieb er Asylsuchende als "Invasoren". Er bezeichnete die LGBTQ+-Community als "sogenannte Regenbogenmenschen, hyperliberale sexuelle Progressive, die Identitätspolitik vorantreiben" und hat geschlechtsangleichende Versorgung für trans Jugendliche als "Verstümmelung von Kindern" bezeichnet.

Orr lehnt Abtreibung in jedem Stadium der Schwangerschaft ab, auch in Fällen von Vergewaltigung. Zudem glaubt er, dass Vielfalt Nationen schwächt und hält den Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021 für von der "globalen Linken" übertrieben.

Parallelen zu Deutschland: Reform UK und die AfD

Die Entwicklung in GroĂźbritannien erinnert an Dynamiken in Deutschland. Reform UK hat die Konservativen inzwischen bei den Mitgliederzahlen ĂĽberholt und verzeichnet ĂĽber 130.000 Mitglieder bei einem Umfragewert von 24 Prozent. Nigel Farage, Architekt des Brexits und enger Vertrauter von Donald Trump, gilt in Umfragen als Favorit fĂĽr das Amt des Premierministers.

Ähnlich wie die AfD in Deutschland positioniert sich Reform UK gegen LGBTQ+-Rechte, insbesondere gegen trans Personen. In ihrem Wahlmanifest erklärt die Partei, "Transgender-Indoktrination verursache irreversiblen Schaden bei Kindern" und will "Transgender-Ideologie" – ein weithin als anti-trans Hundepfeife betrachteter Begriff – sowohl in Grund- als auch in weiterführenden Schulen verbieten.

In Deutschland zeigen Studien des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD), dass unter den Anhängern der AfD die Gruppe mit geschlossen antifeministischen und sexistischen Einstellungen knapp unter der 50-Prozent-Marke bleibt, während 71 Prozent der AfD-Wähler am häufigsten transfeindlich sind. Mit Russland verbindet die AfD die Haltung zu Migration und Islam, die Ablehnung der Vielfalt der Geschlechter und Skepsis gegenüber der LGBTQ-Bewegung.

Reform UKs LGBTQ+-feindliche Politik

Reform UK-Chef Nigel Farage erklärte während eines Live-Telefonats auf LBC, dass die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe "falsch" gewesen sei. Nach den Kommunalwahlen im Mai kündigte Reform an, dass die zehn von ihr kontrollierten Räte in ganz England – Durham, Kent, Lancashire, Staffordshire, Nottinghamshire, Derbyshire, Doncaster, North Northamptonshire, West Northamptonshire und Lincolnshire – das Hissen der Pride-Flagge verbieten würden.

Im Jahr 2013, als Farage Vorsitzender der UKIP war, sagte er, er würde Mitglieder nicht ausschließen, die "altmodische" Ansichten über Homosexualität äußern, einschließlich derer, die sie als "ekelhaft" bezeichnen. Im folgenden Jahr erklärte er: "Ich unterstütze die gleichgeschlechtliche Ehe nicht... solange wir unter der Schirmherrschaft des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte stehen".

Internationale Verbindungen zur extremen Rechten

Orr war ein Freund des rechten Podcasters Charlie Kirk, bekannt für seine Befürwortung von Waffenrechten und für die Äußerung anti-LGBTQ+-Ansichten, der im vergangenen Monat während einer überfüllten öffentlichen Debatte mit Universitätsstudenten tödlich erschossen wurde.

Als Universitätsdozent in Cambridge ist Orr eine wichtige Figur beim Centre for a Better Britain, einem neuen Think Tank, der von Freunden von Farage finanziert wird und Politiken für eine mögliche Reform UK-Regierung entwickeln wird. Orr scheint sich an der Heritage Foundation zu orientieren, dem MAGA-Giganten, der Trumps Agenda für die zweite Amtszeit entwarf – durch ein 900-seitiges Dokument namens "Project 2025". In einem BBC-Interview sagte Orr, dass andere britische Think Tanks "Schwierigkeiten haben, die Lichter anzuhalten", während die Heritage Foundation etwa 100 Millionen Dollar jährlich einnimmt.

Was bedeutet das fĂĽr LGBTQ+-Rechte in Europa?

Die Ernennung von James Orr ist ein besorgniserregendes Signal fĂĽr die LGBTQ+-Community sowohl in GroĂźbritannien als auch in Europa. Sie zeigt die wachsenden transatlantischen Verbindungen zwischen rechten Bewegungen und ihre gemeinsame Agenda gegen LGBTQ+-Rechte, insbesondere gegen trans Personen.

Während in Deutschland Parteien wie die Grünen und die Linke sich für umfassende LGBTQ+-Rechte einsetzen, verfolgen rechtspopulistische Parteien wie die AfD ähnliche Strategien wie Reform UK: Sie mobilisieren gegen sogenannte "Gender-Ideologie" und "Woke-Kultur", während sie die Rechte von trans Personen gezielt angreifen.

Für die LGBTQ+-Community in Deutschland ist die Entwicklung in Großbritannien eine Mahnung: Die erkämpften Rechte sind nicht selbstverständlich und müssen kontinuierlich verteidigt werden. Die internationale Vernetzung rechter Bewegungen erfordert eine ebenso starke Solidarität und gemeinsame Verteidigung von Menschenrechten über Ländergrenzen hinweg.


Hinterhalt auf dem Schulhof: Wenn Dating-Apps zur tödlichen Falle werden

Es sollte ein harmloses Date werden – doch stattdessen endete der Abend für einen 24-jährigen schwulen Politiker aus Lüneburg auf einem dunklen Schulhof in einem brutalen Albtraum. Über eine Dating-App in einen Hinterhalt gelockt, wurde der JU-Schatzmeister Simon Schmidt im Dezember 2024 von einer Gruppe junger Männer zusammengeschlagen, mit Messern bedroht und homophob beleidigt. Nur einen Tag später ereignete sich ein weiterer mutmaßlich schwulenfeindlich motivierter Angriff in Lüneburg – nach demselben Muster. Nun, Monate nach den Taten, hat die Staatsanwaltschaft Lüneburg Anklage gegen drei damals 14- und 15-jährige Jugendliche erhoben. Lesen Sie die vollständige Meldung auf queer.de.

Die perfide Masche: Dating-Apps als Waffe gegen Schwule

Die Vorgehensweise war in beiden Fällen erschreckend ähnlich: Über Dating-Apps wurden die Opfer an abgelegene Orte gelockt – anstatt eines Dates erwartete sie dort ein Schlägertrupp. Der Angriff auf Schmidt ereignete sich gegen 18:15 Uhr auf dem Schulhof der Gesamtschule in der Graf-Schenk-von-Stauffenberg-Straße in Lüneburg-Kaltenmoor, beide Opfer erlitten schwere Gesichtsverletzungen und mussten mehrfach operiert werden. Was diese Attacken besonders beunruhigend macht: Sie zeigen, wie digitale Plattformen, die eigentlich sichere Räume für queere Menschen sein sollten, zu Tatwaffen umfunktioniert werden können.

Diese Angriffsmethode ist kein Einzelfall. Weltweit werden LGBTQ+-Menschen gezielt über Dating-Apps gedoxxt und bloßgestellt – wie 2020 in Marokko, wo eine Influencerin ihre Follower ermutigte, Fake-Profile anzulegen und schwule Männer zu outen, was zu Todesdrohungen und Zwangsräumungen führte. Auch in Deutschland wächst die Besorgnis über die Online-Sicherheit für LGBTQ+-Menschen.

Drei Tatverdächtige identifiziert – weitere Täter auf der Flucht

Nach intensiven Ermittlungen konnten drei Tatverdächtige identifiziert werden – zwei damals 15-Jährige und ein 14-Jähriger. Bei Wohnungsdurchsuchungen stellten die Ermittler mehrere Handys sicher; auf mindestens einem Gerät fanden sie ein Video, das eine der Taten dokumentiert. Doch damit ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass höchstens sechs Personen beteiligt waren – die anderen Täter sind noch immer nicht identifiziert.

Die Anklage wirft den Jugendlichen vor, ihre Opfer "mittels eines gefährlichen Werkzeugs, mittels eines hinterlistigen Überfalls und mit einem anderen Beteiligten gemeinschaftlich körperlich misshandelt und an der Gesundheit geschädigt zu haben". Hinzu kommt der Vorwurf, "eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt hergestellt zu haben". Ein Prozessbeginn wird erst nach dem Jahreswechsel 2026 erwartet – eine quälend lange Wartezeit für die Opfer.

Teil einer alarmierenden Entwicklung in Deutschland

Die Lüneburger Angriffe sind Teil einer besorgniserregenden bundesweiten Entwicklung. Im Jahr 2023 richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ*-Personen – ein dramatischer Anstieg gegenüber 1.188 im Jahr 2022. Zu den häufigsten Delikten gehörten Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Die Zahl der Straftaten im Bereich "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht.

Nach der EU-Grundrechteagentur haben in Deutschland 16 Prozent der LGBTQ+-Menschen Gewalterfahrungen erlebt – bei inter* Menschen sogar über ein Drittel. Die aktuellen Zahlen des Bundesinnenministeriums bestätigen: Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend, zudem muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da viele Betroffene Straftaten nicht anzeigen.

Sicherheitsrisiko Dating-Apps: Wenn die Community verwundbar wird

Die Angriffe in Lüneburg werfen ein grelles Licht auf ein oft unterschätztes Problem: die Sicherheit von LGBTQ+-Dating-Apps. Erst im März 2025 erschütterte ein massives Datenleck mehrere iOS-Dating-Apps: Insgesamt 1,5 Millionen private Nutzerfotos der Apps BDSM People, Chica, Translove, Pink und Brish wurden kompromittiert, darunter explizite Bilder aus privaten Chats. Die Sicherheitsexperten von Cybernews warnten eindringlich vor den Folgen.

Cybernews wies darauf hin, dass ein erhebliches Risiko entstehe – kriminelle Hacker könnten Betroffene mit sensiblen Bildern erpressen, und für queere Menschen in homophoben Ländern bestehe eine große, teilweise lebensbedrohliche Gefahr. Auch ohne technische Datenlecks machen die Lüneburger Fälle deutlich: Dating-Apps können zu Waffen werden, wenn sie gezielt für homophobe Hassverbrechen missbraucht werden.

Was können queere Menschen tun?

Die Fälle aus Lüneburg sind eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass Dating für LGBTQ+-Menschen mit besonderen Risiken verbunden sein kann. Expert*innen raten zu erhöhter Vorsicht: Treffen Sie sich beim ersten Date an belebten, öffentlichen Orten. Informieren Sie Freund*innen über Ihr Treffen. Achten Sie auf Warnsignale wie Druck zu einem Ortswechsel an abgelegene Stellen. Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl.

Doch die Verantwortung darf nicht allein bei den potenziellen Opfern liegen. Die Gesellschaft muss queere Menschen besser schützen – durch konsequente Strafverfolgung, durch Präventionsarbeit und durch eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Homophobie. Die Lüneburger Fälle zeigen: Schwulenfeindlichkeit ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine reale, alltägliche Bedrohung im Jahr 2025.

Hinweise zu den Taten nimmt die Polizei LĂĽneburg unter der Telefonnummer 04131/8306-2215 entgegen.


Europarat mahnt GroĂźbritannien: Trans-Rechte sind Menschenrechte

Der Menschenrechtskommissar des Europarates, Michael O'Flaherty, hat die britische Regierung in einem offiziellen Schreiben eindringlich vor der Erosion der Rechte von trans Menschen gewarnt. Nach einem Urteil des Supreme Court, wonach sich trans Frauen in Großbritannien nicht auf das Gleichstellungsgesetz berufen können, mahnt O'Flaherty, dass das Land weiterhin an die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) gebunden sei. Die Entwicklung in Großbritannien wirft auch für Deutschland wichtige Fragen auf – gerade jetzt, wo das im April 2024 vom Bundestag beschlossene Selbstbestimmungsgesetz trans-, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen endlich aus der jahrzehntelangen Diskriminierung durch das Transsexuellengesetz befreit.

Menschenrechte keine Verhandlungssache

Die Europäische Menschenrechtskonvention garantiert trans Menschen ausdrücklich verschiedene Grundrechte: Das Recht auf Achtung des Privatlebens (Art. 8 EMRK) und das Diskriminierungsverbot (Art. 14 EMRK) spielen dabei eine zentrale Rolle. O'Flaherty warnte eindringlich davor, die Anerkennung von Menschenrechten als Nullsummenspiel zu betrachten – die Beschneidung der Rechte von trans Frauen also als Sieg für die Rechte cisgeschlechtlicher Frauen zu werten. Dies fördere Vorurteile und schaffe ein gefährliches gesellschaftliches Klima.

Besonders besorgniserregend: Der irische Jurist betonte, dass trans Menschen in geschlechtergetrennten Räumen nicht gezwungen werden dürfen, sich stets zu outen. „Neben Fragen der Privatsphäre könnte die Vorgabe, das eigene Geschlecht bei der Geburt kundtun zu müssen, auch die Gefahr von Belästigungen, Missbrauch und sogar Gewalt vergrößern", heißt es in seinem Brief.

Trans-Panik im Vereinigten Königreich

Das einstimmige Urteil des Supreme Court im November 2024 entschied, dass die Begriffe „Frau" und „Geschlecht" im Equality Act das biologische Geschlecht meinen – Personen, die bei Geburt als weiblich eingetragen wurden, werden rechtlich als Frauen anerkannt, andere nicht. Die Folgen sind weitreichend: Nach einer neuen Richtlinie der britischen Kommission für Gleichstellung und Menschenrechte dürfen trans Personen nicht mehr die Toiletten, Duschen und Umkleiden ihres erlebten Geschlechts nutzen.

Die gesellschaftliche Stimmung hat sich dramatisch verschärft. Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling rief im August zum Boykott einer großen Kaufhauskette auf, weil diese trans Menschen beschäftigt. Auch Premierminister Keir Starmer erklärte, dass er trans Frauen künftig nicht mehr als Frauen ansehe. Besonders schockierend: Eine trans Frau wurde zu 21 Monaten Haft in einem Männergefängnis verurteilt, weil sie ihrem Partner vor sexuellen Handlungen nicht von ihrer Transidentität erzählt hatte.

Deutschland auf einem anderen Weg

Während Großbritannien die Rechte von trans Menschen abbaut, hat Deutschland im vergangenen Jahr einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht. Das Grundgesetz schützt die geschlechtliche Selbstbestimmung im Rahmen der Persönlichkeitsrechte. Mit dem Selbstbestimmungsgesetz können trans-, intergeschlechtliche und nicht-binäre Menschen ihren Geschlechtseintrag und ihre Vornamen ab dem 1. November 2024 vor dem Standesamt ändern.

Das neue Gesetz löst das Transsexuellengesetz (TSG) aus dem Jahr 1980 ab, das vom Bundesverfassungsgericht in mehreren Entscheidungen in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt wurde. Ein Begutachtungs- und Gerichtsverfahren ist somit nicht mehr erforderlich. Deutschland reiht sich damit in eine wachsende Liste von Ländern wie Argentinien, Belgien, Dänemark, Irland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Portugal, Spanien und Uruguay ein, die einfache Verwaltungsverfahren zur rechtlichen Anerkennung des Geschlechts auf Grundlage der Selbstbestimmung haben.

Gewalt und Diskriminierung auch in Deutschland

Doch auch in Deutschland ist die Lage ernst. Eine Studie der EU-Grundrechteagentur von 2024 zeigt, dass 65 % der trans Frauen in Deutschland von Diskriminierung in den letzten 12 Monaten berichteten. Im Jahr 2023 wurden 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* Personen erfasst, bei den Gewalttaten wurden 212 Opfer festgestellt. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht, wobei die Dunkelziffer weiterhin hoch ist.

Die Reform der Geschlechtsanerkennung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem LGBT-Aktivist*innen vor einem Anstieg der Anti-LGBT-Gewalt in Deutschland warnen. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei ĂĽber 1.400 Hassverbrechen gegen LGBT-Menschen, 2022 fĂĽhrte ein Angriff zum gewaltsamen Tod eines Trans-Mannes.

Europarat unter Druck

Der seit 1949 aktive Europarat fördert Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Demokratie in ganz Europa. Deutschland gehört zusammen mit Frankreich, Großbritannien und Italien zu den Hauptbeitragszahlern. Der Europarat spielte in der Vergangenheit eine entscheidende Rolle bei LGBTI-Rechten im Königreich: 1981 entschied der Menschenrechtsgerichtshof, Nordirland müsse sein Homosexuellenverbot aufheben. Auch das Verbot von Homosexuellen in den britischen Streitkräften wurde nach Entscheidungen des Straßburger Gerichts 1999 aufgehoben.

Doch jetzt ist die Institution selbst unter Beschuss. Die konservativen Tories und die rechtspopulistische Partei Reform UK von Nigel Farage setzen sich für den Austritt Großbritanniens aus dem Europarat ein, mit dem Argument der Einschränkung britischer Souveränität, insbesondere in der Migrations- und Asylpolitik. Ein Austritt hätte schwerwiegende Folgen für Minderheitenrechte, die internationale Reputation und bestehende Verträge wie das Friedensabkommen in Nordirland.

Ein Weckruf fĂĽr Europa

Die Warnung des Europarates an Großbritannien ist mehr als ein diplomatisches Signal. Sie ist ein Weckruf für ganz Europa. Das Urteil birgt die Gefahr, Antigenderismus sowie trans- und queerfeindliche Politiken nicht nur in Großbritannien, sondern auch in anderen Ländern weiter zu befeuern. In Zeiten, in denen rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien an Einfluss gewinnen und geschlechtliche Vielfalt zunehmend als Feindbild instrumentalisiert wird, ist das besonders alarmierend.

Deutschland hat mit dem Selbstbestimmungsgesetz gezeigt, dass ein anderer Weg möglich ist. Die Reform der gesetzlichen Geschlechtsanerkennung zeigt, dass die Regierung die Grundrechte von trans- und nicht-binären Menschen unterstützt, was zu einem breiteren Verständnis und einer größeren Akzeptanz von verschiedenen Geschlechtsidentitäten beiträgt. Doch Gesetze allein reichen nicht – es braucht gesellschaftliche Solidarität, konsequenten Schutz vor Gewalt und eine klare Haltung gegen jede Form von Diskriminierung.

Die Entwicklung in Großbritannien zeigt, wie schnell hart erkämpfte Rechte wieder unter Druck geraten können. Umso wichtiger ist es, dass Institutionen wie der Europarat ihre Stimme erheben und klarstellen: Trans-Rechte sind Menschenrechte. Ohne Wenn und Aber.


Wenn christlich-konservative Organisationen Trans-Rechte bekämpfen: Der Fall der Darlington-Krankenschwestern

In Großbritannien beginnt am Montag ein Gerichtsverfahren, das weit über einen lokalen Arbeitsrechtsstreit hinausgeht. Acht Krankenschwestern des Darlington Memorial Hospital klagen gegen den County Durham and Darlington NHS Foundation Trust, weil ihre trans Kollegin Rose Henderson die Damenumkleide nutzt. Was diesen Fall besonders brisant macht: Die Klage wird von einer anti-LGBTQ+ und abtreibungsfeindlichen christlichen Rechtsorganisation, dem Christian Legal Centre, unterstützt. Wie Pink News berichtet, wirft der Fall grundlegende Fragen über Trans-Rechte, Arbeitsplatzpolitik und den Einfluss religiös-konservativer Lobbygruppen auf.

Hinter den Kulissen: Wer steckt hinter dem Christian Legal Centre?

Das Christian Legal Centre wurde von Andrea Minichiello Williams gegründet, einer Rechtsanwältin und Geschäftsführerin von Christian Concern. Eine Channel-4-Dokumentation aus dem Jahr 2008 enthüllte, dass Williams Abtreibung für illegal erklärt haben möchte und glaubt, dass Homosexualität eine Sünde sei und die Welt nur 4.000 Jahre alt. Die Organisation hat eine lange Geschichte der Unterstützung von Fällen gegen LGBTQ+-Rechte: vom Verklagen von Behörden wegen trans-freundlicher Zebrastreifen über die Unterstützung einer Mutter, die die Grundschule ihres Sohnes wegen einer Pride-Veranstaltung verklagte, bis hin zu einem Mitarbeiter, der nach Facebook-Posts gegen LGBTQ+-Inklusion entlassen wurde.

Auf einer Webseite zum Fall der Darlington-Krankenschwestern behauptet das Christian Legal Centre, dass „radikale Gender-Ideologie die Wahrheit und biblische Lehren zerstört" und dass „Christen frei sein müssen, Gottes Design für Männer und Frauen aufrechtzuerhalten". Die Organisation beschreibt Trans-Rechte als "extremen und kontroversen Gender-Ideologie", die die Rechte von Frauen untergrabe.

Der Fall: Was genau wird vorgeworfen?

Die Richtlinien des Trusts erlauben es trans Mitarbeitern, geschlechtsspezifische Umkleideräume, Toiletten und Duschen zu nutzen, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechen. Die Krankenschwestern haben Klage wegen angeblicher sexueller Belästigung, Diskriminierung und Viktimisierung eingereicht und behaupten, der Trust habe es versäumt, ihr Recht auf Privatsphäre gemäß Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention zu respektieren. Sie sagen, sie fühlten sich in der Umkleide „unsicher".

26 Krankenschwestern in Darlington äußerten Bedenken gegenüber ihrem Arbeitgeber über das „einschüchternde" und „verstörende" Verhalten einer trans Kollegin in den Damenumkleideräumen. Die Krankenschwestern behaupteten, ihre Kollegin sei nur in Unterwäsche herumgelaufen und habe sie „angestarrt und Gespräche initiiert", während sie sich umzogen. Der Trust unternahm nichts, als die Bedenken erstmals 2023 geäußert wurden, teilte den Krankenschwestern aber nach einer schriftlichen Beschwerde 2024 mit, dass „das Krankenhaus ihre trans Kollegin zu 150 % unterstützt" und dass die Beschwerdeführenden „umerzogen" werden und ihren „Horizont erweitern" müssten.

Deutsche Perspektive: Trans-Rechte am Arbeitsplatz im Vergleich

Während in Großbritannien dieser heftige Rechtsstreit tobt, hat Deutschland in den letzten Monaten einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Der deutsche Bundestag hat am 12. April 2024 ein wegweisendes Gesetz verabschiedet, das trans und nicht-binären Menschen erlaubt, ihre rechtlichen Dokumente durch ein auf der Selbstbestimmung basierendes Verwaltungsverfahren an ihre Geschlechtsidentität anzupassen. Das Selbstbestimmungsgesetz trat am 1. November 2024 in Kraft und ermöglicht Erwachsenen die Selbstbestimmung zur Änderung des Geschlechtseintrags und der Vornamen im Personenstandsregister.

Doch auch in Deutschland bleibt die Frage der Umkleideräume und geschützten Räume komplex. In bestimmten Fällen, wie dem Zugang zu geschlechtsspezifischen Toiletten, Umkleideräumen, Saunen oder Sportvereinen, ist der eingetragene Geschlechtseintrag nicht der entscheidende Faktor. Stattdessen müssen Hausrecht und andere Kriterien, wie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), berücksichtigt werden. Öffentliche Einrichtungen wie Fitnessstudios und Umkleideräume haben weiterhin das Recht zu entscheiden, wen sie hereinlassen.

Arbeitgeber sind grundsätzlich verpflichtet, Toilettenräume und gegebenenfalls Waschräume und Umkleideräume bereitzustellen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verpflichtet Arbeitgeber, durch präventive Maßnahmen ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld zu gewährleisten. Anders als in Großbritannien, wo ideologisch motivierte christliche Organisationen aggressiv gegen Trans-Rechte kämpfen, hat Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz ein Signal für Menschenrechte und Selbstbestimmung gesetzt.

Trans-Gesundheitsversorgung: Europa im Kampf gegen Diskriminierung

Der Fall aus Darlington ist Teil eines größeren Musters der Diskriminierung, das trans Menschen in ganz Europa erleben. Laut der jüngsten Umfrage der EU-Grundrechteagentur aus dem Jahr 2024 berichteten 39 Prozent der trans Menschen in der EU, dass sie Diskriminierung durch medizinisches Personal erlebt haben. Trans Personen stehen vor Barrieren wie langen Wartezeiten und unzureichender Versicherungsdeckung.

Der Europarat hat in einem Bericht vom Dezember 2024 deutlich gemacht: Es gibt erhebliche gesundheitliche Ungleichheiten zwischen LGBTI-Personen und der Allgemeinbevölkerung, einschließlich erhöhter Raten psychischer Gesundheitsprobleme, die hauptsächlich durch weit verbreitete Diskriminierung und Marginalisierung verursacht werden. Die FRA-Umfrage von 2020 ergab, dass 16% der LGBTI-Menschen Diskriminierung im Gesundheitswesen erlebten; bei trans Befragten stieg dieser Indikator auf 34%.

Das größere Bild: Kulturkrieg um Trans-Rechte

Der Darlington-Fall ist kein isoliertes Ereignis. Er ist Teil eines orchestrierten Angriffs auf Trans-Rechte durch religiös-konservative Organisationen, die Trans-Identitäten als "Ideologie" bezeichnen und wissenschaftliche Erkenntnisse über Geschlechtsidentität ablehnen. Laut ILGA-Europe hat das Vereinigte Königreich in den Rankings für LGBTI-Rechte erheblich an Boden verloren – von Platz 1 in Europa im Jahr 2015 auf Platz 22 im Jahr 2025. Insbesondere die anti-trans Rhetorik in britischen Medien wird als „zunehmend und vitriolic" seit 2016 beschrieben und als „super-charged" seit 2018.

Während Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz einen progressiven Schritt nach vorne gemacht hat, zeigt der Fall aus Darlington, wie wichtig es ist, wachsam zu bleiben. Die Geschichte lehrt uns, dass hart erkämpfte Rechte schnell wieder verloren gehen können, wenn religiös-fundamentalistische Gruppen die Gerichte nutzen, um Diskriminierung zu legitimieren.

„Mit dem neuen Selbstbestimmungsgesetz hat Deutschland einen Schandfleck in seiner Menschenrechtsbilanz beseitigt und sein Engagement für LGBT-Rechte im In- und Ausland gestärkt", sagte Cristian González von Human Rights Watch. Deutschland sendet damit ein klares Signal: Trans Menschen existieren und verdienen Anerkennung und Schutz ohne Diskriminierung. Unter dem neuen Gesetz können trans und nicht-binäre Menschen zu einem Standesamt gehen und ihren Geschlechtseintrag und Vornamen durch eine einfache Erklärung ändern lassen.

Der Prozess in Darlington wird zeigen, welche Richtung Großbritannien einschlägt – ob es den Menschenrechten folgt oder ob religiös motivierte Diskriminierung vor Gericht Erfolg hat. Für die trans Community in Europa und darüber hinaus steht viel auf dem Spiel.


Tragödie in Konstanz: Wenn Wahn und internalisierte Homophobie zu Gewalt führen

Ein brutaler Mord in Konstanz erschüttert und wirft schwierige Fragen auf: Das Landgericht Konstanz ordnete die Unterbringung eines 50-Jährigen wegen Mordes in der Psychiatrie an, der Mann ist wegen einer paranoiden Schizophrenie schuldunfähig. Der jordanische Staatsbürger hatte im Januar 2025 mit einem 20 Zentimeter langen Küchenmesser in der Konstanzer Wohnung des 36-Jährigen 72 Mal auf ihn eingestochen. Der Fall aus der Bodenseestadt (Originalquelle: queer.de) zeigt in erschreckender Weise, wie psychische Erkrankungen, Wahnvorstellungen und internalisierte Homophobie zu einer tödlichen Mischung werden können.

Die Tat und ihre HintergrĂĽnde

Die beiden Männer kannten sich seit mehreren Jahren und hatten wiederholt einvernehmlichen sexuellen Kontakt. Beide hatten vor der Tat zusammen Drogen konsumiert. Doch was zunächst wie eine sexuelle Begegnung begann, endete in einem grausamen Mord. Der Täter war laut Gericht der wahnhaften Überzeugung verfallen, sein ehemaliger Sexualpartner könne seine Gedanken lesen.

Noch erschütternder: Nach Auffassung der Kammer und der Staatsanwaltschaft besuchte der Beschuldigte seinen Freund mit Absicht, um an dessen Leber zu kommen, da er das Organ für ein Speichermedium seiner Gedanken hielt. Der Angeklagte hoffte zudem, sich durch die Tat von seinem homosexuellen Verlangen zu "befreien". Diese Aussage macht deutlich, wie tief internalisierte Homophobie in der Psyche des Täters verankert war.

Internalisierte Homophobie: Der Feind im Inneren

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das in der queeren Community viel zu oft im Verborgenen bleibt. Internalisierte Homophobie bezeichnet negative Gefühle, Gedanken oder Verhaltensweisen gegenüber der eigenen Homosexualität, die oft unbewusst sind. Sie entsteht, wenn LGBTIQ*-Menschen die homophoben Botschaften ihrer Umgebung verinnerlichen und sich selbst ablehnen.

In Deutschland zeigen Studien, dass Homosexuelle häufiger psychisch erkranken als die Allgemeinbevölkerung, öfters Depressionen, Angststörungen oder Suchtverhalten entwickeln, und bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit homo- oder bisexueller Orientierung eine dreifach höhere Suizidrate besteht. Das erhöhte Risiko für psychische Erkrankungen ist auf direkt oder indirekt erfahrene Diskriminierung zurückzuführen, daneben spielen auch internalisierte Homophobie, Selbstentwertung oder starke Schuld- und Schamgefühle eine Rolle.

Der psychiatrische Maßregelvollzug als Lösung

Bis zum Ende der Verhandlung habe sich der Beschuldigte von seinem Wahn leiten lassen und die Schuld bei seinem Opfer gesucht, so der vorsitzende Richter. Das Gericht hatte keinen Zweifel an der Schuldunfähigkeit des Beschuldigten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

In Deutschland werden im Maßregelvollzug gemäß §§ 63 und 64 StGB psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter untergebracht. Die forensische Psychiatrie ist für die Begutachtung der Straftäter und die Umsetzung des Maßregelvollzugs zuständig. Der Maßregelvollzug hat die Aufgabe, die Gesellschaft vor weiteren Straftaten zu schützen - einerseits durch eine gesicherte Unterbringung, anderseits mit Hilfe verschiedener Therapien, mit dem Ziel, die Patienten auf ein straffreies Leben in der Gesellschaft vorzubereiten.

Ein mahnendes Beispiel

Der Fall aus Konstanz zeigt in tragischer Weise, wie verheerend die Kombination aus unbehandelter psychischer Erkrankung, Drogenkonsum und internalisierter Homophobie sein kann. Während der Täter nun die notwendige psychiatrische Behandlung erhält, bleibt ein 36-jähriger Mann tot zurück – ein Opfer von Gewalt, die ihre Wurzeln nicht nur in einer Psychose, sondern auch in gesellschaftlicher Homophobie hatte.

Für die LGBTIQ*-Community in Deutschland ist dieser Fall eine schmerzhafte Erinnerung daran, wie wichtig der Zugang zu sensibler psychologischer Betreuung ist. Homosexuelle benötigen keine besonderen Therapieangebote, sondern Therapeuten, die einen wertfreien und geschützten Raum bieten. Nur so können wir verhindern, dass internalisierte Homophobie zu selbstschädigendem Verhalten oder – im schlimmsten Fall – zu Gewalt führt.


Hassverbrechen in Magdeburg: Queerer Club Boys'n'Beats nach Angriff ungebrochen

In der Nacht zum Freitag, den 17. Oktober, wurde der queere Club Boys'n'Beats in Magdeburg Opfer eines mutmaßlichen Angriffs – Unbekannte warfen eine Fensterscheibe mit Steinen ein. Der Vorfall reiht sich ein in eine besorgniserregende Entwicklung: Queerfeindliche Straftaten stiegen im Jahr 2023 zum siebten Jahr in Folge und auf einen neuen Höchststand. Die ursprüngliche Meldung erschien auf queer.de.

Ein Angriff auf einen sicheren Raum

Das Boys'n'Beats in der Liebknechtstraße 89 ist die Nummer 1-Diskothek für LSBTIQ* (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und Queer) in der Landeshauptstadt Magdeburg. Der Club hat damit ein Alleinstellungsmerkmal in ganz Sachsen-Anhalt. Nach dem Angriff teilten die Betreiber*innen auf Instagram ein Foto der stark beschädigten Fensterscheibe – eine klare Botschaft folgte: "Wir lassen uns nicht kleinkriegen", heißt es in dem Post.

Das Boys'n'Beats geht von einem Hassverbrechen aus. Die HintergrĂĽnde des Angriffs seien bislang unklar, alles deute jedoch darauf hin, dass Homophobie im Spiel gewesen sei, so das Netzwerk Freie Kultur Magdeburg.

Welle der Solidarität

Die Reaktion ließ nicht auf sich warten: In den sozialen Medien erhält der Club viel Unterstützung und Solidarität von Fans, aber auch aus der Politik. Eva von Angern, Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, kommentierte aufmunternd, während die Magdeburger Grünen ihre Unterstützung zusagten. "Als Netzwerk Freie Kultur Magdeburg stehen wir klar und unmissverständlich an der Seite unseres Vereinsmitglied Boys'n'Beats und aller queeren Menschen in unserer Stadt", erklärte das Netzwerk.

Die Polizei konnte auf Nachfrage vorerst nichts zu dem mutmaßlichen Angriff sagen – dort wurde der Vorfall noch nicht angezeigt.

Ein alarmierender Trend in ganz Deutschland

Der Angriff auf das Boys'n'Beats ist kein Einzelfall. Die polizeilichen Fallzahlen zeigen einen besorgniserregenden Anstieg queerfeindlicher Straftaten über die vergangenen Jahre, wie das Bundesministerium des Innern im Dezember 2024 mitteilte. Im Jahr 2023 richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* Personen (im Jahr 2022: 1.188) – ein Anstieg um etwa 50 Prozent innerhalb eines Jahres.

Besonders alarmierend: Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Zu den häufigsten gegen LSBTIQ* gerichteten Straftaten gehörten im Jahr 2023 Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen.

Angriffe auf queere Einrichtungen: Ein unterschätztes Problem

Neben Übergriffen auf Einzelpersonen sind Angriffe auf queere Einrichtungen und Orte – auf Clubs und Cafés, auf Bildungsorte und Beratungsstellen, auf Veranstaltungen, Feste und Paraden – eine weitere Erscheinungsform queerfeindlicher Gewalt, wie das Berliner Monitoring queerfeindliche Gewalt dokumentiert.

Zudem müssen wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an, warnte Bundesinnenministerin Nancy Faeser. Expert*innen gehen davon aus, dass über 80% der Vorfälle nicht gemeldet werden.

Magdeburgs queere Szene steht zusammen

Magdeburg verfügt über eine aktive queere Community. Der CSD Magdeburg e.V. mit über 300 Mitgliedern ist der größte queere Verein in Sachsen-Anhalt und organisiert jährlich den Christopher Street Day. Auch der LSVD Sachsen-Anhalt bietet Beratung und Unterstützung für LSBTIQ* Menschen in der Region.

Der Angriff auf das Boys'n'Beats zeigt einmal mehr, wie wichtig sichere Räume für die queere Community sind – und wie bedroht diese Räume nach wie vor sind. Die Solidarität, die der Club erfährt, ist ein Hoffnungsschimmer. Doch sie darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass queerfeindliche Gewalt ein strukturelles Problem bleibt, das entschiedenes Handeln von Politik, Polizei und Gesellschaft erfordert.

Das Boys'n'Beats wird weitermachen – das haben die Betreiber*innen klar gemacht. "Wir stehen weiterhin für Respekt, Miteinander und Zusammenhalt", so ihre Botschaft. Ein Statement, das in diesen Zeiten wichtiger ist denn je.


Historische Premiere: ZDF überträgt ersten Queer-Gottesdienst im deutschen Fernsehen

Am 26. Oktober 2025 schreibt das deutsche Fernsehen Geschichte: Das ZDF überträgt am 26. Oktober einen Gottesdienst aus Münster live im Fernsehen – allerdings nicht aus einer Pfarrei, sondern die Messe der Queergemeinde Münster. Erstmals wird damit ein speziell für queere Menschen konzipierter katholischer Gottesdienst bundesweit im Fernsehen ausgestrahlt – ein Meilenstein für die Sichtbarkeit von LGBTIQ*-Gläubigen in Deutschland. Die Übertragung beginnt um 9:30 Uhr aus der St.-Anna-Kirche in Münster-Mecklenbeck.

Eine Gemeinde mit bewegter Geschichte

Die Queergemeinde Münster blickt auf eine lange Tradition zurück. Die Queergemeinde Münster wurde 1999 von einer Gruppe schwuler Theologen gegründet. Seitdem feiern immer am zweiten Sonntagabend im Monat lesbische, schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche wie auch heterosexuelle Gläubige gemeinsam eine Messfeier. Damit gehört sie zu den ältesten queeren Gemeinden in der katholischen Kirche Deutschlands. Der Anfang war jedoch nicht einfach: Regelmäßig feierte die queere Community Gottesdienste mit Priestern, die sich dazu bereiterklärten – bis der Gemeinde nur ein Jahr nach Beginn ein Eucharistieverbot von der Bistumsleitung erteilt wurde. „Das hat so viele enttäuscht, dass die Hälfte der Gläubigen weggebrochen ist", erinnern sich Zeitzeugen.

Doch die Gemeinschaft gab nicht auf. Sie haben sich nur fĂĽnf Monate an die Wortgottesdienste gehalten. Es fehlte ihnen einfach etwas und sie haben schnell Priester gefunden, die wieder mit ihnen die Eucharistie feierten. Heute findet monatlich eine Messe in der Krypta der St.-Antonius-Kirche statt, mit wechselnden Priestern, darunter auch MĂĽnsters emeritierter Weihbischof Dieter Geerlings.

"Wer bin ich – für dich?" – Der historische Gottesdienst

Der ZDF-Gottesdienst steht unter dem Motto "Wer bin ich – für dich?" und wird von Pfarrer Karsten Weidisch in Zusammenarbeit mit der Queergemeinde zelebriert. Jan Dieckmann, Mitglied der Gemeinde, beschreibt die Bedeutung: "Queers finden dort tieferen Glauben, Gemeinschaft und geistlichen Ausdruck – es geht um Würde, Vielfalt und Respekt." Musikalisch wird der Gottesdienst von der Band Effata unter der Leitung von Anselm Thissen gestaltet. Zu hören sein wird auch das Lied "Du bist so anders", das Dieckmann zum 20-jährigen Bestehen der Gemeinde 2019 komponierte.

Die St.-Anna-Kirche in Münster-Mecklenbeck, die 1972 eingeweiht und vom Architekten Harald Deilmann entworfen wurde, bietet dank ihrer technischen Ausstattung ideale Bedingungen für die TV-Produktion. Nach der Live-Ausstrahlung wird der Gottesdienst auch in der ZDF-Mediathek verfügbar sein. Im Anschluss stehen Gemeindemitglieder bis 18 Uhr unter der Nummer 0700 – 14 14 10 10 für Gespräche zur Verfügung.

Deutschland als Vorreiter in Europa

Die Fernsehübertragung ist Ausdruck einer bemerkenswerten Entwicklung. Die katholische Kirche in Deutschland ist unter den Top 10 der queerfreundlichsten Kirchen in Europa. Unter den katholischen Kirchen Europas gilt die in Deutschland als die queerfreundlichste. Die katholische Kirche in Deutschland erreicht demnach 37,5 von möglichen 47 Punkten und steht damit auf Platz 9 des Rankings. Dies zeigt der aktuelle "Rainbow Index of Churches in Europe" 2025.

Als Gründe für das gute Abschneiden der katholischen Kirche in Deutschland nennt der Bericht die starken Laiengremien und katholischen Verbände, die das Gemeindeleben prägen und eine wichtige Brücke zwischen Gläubigen und kirchlicher Hierarchie bilden. Weitere Fortschritte sieht die Studie in der etablierten LGBTQ-Seelsorge mit nationalen und regionalen Koordinatoren sowie in der Zuständigkeit eines Weihbischofs im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz für diesen Seelsorgebereich.

Ein weiter Weg – auch in Deutschland

Trotz dieser Fortschritte gibt es weiterhin Herausforderungen. Der emeritierte Münsteraner Weihbischof Dieter Geerlings sagte bei einem ökumenischen Gottesdienst: "Die Herabwürdigung queerer Menschen, auch durch die offizielle Kirche in ihrer Lehre, war menschenverachtend." Inzwischen hätten die Bischöfe Veränderungen, etwa im kirchlichen Arbeitsrecht, in Kraft gesetzt; "aber das heißt nicht, dass alles im Lot ist – es braucht revolutionäre Geduld".

Die Geschichte der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) zeigt, wie lange der Kampf um Anerkennung dauert. Auch christliche Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender haben seit Mitte der 1970er Jahren in Deutschland zahlreiche Netzwerke gegründet. 1977 entstand die ökumenische Arbeitsgruppe „Homosexuelle und Kirche" (HuK) und 1985 die ökumenische Arbeitsgemeinschaft „Lesben in der Kirche" (LuK). Seitdem gibt es deutschlandweit Queergottesdienste in vielen Städten – von Berlin über Frankfurt bis München.

Ein Signal mit Strahlkraft

Die ZDF-Übertragung ist mehr als nur ein Gottesdienst – sie ist ein kraftvolles Signal für alle queeren Gläubigen in Deutschland und darüber hinaus. Für viele Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität mit der Kirche gebrochen haben, kann diese Sichtbarkeit einen Unterschied machen. „Aber als ich mehr und mehr realisiert habe, dass ich als schwuler Mann aus kirchenrechtlicher Sicht eigentlich gar nicht dazugehöre, habe ich mit der Kirche gebrochen", erzählt ein Gemeindemitglied. „Bei meinem ersten Queer-Gottesdienst hatte ich Tränen in den Augen. Ich hatte meine kirchliche Heimat wiedergefunden."

Der Queer-Gottesdienst ist Teil der Reihe katholischer Fernsehgottesdienste, die das ZDF sonntags im Wechsel mit evangelischen Feiern sendet. Dass nun erstmals ein Queergottesdienst diese Plattform erhält, zeigt: Die Kirche in Deutschland ist auf einem Weg der Veränderung – und die Queergemeinde Münster geht diesen Weg mit 25 Jahren Erfahrung mutig voran.


Angriff auf queeren Club in Magdeburg: Ein Hassverbrechen, das nicht einschĂĽchtert

In der Nacht zum Freitag wurde der queere Club "Boys'n'Beats" in Magdeburg Opfer eines Angriffs. Unbekannte warfen mit einem Stein eine Fensterscheibe ein – ein weiteres erschreckendes Beispiel für den drastischen Anstieg queerfeindlicher Straftaten in Deutschland, der in den vergangenen Jahren ein besorgniserregendes Ausmaß erreicht hat. Der Club, der sich in der Liebknechtstraße 89 befindet, teilte auf Instagram ein Foto der stark beschädigten Fensterscheibe und setzte ein kraftvolles Zeichen des Widerstands: "So ein Angriff, so ein Hassverbrechen, soll Angst machen. Doch wir lassen uns nicht kleinkriegen. Wir stehen weiterhin für Respekt, Miteinander und Zusammenhalt."

Ein bedrohlicher Trend in ganz Deutschland

Der Angriff auf das "Boys'n'Beats" reiht sich ein in eine alarmierende Entwicklung. Im Jahr 2023 wurden insgesamt 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* Personen erfasst – im Vorjahr waren es noch 1.188. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Bundesinnenministerin Nancy Faeser nannte die Zahlen "erschreckend" und betonte, dass queerfeindliche Gewalt als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden müsse.

Besonders besorgniserregend: Trotz des Anstiegs der gemeldeten Fälle legen Erhebungen nahe, dass die Dunkelziffer weiterhin hoch ist. Laut der Umfrage EU-Grundrechteagentur FRA von 2024 meldeten nur zehn Prozent der Polizei einen queerfeindlichen Vorfall. Viele Betroffene zeigen Übergriffe nicht an – aus Scham, Misstrauen gegenüber der Polizei oder weil die eindeutige Feststellung eines queerfeindlichen Motivs schwierig ist.

Sachsen-Anhalt: Ein Brennpunkt queerfeindlicher Gewalt

Der Angriff in Magdeburg findet vor dem Hintergrund einer besonders angespannten Situation in Sachsen-Anhalt statt. In diesem Jahr wurden vermehrt Angriffe gewaltorientierter Rechtsextremist/-innen auf queere Veranstaltungen verzeichnet, insbesondere in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Gerade in Ostdeutschland erleben queere Communities verstärkt Angriffe auf queere Sichtbarkeit und Strukturen – das Verbot der Regenbogenflagge in Neubrandenburg, die rechtsextremen Angriffe beim Christopher-Street-Day in Bautzen oder die wiederholten Sachbeschädigungen an queeren Orten in Magdeburg und Rostock sind Angriffe auf unsere demokratische Grundordnung.

Wie die "Volksstimme" berichtete, konnte die Polizei zunächst nichts zu dem Angriff auf das "Boys'n'Beats" sagen, da der Vorfall noch nicht angezeigt worden war. Dies unterstreicht einmal mehr die Problematik der hohen Dunkelziffer bei queerfeindlichen Straftaten.

Solidarität aus Politik und Community

In den sozialen Medien erhielt der queere Club umgehend Unterstützung und Solidarität – auch aus der Politik. Eva von Angern, Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag von Sachsen-Anhalt, kommentierte den Instagram-Post mit den Worten: "Bitte lasst euch nicht einschüchtern – ihr seid stärker als die!" Auch die Magdeburger Grünen zeigten sich solidarisch und erklärten auf Threads: "Wir sind mehr und wir lassen uns nicht unterkriegen."

Diese Solidaritätsbekundungen sind wichtig, denn queere Vereine wie der CSD Magdeburg e.V. fördern die Sichtbarkeit queerer Lebensweisen und deren Akzeptanz in der Gesellschaft. Mit über 300 Mitgliedern ist er der größte queere Verein Sachsen-Anhalts und setzt sich in zahlreichen Aktionen für die Rechte der queeren Community ein. Orte wie das "Boys'n'Beats" sind nicht nur Partylocations, sondern Schutzräume und Anker für die Community.

Die Botschaft: Wir lassen uns nicht einschĂĽchtern

Trotz der zunehmenden Bedrohung zeigt sich die queere Community in Magdeburg widerstandsfähig. Die Betreiber*innen des "Boys'n'Beats" machten deutlich: "Unsere Haltung bleibt stark." Diese Entschlossenheit ist angesichts der aktuellen Lage wichtiger denn je. Gerade in Zeiten eines erstarkenden Rechtsextremismus ist ein klares Bekenntnis zum Schutz queerer Menschen im Grundgesetz notwendig.

Der Angriff auf das "Boys'n'Beats" ist mehr als eine Sachbeschädigung – er ist ein Angriff auf die Freiheit, auf die Selbstbestimmung und auf das Recht, sichtbar zu sein. Doch die queere Community in Magdeburg und ganz Deutschland zeigt: Sie lässt sich nicht kleinkriegen. Wie der Club selbst schrieb: "Wir stehen weiterhin für Respekt, Miteinander und Zusammenhalt."

Quelle: queer.de


Keira Knightley unter Beschuss: Lachen über JK Rowling sorgt für Empörung

Die britische Schauspielerin Keira Knightley, 40, gerät in heftige Kritik, nachdem ein Video viral ging, das sie lachend bei einem Interview über JK Rowlings trans-feindliche Positionen zeigt. Die Schauspielerin wurde im September für das kommende Hörbuch "Harry Potter: The Full-Cast Audio Editions" angekündigt, in dem sie die verhasste Schulleiterin Professor Umbridge sprechen wird. Der Vorfall hat eine neue Welle der Empörung in der LGBTQ+-Community ausgelöst.

Das kontroverse Interview

Im Interview mit Decider wurde Knightley gefragt, ob sie sich bewusst sei, dass einige Fans zum Boykott aufrufen. "I was not aware of that, no," antwortete sie. "I'm very sorry." Was jedoch für besondere Empörung sorgte: Das Video zeigt Knightley, wie sie nach ihrer Entschuldigung lacht und auch beim nachfolgenden Kommentar über ein friedliches Zusammenleben kichert.

Der Clip wurde ĂĽber 15 Millionen Mal angesehen, nachdem er auf sozialen Medien geteilt wurde. Die Reaktionen fielen vernichtend aus: Ein Kommentar, der mehr als 16.000 Likes erhielt, lautete: "That laugh says NOT sorry". Andere verglichen ihr Verhalten mit einem Teenager, der sich entschuldigt, es aber nicht ernst meint.

Der deutsche Kontext: Auch hierzulande eine bekannte Debatte

Die Kontroverse um JK Rowling und ihre Haltung zu trans Personen ist auch in Deutschland ein vieldiskutiertes Thema. Rowling hat sich über die Jahre radikalisiert. Ihre hauptsächliche Argumentationslinie: Es gibt nur zwei biologische Geschlechter. Daran sei nichts zu ändern. Trans Frauen sind für sie keine Frauen, sondern eben trans Frauen.

Harry-Potter-Hauptdarsteller Daniel Radcliffe positionierte sich klar: "Transgender Frauen sind Frauen." Jedes gegenteilige Statement lösche die Identität und die Würde von trans Personen. Auch in Deutschland wurden Rowlings Äußerungen stark kritisiert. Die Bestsellerautorin hat sich bereits zum wiederholten Male transfeindlich geäußert.

Boykottaufrufe und ihre Wirkung

Die Frage, ob man Harry-Potter-Produkte noch konsumieren sollte, beschäftigt auch deutsche Fans intensiv. Die Boykott-Aufrufe scheinen das Spiel "Hogwarts Legacy" kaum aufzuhalten. Millionen Menschen schauten auf der Plattform Twitch Streamenden beim Spielen zu. Auch zum Boykott der Bücher wird immer wieder aufgerufen - mit mäßigem Erfolg. Nun kommt aber ein wenig mehr Bewegung in die Sache. Erste Buchhändler nehmen jetzt nämlich Harry Potter tatsächlich aus dem Sortiment.

Mit jedem Kauf wĂĽrde Rowling mitfinanziert werden und damit ihr transfeindlicher Aktivismus. Diese moralische ZwickmĂĽhle stellt viele Fans vor schwierige Entscheidungen - auch in Deutschland, wo die Debatte um trans Rechte und TERFs (Trans Exclusionary Radical Feminists) ebenfalls gefĂĽhrt wird.

Die Stimme der Betroffenen

Rowling setzt sich nicht nur verbal gegen trans Menschen ein, sondern auch aktiv für transfeindliche Gesetze. Beispielsweise hilft sie der Rechtsanwältin Allison Bailey mit finanziellen Mitteln, die sich wiederum gegen trans Rechte einsetzt. Transfreundliche Gesetzesänderungen wie kürzlich in Schottland kritisiert sie vehement.

Die trans YouTuberin und Journalistin Jessie Earl betonte, dass es nicht darum gehe, bereits erworbene Produkte zu entsorgen, sondern keine weiteren zu kaufen. Knightleys Lachen wirkt in diesem Kontext besonders verletzend für trans Menschen, die täglich um Anerkennung und Rechte kämpfen müssen.

Parallelen in Deutschland

Das entspricht dem gesamten Lager der sogenannten TERFs, die in Deutschland mit bekannten Persönlichkeiten wie der Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer ebenfalls Positionen gegen die Gleichstellung von trans Menschen, insbesondere trans Frauen, beziehen. Die Debatte zeigt: Das Thema ist nicht auf Großbritannien beschränkt, sondern betrifft die gesamte LGBTQ+-Community in Europa.

Während das Hörbuch zwischen November 2025 und Mai 2026 veröffentlicht werden soll und über 200 Sprecher beteiligt sind, haben sich bisher nur wenige der beteiligten Schauspieler zu Rowlings Haltung geäußert. Knightleys Lachen dürfte jedoch kaum dazu beitragen, die Wogen zu glätten - im Gegenteil: Es zeigt, wie schwer es vielen prominenten Persönlichkeiten fällt, sich klar gegen Diskriminierung zu positionieren, wenn wirtschaftliche Interessen im Spiel sind.


Bedrohung für queere Existenz: Türkei plant Haftstrafen – "Schlimmer als Russland"

Die türkische Regierung plant einen der schärfsten Angriffe auf LGBTIQ+-Rechte in Europa: Ein neuer Paragraf sieht vor, dass „jeder, der Einstellungen oder Verhaltensweisen, die bei seiner Geburt festgestelltem biologischen Geschlecht und der öffentlichen Moral widersprechen, öffentlich unterstützt, lobt oder fördert, mit einer Freiheitsstrafe von einem bis zu drei Jahren bestraft" wird, berichtet queer.de. Die queere Organisation KaosGL warnt eindringlich: Der Gesetzentwurf sei "schlimmer als in Russland".

Ein Angriff auf die queere Community mit weitreichenden Folgen

Der durchgesickerte Entwurf des elften Justizreformpakets der türkischen Regierung liest sich wie ein Alptraum für die LGBTIQ+-Community: Wenn Personen gleichen Geschlechts eine Verlobungs- oder Trauungszeremonie durchführen, werden sie zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten bis zu vier Jahren verurteilt. Auch symbolische Feiern würden damit kriminalisiert – ein massiver Eingriff in das Privatleben queerer Menschen.

Besonders perfide: Die Formulierung bedroht auch die Arbeit von queeren Organisationen und könnte gegen Personen eingesetzt werden, die sich etwa nicht vermeintlich geschlechtstypisch kleideten, warnt Rechtsanwalt Kerem Dikmen von KaosGL. Die vagen Formulierungen öffnen Willkür Tür und Tor – ein Mann, der Nagellack trägt, könnte bereits bestraft werden.

Trans Menschen besonders betroffen

Für trans Personen verschärft sich die Situation dramatisch: Trans* Menschen sollen erst mit frühestens 25 Jahren eine geschlechtsangleichende Operation durchführen lassen können und auch dann nur mit einem psychologischen Gutachten. Der Entwurf sieht zudem vor, dass trans Menschen vier medizinische Gutachten vorlegen müssen, die jeweils mindestens drei Monate auseinanderliegen – eine bürokratische Hürde, die den Zugang zur geschlechtsangleichenden Behandlung faktisch blockiert.

Noch 2017 hatte das türkische Verfassungsgericht einen wichtigen Fortschritt erzielt: Transsexuelle müssen sich in der Türkei nicht mehr zwangsweise geschlechtsanpassenden Operationen mit dem Ziel der Unfruchtbarmachung unterziehen. Doch dieser Fortschritt droht nun zunichte gemacht zu werden. Unfruchtbarkeit soll wieder zur Voraussetzung gemacht werden – ein Schritt zurück in die Barbarei.

"Schlimmer als Russland" – ein erschreckender Vergleich

Die türkische LGBTIQ+-Organisation KaosGL vergleicht den Entwurf mit dem russischen Gesetz von 2013, das jegliche positiven Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien wie das Internet unter Strafe stellt. Doch während Russlands "Homo-Propaganda-Gesetz" ursprünglich auf Minderjährige beschränkt war, geht der türkische Entwurf weiter: Er kriminalisiert queere Existenz für alle Altersgruppen und sieht Haftstrafen statt Geldstrafen vor.

Die Folgen der russischen Gesetzgebung sind verheerend: Die Anzahl von Hassverbrechen gegen LGBTQ-Personen ist nach der Verabschiedung des Gesetzes 2013 dreifach höher als in der Zeit davor. Für den Zeitraum von 2010 bis 2020 wurden 1.056 Hassverbrechen gegen 853 Personen festgestellt, von denen 365 tödlich endeten. Diese erschreckenden Zahlen zeigen, was passiert, wenn Staaten queere Menschen zu Sündenböcken machen.

Parallelen zu Deutschland: Wie können wir helfen?

In Deutschland genießen LGBTIQ+-Personen weitreichende Rechte: 71 Prozent der Deutschen befürworten die Ehe für alle. Drei Viertel (73 %) finden, dass Homosexuelle bei der Adoption von Kindern die gleichen Rechte haben sollten wie heterosexuelle Paare. Doch auch hierzulande gibt es Herausforderungen: Vor allem bei jungen Männern nehmen queerfeindliche Ansichten auch in Deutschland eher zu.

Die deutsch-türkische Zivilgesellschaft und deutsche LGBTIQ+-Organisationen sind gefordert. Bereits 2008 diskutierte die Hirschfeld-Eddy-Stiftung gemeinsam mit Human Rights Watch über die Menschenrechtslage queerer Menschen in der Türkei. Die Arbeit von Organisationen wie KaosGL, die seit 1994 für LGBTIQ+-Rechte kämpft, verdient internationale Solidarität und Unterstützung.

Erdoğans "Jahr der Familie" – ein Vorwand für Repression

2025 wurde als das 'Family Year' designiert. Viele Politiker, einschließlich Präsident Recep Tayyip Erdoğan, haben LGBTIQ+-Personen mit Begriffen wie 'Entsexualisierung', 'LGBT-Propaganda' und 'abweichende und schädliche Bewegungen' ins Visier genommen. Erdogan bezeichnet die LGBTQ-Bewegung als "perverse Ideologie" und fordert: "Es sei die Verantwortung aller, 'unsere Kinder und Jugendlichen vor schädlichen Trends und perversen Ideologien' zu schützen."

Dabei ist Homosexualität bereits seit 1858 in der Türkei legal. Seit der Streichung von Homosexualität als Straftatbestand droht Schwulen und Lesben damit nach über 165 Jahren erstmals wieder eine Kriminalisierung. Ein trauriger Rückschritt für ein Land, das einst als eines der toleranteren in der islamischen Welt galt.

Was passiert als Nächstes?

Am 18. Februar wurden in Razzien zum Verdacht einer Mitgliedschaft in einer "Terrororganisation" rund 50 Personen festgenommen, darunter Yildiz Tar, der Chefredakteur von KaosGL, und weitere queere Personen und Aktivist*innen. Der Chefredakteur sitzt noch immer in Untersuchungshaft – ein klares Signal der Einschüchterung.

Abdullah Güler, Fraktionschef der Regierungspartei AKP, erklärte zwar, dass der Entwurf nicht eingebracht worden sei. Doch das Durchsickern könnte ein Testballon sein, um die Reaktionen zu testen und die Community einzuschüchtern. Die internationale Gemeinschaft muss jetzt Druck ausüben, um zu verhindern, dass dieser menschenverachtende Entwurf Gesetz wird.

Die queere Community in der Türkei braucht unsere Solidarität. Wie ein schwuler Mann gegenüber der türkischen Zeitung Turkiye Today erklärte: "Sie wollen uns auslöschen, aber wir werden uns nicht beugen!" Dieser Mut verdient unsere Unterstützung – heute mehr denn je.


Erfolg fĂĽr trans Rechte: Bundesrat stoppt Dobrindts umstrittenes Sonderregister

In einer überraschenden Wendung hat die Bundesregierung am Freitag die geplante Abstimmung über eine umstrittene Verordnung zum Selbstbestimmungsgesetz kurzfristig von der Tagesordnung des Bundesrates genommen. Die geplante Verordnung hätte frühere Geschlechtseinträge und Vornamen dauerhaft im Melderegister gespeichert und an andere Behörden übermittelt. Nach monatelangen Protesten von queeren Verbänden, Aktivist*innen und über 250.000 Unterzeichner*innen einer Petition ist dies ein wichtiger Erfolg für die trans, inter und nicht-binäre Community – zumindest vorerst.

Was war geplant?

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte ein Sonderregister für alle Menschen geplant, die das Selbstbestimmungsgesetz in Anspruch genommen haben. Die im Juli bekannt gewordene Verordnung zur Umsetzung des Selbstbestimmungsgesetzes im Meldewesen sah vor, dass bei Änderungen des Geschlechtseintrags neue zusätzliche Datenblätter im Melderegister angelegt werden sollten – mit Informationen über den früheren Geschlechtseintrag, den alten Vornamen sowie Datum und Aktenzeichen der Änderung.

Das Besondere daran: Der alte Vorname, das frühere Geschlecht und das Datum der Änderung sollten in eigenen Datenfeldern im aktuellen Datensatz gespeichert werden – und das für immer, denn die Daten sollten außerdem bei jedem Umzug automatisch mitwandern. Anders als bisher, wo alte Datensätze mit einem Sperrvermerk versehen wurden, wären die sensiblen Informationen künftig für unzählige Behörden direkt einsehbar gewesen.

Warum die Empörung so groß war

Die Kritik an der Verordnung war massiv und kam aus allen Richtungen. Die geplante Verordnung zur Erfassung und Weitergabe von Daten von Personen, die das Selbstbestimmungsgesetz zur Änderung von Geschlechtseintrag und Vornamen genutzt haben, sorgte seit Wochen für Empörung. Queere Verbände wie die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und Inter*geschlechtlichkeit (dgti), der Bundesverband Trans* und der LSVD kritisierten das Vorhaben scharf als unnötig und gefährlich.

Der LSVD betonte, dass entgegen Offenbarungsverbot und Datenlöschungsgrundsätzen ein "Mechanismus" entstehe, "der das 'alte Geschlecht' dauerhaft mitführt, obwohl das SBGG gerade darauf abzielt, dass Menschen nach einer Änderung nicht mehr an ihren früheren Geschlechtseintrag gebunden sind". Die Regelung würde faktisch ein "altes Ich" zementieren, das dauerhaft mitgeführt werden müsse – ein direkter Widerspruch zum Ziel des Selbstbestimmungsgesetzes.

Die dunkle Parallele: Rosa Listen in Deutschland

Besonders beunruhigend war fĂĽr viele Betroffene die historische Parallele zu sogenannten "Rosa Listen". Der Berliner Queerbeauftragte Alfonso Pantisano warnte vor der WiedereinfĂĽhrung von Rosa Listen, wie sie in der deutschen Geschichte bereits eine unheilvolle Rolle gespielt haben.

Seit dem Kaiserreich gab es in Deutschland Listen von männlichen Homosexuellen, die die Polizei angelegt hatte, um die Verfolgung von Straftaten gegen § 175 zu erleichtern. Im Nationalsozialismus wurden diese Listen zur systematischen Verfolgung genutzt. Zwischen 1935 und 1944 wurden rund 50.000 Urteile nach dem NS-Paragrafen 175 gefällt. Insgesamt waren etwa 10.000 Homosexuelle in den NS-Konzentrationslagern inhaftiert, wo sie den Rosa Winkel als Kennzeichnung tragen mussten.

Noch erschreckender: Die "Rosa Listen" der Nazis wurden von der BRD und auch der DDR bis in die achtziger Jahre weitergeführt. Erst in den 1990er Jahren endete diese Praxis endgültig. Diese historische Last macht verständlich, warum die geplante zentrale Erfassung von trans Personen bei Betroffenen und Verbänden Alarmglocken läuten ließ.

Keine Mehrheit im Bundesrat

Die Absetzung der Abstimmung deutet darauf hin, dass die Befürworter*innen der Verordnung keine Chance auf eine Mehrheit sahen. Der Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte sich mehrheitlich für eine Ablehnung ausgesprochen, da die Verordnung "nicht erforderlich" sei und "den besonderen Schutzbedarf der betroffenen Personengruppe" missachte. Während die Innen- und Rechtsausschüsse eine Zustimmung empfohlen hatten, reichte der Widerstand offenbar aus, um die Regierung zum Rückzug zu bewegen.

Entscheidend war wohl auch, dass in den 16 Bundesländern acht Koalitionen mit Grünen oder Linken regieren, die über eine knappe Mehrheit von 35 der 69 Sitze im Bundesrat verfügen. In Koalitionen müssen sich die Partner auf eine gemeinsame Stimme einigen – eine Enthaltung käme dabei einer Ablehnung gleich.

Erfolg der Zivilgesellschaft

Unter dem Druck von heftigen Protesten strich der Bundesrat die geplante Verordnung von der Tagesordnung. Die queerpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Nyke Slawik, erklärte laut queer.de: "Die Bundesregierung hat aufgrund des sich abzeichnenden Widerstands kalte Füße bekommen und hat ihre Verordnung erstmal zurückgezogen." Sie betonte, dies sei "das Ergebnis des Drucks der Zivilgesellschaft, von Verbänden und uns in Bund und den Ländern."

Auch Maik Brückner, queerpolitischer Sprecher der Linksfraktion, begrüßte, dass die Bundesregierung "trotz eines gestern noch hektisch aufgesetzten Schreibens an die Bundesländer keine Mehrheit für diese transfeindliche Verordnung zustande bringen" konnte. "Das ist auch ein Erfolg der Proteste von Verbänden und queerer Bewegung", so der Bundestagsabgeordnete aus Niedersachsen auf Instagram.

Das Selbstbestimmungsgesetz – ein Meilenstein in Gefahr

Das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) erleichtert es trans, intergeschlechtlichen und nicht-binären Personen, ihren Geschlechtseintrag und ihre Vornamen ändern zu lassen. Es ist am 1. November 2024 in Kraft getreten. Es löste das über 40 Jahre alte Transsexuellengesetz ab, das vom Bundesverfassungsgericht in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt worden war.

Während das alte Gesetz langwierige Gerichtsverfahren und entwürdigende psychiatrische Gutachten vorschrieb, reicht nun eine einfache Erklärung beim Standesamt aus. Das Gesetz enthält zudem ein Offenbarungsverbot, das Menschen vor einem Zwangsouting schützen soll – genau das, was die geplante Verordnung ausgehöhlt hätte.

Nur eine Atempause?

Nyke Slawik mahnte, jetzt heiße es "erst einmal kurz aufatmen". Die Verordnung ist nicht endgültig vom Tisch – sie wurde lediglich zurückgezogen. Trotz massiver Kritik versucht das Innenministerium, das eigene Vorhaben durchzudrücken. Es bleibt abzuwarten, ob Bundesinnenminister Dobrindt einen erneuten Anlauf unternehmen wird, möglicherweise mit Änderungen, die auf die Kritik eingehen.

Für trans, inter und nicht-binäre Menschen in Deutschland ist die Absetzung der Abstimmung dennoch ein wichtiger Erfolg. Sie zeigt, dass zivilgesellschaftlicher Protest und die Mobilisierung von über 250.000 Menschen etwas bewirken können. Das Ziel des Selbstbestimmungsgesetzes war es, Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierungen abzubauen. Die geplanten Änderungen im Meldewesen hätten jedoch erneut die Grundrechte von trans, intergeschlechtlichen und nicht-binären Personen verletzt.

Die Community bleibt wachsam – und ist bereit, ihre hart erkämpften Rechte zu verteidigen. Denn die Geschichte hat gelehrt: Listen über Minderheiten sind niemals nur Listen. Sie sind Instrumente der Ausgrenzung, der Kontrolle und im schlimmsten Fall der Verfolgung.


Zwischen Akzeptanz und Ablehnung: Ein Drittel der Deutschen sieht AntidiskriminierungsmaĂźnahmen als zu weitreichend

Deutschland ringt um seine Haltung zu queeren Rechten. Eine neue Studie des Mercator Forum Migration und Demokratie (MIDEM) an der TU Dresden zeigt: Mehr als 81 Prozent der Deutschen nehmen die Gesellschaft als gespalten wahr, wobei dem Thema Zuwanderung das größte Spaltungspotenzial zugeschrieben wird. Doch auch die Frage nach Gleichstellung und Sichtbarkeit queerer Menschen polarisiert zunehmend – und offenbart tiefe Gräben in der Gesellschaft.

Die im Februar 2025 durchgeführte repräsentative Befragung von rund 4.400 Personen in Deutschland bringt ernüchternde Ergebnisse: Während 40 Prozent der Befragten fordern, dass mehr gegen die Diskriminierung sexueller Minderheiten getan werden müsse, erklärt fast ein Drittel (31 Prozent), die Antidiskriminierungsmaßnahmen gingen bereits zu weit. Nur 22 Prozent meinen, es werde derzeit genau richtig gehandelt.

Die Regenbogenfahne als Streitpunkt

Besonders brisant: Die Studie fragte erstmals direkt nach der Regenbogenfahne – jenem Symbol, das für viele queere Menschen Identität und Hoffnung bedeutet. Das Ergebnis zeigt, dass queerfeindliche Kampagnen gegen das Symbol offenbar Wirkung zeigen: 38 Prozent der Befragten sagen, dass die Regenbogenfahne weniger an öffentlichen Plätzen gezeigt werden solle, nur 33 Prozent wollen sie öfter sehen. 21 Prozent lagen in ihrer Einschätzung in der Mitte.

Die Frage nach der Regenbogenfahne belegt im Polarisierungsranking bereits den vierten Platz, die Antidiskriminierungsfrage den sechsten. Am polarisiertesten ist die Bevölkerung in Deutschland bei den Fragen nach Klimaschutzmaßnahmen, der Unterstützung der Ukraine und der Integration von Zugewanderten.

Deutschland im europäischen Vergleich: Leicht liberaler, aber unter Druck

Trotz dieser besorgniserregenden Entwicklungen zeigt sich im europäischen Vergleich eine "leicht liberalere Meinungsverteilung in Deutschland", wie die Studie feststellt. Im Gegensatz zu den meisten anderen befragten Ländern hat sich in Deutschland die Unterstützung für die Rechte von LGBTQIA+ in den letzten Jahren nicht signifikant verschlechtert – anders als weltweit, wo queere Menschen immer stärker unter Druck geraten.

Eine aktuelle Ipsos-Studie vom Juni 2025 zeigt: 78 Prozent der Deutschen sind dafür, dass lesbische, schwule und bisexuelle Menschen vor Diskriminierung am Arbeitsplatz oder bei der Wohnungssuche geschützt werden. Auch für den Schutz von transgeschlechtlichen Menschen sprechen sich 75 Prozent aus – beides Werte, die im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozentpunkte gestiegen sind.

Dennoch gibt es auch in Deutschland Rückschritte: Bei der Frage nach transgeschlechtlichen Menschen im Leistungssport folgt Deutschland dem globalen Trend – nur ein Viertel der Deutschen befürwortet deren Teilnahme, ein Rückgang von sechs Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr.

Der Streit um die Regenbogenfahne am Bundestag

Die Studie erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Debatte um queere Sichtbarkeit in Deutschland auf dramatische Weise eskaliert. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hatte angeordnet, die Regenbogenfahne aus Neutralitätsgründen nur noch zum Internationalen Tag gegen Homophobie am 17. Mai auf dem Reichstagsgebäude hissen zu lassen – und eben nicht mehr zum Berliner CSD. Das löste breite Kritik aus.

Die Übergriffe auf queere Menschen nehmen seit Jahren zu – allein von 2022 auf 2023 um fast 50 Prozent. Viele CSDs finden nur noch unter Polizeischutz statt oder werden wegen rechtsextremer Bedrohungen abgesagt. Laut offiziellen Zahlen gibt es jeden Tag mindestens drei Angriffe auf LSBTIQ* in Deutschland.

Gerade in diesem Kontext kritisieren LGBTI-Organisationen das Verbot als falsches Signal. Mehr als 237.000 Menschen protestierten gegen das Verbot der Regenbogenfahne am Bundestag – doch Julia Klöckners Angriff auf queere Sichtbarkeit am CSD-Wochenende 2025 blieb bestehen. Der Streit eskalierte weiter, als die Bundestagspolizei sogar Abgeordnete aufforderte, Regenbogenfahnen aus ihren Büros zu entfernen, was SPD-Parlamentarierin Lina Seitzl als "Jagd auf Regenbogenfahnen" bezeichnete.

Politische Polarisierung und ihre Auswirkungen

Die MIDEM-Analyse zeigt, dass die affektive Polarisierung bei den Themen "Klimawandel" und "Migration" am größten ist. Generell sind Linke stärker polarisiert als Rechte – beim Thema Zuwanderung jedoch zeigen sich Personen, die sich politisch rechts positionieren, stärker affektiv polarisiert.

Hohe affektive Polarisierung kann ideologische Verhärtung, unzureichendes Verständnis für abweichende Ansichten und fehlende Kompromissbereitschaft anzeigen. "Demokratische Entscheidungsprozesse werden dann erschwert und die Akzeptanz dieser schwindet. Dies schadet der Demokratie", betont MIDEM-Direktor Prof. Hans Vorländer.

Ein Zeichen der Zeit – und ein Weckruf

Die Studienergebnisse machen deutlich: Die Akzeptanz queerer Menschen in Deutschland steht auf wackligen Beinen. Während eine knappe Mehrheit weiterhin für Gleichstellung eintritt, wächst eine erhebliche Minderheit heran, die Antidiskriminierungsmaßnahmen ablehnt und selbst das Symbol der Regenbogenfahne als Provokation empfindet.

In einer Zeit, in der die Zahl der politisch motivierten Straftaten im Jahr 2024 um 40,22 Prozent auf 84.172 Delikte angestiegen ist und damit den höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Jahr 2001 erreicht, sowie die politisch motivierten Gewalttaten um 15,33 Prozent auf 4.107 Delikte anstiegen, wird die Frage nach Solidarität zur existenziellen Frage. Die Debatte um die Regenbogenfahne ist mehr als ein Symbolstreit – sie ist ein Gradmesser dafür, wie ernst Deutschland es mit dem Schutz von Minderheiten meint.


Historisches Urteil: Trans-Postzustellerin gewinnt Diskriminierungsklage gegen Royal Mail

In einem wegweisenden Urteil hat Sophie Cole eine Entschädigung von £12.500 (etwa 16.600 US-Dollar) von einem Arbeitsgericht in Bury St Edmonds, Suffolk, zugesprochen bekommen. Die 46-jährige trans Frau aus Cambridge war am Arbeitsplatz Mobbing, verbalem Missbrauch und körperlichen Übergriffen ausgesetzt. Das Gericht entschied, dass Royal Mail es versäumt hatte, auf ihre Beschwerden zu reagieren.

Der Originaltext zu diesem Fall findet sich bei PinkNews.

Ein Urteil mit Signalwirkung

Besonders bemerkenswert: Das Urteil ist möglicherweise das erste im Vereinigten Königreich seit der Entscheidung des Supreme Court im April, dass die Definition von "Geschlecht" im Equality Act 2010 sich auf "biologisches Geschlecht" bezieht. Der Supreme Court hatte geregelt, dass "Geschlecht", "Mann" und "Frau" im Equality Act auf das biologische Geschlecht bei der Geburt verweisen.

Trotz dieser restriktiven rechtlichen Entwicklung konnte Cole erfolgreich klagen. Das Gericht akzeptierte, dass wenn ein Täter sie während der Belästigung als Frau wahrgenommen hat, sie als weibliches Opfer anerkannt werden kann. Dies macht den Fall zu einem juristischen Präzedenzfall.

Alltägliche Gewalt am Arbeitsplatz

Die Details des Falls sind erschütternd: Cole berichtete von Belästigungen durch zwei Kollegen, einschließlich Isolierung, Beschimpfungen, ungewollten Berührungen und körperlichen Übergriffen. Ein Kollege ahmte ihre Stimme in Falsett nach, und ihr Auto wurde bespuckt. Cole sagte, sie habe zeitweise um ihr Leben gefürchtet und sei schwer depressiv gewesen.

Cole hatte 2016 mit ihrer Transition begonnen und war zu Royal Mail gewechselt, nachdem sie eine leitende Position im Finanzsektor aufgegeben hatte, in der Hoffnung auf einen sichereren und inklusiveren Arbeitsplatz. Diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht.

Parallelen zur Situation in Deutschland

Auch in Deutschland erleben trans Personen massive Diskriminierung am Arbeitsplatz. Studien zeigen, dass trans Personen in allen Bereichen des Lebens, insbesondere im Arbeitsleben, massiven Diskriminierungen ausgesetzt sind, von Benachteiligung beim Zugang zum Arbeitsmarkt über Belästigungen bis hin zu Gewalt, wobei sie überdurchschnittlich häufig von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind.

Eine aktuelle EU-Grundrechteagentur-Studie zeigt alarmierende Zahlen für Deutschland: 42% der trans Frauen, 26% der trans Männer und 20% der nicht-binären Personen erlebten bei der Jobsuche in den letzten 12 Monaten Diskriminierung, während 35% der trans Frauen, 32% der trans Männer und 31% der nicht-binären Personen am Arbeitsplatz diskriminiert wurden.

Im Gegensatz zum britischen Rechtssystem bietet das deutsche Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) umfassenderen Schutz: Das AGG schützt Menschen vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität, wobei trans und inter Personen rechtlich durch das Merkmal Geschlecht geschützt sind.

Eine Botschaft der Hoffnung

Cole bezeichnete das Urteil als "einen Sieg für die trans Community", weil es beweise, "dass trans Personen immer noch Ansprüche wegen sexueller Belästigung in ihrem echten Geschlecht gewinnen können". Sie vertrat sich selbst vor Gericht – ein bemerkenswerter Akt der Selbstbehauptung.

Royal Mail erklärte in einem Statement, alle Vorwürfe von Belästigung und Diskriminierung ernst zu nehmen und die Empfehlungen des Gerichts so schnell wie möglich umzusetzen.

Dieser Fall zeigt eindrücklich: Trotz zunehmender rechtlicher Einschränkungen in Großbritannien können trans Personen ihre Rechte erfolgreich durchsetzen. Die Anerkennung durch Wahrnehmung – dass Cole als Frau belästigt wurde, weil ihre Kollegen sie als Frau wahrnahmen – öffnet einen wichtigen juristischen Weg. Für trans Personen in Deutschland und ganz Europa bleibt es essentiell, gegen Diskriminierung aufzustehen und die bestehenden rechtlichen Schutzmechanismen zu nutzen.


Wenn Social Media zum Verhängnis wird: US-Regierung entzieht Deutschen Visum wegen Tweet zu Charlie Kirk

Die Trump-Administration macht Ernst mit ihrer angekündigten Überwachung von Social-Media-Äußerungen: Eine deutsche Person hat ihr US-Visum verloren, nachdem das US-Außenministerium ihr vorwarf, den Tod des rechten Aktivisten Charlie Kirk gefeiert zu haben. Der Vorwurf: Die Person habe in sozialen Netzwerken geschrieben: „Wenn Faschisten sterben, beschweren sich Demokraten nicht". Die Nachricht aus Washington ist auch für die deutsche LGBTQ+-Community von Bedeutung, denn Kirk war einer der bekanntesten transfeindlichen Stimmen der amerikanischen Rechten. Der Fall wirft grundlegende Fragen über Meinungsfreiheit, staatliche Überwachung und die Grenzen politischer Äußerungen auf – ein Thema, das gerade in Deutschland von besonderer Relevanz ist.

Die Meldung findet sich im offiziellen queer.de-Bericht, der die Dimension dieser neuen Politik deutlich macht: Neben der deutschen Person sind auch Staatsangehörige aus Mexiko, Argentinien, Südafrika, Brasilien und Paraguay von dem Visa-Entzug betroffen. Das US-Außenministerium erklärte, „die Vereinigten Staaten sind nicht verpflichtet, Ausländer aufzunehmen, die Amerikanern den Tod wünschen".

Wer war Charlie Kirk – und warum ist sein Tod so umstritten?

Charlie Kirk, der am 10. September 2025 bei einer Veranstaltung der Turning Point USA an der Utah Valley University erschossen wurde, war eine zentrale Figur der amerikanischen Rechten. Doch für die LGBTQ+-Community repräsentierte er etwas anderes: Kirk war eine definierende Stimme für eine neue Generation konservativer Aktivisten geworden – er griff LGBTQ-Rechte an, wetterte gegen Immigration und verstärkte die Kultur-Kriegs-Rhetorik.

Seine transfeindlichen Äußerungen waren besonders drastisch. Im April 2024 forderte Kirk ein landesweites Verbot geschlechtsangleichender Versorgung für trans Menschen und verlangte „Nürnberg-artige" Prozesse für Ärzte, die solche Behandlungen durchführen – ein Verweis auf die NS-Kriegsverbrecherprozesse. In einer Rede im Jahr 2023 sagte Kirk, dass trans Frauen in Damenumkleiden „auf die Art behandelt werden sollten, wie wir Dinge in den 1950er und 60er Jahren geregelt haben", und nannte das Transgender-Thema einen „pochenden Mittelfinger gegenüber Gott".

Die „Catch and Revoke"-Politik: Social Media unter staatlicher Beobachtung

Was hier geschieht, ist mehr als ein Einzelfall. Das US-Außenministerium führt ein Social-Media-Überwachungsprogramm namens „Catch and Revoke" durch, das KI-gestützte Überprüfungen von Zehntausenden von Visum-Inhabern vorsieht, um politische Aktivitäten oder Social-Media-Verhalten zu identifizieren, die die aktuelle Regierung als problematisch ansieht. Die Trump-Administration überprüft mehr als 55 Millionen Menschen mit gültigen US-Visa auf mögliche Verstöße, die zur Abschiebung führen könnten – alle Visum-Inhaber unterliegen einer „kontinuierlichen Überprüfung".

Besonders betroffen sind internationale Studierende. Das Außenministerium hat in diesem Jahr mehr als 6.000 Studierendenvisa widerrufen – fast viermal so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Zu den Verstößen, die „Catch and Revoke" auslösen können, gehören Social-Media-Posts, die US-Politik oder -Kultur kritisieren, verdächtige Reisen in sanktionierte Länder oder finanzielle Aktivitäten, die mit gekennzeichneten Institutionen verbunden sind.

Deutsche Perspektive: Wo liegen die Grenzen der Meinungsfreiheit?

Der Fall wirft auch für Deutschland wichtige Fragen auf. Die Meinungsfreiheit ist ein zentrales Grundrecht in Deutschland, verankert in Artikel 5 des Grundgesetzes. Sie garantiert jedem das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. Doch auch dieses Recht hat Grenzen: Im Grundgesetz heißt es, dass diese Rechte ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze finden – etwa in Artikel 130 (Volksverhetzung) des Strafgesetzbuches.

Die Meinungsfreiheit schützt in gewissen Grenzen auch sogenannte Hassrede, also etwa ausländerfeindliche, sexistische oder rassistische Meinungsäußerungen. Auf Grenzen stößt der Schutz solcher Hassrede in zahlreichen verfassungsgemäßen Normen des Strafrechts und des zivilrechtlichen Persönlichkeitsschutzes. Der deutsche Umgang mit Meinungsfreiheit unterscheidet sich damit fundamental vom amerikanischen Ansatz, wo die Redefreiheit traditionell sehr weit ausgelegt wird.

Die Gefahr fĂĽr queere Communities: Wenn Rhetorik zu Gewalt wird

Die LGBTQ+-Community in den USA sieht sich nach Kirks Tod mit verschärfter Rhetorik konfrontiert. Führende konservative Influencer haben offen zu Vergeltungskampagnen gegen trans Menschen und die LGBTQ+-Community aufgerufen. Laura Loomer bezeichnete trans Menschen als „Bedrohung für die nationale Sicherheit" und forderte, ihre „Bewegung solle sofort als Terrororganisation klassifiziert werden".

Therapeutinnen in Utah berichten, dass nahezu jede Notiz der letzten Wochen die psychischen Auswirkungen auf LGBTQ+-Klienten nach der Ermordung Kirks erwähnt: „Wir haben eine Zunahme der Angst bei unseren Klienten gesehen – ein Gefühl des Unheils, da sie erkennen, dass Menschen um sie herum sie direkt oder indirekt für gesellschaftliche Übel oder die Gewalt selbst verantwortlich machen könnten".

„Dies ist ein weiteres Beispiel für einen Vorfall, bei dem sie sich auf Waffengewalt konzentrieren sollten, aber stattdessen lehnen sie sich zurück in die Sündenbock-Macherei einer Community – diesmal nicht nur ohne Fakten, sondern mit falschen Fakten. Das richtet echten Schaden an Menschen an, die bereits verletzlich sind", sagte Cathy Renna, langjährige Kommunikationsdirektorin der National LGBTQ Task Force.

Ausblick: Ein Klima der EinschĂĽchterung

Die deutsche Botschaft in Washington hat bestätigt, dass man die Mitteilung des US-Außenministeriums zur Kenntnis genommen habe und die betroffene Person konsularisch unterstütze, sollte sie das wünschen. Doch der Fall zeigt eine beunruhigende Entwicklung: Seit 2017 wurden über 6.000 Visa in den USA aufgrund von Social-Media-Aktivitäten widerrufen oder verweigert – die jüngste Entscheidung des Außenministeriums unterstreicht dramatisch einen sich schnell eskalierenden Trend.

Für queere Menschen weltweit – ob sie nun in die USA reisen möchten oder sich in ihren Heimatländern für LGBTQ+-Rechte einsetzen – sendet diese Politik ein klares Signal: Kritische Äußerungen können weitreichende Konsequenzen haben. Die Grenze zwischen geschützter Rede und Grund für Visa-Verweigerung verschwimmt zunehmend. Während die US-Regierung ihre Social-Media-Überprüfungspraktiken weiter verfeinert, wird das Navigieren durch den Einwanderungsprozess mehr Bewusstsein, Vorsicht und möglicherweise rechtlichen Beistand erfordern.

Der Fall mahnt auch deutsche LGBTQ+-Aktivist*innen zur Vorsicht: In einer Zeit, in der digitale Äußerungen über Ländergrenzen hinweg verfolgt werden können, wird jeder Tweet, jeder Post zur potenziellen Gefahr für zukünftige Reisepläne – oder schlimmer noch, zur Zielscheibe für politische Verfolgung.


Kippt der Bundesrat Dobrindts Sonderregister fĂĽr trans Personen?

Am Freitag entscheidet der Bundesrat über eine umstrittene Verordnung von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU): eine Petition mit über 256.000 Unterschriften kritisiert das geplante "Sonderregister" als gefährlich und unnötig. Die vom queer.de berichtete Regelung sieht vor, dass Personen, die das seit November 2024 geltende Selbstbestimmungsgesetz nutzen, in speziellen Datenblättern erfasst werden – eine Maßnahme, die erschreckend an die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte erinnert.

Was plant das Innenministerium?

Der Entwurf sieht vor, dass nach dem zum 1. November 2024 in Kraft getretenen Selbstbestimmungsgesetz Änderungen des Geschlechtseintrags erfasst werden – inklusive Datum, zuständige Behörde, Aktenzeichen sowie frühere Vornamen. Diese Datensätze sollen im Bundeszentralregister dauerhaft vorgehalten und auch der Rentenversicherung und dem Bundeszentralamt für Steuern übermittelt werden.

Das Selbstbestimmungsgesetz sollte eigentlich einen Fortschritt bringen: Es erleichtert trans-, intergeschlechtlichen und nichtbinären Personen, ihren Geschlechtseintrag und ihre Vornamen ändern zu lassen, durch eine Erklärung gegenüber dem Standesamt. Das Bundesverfassungsgericht hatte das über 40 Jahre alte Transsexuellengesetz in mehreren Entscheidungen in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt.

Massive Kritik von Verbänden und Community

Queere Verbände reagieren entsetzt. Der LSVD kritisiert, dass "ein Mechanismus entsteht, der das 'alte Geschlecht' dauerhaft mitführt, obwohl das SBGG gerade darauf abzielt, dass Menschen nach einer Änderung nicht mehr an ihren früheren Geschlechtseintrag gebunden sind". Der Bundesverband Trans* moniert, die Regelung widerspreche dem "antidiskriminierenden Grundgedanken des Selbstbestimmungsgesetzes selbst" – die Speicherung und Weitergabe könne "zu Zwangsoutings im Kontakt mit Behörden führen mit möglichen Folgen wie Diskriminierung und Stigmatisierung".

Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano (SPD) erinnerte in einem Gastbeitrag auf queer.de an die einstigen Rosa Listen. Diese historische Parallele ist mehr als berechtigt: Seit dem Kaiserreich gab es in Deutschland Listen von männlichen Homosexuellen, die die Polizei angelegt hatte, um die Verfolgung von Straftaten gegen § 175 zu erleichtern. Die von der Polizei der Weimarer Republik gesammelten Datenbestände fielen nach der Machtergreifung 1933 den Nazis in die Hände und dienten der Gestapo zur Verfolgung der Homosexualität in der Zeit des Nationalsozialismus. Die "Rosa Listen" der Nazis wurden von der Polizei der Bundesrepublik bis in die achtziger Jahre fortgeführt.

Widerstand im Bundesrat – eine Frage der Mehrheit

Die Entscheidung liegt nun bei den Bundesländern. Der federführende Innenausschuss und der Rechtsausschuss des Bundesrates empfehlen ohne weiteren Kommentar, der Verordnung zuzustimmen. Doch es gibt auch Gegenstimmen: Der Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend plädiert auf vollständige Ablehnung – die Verordnung sei "nicht erforderlich", sie missachte "den besonderen Schutzbedarf der betroffenen Personengruppe und setzt sie einem erhöhten Diskriminierungsrisiko aus".

Der Ausschuss verweist auf den Koalitionsvertrag von Union und SPD, der zum Selbstbestimmungsgesetz eine Evaluierung vorsieht und festhält: "Im Rahmen der Namensrechtsreform nehmen wir die bessere Nachverfolgbarkeit aller Personen bei berechtigtem öffentlichem Interesse bei Namensänderungen in den Blick". Eine allgemeine Lösung statt Sonderregelungen für eine marginalisierte Gruppe – das wäre der richtige Weg.

Deutschland im internationalen Kontext

Während Deutschland bei trans Rechten einen Rückschritt zu machen droht, zeigt der internationale Vergleich, dass viele Länder längst weiter sind. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat die EU-Mitgliedsstaaten bereits 2015 dazu aufgefordert, einfache Verfahren zur Änderung von Vorname und Geschlechtseintrag für trans Personen zu schaffen, die ohne Zwangsbegutachtungen auskommen. Mit Stand März 2023 verfügten elf europäische Staaten über gesetzliche Verfahren zur Geschlechtsanerkennung auf Grundlage der Selbstbestimmung: Belgien, Dänemark, Finnland, Island, Irland, Luxemburg, Malta, Norwegen, Portugal, Spanien und die Schweiz.

Ein Bericht aus dem Jahr 2022, der bestehende Selbstbestimmungsmodelle in verschiedenen Ländern untersucht hat, zeigt, dass kein Fall einer Änderung des Geschlechtseintrags aus betrügerischen oder kriminellen Absichten bekannt geworden ist. Die Angst vor Missbrauch, die oft als Argument für mehr Kontrolle angeführt wird, ist durch Fakten nicht gedeckt.

Ein gefährlicher Präzedenzfall

Die geplante Verordnung ist mehr als eine technische Anpassung des Meldewesens – sie ist ein Angriff auf die Würde und Sicherheit von trans, inter und nichtbinären Menschen. Sie schafft einen Mechanismus staatlicher Überwachung, der eine vulnerable Minderheit systematisch erfasst und markiert. Die Geschichte hat gezeigt, wohin solche Listen führen können.

Am Freitag wird sich zeigen, ob die Länderkammer den Mut hat, diese gefährliche Verordnung zu stoppen. Es geht dabei nicht nur um Datenschutz – es geht um Menschenrechte, um die Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt und darum, ob Deutschland aus seiner Geschichte gelernt hat. Die queere Community und über 256.000 Unterzeichner*innen der Petition haben eine klare Botschaft: Nie wieder Listen gegen Minderheiten!


Bibliotheksdirektorin erhält 700.000 Dollar nach Kündigung wegen queerer Bücher – Ein Signal für Meinungsfreiheit

In einem wegweisenden Fall aus den USA hat eine ehemalige Bibliotheksdirektorin einen Vergleich über 700.000 Dollar (etwa 645.000 Euro) erreicht, nachdem sie entlassen wurde, weil sie sich weigerte, LGBTQ+-Bücher aus den Regalen zu entfernen. Terri Lesley wurde 2023 als Leiterin des Bibliothekssystems im Campbell County, Wyoming, nach 27 Dienstjahren entlassen, wie PinkNews berichtet. Die Entscheidung sendet ein starkes Signal für Informationsfreiheit und gegen Diskriminierung – und ist auch für Deutschland relevant.

Ein jahrelanger Kampf fĂĽr die Meinungsfreiheit

Lesley arbeitete seit 1996 im örtlichen Bibliothekssystem und war seit 2012 Direktorin. Ihre Kündigung erfolgte im Juli 2023 nach jahrelangem Streit mit Bezirksbeamten und Bewohnern über sexuelle Themen und LGBTQ+-Inhalte in Kinder- und Jugendbüchern. Die Kontroverse begann 2021, als die Bibliothek auf Facebook den Rainbow Book Month feierte, eine Initiative der American Library Association zur Würdigung von LGBTQ+-Autoren.

Die umstrittenen Titel umfassten "This Book is Gay" von Juno Dawson, "How Do You Make a Baby" von Anna Fiske, "Gender Queer" von Maia Kobabe und "Sex is a Funny Word" von Corey Silverberg. Aktivisten erstatteten sogar Anzeige bei der Polizei mit dem Vorwurf, Lesley verbreite obszöne Inhalte an Kinder – ein Straftatbestand in Wyoming. Ein Sonderstaatsanwalt kam jedoch zu dem Schluss, dass die genannten Bücher nicht obszön seien.

Rechtlicher Erfolg und verfassungsrechtliche Bedeutung

Lesley verklagte im vergangenen Frühjahr Campbell County wegen ihrer Kündigung und erreichte diese Woche einen Vergleich mit den Bezirksbehörden. "Ich fühle mich bestätigt. Es war ein steiniger Weg, aber ich werde es nie bereuen, für den First Amendment einzutreten", erklärte sie. Die US-Gleichstellungsbehörde EEOC erlaubte die Klage auf Basis einer früheren Beschwerde von Lesley.

"Wir hoffen, dass dies zumindest eine Botschaft an andere Bibliotheksbezirke, andere Staaten und Landkreise sendet, dass der First Amendment lebendig und stark ist und dass unsere Werte gegen Diskriminierung ebenfalls lebendig und stark bleiben", sagte Lesleys Anwältin Iris Halpern. "Dies sind öffentliche Einrichtungen, es sind Regierungsbeamte, sie müssen ihre verfassungsmäßigen Verpflichtungen im Auge behalten". Die Vereinbarung stellt jedoch keine Anerkennung der Vorwürfe durch die Beklagten dar.

Eine Epidemie der Buchverbote in den USA

Der Fall Lesley steht exemplarisch fĂĽr eine besorgniserregende Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Im Schuljahr 2024-2025 verzeichnete PEN America 6.870 Buchverbote in 23 Staaten, die fast 4.000 verschiedene Titel betrafen. Florida war zum dritten Mal in Folge der fĂĽhrende Staat mit 2.304 Verboten, gefolgt von Texas mit 1.781 und Tennessee mit 1.622.

Im Jahr 2025 ist Buchzensur in den USA weit verbreitet und alltäglich. Nie zuvor im Leben eines lebenden Amerikaners wurden so viele Bücher systematisch aus Schulbibliotheken im ganzen Land entfernt. Nie zuvor haben so viele Bundesstaaten Gesetze oder Vorschriften verabschiedet, um das Verbot von Büchern zu erleichtern. Die Daten zeigen, dass die Mehrheit der Zensurversuche mittlerweile von organisierten Bewegungen ausgeht. Druck- und Interessengruppen sowie Regierungsstellen, darunter gewählte Beamte, Vorstandsmitglieder und Verwaltungsbeamte, initiierten 72% der Forderungen zur Zensur von Büchern in Schul- und öffentlichen Bibliotheken.

Queere BĂĽcher im Visier der Zensur

Bei historischen und biografischen Büchern, die im vergangenen Jahr verboten wurden, betrafen 26% Schwarze Menschen und 25% LGBTQ+-Personen. Bücher mit LGBTQ-Themen und -Charakteren – wie "Gender Queer" und "Last Night at the Telegraph Club" – gehören durchweg zu den am häufigsten verbotenen Büchern in den jährlichen Berichten von PEN America und der American Library Association.

LGBTQ+-Geschichten werden aus Klassenzimmern ausgelassen, anstatt Geschichten und BĂĽcher anzubieten, die alle SchĂĽler und Familien widerspiegeln. LGBTQ+-SchĂĽlern und ihren Familien wird faktisch die Freiheit verweigert, ĂĽber sich selbst und ihre Mitmenschen zu lesen.

Relevanz für Deutschland: Bibliotheken als demokratische Räume

Auch wenn in Deutschland keine vergleichbare Welle von Buchverboten stattfindet, ist der Fall dennoch relevant. Der Schriftstellerverband PEN America verzeichnete im Schuljahr 2023/2024 mehr als 10.000 Buchverbote an öffentlichen Schulen. Die Zensur richtet sich hauptsächlich gegen Bücher, die Themen wie LGBTQ+, Sexualität, Rassismus sowie gesellschaftskritische oder politisch kritische Inhalte aufgreifen.

Deutsche Bibliotheken sind sich dieser Gefahr bewusst. Die Stadtbibliothek Freising gestaltete einen Thementisch mit vielen in Amerika umstrittenen Büchern von der "Banned Book-Liste". Die Idee wurde zu einem "Renner", mit dem niemand gerechnet hätte. Die Universitätsbibliothek Kiel zeigt unter dem Titel "Banned Books" eine Ausstellung, die sowohl die Bücherverbrennungen im nationalsozialistischen Deutschland als auch gegenwärtige Zensurmaßnahmen in Bezug auf queere Themen beleuchtet, insbesondere in den USA.

In Deutschland können Bücher zwar verboten oder der Öffentlichkeit vorenthalten werden, dies geschieht jedoch niemals willkürlich oder ohne rechtliche Grundlage. Solche Maßnahmen erfolgen nur unter festgelegten gesetzlichen Voraussetzungen, beispielsweise wenn Bücher als jugendgefährdend eingestuft werden oder Inhalte enthalten, die als strafbar gelten.

Queere Bibliotheken als Gegenbewegung

In Deutschland entstehen als Antwort auf mangelnde Sichtbarkeit queerer Themen eigene Initiativen. Das QueerFenster der Zentral- und Landesbibliothek Berlin bietet allen Menschen queere Literatur und Medien sowie Infos zu LGBTQIA+. Die Idee zu einer queeren Bibliothek erwuchs aus dem Mangel an Sichtbarkeit. Es gebe bestimmt 300 Bücher mit queeren Protagonisten, über queeres Leben und Lieben, nur leider seien diese eben weniger sichtbar. Das zeige sich auch daran, dass queere Literatur in herkömmlichen Bibliotheken wie der Stadt- oder Universitätsbibliothek schlichtweg nicht oder nur schwer zu finden sind.

Ein Zeichen der Hoffnung

Nach der Einigung sagte Lesley, es sei eine Erleichterung, ein schwieriges Kapitel zu schließen. "Es war ein langer und stressiger Weg", sagte sie. "Aber es fühlt sich gut an, darüber hinwegzukommen und für intellektuelle Freiheit und das Recht auf Lesen eingestanden zu sein". Eine separate Klage gegen die lokalen Aktivisten, die sie ins Visier genommen haben, läuft noch, mit einem Gerichtsverfahren, das für März angesetzt ist.

Der Fall Terri Lesley ist ein Sieg für die Informationsfreiheit und ein wichtiges Signal: Bibliotheken sind demokratische Räume, in denen alle Stimmen gehört werden müssen – auch und gerade die von marginalisierten Gemeinschaften. In Zeiten zunehmender Polarisierung ist es wichtiger denn je, dass Bibliotheken ihrer Rolle als Hüterinnen der Vielfalt gerecht werden.


Wenn Trans-Sein zum Verbrechen erklärt wird: Umstrittenes Urteil in Großbritannien erschüttert die Community

Ein Urteil aus Großbritannien schockiert die LGBTQ+-Community weltweit: Die 21-jährige trans Frau Ciara Watkin wurde zu 21 Monaten Haft verurteilt, weil sie vor intimen Kontakten mit einem Mann nicht offenlegte, dass sie trans ist. Der Fall, über den die queere Nachrichtenseite queer.de berichtet, wirft grundlegende Fragen über Selbstbestimmung, Diskriminierung und die Rechte von trans Personen auf – und zeigt, wie dramatisch sich die Lage in Großbritannien verschärft hat.

Das Urteil: Trans-Sein als "Täuschung"

Ciara Watkin hatte den gleichaltrigen Mann 2022 über Snapchat kennengelernt. Sie hatte ihm laut Anklage mitgeteilt, dass sie ihre Periode habe, damit er sie nicht unterhalb der Gürtellinie berühre, da sie noch keine geschlechtsangleichende Operation hatte. Später offenbarte sie ihm ihre Trans-Identität – woraufhin er sie bei der Polizei anzeigte.

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, der Mann habe keine "informierte Einwilligung" geben können. Nach der aktualisierten Richtlinie der Crown Prosecution Service zur "Täuschung über das Geschlecht" wird nun auch das bloße Nicht-Offenlegen der Trans-Identität als Täuschung gewertet. Die Jury brauchte nur eine Stunde, um Watkin schuldig zu sprechen.

Besonders erschütternd: Der Richter warf der Angeklagten vor, zu "überzeugend" als Frau aufzutreten und dadurch ihre Trans-Identität "versteckt" zu haben. Watkin wurde außerdem angewiesen, sich zehn Jahre lang als Sexualstraftäterin registrieren zu lassen und muss ihre Strafe in einem Männergefängnis absitzen – obwohl sie vor Gericht mit weiblichen Pronomen angesprochen wurde.

Die unmögliche Situation für trans Frauen

Aktivist*innen kritisieren, dass trans Frauen in eine "unmögliche Situation" gedrängt werden: Entweder müssen sie sich sehr früh outen und riskieren Ablehnung oder Gewalt, oder sie warten – und setzen sich dann einer möglichen Strafverfolgung aus. Jane Fae von TransActual betont: "Bisexuelle, cisgeschlechtliche Menschen, Konservative oder evangelikale Christen müssen ihren Status vor dem Sex ja auch nicht offenlegen. Warum wird das nur bei trans Menschen verlangt?"

Die aktualisierte CPS-Richtlinie stellt klar: Es gibt keinen Unterschied zwischen aktiver Täuschung und dem bloßen Nicht-Offenlegen der bei Geburt zugewiesenen Geschlechtszugehörigkeit. Es wird ausdrücklich nicht erwartet, dass die andere Person nachfragt. Diese Rechtslage macht Dating für trans Personen zu einem Minenfeld.

Supreme Court-Urteil verschärft die Lage dramatisch

Watkins Verurteilung kommt nicht aus dem Nichts. Im April 2025 entschied der britische Supreme Court in "For Women Scotland v. The Scottish Ministers", dass "Geschlecht" im britischen Recht ausschlieĂźlich das bei der Geburt zugewiesene biologische Geschlecht bedeutet. Das Gericht definierte, dass selbst mit einem Gender Recognition Certificate keine Anpassung dieser rechtlichen Zuordnung erfolgt.

Die Folge: Trans Personen werden nun von geschlechtsgetrennten Räumen ausgeschlossen, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechen, und müssen entsprechend ihres bei Geburt zugewiesenen Geschlechts behandelt werden. So dürfen etwa Frauenverbände keine trans Frauen mehr aufnehmen, und Männerverbände keine trans Männer. Auch im Sport wurden trans Frauen vom Frauenfußball ausgeschlossen.

Ein Blick nach Deutschland: Ein anderer Weg

Während Großbritannien trans Rechte massiv einschränkt, geht Deutschland einen anderen Weg. Am 1. November 2024 trat das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) in Kraft, das es trans, intergeschlechtlichen und nicht-binären Personen erleichtert, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen ändern zu lassen.

Die Änderung erfolgt durch eine einfache Erklärung gegenüber dem Standesamt – ohne gerichtliche Entscheidung und ohne Sachverständigengutachten. Das neue Gesetz ersetzt das diskriminierende Transsexuellengesetz von 1980, das vom Bundesverfassungsgericht in wesentlichen Teilen für verfassungswidrig erklärt worden war.

Wie Human Rights Watch betont, zeigt das Gesetz, dass die Bundesregierung die Grundrechte von trans und nicht-binären Menschen unterstützt, was zu einem breiteren Verständnis und einer größeren Akzeptanz beiträgt. Deutschland folgt damit 16 weiteren Staaten mit vergleichbaren Regelungen, darunter Argentinien, Belgien, Dänemark, Irland, Malta, Norwegen, Portugal und Spanien.

Zwei Länder, zwei völlig unterschiedliche Wege

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Während Deutschland die Selbstbestimmung stärkt und bürokratische Hürden abbaut, kriminalisiert Großbritannien faktisch trans Existenz. Trans-Aktivistin India Willoughby bezeichnet Großbritannien inzwischen als "das transfeindlichste Land Europas" – ein dramatischer Befund für eine westliche Demokratie.

Das britische Urteil gegen Ciara Watkin ist mehr als nur ein Einzelfall. Es ist Symbol für eine gefährliche Entwicklung, in der trans Personen ihre bloße Existenz rechtfertigen und offenlegen müssen – unter Androhung von Gefängnisstrafen. Es zeigt, wie schnell hart erkämpfte Rechte wieder verloren gehen können.

Für trans Menschen in Deutschland ist das britische Beispiel eine Warnung: Rechte sind nie selbstverständlich und müssen verteidigt werden. Gleichzeitig ist das neue Selbstbestimmungsgesetz ein Hoffnungszeichen – dass Fortschritt möglich ist, wenn Menschenrechte ernst genommen werden.

Die Geschichte von Ciara Watkin erinnert uns daran, dass der Kampf für Gleichberechtigung und Würde aller Menschen noch lange nicht vorbei ist – weder in Großbritannien noch anderswo.


TĂĽbinger Prozess: Wenn extreme Gewalt auf das Schweigen der Gesellschaft trifft

Ein unfassbarer Fall erschüttert derzeit das Landgericht Tübingen: Ein 30-jähriger Mann steht vor Gericht, weil er am 6. November 2024 einen 24-Jährigen aus einem Fenster im zweiten Stock gestoßen und den schwer verletzten Mann anschließend vergewaltigt haben soll, wie queer.de berichtet. Der Angeklagte schweigt zum Prozessauftakt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Totschlag und Vergewaltigung vor – und behält sich Sicherungsverwahrung vor.

Die brutale Tat und ihre Folgen

Laut Polizei hatte das 24-jährige Opfer am 6. November gemeinsam mit dem späteren Tatverdächtigen Alkohol sowie Marihuana konsumiert. Was dann geschah, ist von einer Brutalität, die erschüttert: Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, das Opfer in Tötungsabsicht mit beiden Händen durch das Fenster gestoßen zu haben. Der 24-Jährige stürzte aus sieben Metern Höhe und erlitt schwerste Verletzungen – Prellungen, Frakturen und einen Leberriss. Er schwebte zeitweise in Lebensgefahr.

Doch die Tat endete nicht mit dem Sturz. Anschließend soll der Angeklagte das lebensgefährlich verletzte Opfer, das den Angriff überlebte, vergewaltigt haben. Er soll die Treppe hinuntergelaufen sein, dem Opfer die Hose halb heruntergezogen und in den Schwerverletzten eingedrungen sein – während er die Tat filmte. Erst das Eingreifen von Zeuginnen und Zeugen beendete die Gewalt. Acht Tage nach der Tat wurde der Mann bei einem Angehörigen in Hamburg entdeckt und festgenommen.

Das verdrängte Tabu: Sexualisierte Gewalt gegen Männer

Dieser Fall ist nicht nur wegen seiner extremen Brutalität erschütternd, sondern auch weil er ein gesellschaftliches Tabuthema sichtbar macht, das viel zu oft im Dunkeln bleibt: sexualisierte Gewalt gegen Männer. Sexualisierte Gewalt an Männern ist nach wie vor ein großes Tabu, erklärt das Projekt MUT – Traumahilfe für Männer in Berlin. Das Thema ist bei Männern noch stärker tabuisiert als bei Frauen – quasi ein Tabu im Tabu, bestätigt auch eine Expertin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Die Zahlen zeigen das Ausmaß: Die für Deutschland veröffentlichte Kriminalstatistik von 2021 beinhaltet 2.419 Fälle sexueller Übergriffe auf Jungen oder Männer, wovon 599 der Taten Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff in besonders schwerem Maße darstellten. Die tatsächliche Zahl dürfte, aufgrund der hohen Dunkelziffer, jedoch deutlich höher liegen. In Deutschland sind etwa ein Drittel der minderjährigen Opfer von Vergewaltigungen oder sexueller Nötigung männlich – im Jahr 2020 etwa 5.000 minderjährige, männliche Opfer.

Warum schweigen so viele Betroffene?

Die Gründe für das Schweigen sind vielfältig und tief in gesellschaftlichen Rollenbildern verwurzelt. Für Männer widerspreche es dem gängigen gesellschaftlichen Bild, Opfer zu werden. Männern müsse oft klargemacht werden: „Wenn ich Opfer geworden bin, heißt das nicht, dass ich jetzt kein Mann mehr bin", so eine Fachberaterin. Die meisten männlichen Vergewaltigungsopfer wollen und können häufig nicht wahrhaben, dass sie vergewaltigt worden sind, und versuchen, die Tat zu verdrängen und zu verschweigen. Sprechen sie doch über die sexuellen Übergriffe, so geht dies oft mit einer Verharmlosung einher.

Besonders dramatisch: Die Selbstmordrate von Männern, die vergewaltigt wurden, liegt 14–15 mal höher als bei Männern, die keiner sexuellen Straftat zum Opfer gefallen sind. Viele der männlichen Betroffenen suchen sich erst Hilfe, nachdem sie bereits einen oder mehrere Selbstmordversuch(e) überlebt haben.

Der Mangel an Hilfsangeboten

Die meisten Beratungsstellen gegen sexualisierte Gewalt sind aus der Frauenbewegung heraus entstanden und konzentrierten sich ursprünglich auf Frauen und Mädchen als Opfer. Es gibt generell kaum Angebote für männliche Betroffene. Erst langsam entsteht ein Bewusstsein für diese Lücke im Hilfesystem.

In Deutschland gibt es mittlerweile einige spezialisierte Anlaufstellen für männliche Gewaltopfer. Männer, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben, können kostenlos und anonym das bundesweite Hilfetelefon unter der Nummer 0800 123 9900 erreichen. Weitere Hilfsangebote finden sich bei Projekten wie MUT – Traumahilfe für Männer in Berlin, der Schwulenberatung Berlin oder bei spezialisierten Fachberatungsstellen in verschiedenen Bundesländern.

Der Prozess und seine Bedeutung

Für den Prozess am Landgericht Tübingen sind noch vier Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil könnte am 27. Oktober fallen. Der Fall wirft grundlegende Fragen auf: über die Natur extremer Gewalt, über die Mechanismen, die sie möglich machen, und über die gesellschaftlichen Strukturen, die männlichen Opfern das Schweigen aufzwingen.

Dass der Angeklagte schweigt, mag sein Recht sein. Doch die Gesellschaft darf nicht länger schweigen – nicht über die Realität sexualisierter Gewalt gegen Männer, nicht über die Notwendigkeit adäquater Hilfsangebote und nicht über die destruktiven Männlichkeitsbilder, die Betroffene daran hindern, Hilfe zu suchen.

Der Fall in Tübingen ist ein Weckruf. Er erinnert uns daran, dass Gewaltprävention und Opferschutz nur funktionieren können, wenn wir alle Formen von Gewalt und alle Betroffenen sehen – unabhängig von ihrem Geschlecht.

Hilfe und Beratung

Betroffene von sexualisierter Gewalt – unabhängig vom Geschlecht – finden Unterstützung bei:

  • Männerhilfetelefon: 0800 123 9900 (kostenlos und anonym)
  • Hilfetelefon bei sexualisierter Gewalt: 0800 22 55 530
  • Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": 116 016
  • Telefonseelsorge: 0800 1110111 oder 0800 1110222
  • WeiĂźer Ring (Opferhilfe): 116 006

Weitere Informationen zu Beratungsstellen finden sich beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sowie bei regionalen LGBTIQ+-Organisationen.


Wenn Wahn und Internalisierte Homophobie töten: Konstanzer Prozess zeigt tödliche Folgen psychischer Erkrankung

In einem erschütternden Fall vor dem Landgericht Konstanz steht ein 50-jähriger Jordanier vor Gericht, der wegen einer psychischen Erkrankung möglicherweise dauerhaft in der Psychiatrie untergebracht werden soll. Mit 72 Messerstichen soll er einen 36-jährigen Freund getötet haben – aus einem Wahn heraus, dieser könne seine Gedanken lesen, wie die Originalquelle bei queer.de berichtet.

Paranoide Schizophrenie und sexuelle Identitätskonflikte

Sachverständige diagnostizierten bei dem Beschuldigten eine paranoide Schizophrenie. Nach Überzeugung der Ermittler*innen entwickelte der Mann eine bizarre Wahnvorstellung: Er war fest davon überzeugt, das Opfer könne seine Gedanken lesen, nachdem die beiden in den vergangenen Jahren mehrmals Oralverkehr hatten. Der Mann soll geglaubt haben, der Bekannte habe sein Sperma aufgenommen – und damit die Fähigkeit erlangt, seine Gedanken zu lesen.

Besonders aufschlussreich für den Fall ist die Aussage des Angeklagten selbst: "Das Opfer sei homosexuell gewesen, er sei es nicht und habe sich nur auf Experimente eingelassen". Diese Distanzierung von der eigenen sexuellen Orientierung trotz jahrelanger sexueller Kontakte weist auf eine tiefe internalisierte Homophobie hin – ein Phänomen, das wissenschaftliche Studien mit erhöhten psychischen Belastungen in Verbindung bringen.

Die tödliche Mischung: Kultureller Hintergrund und psychische Erkrankung

Der Beschuldigte stammt aus Jordanien, einem Land, in dem trotz der Abwesenheit expliziter Gesetze gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen die Kombination aus vagen Moralgesetzen, öffentlicher Feindseligkeit und fehlendem Rechtsschutz Sicherheitskräften und Privatpersonen faktisch freie Hand gibt, LGBTQ-Personen zu verfolgen. Sicherheitskräfte in Jordanien haben LGBTQ-Aktivist*innen mit Gewaltandrohungen, Verhaftung und Strafverfolgung eingeschüchtert, was mehrere Aktivist*innen zwang, ihre Organisationen zu schließen und das Land zu verlassen.

Diese Sozialisation in einem zutiefst homophoben Umfeld traf auf eine schwere psychische Erkrankung. Der Beschuldigte, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, war nach eigener Aussage mehrfach wegen Drogenkonsums in psychiatrischer Behandlung. In seinen Aussagen sprach er von "Chaos im Kopf" und der Angst, auch andere könnten seine Gedanken lesen.

Deutschland: Steigende Gewalt gegen LGBTQ+-Menschen

Dieser extreme Fall wirft auch ein Schlaglicht auf die Situation queerer Menschen in Deutschland. Das Bundesinnenministerium registrierte über 1.400 Hassverbrechen gegen Angehörige der LGBTQ-Gemeinschaft in Deutschland. Während die LGBTQ+-Bevölkerung Deutschlands in fünf Jahren um etwa 50% wuchs, stiegen Hassverbrechen in nur einem Jahr um 50%. Seit 2013, als nur 50 Angriffe registriert wurden, hat sich die Zahl fast verdreißigfacht.

Im Jahr 2023 richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ*-Personen (im Jahr 2022: 1.188). Zu den häufigsten gegen LSBTIQ* gerichteten Straftaten gehörten Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser warnte: "Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend. Zudem müssen wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, viele Betroffene zeigen Straftaten nicht an".

Psychische Gesundheit der LGBTQ+-Community: Ein unterschätztes Problem

Der Fall in Konstanz macht auch deutlich, wie eng psychische Erkrankungen und die Erfahrung von Diskriminierung zusammenhängen können. Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer oder inter sind, sind fast dreimal häufiger von Depressionen und Burnout betroffen, wie eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Universität Bielefeld zeigt.

Internalisierte Homophobie ist signifikant mit einer hohen Prävalenz internalisierender psychischer Störungen wie Depression, Angst und stressbedingten Störungen assoziiert. Eine Meta-Analyse von 31 Studien mit 5.831 LGBTQ-Personen ergab eine kleine bis moderate Effektgröße für die Beziehung zwischen internalisierter Homophobie und psychischen Gesundheitsproblemen. Höhere Werte internalisierter Homophobie waren mit höheren Werten bei dimensionalen Messungen internalisierender psychischer Gesundheitsprobleme verbunden.

Ein Einzelfall mit systemischen Ursachen

Der schreckliche Tod des 36-jährigen schwulen Mannes ist zweifellos ein Extremfall. Doch er zeigt, wie gefährlich die Kombination aus unbehandelter psychischer Erkrankung, Drogenmissbrauch und tief verinnerlichter Homophobie sein kann. Die Verteidigung der eigenen heterosexuellen Identität war für den Angeklagten offenbar so zentral, dass er sie selbst nach dem Mord vor Gericht betonte.

Der Prozess, für den vier weitere Verhandlungstage angesetzt sind, bei denen zwölf Zeug*innen und zwei Sachverständige aussagen sollen, wird Ende Oktober mit einem Urteil erwartet. Unabhängig vom Ausgang bleibt dieser Fall eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass queere Menschen – ob in Jordanien, Deutschland oder anderswo – weiterhin unter den Folgen von Homophobie leiden, die von außen kommt oder von innen zerstört.

Der Fall macht deutlich: Wir brauchen nicht nur besseren Zugang zu psychiatrischer Versorgung, sondern auch eine Gesellschaft, in der niemand seine sexuelle Orientierung als so bedrohlich empfinden muss, dass daraus lebensbedrohliche Wahnvorstellungen entstehen können.