Trans-Schüler*innen in Schottland: Hunger und Durst aus Angst vor Schultoiletten

Eine alarmierende Meldung aus Schottland wirft ein Schlaglicht auf die realen Folgen rechtlicher Einschränkungen für transgender Jugendliche: Lehrkräfte berichten, dass trans Schüler*innen ihre Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme einschränken, um die Schultoiletten nicht benutzen zu müssen – aus Angst davor, geoutet zu werden. Diese beunruhigende Entwicklung steht in direktem Zusammenhang mit einer neuen Richtlinie der schottischen Regierung, die Ende September 2024 veröffentlicht wurde und die Toilettennutzung an Schulen neu regelt.

Neue Richtlinie: Geschlechtertrennung nach „biologischem Geschlecht"

Die neue Richtlinie von Holyrood, die am 29. September veröffentlicht wurde, fordert, dass alle Schulen in Schottland getrennte Einrichtungen – einschließlich Toiletten und Umkleideräumen – für Jungen und Mädchen haben müssen, die „auf der Grundlage des biologischen Geschlechts" basieren. In der Richtlinie wird „biologisches Geschlecht" als „bei der Geburt eingetragenes Geschlecht" definiert. Die Änderung erfolgte als Reaktion auf ein Urteil des britischen Supreme Court vom April 2025, das feststellte, dass die Begriffe „Mann", „Frau" und „Geschlecht" im Gleichstellungsgesetz 2010 sich auf das biologische Geschlecht beziehen.

Bildungsministerin Jenny Gilruth begründete die Aktualisierung damit, die schottische Trans-Richtlinie für Schulen mit der höchstrichterlichen Rechtsprechung in Einklang zu bringen. Gleichzeitig betonte sie: „Es ist unerlässlich, dass Schulen die Bedürfnisse von Transgender-Schüler*innen im Licht ihrer lokalen Umstände, des Schulkontexts und der Notwendigkeit, die Rechte aller in Einklang zu bringen, berücksichtigen".

Gewerkschaft kritisiert: Gesundheit der Jugendlichen in Gefahr

Die schottische Lehrergewerkschaft EIS (Educational Institute of Scotland), die mehr als 80 Prozent des Lehrpersonals vertritt, reagierte alarmiert. Die Gewerkschaft erklärte, dass die Richtlinie „nicht ausreicht, um Klarheit und Zusicherung zu geben, dass die Rechte von transgender und nicht-binären Schüler*innen im aktuellen rechtlichen Kontext bewahrt werden".

Besonders beunruhigend sind die Berichte aus der Praxis: Generalsekretärin Andrea Bradley berichtete, dass das EIS nach den Sommerferien von transgender Jugendlichen erfuhr, die ihre Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme einschränken, um nicht die Schultoiletten benutzen zu müssen und damit das Risiko zu vermeiden, geoutet zu werden. Die Gewerkschaft befürchtet, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen einen „Zustand der Außergewöhnlichkeit für transgender Schüler*innen schaffen könnten, der möglicherweise zu Isolation und einer vom Schulalltag der Mitschüler*innen abweichenden Bildungserfahrung führt".

Ein bekanntes Phänomen mit schweren Folgen

Das Problem ist nicht neu. Eine Studie aus dem Jahr 2021 mit über 12.000 transgender und nicht-binären Jugendlichen ergab, dass 49 Prozent manchmal öffentliche Toiletten meiden und 22 Prozent sie immer vermeiden. 67 Prozent berichteten, dass sie sich „zurückhalten", wenn sie die Toilette benutzen müssen, und 38 Prozent verzichten auf Essen oder Trinken, um die Nutzung dieser Einrichtungen zu vermeiden.

Die gesundheitlichen Konsequenzen sind erheblich: Medizinische Fachgesellschaften warnen, dass Schüler*innen, die die Toilette meiden, medizinische Folgen erleiden können, darunter wiederkehrende Harnwegsinfektionen und Verstopfung sowie möglicherweise schwerwiegendere gesundheitliche Komplikationen wie Hämaturie und chronische Nierenerkrankungen. Studien zeigen zudem, dass transgender und nicht-binäre Jugendliche, die Toilettendiskriminierung erleben, einem erhöhten Risiko für depressive Verstimmungen und Suizidalität ausgesetzt sind.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Im Gegensatz zu Schottland verfolgt Deutschland einen inklusiveren Ansatz. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stellt klar: „Im Hinblick auf alle Toiletten und Umkleideräume müssen Lernende Zugang zu den Einrichtungen haben, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechen". Rechtlich gesehen dürfen trans Mädchen die Mädchentoilette benutzen und trans Jungen die Jungentoilette – dies gilt auch für Umkleideräume.

Allerdings gibt es auch in Deutschland Diskussionen und unterschiedliche Praktiken. In Hamburg entschieden sich viele Schulen beim Bau neuer Gebäude für die Option von Unisex-Toiletten, während trotz der Erlaubnis von Unisex-Toiletten weiterhin getrennte Toiletten für das weibliche und männliche Geschlecht gestellt werden müssen, da diese gesetzlich vorgeschrieben sind.

Ein wichtiger Fortschritt ist das Selbstbestimmungsgesetz, das im November 2024 in Kraft trat. Das Gesetz erlaubt es transgender und nicht-binären Menschen, ihre rechtlichen Dokumente durch ein auf Selbstbestimmung basierendes Verwaltungsverfahren an ihre Geschlechtsidentität anzupassen. Dies erleichtert auch die Situation in Schulen, wo Schüler*innen das Recht haben, im Schulalltag mit Namen und Pronomen angesprochen zu werden, die nach ihrer Ansicht mit ihrer geschlechtlichen Identität korrespondieren – auch vor einer amtlichen Personenstandsänderung.

Ein Aufruf zur Sensibilität

Die Situation in Schottland macht deutlich, wie wichtig ein sensibler Umgang mit den Bedürfnissen von trans Jugendlichen ist. Die schottische Regierung selbst erkennt in ihrer Richtlinie an, dass manche junge Menschen, einschließlich transgender Jugendlicher, ihre Flüssigkeitsaufnahme einschränken könnten, weil sie sich mit der Toilettennutzung unwohl fühlen.

Trans Kinder und Jugendliche brauchen Unterstützung bei wichtigen Fragen: Welche Toilette und Umkleide benutzen sie? Wie wird ihr Coming-out in der Schulklasse begleitet? Die deutschen Bildungsgewerkschaften betonen, dass trans, inter und nicht-binäre Schüler*innen eine besonders vulnerable Gruppe innerhalb der Schulgemeinschaft sind und darauf angewiesen sind, von ihren Lehrkräften Unterstützung zu erfahren.

Die Berichte aus Schottland sollten uns mahnen: Wenn rechtliche Regelungen dazu führen, dass Jugendliche Hunger und Durst in Kauf nehmen, um Diskriminierung zu vermeiden, läuft etwas grundsätzlich falsch. Es geht hier nicht nur um Toiletten – es geht um Würde, Gesundheit und das Recht auf Bildung in einem sicheren Umfeld.

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