Alarmierender Anstieg: Über 50 Prozent mehr queerfeindliche Straftaten in Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein ist eine besorgniserregende Zunahme von HasskriminalitĂ€t gegen queere Menschen zu verzeichnen. Wie queer.de berichtet, hat sich die Zahl der Straftaten, die sich gegen die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche IdentitĂ€t richten, innerhalb eines Jahres um mehr als 50 Prozent erhöht. Das Innenministerium des nördlichsten Bundeslandes erfasste fĂŒr 2023 insgesamt 68 solcher Delikte, wĂ€hrend es im Jahr 2022 noch 44 waren.

Teil eines bundesweiten Problems

Diese beunruhigende Entwicklung in Schleswig-Holstein steht im Einklang mit einem bundesweiten Trend. Laut einem Lagebericht des Bundeskriminalamts (BKA) vom Dezember 2023 wurden im vergangenen Jahr insgesamt 17.007 FÀlle von HasskriminalitÀt in ganz Deutschland registriert. Besonders alarmierend: Mehr als jeder zehnte dieser FÀlle richtete sich gegen queere Menschen. Die Statistik des BKA zeigt zudem, dass sich die Zahl der Straftaten in den Bereichen "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene DiversitÀt" seit 2010 nahezu verzehnfacht hat.

VielfÀltige Delikte gegen queere Menschen

Die erfassten Straftaten in Schleswig-Holstein umfassen ein breites Spektrum an Delikten. Das Innenministerium nennt beispielsweise Beleidigungen und DiebstĂ€hle, aber auch Körperverletzungen. Diese Bandbreite verdeutlicht, dass queerfeindliche Gewalt unterschiedliche Formen annehmen kann – von verbalen Attacken bis hin zu physischen Übergriffen.

Experten gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus. Untersuchungen der Tagesschau zeigen, dass viele Betroffene aus Scham, Angst vor weiterer Diskriminierung oder aufgrund mangelnden Vertrauens in die Behörden keine Anzeige erstatten. Die tatsĂ€chliche Zahl queerfeindlicher VorfĂ€lle dĂŒrfte daher deutlich höher liegen als die offiziellen Statistiken vermuten lassen.

Ursachen fĂŒr den Anstieg

Die GrĂŒnde fĂŒr den Anstieg queerfeindlicher Straftaten sind vielschichtig. Zum einen lĂ€sst sich eine Zunahme von Hassrede in sozialen Medien beobachten, die reale Auswirkungen auf das Leben queerer Menschen hat. Zum anderen tragen politische Strömungen, die sich gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt positionieren, zu einem gesellschaftlichen Klima bei, in dem Diskriminierung und Gewalt gedeihen können.

"Wir sehen eine besorgniserregende Normalisierung queerfeindlicher Rhetorik in öffentlichen Debatten", erklĂ€rt Hanna Schmidt von der Beratungsstelle gegen Diskriminierung und Gewalt in Kiel. "Diese verbale Gewalt schafft den NĂ€hrboden fĂŒr tatsĂ€chliche Übergriffe auf queere Menschen."

Schutzmaßnahmen und UnterstĂŒtzungsangebote

Um dem Anstieg queerfeindlicher Gewalt entgegenzuwirken, sind verschiedene AnsĂ€tze notwendig. In Schleswig-Holstein gibt es bereits einige Initiativen, die Betroffene unterstĂŒtzen und prĂ€ventiv arbeiten. Dazu zĂ€hlen spezialisierte Ansprechpersonen bei der Polizei sowie Beratungsstellen wie HAKI e.V. in Kiel oder die Beratungsstelle Lambda Nord.

Auch auf Bundesebene gibt es BemĂŒhungen, den Schutz queerer Menschen zu verbessern. So werden Fortbildungen fĂŒr Polizei und Justiz angeboten, um fĂŒr queerfeindliche HasskriminalitĂ€t zu sensibilisieren. Zudem können Betroffene VorfĂ€lle bei Meldestellen wie dem LSVD-Projekt "Report Homophobia" dokumentieren lassen, selbst wenn sie keine Anzeige erstatten möchten.

Zivilgesellschaftliches Engagement ist gefragt

Angesichts der steigenden Zahlen queerfeindlicher Straftaten ist auch zivilgesellschaftliches Engagement von großer Bedeutung. "Wir alle können dazu beitragen, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem Diskriminierung und Gewalt keinen Platz haben", betont Lars Thiemann vom CSD Schleswig-Holstein. "Das beginnt im Alltag – beim Einschreiten, wenn wir queerfeindliche Äußerungen mitbekommen, und reicht bis hin zur UnterstĂŒtzung lokaler LGBTQ+-Organisationen."

Besonders wichtig ist laut Experten auch eine verstĂ€rkte AufklĂ€rungsarbeit an Schulen und in Jugendeinrichtungen. Nur durch frĂŒhzeitige Sensibilisierung fĂŒr Vielfalt kann langfristig ein respektvolles Miteinander gefördert werden.

Fazit: Wachsamkeit und SolidaritÀt

Die steigenden Zahlen queerfeindlicher Straftaten in Schleswig-Holstein und bundesweit sind ein deutliches Warnsignal. Sie erfordern entschlossenes Handeln von Politik, Behörden und Zivilgesellschaft. Gleichzeitig sind sie ein Aufruf an alle, SolidaritĂ€t mit queeren Menschen zu zeigen und fĂŒr eine Gesellschaft einzutreten, in der jeder Mensch unabhĂ€ngig von seiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen IdentitĂ€t in Sicherheit und WĂŒrde leben kann.

Betroffene von queerfeindlicher Gewalt finden UnterstĂŒtzung bei regionalen Beratungsstellen sowie ĂŒberregionalen Angeboten wie der Queer Advice Helpline (Tel: 0800 7237538) oder der Beratungsstelle des Bundesverbandes Trans*.

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