Ein neues Interview mit Papst Leo XVI. macht deutlich: Der seit vier Monaten amtierende Pontifex will bei den drängenden Fragen zu LGBTQ-Rechten, Frauenämtern und dem Missbrauchsskandal keine grundlegenden Reformen vorantreiben. Dabei hatten einige LGBTQ-Seelsorger wie der bekannte US-Jesuit James Martin nach einem Treffen mit dem neuen Papst noch von einer offenen Haltung gegenüber queeren Katholiken berichtet. Doch das nun veröffentlichte Interview zeigt ein anderes Bild.
Keine Lehränderungen in Sicht
„Wir müssen unsere Einstellungen ändern, bevor wir überhaupt daran denken können, die Haltung der Kirche zu einer bestimmten Frage zu ändern", wird Leo XVI. in dem Buch „Papst Leo XIV: Weltbürger, Missionar des 21. Jahrhunderts" zitiert. Es sei „höchst unwahrscheinlich, zumindest in naher Zukunft", dass sich die Kirchenlehre zu Sexualität oder Ehe ändern werde. Der Papst betonte seine Unterstützung für die „traditionelle Familie", die aus „Vater, Mutter und Kindern" bestehe.
Diese Aussagen stehen in deutlichem Kontrast zu den Erwartungen, die Martin nach seiner Audienz mit dem Papst geäußert hatte: „Ich habe die gleiche Botschaft von Papst Leo gehört, die ich von Papst Franziskus gehört habe, nämlich den Wunsch, alle Menschen willkommen zu heißen, auch LGBTQ-Angehörige". Über 1.000 queere Katholiken aus rund 30 Ländern waren im September erstmals offiziell zum Heiligen Jahr nach Rom gepilgert.
Warnung vor Polarisierung
Leo XVI. distanziert sich bewusst von seinem Vorgänger Franziskus, der trotz aller Widersprüchlichkeiten zumindest symbolische Öffnungen wagte. Franziskus hatte mehr als jeder seiner Vorgänger versucht, die katholische Kirche für LGBTQ+-Angehörige zugänglich zu machen und beispielsweise Priestern die Erlaubnis erteilt, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. Leo hingegen warnt davor, „die Polarisierung in der Kirche weiter zu verstärken" und kritisiert kirchliche Gruppen in Nordeuropa, die bei Segnungen über die Vatikan-Richtlinien hinausgingen.
Besonders enttäuschend für deutsche Reformkatholiken: Der Papst nimmt explizit Bezug auf den Synodalen Weg, der seit 2019 in Deutschland um Reformen ringt. Die Beteiligten hatten sich bewusst mit den vier brisanten Themen Macht und Machtteilung, Priesterbild, Sexualmoral und Stellung der Frauen in der Kirche befasst. Während diese erste Arbeitsetappe im März 2023 endete, geht es jetzt um die Umsetzung der als notwendig erkannten Reformschritte, die in Deutschland zu einer synodaleren Kirche führen sollen.
Deutsche Kirche zwischen Hoffnung und ErnĂĽchterung
Die Reaktionen in Deutschland zeigen die tiefe Spaltung: Die Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft" wurde von der Gemeinsamen Konferenz aus Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken erarbeitet. Katholische Segensfeiern für Homosexuelle sind möglich, aber nicht überall – der Wohnort entscheidet über den Segen der Kirche. Während Bistümer wie Mainz, Speyer und Würzburg Segensfeiern befürworten, lehnt das Erzbistum Köln die Handreichung ab und verweist auf römische Vorgaben.
Queere Katholiken fordern von der Kirche ein offizielles liturgisches Format zur Segnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. „Wir würden es gerne mit unserer Gemeinde, mit unserer Familie und unserem Freundeskreis in einer eigenen Feier begehen", sagt Rainer Teuber vom Essener Dom. Die Initiative #OutInChurch, bei der sich über 125 kirchliche Mitarbeitende als queer geoutet haben, kämpft weiter für ein Ende der institutionellen Diskriminierung.
Missbrauchsaufarbeitung wird zur Nebensache
Besonders alarmierend ist Leos Haltung zum Missbrauchsskandal. Der sexualisierte Missbrauch von Kindern durch Priester sei zwar eine „echte Krise", solle während seines Pontifikats aber „nicht zum zentralen Thema der Kirche werden". Beschuldigte sollten bis zum Nachweis ihrer Schuld „geschützt" werden. Diese Aussagen stehen in krassem Gegensatz zu den Forderungen von Betroffenenverbänden und Reformgruppen, die eine schonungslose Aufarbeitung verlangen.
„Deshalb braucht es jetzt alle Aufmerksamkeit und Anstrengung, um die von Papst Franziskus propagierte Synodalität wirklich zu verankern. Die problematischen kirchlichen Strukturen, die zu Missbrauch und Vertrauensverlust geführt haben, müssen dauerhaft korrigiert werden", fordern katholische Reformgruppen.
Ein Papst gegen den Zeitgeist
Als er noch Bischof in Peru war, hatte Leo XVI. die „westlichen Massenmedien" beschuldigt, „Sympathie für Überzeugungen und Praktiken zu wecken, die im Widerspruch zum Evangelium stehen – beispielsweise Abtreibung, homosexueller Lebensstil, Euthanasie". 2012 beklagte er als Generalprior des Augustinerordens, dass westliche Medien „den homosexuellen Lebensstil" und „alternative Familien, bestehend aus gleichgeschlechtlichen Partnern und ihren Adoptivkindern" förderten.
Mit diesen Positionen sendet Leo XVI. ein fatales Signal an queere Katholiken weltweit. Während Länder wie Deutschland mühsam um Reformen ringen und Theologen betonen, dass Menschen mit ihrer Identität in keinem Land der Welt von der katholischen Kirche diskriminiert werden sollten, scheint der neue Papst den Kurs zurückdrehen zu wollen.
Die deutschen Katholiken stehen nun vor einer schwierigen Entscheidung: Setzen sie ihren Reformweg trotz päpstlichem Gegenwind fort? Der Synodale Ausschuss arbeitet weiter an dauerhafter Mitbestimmung durch einen Synodalen Rat – es geht um die Rolle von Frauen und die Zukunft des Priesteramts, um die kirchliche Sexuallehre, um Machtstrukturen. Doch ohne Rückendeckung aus Rom drohen alle Reformbemühungen zu verpuffen. Für queere Gläubige bleibt die bittere Erkenntnis: Der erhoffte Wandel unter einem neuen Papst bleibt vorerst aus.
