Alarmierend: Zwei Drittel der trans Menschen in Berlin von Gewalt betroffen

Eine neue Studie des Berliner Senats enthüllt das erschreckende Ausmaß transfeindlicher Gewalt in der Hauptstadt: 66 Prozent der trans Menschen sind innerhalb der letzten fünf Jahre von transfeindlicher Gewalt betroffen gewesen. Die am vergangenen Donnerstag veröffentlichten Zahlen des Institut Camino zeigen eine Realität, die weit über Einzelfälle hinausgeht und die trans Community systematisch bedroht.

Gewalt als alltägliches Risiko

Die Ergebnisse sind besonders alarmierend, wenn man bedenkt, dass fast die Hälfte der Befragten (48 Prozent) bereits in den vergangenen zwölf Monaten vor der Befragung Übergriffe erlebte. Was die Studie besonders beunruhigend macht: In drei Viertel aller Fälle gehen die Angriffe mit ausdrücklich transfeindlichen Äußerungen einher, was laut den Autor*innen Albrecht Lüter, Dana Breidscheid und Sarah Riese "auf eine bewusste ideologische Motivation schließen lässt".

Diese Zahlen fügen sich in ein deutschlandweites Bild ein: Laut dem Lesben- und Schwulenverband (LSVD) wurden 2024 bundesweit 1.152 Straftaten im Bereich "geschlechtsbezogene Diversität" erfasst – ein Anstieg von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Straftaten in diesem Bereich hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht.

Öffentlicher Raum als Gefahrenzone

Besonders gefährlich sind für trans Menschen öffentliche Räume wie Straßen, Plätze oder der öffentliche Personennahverkehr. Doch auch andere Lebensbereiche sind von Diskriminierung geprägt: 76 Prozent der Befragten berichteten von negativen Erfahrungen im Gesundheitssystem, 72 Prozent in Behörden und ebenso viele im Internet. Diese strukturelle Diskriminierung zeigt sich auch in Schulen, wo trans Kinder und Jugendliche durch Mobbing, Misgendern oder strukturellen Ausschluss leiden.

Die Auswirkungen sind dramatisch: Drei Viertel der Betroffenen meiden bestimmte Orte aus Angst vor Übergriffen. 53 Prozent tragen unauffällige Kleidung, um Gewalt zu entgehen, 36 Prozent verstecken Regenbogen-Accessoires oder andere Erkennungszeichen. Jede fünfte trans Person besucht Selbstverteidigungskurse – nur acht Prozent geben an, dass keine derartigen Schutzstrategien notwendig seien.

Strukturelle Probleme erfordern strukturelle Lösungen

Die Studienautor*innen appellieren eindringlich, "transfeindliche Gewalt als eigenständiges Phänomen mit struktureller Bedeutung zu begreifen". Dazu gehören "verlässliche Strukturen der öffentlichen Hand" und eine "dauerhafte und bedarfsgerechte Finanzierung transspezifischer Beratungs- und Schutzangebote". Doch gerade hier zeigt sich ein Widerspruch: Berlin war zuletzt wegen Kürzungen bei queeren Projekten in die Kritik geraten.

Antidiskriminierungssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) sieht die gesellschaftliche Entwicklung mit Sorge: "Queerfeindliche Stimmen in der Gesellschaft nehmen wieder zu. Sie richten sich gegen die Menschenrechte und Gleichbehandlung von trans, inter und nicht-binären Menschen in allen Lebensbereichen. Das besorgt mich zutiefst." Die Senatorin betont, dass der Schutz von trans Menschen nicht nur deren Lebenssituation verbessert, sondern "ein dringend nötiger Einsatz für das demokratische Miteinander in dieser Stadt" ist.

Ein gesamtdeutsches Problem

Die Berliner Studie reiht sich in eine besorgniserregende bundesweite Entwicklung ein. Eine aktuelle Studie der EU-Grundrechteagentur aus 2024 zeigt, dass 81 Prozent der trans Frauen, 73 Prozent der trans Männer und 71 Prozent der nicht-binären Personen in den letzten zwölf Monaten Belästigungen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität erfahren haben.

Gleichzeitig warnen Community-Organisationen wie der Bundesverband Trans*, dass die zunehmende Verbreitung von Fehlinformationen über trans Menschen die transfeindliche Gewalt verstärkt. Das Bundeskriminalamt hat bereits reagiert und eine virtuelle Landkarte zu polizeilichen Angeboten und Ansprechstellen für LSBTIQ* erstellt.

Die Berliner Studie macht deutlich: Trans Menschen empfinden Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als alltägliches Risiko, das ihre Bewegungsfreiheit, ihren Identitätsausdruck und ihre psychische Gesundheit nachhaltig beeinflusst. Es ist höchste Zeit, dass Politik und Gesellschaft dieser Realität mit konkreten Maßnahmen und dauerhafter Unterstützung begegnen.

Zurück zum Blog