Schatten über dem Regenbogen: Rechtsextreme Bedrohungen bei CSDs in Thüringen

Neun Christopher Street Days (CSD) sollten in diesem Jahr in Thüringen stattfinden – ein hoffnungsvolles Signal für die Sichtbarkeit queerer Menschen im Freistaat. Doch die Freude über die wachsende Vielfalt der Pride-Veranstaltungen wird getrübt durch eine beunruhigende Realität: Rechtsextreme Beobachter am Rande der Demonstrationen schaffen ein Klima der Angst, das queer.de berichtet.

Dunkel gekleidete Gestalten am Rand

„Wir erleben das immer wieder und bei fast jedem CSD", berichtet Matthias Gothe von „Vielfalt Leben – QueerWeg Verein für Thüringen". Seine Schilderung zeichnet ein bedrückendes Bild: Menschen in dunkler Kleidung, die T-Shirts mit rechten Parolen tragen, stehen am Rand der bunten Demonstrationen. Sie beobachten, rufen queerfeindliche Parolen und dokumentieren das Geschehen – eine Einschüchterungstaktik, die ihre Wirkung nicht verfehlt.

Diese Beobachtungen sind kein Einzelfall. Nach Recherchen der Amadeu Antonio Stiftung dokumentierte die Organisation 2024 insgesamt 55 Fälle, in denen rechtsextreme Gruppen gezielt CSD-Demonstrationen störten, bedrohten und angriffen. Thüringen steht dabei nicht allein da, doch die Intensität der Bedrohung ist besonders spürbar.

Wenn die Anonymität der Großstadt fehlt

„Queere Menschen fragen sich akut: Wie kann ich mein Leben in Thüringen noch sicher gestalten?", bringt Gothe die Sorgen der Community auf den Punkt. Besonders betroffen sind Menschen im ländlichen Raum, die nicht die schützende Anonymität einer Großstadt genießen. In kleineren Städten wie Nordhausen, wo erstmals ein CSD stattfand, sind die Gesichter bekannter, die Wege zur Arbeit oder zum Einkaufen führen an den gleichen Orten vorbei.

Die Bedrohung beschränkt sich nicht auf die Straße. Auch in den sozialen Medien wird die Hetze laut: Unter Beiträgen der CSD-Organisatoren in Mühlhausen wird zu Gegendemonstrationen aufgerufen, Hasskommentare vergiften die Diskussion. Das Internet wird zum Schauplatz für Hass, der sich auf der Straße manifestiert.

Behördliche Einschätzung: Störpotenzial vorhanden

Das Thüringer Innenministerium räumt ein, dass konkrete Erkenntnisse zu geplanten Neonazi-Aktivitäten zwar fehlen, der geplante CSD in Nordhausen jedoch bereits „von der rechtsextremistischen Szene öffentlich und in abwertender Weise thematisiert" wurde. Aufgrund der Erfahrungen des Vorjahres geht das Ministerium davon aus, dass die rechte Szene zu Gegenversammlungen mit Störungspotenzial mobilisieren wird.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Elf Straftaten im Bereich der Hasskriminalität gegen queere Menschen wurden 2024 bislang offiziell in Thüringen erfasst. Das Ministerium betont jedoch, dass es sich dabei um vorläufige und nicht „qualitätsgeprüfte" Erkenntnisse handelt. Sowohl Aktivisten als auch Politiker gehen von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus.

Die Dunkelziffer der Angst

Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss (Linke) benennt die Gründe für die vermutlich hohe Dunkelziffer: Betroffene haben oft Angst vor weiterer Diskriminierung nach einer Anzeige. Das Vertrauen in staatliche Institutionen ist erschüttert, die Sorge, dass Fälle nicht ernst genommen werden, ist groß. Hinzu kommt, dass queerfeindliche Straftaten nicht immer als solche erkannt und entsprechend eingeordnet werden.

Diese Problematik ist nicht auf Thüringen beschränkt. Bundesweit erleben wir eine Zunahme rechtsextremer Störungen bei CSD-Veranstaltungen. Von Gera bis Leipzig, von Eisenach bis Altenburg – überall versuchen rechtsextreme Gruppen, die Botschaft von Vielfalt und Toleranz zu übertönen.

Trotz allem: Mut zur Sichtbarkeit

Doch trotz der bedrohlichen Atmosphäre lassen sich queere Menschen nicht einschüchtern. Gothe betont, dass die Vielzahl der CSD-Veranstaltungen in Thüringen ein gutes Zeichen sei: „Queere Menschen werden vor Ort aktiv: Sie sagen: 'Wir leben in unsicheren Zeiten und wollen gerade deshalb zur Sichtbarkeit beitragen'." Diese Haltung verdient Respekt und Unterstützung.

Solidarität zeigt sich auch in der Zivilgesellschaft. CSD-Initiativen in Thüringen erhalten Unterstützung von lokalen Politikern und Bürgern, die sich hinter die Botschaft von Vielfalt und Toleranz stellen. In Altenburg beispielsweise unterstützten Oberbürgermeister und Stadtrat das CSD-Motto „Farbe bekennen - Der Regenbogen kennt kein braun".

Ein Aufruf zur Solidarität

Die Situation in Thüringen ist ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen, die uns alle betreffen. Das Innenministerium spricht von einer „zunehmenden Sensibilität hinsichtlich des eigenen und der Ablehnung anderer Lebensstile". Diese euphemistische Formulierung verschleiert jedoch die Realität: Rechtsextreme nutzen queere Menschen systematisch als Feindbild, um Anhänger zu rekrutieren und gesellschaftliche Spannungen zu verschärfen.

Die Bedrohung ist real, doch sie darf nicht das letzte Wort haben. Jeder CSD, der trotz der Einschüchterungsversuche stattfindet, ist ein Zeichen des Widerstands. Jede bunte Flagge, die gehisst wird, ist ein Statement für eine offene Gesellschaft. Und jeder Mensch, der sich solidarisch zeigt, trägt dazu bei, dass die Schatten über dem Regenbogen nicht die Oberhand gewinnen.

Die queere Community in Thüringen braucht unsere Unterstützung – nicht nur an den CSD-Tagen, sondern das ganze Jahr über. Denn Vielfalt und Toleranz sind nicht verhandelbar, auch nicht in unsicheren Zeiten.

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