Die anglikanische Kirche in Wales hat einen historischen Schritt vollzogen: Mit Cherry Vann wurde erstmals eine offen lesbische Frau zur Erzbischöfin gewählt. Die 66-jährige Geistliche übernimmt das Amt von Andrew John, der nach internen Untersuchungen zurückgetreten war, ohne dass Fehlverhalten festgestellt wurde.
Ein Zeichen für Vielfalt und Veränderung
Vanns Wahl am vergangenen Mittwoch in Chepstow markiert einen Wendepunkt für die anglikanische Kirche. Nach ihrer Ernennung betonte sie die Notwendigkeit, strukturelle Probleme in der Kirche anzugehen und neues Vertrauen in die Führung aufzubauen. Zugleich sprach sie sich dafür aus, dass die Church of Wales die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln solle – eine baldige Einführung gleichgeschlechtlicher Eheschließungen schloss sie dabei nicht aus.
Die neue Erzbischöfin lebt mit ihrer zivilrechtlichen Partnerin Wendy in Südwales und ist Mitglied des queeren Open Table Network, einer christlichen Initiative, die Gottesdienste und Unterstützung für LGBTQ+-Personen anbietet. Ihre Offenheit bezüglich ihrer sexuellen Orientierung macht sie zu einer Pionierin in der kirchlichen Hierarchie.
Von der Priesterin zur Erzbischöfin: Ein beeindruckender Werdegang
Vanns Karriere ist eng mit der Geschichte der Frauenordination in der anglikanischen Kirche verwoben. Als eine der ersten Frauen wurde sie 1994 in der Church of England zur Priesterin geweiht. Später arbeitete sie als Archidiakonin von Rochdale in Nordengland, bevor sie 2020 zur Bischöfin von Monmouth berufen wurde.
Ihre Laufbahn spiegelt den langsamen, aber kontinuierlichen Wandel der anglikanischen Kirche wider – von der ersten Frauenordination vor drei Jahrzehnten bis hin zu ihrer nun erreichten Position als erste lesbische Erzbischöfin weltweit innerhalb der anglikanischen Gemeinschaft.
Zwischen Tradition und Fortschritt: Die aktuelle Haltung der Church of Wales
Die Church of Wales nimmt bereits heute eine progressivere Haltung ein als viele andere anglikanische Kirchen. Seit 1920 als eigenständige Provinz der anglikanischen Gemeinschaft organisiert, erlaubt sie zivilrechtliche Partnerschaften unter gleichgeschlechtlichen Paaren und deren Segnung, verweigert jedoch noch immer die kirchliche Eheschließung für homosexuelle Paare.
Diese Position könnte sich unter Vanns Führung ändern. Ihre Aussagen nach der Wahl deuten darauf hin, dass sie offen für weitere Reformen ist und die Kirche näher an die Realität des 21. Jahrhunderts heranführen möchte.
Parallelen zur deutschen Kirchenlandschaft
Vanns Ernennung resoniert auch in Deutschland, wo ähnliche Diskussionen über Inklusion und LGBTQ+-Rechte in den Kirchen geführt werden. Die evangelischen Kirchen in Deutschland stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie ihre anglikanischen Geschwister: Wie lassen sich traditionelle Lehren mit den Lebensrealitäten moderner Gläubiger vereinbaren?
Die #OutInChurch-Initiative der katholischen Kirche und der Synodale Weg zeigen, dass auch in Deutschland der Druck für mehr Inklusion wächst. Vanns Ernennung könnte als Vorbild dienen für deutsche Kirchenvertreter*innen, die ähnliche Reformen anstreben.
Ein Signal fĂĽr die Zukunft der anglikanischen Kirche
Cherry Vanns Wahl zur Erzbischöfin kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt für die anglikanische Kirche. Während konservative Kräfte, besonders in Afrika, liberaleren Positionen zu LGBTQ+-Themen kritisch gegenüberstehen, zeigt Wales mit dieser Entscheidung einen Weg nach vorn auf.
Ihre Ernennung könnte auch ein Signal für die anstehende Neubesetzung des Erzbischofs von Canterbury sein – dem höchsten Amt der anglikanischen Kirche weltweit. Die Entscheidung der walisischen Kirche zeigt, dass Veränderung möglich ist, auch in jahrhundertealten Institutionen.
Mit Cherry Vann an der Spitze der Church of Wales beginnt ein neues Kapitel – eines, das Hoffnung für LGBTQ+-Gläubige weltweit bedeutet und zeigt, dass Kirche und Vielfalt sich nicht ausschließen müssen, sondern einander bereichern können.
