Unbekannte Täter haben am vergangenen Wochenende in Aurich die Gedenktafel für den Pionier der LGBTQ+-Bewegung Karl Heinrich Ulrichs aus der Verankerung gerissen und umgestürzt. Der Vorfall, über den die Ostsee-Zeitung erstmals berichtete, ereignete sich zwischen Freitagabend 22 Uhr und Samstagmorgen 10 Uhr auf dem Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz bei der Sparkassen-Arena.
Ein Angriff auf 200 Jahre queere Geschichte
Karl Heinrich Ulrichs, geboren am 28. August 1825, war ein deutscher Jurist, Journalist und Schriftsteller, der heute als Pionier der Sexualwissenschaft und der modernen LGBTQ+-Rechtsbewegung gilt und als "erster schwuler Mann der Weltgeschichte" bezeichnet wird. Vor genau 200 Jahren in Aurich geboren, outete er sich 1867 auf dem Deutschen Juristentag in München als erster Deutscher öffentlich als schwul - zu einer Zeit, als es in der deutschen Sprache noch nicht einmal einen Namen für seine Sexualität gab. Bis an sein Lebensende setzte er sich für die Entkriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen ein.
Ulrichs forderte am 29. August 1867 auf dem Deutschen Juristentag in München die Abschaffung antihomosexueller Gesetze. Sein Auftritt vor gut 500 Juristen im Münchner Odeon, bei dem er die Revision des Strafrechts und Straffreiheit für gleichgeschlechtliche Liebe unter Männern forderte, gilt als historischer Wendepunkt. Unruhe im Publikum und Zwischenrufe zwangen ihn zum Abbruch seiner Rede, doch seine Sätze gelten als erstes öffentliches Coming-out der Weltgeschichte, weshalb der Psychiater und Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch ihn als den "ersten Schwulen der Weltgeschichte" bezeichnete.
Aurichs besondere Verbindung zu Ulrichs
Die Stadt Aurich benannte am 30. August 2014 im Rahmen des ersten örtlichen Christopher Street Day einen Platz nach Karl Heinrich Ulrichs, wobei Bürgermeister Heinz-Werner Windhorst, Ortsbürgermeister Sebastian Schulze sowie Sozialministerin Cornelia Rundt als Schirmherrin des CSD Aurich die Benennung vornahmen. 2022 wurde am 10. September im Rahmen des 7. Christopher Street Day eine Gedenktafel zu Ehren Karl Heinrich Ulrichs enthüllt, bei der der Schirmherr des CSD Johann Saathoff (MdB), Landrat Olaf Meinen, Bürgermeister Horst Feddermann, Bürgermeister Timo Mehlmann sowie die CSD-Initiatorin Melly Doden mitwirkten.
Der Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz ist heute zentraler Ausgangspunkt für Aurichs jährlichen Christopher Street Day. Der gebürtige Auricher Karl Heinrich Ulrichs gilt als Vordenker und -kämpfer der heutigen Lesben- und Schwulenbewegung. Ihm zu Ehren soll der CSD Aurich 2025 eine Nummer größer ausfallen und am 30. August begangen werden, zwei Tage nach Ulrichs' 200. Geburtstag. Die nun vandalisierte Gedenktafel war somit nicht nur ein Erinnerungsort, sondern auch ein Symbol für die lebendige queere Community in Ostfriesland.
Besorgniserregender Anstieg queerfeindlicher Gewalt
Der Vandalismus in Aurich reiht sich in eine erschreckende Entwicklung ein. Die Statistik des Bundeskriminalamts dokumentierte für 2024 mit 84.172 politisch motivierten Straftaten einen neuen Höchststand – ein alarmierender Anstieg um über 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der politisch motivierten Gewalttaten erreichte mit 4.107 Fällen den höchsten Stand seit 2016. Die Gesamtzahl der erfassten Hasskriminalität stieg um 28 Prozent auf 21.773 Delikte, darunter 1.765 Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung (+17,75 %) sowie 1.152 aufgrund geschlechtsbezogener Diversität (+34,89 %).
Seit Juni 2024 geraten vermehrt Veranstaltungen der LSBTIQ-Bewegung in den Fokus insbesondere gewaltorientierter Rechtsextremisten, wobei es wiederholt zu (versuchten) rechtsextremistischen Störaktionen von öffentlichen Veranstaltungen zum Christopher Street Day kam. Im Jahr 2024 kam es bundesweit wiederholt zu solchen Störaktionen. Auch Vandalismusakte häufen sich: Die Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd mussten wegen Vandalismus durch offensichtlich homophobe Schüler oder deren Eltern ein Regenbogenmotiv auf Schülertickets nicht mehr fortführen, und in Zeitz stahlen Unbekannte eine Regenbogenfahne vom Rathaus-Balkon.
Ulrichs' bleibende Bedeutung für Deutschland
Die Attacke auf die Gedenktafel ist besonders bitter, da Ulrichs' Einfluss auf die moderne Gleichstellungsbewegung unermesslich ist. Karl Westphal zitierte Ulrichs' Schriften in der ersten psychiatrischen Arbeit über 'gegensätzliches Sexualempfinden', und Richard von Krafft-Ebing, der später die grundlegende sexualwissenschaftliche Schrift Psychopathia Sexualis veröffentlichte, gestand Ulrichs zu: "Erst die Kenntnis Ihrer Bücher motivierte mich, dieses höchst wichtige Gebiet zu studieren."
Heute sind Straßen nach ihm in München, Bremen, Hannover und Berlin benannt, und sein Geburtstag wird jedes Jahr mit einer lebhaften Straßenparty und Poesielesung am Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz in München gefeiert. Die International Lesbian and Gay Law Association verleiht jährlich einen Karl Heinrich Ulrichs Award für herausragende Beiträge zur Förderung der sexuellen Gleichberechtigung.
Aurichs klare Antwort
Bürgermeister Horst Feddermann kündigte an, dass die Gedenktafel noch diese Woche wieder aufgestellt werden soll. Er hoffe, dass es sich nur um einen "Dumme-Jungen-Streich" ohne politische Motivation handele - eine Einschätzung, die angesichts der aktuellen Entwicklungen naiv erscheint. Stadtsprecher Cord Cordes kündigte unterdessen an, Strafantrag zu stellen.
Die queere Aktivistin und ehemalige Auricher CSD-Organisatorin Melly Doden zeigte sich gegenüber der Ostsee-Zeitung kämpferisch: "Wir lassen uns von diesem Vorfall nicht beeindrucken oder entmutigen." Diese Haltung steht in der Tradition von Ulrichs selbst, der trotz massiver Anfeindungen nie aufgab.
Der Vandalismus an der Ulrichs-Gedenktafel ist mehr als Sachbeschädigung - es ist ein Angriff auf die queere Geschichte Deutschlands und die Werte einer offenen Gesellschaft. Gerade zum 200. Geburtstag des Pioniers zeigt sich: Der Kampf für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung, den Ulrichs vor über 150 Jahren begann, ist noch lange nicht vorbei. Die schnelle Wiederherstellung der Gedenktafel und die breite Solidarität aus der Auricher Stadtgesellschaft senden jedoch ein wichtiges Signal: Hass und Intoleranz werden nicht geduldet.
