Am vergangenen Wochenende wurden erneut mehrere Christopher Street Days (CSDs) in Deutschland von rechtsextremen Gegenprotesten begleitet. Die Ereignisse in Bernau bei Berlin, Pirna und Fulda sind Teil eines besorgniserregenden Trends, der sich seit 2024 verstärkt durch die deutsche Pride-Saison zieht.
Eine neue Generation von Neonazis formiert sich
Die Vorfälle sind kein Zufall, sondern Teil einer koordinierten Strategie rechtsextremer Gruppen. Wie das Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) in einer aktuellen Studie dokumentiert, ist 2024 eine neue Generation von Neonazis entstanden, die jung, online vernetzt und rhetorisch stärker auf Gewalt ausgerichtet ist. Diese Gruppen nutzen soziale Medien geschickt für ihre Mobilisierung und zeigen dabei eine erschreckende Enthemmung.
Die Amadeu Antonio Stiftung zählte 2024 insgesamt 55 Angriffe auf CSDs in Deutschland – ein dramatischer Anstieg, der die Dimension dieser Bedrohung verdeutlicht. In 27 Städten kam es zu rechtsextremen Mobilisierungen gegen Pride-Veranstaltungen, wobei die Angriffe von Störungen über Sachbeschädigungen bis hin zu körperlicher Gewalt reichten.
Wenn Hass auf die StraĂźe geht
Die Geschehnisse in Bernau zeigen exemplarisch, wie diese neue rechtsextreme Bewegung vorgeht. Etwa 35 Neonazis der Gruppe "Deutsche Jugend voran" skandierten die menschenverachtende Parole "HIV hilf uns doch, Schwule gibt es immer noch" – ein Ausdruck von Hass, der selbst in der Geschichte rechtsextremer Demonstrationen erschreckend ist. Die Polizei entdeckte bei den Teilnehmern verbotene SS-Runen und andere verfassungswidrige Symbole.
Ähnliche Szenen spielten sich in Pirna und Fulda ab, wo die "Jungen Nationalisten" – die Jugendorganisation der rechtsextremen Partei "Heimat" (ehemals NPD) – mit Parolen wie "Nein zum CSD! Unsere Stadt bleibt hetero!" aufmarschierten. In Fulda eskalierte die Situation sogar, als es zu körperlichen Auseinandersetzungen kam, bei denen Polizisten verletzt wurden.
Mehr als nur Gegenprotest
Was diese Aktionen besonders beunruhigend macht, ist ihre strategische Komponente. Die Gruppierungen haben verstanden, dass CSDs nicht nur Feste der Vielfalt sind, sondern auch Symbole für gesellschaftlichen Fortschritt und Akzeptanz. Durch die Störung dieser Veranstaltungen versuchen sie, die LGBTQ+-Community einzuschüchtern und gesellschaftliche Fortschritte rückgängig zu machen.
Der Fall Bautzen 2024 illustriert diese Strategie besonders deutlich: Dort standen etwa 700 Rechtsextreme rund 1.000 CSD-Teilnehmenden gegenüber – ein Kräfteverhältnis, das die Abschlussparty aus Sicherheitsgründen unmöglich machte. Die queere Community wurde erfolgreich von der Ausübung ihrer Grundrechte abgehalten.
Digitale Vernetzung verstärkt die Bedrohung
Was diese neue Generation von Rechtsextremen von früheren unterscheidet, ist ihre digitale Vernetzung. Sie organisieren sich über soziale Medien und können so schnell überregionale Mobilisierungen orchestrieren. Die Gruppe "Elblandrevolte" beispielsweise rief bereits am 1. Juni zum CSD in Dresden auf und mobilisierte später nach Bautzen – ein Zeichen für die neue Schlagkraft dieser Bewegung.
Diese Entwicklung erfordert neue Strategien sowohl von den Sicherheitsbehörden als auch von der queeren Community. Während die Polizei mit verstärkten Kräften reagiert – in Pirna waren 150 sächsische und 110 Bundespolizisten im Einsatz –, müssen auch die CSD-Veranstalter ihre Sicherheitskonzepte überdenken.
Die Antwort der queeren Community
Trotz der Bedrohung zeigt die queere Community Widerstandskraft. Die Mottos der CSDs – "Queer bleibt hier. Gemeinsam gegen rechts" in Bernau oder "Vielfalt geht queer durch die Gesellschaft" in Pirna – machen deutlich, dass die Gemeinschaft sich nicht einschüchtern lässt. Transparente mit Aufschriften wie "CSD statt AfD" und "Wie kann man Liebe hassen" zeigen, dass die Teilnehmenden die politische Dimension ihres Protests verstehen.
Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass die meisten CSDs friedlich verliefen. An 16 Standorten konnten die Veranstaltungen ohne Störungen stattfinden – ein Zeichen dafür, dass die Demokratie und die Meinungsfreiheit auch in schwierigen Zeiten funktionieren können.
Ein Aufruf zur Wachsamkeit
Die Ereignisse der letzten Wochen machen deutlich, dass die rechtsextreme Bedrohung für die LGBTQ+-Community real und wachsend ist. Die neue Generation von Neonazis ist strategischer, vernetzter und gewaltbereiter als ihre Vorgänger. Sie nutzt moderne Kommunikationsmittel und versteht es, gesellschaftliche Spannungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Umso wichtiger ist es, dass die Gesellschaft geschlossen hinter der queeren Community steht. CSDs sind nicht nur Feste der Vielfalt, sondern auch Demonstrationen für Demokratie und Menschenrechte. Wer sie angreift, greift die Grundwerte unserer Gesellschaft an. Die Antwort darauf kann nur lauten: Mehr Solidarität, mehr Unterstützung und ein entschlossenes Auftreten gegen jeden Versuch, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität zu diskriminieren oder einzuschüchtern.