Historischer Schritt: EKD distanziert sich von queerfeindlicher "Homo-Heilungs"-Vergangenheit

Ein bemerkenswerter Moment für die Gleichberechtigung queerer Menschen: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat am Mittwoch bei ihrer Synode in Dresden den Antrag "Gleichberechtigung queerer Menschen" beschlossen. Damit vollzieht die größte protestantische Kirche Deutschlands eine klare Abkehr von ihrer dunklen Vergangenheit – darin distanziert sie sich von ihrer eigenen Orientierungshilfe "Mit Spannungen leben" aus dem Jahr 1996. Ein Text, der jahrzehntelang zur theologischen Rechtfertigung von Diskriminierung diente und wie queer.de berichtet, bis heute von queerfeindlichen Kräften missbraucht wird.

Das dunkle Erbe: Wenn Kirchen "Heilung" predigten

Was heute fast unvorstellbar klingt, war in den 1990er Jahren offizielles Kirchendokument: Die Orientierungshilfe propagierte die angebliche "Heilbarkeit" von Homosexualität durch Therapie und Seelsorge. Das Papier behauptete, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften widersprächen dem Willen Gottes und nur Heterosexuelle verdienten es, eine Ehe zu schließen. Jahrzehntelang beriefen sich evangelikale Kreise auf diesen Text, um ihre diskriminierende Haltung zu rechtfertigen.

Der Schaden, den solche "Konversionstherapien" anrichten, ist heute wissenschaftlich erwiesen: Wissenschaftlich nachgewiesen sind schwerwiegende gesundheitliche Schäden durch solche "Therapien" wie Depressionen, Angsterkrankungen, Verlust sexueller Gefühle und ein erhöhtes Suizidrisiko. Die Weltgesundheitsorganisation hat erklärt, dass Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit keine Krankheit sind und keine Indikation für eine "Therapie" besteht.

Deutschland als Vorreiter: Das Verbot von Konversionstherapien

Die Bundesrepublik hat hier international Zeichen gesetzt: Das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen ist am 24. Juni 2020 in Kraft getreten. Medizinische und andere Interventionen, die darauf gerichtet sind, die sexuelle Orientierung oder die selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person gezielt zu verändern oder zu unterdrücken (sogenannte Konversionstherapien) und das Werben hierfür ist verboten. Verstöße werden mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einem hohen Bußgeld geahndet. Deutschland gehört damit zu den wenigen europäischen Ländern, die solche menschenverachtenden Praktiken konsequent sanktionieren.

Kirche bekennt sich zu Menschenrechten für alle

Mit dem Dresdner Beschluss schlägt die EKD ein neues Kapitel auf: Die Kirche erklärt nun unmissverständlich, dass die Orientierungshilfe von 1996 "nicht dieser Grundüberzeugung" entspreche und bittet den Rat, dafür zu sorgen, "dass dieser Text (analog und digital) nicht mehr als Orientierungshilfe zur Verfügung gestellt wird."

Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) begrüßte in einem ersten Statement den Synodenbeschluss zur Gleichberechtigung queerer Menschen. Der Verein bot der Kirche zudem Unterstützung bei der "Erarbeitung eines zeitgemäßen Papiers zur Verbindung unterschiedlicher Lebensentwürfe und Identitäten im gemeinsamen Glauben" an.

Regenbogenfahne offiziell erlaubt: Sichtbare Vielfalt

Ein weiteres starkes Zeichen setzte die EKD mit einem neuen Flaggengesetz: In einem neuen "Kirchengesetz über die Verwendung von Fahnen, Flaggen und ähnlichen Kennzeichen" heißt es: "Die Verwendung von Fahnen, Flaggen und ähnlichen Kennzeichen durch die evangelische Kirche dient der Darstellung der Kirche in der Öffentlichkeit. Sie darf dem Auftrag der Kirche nicht widersprechen." Die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs hatte bereits zur Eröffnung der Synode am Sonntag erklärt, dass die Regenbogenfahne als Symbol der Vielfalt dem "kirchlichen Selbstverständnis" entspreche.

EKD im europäischen Vergleich: Eine der queerfreundlichsten Kirchen

Und wie steht die EKD im internationalen Vergleich da? Nach dem Rainbow Index of Churches in Europe 2025 erreicht die Evangelische Kirche in Deutschland 85 Prozent – ein beachtlicher Wert. Nur die Schwedische Kirche schneidet unter den großen protestantischen Kirchen noch besser ab. Innerhalb der EKD ist die Situation allerdings heterogen: Während viele Landeskirchen längst gleichgeschlechtliche Trauungen anbieten, hielt die württembergische Landeskirche erst im Oktober am Verbot gleichgeschlechtlicher Trauungen fest.

Die Gleichstellung in deutschen Landeskirchen

Viele evangelische Landeskirchen haben längst Fakten geschaffen: Die Evangelische Kirche im Rheinland ermöglicht seit 2016 die Trauung und eine Gleichbehandlung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnern und verheirateten Paaren. Die Evangelische Kirche von Westfalen stellt die Trauung seit 2019 mit der Ehe zwischen Mann und Frau gleich. Auch in Hessen-Nassau, Hannover, Baden und vielen anderen Landeskirchen können gleichgeschlechtliche Paare kirchlich heiraten – mit denselben liturgischen Rechten wie heterosexuelle Paare.

Ein Blick über den evangelischen Tellerrand: Die katholische Kirche

Zum Vergleich: In der römisch-katholischen Kirche ist die Situation deutlich restriktiver. Homosexuelle Paare können seit Ende 2023 auch in der katholischen Kirche gesegnet werden. Das vatikanische Glaubensdikasterium veröffentlichte eine Grundsatzerklärung, wonach Geistliche unverheiratete und homosexuelle Paare segnen dürfen. Allerdings gibt es dabei erhebliche Einschränkungen: Die Segnung darf nicht in einem gottesdienstlichen Rahmen erfolgen, denn eine solche liturgische Segnung würde voraussetzen, dass die gesegnete Verbindung dem Plan Gottes in seiner Schöpfung entspreche. Von einer echten Gleichstellung kann also keine Rede sein.

Interessant dabei: Nach dem Rainbow Index of Churches in Europe (RICE) vom Oktober 2025 rangiert die katholische Kirche in Deutschland auf Platz 72 Prozent und ist damit die inklusivste katholische Kirche in Europa, gleichauf mit Belgien und nur knapp hinter England und Wales. Der Synodale Weg in Deutschland hatte hier wichtige Impulse gesetzt.

Was bedeutet das für queere Menschen in Deutschland?

Die Entscheidung der EKD ist mehr als nur symbolisch: Sie sendet ein klares Signal an die rund 18 Millionen evangelischen Christ*innen in Deutschland – und an queere Menschen überall. Die Kirche übernimmt Verantwortung für ihre Vergangenheit und macht deutlich: Hier seid ihr willkommen, hier habt ihr die gleichen Rechte. Das ist besonders wichtig in Zeiten, in denen rechtspopulistische Kräfte verstärkt gegen LGBTIQ*-Rechte mobilisieren.

Dennoch bleibt Arbeit: Die innere Vielfalt der EKD zeigt, dass nicht alle Landeskirchen gleich weit sind. Und auch international ist die Situation für queere Christ*innen oft prekär. Die EKD kann hier mit gutem Beispiel vorangehen – als eine der größten protestantischen Kirchen Europas hat sie Vorbildfunktion.

Quellen: queer.de, Bundesgesundheitsministerium, Rainbow Index of Churches in Europe

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