Der designierte Spitzenkandidat der Berliner Grünen Werner Graf widerspricht der weit verbreiteten Annahme einer besonderen Homophobie unter muslimischen Personen. In einem aktuellen Interview mit dem Tagesspiegel macht der schwule Fraktionschef deutlich: "Ich sehe im Augenblick vor allem, dass Nazis bundesweit beim Christopher Street Day aufmarschieren und die Polizei die Marzahn Pride mit einem Großaufgebot vor Rechtsextremen schützen muss."
Statistiken belegen Grafs Aussage
Grafs Einschätzung deckt sich mit den aktuellen Zahlen des Bundesministeriums des Innern: 2023 wurden 1.530 Hasskriminalität-Straftaten gegen die sexuelle Orientierung registriert – ein Anstieg von 14,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Statistiken zeigen deutlich, dass rechtsextreme Täter den Hauptanteil queerfeindlicher Gewalt verüben, während islamistische Angriffe einen deutlich kleineren Teil ausmachen.
"Da spüre ich, dass die Aggression größer wird und auch die Angriffe zunehmen", so Graf weiter. "Ja, queerfeindliche Angriffe kommen auch von islamistischen Gruppen, derzeit aber, das zeigen die Zahlen, vor allem von Rechtsextremen."
Deutliche Abgrenzung zu pauschalen Vorurteilen
Mit seiner Aussage widerspricht Graf dem früheren SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert, der davon sprach, homofeindliche Sprüche in seinem Bezirk Tempelhof-Schöneberg häufiger "aus muslimisch gelesenen Männergruppen" zu hören. Graf betont stattdessen die Wichtigkeit einer differenzierten Betrachtung: "Queerfeindlichkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wenn wir alle muslimischen Menschen gleichsetzen und vorverurteilen, wird das unsere Gesellschaft weiter spalten."
Der Politiker macht eine klare sprachliche Unterscheidung: "Ich selbst habe deshalb von islamistischen Gruppen gesprochen, nicht von Muslimen. Ich spreche auch nicht von 'weißen Männern', die angreifen, sondern von Rechtsextremen." Diese Differenzierung ist entscheidend für eine sachliche Diskussion über Queerfeindlichkeit, ohne ganze Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren.
Kritik an Kürzungen bei queerer Bildungsarbeit
Graf nutzt die Gelegenheit, um ein weiteres wichtiges Thema anzusprechen: die Finanzierung queerer Bildungsprojekte. "Um unser vielfältiges Berlin zu verteidigen, braucht es vor allem Aufklärung und Prävention", erklärt er. In diesem Zusammenhang sei es "ein Skandal, dass die Bildungssenatorin in diesem Jahr die Finanzierung vieler queerer Bildungsprojekte und Beratungsstellen gestrichen hat".
Diese Kürzungen treffen die queere Community zu einem Zeitpunkt, an dem präventive Bildungsarbeit besonders wichtig wäre. Angesichts steigender Angriffszahlen und zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung sind Aufklärungs- und Präventionsprogramme essentiell, um Vorurteile abzubauen und ein respektvolles Miteinander zu fördern.
Spitzenkandidatur für 2026
Die Landesvorsitzenden der Berliner Grünen, Nina Stahr und Philmon Ghirmai, haben Graf vor zwei Wochen als Spitzenkandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters bei der Abgeordnetenhauswahl 2026 vorgeschlagen. Am 22. November soll ein Parteitag über diese Spitzenkandidatur abstimmen.
Mit seiner klaren Haltung gegen Pauschalisierungen und seinem Einsatz für eine differenzierte Betrachtung queerfeindlicher Gewalt positioniert sich Graf als Politiker, der sowohl die Sicherheit der LGBTQ+-Community im Blick hat als auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken möchte. Seine Forderung nach mehr Aufklärung und Prävention zeigt einen konstruktiven Weg auf, wie Berlin seiner Rolle als weltoffene und vielfältige Metropole gerecht werden kann.
