Geschlechtertest-Skandal: Französische Boxerinnen werden Opfer fragwürdiger Regelungen

Der Boxverband World Boxing hat das französische Frauenteam von der Weltmeisterschaft in Liverpool ausgeschlossen – wegen fehlender Geschlechtertests. Wie queer.de berichtet, wurde die fünf Athletinnen ausgeschlossen, weil die Ergebnisse der vorgeschriebenen Geschlechtstests nicht rechtzeitig vorlagen. Ein Skandal, der die gesamte LGBTQ+-Community aufhorchen lassen sollte.

Französisches Gesetz steht sportlichen Ambitionen im Weg

Derartige Tests sind in Frankreich seit 1994 gesetzlich verboten. Ausnahmen sind nur unter strengen Auflagen möglich, weshalb sich die Frauen des französischen Teams erst nach ihrer Ankunft in England testen ließen. Die französischen Boxerinnen Romane Moulai, Wassila Lkhadiri, Melissa Bounoua, Sthélyne Grosy und Maëlys Richol waren bereits in Liverpool angekommen, als sie über ihre Disqualifikation informiert wurden.

„Trotz der Garantien, die uns World Boxing gegeben hatte, war das von ihnen empfohlene Labor nicht in der Lage, die Ergebnisse rechtzeitig zu liefern", erklärte der französische Verband. Sportministerin Marie Barsacq kritisierte den Ausschluss und bezeichnete ihn als „inakzeptabel".

Deutschland und die Geschlechtertest-Debatte

Auch in Deutschland gibt es eine lebhafte Diskussion über Geschlechtertests im Sport. Im Selbstbestimmungsgesetz ist klargestellt, dass die Bewertung sportlicher Leistungen unabhängig von dem aktuellen Geschlechtseintrag geregelt werden kann. Das heißt: Die Länder und private Einrichtungen können hier im Rahmen ihrer Zuständigkeiten passgenaue Lösungen entwickeln. Das SBGG tastet die Autonomie des Sports nicht an. Nach geltendem Recht entscheiden Sportvereinigungen und Zusammenschlüsse weitgehend in eigener Zuständigkeit darüber, welche Personen zu welchen Wettbewerben zugelassen werden.

Diese rechtliche Situation zeigt: Anders als in Frankreich gibt es in Deutschland keine gesetzlichen Verbote von Gentests im Sport. Dies wirft Fragen auf über den Schutz der Privatsphäre und die Menschenwürde von Athletinnen.

Die problematische Geschichte der "Geschlechtsüberprüfungen"

Geschlechtstests in Form eines „ärztlichen Eignungsscheins" wurden bereits im Jahr 1946 bei den British Commonwealth Games sowie im selben Jahr bei den Leichtathletik-Europameisterschaften der Frauen durchgeführt. Wie Dennis Krämer in seiner Doktorarbeit Intersexualität im Sport beschreibt, beruhte dieser Test auf einer gynäkologischen Untersuchung der äußeren Geschlechtsorgane.

Sportlerinnen größtenteils aus dem globalen Süden stehen im Fokus von „Geschlechtstest" und werden durch diese geschädigt. Allgemeine Vorschriften, die Diskriminierung, Überwachung und erzwungene medizinische Eingriffe bei Sportlerinnen fördern, führen zu physischen und psychischen Schäden und zu wirtschaftlicher Not.

Imane Khelif kämpft vor Gericht

Die algerische Olympiasiegerin Imane Khelif, die bei den Spielen in Paris Gold im Weltergewicht gewann, wehrt sich aktuell juristisch gegen die verpflichtenden Tests. Imane Khelif hat beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) Berufung gegen eine Entscheidung des Weltboxverbandes World Boxing eingelegt, die ihr die Teilnahme an bevorstehenden Veranstaltungen ohne vorherigen Gentest untersagt. Das teilte der Cas mit. Khelif habe bereits am 5. August Berufung eingereicht, in der der Cas unter anderem aufgefordert wird, die 26-Jährige bei den Weltmeisterschaften auch ohne Test zuzulassen.

Die Forderung, die Tests auszusetzen, bis eine Entscheidung gefallen ist, lehnte der Cas am Montag ab. Khelif und die taiwanesische Boxerin Lin Yu-ting waren bereits bei der WM 2023 vom umstrittenen, nicht mehr vom IOC anerkannten Verband IBA ausgeschlossen worden. Das IOC nannte es eine „willkürliche Entscheidung ohne ordnungsgemäßes Verfahren" und ließ Khelif und Lin in Paris teilnehmen. Das im Pass angegebene Geschlecht sei maßgeblich für die Zulassung zu den Wettbewerben, lautete eine Begründung. Beide holten Gold.

Queere Sportler*innen in Deutschland

Während die internationale Box-Welt von Geschlechtertests erschüttert wird, zeigt sich im deutschen Sport ein differenzierteres Bild. Bei den Olympischen Spielen in Paris sind mindestens 170 LGBTQ-Athlet:innen am Start, darunter über 150 Frauen. Aus Team Germany sind elf offen queere Olympionikinnen dabei, acht mehr als zuletzt in Tokio.

Anne ist eine der wenigen offen transgenderen Mountainbikerinnen in Deutschland. Bekannt wurde sie durch ihre Downhill- und Freeride-Videos, mit denen sie eine große Community erreicht. Ihr Mut, sich authentisch zu zeigen, macht sie zu einem wichtigen Role Model für mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz von Transgender-Personen im Sport.

Dennoch zeigen aktuelle Studien alarmierende Zahlen: Die Ergebnisse der Studie „Outsport – Sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und Sport" für Deutschland zeigen, dass 20 Prozent der LGBTQ+ Befragten ihre Sportarten nicht ausüben – aus Angst vor Diskriminierung, Ausschluss oder negativen Kommentaren. Insbesondere Trans-Personen (56 %) und hier vor allem Transmänner (73 %) fühlen sich aufgrund der Geschlechtsidentität von bestimmten Sportarten ausgeschlossen. Fast alle befragten Sportler und Sportlerinnen (96 % und 95 %) sind sich einig: Homo- und Transphobie sind im Sport ein Problem.

Ein fragwürdiger Weg in die Zukunft

World Boxing hatte Ende Mai die Pflicht zu Geschlechtstests eingeführt. Demnach müssen Sportlerinnen und Sportler ab 18 Jahren einen PCR-Test absolvieren, der das SRY-Gen nachweist. Der Sportmediziner Wilhelm Bloch von der Sporthochschule in Köln sagt: Über die Funktionsfähigkeit dieses Gens, könne der Test keine Auskunft geben.

Die aktuelle Situation beim Boxverband World Boxing zeigt beispielhaft die Problematik im Umgang mit Geschlechterdiversität im Sport. Der Weltverband argumentiert, die Kategorie Frau schützen und Vertrauen schaffen zu wollen, doch erreicht damit genau das Gegenteil: Er stellt Frauen unter Generalverdacht. Denn ihre männlichen Kollegen müssen ihr Geschlecht nicht nachweisen.

Der Ausschluss des französischen Teams ist mehr als nur ein sportlicher Skandal – er ist ein Weckruf für die gesamte LGBTQ+-Community und alle, die für Gleichberechtigung und Menschenwürde im Sport kämpfen. Die Debatte über Geschlechtertests zeigt, wie weit wir noch von echter Inklusion entfernt sind.

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