Nach Vandalismus in Leer: Warum Pride-Plakate immer häufiger zu Hasszielen werden

In der ostfriesischen Stadt Leer haben Unbekannte ein großes CSD-Transparent vor dem Zollhaus zerschnitten – ein Angriff auf die Sichtbarkeit queerer Menschen, der sich nahtlos in eine beunruhigende bundesweite Entwicklung einreiht. Die Zerstörung des Plakats zwischen dem 4. und 5. Juli zeigt exemplarisch, wie sich Hassverbrechen gegen die LGBTQ+-Community zunehmend auch gegen deren Symbole richten.

Deutlicher Anstieg queerfeindlicher Straftaten

Der Vorfall in Leer ist kein Einzelfall. Nach Angaben des Bundeskriminalamts wurden 2023 bereits 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ+ Personen registriert – ein alarmierender Anstieg von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahlen für 2024 zeigen eine weitere Verschärfung: 1.765 Fälle im Bereich „sexuelle Orientierung" und 1.152 Fälle im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität" bedeuten einen Anstieg von 18 beziehungsweise 35 Prozent.

Gezielte Angriffe auf CSD-Symbolik

Besonders während der Pride-Saison häufen sich Angriffe auf queere Sichtbarkeit. Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentierte für 2024 bereits 55 Fälle, in denen rechtsextreme Gruppen gezielt CSD-Demos störten, bedrohten und angriffen. Vandalismus an Pride-Plakaten ist dabei ein wiederkehrendes Muster:

Trotz Widerstand: Leer zeigt Flagge

Die Reaktion des Kulturzentrums Zollhaus auf den Vandalismus zeigt den Geist der queeren Community: „Das ist nur ein weiterer Grund, warum es immer noch wichtig ist, zu demonstrieren!", schrieb die Einrichtung auf Instagram. „Wir lassen uns nicht unterkriegen und werden weiter für Vielfalt, Akzeptanz, Anerkennung und gegen Gewalt und Queerfeindlichkeit einstehen. Jetzt erst recht!"

Das beschädigte Plakat wurde bereits repariert – ein symbolischer Akt des Widerstands gegen Hassverbrechen. Der CSD Leer findet am 12. Juli 2025 unter dem Motto „Nie wieder still! – Leer bleibt bunt!" statt, beginnend um 13 Uhr am Zollhaus auf dem Liesel-Aussen-Platz.

Hohes Dunkelfeld befĂĽrchtet

Expert*innen gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl queerfeindlicher Straftaten deutlich höher liegt. Viele Betroffene zeigen Taten nicht an – aus Angst vor homo- oder transphoben Reaktionen oder weil sie die Tat als nicht schwerwiegend genug erachten.

Die häufigsten Delikte sind laut BKA Beleidigung, Gewalttaten und Volksverhetzung. Sachbeschädigungen wie die in Leer fallen oft unter diese Kategorie der Hassverbrechen.

Politische Forderungen nach mehr Schutz

Angesichts der steigenden Zahlen fordern Politiker*innen und Organisationen verstärkten Schutz für queere Menschen. Der CSD München appelliert an die Politik, entschlossener gegen Hasskriminalität vorzugehen. Auch die Polizei Leer bittet um Hinweise zu dem Vorfall unter der Telefonnummer (0491) 97 69 00.

Die Zerstörung des Pride-Plakats in Leer mag wie ein kleiner Akt der Vandalismus erscheinen, doch sie steht symbolisch für einen größeren gesellschaftlichen Rückschritt. Umso wichtiger wird es, dass Städte wie Leer mit ihrem Motto „Nie wieder still!" deutlich machen: Queere Sichtbarkeit lässt sich nicht zum Schweigen bringen.

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