Der Fall des schwulen Lehrers Oziel Inácio-Stech, der von der Berliner Bildungsverwaltung trotz monatelangen Mobbings keine Unterstützung erhielt, ist leider kein Einzelfall. Wie aus einer schriftlichen Anfrage hervorgeht, wurde sein detailliertes Anwaltsschreiben in der Bildungsverwaltung auf mehreren Ebenen gelesen – doch eine Intervention blieb aus. Dieser Vorfall wirft ein grelles Licht auf die systemischen Probleme, mit denen LGBTQ+-Lehrkräfte in Deutschland nach wie vor konfrontiert sind.
Ein System, das wegschaut
Die Chronologie des Falls ist erschreckend: Das Anwaltsschreiben wurde am 4. Dezember 2024 verschickt, zwischen dem 9. und 11. Dezember der Senatorin vorgelegt und anschließend durch alle relevanten Verwaltungsebenen weitergeleitet. Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch von der CDU, die Staatssekretärin für Bildung und der Leiter der Abteilung I – alle lasen das Schreiben. Alle entschieden sich dagegen, einzugreifen.
Der Grünen-Abgeordnete Louis Krüger bringt es auf den Punkt: "Damit bestätigt sich der Verdacht, dass alle Ebenen der Verwaltung in diesen Fall einbezogen waren und offensichtlich alle sich dagegen entschieden haben, einzugreifen und auf die schwerwiegenden Vorwürfe einzugehen."
Diskriminierung von LGBTQ+-Lehrkräften: Ein deutschlandweites Problem
Der Fall aus Berlin ist symptomatisch für ein größeres Problem. Obwohl das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung verbietet, berichten viele schwule Lehrer von Diskriminierung im Schulalltag. Dies kann sich in Form von Mobbing, Ausgrenzung oder Benachteiligung bei Beförderungen äußern.
Studien zeigen, dass Homophobie in bestimmten Bevölkerungsgruppen weiterhin verbreitet ist, wie die Friedrich-Ebert-Stiftung berichtet. Diese Vorurteile manifestieren sich im schulischen Umfeld sowohl bei Schülern als auch bei Kollegen und Eltern.
Wenn Schüler zu Mobbern werden
Besonders besorgniserregend ist, dass Inácio-Stech nach eigenen Angaben von Schüler*innen aus muslimischen Familien monatelang beschimpft, beleidigt und gemobbt wurde. Dies zeigt, wie wichtig Aufklärung und Präventionsarbeit an Schulen ist. Die Angst vor Diskriminierung führt oft dazu, dass schwule Lehrer ihre sexuelle Orientierung am Arbeitsplatz verbergen – ein Zustand, der weder für die Lehrkräfte noch für die Schüler*innen gesund ist.
Initiativen für mehr Akzeptanz
Hoffnung machen Organisationen wie der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) und Queere Bildung, die sich für die Rechte von LGBTQ+-Personen im Bildungsbereich einsetzen. Diese Organisationen bieten Unterstützung, Beratung und Fortbildungen für Lehrer und Schulen an, um ein inklusiveres Klima zu schaffen.
Die Aufklärung über sexuelle Vielfalt und Geschlechtervielfalt spielt eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Diskriminierung. Aufklärung kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Akzeptanz zu fördern. Viele Schulen integrieren das Thema LGBTQ+ in den Lehrplan, um das Bewusstsein für Vielfalt zu schärfen und Toleranz zu fördern.
Politische Konsequenzen bleiben aus
Die Grünen-Fraktion hatte nach den falschen Angaben der Senatorin einen Missbilligungsantrag im Abgeordnetenhaus gegen sie gestellt, bekam dafür aber keine Mehrheit. Dies zeigt, dass auch auf politischer Ebene noch viel Arbeit nötig ist, um LGBTQ+-Rechte konsequent zu verteidigen.
Der Fall Inácio-Stech ist ein Weckruf: Solange Bildungsverwaltungen wegschauen, wenn schwule Lehrkräfte gemobbt werden, bleibt die Gleichberechtigung ein leeres Versprechen. Es braucht nicht nur bessere Gesetze, sondern auch den Willen, diese konsequent durchzusetzen – und vor allem die Bereitschaft, hinzuhören, wenn Betroffene um Hilfe bitten.