Der erste Christopher Street Day in Suhl sollte ein historisches Zeichen für Vielfalt setzen – doch rechtsextreme Störungen machten ihn zu einem Symbol für den aktuellen Kampf um queere Sichtbarkeit in Deutschland. Wie queer.de berichtete, versuchten Neonazis die Pride-Demonstration mit 350 Teilnehmenden zu stören. Einzelne Gruppen suchten den Kontakt zur Demo und begannen mit "provokanten Pöbeleien", während eine Person sogar den Hitlergruß zeigte.
Ein historischer Moment unter Druck
Der CSD Suhl fand am 30. August 2024 statt und markierte einen besonderen Moment für Thüringen. "Der erste CSD in Suhl ist ein historisches Ereignis – zum ersten Mal zeigen wir in unserer Region gemeinsam sichtbar Flagge für Vielfalt, Menschenrechte und eine Gesellschaft, in der sich alle trauen, ihr wahres Selbst zu leben", hieß es im Aufruf zum Pridemarsch. Die Demonstration begann am Bahnhof, führte durch die Innenstadt und endete mit einer Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz.
Trotz der rechtsextremen Störversuche verlief die Veranstaltung insgesamt friedlich. Die Polizei griff bei den Provokationen ein und nahm eine Anzeige wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen auf. Die Tatsache, dass die Demonstration dennoch erfolgreich durchgeführt werden konnte, zeigt den Mut der Organisierenden und Teilnehmenden.
Deutschland im Griff rechtsextremer Anti-CSD-Mobilisierung
Was in Suhl geschah, ist kein Einzelfall. 2024 wurde knapp ein Drittel aller CSDs in Deutschland Ziel rechtsextremer Angriffe – insgesamt dokumentierte die Amadeu Antonio Stiftung 55 Fälle, in denen rechtsextreme Gruppen gezielt CSD-Demos, deren Teilnehmende sowie die Infrastruktur angriffen. Zwischen Juni und September 2024 verzeichnete das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) deutschlandweit in 27 Städten rechtsextreme Mobilisierungen gegen CSD-Veranstaltungen.
Die Strategien der Rechtsextremen reichen von psychologischem Terror bis zu physischer Gewalt. In Magdeburg skandierten etwa 350 Rechtsextreme bei einer Gegendemonstration Parolen wie "Wir kriegen euch alle" und "Weiß, normal und hetero". In Bautzen störten Hunderte Neonazis mit einem Aufmarsch den CSD – es war eine der größten rechtsextremen Gegenveranstaltungen der CSD-Saison 2024. Sie zündeten Bengalos und sangen rassistische Parolen.
Eine neue Generation von Neonazis
Laut CeMAS zeigt sich ein Wandel in der deutschen Neonazi-Szene: Eine neue Generation gewinnt an Bedeutung, die jung, online und rhetorisch stärker auf Gewalt aus ist. Diese organisiert sich in neuen Gruppen, die erst durch die Teilnahme an Anti-CSD-Protesten an Relevanz gewonnen haben. Die Studie von CeMAS analysiert, wie neue rechtsextreme Jugendbewegungen gezielt CSDs ins Visier nehmen.
Queerfeindlichkeit dient der extremen Rechten als "Brückenideologie", um an konservative und autoritäre Milieus anzuknüpfen. Unter dem Deckmantel des "Kinderschutzes" oder der Verteidigung der "Tradition" wird gegen die offene Gesellschaft mobil gemacht. Der CSD als Symbol für Vielfalt, Toleranz und Selbstbestimmung ist ihr zentrales Feindbild.
Solidarität als Antwort – Die "Jetzt-erst-recht"-Bewegung
Doch die queere Community und ihre Verbündeten lassen sich nicht einschüchtern. Die Community und ihre Verbündeten wehren sich. Gerade in Sachsen entsteht eine "Jetzt-erst-recht"-Bewegung. Immer mehr CSDs werden in Kleinstädten gegründet, gestärkt durch Solidarität aus den Metropolen. Trotz der Bedrohung zeigt sich eine wachsende Solidarität: Über 180 CSDs fanden 2024 bundesweit statt – so viele wie nie zuvor.
Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt gefährdete CSDs mit Sicherheitsberatung und Finanzierung. Schon 2024 wurden CSDs in Städten wie Zwickau, Altenburg, Sonneberg, Itzehoe und Görlitz mit Sicherheitsberatung und finanzieller Hilfe unterstützt und die Nachfrage wächst.
Was Deutschland von Suhl lernen kann
Der erste CSD in Suhl steht exemplarisch für den Mut kleiner Städte, trotz massiver Bedrohungen für Vielfalt einzustehen. Ostdeutsche CSDs rufen alle queeren Menschen und Verbündeten auf: "Kommt zu den CSDs in den kleineren Städten Ostdeutschlands! Helft mit eurer Präsenz, sichere Räume zu schaffen und ein antifaschistisches Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung zu setzen".
Die Ereignisse in Suhl zeigen: Der Kampf um queere Sichtbarkeit ist ein Kampf um die Demokratie selbst. Ein Angriff auf den CSD ist immer ein Angriff auf die Demokratie selbst. Wie der Queerbeauftragte der Bundesregierung Sven Lehmann betont: "Unsere Demokratie wird auch auf den CSDs verteidigt!"
Was in Suhl und anderen deutschen Städten passiert, sollte uns alle alarmieren. Wenn 350 Menschen ungestört für queere Rechte demonstrieren wollen und dabei von Neonazis bedroht werden, die ungestraft den Hitlergruß zeigen können, dann ist das ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft. Die selbstbewusste Erklärung ostdeutscher CSDs macht deutlich: Solidarität ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Praktische Solidarität zeigen
Jede und jeder kann etwas tun, um die queere Community zu unterstĂĽtzen:
- Besucht CSDs in kleineren Städten – eure Präsenz macht einen Unterschied
- Widersprecht aktiv Hassrede in sozialen Medien
- Spendet fĂĽr lokale LGBTQ+-Organisationen
- Teilt Informationen ĂĽber die Situation in euren Netzwerken
- UnterstĂĽtzt lokale Organisator*innen mit Wissen und Ressourcen
Der erste CSD in Suhl mag von Neonazis gestört worden sein, aber er fand statt – und das ist ein Sieg. Lasst uns gemeinsam zeigen, dass Liebe stärker ist als Hass. Lasst uns gemeinsam dafür kämpfen, selbstbestimmt, frei und sicher zu leben! Die Geschichte zeigt: Stonewall war auch kein friedlicher Spaziergang. Der Kampf für Gleichberechtigung war nie einfach – aber er lohnt sich.