Die jüngsten Nachrichten über Visa und Mastercard, die Gaming-Plattformen Steam und Itch.io dazu zwingen, Tausende von expliziten Videospielen zu entfernen, erinnern an eine deutsche Diskussion, die längst überfällig ist: Wer bestimmt eigentlich, was wir kaufen dürfen? Während die beiden Zahlungsriesen in den USA unter Druck rechtskonservativer Anti-Pornografie-Lobbyisten nachgeben, zeigen sich auch in Deutschland die Auswirkungen dieser zensorischen Tendenzen.
Eine Lektion aus der britischen Geschäftswelt
Die Geschichte des britischen Juweliers Ratner ist ein perfektes Beispiel dafür, was passiert, wenn Unternehmen ihre Kunden für selbstverständlich halten. 1991 zerstörte Firmengründer George Ratner mit einem einzigen Scherz über die "beschissene Qualität" seiner Produkte ein Imperium im Wert von über einer Milliarde Pfund. Was als Witz gedacht war, wurde zur teuersten Pointe der Wirtschaftsgeschichte – und eine Mahnung, die auch Visa und Mastercard beherzigen sollten.
Deutsche Sexarbeiter*innen im Visier der Kreditkarten-Zensur
In Deutschland sind die Auswirkungen der restriktiven Zahlungspolitik längst spürbar. Wie netzpolitik.org berichtet, leiden besonders LGBTQ+-Künstler*innen und Sexarbeiter*innen unter dem sogenannten "Overblocking" der Zahlungsdienstleister. Während Sexarbeit in Deutschland legal und reguliert ist, werden Plattformen wie OnlyFans, die von vielen queeren Content-Creator*innen genutzt werden, zunehmend in ihrer Geschäftstätigkeit eingeschränkt.
"Es ist paradox", erklärt Sarah Weber*, eine trans Sexarbeiterin aus Berlin, deren OnlyFans-Account bereits Probleme mit Zahlungsabwicklungen hatte. "In Deutschland kann ich legal als Sexarbeiterin tätig sein, aber amerikanische Kreditkartenunternehmen entscheiden darüber, ob ich mein Geld verdienen kann oder nicht."
Das Internet vergisst nie – auch nicht die Zensur
Die Geschichte des Internets ist untrennbar mit sexuellen Inhalten verbunden. Bereits in den 1980er Jahren führten Bemühungen zur Verbreitung pornografischer Bilder zu Innovationen in der Dateiverteilung, die den Grundstein für moderne Imageboards legten. 1995 waren schätzungsweise 83,5 Prozent aller Bilder auf Internetservern pornografischer Natur.
Diese Widerstandsfähigkeit zeigt sich auch heute: Trotz Zensurversuchen von Tumblr, Pinterest und sogar OnlyFans selbst, bleibt expliziter Content ein dominierender Faktor im Netz. PornHub gehört weiterhin zu den meistbesuchten Websites der Welt, OnlyFans verzeichnet über 220 Millionen registrierte Nutzer*innen.
Deutsche Alternativen und der Kampf um finanzielle Inklusion
Während Visa und Mastercard ihre Duopolstellung ausnutzen, entstehen bereits Alternativen. Wie Heise berichtet, entwickeln deutsche Fintech-Unternehmen zunehmend alternative Zahlungssysteme, die explizit auf Zensurfreiheit setzen. Cryptocurrencies und dezentrale Zahlungsnetze gewinnen besonders in der LGBTQ+-Community an Bedeutung.
Die ZEIT schreibt über die Debatte um finanzielle Inklusion: "Der Zugang zu Finanzdienstleistungen darf nicht von moralischen Bewertungen privater Unternehmen abhängen." Besonders betroffen seien marginalisierte Gruppen, die ohnehin schon mit gesellschaftlicher Diskriminierung zu kämpfen haben.
Ein Kampf, den sie nicht gewinnen können
Sexualität ist ein menschliches Grundbedürfnis – eines, das sich nicht durch Kreditkartenrichtlinien unterdrücken lässt. Jeder Zensurversuch in der Internetgeschichte hat letztendlich nur zur Entstehung neuer Plattformen und Technologien geführt. Visa und Mastercard riskieren mit ihrer kurzsichtigen Politik nicht nur einen massiven Imageschaden, sondern auch ihre Marktposition.
Wie das Beispiel von X/Twitter zeigt, können auch scheinbar unerschütterliche Digitalimperien fallen, wenn sie ihre Nutzer*innen missachten. Die 5,35 Milliarden Internetnutzer*innen weltweit werden sich nicht von zwei Kreditkartenunternehmen vorschreiben lassen, was sie kaufen oder konsumieren dürfen.
Die Frage ist nicht, ob Visa und Mastercard diesen Kampf verlieren werden – die Frage ist nur, wie viel Schaden sie dabei anrichten, bevor sie capitulieren müssen.
*Name von der Redaktion geändert
