Ein bizarres Gerücht sorgt derzeit für Aufsehen: Hatte US-Präsident Donald Trump Oralsex mit seinem Amtsvorgänger Bill Clinton? Eine E-Mail aus dem Jahr 2018, in der Mark Epstein seinen Bruder Jeffrey scherzhaft fragte, ob Putin "Fotos von Trump blowing Bubba" habe, löste eine Welle der Spekulation in den sozialen Medien aus, nachdem über 20.000 Dokumente aus dem Epstein-Nachlass vom US-Kongress am 12. November 2025 veröffentlicht wurden. Die Geschichte klingt absurd – und ist es auch. Die vollständige E-Mail erschien im Originalquellenartikel auf queer.de.
Die Dementi-Maschine läuft an
Mark Epstein stellte gegenüber dem queeren Magazin "The Advocate" klar, dass die E-Mails "einfach Teil eines humorvollen privaten Austauschs zwischen zwei Brüdern" waren und "Bubba" in diesem Zusammenhang "in keiner Weise auf Ex-Präsident Bill Clinton" Bezug nehme. Snopes bestätigte zwar die Authentizität der E-Mail, bezeichnete die "Blowjob"-Interpretation jedoch als unbewiesene Spekulation.
"Bubba" ist tatsächlich ein verbreiteter Spitzname in den US-Südstaaten – ein folkloristischer Kosename für einfach gestrickte Männer. Da Clinton aus Arkansas stammt, wird der Begriff manchmal satirisch auf ihn angewandt. Doch in diesem Fall scheint es sich um nichts weiter als einen geschmacklosen Scherz zwischen Brüdern zu handeln.
Die eigentliche Epstein-Affäre: Trumps toxische Verstrickungen
Während die Blowjob-Story die Schlagzeilen dominiert, geraten die wirklich brisanten Enthüllungen fast in den Hintergrund. In einer E-Mail an Ghislaine Maxwell schrieb Jeffrey Epstein 2011 über Donald Trump: "Ich möchte, dass du erkennst, dass der Hund, der nicht gebellt hat, Trump ist... [Opfer] verbrachte Stunden in meinem Haus mit ihm". In einer weiteren Nachricht erklärte Epstein dem Autor Michael Wolff 2019 explizit, dass Trump "über die Mädchen Bescheid wusste, weil er Ghislaine bat aufzuhören".
Trumps Name erscheint in den Zehntausenden Dokumenten häufiger als jeder andere – über tausend Mal, schätzt die Miami-Herald-Reporterin Julie K. Brown. Trump versprach im Wahlkampf die Veröffentlichung aller Epstein-Akten, machte dann aber als Präsident einen Rückzieher. Stattdessen ordnete Trump dem Justizministerium an, gegen Bill Clinton wegen dessen Verbindungen zu Epstein Bundesermittlungen einzuleiten – ein klassisches Ablenkungsmanöver.
Queere Themen als politische Waffe
Die Reaktionen auf das absurde Gerücht offenbaren ein tieferes Problem: die Instrumentalisierung queerer Sexualität für politische Zwecke. Wie ein Reddit-Kommentator treffend bemerkte: "Die Clinton-Blowjob-Geschichte regt Republikaner mehr auf als der Handel mit Minderjährigen – sie hassen queere Menschen wirklich".
In Deutschland ist dieses Phänomen als "Homonationalismus" bekannt – die eigene Toleranz gegenüber LGBTQ-Personen wird als Rechtfertigung gesehen, sich als überlegen zu betrachten, während die Instrumentalisierung der LGBTQ-Community zur Rechtfertigung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dient. Zwischen Schlagworten wie "feministische Außenpolitik" und "Homopropaganda" werden queere Menschen zum moralischen Grenzwall in der Konfrontation ökonomischer und nationaler Interessen gemacht – so werden mit der Behauptung, dass migrantische Männer besonders queerfeindlich seien, Abschiebungen legitimiert.
Trumps homophobe Agenda wird ĂĽbersehen
Während sich alle über das angebliche Sex-Tape amüsieren, wird Trumps tatsächliche Anti-LGBTQ-Politik kaum thematisiert. An seinem ersten Tag als Präsident im Januar 2025 strich Trump alle bundesweiten Maßnahmen für "Diversity, Equity, and Inclusion (DEI)". In seiner Amtseinführungsrede erklärte Trump, dass künftig nur noch zwei Geschlechter anerkannt werden sollten, und seine Regierung baut systematisch die Rechte von trans Menschen ab.
Queerfeindliche Kräfte in den US-Bundesstaaten fühlen sich nach Trumps Amtsübernahme gestärkt – bereits jetzt werden in mehreren Staaten Gesetzentwürfe diskutiert, die sich hauptsächlich gegen trans Menschen richten, aber auch andere queere Personen betreffen. Eine Woche nach Trumps Amtsübernahme forderte das Parlament von Idaho den Supreme Court mit 46 zu 24 Stimmen auf, die Ehe-Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare von 2015 zurückzunehmen.
Deutsche Perspektive: Ähnliche Muster
Auch in Deutschland beobachten wir besorgniserregende Entwicklungen. Laut offiziellen Zahlen gibt es jeden Tag mindestens drei Angriffe auf LGBTIQ-Personen in Deutschland – die Dunkelziffer ist deutlich höher. Das Berliner Register zeigt, dass sich die Anzahl queerfeindlicher Vorfälle zwischen 2018 und 2022 mehr als verdoppelt hat – allein 2023 wurden in Berlin 239 queerfeindliche Vorfälle registriert.
Der queerpolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Maik BrĂĽckner, kommentierte die absurden Trump-Clinton-GerĂĽchte pragmatisch auf Instagram: "Ob Donald Trump (he/him) nun etwas mit Bill Clinton hatte oder nicht: Er wird trotzdem nicht unser Freund."
Fazit: Nicht vom Wesentlichen ablenken lassen
Das "Blowjob-Gate" ist letztlich nichts weiter als eine bizarre Randnotiz in einer viel dunkleren Geschichte. Die eigentliche Skandal liegt in Trumps nachweislichen Verbindungen zu Jeffrey Epstein, seiner Weigerung, alle Dokumente freizugeben, und seiner systematischen Politik gegen LGBTQ-Rechte. Während Social Media über einen absurden Scherz zwischen zwei Brüdern diskutiert, werden reale Menschenrechte abgebaut – in den USA wie in Deutschland.
Queere Menschen dürfen nicht zur Verhandlungsmasse politischer Machtspiele werden. Ob als Sündenbock autoritärer Regime oder als Feigenblatt für rassistische Politiken – unsere Rechte und unsere Würde sind nicht verhandelbar. Die Epstein-Affäre sollte uns an die Machtverstrickungen der Eliten erinnern, nicht an homophobe Fantasien.
