Ein historischer Moment in der deutschen Kirche: Der Betroffenenbeirat der Deutschen Bischofskonferenz hat eine kirchenrechtliche Anzeige gegen den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki beim Vatikan eingereicht. Wie queer.de berichtet, handelt es sich dabei um die erste entsprechende Anzeige durch ein offizielles Gremium der katholischen Kirche gegen einen amtierenden Kardinal.
Ein Vertrauensbruch mit schwerwiegenden Folgen
Die Anzeige macht deutlich, was viele Betroffene schon lange empfinden: Das Vertrauen in die Aufklärung von Missbrauchstaten unter Kardinal Woelkis Führung ist vollständig zerbrochen. "Für uns als Betroffene ist das Verhalten des Kardinals nicht nur unerklärlich. Sein offensichtlicher Mangel an Einsicht in eigenes Fehlverhalten und schwere Versäumnisse ist auch schmerzhaft und retraumatisierend", heißt es in der Anzeige.
Diese emotionalen Worte spiegeln eine tiefe Enttäuschung wider, die weit über juristische Aspekte hinausgeht. Für Menschen, die bereits schweres Leid erfahren haben, bedeutet mangelnde Aufklärung eine zusätzliche Verletzung ihrer Würde und ihres Vertrauens in Institutionen.
Konkrete Vorwürfe und rechtliche Dimensionen
Die Anzeige führt spezifische Verstöße auf: "Verstöße gegen päpstliche Spezialnormen zum Umgang von Bischöfen mit Missbrauchsfällen, nachgewiesene Amtspflichtverletzungen sowie weitere schwere Versäumnisse". Der Beirat bezieht sich dabei auf Ermittlungen der Kölner Staatsanwaltschaft, die zu dem Schluss kam, dass Woelki fahrlässig die Unwahrheit gesagt und gegen Sorgfaltspflichten verstoßen habe.
Besonders problematisch wird gesehen, dass sich der Kardinal nach der Einstellung des Meineidsverfahrens gegen eine Geldauflage als unschuldig darstellte – ein Verhalten, das die Betroffenen als zusätzliche Missachtung empfinden.
Der Weg durch die Instanzen
Der Anzeige folgt nun ein komplexes Verfahren: Sie landet zunächst bei dem Trierer Bischof Stephan Ackermann, der formal für Beschwerden gegen Woelki zuständig ist. Von dort geht sie an das römische Dikasterium für die Bischöfe, das die Vorwürfe prüft. Über mögliche Sanktionen entscheidet letztlich der Papst nach Beratung mit einem Juristenkollegium.
Eine Vertrauenskrise mit weitreichenden Folgen
Die Bedeutung dieser Anzeige geht weit über den Einzelfall hinaus. Sie zeigt, wie tief das Vertrauen in die Kirchenhierarchie erschüttert ist. Mit nur drei Prozent Zustimmung in der Kölner Bevölkerung zu seiner Amtsführung steht Woelki für eine Institution, die ihre Glaubwürdigkeit in Fragen des Opferschutzes verloren hat.
Für die LGBTQ+-Community ist diese Entwicklung besonders relevant, da queere Menschen in religiösen Kontexten oft doppelt vulnerabel sind – sowohl als potenzielle Opfer von Missbrauch als auch als Zielgruppe struktureller Diskriminierung. Die bereits dokumentierte Queerfeindlichkeit unter Woelkis Leitung verstärkt diese Problematik zusätzlich.
Ein Wendepunkt für die Aufarbeitung?
Diese historische Anzeige könnte einen Wendepunkt in der kirchlichen Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen darstellen. Sie zeigt, dass sich Betroffene nicht länger mit halbherzigen Entschuldigungen und strukturellem Selbstschutz zufriedengeben. Das Erzbistum Köln mag die Vorwürfe als "offenkundig haltlos" bezeichnen, doch die Tatsache, dass ein offizielles kirchliches Gremium diesen Schritt geht, spricht eine andere Sprache.
Für alle, die sich für Gerechtigkeit und den Schutz vulnerabler Gruppen einsetzen, ist diese Entwicklung ein ermutigendes Signal: Institutionen können zur Verantwortung gezogen werden, auch wenn sie sich lange Zeit unantastbar wähnten. Die Anzeige gegen Kardinal Woelki zeigt, dass der Mut der Betroffenen und ihrer Unterstützer*innen Veränderungen bewirken kann – auch in den mächtigsten Strukturen unserer Gesellschaft.