Die EU-Agentur für Grundrechte (FRA) schlägt Alarm: Intergeschlechtliche Menschen in Europa sind zunehmend Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt. Der am Mittwoch veröffentlichte Bericht der Wiener Behörde basiert auf einer umfassenden Online-Umfrage unter 1.920 intergeschlechtlichen Menschen aus 27 EU-Staaten und drei Westbalkanländern. Die Ergebnisse sind erschütternd und werfen ein grelles Licht auf die Lebensrealität einer oft übersehenen Minderheit – auch hier in Deutschland.
Jede dritte Person von Gewalt betroffen
Die Ergebnisse lassen erkennen, dass LSBTIQ-Personen mehr Gewalt, Belästigung und Mobbing ausgesetzt sind als zuvor. Besonders alarmierend: Eine von fünf Transgender- bzw. intersexuellen Personen hat körperliche oder sexuelle Übergriffe erfahren – das sind doppelt so viele wie in anderen LGBTI-Gruppen. Dies stellt einen dramatischen Anstieg im Vergleich zur vorherigen Umfrage aus dem Jahr 2019 dar.
FRA-Direktorin Sirpa Rautio findet deutliche Worte: "Intersexuelle Menschen in der EU sind in alarmierendem Ausmaß von Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt betroffen." Die Behörde fordert dringende Maßnahmen zum Schutz dieser vulnerablen Gruppe.
Politischer Diskurs befeuert Hass
Knapp 70 Prozent der Befragten machen die negative Haltung von Politiker*innen und politischen Parteien für den Anstieg der Gewalt verantwortlich. Die FRA prangert ein "Klima zunehmender oder anhaltender Intoleranz" an und warnt vor Hasskampagnen in sozialen Medien und im öffentlichen Raum, die Falschinformationen verbreiten und Hass schüren.
Diese Entwicklung spiegelt sich auch in deutschen Statistiken wider: Im Jahr 2023 wurden in Deutschland rund 1.500 Delikte gegen die sexuelle Orientierung polizeilich erfasst. Damit stieg ihre Zahl das sechste Jahr in Folge und auf einen deutlichen Höchststand. Davon richteten sich 1.785 Straftaten gegen LSBTIQ* Personen. Zu den häufigsten gegen LSBTIQ* gerichteten Straftaten gehörten im Jahr 2023 Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Bei den Gewalttaten wurden 212 Opfer festgestellt.
Besondere Herausforderungen in Deutschland
In Deutschland leben laut Schätzungen des Deutschen Ethikrats 80.000 intergeschlechtliche Personen, wobei die Free & Equal Initiative der Vereinten Nationen von einem Bevölkerungsanteil zwischen 0,05 % bis 1,7 % ausgeht. Die tatsächliche Zahl der Menschen, die den Geschlechtseintrag "divers" nutzen, ist jedoch verschwindend gering: Die Zensus-Daten zeigen, dass deutschlandweit 2022 nur 969 eingetragen diverse Menschen lebten und 1.259 ohne Angabe zum Geschlecht.
Inter* Personen sind Diskriminierungen in allen Lebensbereichen ausgesetzt. Besonders problematisch ist die medizinische Versorgung: Obwohl operierte intergeschlechtliche Personen ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an Gonadenkrebs zu erkranken, werden entsprechende Vorsorgeuntersuchungen nur selten oder erst ab einem bestimmen Lebensjahr von der Krankenkasse bezahlt. Inter* Personen fallen häufig durch das Raster, da Krankenkassen bestimmte Leistungen nur für Personen übernehmen, die als „weiblich" oder „männlich" gemeldet sind.
Psychische Belastungen und Suizidgefahr
Der neue FRA-Bericht zeigt, dass intergeschlechtliche Menschen überproportional unter psychischen Problemen leiden. Viele denken an Suizid – eine erschreckende Konsequenz der anhaltenden Diskriminierung und Gewalt. Jede dritte befragte Person kommt finanziell nur mit Mühe über die Runden. Bei intersexuellen und Transgender-Personen, für die die Situation noch prekärer ist, ist dies sogar jede zweite.
Besonders dramatisch ist die Situation an Schulen: 77 % der intergeschlechtlichen Befragten wurden während ihrer Schulzeit von Mitschüler*innen und 21 % von Lehrkräften oder anderem Schulpersonal beleidigt, bedroht oder lächerlich gemacht. 61 % der intergeschlechtlichen Befragten geben an, dass an ihrer Schule nie LSBTIQ*-Themen adressiert worden sind.
Fortschritte beim Schutz von Kindern – mit Lücken
Ein wichtiger Fortschritt wurde in Deutschland mit dem "Gesetz zum Schutz von Kindern mit Varianten der Geschlechtsentwicklung" erreicht, das am 25. März 2021 verabschiedet wurde. Operative Eingriffe an den Geschlechtsmerkmalen, die nicht rein kosmetisch sind, dürfen nur vorgenommen werden, wenn sie nicht bis zur selbstbestimmten Entscheidung des Kindes aufgeschoben werden können.
Kritiker*innen bemängeln jedoch, dass das Gesetz Lücken aufweist: Das Gesetz sieht keine Maßnahmen vor, die eine Umgehung des Verbots verhindern und eine effektive Strafverfolgung ermöglichen. Jahr für Jahr werden an die 2.000 „feminisierende" oder „maskulinisierende" Operationen allein an Kindern unter zehn Jahren durchgeführt, obwohl bestehende medizinische Leitlinien von diesen Eingriffen abraten.
Hoffnung durch Sichtbarkeit und Vernetzung
Trotz der alarmierenden Zahlen gibt es auch positive Entwicklungen. Mehr LSBTIQ-Personen in Europa gehen nun offen mit ihrer Identität um. Die gestiegenen Fallzahlen bei der Polizei bedeuten auch, dass mehr Betroffene den Mut fassen, Straftaten anzuzeigen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser betont: "Mehr Sensibilität für diese Taten erhöht auch die Bereitschaft, sich an die Polizei zu wenden und Schutz zu suchen".
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bietet kostenlose juristische Erstberatung für Betroffene an. Organisationen wie Intersexuelle Menschen e.V. und TransInterQueer e.V. leisten wichtige Aufklärungsarbeit und bieten Unterstützung für intergeschlechtliche Menschen und ihre Angehörigen.
Forderungen für die Zukunft
Die EU-Grundrechteagentur fordert dringende Maßnahmen zum Schutz intergeschlechtlicher Menschen. Dazu gehören:
- Besserer Schutz vor Hasskriminalität und konsequente Strafverfolgung
- Verbot aller medizinischen Eingriffe ohne Zustimmung der Betroffenen
- Sensibilisierung von Polizei und Justiz für die Belange intergeschlechtlicher Menschen
- Aufklärung in Schulen und öffentlichen Institutionen
- Verbesserter Zugang zu diskriminierungsfreier Gesundheitsversorgung
Der neue FRA-Bericht macht deutlich: Intergeschlechtliche Menschen in Europa – und auch in Deutschland – brauchen dringend mehr Schutz und Unterstützung. Die steigenden Gewaltzahlen sind ein Alarmsignal, das nicht überhört werden darf. Es ist Zeit für entschlossenes politisches Handeln und gesellschaftliche Solidarität, um die Menschenrechte aller zu schützen – unabhängig von ihrer geschlechtlichen Identität.
