Eine symbolische Segnung wird zum Sturm der Entrüstung: Die evangelische Pfarrerin Lena Müller aus Berlin wurde in den vergangenen Tagen in sozialen Netzwerken massiv angefeindet, nachdem sie im Sommer bei einem Pop-up-Hochzeitsfestival eine Polyhochzeit mit vier Männern durchgeführt hatte. Die ursprüngliche Meldung bei queer.de zeigt das ganze Ausmaß einer Debatte, die tief in das Spannungsfeld zwischen kirchlicher Tradition, queerer Vielfalt und gesellschaftlicher Akzeptanz hineinreicht.
Eine Segnung wird zur Schlagzeile
Die Berliner Pfarrerin für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen segnete bei einem Hochzeitsfestival im Sommer vor der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche vier Männer, die sich in einer polyamoren Beziehung befanden. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" erklärte die auf Instagram als "Feministin und Pfarrerin" auftretende Theologin, dass man sofort sehen konnte, dass "ganz viel Liebe zwischen ihnen war". Die 33-jährige Geistliche teilte die Zeremonie auf Instagram mit den Worten: "Vier junge Männer haben zueinander ja gesagt, mit uns die Liebe gefeiert und sich unter G*ttes bunten Segen gestellt".
Was zunächst als spontaner Akt der Nächstenliebe gedacht war, entwickelte sich zu einem medialen Skandal. Zwar veröffentlichte die Geistliche der queerfreundlichen Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) bereits im Sommer auf Instagram ein Foto der Hochzeit, allerdings hat das Event erst jetzt die Medien erreicht – und in rechten Kreisen ist man freilich entsetzt.
Zwischen Distanzierung und Solidarität
Die Reaktion der Kirchenleitung fiel zwiegespalten aus. Landesbischof Christian Stäblein distanzierte sich deutlich von dem Vorgang und betonte: "Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz traut nur Paare, die standesamtlich verheiratet wurden". Pröpstin Christina-Maria Bammel unterstreicht: "Evangelische Trauungen segnen die Ehe zweier liebender Menschen".
Gleichzeitig stellte sich die Kirche aber auch schützend vor ihre Mitarbeiterin. In einer Stellungnahme in sozialen Medien hieß es: "Wir sind entsetzt über den Hass, der ihr entgegenschlägt. Wir stehen an ihrer Seite und verurteilen diese Angriffe aufs Schärfste." Eine bemerkenswerte Solidaritätsbekundung in Zeiten, in denen die Gewalt im digitalen Raum stark angestiegen ist und 61,7 Prozent der Befragten trans Personen auf sozialen Medien Angriffe erlebt haben.
Polyamorie und Kirche: Ein Tabu bricht auf
Die Debatte wirft grundsätzliche Fragen auf: Wo endet kirchliche Segnung, wo beginnt politischer Aktivismus? Polyamore Menschen sind Teil unserer Kirche. Manche leben polyamor im Versteck, andere kämpfen offen für Akzeptanz und Gleichbehandlung in Kirche, Theologie und Gesellschaft. Der Verein "NepoMuK – Netzwerk polyamore Menschen und Kirche" setzt sich seit 2019 dafür ein, dass polyamor lebende Christ*innen miteinander verbunden und sichtbar gemacht werden.
Mehrfachehen sind fast überall auf der Welt verboten; Polyleben ist in Deutschland nicht verboten, gefördert wird es aber auch nicht. Und es gibt keinen eigenen Diskriminierungsschutz für Menschen, die poly leben. Diese rechtliche Grauzone macht die Situation für Betroffene besonders schwierig. Der Vorgang bei dem Hochzeitsfestival war so spontan, dass die Pfarrerin heute nach eigenen Angaben nicht einmal die Namen der Menschen kennt, die sie dort gesegnet hat – was die kirchenrechtliche Diskussion zusätzlich verkompliziert.
Der deutsche Kontext: Queere Kirche zwischen Fortschritt und Widerstand
Der Fall reiht sich ein in eine längere deutsche Debatte um queere Akzeptanz in der Kirche. Jede evangelische Landeskirche regelt die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare für sich selbst. In den meisten Landeskirchen sind gleichgeschlechtliche und heterosexuelle Paare komplett gleichgestellt. Die bayerische evangelische Landeskirche hat bei ihrer Frühjahrstagung am 3. April 2025 in Augsburg die "Trauung für alle" beschlossen. Ab sofort wird bei kirchlichen Eheschließungen in der bayerischen Landeskirche nicht mehr bei der sexuellen Orientierung unterschieden.
Ein historischer Meilenstein war das Schuldbekenntnis der Synode der EKHN 2022 gegenüber queeren Menschen, in dem die Kirche Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle um Verzeihung für in der Vergangenheit erlittenes Leid und Zurücksetzung bittet. Doch der Weg zu voller Akzeptanz ist noch lang: Während in Berlin die Polyhochzeit kein Problem war, dürfen im erzkonservativen Württemberg gleichgeschlechtliche Paare wegen ihrer sexuellen Orientierung bis heute nicht getraut werden.
Hasskommentare und die Macht der sozialen Medien
Das Ausmaß der Anfeindungen gegen Pfarrerin Müller ist erschreckend, aber nicht überraschend. Auf Social Media habe es Kommentare gegeben wie "Das hat nichts mit Jesus zu tun" oder "Geisteskrank. Dekadenz im Endstadium". Auch in rechten Medien gab es zuletzt viel Kritik an der Feier. Noch aufgeregter war das rechtsextreme Magazin "Compact". In einen vor Queerfeindlichkeit triefenden Beitrag zeigt der Autor, dass er weniger die Polyamorie als Problem ansieht als die Tatsache, dass sich hier vier gleichgeschlechtliche Personen ein Ja-Wort gegeben haben.
Diese Entwicklung fügt sich ein in einen besorgniserregenden Trend. Durch die gesellschaftlich zunehmende Rhetorik gegen Personen aus dem LGBTQ-Spektrum sehen sich neonazistische Jugendgruppen in ihrem Handeln ermutigt. Laut einer repräsentativen Umfrage verfügt inzwischen jeder Dritte über ein geschlossen transfeindliches Weltbild. Die rechtsextremen Gruppen scheinen diesen politischen Wandel als Erlaubnis zu betrachten, ihren Hass noch offener zu äußern.
Liebe kennt keine Zahlen – oder doch?
Am Ende bleibt die theologische Grundsatzfrage: Kann Liebe falsch sein, wenn sie ehrlich, einvernehmlich und auf gegenseitigem Respekt basiert? Pfarrerin Müller argumentierte gegenüber der NOZ biblisch: "Im Alten Testament begegnen uns immer wieder Männer, die mehrere Frauen haben. Die bürgerliche Kleinfamilie ist dagegen keine biblische Norm, und auch die heterosexuelle Liebesheirat, bei der die Frau genauso viel mitzureden hat wie der Mann, ist eine neuere Entwicklung. Deshalb würde ich sagen: Sich allein auf die biblischen Vorbilder zu berufen, ist nicht zielführend, sondern wir müssen uns heutige Beziehungen ansehen und sie im Sinne der Bibel deuten".
Der Fall zeigt exemplarisch, wie weit Deutschland noch von einer vollständigen Akzeptanz alternativer Beziehungsformen entfernt ist. Während in den letzten Jahren das Interesse an alternativen Beziehungsformen wächst, sind Vorurteile und Stereotype gegenüber nicht-monogamen Beziehungen immer noch verbreitet. Teilweise hängt das auch mit mangelnder Aufklärung und fehlenden Informationen zusammen.
Was bleibt, ist die Erkenntnis: Liebe – in welcher Form auch immer – wird weiterhin ein Politikum bleiben. Und Menschen wie Pfarrerin Lena Müller, die für ihre Überzeugungen einstehen, brauchen nicht nur den Segen der Kirche, sondern auch den Schutz der Gesellschaft vor Hass und Gewalt. Die EKBO hat hier ein wichtiges Zeichen gesetzt – doch der Kampf um Akzeptanz und Sicherheit für alle Formen liebevoller Beziehungen ist noch lange nicht gewonnen.
