Hessen: Dramatischer Anstieg queerfeindlicher Gewalt um 63 Prozent

Die Zahlen sind alarmierend: Queerfeindliche Straftaten in Hessen sind 2024 um dramatische 63 Prozent gestiegen – von 83 Fällen im Vorjahr auf 135 registrierte Straftaten. Diese erschreckende Entwicklung zeigt eine neue Kleine Anfrage der Grünen im hessischen Landtag und spiegelt einen bundesweiten Trend wider, der die gesamte LGBTQ+-Community in Deutschland betrifft.

Ein bundesweites Problem mit lokalen Auswirkungen

Hessen ist kein Einzelfall. Die Entwicklung im Bundesland fügt sich in ein besorgniserregendes Gesamtbild ein: Bundesweit registrierte das BKA 2023 bereits 1.785 Straftaten gegen LGBTQ+-Personen – ein Anstieg von über 50 Prozent gegenüber 2022. Diese Zahlen zeigen, dass queerfeindliche Gewalt nicht nur ein regionales, sondern ein gesamtdeutsches Phänomen ist, das dringend Aufmerksamkeit verdient.

Besonders beunruhigend ist die kontinuierliche Steigerung in Hessen: Während 2021 nur 34 Fälle erfasst wurden, verdoppelte sich die Zahl 2022 auf 50 Fälle, stieg 2023 auf 83 und erreichte 2024 den neuen Höchststand von 135 Straftaten. Diese Entwicklung macht deutlich, dass es sich nicht um statistische Schwankungen handelt, sondern um einen beständigen und besorgniserregenden Trend.

Strukturelle Defizite hemmen effektive Strafverfolgung

Andreas Ewald, queerpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, kritisiert fundamental die Reaktion der schwarz-roten Landesregierung. Mit einer Aufklärungsquote von nur 34 Prozent zeigt sich ein strukturelles Versagen bei der Strafverfolgung. "Ein ganzheitliches Konzept zum Schutz und zur Unterstützung der Betroffenen" fehle komplett, so Ewald.

Diese Kritik trifft einen wunden Punkt: Während das hessische Innenministerium versichert, "entschieden gegen jede Form queerfeindlicher Bedrohung" vorzugehen, bleiben konkrete Maßnahmen und Unterstützungsstrukturen für Opfer völlig ungenannt. Die Betroffenen-Perspektive wird weitgehend ignoriert – ein Umstand, der die Glaubwürdigkeit der politischen Versprechen erheblich untergräbt.

Frankfurt als Brennpunkt queerfeindlicher Gewalt

Besonders Frankfurt, die größte Stadt Hessens, entwickelt sich zu einem Brennpunkt queerfeindlicher Übergriffe. Erst vergangenes Wochenende musste die Polizei erneut einschreiten, als ein alkoholisierter Mann zwei Männer aufgrund ihrer sexuellen Orientierung beleidigte und einen von ihnen verletzte. Diese Vorfälle zeigen, dass queerfeindliche Gewalt längst nicht mehr im Verborgenen stattfindet, sondern offen und aggressiv im öffentlichen Raum ausgetragen wird.

Das Dunkelfeld ist noch größer

Experten gehen davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen noch deutlich höher liegen. Studien zeigen, dass ein Großteil queerfeindlicher Straftaten nicht angezeigt wird. Die Gründe sind vielfältig: Viele Betroffene schätzen die Vorfälle als nicht schwerwiegend genug ein oder fürchten homo- und transphobe Reaktionen bei der Polizei.

Diese Zurückhaltung ist verständlich, aber problematisch. Denn nur angezeigte Straftaten fließen in die Statistiken ein und können verfolgt werden. Das bedeutet, dass die wahren Dimensionen queerfeindlicher Gewalt noch viel größer sein könnten – eine erschreckende Vorstellung angesichts der bereits alarmierenden offiziellen Zahlen.

Bundesweite GegenmaĂźnahmen zeigen erste Erfolge

Während Hessen noch nach wirksamen Antworten sucht, haben andere Bundesländer bereits reagiert. Berlin hat spezialisierte Ansprechstellen für LGBTQ+-Personen bei der Polizei eingerichtet, und das BKA hat eine virtuelle Landkarte mit polizeilichen Angeboten für LGBTQ+-Personen entwickelt.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser betont die Notwendigkeit, queerfeindliche Gewalt "klar zu benennen und gezielt zu verfolgen". Diese klaren Worte auf Bundesebene stehen im deutlichen Kontrast zu den vagen Versicherungen der hessischen Landesregierung.

Was jetzt getan werden muss

Die hessischen Zahlen sind ein Weckruf. Es braucht mehr als warme Worte und Standardfloskeln. Konkrete Maßnahmen sind überfällig:

  • Spezialisierte Ansprechstellen bei der Polizei fĂĽr LGBTQ+-Personen
  • Bessere Schulungen fĂĽr Polizei und Justiz im Umgang mit queerfeindlichen Straftaten
  • Niedrigschwellige Beratungs- und UnterstĂĽtzungsangebote fĂĽr Betroffene
  • Präventionsarbeit in Schulen und der breiten Gesellschaft
  • Regelmäßiges Monitoring und transparente Berichterstattung

Die 63-prozentige Steigerung in Hessen ist nicht nur eine Zahl in einer Statistik – sie steht für 52 zusätzliche Menschen, die 2024 Opfer queerfeindlicher Gewalt wurden. Jeder einzelne Fall ist einer zu viel. Es ist höchste Zeit, dass die hessische Landesregierung dem Ernst der Lage entsprechend handelt und ein umfassendes Schutzkonzept entwickelt.

Denn eines ist klar: Die LGBTQ+-Community verdient Schutz, Respekt und die uneingeschränkte Möglichkeit, offen und sicher zu leben – in Hessen und überall in Deutschland.

Back to blog