Münster ehrt queere Geschichte: Gedenktafel für Catharina Linck/Anastasius Rosenstengel

In Münster erinnert seit kurzem eine Gedenktafel an eine der faszinierendsten und tragischsten Figuren der deutschen queeren Geschichte: Catharina Linck, die unter dem Namen Anastasius Rosenstengel lebte. Die Würdigung dieser historischen Persönlichkeit als neuer "FrauenOrt" in Nordrhein-Westfalen wirft ein Licht auf die jahrhundertealte Existenz geschlechtlicher Vielfalt und macht deutlich, wie wichtig es ist, queere Geschichte sichtbar zu machen.

Ein Leben jenseits der Geschlechternormen

Die Geschichte von Catharina Linck ist ein bemerkenswertes Zeugnis für die Komplexität geschlechtlicher Identität im 18. Jahrhundert. Geboren 1687 in Gehofen, verließ sie bereits im Alter von 15 Jahren ihre Lehrstelle und begann, sich als Mann zu kleiden. Unter dem Namen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel führte sie ein bewegtes Leben – als Knopfmacherin, Kattundruckerin, Soldat und sogar als Prophetin.

Ihre Lebensgeschichte ist geprägt von religiöser Vielfalt und sozialer Mobilität. Sie schloss sich radikalpietistischen Gruppen an, wurde mehrfach getauft und wechselte wiederholt die Konfession. Diese Rastlosigkeit und der Wunsch nach Neuerfindung spiegeln möglicherweise die inneren Kämpfe einer Person wider, die nicht in die starren Geschlechterrollen ihrer Zeit passte.

Liebe, Ehe und gesellschaftliche Ablehnung

1717 heiratete Anastasius Rosenstengel in Halberstadt Catharina Margaretha Mühlhahn – eine Ehe, die schließlich zum Verhängnis werden sollte. Die Schwiegermutter hegte früh Verdacht bezüglich der wahren Geschlechtsidentität von Anastasius und wurde zur Denunziantin. Die Forschung zeigt heute, dass solche Fälle von Geschlechtsüberschreitung im 18. Jahrhundert nicht so selten waren, wie lange angenommen.

Das Ehepaar führte ein normales Leben, bis die anhaltenden Verdächtigungen der Schwiegermutter zu einer offiziellen Anzeige führten. Die darauf folgende Untersuchung und der Prozess werfen ein grelles Licht auf die Geschlechtsnormen und die Rechtsprechung der Zeit.

Ein tragisches Ende mit historischer Bedeutung

Am 8. November 1721 wurde Catharina Linck in Halberstadt durch das Schwert hingerichtet. Sie war die letzte Frau in Europa, die wegen "Unzucht mit einer Frau" hingerichtet wurde. König Friedrich Wilhelm I. bestätigte das Todesurteil, obwohl das Gericht zunächst eine mildere Strafe erwogen hatte.

Diese Hinrichtung markiert einen düsteren Höhepunkt in der Geschichte der Verfolgung queerer Menschen in Deutschland. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie weit die Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert gekommen ist – und wie wichtig es ist, an diese Geschichte zu erinnern.

Moderne Deutungen und queere Geschichtsschreibung

Heute wird Catharina Lincks Geschichte oft im Kontext von Transgender- und queerer Geschichte betrachtet. Die Historikerin Angela Steidele hat mit ihrem Buch "In Männerkleidern" wesentlich zur Aufarbeitung dieser Geschichte beigetragen und betont dabei die Komplexität historischer Geschlechtsidentitäten.

Die Frage, ob es sich bei Catharina Linck/Anastasius Rosenstengel um einen trans Mann, eine Lesbe oder eine nichtbinäre Person handelte, bleibt bewusst offen. Diese Ungewissheit ist wichtig, denn sie zeigt, dass moderne Kategorien nicht immer auf historische Lebenswirklichkeiten anwendbar sind. Was jedoch feststeht, ist die Bedeutung dieser Person für die queere Geschichte Deutschlands.

Bedeutung für die heutige Erinnerungskultur

Die Einweihung der Gedenktafel in Münster durch Gleichstellungsministerin Josefine Paul und Bürgermeister Klaus Rosenau ist ein wichtiger Schritt zur Sichtbarmachung queerer Geschichte. Paul betonte die Notwendigkeit sichtbarer Zeichen: "Dieses Leben außerhalb traditioneller Geschlechternormen verdeutlicht, dass geschlechtliche Vielfalt historisch verankert ist."

Die Würdigung als "FrauenOrt" zeigt, wie wichtig es ist, queere Geschichte in die allgemeine Erinnerungskultur zu integrieren. Das Projekt "FrauenOrte" in NRW macht Geschichten von Frauen sichtbar, die oft übersehen wurden – und schließt dabei bewusst auch Personen ein, deren Geschlechtsidentität nicht eindeutig war.

Für die heutige LGBTQ+-Community ist die Geschichte von Catharina Linck/Anastasius Rosenstengel sowohl inspirierend als auch mahnend. Sie zeigt, dass queere Menschen schon immer existiert haben und für ihre Identität oft einen hohen Preis bezahlt haben. Gleichzeitig verdeutlicht sie, wie wichtig gesellschaftliche Akzeptanz und rechtlicher Schutz sind – Errungenschaften, die wir heute nicht als selbstverständlich betrachten dürfen.

Die Gedenktafel in Münster ist mehr als nur ein historisches Denkmal. Sie ist ein Zeichen dafür, dass queere Geschichte ein unverzichtbarer Teil der deutschen Geschichte ist und dass die Kämpfe und Opfer queerer Menschen aus vergangenen Jahrhunderten nicht vergessen werden dürfen.

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