Klare Kante statt Wahlkampf: CSD Weimar verbietet Parteien

Der CSD Weimar geht einen mutigen Schritt: Beim diesjährigen Christopher Street Day am Samstag dürfen politische Parteien nicht mehr als Aussteller oder mit eigenen Ständen teilnehmen. Das Organisationsteam begründet den Ausschluss damit, dass sich manche Parteien zwar auf CSDs als Unterstützerinnen der queeren Community darstellten, ohne dies später durch konsequentes Handeln zu belegen. "Der CSD ist kein Ort für Symbolpolitik, sondern für echtes Engagement", heißt es in der Erklärung.

Von Regenbogenflaggen zu echten Taten

Die Entscheidung der Weimarer Organisator*innen ist keine Einzelerscheinung mehr in Deutschland. Der Bochumer CSD schließt bereits seit seiner Wiederbelebung 2019 "Werbung von politischen Parteien" aus, und auch der CSD Kassel hat beschlossen, dass klassischen politischen Parteien keine Sonderstellung mehr gewährt werden soll. Die Debatte ist aktueller denn je: Während der CSD Bremen die FDP in diesem Jahr ausschloss, weil der Parteichef vor "Gender-Unsinn" an Schulen gewarnt hatte, durfte die CSU in München 2023 und 2024 nicht mitfahren, unter anderem weil die Partei ein Verbot von Dragqueen-Auftritten gefordert hatte.

Der Weimarer CSD findet unter dem Motto "Nie wieder still – jetzt erst recht!" statt – eine unmissverständliche Ansage in Zeiten, in denen 2024 Rechtsextreme 32 angemeldete Kundgebungen gegen CSDs in Deutschland organisierten und für die kommende Saison sogar mit mehr Gewalt gerechnet werden muss, nicht nur in Ostdeutschland. Die Demo beginnt am Samstag um 13 Uhr vor dem Weimarer Hauptbahnhof, gefolgt von einem Straßenfest und einer Aftershowparty mit Dragshow.

Symbolpolitik versus echte Unterstützung

Die Kritik am "Pinkwashing" – also der oberflächlichen Zurschaustellung von LGBTQ+-Freundlichkeit ohne entsprechende Taten – wird in der queeren Community immer lauter. Politische Parteien brüsten sich auf dem CSD gerne mit queerfreundlichen Forderungen und Reformen, um Stimmen zu gewinnen, machen jedoch in der Regierung eine Politik gegen große Teile der Community. Ein Blick nach Deutschland zeigt: Wann immer es um queere Rechte ging, stand die Union bisher auf der Bremse. Eine CDU/CSU-geführte Regierung hat nie proaktiv aus eigenem Antrieb queere Rechte gestärkt. Jeder Fortschritt musste erkämpft, erstritten oder vom Bundesverfassungsgericht erzwungen werden.

Sophie Koch, Queerbeauftragte der Bundesregierung, setzt zwar auf leise Diplomatie statt auf laute Symbolpolitik, wartet aber seit Juli auf ein Gespräch mit Kanzler Merz. Die Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und tatsächlichem politischem Handeln könnte kaum größer sein. Die Versprechen der Koalitionen, Deutschland sicherer für queere, trans, inter und nichtbinäre Personen zu machen, müssen sich in konkreten politischen Entscheidungen widerspiegeln – es reicht nicht, bei Symbolpolitik wie dem Hissen der Regenbogenfahne oder einem Besuch des CSD stehenzubleiben.

Eine Debatte mit zwei Seiten

Nicht alle in der Community teilen die Kritik am Parteienverbot. Einige argumentieren, dass Pride-Demos die Vielfalt des queeren gesellschaftlichen Lebens abbilden sollten – dazu gehörten auch die demokratischen Parteien, und ein Ausschluss verhindere notwendige Diskussionen und schade dem Fortschritt. Die Gegenposition ist jedoch eindeutig: Kritische Stimmen argumentieren, es gehe lediglich um Symbolpolitik, die konkrete Verbesserungen im Alltag queerer Menschen nicht ersetzen könne.

Der CSD Weimar fordert von der Politik klare Taten: "Wir fordern, dass Unterstützung nicht durch Logos und Stände, sondern durch konkrete politische Maßnahmen gezeigt wird." In einer Zeit, in der 2024 in Deutschland 1.765 Straftaten gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst wurden, rund 250 davon Gewalttaten, ist diese Forderung mehr als berechtigt.

Thüringen im Fokus

Gerade in Thüringen, wo politische Spannungen besonders deutlich werden, ist der Ausschluss von Parteien beim CSD ein starkes Statement. Die queere Community in Thüringen kämpft nicht nur um Sichtbarkeit, sondern zunehmend auch um grundlegende Sicherheit. Der Weimarer CSD sendet damit ein klares Signal: Queere Rechte sind nicht verhandelbar, und wer sie auf der Straße unterstützen will, muss sie auch im Parlament verteidigen.

Die Veranstalter*innen appellieren an alle: "Komm vorbei und setze mit uns ein starkes Zeichen für Akzeptanz, Respekt und Solidarität in unserer Stadt. Gemeinsam zeigen wir: Wir sind viele, wir sind stolz und wir sind hier, um gesehen zu werden." Eine Botschaft, die gerade in der klassischen Kulturstadt Weimar – mit ihrer wechselvollen Geschichte von Aufklärung und Dunkelheit – besondere Bedeutung hat.

Back to blog