Wenn der Einkauf zur Gefahr wird: Homophobe Gewalt in deutschen Supermärkten

Ein schwules Paar wurde am Samstagabend vor einem Supermarkt in der Bremer Innenstadt Opfer eines homofeindlichen Angriffs. Der Vorfall ereignete sich gegen 19:20 Uhr in der Obernstraße, als ein 27-jähriger Mann und sein Partner von einer fünfköpfigen Gruppe erst beleidigt und dann körperlich attackiert wurden. Die Täter flüchteten unerkannt – ein Fall, der in seiner Brutalität schockiert, aber leider kein Einzelfall ist. Den vollständigen Bericht finden Sie auf queer.de.

Die erschreckende Realität queerfeindlicher Gewalt

2024 wurden in Deutschland insgesamt 1.765 Straftaten im Unterthemenfeld „sexuelle Orientierung" registriert, davon 253 Gewaltdelikte. Diese Zahlen markieren einen besorgniserregenden Trend: Im Jahr 2023 wurden rund 1.500 Delikte gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst – damit stieg ihre Zahl das sechste Jahr in Folge auf einen deutlichen Höchststand.

Besonders alarmierend ist die Entwicklung über die vergangenen Jahre. Die Zahl der Straftaten im Bereich „Sexuelle Orientierung" und „Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. Die Zunahme an queerfeindlichen Straftaten in den vergangenen Jahren ist erschreckend, so Bundesinnenministerin Nancy Faeser bei der Vorstellung des aktuellen Lageberichts zur Sicherheit von LSBTIQ* Menschen.

Das Problem der Dunkelziffer

Die offiziellen Zahlen bilden nur die Spitze des Eisbergs ab. Lediglich 13% der Befragten gingen zur Polizei, um einen physischen Angriff oder sexualisierte Gewalt anzuzeigen (EU-Durchschnitt: 14%), zeigt der EU-LGBTI Survey der Grundrechteagentur. Die Gründe für das Schweigen sind vielfältig: Die Betroffenen stehen vielleicht unter Schock, schämen sich oder haben Angst. Manche leben vielleicht ungeoutet.

Besonders problematisch ist das Verhältnis zur Polizei selbst. 23% haben in den letzten fünf Jahren nach einer Gewalttat eine Anzeige vermieden aus Angst vor homo-/transfeindlicher Reaktion der Polizei. Der Dunkelfeld-Studie zufolge zeigten 96 Prozent der LSBTIQ* Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht an – sie hielten das Vergehen für „zu gering/nicht ernst genug" (33 Prozent) oder hatten Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen der Polizei (23 Prozent).

Supermärkte als Orte der Vulnerabilität

Der Angriff in Bremen zeigt ein besonderes Problem auf: Alltägliche Orte wie Supermärkte werden zu Schauplätzen homophober Gewalt. Während Sicherheitsdienste im Einzelhandel in Bremen hochwertige Dienstleistungen anbieten, von Brandwachen über professionelle Videoüberwachung bis zu Sicherheitspatrouillen und Kaufhausdetektiven, sind diese primär auf Diebstahlprävention und nicht auf den Schutz vor Hassverbrechen ausgerichtet.

Laut DSGVO dürfen Videoaufnahmen in der Regel nur 24 bis 72 Stunden gespeichert werden. Diese kurze Speicherfrist kann die Aufklärung von Hassverbrechen erschweren, besonders wenn Betroffene sich erst später trauen, Anzeige zu erstatten. Mit Videokameras und Security-Mitarbeitern versuchen Supermärkte für Sicherheit zu sorgen – besonders anspruchsvoll ist das in einem Markt, der rund um die Uhr geöffnet hat, wie ein Bericht aus Bremerhaven zeigt.

Die gesellschaftliche Dimension

Die Einstellungsforschung zeigt ein differenziertes Bild der deutschen Gesellschaft. 73 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass lesbische, schwule oder bisexuelle Menschen vor Diskriminierung geschützt werden sollten. Bei trans Personen stimmen sieben von zehn Befragten (70 Prozent) der Aussage zu. Gleichzeitig existieren weiterhin erhebliche Vorbehalte: 44 Prozent sind der Ansicht, Homosexuelle sollten aufhören, „so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen".

Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung bei jungen Menschen. Eine klare Mehrheit der Deutschen spricht sich gegen die Diskriminierung der queeren Community und für gleiche Rechte aus. Vor allem bei jungen Männern nehmen queerfeindliche Ansichten aber auch in Deutschland eher zu, wie aktuelle Studien zeigen.

Hilfe und UnterstĂĽtzung in Bremen

Für Betroffene queerfeindlicher Gewalt in Bremen gibt es verschiedene Anlaufstellen. Das Rat&Tat-Zentrum für queeres Leben bietet seit über 40 Jahren psychosoziale Beratung und Unterstützung. Die Einrichtung umfasst eine „Empowerment- und Antidiskriminierungsberatung für queere Geflüchtete, (Post-)Migrant*innen und BIPoC in Bremen".

Zusätzlich steht soliport – die Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt – unter der Telefonnummer 0421 17 83 12 12 zur Verfügung. Die AIDS-Hilfe Bremen bietet ebenfalls Beratung und Unterstützung, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung.

Was muss sich ändern?

Der Fall in Bremen ist ein Weckruf. Queerfeindliche Gewalt muss als solche klar benannt und gezielt verfolgt werden, fordert Bundesinnenministerin Faeser. Das bedeutet konkret: bessere Schulung von Sicherheitspersonal in Supermärkten und anderen öffentlichen Räumen, längere Speicherfristen für Videoaufnahmen bei Verdacht auf Hassverbrechen und vor allem ein gesellschaftliches Klima, in dem Betroffene sich trauen, Hilfe zu suchen.

Die Polizei hat inzwischen eine virtuelle Landkarte mit spezialisierten Ansprechstellen erstellt. Wir müssen mehr Bewusstsein, mehr Sensibilität und somit auch mehr Unterstützung für die Betroffenen schaffen – nicht nur in Bremen, sondern deutschlandweit.

Der Vorfall in der Obernstraße zeigt: Homophobe Gewalt kann überall passieren, auch beim alltäglichen Einkauf. Es liegt an uns allen, hinzuschauen, einzugreifen und Betroffene zu unterstützen. Nur so können wir sicherstellen, dass niemand Angst haben muss, Hand in Hand durch einen Supermarkt zu gehen.

Retour au blog