Britisches Gerichtsurteil führt zu Ausschluss von trans Frauen aus Beratungsangeboten für Gewaltopfer

Eine britische Beratungsorganisation für Überlebende sexueller Gewalt hat nach einem Urteil des britischen Supreme Court entschieden, trans Frauen von einem neuen spezialisierten Beratungsangebot auszuschließen. Die Entscheidung der Organisation Survivors' Network aus Sussex verdeutlicht die weitreichenden Folgen rechtlicher Definitionen für den Alltag von LGBTQ+ Menschen.

Rechtlicher Streit führt zu Kompromiss

Die Kontroverse entstand, als eine Klientin namens "Sarah Surviving" die Organisation 2022 verklagte, weil diese keine rein cisgender-weibliche Selbsthilfegruppe anbot. Sarah, die sowohl in der Kindheit als auch im Erwachsenenalter sexuelle Gewalt erlebt hatte, fühlte sich unwohl dabei, ihre Erfahrungen in Anwesenheit einer trans Frau zu besprechen. Ursprünglich verteidigte Survivors' Network noch die Teilnahme von trans Frauen an ihren Frauengruppen.

Nach dem Supreme Court-Urteil, das die rechtliche Definition einer Frau auf das biologische Geschlecht begrenzt, einigten sich beide Parteien außergerichtlich. Das Ergebnis: Ein zusätzliches Angebot ausschließlich für "biologische Frauen", während die bestehenden inklusiven Gruppen weiterhin allen Geschlechtern offenstehen.

Deutsche Parallelen: Auch hier komplexe Realitäten

Auch in Deutschland stehen Beratungsorganisationen vor ähnlichen Herausforderungen. Während der Bundesverband Trans kritisiert, dass einige Frauenhäuser ausschließlich cisgender Frauen aufnehmen, gibt es gleichzeitig Einrichtungen, die explizit LSBTIQ+ Menschen unterstützen. Die Frauenhauskoordinierung e.V. betont, dass die Entscheidung über Aufnahme und Unterstützung oft im Ermessen der jeweiligen Einrichtung liegt.

Eine besondere Brisanz erhält das Thema durch aktuelle Zahlen: Laut einer Studie der EU-Grundrechteagentur (FRA) haben 34 % der befragten trans Personen in den vergangenen fünf Jahren körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt. Trans Frauen sind somit überproportional von Gewalt betroffen - was den Ausschluss aus Schutzräumen besonders problematisch macht.

Zwischen Trauma und Inklusion

Die Entscheidung der Survivors' Network verdeutlicht ein Dilemma, das auch deutsche Organisationen beschäftigt: Wie können Beratungsangebote sowohl den Bedürfnissen traumatisierter cisgender Frauen als auch dem Inklusionsanspruch gegenüber trans Frauen gerecht werden?

Der gewählte Kompromiss - parallele Angebote statt Ausschluss - könnte als Modell dienen. Allerdings warnen Aktivist*innen vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Opferberatung. "Trans Frauen sind Frauen und haben das gleiche Recht auf Schutz und Unterstützung", betont der Bundesverband Trans.

Rechtliche Entwicklungen mit weitreichenden Folgen

Das britische Supreme Court-Urteil reiht sich ein in eine Serie von Entscheidungen, die trans Rechte einschränken. Ähnliche Entwicklungen sind auch in anderen Ländern zu beobachten. In Deutschland hingegen stärkt das Bundesverfassungsgericht tendenziell das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes und die Rechte von LGBTQ+ Menschen.

Dennoch zeigen die Erfahrungen aus Großbritannien, wie schnell sich die Situation ändern kann. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) garantiert zwar gleiche Rechte unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung, doch die praktische Umsetzung bleibt herausfordernd.

Auswirkungen auf die Community

Für die deutsche LGBTQ+ Community sind die Entwicklungen in Großbritannien ein Warnzeichen. Bereits jetzt zeigen Studien des LSVD, dass 19 % der befragten LSBTIQ+ Personen sich am Arbeitsplatz diskriminiert fühlen und 38 % aufgrund ihrer Identität Diskriminierung erfahren haben.

Die Entscheidung der Survivors' Network zeigt beispielhaft, wie sich gesellschaftliche und rechtliche Debatten direkt auf die Unterstützungsangebote für die verletzlichsten Mitglieder der Community auswirken können. Es bleibt zu hoffen, dass Deutschland einen inklusiveren Weg findet - einen Weg, der alle Gewaltopfer schützt, ohne dabei andere zu marginalisieren.

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