Die tragische Erschießung des konservativen Aktivisten Charlie Kirk an der Utah Valley University hat eine neue Welle der Desinformation und Hetze gegen trans Menschen ausgelöst. Besonders erschreckend sind die unbelegten Behauptungen, die Fox News-Moderatorin Rachel Campos-Duffy in der Sendung "Fox & Friends" am Sonntag aufstellte.
Gefährliche Verschwörungstheorien ohne Grundlage
Charlie Kirk, Gründer von Turning Point USA und bekannt für seine Waffenrechts-Befürwortung und Anti-LGBTQ+ Überzeugungen, wurde am Mittwoch (10. September) während einer Debatte an der Utah Valley University in Orem erschossen und starb später im Krankenhaus. Nach einer groß angelegten Fahndung wurde der 22-jährige Tyler Robinson zwei Tage später festgenommen, nachdem er sich angeblich seinem Vater gestanden hatte.
In der Fox News-Diskussion spekulierte Campos-Duffy zusammen mit den Moderatoren Lawrence B. Jones und Kevin Corke über einen angeblichen Zusammenhang zwischen geschlechtsangleichenden Behandlungen und Gewalt. Ohne jegliche wissenschaftliche Basis fragte Campos-Duffy: "Oder vielleicht sogar einige der Medikamente, die sie nehmen, um zu transitionieren. Was machen diese Medikamente mit ihrem Körper, ihrem Verstand?" Corke stimmte zu und forderte, man solle "medizinisch gesprochen" untersuchen, ob es einen Zusammenhang gebe.
Die Fakten sprechen eine andere Sprache
Die von Konservativen verbreitete Verschwörungstheorie, dass trans Menschen - die etwa 0,6 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen - häufiger Gewalttaten begehen, wurde bereits mehrfach widerlegt. Daten der Violence Project-Datenbank, die Details von über 190 Massenerschießungen in den USA seit 1966 zusammengetragen hat, zeigen, dass cis Männer für 97 Prozent der Verbrechen verantwortlich waren.
Die Gun Violence Archive-Daten zeigen deutlich: Während trans Menschen statistisch gesehen mindestens 16 Massenerschießungen seit 2018 hätten begehen müssen, gibt es laut Washington Post-Recherchen nur drei mögliche Fälle, die von Konservativen zitiert werden.
Komplexer Fall wird instrumentalisiert
Die Ermittler untersuchen, ob Tyler Robinson glaubte, Kirks Ansichten zur Geschlechtsidentität seien "hasserfüllt" gegenüber Menschen wie Robinsons transgender Mitbewohner gewesen. Sechs mit dem Fall vertraute Quellen berichten, dass Robinson eine romantische Beziehung zu seinem Mitbewohner hatte. Utah Gouverneur Spencer Cox bestätigte am Sonntag, dass Robinson mit einem romantischen Partner lebte, der sich in einer Geschlechtstransition befand.
Der Mitbewohner war "entsetzt" über die Tat und teilte den Ermittlern elektronische Nachrichten von Robinson mit. "Das ist passiert? Oh mein Gott, nein", sagte der Mitbewohner laut einer Quelle und übergab alle Nachrichten an die Behörden.
Deutsche Perspektive: Selbstbestimmung statt Pathologisierung
Während in den USA trans Menschen zunehmend dämonisiert werden, geht Deutschland einen anderen Weg. Am 12. April 2024 verabschiedete der Bundestag ein wegweisendes Selbstbestimmungsgesetz, das trans und nicht-binären Menschen erlaubt, ihre rechtlichen Dokumente durch ein auf Selbstbestimmung basierendes Verwaltungsverfahren anzupassen. Das Gesetz trat im August 2024 in Kraft.
Das neue Gesetz vereinfacht es für transgeschlechtliche, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen erheblich, ihren Geschlechtseintrag im Personenstandsregister und ihre Vornamen ändern zu lassen. Eine Änderung erfolgt durch eine persönliche "Erklärung mit Eigenversicherung" gegenüber dem Standesamt, wobei drei Monate vorher die Änderung angemeldet werden muss.
Besonders wichtig: Studien zeigen, dass trans Jugendliche, die Zugang zu pubertätsunterdrückenden und geschlechtsangleichenden Hormonbehandlungen erhielten, sich als junge Erwachsene im Hinblick auf psychische Auffälligkeiten nicht vom Durchschnitt der Normbevölkerung unterscheiden. Eine hormonelle geschlechtsangleichende Behandlung im Alter von 14-17 Jahren kann im Vergleich zu einer Behandlung im Erwachsenenalter sogar das Risiko von Suizidgedanken vermindern.
Gefährliche Rhetorik mit tödlichen Folgen
Die unbegründeten Spekulationen von Fox News über angebliche Zusammenhänge zwischen Hormonbehandlungen und Gewalt sind nicht nur wissenschaftlich unhaltbar, sondern auch gefährlich. Sie schüren Hass gegen eine bereits marginalisierte Gruppe und lenken von den eigentlichen Ursachen von Gewalt ab.
In Deutschland registrierte die Polizei im vergangenen Jahr über 1.400 Hassverbrechen gegen LGBT-Menschen. In den letzten Jahren gab es mehrere Angriffe auf Pride-Veranstaltungen, von denen einer im Jahr 2022 zum gewaltsamen Tod eines Trans-Mannes führte.
Die Instrumentalisierung einer Tragödie zur Verbreitung von Transphobie ist nicht nur journalistisch unverantwortlich, sondern trägt zu einem Klima bei, in dem Gewalt gegen trans Menschen normalisiert wird. Statt Verschwörungstheorien zu verbreiten, sollten Medien evidenzbasiert berichten und zur Deeskalation beitragen.
Die deutsche Gesetzgebung zeigt, dass ein respektvoller und menschenrechtsbasierter Umgang mit trans Menschen möglich ist. Es ist Zeit, dass auch internationale Medien ihrer Verantwortung gerecht werden und aufhören, vulnerable Minderheiten für politische Zwecke zu dämonisieren.
