Jay Khan bricht das Schweigen - Grooming-Vorwürfe gegen Musikproduzenten wecken Erinnerungen an #MeToo

Ein mutiger Schritt ins Licht: Jay Khan, ehemaliges Mitglied der Boyband US5, hat in seiner neuen Autobiografie "Tariq und ich: Lieben und Lügen meines Lebens" schwerwiegende Vorwürfe gegen den verstorbenen Musikproduzenten Lou Pearlman erhoben. Der 43-jährige Schlagersänger beschreibt detailliert, wie er als junger Künstler Opfer von sexuellen Übergriffen wurde - und bricht damit ein jahrzehntelanges Schweigen in der Musikindustrie.

Machtmissbrauch im Schatten des Ruhms

Lou Pearlman, der "Vater" der Boyband-Ära, formte nicht nur die Backstreet Boys und *NSYNC zu Weltstars, sondern auch die deutsch-amerikanische Gruppe US5, der Khan von 2005 bis 2009 angehörte. Doch hinter den glitzernden Bühnen und Millionen-Verkäufen verbarg sich eine düstere Realität: Ein System von Manipulation und sexuellem Missbrauch, das junge Künstler zu Opfern machte.

Khans Schilderungen sind erschütternd konkret: "Es begann damit, dass Lou mich bat, meinen Oberkörper freizumachen, um meinen Muskelaufbau zu begutachten", berichtet der Sänger. Was als professionelle Begutachtung getarnt wurde, entwickelte sich zu systematischen Grenzüberschreitungen. Die vermeintlichen "Massagen" nach dem Training und schließlich der direkte körperliche Übergriff in Pearlmans Schlafzimmer zeigen ein perfides Muster der Machtausübung.

Ein System des Schweigens

Besonders bedeutsam ist, dass Khan nicht das einzige Opfer war. Auch Marc Terenzi von der Band Natural bestätigte gegenüber der "Bild"-Zeitung ähnliche Erfahrungen. Seine Aussage, dass solche Übergriffe "damals irgendwie normal" waren, offenbart das toxische Umfeld, in dem junge Künstler sich selbst schützen mussten.

Pearlmans Strategie war perfide: Er nutzte seinen Status als Türöffner zum Ruhm, um junge Männer gefügig zu machen. Die Abhängigkeit der Künstler von seinem Wohlwollen machte Widerstand nahezu unmöglich. Wer sich wehrte, riskierte seine Karriere - ein Dilemma, das auch heute noch viele Betroffene zum Schweigen bringt.

Deutschland und die #MeToo-Bewegung in der Musikbranche

Khans Offenbarungen reihen sich ein in eine größere Diskussion über Machtmissbrauch in der deutschen Musikindustrie. Die Initiative #musicmetoo macht seit Jahren auf Diskriminierung und sexuelle Übergriffe in der Branche aufmerksam. Von Jazz bis Pop, von Klassik bis Electronic - überall finden sich Berichte über strukturelle Probleme und Machtmissbrauch.

Besonders brisant wurde die Debatte 2023 durch die Vorwürfe gegen Till Lindemann von Rammstein, die eine neue Welle der Diskussion über sexuelle Gewalt in der deutschen Musikszene auslösten. Diese Fälle zeigen: Das Problem ist nicht auf einzelne Personen beschränkt, sondern systemischer Natur.

Die Komplexität queerer Identität und Trauma

Jay Khans Geschichte ist auch deshalb bedeutsam, weil sie die komplexe Beziehung zwischen Trauma und sexueller Identität beleuchtet. Der Sänger war in der Vergangenheit dünnhäutig, wenn es um seine sexuelle Orientierung ging - er drohte 2009 sogar mit Klagen gegen Medien, die spekulierten, er sei schwul. Seine Teilnahme am RTL-Dschungelcamp 2011 wurde von verzweifelten Versuchen überschattet, seine Heterosexualität zu beweisen.

Diese Abwehrhaltung ist im Kontext seiner Missbrauchserfahrungen zu verstehen. Für viele Betroffene von gleichgeschlechtlichen Übergriffen entstehen Verwirrung und Scham bezüglich der eigenen Identität. Khans damalige Reaktionen - von "Schwulen-Hetzkampagne" zu sprechen - zeigen, wie tief das Trauma gewirkt haben muss.

Mut zur Wahrheit

Heute, mehr als ein Jahrzehnt später, findet Khan die Kraft, seine Geschichte zu erzählen. Sein Buch ist nicht nur eine persönliche Abrechnung, sondern ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung von Machtmissbrauch in der Musikindustrie. Dass er trotz früherer Ängste um seine öffentliche Wahrnehmung diese Erfahrungen teilt, zeugt von persönlicher Stärke und gesellschaftlicher Verantwortung.

Lou Pearlman kann sich nicht mehr zu den Vorwürfen äußern - er starb 2016 im Gefängnis, nachdem er wegen Betrugs zu 25 Jahren Haft verurteilt worden war. Doch seine Opfer leben weiter mit den Folgen seiner Taten. Khans Mut, zu sprechen, könnte anderen Betroffenen helfen, ihr eigenes Schweigen zu brechen.

Die Musikindustrie - in Deutschland wie international - muss sich ihrer Verantwortung stellen. Nur durch offene Diskussion, strukturelle Reformen und die Unterstützung von Betroffenen kann verhindert werden, dass sich solche Systeme des Missbrauchs wiederholen. Jay Khans Geschichte ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

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