Wenn Schulen nicht mehr sicher sind: Baden-Württembergs Kampf gegen Queerfeindlichkeit im Klassenzimmer

Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat alarmierende Zahlen veröffentlicht: Seit März 2024 wurden 24 queerfeindliche Vorfälle an Schulen registriert, darunter homofeindliche Schmierereien, abwertende Kommentare und Aussagen wie „Schwule und Lesben sind psychisch krank". Diese Fälle zeigen nur die Spitze des Eisbergs – Experten gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus, da niedrigschwellig gelöste Konflikte nicht gemeldet werden müssen.

Ein deutschlandweites Problem mit besorgniserregenden Ausmaßen

Die zunehmend queerfeindliche Stimmung in der Gesellschaft erreicht verstärkt die Schulen. Mehr Queerfeindlichkeit sorgt für mehr Nachfrage zu herausfordernden Bedingungen. Diese Warnung des Kölner LSBTIQ*-Aufklärungsprojekts „WiR* – Wissen ist Respekt" spiegelt sich in erschreckenden Zahlen wider: Mehr als jede*r zweite LGBTI-Jugendliche ist nach einer neuen Studie der Jugendeinrichtung anyway Opfer von Queerfeindlichkeit in einer Kölner Schule geworden (58%). Am häufigsten wurden die Schüler*innen demnach "beschimpft, beleidigt und/oder lächerlich gemacht" (46%).

Die Gewalt beschränkt sich nicht nur auf verbale Angriffe. Knapp ein Viertel der Jugendlichen (23,7%) wurden gegen den eigenen Willen in der Schule geoutet. Zudem sind LSBTIQ*-Schüler:innen mit körperlicher Gewalt konfrontiert: 14,3 Prozent wurde Gewalt angedroht und 8,5 Prozent der Schüler:innen wurden tatsächlich angegriffen. Ein betroffener Schüler berichtete: „Tägliche Beleidigungen als Schwuchtel etc., angespuckt, ausgelacht, ausgegrenzt, geschubst – ‚Freunde' wandten sich ab, selbst Lehrer schmunzelten."

Rechtsextremismus als treibende Kraft

Seit Juni 2024 geraten vermehrt Veranstaltungen der LSBTIQ-Bewegung in den Fokus insbesondere gewaltorientierter Rechtsextremisten. So kam es in den letzten Monaten wiederholt zu (versuchten) rechtsextremistischen Störaktionen von öffentlichen Veranstaltungen zum Christopher Street Day (CSD). Der Verfassungsschutz warnt vor gezielten Kampagnen: Dass die Bevölkerung durch eine gezielte „Gender-Propaganda" manipuliert oder gar sexuell umerzogen werden solle, ist ein gängiges Narrativ in der rechtsextremistischen Szene. Diese „Gender-Propaganda" werde durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ebenso wie durch Konzerne, Politiker sowie an Schulen betrieben.

Diese gesellschaftliche Polarisierung zeigt sich auch in den Kriminalstatistiken: Im Jahr 2023 wurden in Deutschland rund 1.500 Delikte gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst. Damit stieg ihre Zahl das sechste Jahr in Folge und auf einen deutlichen Höchststand. Das Bundeskriminalamt verzeichnete einen Anstieg queerfeindlicher Straftaten um fast 50 % im Vergleich zum Vorjahr. 2023 wurden 1.785 solcher Straftaten verzeichnet, gut 1/3 davon war politisch rechts motiviert.

Lehrkräfte als Teil des Problems – und der Lösung

Besonders besorgniserregend ist die Rolle mancher Lehrkräfte: 29,8 Prozent der Lehrkräfte hätten nie gezeigt, dass sie "Schwuchtel", oder "Transe" oder ähnliches als Schimpfworte nicht dulden. Fast die Hälfte aller Lehrkräfte (43,4%) habe sich zudem manchmal oder häufig abfällig über LSBTIQ geäußert. Diese Zahlen aus Köln verdeutlichen, dass Diskriminierung nicht nur unter Schülern stattfindet, sondern teilweise durch Lehrkräfte verstärkt oder geduldet wird.

In Nordrhein-Westfalen zeigt eine aktuelle Studie, dass mit 62,2 Prozent ein Großteil der Teilnehmenden von abwertenden Äußerungen berichten; 60,5 Prozent durch Mitschüler:innen und 13,7 Prozent (teils derselben Betroffenen) durch Lehrkräfte. Gleichzeitig gibt es Hoffnung: Insgesamt fühlt sich weit über die Hälfte (60,7 Prozent) der Betroffenen an Schulen in Nordrhein-Westfalen unterstützt. Knapp jede:r Dritte (28,4 Prozent) gibt an, diese Unterstützung (auch) von Lehrkräften zu erfahren beziehungsweise erfahren zu haben.

Baden-Württemberg handelt: Der Runde Tisch „Schule queer gedacht"

Staatssekretärin Sandra Boser (Grüne) hat auf die alarmierenden Zahlen reagiert: „Diskriminierung hat an unseren Schulen nichts verloren. Schulen müssen ein sicherer Ort auch für queere Menschen sein." Aus diesem Grund hat Staatssekretärin Sandra Boser MdL jüngst zu einem Runden Tisch geladen. Das Thema: „Schule queer gedacht – Schule als sicherer Ort für LSBTTIQ+-Menschen und Lernort für LSBTTIQ+-Themen".

Ende März wurde mit einem ersten Runden Tisch der Aktionsplan der Landesregierung zur Gleichstellung von LSBTIQ*-Menschen nach langem Stillstand und vielen Ankündigungen im Kultusbereich wieder angegangen. Einige Maßnahmen laufen inzwischen. Zu den konkreten Initiativen gehören Fortbildungen für Lehrkräfte, FAQ-Listen auf der Internetseite des Kultusministeriums und ein geplantes Modellschulenprojekt.

Schule der Vielfalt: Ein bundesweites Vorbild

Ein vielversprechender Ansatz kommt aus dem bundesweiten Projekt "Schule der Vielfalt". Das Antidiskriminierungsprogramm Schule der Vielfalt setzt sich dafür ein, dass an Schulen mehr gegen Homo- und Transphobie und mehr für die Akzeptanz von unterschiedlichen Lebensweisen getan wird. Das Konzept basiert auf Selbstverpflichtung: Lehrkräfte sind dazu aufgerufen, konsequent gegen homophobe und trans*feindliche Äußerungen und derartiges Verhalten vorzugehen und dieses innerhalb und außerhalb des Unterrichts zu thematisieren. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt soll im Unterricht an geeigneten Stellen thematisiert werden um Vorurteile und Stereotypen abzubauen, aber auch Wissen zu vermitteln.

Am Netzwerk teilnehmende Schulen berichten, dass das Schild von Schule der Vielfalt von Eltern als Qualitätsmerkmal einer „LGBT-freundlichen Schule" wahrgenommen wird. Die Erfahrung von Schule der Vielfalt zeigt auch: Dort, wo es bereits mindestens eine Projektschule gibt, kommen weitere hinzu.

Gesellschaftlicher Rückhalt trotz Gegenwind

Trotz der besorgniserregenden Entwicklungen gibt es auch positive Signale aus der Gesellschaft. 90 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, dass Schulen den Schüler*innen Akzeptanz gegenüber homo- und bisexuellen Personen vermitteln sollen. 73 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass lesbische, schwule oder bisexuelle Menschen vor Diskriminierung geschützt werden sollten. Bei trans* Personen stimmen sieben von zehn Befragten (70 %) der Aussage zu.

Besonders bei jungen Menschen zeigt sich eine hohe Akzeptanz: Neun Prozent der ab 1995 geborenen volljährigen Deutschen identifizieren sich als homo- oder bisexuell, während weitere drei Prozent pansexuell oder asexuell als Eigenbezeichnung bevorzugen. Das geht aus einer aktuellen Befragung im Rahmen der Statista Consumer Insights hervor. Insgesamt liegt der Anteil von Queers in der Gesamtbevölkerung bei 12 Prozent.

Was Schüler sich wünschen

Die Lösungsvorschläge kommen oft von den Betroffenen selbst. Am häufigsten wünschten sie sich Aufklärungsworkshops in Schulen (60,9%), gefolgt von LSBTIQ*-Ansprechpersonen (53,4%) sowie einem Notfallteam bei Queerfeindlichkeit (47,6%). Diese Forderungen zeigen deutlich: Queere Jugendliche brauchen konkrete Unterstützungsstrukturen und sichtbare Ansprechpersonen.

Der Weg zu diskriminierungsfreien Schulen ist noch weit. Doch die Initiativen in Baden-Württemberg zeigen, dass Politik und Zivilgesellschaft das Problem ernst nehmen. „Schule als sicherer Ort für LSBTTIQ+-Menschen und Lernort für LSBTTIQ+-Themen – das beschreibt unser gemeinsames Ziel und ich kann versichern, dass das Kultusministerium den Weg zu diesem Ziel weiter engagiert und gemeinsam mit den Handelnden verfolgen wird. Zudem engagiere ich mich für weitere Runde Tisch, denn das Thema LSBTTIQ+ ist eine Daueraufgabe und wir werden uns nicht auf dem Erreichten ausruhen", sagt Staatssekretärin Boser.

Die Botschaft ist klar: Schulen müssen sichere Orte für alle jungen Menschen sein – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität. Nur wenn Lehrkräfte, Eltern und Politik gemeinsam handeln, kann Diskriminierung wirksam bekämpft und ein respektvolles Miteinander gefördert werden.

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