Während Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz progressiv voranschreitet, sorgen die jüngsten Äußerungen der österreichischen Familienministerin Claudia Plakolm (ÖVP) für berechtigte Empörung in der LGBTQ+ Community. Die 30-Jährige plädiert für eine Altersgrenze von 25 Jahren für geschlechtsangleichende Maßnahmen – ein Vorschlag, der nicht nur wissenschaftlich unhaltbar, sondern auch grundrechtswidrig ist.
Gefährliche Rhetorik und falsche Vergleiche
Plakolms Wortwahl offenbart eine besorgniserregende Unkenntnis der medizinischen Realitäten. Wenn sie von "Mädchen, die sich ihre gesunden Geschlechtsteile amputieren" spricht, bedient sie transfeindliche Narrative und reduziert komplexe medizinische Entscheidungen auf polemische Schlagworte. Die HOSI Wien kritisiert zu Recht diese "Stimmungsmache mit Halbwahrheiten".
Die Gleichsetzung mit Sterilisationen zeigt eine fundamentale Fehlinterpretation der medizinischen Versorgung von trans Personen. Während Deutschland bereits ab 14 Jahren eine selbstbestimmte Änderung des Geschlechtseintrags mit elterlicher Zustimmung ermöglicht, möchte Österreich erwachsene Menschen bis 25 entmündigen.
Medizinische Realität versus politische Ideologie
Ann-Sophie Otte, Obfrau der HOSI Wien, bringt es auf den Punkt: Geschlechtsangleichende Maßnahmen sind das Ergebnis sorgfältiger medizinischer Diagnostik, nicht spontaner Entscheidungen. In Deutschland folgen medizinische Behandlungen bei Minderjährigen strengen Richtlinien und erfordern die Zustimmung der Eltern sowie des Jugendlichen selbst.
Die Ironie, dass Plakolm mit 22 Jahren politische Entscheidungen für Millionen treffen durfte, aber 24-Jährigen die Kompetenz für persönliche Körperentscheidungen abspricht, entlarvt die Doppelstandards dieser Position. Diese selektive "Entmündigung" zielt ausschließlich auf trans Personen ab und ist diskriminierend.
Deutschland als positives Gegenbeispiel
Während Österreichs ÖVP von einem "Gender-Hype" spricht und wissenschaftlich belegte Behandlungen als "fragwürdige Therapien" diffamiert, geht Deutschland einen anderen Weg. Das geplante Selbstbestimmungsgesetz stärkt die Rechte von trans und intergeschlechtlichen Menschen und orientiert sich an internationalen Standards.
Geschlechtsangleichende Operationen sind auch in Deutschland praktisch erst ab der Volljährigkeit möglich – aber mit gutem Grund. Die medizinische Community weltweit ist sich einig: Frühe Unterstützung und altersgerechte Behandlungen können Leben retten und das Wohlbefinden von trans Jugendlichen erheblich verbessern.
Die Gefahr der Rückschritte
Plakolms Äußerungen sind mehr als nur österreichische Innenpolitik – sie sind ein Warnsignal für ganz Europa. Wenn konservative Politiker:innen wissenschaftlich fundierte Medizin als Ideologie diskreditieren, öffnet das Tür und Tor für weitere Diskriminierung.
Besonders perfide ist die Instrumentalisierung des "Jugendschutzes". Echter Schutz von trans Jugendlichen bedeutet nicht, ihnen die Behandlung zu verwehren, sondern sie mit qualifizierter medizinischer Betreuung und gesellschaftlicher Akzeptanz zu unterstützen. Der Leidensdruck unbehandelter trans Jugendlicher ist real und führt zu alarmierenden Suizidraten.
Ein Aufruf zur Solidarität
Die deutsche LGBTQ+ Community sollte die Entwicklungen in Österreich aufmerksam verfolgen. Rechte können schnell erodieren, wenn politische Stimmungen kippen. Die österreichische HOSI zeigt mit ihrer klaren Stellungnahme, wie wichtig entschiedener Widerstand gegen transfeindliche Politik ist.
Während Deutschland mit dem Selbstbestimmungsgesetz einen wichtigen Schritt nach vorn macht, darf die Community nicht nachlassen. Die österreichischen Pläne zeigen, dass Fortschritt nie selbstverständlich ist und dass die Rechte von trans Personen kontinuierlich verteidigt werden müssen – auf beiden Seiten der Grenze.