Ein Zeichen setzen: Warum Diana Gläßer die Polizeigewerkschaft verlässt

Als Diana Gläßer, Vorsitzende des Bundesverbandes queerer Beschäftigter in Polizei, Justiz und Zoll (VelsPol), ihren Austritt aus der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) verkündete, war das mehr als nur eine persönliche Entscheidung. Es war ein deutliches Signal in einem Beruf, der von Vielfalt und Respekt geprägt sein sollte. Die Ereignisse, die zu diesem Schritt führten, werfen wichtige Fragen über die Behandlung queerer Menschen in deutschen Sicherheitsbehörden auf (Quelle: queer.de).

Wendts umstrittene Äußerungen - ein Rückfall in alte Denkmuster

Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der DPolG, hatte in einem Gastkommentar für "Tichys Einblick" queere Menschen beschuldigt, ihre sexuelle Orientierung "aufdrängen" zu wollen. Regenbogenfahnen vor Polizeibehörden bezeichnete er als "Symbole des Kniefalls vor einer Laune des Zeitgeistes durch schwache Führungskräfte". Diese Worte treffen besonders hart in einer Zeit, in der Deutschland stolz auf seine Fortschritte bei LGBTQ+-Rechten ist.

Für VelsPol-Chefin Diana Gläßer waren diese Äußerungen "nicht nur rückwärtsgewandt, sondern offen queerfeindlich und menschenverachtend". Als Ansprechperson für LSBTIQ*-Belange bei der Polizei Rheinland-Pfalz kennt sie die täglichen Herausforderungen queerer Polizeibeamter nur zu gut. "Herr Wendt spricht nicht für die Vielfalt in der Polizei", betonte sie in ihrer Stellungnahme.

Der Kampf um Sichtbarkeit in der Polizei

Die Auseinandersetzung offenbart einen tieferliegenden Konflikt über die Rolle von LGBTQ+-Sichtbarkeit in deutschen Sicherheitsbehörden. Während Wendt Regenbogenfahnen als "aggressive Forderungen nach permanenter Sichtbarkeit von Minderheiten" kritisiert, sieht VelsPol darin notwendige Zeichen für Akzeptanz und Gleichberechtigung.

Diana Gläßer, die seit 2016 als Vorstandsmitglied bei VelsPol-Deutschland und der European LGBT Police Association aktiv ist, weiß: "Queere Menschen kämpfen nicht für Privilegien, sondern für Rechte, die ihnen in einer heteronormativen Gesellschaft noch immer verwehrt werden." Die Statistiken geben ihr recht – laut aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamts sind queerfeindliche Straftaten in Deutschland nach wie vor ein ernstes Problem.

Zwischen Fortschritt und Rückschritt

Besonders frustrierend für Gläßer war das Schweigen der DPolG-Landesverbände zu Wendts Äußerungen. "Wer schweigt, macht sich mitverantwortlich", stellte sie klar. Paradoxerweise hatte die DPolG Rheinland-Pfalz erst kürzlich eine neue Ansprechperson für LSBTIQ*-Belange im Landesvorstand geschaffen – ein Zeichen dafür, dass nicht alle Teile der Gewerkschaft Wendts Haltung teilen.

Diese Ambivalenz spiegelt eine größere gesellschaftliche Debatte wider. Während Deutschland international als Vorreiter bei LGBTQ+-Rechten gilt – mit der Ehe für alle, dem Selbstbestimmungsgesetz und zahlreichen Antidiskriminierungsmaßnahmen – zeigen solche Kontroversen, dass der Weg zu vollständiger Akzeptanz noch nicht abgeschlossen ist.

Ein Aufruf zur Reflexion

Gläßers Austritt ist nicht nur ein persönlicher Protest, sondern auch ein Aufruf an andere Gewerkschaftsmitglieder. "Ich fordere alle Kolleg*innen auf, über ihren Verbleib in der DPolG nachzudenken – insbesondere, wenn sie sich für Respekt und Vielfalt in unserer Polizei einsetzen", erklärte sie. Mit 100.000 Mitgliedern ist die DPolG nach der Gewerkschaft der Polizei (GdP) die zweitgrößte Polizeigewerkschaft Deutschlands.

Die Ereignisse werfen auch Licht auf die wichtige Arbeit von VelsPol, die seit Jahren für die Rechte queerer Beschäftigter in Sicherheitsbehörden kämpft. Als Bundesverband queerer Beschäftigter in Polizei, Justiz und Zoll setzt sich die Organisation für Aufklärung, Sensibilisierung und den Abbau von Diskriminierung ein.

Mehr als nur Symbolpolitik

Wendts Kritik an Regenbogenfahnen vor Behörden zeigt ein grundlegendes Missverständnis über die Bedeutung von Sichtbarkeit. Für queere Menschen sind solche Symbole nicht "Zeitgeist", sondern wichtige Signale, dass sie in ihrem Arbeitsumfeld akzeptiert und geschützt sind. Gerade in einem Beruf, der von Autorität und Vertrauen geprägt ist, sendet eine vielfältige und offene Polizei wichtige Botschaften an die Gesellschaft.

Diana Gläßers mutiger Schritt zeigt, dass der Kampf für Gleichberechtigung nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in den Institutionen selbst geführt werden muss. Ihr Austritt ist ein Weckruf für alle, die glauben, dass Vielfalt und Respekt keine Verhandlungsmasse sind, sondern Grundpfeiler einer modernen, demokratischen Gesellschaft.

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