Shakespeare und die queere Liebe: Was neue Funde über den Dichter verraten

Ein kürzlich entdecktes Miniaturporträt wirft neues Licht auf die möglicherweise queere Identität William Shakespeares. Wie queer.de berichtet, haben die Kunsthistorikerinnen Elizabeth Goldring und Emma Rutherford ein bisher unbekanntes Gemälde vorgestellt, das vermutlich Henry Wriothesley zeigt – einen engen Freund und Förderer Shakespeares, der als möglicher "Fair Youth" in den berühmten Sonetten gilt.

Ein geheimnisvolles Porträt mit symbolischer Botschaft

Das Miniaturporträt aus dem späten 16. Jahrhundert zeigt einen auffallend androgyn wirkenden jungen Mann mit langen Locken und betont femininen Zügen. Henry Wriothesley, 3rd Earl of Southampton und William Herbert, 3rd Earl of Pembroke, sind beide populäre Kandidaten für die Identität des "Fair Youth", beide wurden in ihrer Jugend als gutaussehend beschrieben. Besonders bemerkenswert ist die Rückseite des Porträts: Ein rotes Herz wird von einem schwarzen Pik übermalt – möglicherweise ein Symbol für ein "gebrochenes Herz". Das Speer-Motiv könnte zudem auf Shakespeares Familienwappen verweisen.

Die Forscherinnen vermuten, dass das Porträt ein Geschenk des jungen Grafen an Shakespeare war, das dieser jedoch zurückgab – möglicherweise nach seiner Heirat mit Anne Hathaway. Diese Interpretation fügt sich in eine lange Reihe von Hinweisen auf Shakespeares mögliche Bisexualität ein.

Die Sonette als Liebesbeweis?

126 der Sonette scheinen Liebesgedichte an einen jungen Mann zu sein, bekannt als der "Fair Lord" oder "Fair Youth", und es gibt zahlreiche Passagen in den an den Fair Lord gerichteten Sonetten, die Verlangen nach einem jüngeren Mann ausdrücken. Der renommierte Shakespeareforscher Sir Stanley Wells erklärte 2020, dass der Dichter "ohne Zweifel" bisexuell gewesen sei wegen "der Sprache der Sexualität in einigen dieser Sonette, die mit Sicherheit an Männer gerichtet sind".

Interessanterweise war Shakespeare 34 Jahre lang mit Anne Hathaway verheiratet und hatte drei Kinder mit ihr. Wells betonte: "Seit den Achtzigerjahren ist es in Mode gekommen zu denken, dass Shakespeare schwul war. Aber er war verheiratet und hatte Kinder". Dies deutet auf eine mögliche Bisexualität hin, statt auf ausschließliche Homosexualität.

Shakespeares queere Charaktere und die historische Perspektive

Shakespeares Kultur und Gesellschaft machten tatsächlich viel mehr Raum für die Artikulation gleichgeschlechtlichen Verlangens, als wir vielleicht erwarten würden. Seine Werke sind durchzogen von homoerotischen Anspielungen und geschlechtsüberschreitenden Charakteren. Twelfth Night bietet Shakespeares komplexesten Ansatz zu den Themen Geschlecht und sexuelles Verlangen. Die Hauptfigur, eine junge Frau namens Viola, verkleidet sich als Mann namens "Cesario" – ihr gewählter Name kann als Referenz auf die angebliche Bisexualität von Julius Caesar gelesen werden.

Historiker sind der Ansicht, dass Menschen der frühen Neuzeit sich nicht als schwul oder hetero verstanden haben. Das weit verbreitete Teilen von Betten zwischen Personen gleichen Geschlechts, der hohe Wert gleichgeschlechtlicher Freundschaft und eine generell unprüde Haltung zu körperlichen Funktionen schufen ein Umfeld, in dem homosexuelle Handlungen, obwohl technisch illegal, praktisch unreportiert und unbestraft blieben. Missbilligung drohte natürlich, ebenso wie Feindseligkeit der Kirche, aber die üblichere Reaktion auf gleichgeschlechtliche Intimität war ein weltliches Schulterzucken, solange es nicht die starren Geschlechterrollen der Gesellschaft herausforderte.

Deutsche Parallelen: Queere Geschichte als Teil unserer Kultur

Die Debatte um Shakespeares Sexualität findet auch in Deutschland ihre Entsprechung. In der deutschen Geschichtsschreibung kommen queere Aspekte nach wie vor allenfalls am Rande vor. Und das ist ein Problem, weil man deutsche Geschichte in ihrer vollen Komplexität nur begreifen kann, wenn man sie auch aus queerer Perspektive betrachtet.

Besonders interessant ist die historische Parallele zu Deutschland: Während der Karolingischen Renaissance gab es einige Werke vielschichtiger homoerotischer Dichtung. Der Abt Alkuin von York schrieb Liebesgedichte an andere Mönche. Es gibt kein karolingisches Gesetz, das die gleichgeschlechtliche Sexualität unter Strafe stellt. Dies zeigt, dass queere Liebe schon immer Teil der europäischen Kulturgeschichte war – lange bevor moderne Begriffe wie "schwul" oder "bisexuell" existierten.

Die deutsche LGBTQ+-Geschichte hat eine lange und komplexe Tradition. Die Geschichte der queeren Community ist – mit Blick auf das vergangene Jahrhundert – sicherlich nicht die leichteste. Sie lässt nicht immer daran glauben, dass es gut wird oder besser, aber wir wissen: Es gibt uns. Es ist erstaunlich, wie Queers gegen alle Widrigkeiten für sich einstehen. Genauso erstaunlich ist es, dass eine Gesellschaft, die Jahrhunderte der Unterdrückung beerbt und queere Geschichte verdrängt, denkt, dass Liebe gleich Liebe wäre.

Die Bedeutung für heute

Die möglicherweise queere Identität Shakespeares hat bereits konkrete Auswirkungen in queerfeindlichen Regionen der Welt. In Florida wurde aufgrund des "Don't say gay"-Gesetzes der Zugang zu Shakespeares Werken in Schulen eingeschränkt. Im Schulbezirk Hillsborough County, der auch die Großstadt Tampa umfasst, dürfen deshalb fortan keine kompletten Werke von William Shakespeare mehr an Schulen gelesen werden. Lediglich Auszüge seien erlaubt. Künftig sei es nur noch erlaubt, bestimmte Auszüge aus Shakespeare-Stücken wie "Ein Sommernachtstraum" oder "Romeo und Julia" im Unterricht zu lesen.

Will Tosh argumentiert, dass Shakespeare "künstlerisch besessen von queerem Verlangen war und seine Stücke und Gedichte mit einer homoerotischen Dynamik durchzog, die eindeutig ein befriedigendes Publikum fand." Diese Erkenntnis macht Shakespeare nicht nur zu einem der größten Dichter der Weltliteratur, sondern auch zu einem wichtigen Teil der queeren Kulturgeschichte.

Die neue Entdeckung des Miniaturporträts fügt sich in ein größeres Bild ein: Shakespeare war ein Mensch seiner Zeit, aber auch ein Künstler, der die Grenzen der Liebe und des Begehrens in all ihren Formen erforschte. Shakespeares Sonette transzendieren die Grenzen von Unterteilungen menschlicher Erfahrung, um die wahre Essenz menschlicher Liebe einzufangen. Seine Werke sprechen auch heute noch zu uns – unabhängig davon, wie wir lieben oder wen wir lieben.

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