Gewalt beim CSD: Ein Angriff auf die Vielfalt der Demokratie

Die Angriffe auf Mitglieder der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) beim Berliner Christopher Street Day am vergangenen Samstag markieren eine neue Dimension der Gewalt gegen queere Menschen in Deutschland. Wie queer.de berichtete, wurden Lisa Knack, queerpolitische Sprecherin der Berliner CDU-Fraktion, ins Gesicht gespuckt und ein weiteres LSU-Mitglied namens Alex mit der Faust geschlagen.

Ein beunruhigender Trend

Diese Vorfälle stehen nicht isoliert da, sondern fügen sich in ein alarmierendes Muster ein. Laut der Amadeu Antonio Stiftung wurde 2024 ein Drittel aller CSDs in Deutschland zum Ziel rechtsextremer Angriffe. Das Bundeskriminalamt verzeichnete einen Anstieg von Hasskriminalität gegen queere Menschen um über 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass diese Gewalt nicht nur von außerhalb der Community kommt, sondern auch innerhalb der queeren Bewegung selbst auftritt. Der LSU-Landesvorsitzende René Powilleit betonte gegenüber der DPA: "Das war eine neue Dimension, die wir so bisher nicht beim CSD gekannt und erlebt haben und auf das Schärfste verurteilen."

Die besondere Rolle der LSU

Die Lesben und Schwule in der Union (LSU) nimmt eine einzigartige Position in der deutschen LGBTQ+-Landschaft ein. Als offiziell anerkannte Sonderorganisation der CDU seit 2022 kämpft sie für die Rechte von LSBTIQ*-Menschen innerhalb einer Partei, die historisch gesehen nicht immer ein natürlicher Verbündeter war. Diese Pionierarbeit macht sie zu einem wichtigen Symbol für die Vielfalt innerhalb konservativer Politik.

Die LSU setzt sich unter anderem für die Ergänzung des Artikel 3 des Grundgesetzes um das Merkmal der sexuellen Identität und die Novellierung des Transsexuellengesetzes ein. Ihre Arbeit zeigt, dass queere Rechte kein parteipolitisches Monopol sind, sondern eine überparteiliche Herausforderung darstellen.

Breite Verurteilung der Gewalt

Die Reaktionen auf die Angriffe waren eindeutig. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verurteilte die Taten "aufs Schärfste" und betonte: "Der CSD ist doch gerade eine politische Demonstration für Vielfalt, gegenseitigen Respekt und Toleranz. Wer Hass, Hetze und Gewalt anwendet, tritt auch die Werte des CSD mit Füßen."

Auch der CSD Berlin selbst positionierte sich klar: In einer Instagram-Stellungnahme erklärten die Organisator*innen, dass sachliche Kritik an der CDU berechtigt sei, sie aber gleichzeitig "queere Strukturen innerhalb von Parteien und Unternehmen" anerkennen, die sich "oft gegen große Widerstände" für LGBTQ+-Rechte einsetzen.

Ein Paradox der Pride-Bewegung

Die Angriffe werfen grundlegende Fragen über die Einheit und Diversität der LGBTQ+-Bewegung auf. Während der CSD als Demonstration für Vielfalt und Toleranz konzipiert ist, zeigen die Vorfälle, dass auch innerhalb der Community Spannungen und Konflikte existieren können. Lisa Knack berichtete dem "Tagesspiegel", dass es sich um "wenige Einzelfälle" gehandelt habe, die "einer Vielzahl von konstruktiven Gesprächen gegenüberstanden".

Diese Ambivalenz spiegelt eine größere gesellschaftliche Herausforderung wider: Wie kann eine Bewegung, die für Toleranz und Akzeptanz kämpft, mit internen Meinungsverschiedenheiten umgehen, ohne ihre eigenen Werte zu verraten?

Der Weg nach vorn

Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano (SPD) brachte es auf den Punkt: "Demokrat*innen reden miteinander. Sie streiten miteinander. Aber sie wenden nie Gewalt an!" Diese Aussage sollte als Leitprinzip für alle politischen Auseinandersetzungen dienen – sowohl innerhalb als auch außerhalb der LGBTQ+-Community.

Die Berliner Polizei leitete im Zusammenhang mit dem CSD insgesamt 84 Strafermittlungsverfahren ein, unter anderem wegen Körperverletzung. Das angegriffene LSU-Mitglied will Anzeige erstatten, und die Tat wurde an das Community-Antigewalt-Projekt Maneo gemeldet.

Diese Vorfälle erinnern uns daran, dass der Kampf für LGBTQ+-Rechte noch lange nicht gewonnen ist – weder in der Gesellschaft noch innerhalb der eigenen Reihen. Sie zeigen aber auch, dass Vielfalt und Dialog, auch mit unbequemen Partnern wie der LSU, essentiell für eine starke und inklusive Bewegung sind. Nur durch respektvolle Auseinandersetzung können wir eine Gesellschaft schaffen, in der alle Menschen – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität oder politischen Überzeugung – frei und sicher leben können.

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