Gewalt nach dem CSD: 14-Jähriger in Görlitz angegriffen – Polizei prüft Zusammenhang

Nach dem vierten Christopher Street Day in Görlitz am vergangenen Samstag wurde ein 14-Jähriger von Unbekannten attackiert und verletzt. Der Vorfall ereignete sich, nachdem die Pride-Veranstaltung bereits beendet war. Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung und prüft einen möglichen Zusammenhang mit dem CSD.

Angriff im Schatten der Pride-Feier

An einer Gegendemonstration rechtsextremer Gruppen hatten sich nach Polizeiangaben etwa 130 Menschen beteiligt, während mehr als 700 Menschen an dem CSD-Aufzug teilnahmen. Der 14-Jährige wurde nach dem Angriff leicht verletzt in einem Rettungswagen behandelt. Ob das Opfer und die Täter an den Versammlungen teilgenommen hatten, ist derzeit Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

Der Vorfall reiht sich in eine besorgniserregende Serie von Übergriffen ein. Nur wenige Stunden nach dem Görlitzer Christopher Street Day kam es am vergangenen Samstagabend zu einem Angriff auf ein Mitglied der Linksjugend ['solid] Görlitz. Die betroffene Person wurde im Stadtgebiet von mehreren mutmaßlich rechten Tätern angegriffen und dabei verletzt. Mindestens der unvermummte Täter war Augenzeugenberichten zufolge zuvor auf der Gegendemonstration gegen den CSD gewesen.

Rechtsextreme Mobilisierung erreicht neuen Höhepunkt

Der CSD in Görlitz fand unter massivem Polizeischutz statt. In den sozialen Netzwerken hatten deutsche und polnische Neonazis gemeinsam zu der Gegenveranstaltung aufgerufen. Besonders beunruhigend: Ein mutmaßliches Mitglied der Elblandrevolte verübte im Mai einen Angriff auf den SPD-Europaabgeordneten Matthias Ecke, der dabei schwer verletzt wurde.

Im Jahr 2024 dokumentierte die Stiftung insgesamt 55 gezielte Störungen, Bedrohungen und Angriffe auf CSDs – so viele wie nie zuvor, berichtet die Amadeu Antonio Stiftung. Die Situation in Sachsen ist besonders dramatisch: Rund zwölfmal mehr Straftaten und Ordnungswidrigkeiten wurden festgestellt, 245 im Jahr 2024 im Vergleich zu 22 im Jahr 2023.

Parallelen zu Deutschland: Ein bundesweites Problem

Die Situation in Görlitz spiegelt eine bedrohliche Entwicklung wider, die ganz Deutschland betrifft. Zwischen Juni und September 2024 verzeichnete CeMAS deutschlandweit in 27 Städten rechtsextreme Mobilisierungen gegen CSD-Veranstaltungen. Dabei kam es zu Einschüchterungen, Schikanen und Gewalt. Auch in anderen deutschen Städten wie Bautzen, Leipzig und Zwickau kam es zu massiven rechtsextremen Gegendemonstrationen.

In zwölf von 16 Bundesländern wurden insgesamt 3.453 rechts, rassistisch und antisemitisch motivierte Angriffe registriert und damit ein massiven Anstieg um ein Viertel im Vergleich zum Vorjahr, dokumentieren die Opferberatungsstellen. 63 Angriffe (+91%) richteten sich gegen politische Gegner*innen, 44 gegen Nichtrechte (+52%), 25 gegen Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung/geschlechtlichen Identität (+25%) allein in Sachsen.

Trotz Bedrohungen: Queere Sichtbarkeit wächst

Trotz der massiven Bedrohungslage zeigt die queere Community bemerkenswerte Resilienz. Über 200 Kundgebungen haben bundesweit stattgefunden, die meisten davon in kleinen und mittelgroßen Städten, strukturschwachen und ländlichen Regionen. Nie zuvor hat es mehr Kundgebungen für queere Sichtbarkeit gegeben.

Der CSD in Görlitz und Zgorzelec ist ein besonderer CSD. Damit ist der CSD der einzige grenzüberschreitende von in diesem Jahr vierzehn stattfindenden Veranstaltungen in Sachsen. Die Veranstaltung steht symbolisch für den mutigen Einsatz von Aktivist*innen, die sich trotz rechtsextremer Bedrohungen für queere Rechte einsetzen.

Dunkelziffer bleibt hoch

Expert*innen warnen, dass die offiziellen Zahlen nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Beinahe jede zweite queere Person in Sachsen hat seit 2017 Übergriffe erfahren, davon haben nur 7 Prozent mindestens einen Vorfall bei der Polizei oder Staatsanwaltschaft gemeldet. Der Mangel an Vertrauen in die Polizei und die Sorge vor weiterer Diskriminierung führen dazu, dass viele Straftaten nicht zur Anzeige gebracht werden.

Die Kriminalpolizei Görlitz hat die Ermittlungen aufgenommen und bittet um Hinweise aus der Bevölkerung. Ob der Angriff auf den 14-Jährigen tatsächlich im Zusammenhang mit dem CSD steht, wird derzeit geprüft. Der Fall zeigt einmal mehr, wie wichtig konsequente Strafverfolgung und der Schutz queerer Menschen in Deutschland sind.

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