Bunte Fahnen, laute Musik und der ungebrochene Mut der queeren Community prägten das vergangene Wochenende in Deutschland. In acht Städten fanden CSD-Demonstrationen statt, die von beeindruckender Solidarität, aber auch von besorgniserregenden rechtsextremen Gegenmobilisierungen begleitet wurden. Die Originalmeldung finden Sie auf queer.de.
Rechtsextreme Bedrohung erreicht neue Dimension
Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentierte für das Jahr 2024 55 Fälle, in denen rechtsextreme Gruppen gezielt CSD-Demos, deren Teilnehmende, sowie die Infrastruktur rund um die Veranstaltung gestört, bedroht und angegriffen haben. Zwischen Juni und September 2024 verzeichnete CeMAS deutschlandweit in 27 Städten rechtsextreme Mobilisierungen gegen CSD-Veranstaltungen. Dabei kam es zu Einschüchterungen, Schikanen und Gewalt. Diese Zahlen zeigen eine alarmierende Entwicklung: Knapp ein Drittel aller CSDs wurde 2024 Ziel rechtsextremer Angriffe.
Die Studie von CeMAS identifiziert dabei eine beunruhigende Transformation: Die neue Welle von Anti-CSD-Demonstrationen in Deutschland ist Ausdruck eines Wandels in der deutschen Neonazi-Szene. Zunehmend gewinne eine neue Generation an Neonazis an Bedeutung, die jung, online und rhetorisch stärker auf Gewalt aus ist.
Sachsen als Brennpunkt der Konfrontation
Besonders in Sachsen zeigten sich die Spannungen am Wochenende deutlich. In Zittau nahmen laut Polizeiangaben zirka 470 Menschen am CSD teil, bei einem Gegenprotest protestierten 33 Personen gegen Rechte für queere Menschen. Ein Teilnehmer der queerfeindlichen Demo hatte eine Pistolen-Geste gezeigt.
In Freiberg war die Situation noch angespannter: Beim CSD waren rund 750 Menschen (Veranstalter*innen) bzw. 550 Menschen (Polizei) unter dem Motto "Vielfalt verteidigen! Glitzer gegen Hass!" dabei. Die rechtsextreme Gegendemo kam nach Polizeiangaben auf rund 90 Teilnehmende und wurde von "Freien Sachsen" sowie den "Jungen Nationalisten", der Nachwuchsorganisation der Partei "Die Heimat", früher NPD, organisiert.
Thüringen: Ein starkes Zeichen gegen rechts
Ein kraftvolles Gegenzeichen setzte die thüringische Landeshauptstadt Erfurt. Tausende Menschen gingen in Erfurt auf die Straße. Die Polizei sprach von 2.500 Teilnehmenden, der CSD-Verein von rund 4.800. Besonders symbolträchtig war die Unterstützung durch den ehemaligen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke), der als Schirmherr fungierte. Der Erfurt Pride hatte bekanntgegeben, dass der Linken-Politiker Bodo Ramelow die diesjährige CSD-Schirmherrschaft in der thüringischen Landeshauptstadt übernommen hat.
In seiner Rede auf dem Domplatz zeigte sich Ramelow kämpferisch: Er sei froh, "bunte Vielfalt" auf dem Domplatz zu sehen, und nicht "die braune Einfalt". Diese klaren Worte unterstreichen die Bedeutung politischer Unterstützung für die queere Community in Zeiten zunehmender rechtsextremer Bedrohung.
Hitlergrüße in Ostfriesland
Beim CSD im ostfriesischen Aurich, bei dem rund 600 Menschen unter dem Motto "Gleichberechtigung schadet niemandem" auf die Straße gegangen waren, kam es zu einem Zwischenfall. Nach der Veranstaltung berichteten die Organisator*innen von einer Bedrohung des CSD-Teams "durch eine Gruppe Jugendlicher". Dabei sei der Hitlergruß gezeigt und Parolen wie "Heil Hitler" und "Sieg Heil" gerufen worden. Die Jugendlichen seien abgezogen, nachdem ihr Verhalten gefilmt worden sei.
Trotz dieser erschreckenden Vorfälle zeigten sich die Veranstalter*innen dankbar für die Polizeipräsenz: "Dass wir nicht während der laufenden Veranstaltung Ziel eines Angriffs wurden, haben wir vermutlich der absolut tollen Polizeipräsenz zu verdanken".
Unterschiedliche Polizeiarbeit sorgt für Diskussionen
Während die Polizei in Aurich für ihre Arbeit gelobt wurde, gab es in Passau heftige Kritik. Es sei dort zu Verzögerungen gekommen, weil die Polizei "zum Start des Demozugs unnötig lange einen Ordner kontrollierte und solange harmlose Kungebungsmittel beschlagnahmte", teilte der CSD-Verein mit. Auch das polizeiliche Abfilmen und -fotografieren der Demo kritisierten die Veranstalter*innen als "haltlose Vorverdächtigung der Teilnehmenden".
Diese unterschiedlichen Erfahrungen mit den Sicherheitsbehörden zeigen, wie wichtig eine sensible und professionelle Polizeiarbeit beim Schutz von Pride-Veranstaltungen ist.
Ein Blick auf die größere Entwicklung
Die Ereignisse des Wochenendes sind Teil einer besorgniserregenden Entwicklung. Noch nie zuvor gab es so viele Pride-Kundgebungen wie in diesem Jahr und nie gab es so viele rechtsextreme Gegenproteste. Besonders erschreckend war der CSD in Bautzen im August 2024, der als Wendepunkt gilt: Beim CSD in Bautzen standen rund 1000 Teilnehmende fast 700 Rechtsextremen gegenüber.
Die Amadeu Antonio Stiftung warnt: Solche Angriffe müssen wir auch 2025 wieder erwarten – nicht nur in Ostdeutschland. Vor allem auf dem Land sind CSDs deshalb auf Unterstützung angewiesen.
Trotz allem: Die Vielfalt lebt
Trotz der Bedrohungen zeigt sich die queere Community ungebrochen. Außerdem gab es CSDs im niedersächsischen Goslar, im schleswig-holsteinischen Elmshorn, im bayerischen Kaufbeuren und den ersten Pride im württembergischen Balingen, bei dem 400 Teilnehmende dabei waren. Diese Vielfalt an Veranstaltungen, gerade in kleineren Städten und ländlichen Regionen, ist ein starkes Zeichen für die wachsende Sichtbarkeit queeren Lebens in ganz Deutschland.
Die Ereignisse des vergangenen Wochenendes zeigen zweierlei: Die Bedrohung durch rechtsextreme Gruppen ist real und nimmt zu. Gleichzeitig lässt sich die queere Community nicht einschüchtern und findet immer wieder neue Verbündete in Politik und Zivilgesellschaft. Der Kampf für Gleichberechtigung und Akzeptanz geht weiter – bunter, lauter und entschlossener denn je.
