Die türkische Medienaufsicht RTÜK hat Strafen gegen mehrere Streaming-Dienste verhängt, die mit queeren Filmen gegen "Familienwerte" verstoßen würden. Diese Maßnahme reiht sich in eine besorgniserregende Entwicklung der zunehmenden Zensur und Unterdrückung der LGBTQ+-Community in der Türkei ein. Die vollständige Nachricht findet sich auf queer.de.
Das "Jahr der Familie" als Kampfansage an die Vielfalt
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat das Jahr 2025 zum "Jahr der Familie" erklärt. Die Kampagne zielt darauf ab, die Ehe zu fördern und die Geburtenrate in der Türkei zu erhöhen, die von durchschnittlich 2,1 im Jahr 2014 auf 1,51 im Jahr 2023 gesunken ist. Doch hinter dieser scheinbar harmlosen Familienförderung verbirgt sich eine aggressive Agenda gegen LGBTQ+-Menschen.
Erdoğan richtete seinen Zorn erneut gegen die LGBTIQ*-Community: "Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, unsere Kinder und Jugendlichen vor schädlichen Trends und perversen Ideologien zu schützen", sagte er. "Neoliberale kulturelle Trends überschreiten Grenzen und dringen in alle Ecken der Welt vor. Sie führen auch dazu, dass LGBT- und andere Bewegungen an Boden gewinnen."
Die nun zensierten Filme wie "All of Us Strangers", "Cobalt Blue" oder "Looking: The Movie" sind international anerkannte Produktionen, die auf kostenpflichtigen Plattformen für Erwachsene verfügbar waren. Der türkische Politiker Tuncay Keser von der Oppositionspartei CHP kritisierte die Absurdität, die Gesellschaft vor "fiktionalen Produktionen mit Altersfreigaben" schützen zu wollen.
Ein Blick nach Deutschland: Streaming als Raum der Vielfalt
Auf Streaming-Plattformen entfallen 87% der LGBTQ+-Inhalte, die dem Publikum zur Verfügung stehen. Auf Streaming-Plattformen hat das LGBTQ+-Publikum eine fast siebenmal größere Auswahl an inklusiven Inhalten (2.777 Titel) als im linearen Fernsehen. Diese Zahlen zeigen die besondere Bedeutung von Streaming-Diensten für die Sichtbarkeit queerer Geschichten.
Obwohl beim größten Streaming-Anbieter Netflix viele queere Figuren und LGBTQ+ inklusive Serien zu streamen sind, steht das leider nicht stellvertretend für die restliche Streaming-Welt. Während Netflix nach queer-inklusiven Meilensteinen wie Orange Is the New Black und Sense8 noch immer Vorreiter ist, sieht es anderswo mau aus.
In Deutschland selbst zeigt sich ein differenzierteres Bild. 2023 beinhalteten 760 der 15.000 im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Filme und Serien (4,9%) eine für die Handlung relevante LGBT-Figur. In den Jahren zuvor waren es 3,7% (2022) und 2,4% (2021). Trotzdem bleibt das deutsche Fernsehen im Vergleich zu Netflix (6,7%; mit Serien: 12,7%) und Amazon Prime (7,4%, mit Serien: 11,0%) das am wenigsten diverse Langfilm-Medium.
Der Fall Mabel Matiz: Wenn ein Liebeslied zur Straftat wird
Besonders erschreckend ist das Vorgehen gegen den populären Sänger Mabel Matiz. Das Familienministerium beantragt, seinen neuen Song "Perperisan" von Spotify, Youtube und Apple zu entfernen. Das Innenministerium leitete zudem strafrechtliche Ermittlungen ein, die mit einer Gefängnisstrafe zwischen sechs Monaten und zwei Jahren enden könnten.
Der 40-jährige Singer-Songwriter verteidigte sich mit dem Hinweis, dass sein Lied auf die Tradition der türkischen Volksliteratur zurückgreife und traditionelle türkische Volkslieder häufig sexuelle Anspielungen enthielten. "Ich möchte glauben, dass die öffentliche Ordnung und unser kollektives Wohlergehen nicht so fragil sind, dass sie durch ein bloßes Lied gestört werden können", schrieb er bei X.
Deutschland als Gegenmodell: Fortschritte trotz Herausforderungen
Deutschland hat sich im europäischen Regenbogen-Ranking deutlich verbessert und gehört nun zu den Top 10 in Europa. Die verbesserte Stellung Deutschlands ist auf erfolgreich umgesetzte Maßnahmen aus dem Aktionsplan "Queer leben" zurückzuführen.
Dennoch gibt es auch hierzulande Anlass zur Sorge. In den letzten Jahren erstarken europaweit rechtsextreme und antifeministische Bewegungen, die gut vernetzt auch in Deutschland gegen LSBTIQ* mobilisieren. So beobachtet der Verfassungsschutz, dass Rechtsextreme immer offener und aggressiver gegen LSBTIQ* agitieren. Sie wollen erkämpfte Fortschritte bei den Rechten, Sichtbarkeit und Freiheiten für LSBTIQ* zurücknehmen.
2024 wurden insgesamt im Unterthemenfeld "sexuelle Orientierung" 1.765 Straftaten (davon 253 Gewaltdelikte) und im Unterthemenfeld "geschlechtsbezogene Diversität" 1.152 Straftaten (davon 128 Gewaltdelikte) erfasst, also insgesamt 2.917. Diese Zahlen zeigen, dass auch Deutschland noch einen langen Weg vor sich hat.
Die Bedeutung kultureller Freiheit
Die Zensur queerer Inhalte in der Türkei ist mehr als nur ein Angriff auf die LGBTQ+-Community – sie ist ein Angriff auf die Kunstfreiheit und die kulturelle Vielfalt insgesamt. Die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung hat ihre Wurzeln in der islamischen Bewegung der Türkei. Die türkischen Offiziellen sind in den letzten Jahren verschärft gegen die weiterhin existente LGBTQ+-Community vorgegangen.
Die Entwicklungen in der Türkei sollten uns in Deutschland eine Mahnung sein, wachsam zu bleiben und die erkämpften Rechte und Freiheiten zu verteidigen. Eine klare Mehrheit der Deutschen spricht sich gegen die Diskriminierung der LGBTQIA+-Community und für gleiche Rechte aus. Vor allem bei jungen Männern nehmen queerfeindliche Ansichten aber auch in Deutschland eher zu.
Die Zensur von Filmen und Musik, die Verfolgung von Künstler*innen und die systematische Unterdrückung der LGBTQ+-Community in der Türkei zeigen, wie fragil Freiheitsrechte sein können. Es liegt an uns allen, für eine offene, vielfältige Gesellschaft einzustehen, in der alle Menschen ihre Identität frei leben können – sei es in der Türkei, in Deutschland oder anderswo auf der Welt.
