Die britische Rundfunkanstalt BBC hat sich offiziell bei einem ehemaligen Radiomoderator entschuldigt, der jahrelang homophoben Missbrauch am Arbeitsplatz erdulden musste. Der Fall von Jack Murley, der fünf Jahre als Moderator bei BBC Radio Cornwall arbeitete, wirft ein Schlaglicht auf strukturelle Probleme im Umgang mit queeren Mitarbeitenden – ein Thema, das auch in Deutschland höchst relevant ist.
Jahre des Schweigens und der Diskriminierung
Jack Murley berichtete, dass er von anderen Mitarbeitenden mit homophoben Bezeichnungen wie "fairy boy" angesprochen und von einem Vorgesetzten aufgefordert wurde, "weniger schwul" am Mikrofon zu klingen. Ein Kollege soll vor Zeugen einen homophoben Witz gemacht und ein anderer Mitarbeiter äußerte, dass "Schwule statistisch gesehen viel eher an AIDS sterben".
Murley war zudem homophoben Belästigungen durch Hörer ausgesetzt – in E-Mails, SMS und Anrufen. In einem Fall erhielt er sogar einen Umschlag mit Bibelzitaten und homophoben Bemerkungen. Als er sich an einen leitenden Manager wandte, wurde ihm gesagt, es sei nicht dessen Aufgabe, sich mit dem Missbrauch zu befassen – die einzige Lösung sei, "weniger schwul" auf Sendung zu sein.
Interne Untersuchung bestätigt Versagen
Eine separate interne Untersuchung der BBC stellte mehrere Fälle von homophobem Missbrauch durch BBC-Mitarbeitende fest sowie "Versagen auf Führungsebene" im Umgang damit. Die Untersuchung bestätigte teilweise den Vorwurf, dass "Versagen auf Führungs- und institutioneller Ebene bei BBC Radio Cornwall eine Umgebung schufen und aufrechterhielten, in der homophober Missbrauch implizit oder explizit toleriert wurde".
In einem anschließenden Brief entschuldigte sich Jason Horton, der leitende Betriebsleiter der BBC für die Nationen, im Namen der Organisation für "die Verhaltensweisen und Kommentare", denen Murley ausgesetzt war. Horton betonte, man habe "hart daran gearbeitet, die Kultur zum Besseren zu verändern".
Kündigung und Gerichtsverfahren
Der 37-Jährige wurde 2024 von BBC Radio Cornwall entlassen, weil er die redaktionellen und Social-Media-Richtlinien der Organisation verletzt hatte, nachdem er online über geplante Änderungen bei BBC Local gepostet hatte. Murley verklagte die BBC vor einem Arbeitsgericht und behauptete, er sei als schwuler Mann sowie als Gewerkschaftsvertreter der National Union of Journalists (NUJ) diskriminiert worden. Im Februar entschied Richter Alastair Smail jedoch, dass Murley nicht diskriminiert worden sei, und urteilte in einer anschließenden Verhandlung im Oktober, die Kündigung der BBC sei "angemessen" gewesen.
"Zu einer Zeit, als ich eine preisgekrönte LGBTQ+-Sendung für die BBC produzierte, wurde ich homophoben und bigotten Verhaltensweisen von BBC-Mitarbeitenden ausgesetzt, die vor Jahrzehnten inakzeptabel gewesen wären – geschweige denn an einem modernen Arbeitsplatz", erklärte Murley.
Ein deutsches Problem?
Der Fall Murley ist kein isoliertes britisches Problem. Auch in Deutschland erleben queere Menschen am Arbeitsplatz erschreckend häufig Diskriminierung. Laut einer YouGov-Umfrage von 2023 hat über die Hälfte der befragten LGBTIQ-Personen am Arbeitsplatz bereits Diskriminierungen erlebt, gleichzeitig ziehen Arbeitgeber*innen in solchen Situationen nur selten Konsequenzen.
Eine Befragung aus dem Jahr 2020 ergab, dass rund 30 Prozent der befragten LGBTQI*-Menschen in den letzten zwei Jahren Diskriminierungen am Arbeitsplatz aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität erlebt hatten. Knapp 30 Prozent derjenigen, die sich der Gruppe der LGBTQI*-Menschen zuordnen, berichten von Benachteiligungen im Arbeitsleben.
Besonders besorgniserregend: 44 Prozent der Deutschen sind der Ansicht, Homosexuelle sollten aufhören, "so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen". Diese Haltung schafft ein Klima, in dem Diskriminierung gedeihen kann – auch in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten.
Strukturelle Probleme im öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Wie bei der BBC gibt es auch in deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Herausforderungen bei der Repräsentation und dem Schutz queerer Menschen. Es besteht weiterhin ein großes Gefälle zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (knapp 540 Filme mit queeren Themen) und den Privatsendern (etwas über 200 Filme mit queeren Themen). Doch Sichtbarkeit allein reicht nicht – die Arbeitskultur hinter den Kulissen ist ebenso entscheidend.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist staatsvertraglich verpflichtet, allumfassend und unter Darstellung der gesellschaftlichen Realitäten zu berichten. Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und intergeschlechtliche Menschen gehören in ihrer Vielfalt zu diesen gesellschaftlichen Realitäten. Sie müssen in den fiktionalen und nicht-fiktionalen Beiträgen endlich mehr Sichtbarkeit erhalten.
Was muss sich ändern?
Der Fall Jack Murley zeigt: Selbst in Organisationen, die sich öffentlich für Vielfalt aussprechen, kann eine Kultur der Toleranz gegenüber Homophobie existieren. Studien zeigen, dass Unternehmenskultur im Hinblick auf LSBTIQ*-Identitäten einen maßgeblichen Einfluss darauf hat, wie offen oder verschlossen Beschäftigte mit ihrer sexuellen beziehungsweise geschlechtlichen Identität am Arbeitsplatz umgehen.
In Deutschland gibt es seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), doch die Umsetzung bleibt oft hinter den Erwartungen zurück. Notwendig sind:
- Klare Antidiskriminierungsrichtlinien mit konsequenter Durchsetzung
- Sensibilisierungstrainings für Führungskräfte und Mitarbeitende
- Unabhängige Beschwerdestellen und Schutz für Whistleblower
- Mehr queere Vertretung in Aufsichtsgremien und Führungspositionen
- Eine Kultur, in der Diskriminierung nicht toleriert wird – mit echten Konsequenzen für Täter*innen
Ein langer Weg zur Wahrheit
"Heute hat die BBC zugegeben, dass diese Vorfälle stattgefunden haben – und sich bedingungslos dafür entschuldigt. Ich habe nicht gelogen. Es ist passiert. Ich habe die Wahrheit gesagt. Und heute hat die BBC akzeptiert, dass ich die Wahrheit gesagt habe", erklärte Murley auf Social Media.
Seine Geschichte ist eine Erinnerung daran, dass der Kampf für echte Gleichstellung am Arbeitsplatz noch lange nicht vorbei ist – weder in Großbritannien noch in Deutschland. Queere Menschen sollten nicht "weniger schwul" sein müssen, um ihren Job ausüben zu können. Sie haben das Recht, authentisch und sicher am Arbeitsplatz zu sein.
Die Entschuldigung der BBC ist ein wichtiger Schritt. Doch echte Veränderung erfordert mehr als Worte – sie erfordert strukturelle Reformen, Verantwortlichkeit und die Bereitschaft, systemische Probleme anzuerkennen und anzugehen.
