Das Ende einer Ära: Letzter Brunos-Laden in Berlin geschlossen – wenn queere Räume verschwinden

Es ist das bittere Ende einer jahrzehntelangen Geschichte: Am 6. Januar 2025 schloss der letzte Brunos-Laden in Berlin seine Türen – abrupt, chaotisch und ohne Vorwarnung für die Mitarbeiter. Was einst als größtes schwules Unternehmen Deutschlands galt, ist nun endgültig Geschichte. Die Schließung wirft Fragen auf, die weit über ein einzelnes Geschäft hinausgehen: Was bedeutet es, wenn queere Orte aus dem Stadtbild verschwinden?

Fristlose Kündigung ohne Vorwarnung

Die Geschichte der Bruno Gmünder GmbH reicht zurück bis 1981, als Bruno Gmünder und Christian von Maltzahn den Verlag unter dem Motto gründeten: „Wir sind homo, wir machen homo und wir wollen dem Homo zum Buch verhelfen." In Berlin eröffnete 1988 der erste Laden Bruno's, der sich zu einem wichtigen Treffpunkt für die schwule Community entwickelte.

Doch die Schließung am 6. Januar kam für die Mitarbeiter völlig überraschend. Ein langjähriger Angestellter beschreibt gegenüber MANNSCHAFT den Schock: „Morgens um 10 Uhr wurde uns eröffnet, dass das Unternehmen pleite wäre und wir ab 11 Uhr den Laden schließen würden und wir alle dann fristlos entlassen sind. Ohne Vorwarnung, ohne Zeugnisse." Auch das letzte Gehalt wurde nicht gezahlt. Die offizielle Website befindet sich im „Wartungsmodus", auf Social Media schweigt das Unternehmen – Geschäftsführer Franz Landgraf-Happach reagiert nicht auf Anfragen.

Eine bewegte Geschichte zwischen Erfolg und Insolvenz

Nach einer ersten Insolvenz 2014 wurde das Unternehmen 2014 von Frank Zahn gekauft, doch als Zahn im Februar 2017 unerwartet starb, meldete das Unternehmen erneut Insolvenz an. Seit November 2017 hatten die Bruno's-Läden neue Betreiber, doch auch dieser Neustart scheiterte. Im Sommer 2024 wurden bereits die Standorte in München, Köln und Hamburg aufgegeben – nur der Berliner Laden im Regenbogenkiez sollte bleiben.

Ein Mitarbeiter beschreibt die letzten Monate als chaotisch: Es landete immer weniger Qualitätsware in den Regalen, dafür aber zu hohen Preisen. Zuletzt wurden noch Unmengen an Dekomaterial aus den bereits geschlossenen Shops nach Berlin gebracht. Sogar der Bezahldienst PayPal verweigerte die Zusammenarbeit.

Ein Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen

Die Schließung von Brunos ist symptomatisch für einen größeren Trend: Queere physische Räume verschwinden zunehmend aus deutschen Städten. Die queere Buchhandlung Eisenherz existiert seit 1978 im Regenbogenkiez und gehört zu den wenigen verbliebenen Orten ihrer Art. Viele schwule Buchhändler können ihren Laden nur noch weiterführen, weil sie ihn privat mitfinanzieren – der Stuttgarter Erlkönig veröffentlichte 2018 einen Hilferuf.

Der Stadtteil Schöneberg, heute international als Regenbogenkiez bekannt, konzentrierte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Berliner Homosexuellenszene. Orte wie Brunos waren mehr als Geschäfte – sie waren sichere Anlaufpunkte, kulturelle Zentren und Identifikationsorte für mehrere Generationen queerer Menschen.

Digitalisierung als zweischneidiges Schwert

Landgraf-Happach erklärte im vergangenen Jahr, dass sich die Kundschaft stark verändert habe. Während man erstaunlicherweise noch immer Umsatz mit Porno-DVDs und Gleitgel mache, sei der Absatz von Büchern, Magazinen und Reiseführern zurückgegangen. Die Digitalisierung und veränderte Konsumgewohnheiten setzen spezialisierte Einzelhändler massiv unter Druck.

Doch der Verlust geht über wirtschaftliche Aspekte hinaus. Brunos etablierte sich seit 1988 als wichtige Shopping- und Erlebniswelt für die queere Community – die Geschäfte waren sichere Treffpunkte für queere Menschen aller Altersgruppen und dienten als kulturelle Zentren. Diese Funktion kann ein Onlineshop nicht ersetzen.

Parallelen in Deutschland: Queere Räume unter Druck

Die Situation in Deutschland ähnelt der internationalen Entwicklung besorgniserregend. Während einige neue queere Buchhandlungen entstehen – wie She said in Berlin-Neukölln oder spezialisierte Angebote wie Querverlag, der 1995 als „Deutschlands erster lesbisch-schwuler Buchverlag" gegründet wurde und diese Kontinuität seit 30 Jahren schafft – bleibt die Lage fragil.

In den meisten Buchhandlungen ist queere Literatur nur spärlich vertreten, außer in queeren Buchhandlungen, deren Fokus meist auf schwul-lesbischer Literatur liegt. Die wenigen verbliebenen spezialisierten Läden kämpfen ums Überleben, während gleichzeitig der Bedarf an sicheren, inklusiven Räumen gerade in Zeiten erstarkender rechtspopulistischer Tendenzen steigt.

Was bleibt?

Der Bruno Gmünder Verlag selbst wurde von Salzgeber Medien übernommen und wird dort als Marke Bruno Books fortgeführt. Doch die physischen Orte, an denen sich Community bilden konnte, sind nun verschwunden. Mit ihnen geht ein Stück queerer Infrastruktur verloren – Orte des Austauschs, der Begegnung und des Sich-Zuhause-Fühlens.

Die chaotische Schließung ohne Rücksicht auf Mitarbeiter und Kunden wirft zudem Fragen nach Verantwortung und Wertschätzung auf. Die Community verliert nicht nur einen Laden, sondern auch das Vertrauen in Institutionen, die sich jahrzehntelang als Teil ihrer Identität verstanden haben.

Das Ende von Brunos mahnt: Queere Räume sind keine Selbstverständlichkeit. Sie brauchen Unterstützung, Solidarität und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Wer sie verliert, verliert mehr als ein Geschäft – er verliert ein Stück Zugehörigkeit und Geschichte.

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