Ein Straßenfest für queere Sichtbarkeit wird zum Politikum: In der sachsen-anhaltischen Kreisstadt Köthen eskaliert der Streit zwischen der linken Oberbürgermeisterin Christina Buchheim und den CSD-Organisatoren. Wie queer.de berichtet, hat Buchheim bereits am Freitag Anzeigen wegen übler Nachrede und Verleumdung gegen zwei CSD-Organisatoren erstattet. Was als Feier der Vielfalt gedacht war, endet nun vor Gericht – und wirft ein Schlaglicht auf die angespannte Situation queerer Veranstaltungen in Deutschland.
Behördenwillkür oder berechtigte Auflagen?
Der Konflikt schwelte bereits seit dem CSD Mitte Juli, als rund 300 Menschen trotz rechtswidriger Auflagen für queere Sichtbarkeit in Köthen sorgten. Die Veranstalter*innen mussten einen Toilettenwagen vor Gericht erkämpfen. Am Veranstaltungstag kam es zu einer weiteren, mutmaßlich rechtswidrigen Schikane des Ordnungsamts: Die Behörde untersagte den CSD-Organisator*innen die Nutzung von Strom und forderte, die ordnungsgemäß verlegten Stromversorgungskabel wieder einzupacken.
Die Organisatoren Falko Jentsch und Julian Miethig kritisierten diese Maßnahmen als Behördenwillkür. Sie wurden gezwungen, einen detaillierten Ablaufplan bis zum 30. Mai einzureichen, damit die Behörde jeden einzelnen Beitrag inhaltlich auf 'Meinungseignung' bewerten kann. "Was 2024 gegen uns verübt wurde, wird 2025 gegen uns ausgelegt. Das ist eine absurde Logik der Täter-Opfer-Umkehr.", kritisiert das Organisationsteam.
Eine Linken-Oberbürgermeisterin gegen queere Aktivisten
Christina Buchheim, geboren 1970 in Köthen, war Mitglied des Landtages in der 7. und 8. Wahlperiode und schied am 10.07.2023 aus. Sie gewann die Bürgermeisterinnenwahl in Köthen und setzte sich in der Stichwahl gegen den bisherigen Amtsinhaber klar durch. Ausgerechnet eine Politikerin der Linken, einer Partei, die sich traditionell für LGBTQ+-Rechte einsetzt, steht nun im Zentrum eines erbitterten Streits mit queeren Aktivist*innen.
Die Stadt stellte klar, dass Buchheim mit den beiden Organisatoren grundsätzlich nicht mehr sprechen wolle. Dies werde "aus den bekannten Gründen abgelehnt". Dabei planen die beiden Aktivisten bereits den CSD 2026, der am 11. Juli stattfinden soll. Die Stadt erklärte jedoch, man werde darüber nur mit "einem neuen Organisationsteam" reden.
Konflikte in der queeren Community Sachsen-Anhalts
Der Streit in Köthen ist kein Einzelfall. Innerhalb der LGBTQ+-Community in Sachsen-Anhalt rumort es gewaltig. Der CSD Merseburg beklagte im Juni, dass der CSD Sachsen-Anhalt über die lokalen Bedürfnisse hinweg entschieden und eine Kommerzialisierung vorangetrieben habe. Der CSD Burgenlandkreis erklärte Mitte Juli auf Instagram, man habe mit dem Dachverband "negative Erfahrungen" gemacht.
"Wir nehmen wahr, dass besonders oft dort, wo der CSD Sachsen-Anhalt als Organisator beteiligt ist, Probleme mit den Behörden auftauchen", so der lokale CSD-Verein. Die Kritik richtet sich dabei auch gegen die Darstellung der Konflikte: Nur weil nicht im Interesse einzelner Personen oder Organisationen gehandelt werde, heiße das nicht, "dass Behörden oder Kommunen komplett unkooperativ oder queerfeindlich sind".
Der deutsche Kontext: Zwischen Sichtbarkeit und Sicherheit
Knapp ein Drittel aller CSDs wurde 2024 Ziel rechtsextremer Angriffe. Noch nie gab es an so vielen Orten in Deutschland Christopher Street Day-Veranstaltungen wie im Jahr 2024 – und noch nie so viele rechtsextreme Mobilisierungen dagegen. Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentierte 55 Fälle, in denen rechtsextreme Gruppen gezielt CSD-Demos, deren Teilnehmende, sowie die Infrastruktur rund um die Veranstaltung gestört, bedroht und angegriffen haben.
In Köthen selbst war der erste CSD im vergangenen Jahr trotz Einschüchterungen von Neonazis erfolgreich verlaufen – rund 400 Teilnehmer*innen zeigten, dass queeres Leben auch im Landkreis Anhalt-Bitterfeld existiert. Am Samstag fand der erste Christopher Street Day in der Geschichte der Kreisstadt Köthen unter dem Motto "Queer – wir waren schon immer hier" statt.
Mutmaßlich Mitglieder der Neonazi-Partei "Der III. Weg" hätten in der Nacht zuvor Buttersäure auf dem Platz verspritzt, um das Straßenfest zu stören. Buttersäure ist eine Säure, die bereits in kleinsten Mengen einen intensiven üblen Geruch verströmt, der sich großflächig ausbreitet und lange anhält.
Was bedeutet das für die queere Bewegung in Deutschland?
Der Konflikt in Köthen zeigt exemplarisch die Herausforderungen, vor denen die queere Bewegung in Deutschland steht – besonders im ländlichen Raum und in Ostdeutschland. Einerseits kämpfen Aktivist*innen gegen rechtsextreme Bedrohungen und müssen ihre Veranstaltungen unter Polizeischutz durchführen. Laut einem Lagebericht des Bundeskriminalamts und des Bundesinnenministeriums von Ende 2024 hat sich die Zahl der Straftaten im Bereich "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene Diversität" seit 2010 nahezu verzehnfacht. Das liegt demnach auch an der zunehmenden Sichtbarkeit und Anzeigebereitschaft – zugleich wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen.
Andererseits erleben sie Konflikte mit Behörden und sogar mit politischen Verbündeten. Wenn eine linke Oberbürgermeisterin CSD-Organisatoren anzeigt, statt gemeinsam für queere Sichtbarkeit einzustehen, offenbart das tiefe Gräben in der Zusammenarbeit zwischen Politik und Zivilgesellschaft.
Falko Jentsch, der als Vorstandsmitglied des Dachverbandes CSD Sachsen-Anhalt mehrere Prides im Land mitorganisiert, betonte: "Es ist eine politische Demo: Wir machen das, um Reibung zu erzeugen, es ist ja kein Stadtfest: Man stößt gesellschaftliche Barrieren auf, und kratzt an der einen oder anderen Stelle."
Der Weg nach vorn: Dialog statt Konfrontation?
Julian Miethig gestand eigene Fehler ein: "Ich habe mich beim Auswertungstreffen [am 4. August nach dem CSD] auch entschuldigt für einige Postings, die zum Teil provozierend waren. Und ich will auch nicht wieder Öl ins Feuer gießen." Er sei zu einem "moderierten Gespräch" mit der Stadtchefin bereit. Doch die Stadt lehnt ab – Buchheim will grundsätzlich nicht mehr mit den beiden Organisatoren sprechen.
Am 12. Juli 2025 kamen über 300 Menschen zum Christopher Street Day in Köthen, um für Vielfalt, Akzeptanz und Gleichberechtigung einzustehen. Mit dabei waren auch Die Linke Anhalt-Bitterfeld und Genoss*innen aus Dessau. Der CSD ist eine politische Versammlung und gleichzeitig Straßenfest. Genau diese besondere Mischung macht ihn einzigartig – und bringt regelmäßig rechtliche Herausforderungen.
Der Konflikt in Köthen ist mehr als nur ein lokaler Streit. Er zeigt, wie fragil die Fortschritte der queeren Bewegung sind und wie schnell Vielfalt zur Verhandlungsmasse werden kann. In Zeiten, in denen die Zahl der politisch motivierten Straftaten im Jahr 2024 um 40,22 Prozent auf 84.172 Delikte angestiegen ist und sich die politisch motivierte Kriminalität auf dem höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Jahr 2001 befindet, braucht es mehr denn je Solidarität – auch und gerade von progressiven Politiker*innen.
Die queere Community in Köthen und ganz Sachsen-Anhalt wird weiter für ihre Rechte kämpfen müssen. Ob mit oder ohne Unterstützung der Stadtverwaltung. Denn wie das Motto des ersten CSD in Köthen bereits sagte: "Queer – wir waren schon immer hier." Und sie werden bleiben.
