Trans-Gesundheitsversorgung in GroĂźbritannien: Warnsignal fĂĽr Deutschland

Eine neue Studie von Healthwatch zeigt alarmierende Barrieren für trans und nicht-binäre Menschen im britischen Gesundheitssystem auf. Nur 32 Prozent der Befragten bewerteten die geschlechtsbejahende Versorgung durch ihre Hausärzte als gut oder sehr gut – ein Befund, der auch für Deutschland höchst relevant ist.

Systemversagen mit dramatischen Folgen

Die britische Studie offenbart ein erschütterndes Bild: 28 Prozent der Befragten, die ihren Geschlechtseintrag geändert hatten, verloren den Zugang zu ihren bisherigen NHS-Patientenakten. 16 Prozent erlebten Unterbrechungen bei ihren Hormonverschreibungen, während 18 Prozent in schriftlichen NHS-Kommunikationen falsch gegendert wurden.

Besonders beunruhigend: Ein Fünftel der Befragten berichtete, dass das NHS ihnen nach der Geschlechtsänderung wichtige Vorsorgeuntersuchungen wie Gebärmutterhalskrebs-Screenings verweigerte – trotz entsprechender familiärer Vorbelastungen. Die Folgen sind lebensbedrohlich: Unterbrechungen der Hormontherapie können bei trans Frauen zu Menopause-Symptomen und bei trans Männern zur Wiederkehr der Menstruation führen.

Deutschland: Fortschritte und anhaltende Herausforderungen

Auch in Deutschland stehen trans und nicht-binäre Menschen vor ähnlichen Hürden beim Zugang zur Gesundheitsversorgung. Der Bundesverband Trans* betont, dass eine menschenrechtsbasierte Gesundheitsversorgung noch nicht vollständig umgesetzt wurde. Diskriminierung, ein Mangel an qualifizierten Gesundheitsdienstleistern und finanzielle Barrieren prägen den Alltag vieler Betroffener.

Das im November 2024 in Kraft getretene Selbstbestimmungsgesetz ermöglicht es Menschen erstmals, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen durch eine einfache Erklärung beim Standesamt zu ändern – ein historischer Meilenstein. Doch bei der medizinischen Versorgung bleiben Probleme bestehen.

Hormontherapie: Off-Label-Use mit Hindernissen

In Deutschland gilt die Verschreibung von Hormonen fĂĽr trans Menschen als "Off-Label-Use", da keine speziell zugelassenen Medikamente existieren. Obwohl die Kosten normalerweise von den Krankenkassen ĂĽbernommen werden, wenn sie von einem Arzt verschrieben wurden, sind viele Mediziner*innen unsicher oder verweigern die Behandlung.

Ähnlich wie in Großbritannien führt dies zu gefährlichen Versorgungslücken. Besonders nicht-binäre Menschen sind betroffen: Ein Urteil des Bundessozialgerichts schränkt die Kostenübernahme ein, wenn Personen ihre nicht-binäre Identität offenlegen – eine Diskriminierung, die Leben gefährdet.

Menschengeschichten hinter den Statistiken

Nick, ein 31-jähriger Teilnehmer der britischen Studie, beschreibt die kafkaesken Zustände nach seiner Namens- und Geschlechtsänderung 2023: Er erhielt zwei verschiedene NHS-Nummern, was dazu führte, dass bei Notfällen falsche Medikamentenlisten auftauchten. Trotz familiärer Vorbelastung für Gebärmutterkrebs wurde er nicht mehr zu Vorsorgeuntersuchungen eingeladen.

Samathy, eine 29-jährige trans Frau, schilderte gegenüber PinkNews ihre Verzweiflung über den drohenden Verlust ihrer Hormontherapie: "Eine erzwungene Detransition würde mich in den schlimmsten mentalen Zustand meines Lebens stürzen." Wie viele andere erwägt sie gefährliche Selbstmedikation als letzten Ausweg.

Ein Aufruf zum Handeln

Louise Ansari, Geschäftsführerin von Healthwatch, fordert eine "ganzheitliche nationale LGBTQ+ Gesundheitsstrategie". Diese müsse klären, inwieweit die Primärversorgung geschlechtsbejahende medizinische Behandlungen übernehmen sollte – besonders angesichts der langen Wartezeiten für Spezialist*innen.

Deutschland steht vor ähnlichen Herausforderungen. Während neue medizinische Leitlinien den Zugang zu geschlechtsangleichender Versorgung erweitern, bleiben strukturelle Probleme bestehen. Die Erfahrungen aus Großbritannien sollten als Warnung dienen: Ohne koordinierte Anstrengungen aller Akteure im Gesundheitswesen werden trans und nicht-binäre Menschen weiterhin systematisch unterversorgt.

Die Botschaft ist klar: Der Zugang zu lebensrettender Gesundheitsversorgung darf nicht von der Geschlechtsidentität abhängen. Es ist Zeit für eine menschenrechtsbasierte Medizin, die alle Menschen würdevoll behandelt – auf beiden Seiten des Ärmelkanals.

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